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Prof. Dr. René Paasch: Mehr als nur Taktik? Wie Unterstützung, Vertrauen und Kritik große Turniere prägen

Die Fußball-Weltmeisterschaft lebt von Emotionen. Nach jedem Spiel wird analysiert, diskutiert und bewertet. Trainerentscheidungen werden hinterfragt, Aufstellungen kommentiert und Leistungen eingeordnet. Das gehört zum Fußball und macht einen Teil seiner Faszination aus. Auch bei der aktuellen Weltmeisterschaft sorgen Expertenmeinungen und öffentliche Diskussionen immer wieder für Gesprächsstoff. Aussagen von ehemaligen Nationalspielern, Trainern oder prominenten Beobachtern werden aufgegriffen, bewertet und weiterverbreitet. Solche Debatten sind keineswegs ungewöhnlich. Damit stellt sich eine zentrale sportpsychologische Frage:

Zum Thema: Wie viel öffentliche Kritik verträgt eine Mannschaft während eines großen Turniers?

Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Spitzensportlerinnen und Spitzensportler lernen früh, mit Erwartungen, Bewertungen und öffentlicher Aufmerksamkeit umzugehen. Kritik gehört zum Leistungssport dazu. Gleichzeitig zeigt die sportpsychologische Forschung seit vielen Jahren, dass sportliche Höchstleistungen nicht allein durch Technik, Taktik oder körperliche Fitness entstehen. Auch das soziale Umfeld spielt eine wichtige Rolle. Dazu gehören Trainer, Mitspieler, Familie, Medien und nicht zuletzt die Fans.

Die Bedeutung sozialer Unterstützung und einer gemeinsam geteilten Teamidentität ist in der sportpsychologischen Forschung gut belegt. Beide Faktoren tragen dazu bei, Teamzusammenhalt, Motivation und psychische Widerstandsfähigkeit zu fördern und schaffen günstige Voraussetzungen für erfolgreiche Mannschaftsleistungen (Fransen et al., 2023).

Die sportpsychologische Forschung zeigt zudem seit vielen Jahren, dass soziale Unterstützung eine wichtige Rolle bei der Bewältigung von Druck, Belastungen und Unsicherheiten im Leistungssport spielt. Athletinnen und Athleten profitieren insbesondere dann, wenn sie das Gefühl haben, von ihrem Umfeld verstanden, wertgeschätzt und unterstützt zu werden (Rees & Hardy, 2000; Freeman & Rees, 2010). Dabei geht es nicht um kritiklose Zustimmung oder darum, Probleme zu ignorieren. Entscheidend scheint vielmehr zu sein, ob Sportlerinnen und Sportler trotz Fehlern das Gefühl haben, dass ihnen grundsätzlich Vertrauen entgegengebracht wird. Gerade während einer Weltmeisterschaft stehen Spieler unter besonderer Beobachtung. Millionen Menschen verfolgen ihre Leistungen. Jede Aktion wird analysiert, jede Entscheidung diskutiert. In einem solchen Umfeld kann wahrgenommene Unterstützung helfen, die Aufmerksamkeit auf die eigene Aufgabe zu richten, statt sich ausschließlich mit Bewertungen von außen zu beschäftigen.

Die Namen auf dem Mannschaftsbus

Aktuelle Beispiele der Weltmeisterschaft verdeutlichen, wie eng sportliche Leistung und das soziale Umfeld miteinander verbunden sind. So entschied sich der DFB, die Namen tausender Fans auf dem Mannschaftsbus zu verewigen. Auf den ersten Blick mag dies wie eine symbolische Aktion erscheinen. Aus sportpsychologischer Sicht berührt sie jedoch ein zentrales Bedürfnis des Menschen: das Gefühl von Zugehörigkeit. Forschung zur sozialen Identität und zur kollektiven Wirksamkeit legt nahe, dass Menschen Herausforderungen häufig besser bewältigen, wenn sie sich als Teil einer unterstützenden Gemeinschaft erleben. Die Botschaft lautet dabei nicht: „Ihr müsst gewinnen“, sondern vielmehr: „Wir stehen hinter euch.“

In diesem Zusammenhang sind auch Aussagen von Rudi Völler interessant, der zu WM-Beginn von einer im Vergleich zu früheren Turnieren geringeren öffentlichen Euphorie rund um die Nationalmannschaft sprach. Aus sportpsychologischer Sicht geht es dabei weniger um Stimmung oder Unterhaltung als um die Frage der Identifikation. Forschung zur sozialen Identität, zur kollektiven Wirksamkeit und zu gemeinsamen Gruppenprozessen legt nahe, dass Menschen Motivation, Zugehörigkeit und Zusammenhalt häufig stärker erleben, wenn sie sich als Teil einer gemeinsamen Gruppe wahrnehmen (Haslam et al., 2020). Natürlich lässt sich nicht messen, ob Begeisterung allein Spiele gewinnt. Sie kann jedoch dazu beitragen, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Verbundenheit, Vertrauen und kollektive Wirksamkeit entwickeln können.

