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Philippe Müller: Ärger sofort bewältigen

Vier Jahre Vorbereitung und dann das: ein einziger Fehler und man fällt vom Turngerät. Dieses Szenario gibt es bei den Olympischen Spielen im Kunstturnen immer wieder zu sehen. Verblüffend sind oft die Reaktionen, die darauf folgen. Während in anderen Sportarten dem Ärger freien Lauf gelassen wird – z.B im Tennis beim Zerschmettern des Schlägers – verziehen die Turnerinnen und Turner meist kaum eine Miene. Welche Bewältigungsstrategien sind in diesem Fall angebracht, um zurück aufs Gerät zu steigen und den Wettkampf zu beenden?

Zum Thema: Wie kann Ärger bewältigt werden?

Welche Strategie der Ärgerbewältigung ist nun besser – die aufbrausende nach aussen oder die stille nach innen gerichtete? Die Form der Ärgerbewältigung, bei der den Emotionen freien Lauf gelassen wird, wird auch als Anger out bezeichnet. Diese Form des Ausdrucks kann kurzfristig helfen, den Ärger zu bewältigen, wird in gewissen Situationen aber auch von den Schiedsrichter sanktioniert und mit einer Strafe belegt. Deshalb ist diese Form in vielen Sportarten eher schädlich als förderlich. Wird der Ärger nicht nach aussen getragen, dann wird auch vom Anger in gesprochen. Obwohl bei dem in-sich-hineinfressen nach aussen nichts sichtbar wird, heisst dies keinesfalls, dass der Ärger erfolgreich bewältigt wurde. Es kann im Innern weiter brodeln. Die Gedanken drehen sich um die ärgerauslösende Situation. Die Folgen sind weitere Fehler.

Weder die eine noch die andere Bewältigungsstrategie ist längerfristig zielführend. Der richtige Umgang mit Ärger – Anger control – ist deshalb erstrebenswert und kann erlernt werden.

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Weitere Informationen

Ein Ärgerbewältigungstraining zielt darauf ab, ärgerauslösende Situationen zu identifizieren, die Ärgerreaktionen zu kontrollieren und somit die Stresstoleranz zu erhöhen. Drei grundlegende Phasen werden bei einem Training durchlaufen.

Informationsphase

Im ersten Schritt geht es um die Aufklärung der Mechanismen. Die Informationsphase dient dazu, das Entstehen und Erleben von ärgerauslösenden Situationen bewusst zu machen und Methoden zur Bewältigung zu erklären. Die ärgerlichen Situationen können dabei sehr vielseitig sein. Sei es etwas Offensichtliches, wie zum Beispiel ein Fehler, welcher zu einem Sturz führt. Aber auch subtilere Umstände können, je nach Stresstoleranz der Athletin oder des Athleten, zu Ärger führen. Sei es ein dummer Kommentar des Gegners, das lange Warten, weil sich die Punkterichter nicht einig sind oder eine strittige Entscheidung zur eigenen Ungunst.

Übungsphase

Wurden die stressauslösenden Situationen identifiziert, geht es im zweiten Schritt, der Übungsphase, um das Erlernen alternativer Ärgerbewältigungsstrategien. Ein adäquates Mittel ist dabei, mit Selbstanweisungen zu arbeiten. Dazu können sich ärgerauslösende Situationen vorgestellt oder per Video vorgespielt werden. Anstelle mit aggressiven Handlungen zu reagieren, sollen dabei alternative Selbstinstruktionen erarbeitet und angewandt werden. Eine mögliche Reaktion ist zum Beispiel: „Tief durchatmen, konzentrieren und dann ziehe ich meine Übung perfekt durch!“

Anwendungsphase

Im letzten Schritt, der Anwendungsphase, sollten die neu erlernten Strategien in der Praxis umgesetzt werden. Dabei eigenen sich Vorbereitungswettkämpfe oder auch Trainingssituationen, bei denen die ärgerauslösende Situation hervorgerufen werden kann. Um das gewünschte Verhalten schlussendlich auch im Wettkampf unter Stress zu zeigen, muss die neue Verhaltensweise hartnäckig und über eine längere Zeit trainiert werden. Es gelten dabei die gleichen Prinzipien wie im technischen Training. Denn ein neuer Sprung kann auch nicht an einem Tag gelernt werden.

Nebst den eigenen Strategien zur Ärgerbewältigung kann die Trainerin/der Trainer helfend in solchen Situationen eingreifen. Gerade bei grossen und wichtigen Anlässen, wie den Olympischen Spielen, kochen die Emotionen gerne einmal über. In solchen Fällen ist es umso wichtiger, dass die Trainerin/der Trainer der Athletin/dem Athleten gut zuredet, sie/ihn positiv unterstützt und motivierend auf die nächste Aufgabe vorbereitet.

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Thorsten Loch: Julian Reus und das perfekte Rennen

Wenn der erste Startschuss für den 100m Sprint im Olympiastadion João Havelange ertönt, steigt auch Deutschlands schnellster Mann Julian Reus (Samstag, 13. August, um 14:30 Uhr) in die Spiele ein. Der Spitzensprinter zeigte sich kurz vor Olympia in blendender Form und stellte bei der Generalprobe einen neuen deutschen Rekord auf. In 10,01 Sekunden ließ der 28 Jahre alte Sprinter seine Kontrahenten hinter sich und kommt der Schallmauer 10,0 Sekunden immer näher. Trotz dieses Rekords wird er angesichts der schier übermächtigen Rivalen um Bolt & Co. mit dem Ausgang um das Edelmetall nichts zu tun haben. Dies hinter ihn jedoch nicht daran, auch sportpsychologisch zu arbeiten, um seinem perfekten Rennen immer näher zu kommen, wie er kürzlich im Interview im aktuellen Sportstudio verrät.

Zum Thema: Umgang mit Störungen

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Julian Reus im ZDF Sporstudio (Per Klick zum TV-Beitrag, Quelle: ZDF)

Wenn der Sportler eine Handlung, optimal auf seinem höchsten Niveau durchführen soll, dann benötigt dieser 100% seiner Aufmerksamkeit für diese Ausführung. Gedanken an Vergangenes oder Zukünftiges können das Abrufen der „peak performance“ stören. Gedanken an einen möglichen Fehlstart – welcher gleichbedeutend mit der Disqualifikation wäre – oder aber das Wissen, dass viele der künftigen Finalteilnehmer bereits in der Vergangenheit aufgrund von Doping-Vergehen gesperrt waren, sind mögliche Gedankenszenarien. Vielen Sportlern fällt es im Training leichter, sich völlig auf das Handeln zu fokussieren. Wenn es aber drauf ankommt, werden vielen Sportler durch die geänderte Situation (z.B. Erwartungen, Medien, Konsequenzen, Zuschauer) von der Konzentration abgelenkt und beschäftigen sich mit dieser Situation (Mayer/Hermann, 2011). Fachpsychologisch spricht man in diesem Zusammenhang auch von der Lageorientierung (In welcher Situation befinde ich mich?), zu deren Gunsten die Handlungsorientierung (Was ist hier zu tun?) aufgegeben wird (Kuhl, 2001).

„Nicht erniedrigen lassen“ Julian Reus

Kein Platz für Überraschungen

Jedoch in der entscheidenden Phase des Wettkampfes darf die Bewegungsausführung nicht durch störende Gedanken wie beispielsweise negatives Konsequenzdenken beeinflusst werden. Wenn es darauf ankommt, sollte der Kopf die Handlung unterstützen und nicht stören (Eberspächer, 2001). Mittels sportpsychologischen Trainingsverfahren soll der Sportler in die Lage versetzt werden, sich in der jeweiligen Situation entsprechend regulieren zu können. Denn wie Reus selbst berichtet, gibt es Möglichkeiten, sich bereits im Vorfeld auf vermeintlich Überraschendes vorzubereiten. Eine Möglichkeit wäre die Entwicklung eines Aufmerksamkeitsreglations-Drehbuchs (siehe Kollege Dr. Rene Paasch: Taktikanpassungen vorbereiten). In Verbindung mit einer Aktivationsregulation mittels Atemtechnik und einer selbstwertdienlichen Selbstinstruktion (Selbstgespräche siehe Prof. Dr. Stoll: Macht der Selbstgespräche) stehen ihm hilfreiche „tools“ zur Verfügung.

Ein weiterer spannender und für mich persönlich mit entscheidender Punkt ist, dass sich Reus ein realistisches Ziel gesetzt und das Wissen verinnerlicht hat, weshalb er sich überhaupt tagtäglich quält – ganz ungeachtet der Gewissheit, dass die Chance äußerst gering sind. Julian Reus gibt darauf selbst die Antwort (Interview ab 8:56 min). Die Leidenschaft diesem Sport gegenüber und die persönliche Herausforderung wie schnell er laufen kann.

