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Johannes Wunder: Analyse als Schlüssel für sportliche Leistung

Der olympische Wettkampf für die deutschen Kletterer Alexander Megos und Jan Hojer ist vorbei. Megos belegte im Boulderwettkampf einen guten sechsten Platz, für eine bessere Platzierung fehlte jedoch jeweils der letzte Zug an Boulder zwei und drei. Wie Megos selbst auf Instagram schreibt, fehlte wiederum ihm im Leadklettern an diesem Tag die Fitness für ein paar weitere Züge. Insgesamt verpasst Megos mit dem 9. Platz knapp das Finale. Hojer belegte den 12. Platz. Eine Enttäuschung für die Sportler? Vielleicht, oder aber ein Arbeitsauftrag.

Zum Thema: Sportpsychologie im Sportklettern

Die Hoffnung war groß, dass die deutschen Sportkletterer die Premierenwettkämpfe im Olympic Combined auch mit individuellen Erfolgen abschließen können. Daraus wurde nichts, allerdings bleibt festzuhalten, dass sich nun auf die Erfahrung aus dem gerade für die Olympia-Novizen zu besonderen Zyklus aufbauen lässt. 

Worauf es sportpsychologisch im Klettern ankommt, wurde Johannes Wunder (zum Profil) im Sportradio Deutschland gefragt. Entstanden ist ein spannendes Gespräch über das Klettern, die olympische Premiere, sportpsychologische Handgriffe und mentale Gesundheit.

   

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Thorsten Loch: Skateboarder müssen den Umgang mit Verletzungen lernen

Der deutsche Skateboarder Tyler Edtmayer hat es bei den Olympischen Spielen geschafft. Nein, wir reden nicht von einer Medaille im Park-Wettbewerb, auch nicht von einer Qualifikation für das Finale. Aber er war dabei. Und das ist für einen Sportler, der sich kurz vor Tokio den Arm gebrochen hat, eine Leistung. Auf solche besonderen und sicher auch grenzwertigen Herausforderungen müssen sich SkateboarderInnen vorbereiten.

Zum Thema: Umgang mit Verletzungen

Thorsten Loch (zum Profil) von Die Sportpsychologen arbeitet mit dem deutschen SkateboarderInnen und wurde vor den Wettkämpfen vom Sportradio Deutschland zum Thema befragt. Darin macht er deutlich, wie sensibel und individuell der Umgang mit Verletzungen ist. Wie viele Perspektiven es gibt. Welche Rolle SportpsychologInnen in diesem Zusammenhang einnehmen sollten. Und was beziehungsweise wer am Ende entscheidet – denn eines vorab: SportpsychologInnen sind es nicht…

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Warum die Sportpsychologie (nicht) immer schweigen muss!

Die Schweigepflicht dient auch in der Sportpsychologie primär dem Schutz der Intimsphäre der Klient*innen. Sie ist grundlegend für eine therapeutische Beziehung und zentraler Bestandteil des ethischen Verhaltenskodex’ aller Psychologieverbände weltweit. Andererseits wird die Sportpsychologie vermehrt angefragt, um psychologische Sachverhalte auch in der Öffentlichkeit zu erörtern. Die aktuelle Diskussion um die mentalen Schwierigkeiten von Turnstar Simone Biles zeigt, dass die Zulässigkeit öffentlicher Stellungnahmen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden muss.

Zum Thema: Schweigepflicht in der Sportpsychologie

Den Anstoss zu diesem Text gab ein kleiner Disput, den ich kürzlich mit dem Redaktionsteam der Fachzeitschrift SEMS-journal geführt hatte. Zusammen mit Cristina Baldasarre und Philippe Müller durften wir einen Beitrag zum Thema „Elterncoaching“ verfassen. Dieser fusste auf einem einleitenden theoretisch-wissenschaftlichen Diskurs, dessen Bedeutsamkeit anhand einer Eltern-Befragung von ausserordentlich erfolgreichen Sportler*innen verifiziert werden sollte. Für eine möglichst praxisnahe Darlegung wurden Eltern um die explizite Druckerlaubnis einzelner Zitate angefragt, die in allen Fällen auch gewährt wurde. Das Redaktionsteam widersprach diesem Vorhaben mit folgender Begründung: 

«Wir bitten euch, auf Namensnennungen zu verzichten. Es könnte (trotz schriftlicher Absicherung) der Eindruck entstehen, dass wir ein Interesse daran haben, Namen von Athlet*innen und derer Eltern zu nennen. Wir möchten jedoch in diesem Heft aufzeigen, dass wir (Sportpsycholog*innen) es sehr gut verstehen, im Hintergrund zu wirken und absolut diskret sind – insbesondere in der Zusammenarbeit mit prominenten Athlet*innen. Hinzu kommt, dass keine Einwilligung der betreffenden Athlet*innen vorliegt, dass ihre Eltern über sie als Sohn oder Tochter Auskunft geben. Wir möchten mit allen Artikeln aufzeigen, dass der Persönlichkeitsschutz bei uns höchstes Gut ist.»

Robbie Federer: Ihr dürft das Zitat verwenden!

Um den Publikationserfolg nicht zu gefährden, verzichteten wir schliesslich auf die Namensnennung. Da ich die Eltern von Roger Federer um eine entsprechende Erlaubnis angefragt und damit implizit auch die Realisierung in Aussicht gestellt hatte, musste ich sie nun hinsichtlich der nicht namentlichen Nennung in Kenntnis setzen. Dies tat ich, gleichzeitig bat ich um eine Publikationseinwilligung für  Veröffentlichung mit Namensnennung auf unserer Plattform die-sportpsychologen. Dabei verwies ich auf das, wofür wir insbesondere stehen: Wissenstransfer, Transparenz und Vernetzung. Darauf angesprochen antworteten Lynette und Robbie: „Wir sind mit deinem Vorschlag einverstanden“!

Was lehrt uns dieses Beispiel? In der oben zitierten Begründung des Redaktionsteams ist der Duktus offensichtlich: Im wissenschaftlichen Kontext dominieren Professionalität, Persönlichkeitsschutz und Diskretion. Als Argumentarium dient der ethisch-moralische Verhaltenskodex für Psychologinnen und Psychologen (FSP, Berufsethik). Dieser definiert im Detail, wie die Rechte und die Integrität aller Personen, die in eine psychologische Tätigkeit einbezogen oder direkt davon betroffen sind, geschützt werden müssen. Die European Federation of Psychologists’ Associations (EFPA, 2011) hat im Umgang mit Medien zusätzlich folgende acht Richtlinien vorgestellt:

  1. Allen beteiligten Personen Respekt entgegenbringen;
  2. Vermeiden Sie es, in der Öffentlichkeit berufliche Meinungen über eine Person abzugeben;
  3. Sehr darauf achten, dass keine persönlichen Daten über Personen, mit denen der Psychologe eine berufliche Beziehung hat oder hatte, an die Öffentlichkeit gelangen;
  4. Darauf achten, seine Kompetenzen nicht zu überschreiten;
  5. Darauf abzielen, sein Publikum zu befähigen;
  6. Sich bewusst sein, dass er/sie auch eine Gemeinschaft von Psychologen vertritt;
  7. Sensibel sein für die möglichen Auswirkungen auf Dritte, wie Verwandte und andere Bekannte;
  8. Sensibel sein für die negativen Auswirkungen der Selbstdarstellung.

Vom Hardliner zum Öffentlichkeitsarbeiter?