Gleichzeitig zeigen die Diskussionen rund um Aussagen ehemaliger Nationalspieler, Expertenkommentare oder sogar die Kleidung des Bundestrainers, wie schnell sich die öffentliche Aufmerksamkeit während eines Turniers auf Themen richten kann, die mit der eigentlichen Leistung nur indirekt zusammenhängen. Für Spieler und Trainer entsteht dadurch eine zusätzliche mentale Herausforderung. Während außen über Symbole, Äußerlichkeiten oder einzelne Aussagen diskutiert wird, gilt es intern, den Fokus auf die tatsächlich beeinflussbaren Faktoren zu richten: Vorbereitung, Kommunikation, Zusammenhalt und Leistung auf dem Platz. Genau hierin zeigt sich eine wichtige Erkenntnis der modernen Sportpsychologie. Forschung zu Selbstregulation, Aufmerksamkeit und Resilienz im Leistungssport legt nahe, dass erfolgreiche Athletinnen und Athleten versuchen, ihre Aufmerksamkeit bewusst auf beeinflussbare Faktoren zu richten und sich nicht ausschließlich von äußeren Bewertungen leiten zu lassen (Birrer & Morgan, 2010; Sarkar & Fletcher, 2014).

Psychologische Sicherheit statt Kritikfreiheit

Ein weiteres Konzept, das in der aktuellen Sportpsychologie zunehmend Beachtung findet, ist die sogenannte psychologische Sicherheit. Damit ist nicht gemeint, dass niemand kritisiert werden darf. Vielmehr beschreibt der Begriff ein Klima, in dem Menschen Fehler machen, Fragen stellen oder Unsicherheiten äußern können, ohne sofort Angst vor Abwertung haben zu müssen. Neuere Arbeiten aus dem Hochleistungssport weisen darauf hin, dass psychologische Sicherheit Lernen, Anpassungsfähigkeit und langfristige Leistungsentwicklung fördern kann (Taylor et al., 2022; Vella et al., 2024). Für Mannschaften bedeutet dies: Kritik kann hilfreich sein. Entscheidend ist jedoch, wie sie formuliert wird und ob sie Entwicklung ermöglicht oder lediglich zusätzlichen Druck erzeugt.

Was frühere Weltmeisterschaften zeigen

Viele Menschen erinnern sich noch heute gerne an die Weltmeisterschaften 2006 und 2010. Natürlich spielten die sportlichen Erfolge dabei eine wichtige Rolle. Gleichzeitig berichteten zahlreiche Spieler rückblickend von einer besonderen Verbindung zwischen Mannschaft und Umfeld. Aus sportpsychologischer Sicht könnte hier ein weiterer Faktor eine Rolle spielen: die sogenannte kollektive Wirksamkeit. Gemeint ist die gemeinsame Überzeugung einer Gruppe, Herausforderungen erfolgreich bewältigen zu können. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Teamzusammenhalt, Identifikation mit dem Team und psychologische Sicherheit eng mit Wohlbefinden, Zusammenarbeit und Leistungsfähigkeit verbunden sein können (Fransen et al., 2020). Ob sich solche Prozesse direkt auf einzelne Spiele übertragen lassen, kann niemand mit Sicherheit sagen. Dennoch erinnert die aktuelle Weltmeisterschaft daran, dass Leistung immer auch in einem sozialen Kontext entsteht.

Was können Fans tun?

Natürlich entscheidet kein Fan allein über Sieg oder Niederlage. Dennoch können Zuschauerinnen und Zuschauer beeinflussen, welches Klima rund um eine Mannschaft entsteht. Die Forschung legt nahe, dass Unterstützung besonders wirksam sein kann, wenn sie nicht ausschließlich an Ergebnisse gekoppelt wird, sondern auch Einsatz, Entwicklung und Lernprozesse anerkennt (Freeman & Rees, 2010). Für Fans könnte das bedeuten:

• Leistungen differenziert zu betrachten, statt einzelne Fehler herauszugreifen.

• Zwischen sachlicher Kritik und persönlicher Abwertung zu unterscheiden.

• Fortschritte ebenso wahrzunehmen wie Defizite.

• Vertrauen zu zeigen, bevor der Erfolg sichtbar wird.

• Nach Rückschlägen Unterstützung zu signalisieren, statt vorschnell Schuldige zu suchen.

Unterstützung bedeutet dabei nicht, alles gutzuheißen. Vielmehr geht es darum, Menschen auch dann Wertschätzung entgegenzubringen, wenn nicht jede Aktion gelingt.

Was können Spieler daraus mitnehmen?