Belohnung abseits der Medaillenform

Lassen wir uns gemeinsam überraschen, ob er die für ihn passende Strategie gefunden hat, um sich nicht von der Rampensau Bolt und dessen „show“ aus dem Konzept bringen zu lassen. Ich jedenfalls wünsch Julian Reus viel Erfolg und würde mich freuen, wenn es ihm gelingt, sein „perfektes Rennen“ in Rio abzuliefern. Denn dies wäre sicherlich seine Belohnung/Auszeichnung, auch wenn diese nicht die Form einer Medaille besitzt.

Dr. René Paasch: Taktikanpassungen vorbereiten

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gute Selbstgespräche

Literatur:

Eberspächer, H. (2001). Mentales Training. Das Handbuch für Trainer und Sportler.

München: Copress.

Kuhl, J. (2001). Motivation und Persönlichkeit. Interaktionen psychischer Systeme.

Göttingen: Hogrefe.

Mayer, J./Hermann, H.D. (2010). Mentales Training. Grundlagen und Anwendung in Sport, Rehabilitation, Arbeit und Wirtschaft. Heidelberg: Springer Verlag.

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Philippe Müller: Social Media – Die Dosis macht das Gift

Alle Blicke sind nach Rio an die Olympischen Sommerspiele gerichtet. Ein Grossteil der Athleten und Trainer haben bereits das Olympische Dorf bezogen. Das für viele mittlerweile wohl wichtigste Utensil darf natürlich nicht fehlen: das Mobiltelefon. Es ist aus der heutigen Zeit kaum noch wegzudenken. Auch für Athletinnen und Athleten hat es einen hohen Stellenwert. Doch welche Möglichkeiten und Gefahren bringt die ständige Erreichbarkeit mit sich?

Zum Thema: Wann Pokémon Go, Facebook und Co. für Sportler gefährlich werden können

Die Sozialen Medien spielen auch für den Sport eine zentrale Rolle. Kaum eine Athletin oder ein Athlet hat kein Profil auf Facebook, Twitter und Co.. Diese Plattformen sind ein wichtiges Instrument für die Vermarktung geworden. Es ermöglicht nicht nur den Fans, ihren Idolen auf Schritt und Tritt zu folgen, sondern auch um mit Sponsoren in Kontakt zu treten und sich zu vermarkten. Im Gegenzug sind die Sozialen Dienste für die Sponsoren eine wichtige Werbeplattform. Vor allem für kleinere Sportarten, welche hart um finanzielle Unterstützer kämpfen müssen und auf diese existenziell abhängig sind, haben sich dadurch neue Türen geöffnet.

Aber: Den vielen Möglichkeiten und Vorteilen, welche die Sozialen Medien für die Sportlerin und den Sportler bieten, stehen ebensoviele Gefahren gegenüber. Das Unterhalten und Pflegen einer Fanseite, das ständige Posten und Tweeten, sowie das Verfolgen und Liken von Freundinnen und Freunden beansprucht eine Menge Zeit. Nicht selten kommt es dadurch zu Kollisionen im Zeitplan. Andere Tätigkeiten werden herausgeschoben oder ganz gestrichen. Das andauernde online sein, führt dazu, dass man den ankommenden Informationen ausgesetzt ist. Das Abschirmen gegen überflüssige, negative oder kritisierende Schlagzeilen ist schwierig.

Zeitvernichtungsmaschine Mobiltelefon

Die Sozialen Medien sind nicht die einzigen Zeitfresser. Auch andere Tätigkeiten mit dem Handy rauben Zeit.

Rings make me crazy #athlete #riodejaneiro #olympics #beard ????

Ein von Matthieu Péché (@matpeche) gepostetes Video am

Zur Freude einiger Athletinnen und Athleten gab es Nachnominierungen. Die Pokémons haben noch rechtzeitig den Weg in den südamerikanischen Staat gefunden. Besonders freuen wird sich der französische Kanu-Slalom-Fahrer Matthieu Peche. Er hatte bereits letzte Woche traurig getwittert: „Keine Pokémons im Olympischen Dorf“. Auch die neuseeländische Fussballspielerin Green, welche sich in einem Interview über das Fehlen der Pokémons in Brasilien beklagt hatte,  kann sich nun auf die Suche nach den Bällen machen. Welches Ausmass das Spielen von Pokémon annehmen kann, zeigt sich im Fall Nicholas Kyrgios. Der australische Tennisspieler, welcher nicht an den Olympischen Spielen teilnimmt, gesteht offen, dass er lieber Pokémon Go spiele als zu trainieren.

Das Spiel ist nicht nur sehr zeitintensiv und kann den Tagesplan durcheinander bringen, es kann auch andere Nebeneffekte mit sich führen. Jede und jeder wird wohl beteuern, dass das Training Vorrang hat und Pokémon in der Freizeit gespielt wird. Doch dadurch kommt nicht zuletzt die Erholung zu kurz. Das Spiel erfordert, dass man aktiv ist und manchmal auch weite Wege gehen muss. Ebenfalls die andauernde Anspannung – man will schliesslich nichts verpassen – ist für die Regeneration nicht besonders förderlich. Und zuletzt hat die ständige Beschäftigung mit dem Spiel auch einen Einfluss auf die Quantität und Qualität des Schlafs.   

Der richtige Umgang mit der Zeit – Zeitmanagement

Ganz so schwarz gemalt wie es hier vielleicht erscheint, ist es nicht. Wie oben erwähnt gibt es doch einige Vorteile. Wie bei allem macht die Dosis das Gift. Ein richtiger Umgang ist deshalb notwendig. Und diesen erreicht man mit der richtigen Planung.

Eine Planung macht aus zwei Gründen Sinn: Zum einen muss man sich mit der Thematik auseinandersetzen und zum anderen kann man die Vorteile nutzen und hat genügend Zeit für die anderen Aufgaben. Feste Zeiten für das Spielen von Pokémon Go sind dabei nicht das Einzige. Auch Posts und Tweets sollten geplant und wie „normale“ Pressearbeit aufgefasst und erledigt werden. Dies bedeutet, tagsüber ein Zeitfenster dafür zu reservieren und es nicht in den Abend oder die Nacht zu verschieben. Man würde schliesslich auch nicht nachts um elf Uhr ein Interview geben. Durch die Planung und der damit verbundenen Trennung von den Tätigkeiten, zum Beispiel der Regeneration, kann jeweils der Fokus auf das Wesentliche gelegt werden.

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Michele Ufer: Trailrunning – Warum tun sie es, WIE sie es tun?

Kürzlich wurde intensiv über Trailrunning-Events und die Entwicklung des Trailrunnings allgemein diskutiert, weil bei einem Ultratrail-Lauf an der Zugspitze lediglich 50% der Teilnehmer das Ziel erreichten und einige Streckenabschnitte für wenig geübte Läufer als relativ schwierig zu laufen oder gefährlich wahrgenommen wurden. Auch die zunehmende Größe der Teilnehmerfelder wurde kritisiert. Während die einen etwas hektisch die Veranstalter in die Pflicht nahmen und Reglementierungen im Sinne von Qualifikationspunkten oder ähnlichem forderten, appellierten die anderen an die Selbstverantwortung der Läufer oder machten die Sportartikelindustrie mitverantwortlich, da diese naturgemäß vor allem eines will: ihre Produkte durch bildgewaltige, verführerische Kampagnen verkaufen.

Für die-sportpsychologen.de berichtet: Michele Ufer

Im Rahmen dieser Diskussion machte Oliver Stoll in einem Beitrag darauf aufmerksam, dass bei Ultratrail-Läufern eine Persönlichkeitsdisposition namens „Sensation Seeking“ (Zuckermann, 2006) relativ hoch ausgeprägt ist, was zu gefährlichem Verhalten verleiten könnte. Wohlgemerkt: könnte. Sensation Seeker sind Persönlichkeiten, die aufgrund ihrer Hirnphysiologie ein höheres Reizniveau benötigen, um sich gut zu fühlen: sie suchen intensive Stimulation, Abwechslung, Abenteuer. Die einen leben das beim (Extrem-)Sport aus. Andere suchen sexuelle Abenteuer, lassen keine Party aus, zocken an der Börse usw. Sie brauchen einfach mehr Aktivierung als andere Menschen, was aber nicht zwingend mit risikoreichen Situationen einhergehen muss. In einer noch nicht veröffentlichten Studie, konnte jedoch genau das nachgewiesen werden: Ultra(trail)-Läufer zeigen tatsächlich eine größere Risikobereitschaft, als (Halb)-Marathon-Läufer (Ufer, 2016).

Prof. Dr. Oliver Stoll: Gefährliches Spiel im Trailrunning

Kürzlich fand ein weiteres Rennen in den Alpen, diesmal im Kleinwalsertal, statt. Die Finisher-Quote betrug bei den Damen erneut rund 50%, bei den Herren erreichten zwei Drittel der gemeldeten Läufer die Ziellinie. Nun könnte man erneut Ursachenforschung wegen der geringen Finisher-Zahl betreiben oder sich einfach entspannt zurücklehnen und wie folgt argumentieren. Sehr gut, eine rund 50-prozentige Erfolgswahrscheinlichkeit ist doch perfekt, da es -zumindest bei erfolgszuversichtlichen Menschen- für die größte Leistungsmotivation und entsprechende Spannung sorgt (McClellend, 1953). Manche Rennen speisen ihre Anziehungskraft ja sogar insbesondere daraus, dass sie kaum möglich, besonders „hart, schwierig, extrem“ scheinen.