Als ehemaliger Präsident der Swiss Association of Sport Psychology (SASP) und heutiges Vorstandsmitglied der Föderation Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) propagiere ich diese Grundhaltung seit vielen Jahren. Andererseits sind wir Sportpsycholog*innen als Expert*innen auch dafür verantwortlich, unser Fachwissen, unsere Haltungen und unsere Erkenntnisse mit der Öffentlichkeit zu teilen. Die traditionellen Medien (Fernsehen, Radio, Printmedien) sind zu bedeutenden Quellen von Wissen, Meinungen und Macht geworden. Seit zehn Jahren stellen wir zudem fest, dass die Informationsverbreitung bei jungen Menschen verstärkt über die Nutzung sozialer Medien erfolgt. Indem wir diese Medien mit Bedacht auch zum Wissenstransfer sportpsychologischen Know Hows nutzen, können wir letztlich zum Wohl aller im Sport beteiligten Akteure beitragen. Wie notwendig diese aktive mediale Bewirtschaftung unserer Themen ist, lässt sich aktuell an den Themen „psychische Gesundheit im Spitzensport“, „Kinderhochleistungssport“ oder „Übergang in die nachsportliche Karriere“ sehr gut darlegen!

Will die Sportpsychologie in Zukunft vermehrt positiv in Erscheinung treten, muss sie gerade im Bereich der Psychoedukation an Qualität und Reichweite zulegen. Abschliessend drei inspirierende Beispiele dazu:

1) Arte-Dokumentation: Think Gold – Mentaltraining im Spitzensport

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 (Quelle: youtube – https://www.youtube.com/watch?v=KNMcxse_NJI

2) Echo der Zeit-Beitrag mit Cristina Baldasarre: Enormer Leistungsdruck beim Frauen-Spitzensport

https://m.srf.ch/audio/echo-der-zeit/enormer-leistungsdruck-beim-frauen-spitzensport?partId=12028512

3) SEMS-Journal: Themennummer „Sportpsychologie“ / Beitrag Elterncoaching

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von sems-journal.ch zu laden.

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Stein des Anstosses 

Zum Abschluss will ich ganz bewusst noch das Zitat von Lynette und Robbie Federer veröffentlichen. Ganz zum Wohl aller im Sport beteiligten Akteure:

«Wir versuchten im täglichen Leben als gutes Vorbild für unseren Sohn voranzugehen. Uns war wichtig, ihm Werte wie Anstand, Respekt, Fairness und Ehrlichkeit – auch auf dem Tennisplatz – mitzugeben. In kritischen Situationen verhielten wir uns immer positiv unterstützend, halfen beim Verarbeiten von Enttäuschungen und Niederlagen – einfach indem wir unsere Elternliebe spielen liessen. Andererseits mussten wir nicht immer dabei sein, wichtige Entscheide hat unser Sohn schon in frühen Jahren auch selbst getroffen. Wir freuen uns heute natürlich über seine Erfolge, seine Beliebtheit – vor allem aber schätzen wir seine Charakterstärke, etwa seine Fairness auf dem Spielfeld und seine Kameradschaft mit seinen sportlichen Rivalen.»

Lynette und Robbie Federer, 2021

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Dem Netzwerk Die Sportpsychologen beitreten:

Quellen:

https://www.psychologie.ch/recht-qualitaet-im-beruf/ethik-qualitaet/berufsethik

http://ethics.efpa.eu/guidelines/

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Sommerspiele-Special: Kopf und Leistung

Viele unserer ExpertInnen betreuen aktuelle Olympia-TeilnehmerInnen oder haben Sportler und Sportlerinnen auf ihrem Weg zu Spitzenleistungen begleitet. Und tatsächlich, die mentalen Aspekte von sportlicher Leistung waren oberflächlich betrachtet noch nie so präsent wie im Moment. Was in der medialen Sportberichterstattung aber immer noch viel zu kurz kommt und selbst im System Leistungssport noch deutlich zu unbekannt ist, ist der Fakt, wie unterschiedlich diese Wege sind.

Zum Thema: Sportpsychologie im Leistungssport

Die Olympischen Spiele in Tokio liefern aktuell im Viertelstundentakt ganz unterschiedliche Belege, wie omnipräsent mentale Faktoren für die sportliche Leistung sind. Sei es in den Formulierungen der KommentatorInnen, in den Aussagen der SportlerInnen vor oder nach den Wettkämpfen oder aber in Handlungen, die uns alle fragend und unsicher zurücklassen.

Entsprechend wächst das öffentliche Interesse an der Sportpsychologie – belastbar und fundiert, wie kürzlich in einem Interview von Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil) mit dem Sportradio Deutschland deutlich wurde. Hier wurde unser Experte gefragt, was seine psychologische Arbeit mit Leistungssportlern im Wesentlichen umfasst:

Problemvermeider versus Problemlöser

Weit verbreitet ist die Annahme, dass es, bevor es SportpsychologInnen wirklich braucht, erst einmal ein Problem geben muss. Aus vielen Sportler-, Trainer- und Funktionärsköpfen ist die rote Couch zwar mittlerweile verdrängt, die rote Feuerwehr hält sich als Sinnbild für sportpsychologische Einsatzszenarien aber weiterhin hartnäckig. Es wird etwas Zeit dauern, bis unsere ExpertInnen bildlich gesprochen im Beiboot, Mannschaftswagen oder auf der Bank sitzen. Bis dass so weit ist, bleibt es nicht verwunderlich, dass auch aus journalistischer Perspektive häufig erst dann das Mentale in den Fokus gerät, wenn Ziele verfehlt worden sind.

Aber sind wir ehrlich: Das Bearbeiten von Fehlern macht ja auch Spaß und ist natürlich auch ein Kernpunkt sportpsychologischer Arbeit. Dr. Rita Regös (zum Profil), die unter anderem deutsche SportschützInnen betreut, wurde wiederum vom Sportradio Deutschland in der ersten Olympiawoche gefragt, wie Ihre AthletInnen in der konkreten Situation mit Misserfolgen umgehen. Ihre Antwort gilt genauso für Fußballer wie für Schachspieler, die menschlich agieren und damit trotz aller Vorbereitung Fehler machen: “Es geht darum, dass Sportler in Vorbereitung und während der Handlung nicht an das Ergebnis denken. Ziel muss es sein, handlungsleitend zu denken, also sich zum Beispiel mit der technischen Abfolge zu beschäftigen anstatt mit den Konsequenzen einer möglichen Fehlhandlung. Und selbst, wenn Fehler passieren und Sportler aus dem Rhythmus kommen, sollten sie in der Lage sein, die Aufmerksamkeit wieder zurücklenken zu können.”

Mehr als nur Sport

Trotz aller in Tokio erlebten Top-Leistungen und mit durchlittenen Fehlhandlungen ist es besonders eine Aktion, welche nach einer Woche die weltweite Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat: Der Wettkampfabbruch der amerikanischen Top-Turnerin Simone Biles im Mannschaftsmehrkampf. Nach ihrem ersten Sprung verabschiedete sich die 24-Jährige von ihren Teammitgliedern, verschwand in den Katakomben und machte danach öffentlich, dass sie Probleme mit ihrer mentalen Gesundheit habe. Wie ein Blitz traf diese Entscheidung die sportliche Weltöffentlichkeit – vielleicht ein wichtiger Wendepunkt im offenen Umgang von Athleten und Athletinnen mit deren psychischer Gesundheit. Eine Entwicklung, die in den vergangenen Jahren vor allem in der internationalen Popmusik stattfand und nun auch auf der der größten Bühne der Weltsports nötigen Raum bekam.