Spielerinnen und Spieler werden öffentliche Meinungen niemals vollständig kontrollieren können. Sie können jedoch beeinflussen, wie sie mit ihnen umgehen. Studien zur mentalen Leistungsfähigkeit und Selbstregulation legen nahe, dass erfolgreiche Athletinnen und Athleten ihre Aufmerksamkeit bewusst auf kontrollierbare Faktoren lenken (Birrer & Morgan, 2010; Sarkar & Fletcher, 2014). Dazu gehören beispielsweise: die eigene Vorbereitung, die Umsetzung taktischer Aufgaben, die Kommunikation innerhalb der Mannschaft, die eigene Regeneration und die Konzentration auf den nächsten Handlungsschritt. Zudem kann es hilfreich sein, den Konsum sozialer Medien während großer Turniere bewusst zu steuern. Digitale Rückmeldungen können motivierend wirken, gleichzeitig, aber auch zusätzlichen Druck erzeugen und Stress verstärken (Henriksen et al., 2020). Mentale Stärke bedeutet deshalb nicht, Kritik auszublenden. Vielmehr geht es darum, zwischen beeinflussbaren und nicht beeinflussbaren Faktoren unterscheiden zu können.

Mehr als nur ein Spiel

Ob einzelne Aussagen von Experten, Medien oder Fans tatsächlich Einfluss auf die Leistung einer Mannschaft haben, lässt sich von außen kaum beurteilen. Niemand kennt die internen Gespräche, Dynamiken oder Entscheidungsprozesse eines Teams. Die aktuelle Diskussion erinnert jedoch an eine zeitlose Erkenntnis der Sportpsychologie:

Leistung entsteht selten allein.

Menschen entfalten ihr Potenzial nicht nur durch Talent, Training und Disziplin. Sie werden auch von den Beziehungen geprägt, die sie umgeben. Vertrauen, Unterstützung und Zugehörigkeit sind dabei oft weniger sichtbar als Tore, Tabellen oder Schlagzeilen. Ihre Bedeutung für langfristige Entwicklung und Spitzenleistungen sollte dennoch nicht unterschätzt werden. Große Turniere werden auf dem Platz entschieden. Doch die Bedingungen, unter denen Leistung entsteht, werden auch außerhalb des Spielfelds mitgestaltet. Unterstützung, Vertrauen und ein konstruktiver Umgang mit Kritik garantieren keinen Erfolg. Sie können jedoch dazu beitragen, dass Mannschaften ihr Potenzial unter Druck besser entfalten. Genau darin liegt möglicherweise eine der unterschätzten Lektionen großer Turniere.

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Mehr zum Thema:

Literatur

Birrer, D., & Morgan, G. (2010). Psychological skills training as a way to enhance an athlete’s performance in high-intensity sports. Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, 20(Suppl. 2), 78–87. https://doi.org/10.1111/j.1600-0838.2010.01188.x

Fransen, K., McEwan, D., & Sarkar, M. (2020). The impact of identity leadership on team functioning and well-being in team sport: Is psychological safety the missing link? Psychology of Sport and Exercise, 51, Article 101763. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2020.101763

Freeman, P., & Rees, T. (2010). Perceived social support from team-mates: Direct and stress-buffering effects on self-confidence. European Journal of Sport Science, 10(1), 59–67. https://doi.org/10.1080/17461390903049998

Haslam, S. A., Reicher, S. D., & Platow, M. J. (2020). The new psychology of leadership: Identity, influence and power (2nd ed.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9781351108232

Henriksen, K., Schinke, R. J., McCann, S., Durand-Bush, N., Moesch, K., Parham, W. D., Larsen, C. H., Cogan, K., Donaldson, A., Poczwardowski, A., Noce, F., & Hunziker, J. (2020). Athlete mental health in the Olympic/Paralympic quadrennium: A multi-societal consensus statement. International Journal of Sport and Exercise Psychology, 18(3), 391–408. https://doi.org/10.1080/1612197X.2020.1746379

Rees, T., & Hardy, L. (2000). An investigation of the social support experiences of high-level sports performers. The Sport Psychologist, 14(4), 327–347. https://doi.org/10.1123/tsp.14.4.327

Sarkar, M., & Fletcher, D. (2014). Ordinary magic, extraordinary performance: Psychological resilience and thriving in high achievers. Sport, Exercise, and Performance Psychology, 3(1), 46–60. https://doi.org/10.1037/spy0000003

Taylor, J., Collins, D., & Ashford, M. (2022). Psychological safety in high-performance sport: Contextually applicable? Frontiers in Sports and Active Living, 4, Article 823488. https://doi.org/10.3389/fspor.2022.823488

Vella, S. A., Mayland, E., Schweickle, M. J., Sutcliffe, J. T., McEwan, D., & Swann, C. (2024). Psychological safety in sport: A systematic review and concept analysis. International Review of Sport and Exercise Psychology, 17(1), 516–539. https://doi.org/10.1080/1750984X.2022.2028306

Fransen, K., Boen, F., Haslam, S. A., McLaren, C. D., Mertens, N., Steffens, N. K., & Bruner, M. W. (2023). Unlocking the power of ‘Us’: Longitudinal evidence that identity leadership predicts team functioning and athlete well-being. Journal of Sports Sciences. Advance online publication. https://doi.org/10.1080/02640414.2023.2193005

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Björn Korfmacher: Vor dem deutschen WM-Gruppenspiel gegen Ecuador – Ersatzbank oder eingespielte Elf?