Ich möchte diese Thematik allerdings noch in eine weitere Richtung lenken.

Warum tun sie es, WIE sie es tun…? Anders ausgedrückt: warum betreiben viele Ultratrail-Läufer ihren Sport eigentlich, wie sie ihn betreiben?

Diese Frage scheint recht einfach zu beantworten. Wahrscheinlich kommen jetzt einigen Lesern reflexartig die klassischen Hinweise bzw. Motive in den Sinn, wie sie ja auch in zahlreichen Studien immer wieder bestätigt wurden. Die meisten Sportler bestätigen, dass es ihnen beim Laufen in individuell durchaus unterschiedlicher Ausprägung vor allem um folgende Aspekte geht: Geselligkeit, Entspannung, psychische und allgemeine Gesundheit, Gewichtsregulation, Kopf frei kriegen, Probleme lösen, Natur erleben, persönliche Grenzen ausloten, sich verbessern und etwas beweisen. Einige sind natürlich auch wettkampforientiert unterwegs und lieben es, sich mit anderen zu messen. Aber das scheint nicht unbedingt die Mehrheit zu sein. Soweit so gut.

Der Blick über den Tellerrand

Wagen wir einen Blick über den Tellerrand. Bevor ich im Jahr 2011 meinen eigenen Ausflug in die Laufszene begonnen habe, war ich viele Jahre in anderen sogenannten Natursportarten aktiv, war unter anderem recht lange im Klettersport unterwegs, war Windsurfen und Tauchen. Die möglichen Motive für das Sporttreiben scheinen bei diesen Natursportlern durchaus ähnlich zu sein: es geht vielen um… Geselligkeit, Entspannung, Gesundheit, Kopf frei kriegen, persönliche Grenzen ausloten, sich verbessern, sich beweisen und Natur erleben. Und natürlich wollen sich einige auch mit anderen messen, freuen sich auf gelegentliche Wettkämpfe.

Und wo liegen bei so vielen Gemeinsamkeiten die Unterschiede? Nach meiner Wahrnehmung gibt es einen sehr großen Unterschied, der mich zurück zu meiner einleitenden Frage führt.

Einfaches miteinander

Die Natursportler, denen Geselligkeit, Naturerleben, Entspannung, Verbessern und das Ausloten persönlicher Grenzen genauso wichtig ist, wie den Läufern, fahren meist einfach zusammen an den Spot und haben gemeinsam Spaß. Und zwar ohne mehr oder weniger regelmäßig bei einer offiziellen Veranstaltung an den Start zu gehen. Hier und da gibt es natürlich Wettkämpfe und die werden auch gern besucht. Aber meist trifft man sich einfach und treibt gemeinsam Sport. Ohne große Kulisse, ohne offiziellen Rahmen, ohne Startnummer und -geld, ohne Rankings, ohne Urkunde. Man trifft sich, genießt die Zeit, das Miteinander, die Natur, treibt Sport, lotet seine Grenzen aus. Fertig.

„Nur die ersten Kilometer läuft der Körper“

Warum scheint das bei vielen Läufern anders zu sein, obwohl doch viele Motive sehr ähnlich gelagert sind? Warum gehen viele (Ultra)Trail-Läufer im Gegensatz zu den anderen Natursportlern mitunter mehrmals pro Monat bei offiziellen Events an den Start? Warum scheinen viele eigentlich nicht wettkampforientierte Läufer die Struktur oder Bühne des organisierten Events bzw. Wettkampfs zu brauchen und/oder den Trubel, die Cut-Off- oder Finisher-Zeit und Urkunde, über die die Facebook-Community natürlich dann regelmäßig und ausführlich unterrichtet wird?

Hat der Masseur die Antwort?

Dieser Unterschied ist mir in letzter Zeit sehr bewusst geworden. Ein befreundeter Masseur, der viele Hobby- bis Hochleistungsläufer betreut, meint auf meine Frage nach dem Warum spontan:

Viele sind im Hamsterrad des „Da will ich aber auch dabei sein“-Wettkampf-/Veranstaltungskalender gefangen. Nur um der häufig gefürchteten Frage aus dem Weg zu gehen: „Ich habe Dich in XYZ gar nicht gesehen – wo bist Du denn an dem Tag gelaufen?“ Reflexartig kommt dann eine Antwort aus dem Katalog verletzt/Kind/Oma/Opa/Tante/Meerschweinchen krank oder „Neee, wichtiger Business-Termin“ und so weiter. Die Antwort: „Du, ich hatte einfach keinen Bock!“ oder gar „Das ist mir zu viel, zu anstrengend, zu weit, zu teuer!“ wird da, weil nicht Szene-konform, gar nicht erst in Erwägung gezogen.

Man könnte meinen: vom Sport-Treibenden zum Getriebenen. Und das gilt nicht nur für Ultra(trail)-Läufer, sondern auch auf den kürzeren Distanzen

Multimediale Selbstinszenierung?

Könnte es vielleicht sein, dass wichtige psychologische Motive für das Laufen, wie z.B. „Anerkennung durch andere erhalten“ und „Verbesserung des Selbstwertgefühls“ für eine ganze Reihe von Läufern sehr viel gewichtigere Beweggründe für das Sporttreiben sind, als oftmals zugegeben wird? Könnten diese Motive erklären, warum ausgesprochen viele Läufer so sehr und regelmäßig das organisierte Event mit Startnummer, Zeitmessung, Ranking, Applaus und entsprechender PR suchen?

Und wenn dem tatsächlich so sein sollte, würde das nicht auch erklären, warum heutzutage der fast schon inflationäre Gebrauch von Superlativen zur Beschreibung von Events wie „das härteste, extremste, schwierigste Rennen“ etc. so gut sticht: weil es der multimedialen Selbstinszenierung sehr zuträglich ist und ein wichtiges Bedürfnis mancher Sportler nach Anerkennung und Selbstwertsteigerung bedient?

Bewusste und unbewusste Motive

Die Antwort wird jeder für sich selbst finden müssen. Wer dabei ehrlich zu sich selbst ist, könnte die eigenen Fähigkeiten, Potenziale und tatsächlichen Bedürfnisse zukünftig womöglich noch besser einschätzen, nutzen und seinem Lebensglück weiter auf die Sprünge helfen. Ich für meinen Teil werde mich übrigens demnächst in einem Projekt intensiver mit dem Zusammenspiel bewusster und unbewusster Motive beim Sportreiben beschäftigen, natürlich auch beim Ultramarathon. Und dabei vielleicht auch eine fundierte Antwort auf die eine oder andere meiner hier gestellten Fragen finden.

TV-Beitrag über Michele Ufer & seine psychologische Extremsport-Forschung from Michele Ufer on Vimeo.

Prof. Dr. Oliver Stoll und Christin Janouch: Das psychologische Profil eines Trail-Runners

 

Referenzen:

McClelland, D. C., Atkinson, J. W., Clark, R. A., & Lowell, E. L. (1976). The achievement motive. New York: Appleton-Century-Crofts

Ufer (2016): Persönlichkeitsstruktur und Risikobereitschaft von Ultramarathonläufern. Unveröffentlichter Forschungsbericht

Zuckerman, M., Eysenck, S. & Eysenck, H.J. (1978). Sensation seeking in England and America: Cross-cultural, age, and sex comparisons. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 46, 139–149

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Cristina Baldasarre: Die Spiele sind anders

Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro werden uns 10.500 AthletInnen aus 204 Nationen für mehr als zwei Wochen in den Bann ziehen. Besonders im Blickpunkt stehen dabei unsere 106 Schweizer AthletInnen, die in 17 Sportarten um Medaillen kämpfen. Für viele erfüllt sich in Brasilien ein persönlicher und sportlicher Traum. Um diesen tatsächlich zu verwirklichen, arbeiten SportlerInnen schon Jahre vorher darauf hin. Nicht wenige  lassen sich dieser Tage mit den Worten zitieren: „Olympische Spiele sind anders“. Doch was steckt aus sportpsychologischer Sicht hinter dieser Aussage?

Zum Thema: Was macht Olympische Spiele für AthletInnen so besonders?

Die meisten AthletInnen treffen früh in Rio ein, um sich dort an alles Unbekannte zu gewöhnen: an die Grösse des Events, an die anderen Sportarten und an die VertreterInnen der anderen Länder. Viele ausserordentliche Eindrücke prasseln täglich auf die AtheltInnen ein und alle tun gut daran, ein sinnvolles Pausen- sowie Freizeitmanagement umzusetzen. Denn eine der grossen Herausforderungen neben den eigentlichen Wettkämpfen ist es, sich genügend Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen, um am Ende eine erfolgversprechende Erholungsbilanz aufzuweisen.