Die mentale Gesundheit ist natürlich auch für Sportpsychologen ein Thema. Auch wenn ein zu Teilen missverständliches. Viele JournalistInnen oder auch EntscheiderInnen im Sport ist nicht klar, dass klinische Probleme zwar von SportpsychologInnen – abhängig von der Qualität ihrer Ausbildung – erkannt werden können aber nicht behandelt werden dürfen. Mehr denn je geht es in der sportpsychologischen Praxis aber um Menschlichkeit, um ein funktionierendes Miteinander zwischen allen Akteuren im System und letzten Endes auch um die Relativierung von sportlicher Leistung.

Biles und Osaka als Vorbilder

Biles mutiger Schritt führte dazu, dass zahlreiche ProfilinhaberInnen von Die Sportpsychologen gleich mehrfach für Interviews angefragt worden sind. Gleich doppelt hat die Plattform Watson bei unseren ExpertInnen zugegriffen. Für die Schweizer Auflage des Mediums wurde Cristina Baldasarre (zum Profil) gebeten, Biles Entscheidung zu bewerten: “Es zeigt sehr viel Stärke und den langen Leidensweg von Biles. Eines der wichtigsten Turniere sausen zu lassen, das entscheidet man nicht einfach aus einer Laune heraus. Das war ein langer Prozess. Bis jetzt hat sie sich immer durchgebissen. Doch jetzt ging es nicht mehr. Es zeigt, wie die Turnerin unter allen Erwartungen und dem Druck fast zerbricht. Sie hat es Gott sei Dank gemerkt und für sich entschieden, «das ist es mir nicht wert».” Janosch Daul (zum Profil) wurde von Watson-Deutschland befragt und betonte vor allem die Vorbildrolle von Biles und Naomi Osaka, der japanischen Tennisspielerin, die jüngst auch von mentalen Problemen berichtete: “Sowohl Simone Biles als auch Naomi Osaka sind absolute Vorbilder, gerade für die junge Generation, in Bezug auf ihren verantwortungsbewussten Umgang mit sich selbst. Nämlich bewusst die Notbremse zu ziehen und, gefangen in ihrem Leid, nicht einfach wie eine Maschine weiterzumachen. Der Schlüssel für das Wohlergehen und auch die (sportliche) Leistungsfähigkeit eines Menschen ist immer die psychische Gesundheit.”

Vom Sportradio Deutschland wurde Dr. René Paasch (zum Profil) zum Druck interview, den Sportler und Sportlerinnen insbesondere bei den Olympischen Spielen aushalten müssen:

Abliefern, wenn es darauf ankommt

Wir von Die Sportpsychologen haben in den vergangenen Monaten ein einzigartiges Online-Coaching entwickelt, in dem SportlerInnen, TrainerInnen und Coaches einen intensiven und praxisnahen Einblick in mentale Techniken und Methoden bekommen.

Mehr Informationen:

https://www.die-sportpsychologen.de/2021/02/abliefern/

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Quellen:

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von sportradio-deutschland.de zu laden.

Inhalt laden

https://www.watson.de/sport/analyse/613212108-olympia-nach-der-absage-von-turnerin-simone-biles-sie-ist-ein-vorbild

https://www.watson.ch/!505588478?utm_source=whatsapp&utm_medium=social-user&utm_campaign=watson-app-ios

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Klaus-Dieter Lübke Naberhaus: Ein Outing während der Olympischen Spiele hätte Wirkung

Zuletzt machten vor allem US-Profi-Sportler mit ihren Outings aufmerksam. Im Juni war es der American Football-Spieler Carl Nassib, im Juli machte der Eishockeyprofi Luke Prokop seine Homosexualität öffentlich. Zwei aktive Profis aus dem Top-Ligen im Football und Eishockey – eine Zeitenwende und ein Fingerzeig für die olympischen Spiele?

Zum Thema: Homosexualität im Profi-Sport

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil) von Die Sportpsychologen hat 2017 im Auftrag des Deutschen Handballbundes das Modul “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” für die C-Trainer Aus- und Fortbildung mitentwickelt. Seit Jahren arbeitet er als Sportmediziner, Co-Trainer und sportpsychologischer Coach im Handball, Eishockey und mit Individualsportlern und weiß, wie sich der Umgang mit dem Thema Homosexualität verändert. Im Sportradio Deutschland wurde er als Experte gefragt, ob er die olympischen Spiele als die richtige Plattform sieht, auf der Sportler und Sportlerinnen aktiv für mehr Offenheit im Umgang mit Sexualität werben können:

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Dr. René Paasch: Falsche Entscheidungen in Fußball-Nachwuchsleistungszentren vermeiden

In Nachwuchsleistungszentren der Fußball-Bundesligisten werden reihenweise falsche Entscheidungen getroffen. Was klingt wie eine plumpe Schuldzuweisung oder ein Überspielen einer emotionalen Verletzung, ist nichts anderes als ein Fakt. Um besser zu verstehen, weshalb im Fußball falsche Entscheidungen getroffen werden, wie bessere Entscheidungen erarbeitet werden können und wie Spieler sowie deren Eltern besser mit den Ergebnissen umgehen können, habe ich hier ein komplexes Gedankenexperiment gestartet.   

Zum Thema: Bessere und gerechte Entscheidungen im Fußball treffen

Stellen Sie sich vor, Sie und Ihr bester Freund sind talentierte junge Spieler mit einer hervorragenden Prognose für den Profifußball. Sie beiden haben gerade erfolgreich das NLZ durchlaufen und zuletzt in der Jugendfußball-Bundesliga gekickt. Aufgrund dessen wurden Sie beide für einen renommierten Bundesligisten gescoutet und zum Probetraining eingeladen. Ihr Probetraining lief wie am Schnürchen. Der Cheftrainer ist sichtlich von Ihrem Talent beeindruckt und Sie schlendern anschließend zuversichtlich über das Trainingsgelände. Die Sonne strahlt und die Mitspieler verabschieden Sie mit den Worten: „Sehr gutes Training, bis hoffentlich bald!“ Vieles scheint zu passen. Ihr Freund hat sein Probetraining am darauffolgenden Tag. Auch seine persönliche Vorstellung lief prima. Doch noch während er das Trainingsgelände verlässt, regnet es stark. Es gießt wie aus Eimern. Ein paar Wochen später gab es das Gespräch mit dem Trainer. Ihr Freund wurde genommen, Sie aber nicht. Ihr Kopf beginnt zu rattern: Wie kann das sein? Sie haben beide ein hervorragendes Probetraining geboten und könnten jeweils verschiedene Spielpositionen im Team bekleiden. Warum er, warum ich nicht? 

Nun, möglicherweise lag das Ergebnis nicht an Ihren fußballerischen Fähigkeiten, sondern an völlig zufälligen und unvorhersehbaren Faktoren – zum Beispiel am Wetter. Ich stellte in einer kleinen Stichprobe fest, dass sich Trainer an regnerischen Trainingstagen stärker auf Erfahrungswerte anderer konzentrierten statt auf das gegenwärtige Probetraining. Dagegen sind sie an sonnigen Tagen sensibler für fußballerische Qualitäten, wie bspw. Antizipation, die Technik, das Zweikampfverhalten und die Handlungsschnelligkeit. Wir erinnern uns: Bei Ihrem Probetraining schien die Sonne. Es könnte also sein, dass der Trainer mehr auf die Aussage anderer gehört hat als auf die Trainingsleistung. Oder Ihre Ablehnung hatte ganz andere Gründe. Vielleicht waren die letzten Probespieler vor Ihnen erfahrener wie Sie. Vielleicht hatte der Trainer einfach nur einen schlechten Tag. Oder die saisonale Vorbereitung und Testspiele liefen nicht gut. So irrelevant das alles klingt: Relevante Studien in anderen Berufsfeldern und eigene Erfahrungen weisen auf diese Verzerrungen hin. Das bedeutet: Das menschliche Urteilsvermögen kann von willkürlichen und unvorhersehbaren Faktoren beeinflusst werden. In all den beschriebenen Szenarien trifft ein und dieselbe Person in grundlegend identischen Situationen unterschiedliche Entscheidungen. Die Frage ist: Warum? 