Mit Blick auf das nächste WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft stellt sich eine spannende Frage: Gibt Julian Nagelsmann auch den Spielern aus der zweiten Reihe eine Chance? Darf vielleicht sogar der Ersatztorwart ran? Der Gedanke dahinter wäre nachvollziehbar: Deutschland ist als Gruppenerster gesetzt – warum also nicht die Stammkräfte schonen und den Ersatzspielern die Bühne geben? Ein paar Minuten WM-Luft. Ein unvergesslicher Moment. Eine Investition in den Teamzusammenhalt. Eine Chance, sich zu beweisen.

Zum Thema: Zwischen Wertschätzung und Leistungsprinzip

Aus Führungssicht wäre das ein starkes Signal: Vertrauen schenken, Wertschätzung zeigen, Motivation erhöhen. Denn gerade im Leistungssport ist das Gefühl, gebraucht zu werden, ein enormer psychologischer Faktor. Wer erlebt, dass der Trainer an ihn glaubt, kann plötzlich über sich hinauswachsen. Aber: Teams funktionieren nicht nur über individuelle Qualität.

Sportpsychologisch wissen wir, wie entscheidend Automatismen, gemeinsame Erfahrungen und Synchronisation sind. Ein eingespieltes Team erkennt Situationen schneller, kommuniziert intuitiver und trifft Entscheidungen oft nahezu blind miteinander. Gerade vor der K.-o.-Phase kann diese gemeinsame Abstimmung ein entscheidender Vorteil sein.

Die spannende Leadership-Frage lautet also:

Was ist wichtiger – dem Einzelnen einen Moment zu ermöglichen oder das große Ganze maximal vorzubereiten?

Als Coach sollte man die Situation ganzheitlich bewerten: Welche Spieler brauchen Rhythmus? Wer braucht Vertrauen? Wo kann ein Wechsel neue Energie bringen – und wo gefährdet er eingespielte Abläufe?

Fazit

Ein guter Trainer schafft es, beides zusammenzubringen: Den Spielern aus der zweiten Reihe Möglichkeiten zu schenken, ohne dabei die Stabilität des gesamten Teams aus dem Blick zu verlieren. 

Die Sportpsychologie ist bei solchen Fragen nicht außen vor, sondern kann und sollte mit einbezogen werden. Im Staff der DFB-Nationalmannschaft ist bei dieser Weltmeisterschaft erstmals Philipp Laux als Sportpsychologe vor Ort. Ich bin gespannt auf die Entscheidung von Bundestrainer Julian Nagelsmann und seinem Team. An alle Trainer und Trainerinnen unter euch: Wir helfen euch bei schwierigen Fragen gern, um das Beste aus deinem Team herauszuholen: Schaut euch gern um: zur Übersicht, zur Profilseite von Björn Korfmacher.  

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Wolfgang Seidl: Warum der nächste Punkt wichtiger ist als der Matchgewinn

Wer Tennis spielt, kennt die Situation: Vor dem Match kreisen die Gedanken um den Sieg, die Ranglistenpunkte oder die Bedeutung des Turniers. Während des Spiels wandert der Blick immer wieder zur Anzeigetafel oder zum möglichen Ausgang der Begegnung. Genau hier setzt ein Gedanke des renommierten Sportpsychologen Dr. Bob Rotella an. Er zeigt, warum weniger Fokus auf das Ergebnis oft zu besseren Ergebnissen führt.

Zum Thema: Zielsetzung im Tennis

„The smaller the target, the sharper the athlete’s focus, the better his concentration, and the better the results.“

Dieser Satz von Dr. Bob Rotella beschreibt ein Prinzip, das im Tennis besonders wertvoll ist. Denn kaum eine andere Sportart konfrontiert Athleten über einen so langen Zeitraum mit Gedanken über den Spielstand, mögliche Konsequenzen eines Sieges oder die Angst vor einer Niederlage.

Wenn das Ergebnisdenken übernimmt

Viele Tennisspieler betreten den Platz mit klaren Erwartungen. Sie möchten das Match gewinnen, Ranglistenpunkte sammeln oder ihre Setzung bestätigen. Daran ist grundsätzlich nichts falsch. Problematisch wird es jedoch, wenn das Ergebnis während des Spiels zu stark in den Fokus rückt.