Eine der grossen Besonderheiten ist, dass das Leben im olympischen Dorf auch an wettkampffreien Tagen dazu führt, dass die SportlerInnen ständig mit grossen Emotionen und Trubel konfrontiert sind. Dies beginnt mit der Eröffnungsfeier und wird fortgesetzt mit der Live-Berichterstattung über die Siege und Niederlagen der KonkurrentInnen, der anderen Schweizer AthletInnen oder der KollegInnen anderer Länder. Die permanente Wettkampffokussierung und die grosse Nähe zu den anderen, ein ungewohnt umfangreiches mediales Interesse, die Zuschauermenge und das Wissen um die Wichtigkeit des persönlichen Erfolges: all dies kann einen enormen Druck erzeugen und hat schon bei manchem Sportler ein Blackout verursacht, auch chocking under pressure genannt und dadurch ein Karrierehighlight zu einer bitteren Geschichte gewandelt.

Rechtzeitig den mentalen Koffer packen

Hier kommt die Sportpsychologie ins Spiel, die helfen kann, solche Worst-Case-Szenarien einzudämmen. Dabei ist es aber für die AthletInnen wichtig, sich schon lange im Vorfeld mit den mentalen Aspekten grundsätzlich, und denen eines solch gewaltigen Sportanlasses im Speziellen, auseinander zu setzen. Optimalerweise reisen die AthletInnen also schon mit ihrem mentalen Koffer an und die darin “verstauten” Strategien sind bereits soweit internalisiert, dass sie auch unter diesen besonderen Umständen funktionieren und optimale Wirkung erzielen. Diese sind im Idealfall an verschiedenen Wettkämpfen in den Jahren und Monaten vor den eigentlichen Spielen mehrfach erprobt und optimiert worden.

Denn in Rio wird es ernst: Aus der Sicht eines SpitzensportlerInnen bringen solche Grossanlässe weitreichende Konsequenzen mit sich, nicht zuletzt auch für künftige Sponsoring- oder Vertragsmöglichkeiten. Sportliche Grossanlässe können somit durchaus als critical incidents – als kritische Ereignisse in einer Sportkarriere – gesehen werden. Die jahrelange Hinführung auf diesen Moment, und zwar in möglichst allen erfolgsbeteiligten Bereichen, ist oft für viele SportlerInnen der Auslöser, um sportpsychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Durch die Wichtigkeit des bevorstehenden Anlasses steigen die AthletInnen hoch motiviert in einen solchen Beratungsprozess ein und bringen eine grosse Veränderungsbereitschaft mit. Wir Sportpsychologinnen und Sportpsychologen arbeiten hingegen nicht nach dem Motto: Je wichtiger ein Wettkampf, desto besser die Interventionen. Die Grösse des Anlasses hat keinerlei Einfluss auf die Qualität der anzuwendenden mentalen Techniken. Vielmehr schaffen Grossanlässe durch ihre Wichtigkeit neue Situationen und Themen, denen sich die SportlerInnen mittels mentaler Auseinandersetzung stellen und wofür situativ angepasste Strategien, Tools und Techniken erarbeitet worden sind.

Ein Blick in die Praxis mit Sophie Giger und Sascia Kraus

Wie eine sportpsychologische Intervention in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele ausschaut, kann ich an einem Beispiel darlegen. Hierzu empfehle ich den Insiderbericht zu meiner aktuellen Zusammenarbeit mit dem Synchronschwimm-Duett Sophie Giger und Sascia Kraus.

http://die-sportpsychologen.ch/2016/08/03/sophie-giger-und-sascia-kraus-der-weg-nach-rio/

 

Disclaimer

Die-Sportpsychologen nutzt Begrifflichkeiten in Bezug auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro ausschließlich im Sinne der Kommunikation, also im Rahmen von Stellungnahmen, Kritiken oder beschreibenden Verweisen zu Geschehnissen.

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Sophie Giger und Sascia Kraus: Der Weg nach Rio

Für die-sportpsychologen.ch berichtet:

Cristina Baldasarre

In meiner sportpsychologischen Arbeit gehe ich auf die individuellen Bedürfnisse der AthletInnen ein und biete ihnen massgeschneiderte Interventionen. Doch was gibt den Ausschlag, sportpsychologische Dienstleistungen überhaupt in Anspruch zu nehmen? Und welche mentalen Aspekte werden in der Beratung thematisiert? Das Beispiel des Synchronschwimm-Duetts Sophie Giger und Sascia Kraus gehe ich dieser Frage auf den Grund. Sie setzten sich vor drei Jahren das Ziel der Teilnahme an den Olympischen Spielen, beschritten unermüdlich und zielstrebig ihren Weg, der die beiden nach Rio führen wird.

SWITZERLAND, KRAUS Sascia, GIGER Sophie London, Queen Elizabeth II Olympic Park Pool LEN 2016 European Aquatics Elite Championships Synchronised swimming synchro Duet Free Day 02 10-05-2016 Photo Giorgio Scala/Deepbluemedia/Insidefoto
EM in London (Photo Giorgio Scala/Deepbluemedia/Insidefoto)

Warum entschieden sich die beiden Spitzensportlerinnen aber für eine sportpsychologische Beratung bei mir? Beide arbeiteten über die letzten Jahre hinweg hart und konnten ihre Leistungen stetig verbessern. Sie professionalisierten ihr Training und liebäugelten mit der Qualifikation für Rio 2016. Vor über einem Jahr wurde die Olympiateilnahme greifbarer und im Zuge einer weiteren Professionalisierung war die Zusammenarbeit im mentalen Bereich die logische Konsequenz, welche vor gut zehn Monaten mit mir startete. Diese Zusammenarbeit versuche ich hier zu rekapitulieren:

Die Rollen im Team

Ein zentraler Aspekt der Beratungsinhalte war die Teamarbeit. Die Förderung einer gelingenden Teamarbeit scheint ein einfacher Prozess zu sein. Doch Sascia und Sophie unterscheiden sich in ihren jeweiligen Charakteren deutlich: eine emotionale, direkte, kreative und impulsive Verhaltensweise der einen stösst auf ein auf ruhiges, überlegtes strukturiertes und sachliches Verhalten der anderen. Eine zentrales Thema war die Rollenklärung im und neben dem Wasser. Die beiden Synchronschwimmerinnen lernten so, sich während den endlosen Trainingsstunden im Wasser auf die eigenen Teilaufgaben zu fokussieren und das Vertrauen zu entwickeln, dass die Teamkollegin auch ihren Teil der Aufgaben gewissenhaft erledigt. Weiter wurden die Zeiten neben dem Wasser detailliert durchgearbeitet, wer wann wieviel Zeit für sich und welche Art von Abstand benötigt. Solche Absprachen werden einmal getroffen und danach immer wieder thematisiert in Teamsitzungen, um Justierungen vorzunehmen. So wirkt das Gesamte konfliktvorbeugend und legt Energie für das Training frei.

Schlüsselrolle der Kommunikation

Im Gegensatz zum Einzelsport ist bei Teams die Kommunikation ein zentrales Element.

Der Alltagstrott während des Trainings – oft dauern die Tage der Synchronschwimmerinnen bis zu zwölf Stunden – verbunden mit einer langjährigen Zusammenarbeit, bringt viele eingeschliffene Gewohnheiten mit sich. Diese aufzubrechen, Unstimmigkeiten offen zu diskutieren und neue Lösungen zu finden, ist für das Duett ein sehr wichtiger Prozess. Dabei werden auf beiden Seiten Wünsche und Gedanken formuliert, offen ausgesprochen und daraus in einem weiteren Schritt konkrete, verbindliche Massnahmen abgeleitet. Diese direkte Kommunikation mit teils tiefgründigen und persönlichen Inhalten bedingt ein offenes und vertrauensvolles Klima.

Individuell angepasste Erholung

Gerade weil die beiden Synchronschwimmerinnen eng zusammenarbeiten, ist es wichtig, die Erholung den individuellen Bedürfnissen entsprechend zu gestalten. Denn die beiden haben bezüglich ihrer Freizeitgestaltung auch unterschiedliche Bedürfnisse. Sophie braucht mehr Ruhe: sie gönnt sich einen Nachmittag auf dem Sofa mit einem Buch oder einen Mittagsschlaf.  Sascia auf der anderen Seite sucht die Abwechslung und unternimmt auch mal gerne etwas, um auf andere Gedanken zu kommen. Beide wenden zur aktiven Erholung auch Entspannungsübungen an, jedoch unterschiedlich oft.

Darüber hinaus hilft es, dass sie nach jedem Wettkampftag ein Debriefing machen, um das Erlebte zu verarbeiten und um mit allfälligen lessons learned in den nächsten Tag zu starten.