Der Unterschied zwischen Bias und Noise 

Unternehmen wir ein weiteres Gedankenexperiment. Dieses Mal verschlägt es Ihrem Freund und Sie an die Torwand. Sie stehen also nebeneinander, jeweils mit einem Ball am Fuß und schießen auf die gegenüberliegende Torwand. Zwar sind Sie beide gute Kicker, dennoch gibt es einen Unterschied: Ihre Bälle flogen weit über die Torwand hinüber. Sie weichen ohne erkennbares Muster von den unteren und oberen Löchern ab. Die Bälle ihres Freundes hingegen wiesen ein anderes Bild auf: Bei ihm flogen die Bälle alle in einer Region unten links oder waren ein Volltreffer. Woran hat es gelegen? Das Standbein und die Fußstellung waren deutlich unterschiedlich sowie auch der Anlaufwinkel. Auch die anschließende Korrekturempfehlung und weitere Schüsse auf die Torwand wiesen keine Veränderung bei Ihnen beiden auf. Dieses Beispiel ist eine Metapher für zwei unterschiedliche Arten von Urteilsfehlern. Wenn sich jemand immer nach demselben Muster oder Verhalten irrt, sprechen wir von einem Bias (Wason, 1968). Besonders in der Psychologie steht das Bias „kognitive Verzerrung“ für eine Voreingenommenheit, dass das objektive Urteilsvermögen eines Menschen verzerrt. Seine Entscheidungen weichen systematisch vom Optimum ab – genau wie die oberen Schüsse Ihrerseits. Das Bias wurde bereits vielfach untersucht, weil sie sich an konkrete Ursachen knüpfen lassen. Doch genauso gibt es Entscheidungen, die wie Ihre Schüsse völlig wild und willkürlich vom Optimum abweichen. Hier spricht die Psychologie vom sogenannten Noise (Kahnemann et. al. 2021) von einem störenden Rauschen, das die Ergebnisse menschlicher Entscheidungen zufällig und unberechenbar streut. Jetzt erinnern Sie sich an den Trainer des Bundesligisten. Die entscheidende Frage wäre, ob seine Entscheidung gegen Sie durch ein systematisches Bias oder durch Noise, also eher zufällig, beeinflusst wurde? 

Wir können festhalten: Bei Urteilsfehlern entscheiden wir zwischen Bias und Noise, also zwischen einer systematischen und einer völlig willkürlichen Abweichung von der optimalen Entscheidung. Konzentrieren wir uns nun auf die Frage, wann es eigentlich zu willkürlichen Urteilsfehlern kommt? 

Wir verkennen, wie viel wir nicht wissen

Angenommen ein Bereichsleiter U12-U16 und die dazugehörigen Cheftrainer im NLZ müssen entscheiden, ob Jugendspieler aussortiert werden oder im Verein verbleiben dürfen. Diese tragen mit Ihrer Entscheidung eine große Verantwortung. Die abschließenden Entwicklungsgespräche über ihre Zukunft stehen noch aus. Verweigern sie den Verbleib im NLZ zu Unrecht, verlieren die Jugendspieler möglicherweise ihr Selbstvertrauen und hören mit dem Fußball auf. Die Familie, Freundschaften und die Schule könnten darunter leiden. Dürfen die Nachwuchsspieler im NLZ verbleiben, müssten evtl. andere dafür ihren Platz räumen. All diese Konsequenzen muss der Bereichsleiter und die Trainer bei ihren Entscheidungen in Betracht ziehen. Darum stützen sie sich auf ihre langjährige Erfahrung, um dessen Entwicklungen vorherzusagen. Ist das ausreichend genug? Aber: Wir Menschen sind furchtbar schlecht darin, akkurate Vorhersagen zu treffen. 

In diesem Zusammenhang möchte ich eine interessante Studie aus dem Jahr 2018 heranziehen. Das Team von Sendhil Mullainathan entwickelte einen Algorithmus, der ermittlungsrechtliche Entscheidungen simulierte. Die Forscher fütterten das Programm mit Daten aus rund 760.000 echten Anhörungen und kamen zu einem ernüchternden Ergebnis: Der Algorithmus hätte bessere Entscheidungen getroffen als die Gerichte. Er hätte die Zahl der Inhaftierungen um 42 Prozent und die Delikte entlassener Angeklagter um 24 Prozent gesenkt. Da stellt sich die Frage: Warum führen die jahrelange Ausbildung und Expertise menschlicher Richter zu schlechteren Urteilen als Algorithmen? Die Antwort ist simpel: weil Richter Menschen sind. 

Ähnliches lässt sich auch auf den Fußball übertragen. Wenn wir Prognosen von Spieler treffen, sehnen wir uns insgeheim nach einer erfolgreichen Karriere für den jungen Spieler. Das ist wie ein mentales Puzzlespiel. Sobald wir eine mögliche Antwort finden, durchfährt uns ein inneres Signal mit dem Zuruf: „Der Spieler hat eine große Zukunft vor sich!“ Diese Vorhersagen stellen uns zufrieden, weil sie mit unseren bisherigen Erfahrungen im Fußball kohärent sind.  Aber die Macht dieser emotionalen Befriedigung lässt uns die Beschränktheit unseres Urteilsvermögens vergessen. Ich spreche dann von objektiver Unwissenheit. Wir verkennen, wie viel wir nicht wissen. Wir ignorieren, dass unser vorhandenes Wissen möglicherweise falsch oder irreführend ist. Wir ignorieren unsere Ignoranz. Mit anderen Worten: Wir Menschen lassen uns bei Vorhersagen leicht davon verleiten, was sich emotional richtig anfühlt und verkennen unser eigenes Unwissen. Nun wollen wir ja aber keine Trainer durch Maschinen ersetzen. In dem Fall könnten wir diesen Blogbeitrag an dieser Stelle abbrechen. Daher geht es im Folgenden darum, wie sich das menschliche Urteilsvermögen im Fußball verbessern lässt. 

Noise passt (noch) nicht in den Fußball 

Sie werden bemerkt haben, dass meine vorherigen Abschnitte oft mit einer kleinen Geschichte beginnen. Ich skizziere eine kurze Handlung mit Ort und Zeit, in der ein Charakter auf dem Weg zu seinem Ziel mit Widerstand konfrontiert wird. Warum ich das mache? Weil der menschliche Verstand Geschichten liebt. Informationen, die in Narrative eingebettet sind, bleiben besser im Gedächtnis haften. Wir haben gesehen, dass Noise de facto viele menschlichen Urteile verfälscht. Da stellt sich doch die Frage: Wenn Noise so präsent ist, warum hört man dann so wenig im Fußball davon? 