Dann entstehen Gedanken wie:

  • „Wenn ich dieses Spiel gewinne, bin ich im Halbfinale.“
  • „Ich darf diesen Satz nicht mehr verlieren.“
  • „Heute muss ich gegen diesen Gegner gewinnen.“
  • „Was denken meine Eltern oder mein Trainer, wenn ich verliere?“

In solchen Momenten verlässt die Aufmerksamkeit die Gegenwart. Der Spieler beschäftigt sich mit einer Zukunft, die er nicht kontrollieren kann. Die Folge sind häufig Anspannung, Verkrampfung und unnötige Fehler.

Wolfgang Seidl, die Sportpsychologen

Die besten Tennisspieler denken in Punkten, nicht in Ergebnissen

Wer Spitzenspieler beobachtet, erkennt ein interessantes Muster. Die erfolgreichsten Athleten konzentrieren sich selten auf das Endergebnis. Sie richten ihre Aufmerksamkeit auf den nächsten Punkt und auf die Aufgabe, die unmittelbar vor ihnen liegt.

Genau hier wird Rotellas Aussage praktisch. Anstatt sich vorzunehmen, das Match zu gewinnen, kann sich ein Tennisspieler auf deutlich kleinere Ziele konzentrieren:

  • Eine klare Aufschlagroutine durchführen.
  • Beim Return früh die Füße bewegen.
  • Nach jedem Punkt bewusst zum Schläger schauen und durchatmen.
  • Den ersten Schlag nach dem Aufschlag mutig spielen.
  • Sich auf die geplante Taktik für den nächsten Punkt fokussieren.

Diese Ziele sind klein. Sie sind konkret. Und vor allem sind sie kontrollierbar.

Das Gehirn braucht einen klaren Fokus

Aus sportpsychologischer Sicht kann das Gehirn immer nur auf eine begrenzte Anzahl von Informationen gleichzeitig achten. Je konkreter die Aufgabe ist, desto leichter fällt es, störende Gedanken auszublenden.

„Gewinne das Match,“ ist keine Handlung. „Spiele den nächsten Return mit aktiven Beinen,“ hingegen schon. Der erste Gedanke erzeugt Druck. Der zweite schafft Orientierung. Genau deshalb arbeiten viele erfolgreiche Tennisspieler mit Prozesszielen. Sie konzentrieren sich nicht auf das Ergebnis, sondern auf Verhaltensweisen, die ihre Leistung unterstützen.

Der nächste Punkt ist das kleinste sinnvolle Ziel

Im Tennis kann ein Match innerhalb weniger Minuten kippen. Wer gedanklich bereits beim Handschlag nach dem Match oder bei den Ranglistenpunkten ist, verliert oft die Kontrolle über das Hier und Jetzt.

Deshalb kann es hilfreich sein, sich immer wieder eine einfache Frage zu stellen:

  • „Was ist meine wichtigste Aufgabe im nächsten Punkt?“ 

Diese Frage lenkt die Aufmerksamkeit zurück auf das, was tatsächlich beeinflusst werden kann.

Fazit

Große Ziele sind wichtig. Sie geben Richtung und Motivation. Doch während eines Matches helfen sie selten dabei, den nächsten Ball besser zu spielen. Leistung entsteht im aktuellen Punkt, nicht am Ende des Matches.

Je besser es Tennisspielern gelingt, ihren Fokus auf kleine, konkrete und kontrollierbare Aufgaben zu richten, desto ruhiger werden sie unter Druck spielen. Und genau darin steckt die Botschaft von Bob Rotella:

“Je kleiner das Ziel, desto schärfer der Fokus. Je schärfer der Fokus, desto größer die Chance, das eigene Leistungsvermögen auf den Platz zu bringen.”

Wer mehr darüber wissen möchte, ist beim Netzwerk Die Sportpsychologen genau richtig: Sicher findet ihr einen meiner Kollegen oder eine Kollegin in eurer Nähe (zur Übersicht) – oder meldet euch gern bei mir (zum Profil von Wolfgang Seidl).

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Prof. Dr. René Paasch: Mehr als ein Spiel? Was uns Felix Nmecha über Dankbarkeit, Sinn und mentale Stärke verrät

Die Fußball-Weltmeisterschaft lebt von großen Geschichten. Wir sprechen über Tore, Taktiken und Überraschungen. Wir analysieren Leistungen, vergleichen Statistiken und diskutieren Ergebnisse. Doch manchmal entstehen die bedeutsamsten Momente nicht während des Spiels, sondern danach. So geschehen nach dem Auftaktsieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Curaçao. Während die meisten Kameras auf das deutliche Ergebnis gerichtet waren, versammelten sich Spieler beider Mannschaften nach dem Schlusspfiff im Mittelkreis zum gemeinsamen Gebet. Anschließend sagte Felix Nmecha einen Satz, der weit über den Fußball hinausweist: „Wir sind im Spiel Gegner. Nach dem Spiel sind wir alle Christen und wir sind Brüder.“ Wer diese Szene gesehen hat, konnte spüren, dass es dabei um mehr ging als um Sport. Es ging um Identität, Verbundenheit und die Frage, was Menschen unter höchstem Leistungsdruck Halt gibt.