Den „mentalen Koffer“ für Olympia packen

Olympia-Qualifikation in Rio (Photo G.Scala/Insidefoto/Deepbluemedia)
Olympia-Qualifikation in Rio
(Photo G.Scala/Insidefoto/Deepbluemedia)

Welche mentalen Techniken haben die Sportlerinnen in ihren Trainingsalltag integriert? Für die Synchronschwimmerinnen ist das Visualisieren in allen Varianten äusserst zentral und ihr wichtigstes mentales Werkzeug. Ihre Sportart verlangt absolute Synchronität, sprich ein Verschmelzen der beiden Personen zu einem harmonischen, einheitlichen und graziösen Bewegungsablauf. Grundlage dafür sind technisch bis ins letzte Detail perfekte, automatisierte Bewegungen.

Das Visualisieren von Bewegungsabläufen oder selbstsicherem Auftreten findet im Wasser und im Trockentraining statt, oft aber auch zu Hause oder auf dem Weg ins Training; wie es das Zeitmanagement eben zulässt. Zudem bieten Videoanalysen von sich selber aber auch von anderen Weltklasse-Teams eine wichtige zusätzliche Unterstützung.

zur Homepage von Sophie Giger und Sascia Kraus

Teambuilding

Viel Zeit haben wir auch damit verbracht, über teambildende Massnahmen sowie gemeinsame Gespräche mehr Achtsamkeit hinsichtlich der Teamprozesse und Kommunikation zu erlangen. Mit dem Ziel, einander besser zu kennen und zu verstehen. Dabei lernten sie immer besser, in Feedbackschlaufen zu denken und zu kommunizieren und einander vermehrt so anzunehmen wie die andere eben ist.

Olympiaspezifische Themen wurden natürlich auch aufgearbeitet. Hierbei ging es um die speziellen Umstände von Olympischen Spielen und eben all das, was sie dort erwarten wird. Einen kleinen Vorgeschmack bekamen die beiden schon im Frühling an einem Wettkampf vor Ort. Diese Eindrücke wurden als Grundlage genutzt, um in der körperzentrierten Arbeit die entsprechenden Gefühle und körperlichen Repräsentationen zu verstärken und zu verankern. Durch diese Art des Einbezugs des Körpers in mentale Aspekte legte ich auch einen Schwerpunkt im Aufbau und der Stärkung des Selbstvertrauens und der Selbstwirksamkeit, um auch unter erschwerten Bedingungen wie Olympia die Topleistung abrufen zu können.

Der Wettkampf

Mein Auftrag als Sportpsychologin war es, die beiden Athletinnen bestmöglich auf die Olympischen Spiele vorzubereiten. Und ich bin überzeugt, dass wir in gemeinsamer Arbeit alles dafür getan haben, dass das Synchronschwimm-Duett Sophie Giger und Sascia Kraus in Brasilien eine Erfolgsgeschichte schreiben wird. Mit voller Spannung werde ich mir die Wettkämpfe im TV anschauen und mit ganzem Herzen mitfiebern.

Hören will ich von beiden eigentlich nichts – schliesslich haben wir vereinbart, dass sich Sophie und Sascia nur in echten Problemlagen melden. Aber ich gehe davon aus, dass beide auf alles, was in Rio auf sie zukommen mag, präpariert sind. Wenn ich wider Erwarten doch helfen muss, dann tue ich das zu jeder Tages- und Nachtzeit.

@Sophie und Sacia: Rise and Shine!

Zum Profil von Cristina Baldasarre

Zum Video „Rise and Shine“:

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Weitere Informationen

 

Disclaimer

Die-Sportpsychologen nutzt Begrifflichkeiten in Bezug auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro ausschließlich im Sinne der Kommunikation, also im Rahmen von Stellungnahmen, Kritiken oder beschreibenden Verweisen zu Geschehnissen.

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Dr. René Paasch: Per Woop zum Saisonziel

Was macht eigentlich eine gute Saisonvorbereitung aus? Die Grundlagenausdauer mag sicher wichtig sein, aus sportpsychologischer Perspektive sollte das Teambuilding nicht zu kurz kommen und dann gilt es spätestens in der Saisonvorbereitung, die Mannschaft auf ein konkretes Ziel einzuschwören. Aus meiner persönlichen Erfahrung kenne ich kein Team, welches sich vor Serienbeginn nicht damit auseinandergesetzt hat, was am Ende der sportlichen Wettkampfphase als Ergebnis herauskommen soll. Allerdings werden beim Entwickeln, Setzen und Formulieren der Ziele oft Fehler gemacht – helfen kann eine furchtbar einfachere Methode mit dem hübschen Namen Woop.

Zum Thema: Wünsche identifizieren, Verhalten ändern und Ziele erreichen

Die WOOP-Methode geht auf Gabriele Oettingen, Professorin für Psychologie an der New York University und an der Universität Hamburg, zurück. Die Expertin hat eine wissenschaftlich fundierte Strategie entworfen, die Menschen – auch Sportler und Mannschaften – einsetzen können, um ihre sportlichen und privaten Wünsche zu identifizieren, zu erfüllen und Verhaltensweisen gezielt zu verändern (Die WOOP-Methode: Wish, Output, Obsticle, Plan (Oettingen, 2015).

Oettingen untersuchte das Zukunftsdenken und seine Effekte auf Denken, Handeln und Fühlen. Auf der Suche nach etwas Funktionierendem, erforschte sie zwanzig Jahre lang das Konzept des mentalen Kontrastierens. Ein zentraler Punkt ist die Unterscheidung zwischen Erwartungen und Fantasien. Die zahlreichen Untersuchungsergebnisse zeigten, dass sich diese beiden Konstrukte in ihren Auswirkungen auf Anstrengung und Erfolg gravierend unterscheiden (Kappes & Oettingen, 2011). Doch ebenso wichtig sei die Erkenntnis, welche inneren Hindernisse bei der Umsetzung bestimmter Wünsche bestünden. Erst daraus könne die Kraft für Lebensveränderungen und sportlichen Zielen entstehen. In der Psychologie des Gelingens geht es um Wünsche und darum, wie man sie (sich) erfüllen kann. Die überraschende Schlussfolgerung aus zwanzig Jahren Arbeit in der Motivationsforschung: Gerade die Hindernisse, von denen wir glauben, dass sie uns von der Wunscherfüllung abhalten, können uns am meisten helfen, unsere Wünsche zu verwirklichen, wir müssen nur anders als gewohnt mit ihnen umgehen. Dies sind auch die Gründe, warum ich Ihnen den Zusammenhang WOOP, Wenn-dann-Pläne anbieten möchte.

WOOP ist eine wissenschaftlich fundierte Strategie, die Menschen einsetzen können, um ihre Wünsche zu identifizieren, zu erfüllen und Verhaltensweisen gezielt zu verändern. (Prof. Oettingen, G. 2013)

 

Anwendung  der WOOP-Methode im Fußball  

In den nun folgenden Abschnitten werde ich Ihnen die praktische Anwendung und weitere Methode zur Wunsch- und Zielerreichung näher bringen:

Der Trainer sucht das Gespräch mit dem Kapitän. Dies kann zu einem gesonderten Termin stattfinden oder sogar ins laufende Mannschaftstraining eingebunden werden, z.B. während einer kurzen Atemübung (Kurzentspannung PMR). Im Gespräch erfolgt die Planerstellung mit der WOOP-Methode in vier Schritten:

W wie Wish (Wunsch)

Der Kapitän soll sich auf einen konkreten Wunsch bzw. ein Ziel konzentrieren, welches er als wichtig und gleichzeitig auch als herausfordernd empfindet. Es sollte ein Wunsch sein, der innerhalb eines konkreten Zeitrahmens erfüllbar ist. Er soll sich den Wunsch ganz genau in Gedanken vorstellen.

Trainer: „Was ist Dein Wunsch, was möchtest Du wirklich, wenn du an die kommenden Wochen oder an die gesamte nächste Saison denkst?“

Sportler: „Ich wünsche mir, dass in meiner Mannschaft besser neben und auf dem Platz kommuniziert wird. Das war in der vergangenen Saison katastrophal. Ich denke, dass uns die schlechte Kommunikation Punkte kostet.”

O wie Outcome (Ergebnis)

Als nächstes kommt die konkrete Vorstellung des Ergebnisses, wenn der Wunsch erfüllt bzw. das Ziel erreicht wird – so lebendig wie möglich. Hier darf der Fantasie freien Lauf gelassen werden.

Trainer: „Was wäre der schönste „Outcome“ für Dich, wenn sich Dein Wunsch erfüllt?“

Sportler: „Weniger Missverständnisse und Fehler, schnellere und zielgerichtete Teamprozesse. Höhere Zufriedenheit und eine Leistungssteigerung, die sich positiv auf die Platzierung auswirkt.“

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O wie Obstacle (Hindernis)

Danach ist es wichtig, eine Stufe tiefer zu gehen. Problematisch könnten z.B. alte Verhaltensweisen und vorgefasste Meinungen von bestimmten Teamkollegen oder irgendeine banale Sache sein.