Die Antwort lautet: weil Noise sich nicht in Geschichten verpacken lässt. Viele der jüngsten psychologischen Erkenntnisse zeigen, wie sehr unsere Wahrnehmung über Narrative funktioniert. Heute wissen wir, dass unser Verstand Geschichten braucht, um sich die Welt zu erklären. Ein Beispiel ist das gut dokumentierte Phänomen des fundamentalen Attributionsfehlers (Aronson et.al. 2008): Wir tendieren dazu, Menschen für Ergebnisse verantwortlich zu machen, die sich besser durch willkürliche Umstände erklären lassen. Mit anderen Worten: Wir sehen überall Charaktere, Handlungen und Zusammenhänge. Die Dinge erscheinen uns nur dann sinnvoll, wenn wir daraus eine Geschichte stricken können. Die treibende Kraft dahinter ist der psychologische Mechanismus des Naiven Realismus. Wir setzen unsere subjektive Wahrnehmung mit objektiver Wahrheit gleich und halten sie für die Realität. Sobald ein Ereignis diese Realität infrage stellt, konstruiert unser Verstand Narrative, um Widersprüche zu entkräften. Das führt dazu, dass wir teilweise so lange nach einer Geschichte suchen, bis wir uns das Unerklärliche im Nachhinein doch noch erklären können. Doch genau hier liegt das Problem: Noise ist zu sperrig für Narrative. Noise ist nicht kausal und passt nicht zu unseren Erklärungsmustern. Es liefert nichts als scheinbar sinnlose und frustrierende erzählerische Versatzstücke. Wir übersehen Noise, weil es nicht zum Rest unserer Geschichte passt. Darum registrieren wir Noise nur statistisch. Oder wir verwechseln es mit Bias, denn Bias lässt sich auszählen. In einzelnen Fällen spielt Voreingenommenheit durchaus eine Rolle. Aber zusammengenommen ergeben diese Fehlentscheidungen nichts als zufälliges Chaos. Nun haben wir ein Gefühl dafür, was Noise alles anrichten kann. Aber wie können wir damit umgehen?  

Mentale Hygiene  

Steigen wir wieder mit einem Gedankenexperiment ein: Sie wurden in der Kindheit umfangreich gegen verschiedene Kindererkrankungen geimpft. Mit dieser lebenswichtigen Vorgehensweise hindern sie unzählige Erreger daran, ihren Körper zu befallen. Dasselbe können wir tun, um unser Urteilsvermögen zu verbessern. Wir können eine Entscheidungshygiene betreiben und Prinzipien einführen, die unsere Entscheidungen weniger verzerren. Der erste Schritt – quasi das Pendant zum Impfen – besteht darin, sich vor wichtigen Entscheidungen mit den Grundlagen statistischen Denkens zu befassen. Wir haben gesehen, dass unser geschichtsfixierter Verstand aus allem Narrative stricken will. Wir sehen überall Bedeutungen und Zusammenhänge und verkennen unsere eigene Ignoranz. Genau so entstehen willkürliche, verrauschte Urteilsfehler. Sie müssen daher versuchen, einen Blick von außen einzunehmen: 

Nehmen wir an, Ihr Verein stellt einen neuen Vereinsmanager ein und Sie wollen einschätzen, ob dieser Erfolg hat. Dann könnten Sie seine Ausbildung, seinen Ruf und seine Vita durchleuchten. Aber letztendlich erhalten Sie nur einen Haufen komplexer und potenziell irreführender Informationen. 

Ein Ansatz mit weniger Verzerrungen bestünde darin, einen Referenzrahmen zu schaffen. Sie könnten recherchieren, welchen Umsatz Vereinsmanager in der Fußball-Bundesliga durchschnittlich erwirtschaften oder sie schauen sich an, wie oft die Rekrutierung neuer Manager in steigenden Aktienwerten der Vereine resultieren. Beides schafft eine statistische Basis, mit der Sie ein allzu intuitives Urteil vermeiden. Natürlich sollen sich Entscheidungen emotional richtig anfühlen, aber im Idealfall doch aus den richtigen Gründen, oder? Heben Sie lieber die emotionale Belohnung für eine fundierte und möglichst akkurate Einschätzung auf. Zum Beispiel kann es ein spannendes mentales Puzzle sein, die Amtszeit Ihres neuen Managers mit den Aktienwerten des Vereins zu verknüpfen – aber auch völlig irrelevant. Versuchen Sie stattdessen, schwere Einschätzungen in separate Einzelfragen herunterzubrechen und auf unabhängige Urteilende zu verteilen. Wir halten also fest: Entscheidungshygiene kann Verzerrungen reduzieren. Entscheidend dafür ist, dass Sie nicht allein aus dem Bauch heraus urteilen, sondern vor dem Hintergrund solider Referenzen. 

Der Nachwuchs- und Profisport wäre gut beraten die Vielfalt an Meinungen und Entscheidungen gegenüber Nachwuchsspielern zu berücksichtigen. Aber wenn Trainer und Bereichsleiter über substanziell ähnliche Altersgruppen und Fähigkeiten urteilen, ist Individualismus fehl am Platz. Sie müssen sich darauf verständigen, dass Genauigkeit die höchste Priorität hat. Im nächsten Schritt müssen die Urteilenden selbst an der Erstellung von Testszenarien für einen Noise Audit – mehrere Fachkräfte urteilen unabhängig über ein Thema – beteiligt werden. Andernfalls stehen sie der Prüfung kritisch und ablehnend gegenüber. Im letzten Schritt müssen die Urteilenden durch den Noise Audit erkennen und verstehen, wie hoch die negativen Folgen ihrer Urteilsfehler sind. Das heißt unterm Strich: Damit Verzerrungen in der Bewertung von Nachwuchsspielern reduziert werden kann, müssen sich die Verantwortlichen gemeinsam darauf einigen, wie genau ein optimales Entwicklungsgespräch und Beurteilung von Spielern aussehen kann. 

Fazit 

Stellen wir uns zum Abschluss noch einmal die Fragen: Was ist Noise? Warum ist es ein Problem im Fußball? Und wie lässt es sich bekämpfen? Am besten lässt sich Noise durch die Abgrenzung zum Bias erklären. Ein Bias ist eine systematische Abweichung von einer optimalen, gerechten und möglichst objektiven Einschätzung von Jugendspielern. Noise meint demgegenüber die völlig willkürliche und zufällige Streuung von Urteilsergebnissen wie die zahlreichen unterschiedlich gerechten oder weniger gerechten Entwicklungsgespräche im Nachwuchsfußball und die Entscheidung über dessen Verbleib. Das Problem ist, dass wir uns bei der Untersuchung von Urteilsfehlern bislang nur auf Bias konzentriert haben. Wir haben also nicht analysiert, warum die Nachwuchsleistungszentren von urteilenden Verantwortlichen substanziell identische Talente unterschiedlich falsch bewerten. 

Noise reduzieren und die Nachwuchsleistungszentren dazu befähigen, einheitlicher und gerechter zu urteilen – von Vereinsmanager und sportliche Leiter bis hin zu den Trainern der U-Mannschaften. Die Verantwortlichen in den Nachwuchsleistungszentren müssen verstehen, wie schwerwiegend ihre kollektiven Urteilsfehler sein können. Sie müssen sich gemeinsam auf das eigentliche und ultimative Ziel ihrer Bewertungen in den NLZ-Entwicklungsgesprächen einigen. Die Noise-Reduzierung ist keine einfache Arbeit, aber eine notwendige für den deutschen Fußball – insbesondere für viele Talente da draußen. Denn Noise selektiert frühzeitig junge Talente, Ressourcen und bestärkt die Ungerechtigkeit.  