Zum Thema: Glaube im Fußball

Bemerkenswert war dabei nicht nur das gemeinsame Gebet. Bereits nach seinem Treffer setzte Nmecha ein sichtbares Zeichen seines Glaubens. Nach dem Torjubel formte er mit seinen Händen eine Krone und deutete anschließend an, diese niederzulegen. Für viele Christen wird diese Geste als Ausdruck verstanden, dass Ruhm, Erfolg und Ehre letztlich nicht dem Menschen selbst, sondern Jesus Christus zugeschrieben werden. In einer Zeit, in der Spitzensport häufig von Selbstinszenierung, Reichweite und persönlicher Vermarktung geprägt ist, wirkte diese Botschaft fast ungewohnt. Sie vermittelte eine Haltung, die im Leistungssport selten geworden ist: Erfolg darf gefeiert werden, ohne dass sich alles um das eigene Ego drehen muss.

Medial wurde Nmecha durchaus auch kritisiert. Dem streng gläubigen Christen wird vorgeworfen, sich als Prediger zu inszenieren und klerikale Kreise zu unterstützen. Aus sportpsychologischer Sicht konzentrieren wir uns im Text auf die hochinteressante Frage, wie der Glauben die Haltung beeinflussen kann.

Glaube als Ressource

Die moderne Sportpsychologie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, welche Faktoren Menschen widerstandsfähig machen. Weltmeisterschaften gehören zu den größten psychischen Belastungssituationen im Sport. Millionen Menschen verfolgen jede Aktion, jede Entscheidung wird bewertet und analysiert. Erfolg und Misserfolg liegen oft nur wenige Zentimeter oder Sekunden auseinander. In einer solchen Umgebung suchen Athletinnen und Athleten nach Orientierung, Stabilität und Sinn.

Ryan und Deci beschreiben in ihrer Selbstbestimmungstheorie, dass nachhaltiges Wohlbefinden auf einem stabilen Fundament psychologischer Grundbedürfnisse beruht und nicht allein auf äußerer Anerkennung oder sportlichem Erfolg (Ryan & Deci, 2017). Wer seinen Wert ausschließlich aus Ergebnissen ableitet, wird zwangsläufig verletzlich, sobald Niederlagen, Verletzungen oder Krisen auftreten.

Aerial view of Christ the Redeemer and Rio de Janeiro city, Brazil, Quelle Fotolia

Genau hier kann für viele Sportlerinnen und Sportler der Glaube eine wichtige Ressource sein. Crystal Park (2005) beschreibt Religiosität und Spiritualität als Formen der Sinngebung. Menschen nutzen ihren Glauben, um belastende Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Im Leistungssport zeigen Watson und Nesti (2005), dass spirituelle Überzeugungen Athletinnen und Athleten helfen können, mit Unsicherheit, Leistungsdruck und Rückschlägen umzugehen. Dabei geht es nicht primär um religiöse Dogmen. Es geht um die Erfahrung, dass der eigene Wert nicht mit dem Anpfiff beginnt und nicht mit dem Schlusspfiff endet. Vielleicht war es jedoch noch etwas anderes, das die Szene im Mittelkreis so besonders gemacht hat. Es war die Dankbarkeit.

Glaube als spirituelle Ressource

Dabei bedeutet dies nicht, dass Spiritualität für alle Athletinnen und Athleten gleichermaßen bedeutsam ist. Vielmehr zeigt die Forschung, dass religiöse und spirituelle Überzeugungen für diejenigen, die sie teilen, eine wichtige Ressource für Sinngebung, Bewältigung und psychologische Stabilität darstellen können (Park, 2005; Watson & Nesti, 2005). Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit von Noh und Shahdan (2020) zeigt, dass Religiosität und Spiritualität im Sport häufig mit Bewältigung von Unsicherheit, Teamzusammenhalt, Wohlbefinden, Hoffnung und dem Umgang mit Belastungen in Verbindung gebracht werden. Die Autorinnen und Autoren kommen zu dem Schluss, dass spirituelle Ressourcen im Sport zwar oft übersehen werden, für viele Athletinnen und Athleten jedoch eine wichtige psychologische Funktion erfüllen können.

Wer die ersten Tage dieser Weltmeisterschaft aufmerksam verfolgt hat, konnte sie immer wieder beobachten. Außenseiterteams feiern ihre erste WM-Teilnahme mit Tränen in den Augen. Spieler sinken nach dem Schlusspfiff auf die Knie. Fans singen trotz Niederlagen weiter. Athleten berichten vor laufenden Kameras davon, wie dankbar sie für diesen Moment sind. Gerade diese Bilder sind aus psychologischer Sicht bemerkenswert.