Trainer: „Was hält dich davon ab, dass Du und deine Mannschaft das Ziel erreichst?

Sportler: „Die Zeit für die Umsetzung, denn wann sollen wir das neben dem Training machen? Dazu kommt die sicher niedrige Motivation meiner jüngeren Teamkollegen und der Altersunterschied, die ich als schwierig empfinde. Manchmal kommt es mir so vor, als würden wir im Team zwei Sprachen sprechen.“

Trainer: „Siehst du ein Hindernis, wenn du an deine konkrete Rolle im Team denkst?“

„Da ist ein Angstgefühl, dass die Intervention nichts bringt und ich an dieser Stelle als Vorbild in den Augen meines Teams versage.“

Gesammelt werden im Nachgang alle Hindernisse, die im Wege stehen könnten. Daraus wird eine Liste erstellt. Am Ende betrachtet man die größten Hürden.

P wie Plan (Planen)

Zunächst wird gesammelt, welche Lösungen sich der Sportler für die formulierten Probleme vorstellen kann. Zum einem, wie er präventiv vorgehen kann, um Hindernisse noch im Vorfeld zu vermeiden; zum anderen, wie er handeln kann, wenn Hindernisse auftauchen, um trotzdem die Ziele zu erreichen.

Trainer: „Was kannst Du gegen dein Angstgefühl tun, dass Du scheitern könntest?“

Sportler: „Den Mannschaftskollegen, im Vorfeld vernünftig mitteilen, aus welchen Gründen es wichtig wäre, mehr zu kommunizieren.”

Bei den letzten zwei Schritten handelt es sich um das Erarbeiten eines Wenn-Dann-Plans. Hier wird der Sportler nicht nur auf die schwierigen Situationen vorbereitet, sondern auch in deren Bewältigung trainiert. Die bisherigen Ausführungen implizieren, dass Wenn-Dann Pläne eine effektive Strategie darstellen, um Selbstregulationsschwierigkeiten, denen ein Sportler nach der Zielsetzung auf dem Weg zum Ziel begegnen kann, erfolgreich zu lösen. Dies soll im Folgenden veranschaulicht werden.

Wenn-Dann Pläne als Umsetzungshilfe

Der Einsatz von Wenn-Dann Plänen ermöglicht dem Trainer, Sportler in ihrer Selbstregulationsfähigkeit zu unterstützen. Die Sportler lernen, ihr Zielstreben durch Wenn-Dann Pläne auszuformulieren. Die Wirkung als effektive Selbstregulationsstrategie gilt als empirisch abgesichert: Zahlreiche Studien aus sehr unterschiedlichen Handlungsfeldern konnten zeigen, dass mit Wenn-Dann Plänen ausgestattete Ziele eine höhere Erfolgsrate aufweisen als Ziele ohne solche Pläne (Übersichten siehe Achtziger & Gollwitzer, 2006; Gollwitzer & Sheeran, 2006). Die Verbindung der WOOP-Methode und der Wenn-Dann-Pläne können Sie nun in der Abbildung 1 näher betrachten: 

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Abbildung: Erweiterung der WOOP-Methode mit Wenn-dann-Pläne nach Oettingen, 2013

Zusammenfassung

Obwohl die WOOP-Methode recht einfach erscheint und viele Personen behaupten, dass sie dieses Vorgehen in ihrem Alltag schon intuitiv anwenden, zeigen Studien, dass nur wenige Personen spontan WOOP konsequent umsetzen können (s. z.B. Sevincer & Oettingen, 2013). Die beschriebenen Methoden eignen sich gut zur Anwendung im Sport, weil sie praktikable und einfache Instrumente sind. Zugleich dienen sie der Auseinandersetzung mit den eigenen Zielen, Hindernissen und der Realität. So hat der einzelne Spieler sowie die Mannschaft die Möglichkeit, sich über evtl. Probleme bewusst zu werden und über Lösungsstrategien in der Vorbereitung und im saisonalen Verlauf nachzudenken. Diese Vorgehensweisen erleichtern das Erstellen eines realistischen saisonalen Arbeitsplans, in dem der Umgang mit herausfordernden Situationen integriert wird. Zusammenfassend, stellt die Auseinandersetzung mit Hindernissen eine zentrale Größe da, die in den Methoden WOOP, Wenn-dann-Pläne und ferner auch dem Rubikon-Modell (siehe aufgeführte Artikel) zu finden sind.  

http://www.die-sportpsychologen.de/2016/01/28/wencke-schwarz-phaenomen-schweinehund/

http://die-sportpsychologen.ch/2016/03/15/cristina-baldasarre-lassen-sich-siege-herbeireden/

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Wackliges Standbein

Es ist ein sonniger Mittwochmittag im Mai, und ich warte vor dem ETH-Haupteingang auf einen speziellen Gast: Sarah Meier. Die ehemalige Eiskunstlauf-Prinzessin und Europameisterin 2011 in Bern arbeitet heute als Journalistin. Vor genau 15 Jahren suchte sie sportpsychologische Unterstützung. Damals, als Nachwuchshoffnung und der Sportöffentlichkeit noch weitgehend unbekannt, schien ihr die Olympia-Qualifikation zu entgleiten. Die sportpsychologische „Feuerwehrübung“ klappte, sie fand Mut und Überzeugung und schaffte den Sprung an die Spiele 2002 in Salt Lake City.

Zum Thema: Die Schweizer Sportpsychologie zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Wie gaht’s dir“? Mit einem Strahlen im Gesicht tritt mir eine attraktive Businesswoman entgegen. Sarah ist gekommen, um mit mir ein aktuelles Anliegen zu besprechen. Sogleich tauchen wir ein in eine angeregte Diskussion…


Eine derart lange, sportpsychologische Zusammenarbeit, die selbst über das sportliche Karriereende hinaus bestehen bleibt, ist auch heute nicht die Regel. Obwohl gerade im Zusammenhang mit Olympischen Spielen allseits eine systematische, gezielte und langfristige sportpsychologische Unterstützung gefordert wird, fehlen dazu insbesondere in den wenig professionaliserten, kleineren Sportarten die finanziellen Mittel. Dieser Fakt schmerzt, zumal Akzeptanz und Zuspruch seitens der Athleten und Trainer gegenüber der Sportpsychologie in der Schweiz in den vergangenen Jahren weiter zugenommen haben. Junge, gut ausgebildete Sportpsychologinnen, die mit ihren Dienstleitungen ins Berufsfeld der angewandten Sportpsychologie eintreten wollen, werden nicht umhin können, sich ein zweites berufliches Standbein zu entwickeln.

Interessante Beurfsfeldumfrage

Exakt diesen Fragen, nämlich nach der aktuellen Arbeitssituation, beruflichen Perspektiven und der Arbeitszufriedenheit, widmet sich zur Zeit eine breit angelegte Studie des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Bern. Unter der Leitung von Prof. Roland Seiler sucht die Forschungsgruppe nach Erkenntnissen, die auch in die postgraduale Weiterbildung zukünftiger Fachkollegen einfliessen sollen. Eine erste Sichtung zeigt, dass alle 24 Fachtitelträger (FachpsychologInnen für Sportpsychologie FSP/SBAP) neben ihrer angewandten Tätigkeit im Leistungssport weitere Mandate in Lehre und Forschung (z.B. Sportwissenschaft), in anderen psychologischen Berufen (z.B. Psychotherapie) oder weiteren Tätigkeitsfeldern (z.B. Privatwirtschaft) wahrnehmen müssen.

Die Arbeit mit Körper und Kopf

Als Journalistin stehe ich heute auf der anderen Seite und höre die Sportlerinnen von den vielen Emotionen, Erfahrungen und Herausforderungen im Sport berichten“, wirft Sarah in unsere Diskussion ein. In diesem Moment erinnere ich mich an eines ihrer markanten Zitate (Tages-Anzeiger 2015):  „Es hilft mir zu wissen, dass ich unter Druck nicht zusammenbreche. Ich arbeite gut mit Körper und Kopf“. Tatsächlich werde ich oft gefragt, was unsere Dienstleistung letztlich umfasst und in welche Richtung unsere Interventionen zielen. Es sind primär ressourcenorientierte, stark individualisierte Beratungsangebote, die den Athleten befähigen sollen, dann, wenn’s zählt – z.B. im Olympiafinal –, das individuelle Handlungspotential selbständig in eine bestmögliche sportliche Leistung umzusetzen. Wichtig sind die im Sport erlernten mentalen «Skills» zudem dort, wo diese auf andere Lebensbereiche und insbesondere in die nachsportliche Karriere positiven Einfluss gewinnen können. Diese «transferable skills» werden als ein Set von Qualitäten definiert, die in einem anderen Handlungs- oder Arbeitsfeld angewandt werden können, unabhängig davon, wo sie gelernt wurden. Die von Athleten häufig zitierten Skills sind demnach:

1) Die Leistungsfähigkeit unter Druck

2) Die Fähigkeit, Probleme zu lösen

3) Organisationsfähigkeit

4) Die Fähigkeit, Fristen einzuhalten

5) Das Talent, sich selbst Ziele zu setzen und zu erreichen

6) Hingabe und Selbstmotivierung

Wenn man als Sportpsychologe Spitzensportler begleitet, wird deutlich, wie hoch die Identifikation der Personen mit dem Sport und der eigenen sportlichen Leistung ist. Daneben ein normales Leben aufrecht zu erhalten, ist schwierig und mit vielen Entbehrungen verbunden. Spitzensportler zeigen ein überdurchschnittliches Interesse und Engagement, die oben erwähnten Skills zu beherrschen, weil diese direkt mit der eigenen Leistungsfähigkeit verbunden sind und damit einen wichtigen Einfluss auf das Selbstkonzept haben.