Weitere vertiefende Artikel zum Thema finden Sie hier: 

  1. https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/dr-rene-paasch-wir-muessen-die-nlz-kicker-aus-den-zwangsjacken-befreien/ 
  2. https://www.die-sportpsychologen.de/2021/01/dr-rene-paasch-ein-neues-bildungskonzept-im-deutschen-fussball/ 
  3. https://www.die-sportpsychologen.de/2021/06/dr-rene-paasch-vertrauen-und-dankbarkeit-die-vergessene-basis-der-fuehrung-im-fussball/
  4. https://www.die-sportpsychologen.de/2018/12/dr-rene-paasch-die-wuerde-der-nachwuchsspieler-ist-unantastbar/ 

Mehr zum Thema:


Literatur 

Aronson, E.; T. D. Wilson, T.D. Akert, R.M. (2008): Sozialpsychologie. Pearson Studium. 6. Auflage 2008. S. 108.

Kahneman, D., Sibony, O., Sunstein, C. R, Schmidt, Th. (2021): Noise: Was unsere Entscheidungen verzerrt – und wie wir sie verbessern können. Siedler Verlag; 2. Edition (17. Mai 2021)

Kleinberg, J.; Sendhil Mullainathan, S.; Manish Raghavan, M. (2017): Trade-Offs in the Fair Determination of Risk Scores, Proceedings of the 8th Innovations in Theoretical Computer Science Conference (ITCS’17), 2017, 43:1–43:23.

Kleinberg, J.; Mullainathan, S. (2018): Simplicity Creates Inequity: Implications for Fairness, Stereotypes, and Interpretability. Studie lesen: https://arxiv.org/abs/1809.04578

Wason, P. (1968): Reasoning about a rule. In: Quarterly Journal of Experimental Psychology, Band 20

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Die Enttäuschung, wenn man sein sportliches Ziel nicht erreicht!

Viele sportliche Ziele, die ich mir in meinem Leben gesetzt habe, konnte ich bislang erreichen. Einige wenige nicht! Dazu gehören jetzt auch die 4-Trails in diesem Jahr. Dieses 4-Etappen Rennen über Teile der Alpen, in dem in vier Tagen ca. 110 Kilometer und 7500 Höhenmeter überwunden werden müssen. Anfang Juli bin ich dort gescheitert. 

Zum Thema: DNF – eine Frage der Ursachenzuschreibung

Was war passiert? Die Vorbereitung lief Corona-bedingt …hmm, solala. Ich hatte mich zwar frühzeitig angemeldet, aber im vorigen Jahr fiel dieses Rennen aus und wurde auf 2021 verlegt und erst ca. sechs Wochen vor dem Start kam das „Go“ aus Österreich. Ich hatte also sechs Wochen für eine spezifische Wettkampfvorbereitung. Mir fehlten natürlich die Läufe im alpinen Gelände und ich konnte nur im Mittelgebirge trainieren. Und dennoch ging ich das „Risiko“ voller Vorfreude ein. Ich steigerte meine Laufumfänge, die Intensität jedoch nur etwas, was auch berufsbedingt nur in gewissen Grenzen möglich war. Meinen Streak wollte ich nicht abreißen lassen, also war tägliches Laufen weiterhin angesagt, jedoch deutlich vorsichtiger. Die Vorfreude auf diesen Wettkampf war wirklich groß, auch wenn ich in diesem Jahr ohne meine Frau teilnehmen musste. Diese gemeinsame Erfahrung im Jahr 2019 war wirklich sehr positiv emotional in meiner Erinnerung eingebrannt.   

Ich überspringe mal viele Trainingstage und die Anreise und Organisation im Vorfeld und lande direkt in der ersten Etappe, die mit 27 Kilometern und 1750 zu überwindenden Höhenmeter zu Buche stand. Die Etappe begann sehr gut. Wetter super. Stimmung prächtig. Probleme bekam ich aber schon „relativ früh“, nachdem gut 1300 Höhenmeter und 15 Kilometer überwunden waren. Zum einen war mein Belastungspuls eigentlich zu hoch und ich bekam Krämpfe in beiden Oberschenkeln. Das war eine Erfahrung, die sich so noch nie hatte. Aber mit Magnesium (und ein paar Minuten Laufpause) bekam ich das alles gut in den Griff. Der Downhill lief ganz gut – keine Krämpfe, denn es ist ja auch eine andere muskuläre Belastung bergab und im Ziel fühlte sich alles ganz gut an.

Schläge ins Kontor 

Im Hotel angekommen, gab es natürlich die geplanten Erholungsmaßnahmen, vor allen Dingen Essen und Trinken und viel Ruhe und Schlaf. Am Abend kam dann noch die Information, dass der Start für den kommenden Tag von 9 Uhr auf 6:30 Uhr vorverlegt wird, weil eine Gewitterfront für den Nachmittag erwartet wird. Das war der eigentliche „erste Schlag ins Kontor“. Das bedeutete für mich „Umplanen im großen Stil“. Der Streckenverlauf wurde geändert, Nahrungsaufnahme am morgen (Frühstück) fiel damit auch flach, denn Aufstehen war um 5 Uhr und um 6 Uhr musste ich ja schon im Startbereich sein (Kontrolle Pflichtgepäck und Briefing). Ich hatte mir noch zwei Semmeln eingesteckt, aber essen war so früh noch nicht drin. 

Der Start erfolgte pünktlich und auch hier lief es erst einmal ganz okay über die ersten sechs oder sieben Kilometer. Dann – ziemlich plötzlich schoss mein Belastungspuls erneut in die Höhe, den ich auch nicht nach kurzen Pausen wieder runter bekam. Hinzu kamen nun auch noch Magenkrämpfe. Am ersten Verpflegungspunkt (VP) nach zehn Kilometern und 1000 Höhenmetern begann es mir, schwindelig zu werden. Der Arzt am VP 1 schaute mir in die Augen und kommentierte dies mit der Aussage: „Du siehst nicht gut aus – keine Farbe mehr im Gesicht und du siehst sehr wackelig aus.“ Also versuchte ich erst mal „runterzukommen“ und mich am Verpflegungsstand zu erholen. Nahrungsaufnahme, Trinken, Erholen. Nach zehn Minuten bekam ich meinen Puls immer noch nicht wirklich in den Griff. Auch mein Magen rebellierte weiter. Was nun tun mit noch weiteren 700 Höhenmetern im Anstieg und weiteren 16 Kilometern (inklusive eines technischen Downhills)? Ich wartete und begann Risiken abzuwägen. Nach weiteren zehn Minuten und keiner weiteren Veränderung meines Zustandes – und einem kurzen Telefonat mit meiner Frau – ging ich noch einmal zum Rennarzt. Während dieser mich „checkte“, kam ich zu dem Schluss, dass das Risiko weiter zu laufen, sehr viel höher ist, als das, was gegebenenfalls aus meinem nicht wirklich guten Zustand auf dem Spiel stand. Damit war mein drittes DNF in meinem Leben beschlossen. Das war emotional sicherlich eine schwere, aber wahrscheinlich notwendige und rational betrachtet richtige Entscheidung.

DNF als offene Wunde

Die darauf folgenden Tage musste ich diese Entscheidung und natürlich „das Große und Ganze“ mal auswerten. Emotional ist die Aufarbeitung eines DNF immer schwer. Man muss eben „rein in die offene Wunde“. Aber wenn ich nicht riskieren möchte, die Lust und die Leidenschaft am Trailrunning zu verlieren, war eine realistische Ursachenzuschreibung notwendig. Eine solche Ursachenzuschreibung ist im Erfolgsfall immer sehr viel leichter, weil man den Erfolg ja sehr gut auf sich und seine eigene Fähigkeiten zurückführen kann. Ändert man diese Zuschreibung aber im Misserfolgsfall nicht – und schreibt einen Misserfolg seinen fehlenden Fähigkeiten zu, dann verliert man sehr schnell und ziemlich komplett seine Leistungsmotivation.  