Dankbarkeit verändert Wahrnehmung

Robert Emmons und Michael McCullough konnten bereits vor mehr als zwanzig Jahren zeigen, dass Dankbarkeit weit mehr ist als ein angenehmes Gefühl. Dankbarkeit verändert die Wahrnehmung der eigenen Lebenssituation. Sie lenkt den Blick nicht ausschließlich auf das, was fehlt, sondern auch auf das, was bereits vorhanden ist. Menschen, die Dankbarkeit kultivieren, berichten von einem höherem Wohlbefinden, größerer Hoffnung und einer besseren Bewältigung belastender Situationen (Emmons & McCullough, 2003). Eine spätere Übersichtsarbeit von Wood und Kolleginnen bestätigte diese Zusammenhänge und zeigte, dass Dankbarkeit eng mit Resilienz, psychischer Gesundheit und sozialer Verbundenheit verbunden ist (Wood et al., 2010). Aus dieser Perspektive erhält die Szene zwischen Deutschland und Curaçao eine besondere Bedeutung.

Deutschland durfte einen erfolgreichen Turnierauftakt feiern. Curaçao hatte gerade deutlich verloren. Dennoch standen die Spieler gemeinsam im Kreis. Für einen Moment spielte das Ergebnis keine Rolle mehr. Die einen waren dankbar für einen gelungenen Start ins Turnier. Die anderen waren dankbar, überhaupt Teil einer Weltmeisterschaft zu sein, ihr Land vertreten zu dürfen und einen historischen Moment erlebt zu haben.

Der moderne Leistungssport vermittelt häufig den Eindruck, dass nur Gewinner Grund zur Freude haben. Die Realität ist wesentlich differenzierter. Menschen können enttäuscht und gleichzeitig dankbar sein. Sie können verlieren und dennoch Sinn erleben. Sie können weinen und gleichzeitig erfüllt sein.

Der Sinn als Ressource

Der Psychologe Michael Steger beschreibt Sinn als eine der zentralen psychologischen Ressourcen des Menschen. Menschen erleben Belastungen anders, wenn sie erkennen, dass ihr Leben Teil eines größeren Zusammenhangs ist (Steger, 2012). Genau deshalb berühren uns solche Szenen oft stärker als jedes Ergebnis. Sie erinnern uns daran, dass Erfolg nicht ausschließlich durch Tabellen, Tore oder Medaillen definiert wird.

Interessanterweise findet sich ein ähnlicher Gedanke bereits im Psalm 37:

„Befiehl dem Herrn deinen Weg und vertraue auf ihn, so wird er handeln.“

Psychologisch betrachtet beschreibt dieser Vers ein Spannungsfeld, das viele Athletinnen und Athleten kennen. Der Mensch trägt Verantwortung für das, was er beeinflussen kann: Training, Vorbereitung, Einsatz und Haltung. Das Ergebnis hingegen bleibt niemals vollständig kontrollierbar. Gegner, Tagesform, Verletzungen oder Zufälle entziehen sich unserem Einfluss. Mentale Stärke entsteht häufig genau dort, wo Menschen lernen, alles zu geben und gleichzeitig loszulassen, was außerhalb ihrer Kontrolle liegt.

Fazit

Vor diesem Hintergrund erhalten auch die Worte von Felix Nmecha eine tiefere Bedeutung: „Wir sind im Spiel Gegner. Nach dem Spiel sind wir alle Christen und wir sind Brüder.“

Dieser Satz beschreibt mehr als eine religiöse Überzeugung. Er erinnert daran, dass hinter jedem Trikot ein Mensch steht. Dass Konkurrenz und Verbundenheit keine Gegensätze sein müssen. Dass man leidenschaftlich gegeneinander antreten und sich dennoch mit Respekt begegnen kann. Die Geste der Krone, das Gebet im Mittelkreis und die Worte über Brüderlichkeit erzählen letztlich dieselbe Geschichte. Es ist die Geschichte von Menschen, die unter höchstem Leistungsdruck stehen und dennoch nicht vergessen haben, wofür sie dankbar sind. Es ist die Geschichte von Menschen, die ihren Wert nicht ausschließlich aus dem Ergebnis beziehen. Und es ist die Geschichte einer Haltung, die im Spitzensport manchmal verloren zu gehen droht: Demut. Vielleicht zeigt sich wahre mentale Stärke deshalb nicht nur darin, unter Druck Leistung abzurufen. Vielleicht zeigt sie sich auch darin, nach dem Schlusspfiff dankbar zu bleiben – unabhängig davon, was auf der Anzeigetafel steht.