Intervision und Supervision haben Entwicklungspotential

Sarah lacht und meint: „Heute war ich wieder Joggen! Zwar bin ich nicht besonders schnell unterwegs, dafür geniesse ich die Bewegung in der Natur sehr.“ Aber wie war das damals mit den Stürzen, den vielen Verletzungen, den grossen physischen Schmerzen und fordernden psychischen Belastungssituationen? Auch Sarah war im Verlaufe ihrer Karriere einst an einem Punkt angelangt, wo chronische Schmerzen eine psychotherapeutische Unterstützung notwendig machten. Damals wie heute bin ich als Sportpsychologe froh, über ein weites und kompetentes berufliches Netzwerk zu verfügen, das mich und mein Angebot im Bedarfsfall stützt. Die vermehrte Pflege dieses beruflichen Netzwerkes, vor allem aber auch die qualitätssichernde Nutzung von Intervision und Supervision, fordern die Autoren der erwähnten Berner Studie zum aktuellen Berufsfeld der Sportpsychologie. Ihnen zufolge ist das Bewusstsein, dass Intervision und Supervision wichtige Elemente zur Erhöhung der Qualität sportpsychologischer Dienstleistungen sind, im Feld der Schweizer Sportpsychologen noch nicht ausreichend entwickelt.

War die heutige Sitzung eine gute, eine erfolgreiche? Was erwartet die Sportlerin von einem Sportpschologen? „Er muss sich in meine Welt hineinversetzen und gut zuhören können. Von ihm erwarte ich, dass wir gemeinsam Handlungsmöglichkeiten diskutieren, damit ich mich für eine mir passende Lösung entscheiden kann“, so die ehemalige Eiskunstläuferin. Sarah verabschiedet sich – sichtlich gut gelaunt. Federnd leicht eilt sie über die ETH-Polyterasse. Eine dynamische, erfolgreiche und selbstbewusste Frau geht ihren Weg – stilsicher auch neben dem Eis!

Dieser und weitere interessante Texte sind in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Psychoscope erschienen.  

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Thorsten Loch: Pepe – Vom Rüpel zum Musterprofi

Pepe, bürgerlich geboren als Kepler Laveran Lima Ferreira, gehört zweifelsohne zu den besten seiner Zunft. Der 33-jährige portugiesische Fußballer im Dienste von Real Madrid bringt alles mit, was einen modernen Innenverteidiger auf internationalen Niveau benötigt: Hervorragende Zweikampfwerte, Kopfballstärke defensiv und offensiv, Durchsetzungsvermögen und einen unbedingten Siegeswillen. Doch nicht selten schießt der Abräumer, über das Ziel hinaus. Unvergessen sind seine Entgleisungen gegen Casquero oder Weltfußballer Lionel Messi, die ihm schon eine drakonische Sperre von zehn Spielen einbrachte und sein Image als „Fußballfiesling“ in der Fußballwelt prägte. Während der Europameisterschaft erlebte die Fußballwelt aber einen anderen Pepe. Medienberichten zufolge hat ihm die Sportpsychologie dabei geholfen.

Zum Thema: Umgang mit Aggressionen

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Weitere Informationen

Rückblickend betrachtet, fragt man sich, ob er es wirklich war, der übeltretende glatzköpfige Rambo und Schauspieler? Pepe schien bei der Euro 2016 die alten Vorurteile tatkräftig wie immer und anständig wie selten widerlegen zu wollen. Schon während des Turniers wurde bekannt, dass sich Pepe mittlerweile sportpsychologisch begleiten lässt, um seine Aggressionen besser kontrollieren zu können. Die Bilanz sagt alles: Der Heißsporn erhielt in sechs EM-Spielen eine gelbe Karte und verübte vier Fouls. In 630 Spielminuten! Doch was ist mit ihm geschehen und was können mögliche Betreuungsinhalte gewesen sein für diese Entwicklung? Die folgenden Ausführungen sind Annahmen und erheben keinen Anspruch auf Richtigkeit, sollen jedoch gleichzeitig dem interessierten Leser deutlich machen, dass bestimmte Verhaltensmuster erklärt  und beeinflusst werden können.

„Wenn er das Trikot anzieht, wird er zu einem anderen Menschen“ Ex-Trainer Bernd Schuster

Nicht selten berichten die Sportler, wie Pepe in einem Interview im April 2009, im Anschluss an die fiese Attacke gegen Casquero, „Ich weiß nicht, was mit mir los war.“ Und genau hier liegt der Crux. Den Sportlern ist oftmals nicht klar, was in diesen Momenten mit ihnen passiert, warum sie die Kontrolle verlieren und was sie dagegen tun können. Um das Verhalten den Sportlern vor Augen zu führen, eignet sich hervorragend das so genannte SORKC-Modell. Bei diesem Modell handelt es sich um ein Hilfsmittel im Rahmen einer Verhaltensanalyse, welches eine Erweiterung des operanten Konditionierens nach Skinner et al. darstellt. Eine Erweiterung jenem durch Kanfer brachte zwei kognitive Elemente hinzu. Es ist ein Verhaltensmodell, das fünf Bestimmungsstücke als Grundlage von Lernvorgängen beschreibt, als auch das Verhalten und der Erwerb des Verhaltens erklärt.

Bestandteile SORKC-Modell

  • S (Stimulus, sensitive Reize, sinnliche Wahrnehmung, bedeutungsvolle Kommunikation) bezeichnet eine äußere oder innere Reizsituation. Der Stimulus erfasst die, das Verhalten auslösenden Bedingungen. (In welcher Situation tritt das Verhalten auf?).
  • O (Organismus-Veriablen) bezeichnet die individuellen biologischen und lerngeschichtlichen Ausgangsbedingungen bzw. Charakteristika der Person auf den Stimulus.
  • R (Reaktion, Verhalten, Tätigkeit, Handlung) bezeichnet die Reaktion auf ‚S‘ nach der Verarbeitung durch den Organismus auf kognitiver, motorischer, vegetativer und affektiver Ebene.
  • K (Kontingenzverhältnis, Verstärkungsplan [contingency = Möglichkeit, Zufälligkeit]) bezieht sich auf das Einsetzen einer Verstärkung oder Bestrafung als Folge eines Verhaltens (Was folgt auf das Verhalten?).
  • C (Konsequenz äußerer oder innerer Art, Ergebnis, Folge[richtigkeit], Auswirkung) bezeichnet die Art des Auftretens (direkt, öfters, selten, etc.).

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In Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen können die typischen Verhaltensmuster aufgedeckt werden. Damit jedoch nicht genug. Wenn die Situation klar ist, wann ein Kontrollverlust am wahrscheinlichsten ist, geht die sportpsychologische Arbeit weiter. In den folgenden Schritten geht es darum, die kippenden Selbstgespräche klarzulegen und deren Inhalt zu verbalisieren. Im Anschluss sollen die negativen Gedanken unterbrochen und durch selbstwertdienliche Gedanken ersetzt werden.

 

Der Gedankenstopp

Der Gedankenstopp eignet sich hervorragend zur Beeinflussung von Gedanken, Vorstellungen, Phantasien mit dem konkreten Ziel: das unerwünschte Grübeln zu unterbrechen bzw. ganz abzubauen. Die Technik des Gedankenstopps kann für den Athleten hilfreich sein, vorausgesetzt der Athlet erkennt, dass er sich mit belastenden und negativen Gedanken abgibt (vgl. Kellmann & Beckmann, 2004, S. 320-331). Die Methode wurde für Therapiezwecke entwickelt und fand vor allem Anwendung bei Zwangsgedanken, Halluzinationen und Süchten (vgl. Hartig, 1974). Wenn der Sportler die Methode alleine durchführen kann, ist das finale Ziel erreicht. Das Ballen der Hand zu einer Faust soll das Stoppsignal verstärken und den Gedanken unterbrechen. Im Anschluss kann auch ein positiver Alternativgedanke vereinbart und die Faust wieder gelockert werden. Der Sportler wird den unerwünschten Gedanken nach wenigen Tagen oder auch Stunden voll unter Kontrolle haben (vgl Fliegel et al., 1989, S. 78).