Aus meiner sportpsychologischen Praxis weiß ich nur zu gut: Dass „sich Auseinandersetzen“ mit dem eigenen Scheitern ist eine emotional schwierige Aufgabe, aber kann eben im besten Fall dazu führen, dass man weiterhin motiviert bleibt. Ich habe einige Tage gebraucht, um zu erkennen, was ich im Vorfeld alles falsch gemacht habe und was schlussendlich dazu geführt hat, dass ich aussteigen musste. Es lag aber grundsätzlich nicht an meine grundlegenden Fähigkeiten, sondern situativ lief nicht wirklich alles gut und wenn ich einige wenige Fehler in Zukunft nicht mehr mache (Stichwort: Rechtzeitige Nahrungsaufnahme und vernünftiges Training im alpinen Gelände), dann sollte es das nächste mal wieder klappen mit einem erfolgreichen Rennen in Teil-Etappen über alpines Gelände. Nach knapp zwei Wochen der Analyse freue ich mich jedenfalls wieder darauf.    

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Tokio 2020 – Zwischen Worst-Case Szenario und olympischem Traum

Es sind nur noch wenige Tage bis zur Eröffnungsfeier in Tokio. Funktionäre, Trainer*innen und Athlet*innen befinden sich im ultimativen Countdown auf den weltweit grössten Sportanlass, der Corona bedingt um ein Jahr verschoben werden musste. In welcher Gemütsverfassung und unter welchen Bedingungen die Sportler*innen an ihrem Tag X an den Start gehen werden, scheint so offen wie nie zuvor. Das Spektrum reicht vom «Worst-Case Szenario» bis «Erfüllung des Olympischen Traums».

Zum Thema: Olympia unter Pandemie-Bedingungen

„Expect the unexpected“ – erwarte das Unerwartete, lautet ein Merksatz, der mit der Teilnahme an Olympischen Spielen immer wieder genannt wird. Der Ursprung des Gedankens liegt in der unsicheren Vorhersagbarkeit des Wettkampfgeschens bei den Spielen, wo sich die Rahmenbedingungen im Vergleich zu anderen internationalen Meisterschaften deutlich unterscheiden. Für Tokio scheint die Einschätzung, was zu erwarten ist, noch ungenauer zu sein. Da sind vor allem die gedrückte Stimmung in Japan, das fehlende olympisches Fieber im Land, Notstandsrecht in der Stadt sowie erste positive Fälle im sportlichen Umfeld. Angesichts dieser Umstände überrascht nicht, dass der Schweizer Olympia-Psychologe Jörg Wetzel gegenüber dem SRF hinsichtlich dieser gestellten Herausforderungen besonders betont: „Wir haben uns bewusst auf worst-case Szenarien vorbereitet, damit wir vor Ort die tatsächlichen Restriktionen nicht als derart behindernd wahrnehmen und froh darüber sind, dass es doch nicht so schlimm ist“. Das Leben im „olympischen Dorf“ bezeichnet der Schweizer Olympia-Missionschef Ralph Stöckli aktuell als „halb so schlimm“. Er empfindet das Leben im Village als durchaus angenehm. Noch unklar sei, wie es im Trainings- und Wettkampfbetrieb laufen werde. Zu schaffen mache ihm vor allem fehlende oder verspätet eintreffende Informationen, welche den Planungs- und Organisationsprozess deutlich beeinträchtigen. 

Als grösste Herausforderung nennt Stöckli im SRF die spürbare Unsicherheit bei den Athlet*innen, „was nun tatsächlich anders ist, als erwartet“. Eine gewisse Anspannung bleibt. Genau an diesem Punkt setzt jene psychische Fähigkeit an, die die Sportpsychologie gerne mit «mentaler Stärke» umschreibt. Der amerikanische Sportpsychologe Jim Loehr (1986) nannte diese „mental toughness“ (mentale Zähigkeit) als Fähigkeit, unabhängig von den Wettbewerbsbedingungen Leistungen konstant im oberen Bereich des individuellen Talents und Könnens zu erbringen. Exakt diese „mentale Hartnäckig- und Zähigkeit“ im Hinblick auf Olympia zu entwickeln, erfordert eine gezielte und langfristige mentale Vorbereitung, welche ich kürzlich als Vertreter von mind2win im Newsletter der Partnerorganisation sportlifeone beschrieben habe. Den möglichen Einschränkungen, Unsicherheiten und Notfallszenarien zum Trotz: aus sportpsychologischer Sicht zählen ab jetzt nur noch positive Aktionen!

Mentale Stärke in einer wirklich besonderen Situation

Hier geht es mit einem Klick zum weiterführenden Text: Nur noch positive Aktionen zählen!

Zitat von Dr. Hanspeter Gubelmann aus dem sportlifeone-Text

https://sportlifeone.ch/2021/07/13/nur-noch-positive-aktionen-zaehlen/

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Quellen:

https://www.srf.ch/sport/tokyo-2020

Loehr, J.E. (1986). Mental toughness training for sports. New York: Plume

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Miriam Kohlhaas: Vorbild bunter Footballsport

In den vergangenen Wochen und Monaten haben gleich zwei American Football-Spieler für Aufsehen gesorgt, indem sie zwei der größten Tabus im internationalen Profi-Sport einfach mal so beiseite geräumt haben. Hayden Hurst und Carl Nassib. Während Hurst, der Tight End der Atlanta Falcons offen über seine Depressionserkrankung sprach und eine Stiftung an den Start brachte, outete sich Nassib als aktiver NFL-Spieler der Las Vegas Raiders als homosexuell. Zwei Fälle, die gern auch im deutschen Sport als Fingerzeig verstanden werden dürfen, oder?

Zum Thema: Umgang mit Tabus im American Football

Ganz so einfach ist es leider nicht, sagt Miriam Kohlhaas (zum Profil), sportpsychologische Expertin und absolute Insiderin im American Football in Deutschland. Sie wurde nach kürzlich vom Sportradio Deutschland (Link) zum Thema interviewt. Und weil dieses Gespräch ein besonderes schönes, informatives und anregendes war, haben wir uns vom Sender den Mitschnitt kommen lassen und laden euch hier zum Reinhören ein:

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Elterncoaching – macht es wie die Norweger!

Wenn die Rede von effizienter Spitzensportförderung im Hinblick auf Olympischen Erfolg ist, kommt man an einer Sportnation nicht vorbei: Norwegen. Wer glaubt, dieser Erfolg stünde ausschliesslich mit dem weltweit bekannten Förderprogramm Olympiatoppen zusammen, der irrt. Ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg liegt in der Art und Weise, wie das skandinavische Sportsystem die Eltern in seine Sportförderung einbindet!

