Stephan Brauner: Wenn Tennisspieler nicht am schwächeren Gegner scheitern, sondern an sich selbst

Nach einigen Jahren haben wir mal wieder die Schläger gekreuzt und es war ein schönes Wiedersehen. Darüber hinaus war es sportpsychologisch so interessant, dass ich gerne darüber berichten möchte. Vor kurzem spielte ich mit einem alten Freund und ehemaligen Mannschaftskollegen eine Partie Tennis. Er etwas jünger, technisch stärker, fit und schnell auf den Beinen. 

Zum Thema: Fehlertoleranz im Tennis

Nachdem ich mich zunächst noch wehren und meine Aufschlagspiele halten konnte, war es irgendwann soweit und ich kassierte verdient das erste Break. Im nächsten Spiel führte mein Gegner bei eigenem Aufschlag schnell 40 – 15 und dominierte die Ballwechsel. Auch im nächsten Ballwechsel schickte er mich hin und her über den Platz. Aus der tiefen Vorhandecke konnte ich schließlich noch zuschauen, wie er den Ball aus dem Halbfeld nur noch longline versenken musste, um das Aufschlagspiel für sich zu entscheiden. Er stand gut zum Ball, traf den Ball sauber und schlug den Ball mit viel Tempo – einen Fingerbreit neben die seitliche Auslinie. 

(Gut, als Tennistrainer hätte man nun auch diskutieren können, ob dies der richtige Ball für die Situation war und ob nicht auch eine noch sicherere Variante gereicht hätte. Ich stand immerhin geschlagen in der anderen Ecke des Platzes. Aber in der Regel klappt dieser Schlag in 99 von 100 Fällen und an einem automatisierten Bewegungsablauf etwas zu ändern, ist auch immer ein Risiko.)

Negativspirale

Dann nahmen die Dinge ihren Lauf. Ohne selbst viel besser zu spielen, konnte ich das Spiel noch drehen. Immer wieder ergaben sich ähnliche Situationen, in denen mein Gegner vermeintlich einfache Bälle vergab. Und er begann sich zusehends darüber aufzuregen. „Immer vergebe ich die besten Chancen …“, „Nie gewinne ich die leichten Punkte.“ Die Körpersprache veränderte sich, seine Zuversicht, das Spiel zu gewinnen schwand und der Druck seiner Grundschläge wurde auch weniger, so dass ich wieder besser zum Ball stehen konnte. Vor allem dann, wenn er sich eine gute Ausgangsposition erarbeitet hatte, wurde der Arm schwer und schwerer. In diesem Satz gab ich kein Spiel mehr ab und konnte auch den zweiten Satz sicher gewinnen. Gegen einen Spieler, der eigentlich besser war.

Nach dem Spiel haben wir über die Situation und den Knackpunkt in diesem Match gesprochen. Und über seine Gedanken und die Inneren Dialoge. Denn hier liegt ein Schlüssel für die konstruktive Verarbeitung von Fehlern. Denn eines ist klar: Fehler zu vermeiden, ist nicht die Lösung, denn das ist unmöglich. Es ist entscheidend, die Fehler zu akzeptieren und weiterzumachen. Sein Gedanke war: „Schon wieder! Ich kann es einfach nicht. Ich bin zu doof.“ Und mit jeder Situation wurde es schlimmer. Es ist ein Fehler, sich von einem Fehler herunterziehen zu lassen.

Den Faden verlieren

Es stellte sich heraus, dass er schon des Öfteren Matches aus der Hand gegeben hatte, die er eigentlich hätte gewinnen müssen. Jedes Mal hatte er nach einem vermeintlichen Fehler den Faden verloren. Die Beispiele fielen ihm auch sofort ein. Das Problem war also benannt, aber noch lange nicht gelöst. 

Stephan Brauner

Sportpsychologe aus Bergisch Gladbach

Sportarten: Volleyball, Beachvolleyball, Tennis, Fußball, Golf

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Auf der sportpsychologischen Couch, die in diesem Fall die Terrasse vom Clubhaus war, haben wir alternative Bewertungen der Situation entwickelt. Etwa: „Ein ärgerlicher Fehler. Egal, das passiert den Besten. Weiter geht’s.“, oder „Diese Chance muss man sich erst mal erspielen. Ich bin gut drauf heute. Der nächste Winner sitzt wieder im Eck!“ In meinem Verständnis ist es hilfreich, verschiedene Gedanken und damit einhergehende Selbstbewertungen durchzuspielen und auf ihre Auswirkungen zu überprüfen. Wie würde es weitergehen mit diesem Satz im Kopf? Glaube ich mir das? Passt der Satz zu mir? Und dann kann man daran gehen, einen Satz auszuwählen und ein neues Selbstgesprächsmuster zu etablieren.

Muster des Gelingens

Und da wir schon mal auf der Couch waren, haben wir auch gleich weitergearbeitet. Wir haben nach einem „Muster des Gelingens“ gefahndet. Also eine sehr ähnliche Situation, in der es mal anders gelaufen ist. Die Erinnerung an weitere ungünstig verlaufene Situationen ging ja zuvor ganz von selbst. Um ein Beispiel zu finden, wo es ihm gelang, nach einem leichten Fehler die Situation abzuhaken und erfolgreich weiterzuspielen, war schon etwas aufwendiger. Aber wir fahndeten erfolgreich und er konnte die Situation lebhaft wieder in Erinnerung rufen. Das gute ist: Wenn man einmal eine Kompetenz besitzt und vielleicht sogar gezeigt hat – in diesem Fall das Abhaken von Fehlern -, dann trägt man diese Kompetenz in sich. Die wird man nicht wieder los, selbst wenn man nicht immer sofort und bewusst darauf zugreifen kann. Wir haben noch an einer Erinnerungshilfe für seine Fehlertoleranz gearbeitet, um diese in der nächsten Situation zuverlässig abrufen zu können. Denn der nächste vermeintlich leichte Fehler kommt bestimmt.

Unsere Aufgabe ist es, einen ganz bestimmten Fehler zu vermeiden. Nämlich den Fehler, mit dem Fehler ungünstig umzugehen und uns (noch) weiter herunterziehen zu lassen. Auf unser nächstes Match freu ich mich schon sehr. Ich kann jedenfalls nur gewinnen. Entweder wirkt das sportpsychologische Coaching oder ich gewinne auch beim nächsten Mal wieder gegen den besseren Spieler.

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