Fazit: Pepe hat seinen Ruf wenige Wochen nach seiner Schmierenkomödie im Champions-League-Endspiel gegen Atlético Madrid eindrucksvoll restauriert. Welche Inhalte die sportpsychologische Betreuung Pepes hatte, bleibt Spekulation und kann abschließend nicht beantwortet werden. Letzteres sollte jedoch auch nicht das Ziel sein. Vielmehr sollte an einem Beispiel verdeutlicht werden, wie eine sportpsychologische Zusammenarbeit aussehen könnte.  

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Nina Jokuschies: “Die Zusammenarbeit basiert auf Regelmässigkeit und Vertrauen”

Nina Jokuschies
Nina Jokuschies

Europameisterschaften sind bislang nicht die Bühne für Schweizer Fussball-Nationalmannschaften. Zwar schafften es die Kicker von Vladimir Petkovic erstmals in die KO-Runde, dort endete das Turnier leider schon im Achtelfinale. Bereits im nächsten Sommer feiert das Frauen-Nationalteam die Premiere beim kontinentalen Kräftemessen. Wir sprachen mit Nina Jokuschies, der Sportpsychologin der Schweizer Frauen-Nati. Ihr Team blickt nach beeindruckenden Qualifikationssiegen mit grossen Erwartungen auf die EURO 2017.

 

Nina Jokuschies, wie erlebt eigentlich eine Sportpsychologin ein Topevent wie die im Juni und Juli ausgetragene Fussball-Europameisterschaft – eher beobachtend und analysierend oder vielmehr aus Fanperspektive? Oder sogar hoch emotional, wenn Sie konkret an das EM-Achtelfinal, in welchem die Schweizer Nati mitreissend kämpfte und dann im Penaltyschiessen scheiterte, zurückdenken?

Wenn man seit mehreren Jahren in der Schweiz lebt und für den Schweizer Fussballverband arbeitet, was für mich inzwischen mit vielen guten Erfahrungen verbunden ist, dann kommt man gar nicht drum herum, dass bei so einem Spiel wie das EM-Achtelfinal das eigene Herz für die Schweiz schlägt. Als Sportpsychologin achte ich dabei sicher auch auf Details wie Köpersprache der Spieler, Laufbereitschaft oder Zusammenarbeit auf dem Platz. Bemerkenswert im letzten Spiel der Schweizer fand ich, mit welchem Einsatz sich die Spieler von Beginn der zweiten Halbzeit an in das Spiel hineingekämpft haben und mit welcher Leidenschaft sie alles dafür getan haben, den Ausgleich zu schiessen – und mit welch einem Tor Shaquiri dann sein Team für die gemeinsame Arbeit belohnt und die Fans erfreut hat.

Als deutsche Junioren-Nationalspielerin haben Sie die 2004 den U19 WM-Titel in Thailand gewonnen. Im Viertelfinale gegen Nigeria musste Ihr Team auch durch die „Hölle“ Penaltyschiessen. Wie wirkt sich dieser Druck auf Aktive aus? Was verändert sich für das Individuum, in dieser besonderen Drucksituation und wie fühlt sich das an?

Das Elfmeterschiessen selbst bietet im Gegensatz zum laufenden Spiel natürlich viel Zeit für Gedanken im Sinne von „Was wäre, wenn ich den Ball nicht reinschiesse?“. Über Mats Hummels war beispielsweise nach dem Elfmeterschiessen gegen Italien zu lesen: „Es war nicht mentale Stärke, es war eher mentale Abwesenheit, was da in meinem Kopf los war“. Am Mittelkreis habe er gewusst, wohin er schiessen wird und dann habe sich das auf dem Weg zum Elfmeterpunkt noch ganz häufig geändert. So ein bedeutendes Elfmeterschiessen, das kann bei einigen Spielern/Spielerinnen auch von starken körperlichen Stressreaktionen begleitet sein. Die Auswirkungen von Druck sind allerdings individuell verschieden, die Wahrnehmung von Drucksituationen selbst sind ja auch unterschiedlich.

Allgemein gilt: Wer den Ball nimmt, übernimmt Verantwortung für das Team. Und dementsprechend ist es auch unangebracht, jemandem einen Vorwurf zu machen, wenn ein Ball einmal daneben geht oder gehalten wird. Auffällig war allerdings, wie viele als Elfmeter-sicher geltende Spieler verschossen haben.

Nach der EM ist vor der EM. Die Schweizer Frauen haben sich super souverän für die Endrunde im kommenden Jahr in den Niederlanden qualifiziert. Worin besteht in den kommenden Monaten Ihre Aufgabe und wie können sich Aussenstehende dann beim Turnier Ihre Arbeit vorstellen?

Im Vorfeld der WM im letzten Jahr in Kanada dachten einige Aussenstehenden, dass die Trainerin kurz vor der WM aufgrund des steigenden Drucks eine Sportpsychologin engagiert hatte. Zu dem Zeitpunkt hatte ich allerdings bereits seit zwei Jahren mit dem Team gearbeitet. Eine erfolgreiche sportpsychologische Zusammenarbeit basiert auf Regelmässigkeit und Vertrauen, wobei diese Komponenten natürlich auch miteinander zusammenhängen. Mit Blick auf die EM im nächsten Jahr werde ich das tun, was ich auch in diesem Jahr getan habe: den Prozess im Team begleiten und die Spielerinnen individuell sportpsychologisch betreuen. Dabei stehe ich immer in engem Austausch mit dem Trainerteam und habe häufig eine Beobachterrolle. Ein Thema, das in einem Nationalteam beispielsweise immer präsent ist, ist die Rolle jeder einzelnen, die im Club häufig eine ganz andere ist als im Nationalteam. Wenn man bei einem Turnier vor Ort dabei ist, wie ich es bei der WM in Kanada letztes Jahr oder dieses Jahr beim Olympia-Quali Turnier in den Niederlanden war, ist die Zeit aufgrund mehrerer aufeinanderfolgender Spiele sehr intensiv. Dann profitiert man in der sportpsychologischen Arbeit unglaublich von allem, was man mit dem Team oder einzelnen Spielerinnen in den Monaten davor erarbeitet hat und worauf man dann zurückgreifen kann, indem man zum Beispiel etwas wieder in Erinnerung ruft oder einen kleinen thematischen Input macht. Je nach Bedarf bereiten wir uns auch konkret mental auf einzelne Gegner vor.

Stellen wir uns vor, Ihr Team muss ein Penaltyschiessen bestreiten. Wie haben Sie die Spielerinnen darauf präpariert? 

Eine der schönen Seiten der Entwicklung des Frauenfussballs in den vergangenen Jahren ist, dass unsere Spielerinnen inzwischen Profis sind und eine Vielzahl regelmässig vor grossem Publikum und in bedeutenden Spielen wie z.B. der Champions-League zum Einsatz kommt. Unsere erfahrenen Spielerinnen wissen darum, sich auf solche Situationen einzustellen und damit umzugehen.

Umgang mit spezifischen Drucksituationen wie z.B. dem Penaltyschiessen ist daher etwas, das ich mit einzelnen Spielerinnen erarbeiten würde. Neben den allgemein bekannten Techniken (viele technische Wiederholungen kombiniert mit Prognosetrainings), finde ich das, was Heiner Langenkamp 2014 beim Tiroler Tag der Sportspsychologie vorgetragen hat, recht hilfreich. Und zwar, sich klar zu machen, dass Stresssituation und das Abrufen von Leistung nicht gezwungenermassen zusammenhängen. Das ist ja auch das Prinzip, dass in allen Achtsamkeitsbasierten Übungen die Botschaft ist: Meine Gedanken und Gefühle sind nicht die Realität. Heiner Langenkamp nannte dann das Beispiel eines Spielers, der sich vor dem bedeutenden Elfmeter übergeben hatte und danach trotzdem den Ball ins Tor schoss.

Wie wichtig ist für Ihre Arbeit mit dem Team, dass Sie selbst über die Erfahrung als Leistungssportlerin verfügen?

Eigene Erfahrungen im Leistungssport helfen dabei, sich in die Spielerinnen bzw. das Team hineinversetzen zu können. Das bezieht sich z.B. auf Drucksituationen auf dem Spielfeld oder auf unterschiedliche Rollen in einem Team, die ich z.T. im Laufe der Jahre selbst innehatte. Und darüber hinaus kenne ich sehr gut das Leben als Leistungssportlerin mit allem was dazu gehört, also beispielsweise die Tatsache, auf viele Dinge verzichten zu müssen. Oder die Schwierigkeiten bei dem Versuch, Leistungssport und Schule/Arbeit/Studium unter einen Hut zu bekommen. Dass ich als ehemalige Fussballerin nun auch im Fussball arbeite, erfahre ich ebenfalls durchweg als positiv. Auch wenn technisch-taktische Aspekte ausschliesslich Arbeit des Trainerteams ist, hilft es natürlich ungemein, diese Aspekte zu verstehen und relevante mentale Aspekte darauf zu beziehen.

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