Zum Thema: Eltern als Schlüssel für den sportlichen Erfolg der Kinder

Norwegen gilt für viele andere Sportnationen als herausragendes Beispiel für effizienten und nachhaltigen Erfolg im Spitzensport. So gewann das „Team Norge“ in Pyeongchang 2018 mehr Medaillen in der Geschichte der Olympischen Winterspiele als je eine andere Nation zuvor. Wie dieser historische sportliche Grosserfolg einer Nation mit gerade mal 5.3 Mio Einwohner*innen zustande kommt, war auch Untersuchungsgegenstand der Studie SPLISS (Sports Policy Factors Leading to International Sporting Success) des Bundesamtes für Sport (BASPO), welche kürzlich anlässlich einer Medienkonferenz von Sportministerin Viola Amherd im Bundeshaus der Öffentlichkeit vorgestellt wurde:

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Mitsprache und Mitwirkung der Jugendlichen

Zur norwegischen Nachwuchsförderung und der Einbindung der Eltern stellt der umfangreiche Bericht interessante Erkenntnisse zur Verfügung (Kempf et al. 2021, S.30)

(…) Eine mögliche Erklärung liegt in Norwegens Sportpolitik, die auf Mitsprache und Mitwirkung der Jugend ausgerichtet ist. So sollen Jugendliche die Möglichkeiten haben, sich an der Planung und Umsetzung ihrer eigenen Sportaktivitäten zu beteiligen und selbst entscheiden können, wie viel sie trainieren wollen. Mit den von den Verbänden angenommenen Kinderrechten im Sport wird gleichzeitig eine Altersgrenze für die Teilnahme an Wettkämpfen gesetzt: Die Jugendlichen dürfen an keinen nationalen Wettkämpfen unter 13 Jahren teilnehmen und an keinen regionalen vor dem 11. Lebensjahr. Bei einem Regelverstoss riskieren Verbände und Vereine, den Zugang zu öffentlichen Fördergeldern zu verlieren (Farrey, 28. April 2019). Weiter sind die harmonisierten Schul- und Arbeitszeiten zu erwähnen: Die Schulen enden bereits um 16 Uhr. Parallel dazu arbeiten die Norweger/innen deutlich weniger als die Schweizer/innen. Während die Schweizer Vollzeitbeschäftigten 2018 im Schnitt 42,5 Stunden leisteten, liegt der Schnitt in Norwegen bei 37,7 Stunden und ist somit eine der tiefsten in Europa (Wiget, 23. Mai 2019). Diese vergleichsweise kurzen Arbeits- und Schulzeiten schaffen für Kinder sowie deren Eltern den entsprechenden Freiraum zur Ausübung von sportlichen Aktivitäten. Zudem findet eine Einbindung der Eltern durch die Vereine statt: Wenn die Eltern ihre Kinder zum Vereinssport bringen, wird erwartet, dass sie ehrenamtliche Tätigkeiten übernehmen.

Eltern als Schlüsselakteure systematisch einbeziehen

Das Autor*innen-Team um Studienleiter Hippolyt Kempf, Olympiasieger in der Nordischen Kombination 1988 in Calgary, kommen zum Schluss ihres über 100-seitigen Berichts auf sechs zentrale Ansatzpunkte einer zukünftig weiter verbesserten Sportförderung zu sprechen. Ein besonderes Anliegen wird in der Sicherung der Vielfalt und Qualität der Sportangebot im Kinder- und Jugendsport festgehalten. Im Vordergrund steht dabei die Forderung eines optimalen Übergangs von der Polysportivität im Kinder- und Jugendsportbereich zur Spezialisierung im Anschlussbereich des Leistungssports. Zur Rolle der Eltern im helvetischen Sportkontext zeichnet die Studie ein eher ernüchterndes Bild (S.88) „Die Eltern sind oft nicht ausreichend orientiert, wenn es um spezifische Fragen im Leistungssport geht: Bei Karriereplanung, Schul- und Ausbildungsmöglichkeiten für Sportler/innen, Finanzierungs-, Rechts- und Versicherungsfragen und vielem mehr bleiben Fragen offen. Folglich bräuchte es einen systematischen Einbezug der Eltern bei Meilensteinen auf dem FTEM-Athletenweg.“

Elterncoaching – was nun?

Mit welchen konkreten Massnahmen und Mitteln ein systematischer Einbezug der Sporteltern im Umfeld des Schweizer Nachwuchsleistungssport zu erreichen wäre, lässt der Bericht offen. In Anlehnung an das skizzierte skandinavische Modell wären folgende Ansatzpunkte zu diskutieren, welche auch das Wirkungsfeld der Eltern tangieren:

  • aktive Mitgestaltung in Planung und Umsetzung der Sportaktivitäten und der Trainingsinhalte durch die Jugendlichen selbst;
  • Einführung von Altersgrenzen für die Teilnahme nationalen und internationalen Wettkämpfen;
  • konsequentes Festhalten an den Kinderrechten im Sport;
  • polysportive Ausrichtung der Jugendförderung anstelle einer einseitigen Frühspezialisierung; 
  • Entwicklung verstärkt kinder- und familienfreundlicher Arbeitsmodelle für Eltern (z.B. vermehrte Homeoffice-Möglichkeiten, um zeitintensive Arbeitswege zu einzusparen und damit zeitliche Ressourcen für eine vermehrte Einbindung der Eltern im Jugendsport zu gewährleisten);
  • Einbindung der Eltern und Übernahme ehrenamtlicher Tätigkeiten im Vereinssport

Im Mittelpunkt steht der junge Mensch und seine Entwicklung

Die inhaltliche Synthese der oben skizzierten Ansatzpunkte zeigt überdeutlich: den in Richtung Leistungssport strebenden jungen Sportler*innen muss ein adäquater Spielraum angeboten werden, der neben einer passenden sportlichen Entwicklung insbesondere auch die Chance einer selbstbestimmten und von den involvierten Eltern gestützten Persönlichkeitsentwicklung zulässt. 

Von diesem Ansatz handelt auch unser kürzlich in der Zeitschrift SEMS-journal (Sport & Exercise Medicine Switzerland) erschienene Beitrag „Wie Eltern in der Schweiz ihre Kinder erfolgreich auf dem Karriereweg nach Olympia begleiten“ (Gubelmann, Baldasarre & Müller, 2021). Dieser dokumentiert und analysiert – erstmalig in dieser Form – jene Wege von bekannten Sporteltern, welche in der Begleitung ihrer Kinder beschritten wurden.

Von erfolgreichen SportlerInnen-Eltern lernen

Dr. Hanspeter Gubelmann, Cristina Baldasarre und Philippe Müller haben an einer hoch interessanten Studie gearbeitet. Dazu haben sie sehr erfolgreiche SportlerInnen-Eltern interviewt, deren Ausführungen nicht nur für Väter und Mütter von AthletInnen von Bedeutung sein dürften, sondern auch für TrainerInnen, FunktionärInnen und JournalistInnen. Hier geht es zur Veröffentlichung in der Zeitschrift SEMS-journal (Sport & Exercise Medicine Switzerland):

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Link: https://sems-journal.ch/10123

Quellen: 

Gubelmann, H., Baldasarre, C. & Müller, P. (2021). Wie Eltern in der Schweiz ihre Kinder erfolgreich auf dem Karriereweg nach Olympia begleiten. SEMS-journal, 69 (2), S.41-45.

Kempf, H., Weber, A. Ch., Zurmühle, C., Bosshard, B., Mrkonjic, M., Weber, A., Pillet, F., & Sutter, S. (2021). Leistungssport Schweiz – Momentaufnahme SPLISS-CH 2019. Magglingen: Bundesamt für Sport BASPO.

Link zur BASPO-Medienmitteilung:
https://www.baspo.admin.ch/de/home.detail.news.html/baspo-internet/2021/leistungssport-schweiz-momentaufnahme-spliss-ch-2019.html

Medienkonferenz siehe youtube!
https://www.youtube.com/watch?v=XNbI9Gxn_4Q&t=2s

Link zu SEMS-Artikel:

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