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Literatur

Emmons, R. A., & McCullough, M. E. (2003). Counting blessings versus burdens: An experimental investigation of gratitude and subjective well-being in daily life. Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 377–389. https://doi.org/10.1037/0022-3514.84.2.377

Noh, Y. E., & Shahdan, S. (2020). A systematic review of religion/spirituality and sport: A psychological perspective. Psychology of Sport and Exercise, 46, Article 101603.

https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2019.101603

Park, C. L. (2005). Religion as a meaning-making framework in coping with life stress. Journal of Social Issues, 61(4), 707–729. https://doi.org/10.1111/j.1540-4560.2005.00428.x

Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2017). Self-determination theory: Basic psychological needs in motivation, development, and wellness. Guilford Press.

Steger, M. F. (2012). Making meaning in life. Psychological Inquiry, 23(4), 381–385. https://doi.org/10.1080/1047840X.2012.720832

Watson, N. J., & Nesti, M. (2005). The role of spirituality in sport psychology consulting: An analysis and integrative review of literature. Journal of Applied Sport Psychology, 17(3), 228–239. https://doi.org/10.1080/10413200591010102

Wood, A. M., Froh, J. J., & Geraghty, A. W. A. (2010). Gratitude and well-being: A review and theoretical integration. Clinical Psychology Review, 30(7), 890–905. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2010.03.005

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Björn Korfmacher: Was können wir vom neuen Stanley Cup Champion lernen?

Die NHL hat einen neuen Stanley Cup Champion. Die Carolina Hurricanes setzen sich souverän gegen die von vielen Experten favorisierten Vegas Nights durch. Nach 2006 gewinnen sie zum zweiten Mal die ikonische Sporttrophäe. Unmittelbar nach dem Gewinn des Stanley Cup hat Head Coach Rod Brind’Amour im Interview erwähnt, dass Eishockey der ultimative Teamsport“ sei. Mit Blick auf den Saisonverlauf seiner Carolina Hurricanes, kann man da kaum widersprechen.

Zum Thema: Warum echte Teams oft mehr erreichen als mit Superstars gespickte Zweckgemeinschaften

Sieht man sich in der besten Eishockeyliga der Welt um, findet man viele große Namen: McDavid, MacKinnon, Matthews, Makar, Hughes, Kucherov, Draisaitl, um nur einige zu nennen. Häufig spielen gleich mehrere von denen im selben Team. Ein Erfolgsrezept? 

Schauen wir nochmal auf den frisch gebackenen Stanley Cup Champion, die Carolina Hurricanes. Sie haben sich nicht nur auf ein, zwei Superstars verlassen:

  • Jede Reihe hat einen wichtigen Beitrag geleistet
  • Das System war größer als die Egos der Einzelnen
  • Nicht nur die Verteidiger haben defensiv gearbeitet – auch die Stürmer
  • Auch die Stars und Scorer haben mitunter die dreckige Arbeit gemacht

Aus der Perspektive der Sport- und Erfolgspsychologie ist das eine weitere Bestätigung bisheriger Annahmen. Superstars und Leistungsträger sind wichtig – aber große Meisterschaften gewinnt man nur mit kollektivem Einsatz, mit klarer Rollenverteilung und Vertrauen in jeden Einzelnen. Wir nennen das Kohäsion. 

Kohäsion – Stabilität im Teamgefüge

Kohäsion beschreibt, wie sehr sich Spieler einem gemeinsamen Ziel verbunden fühlen und als Gruppe funktionieren – je höher die Kohäsion, desto größer die Bereitschaft, füreinander einzustehen.

Auch wenn es verführerisch ist, auf Superstars zu setzen, sind Trainer, die ein erfolgreiches Team formen wollen, gut beraten, neben sportlichen Qualitäten auch Charakter, soziale Kompetenzen und Rollenakzeptanz zu berücksichtigen. Entscheidend ist, dass sich alle Teammitglieder als wertvoller Teil der Mannschaft erleben – unabhängig von ihrem Status.

Fazit

Erfolg wird nicht allein von Superstars geschaffen. Oft sind es die Spieler ohne große Namen, die Verantwortung übernehmen, sich kompromisslos in den Dienst der Mannschaft stellen und die unsichtbare, harte Arbeit leisten. Sie sind es, die am Ende den Unterschied machen. 

Hut ab vor Rod Brind’Amour und den Carolina Hurricanes – ein beeindruckendes Beispiel dafür, was echtes Teamwork bewirken kann. 

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Mehr zum Thema:

Quelle

Carron, A. V. (1982). Cohesiveness in sport groups: Interpretations and considerations. Journal of Sport Psychology, 4(2), 123–138.

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Thorsten Loch: Wenn gute Absicht nicht reicht – Warum Coaches psychologische Sicherheit oft unbewusst verhindern

Könnt ihr euch noch an den Streit in der deutschen Basketball-Nationalmannschaft erinnern? Mitten während der Zwischenrunde der Weltmeisterschaft 2023. Eben das Turnier, welches die Mannschaft wenige Tage später gewinnen sollte. Der öffentlich ausgetragene Konflikt zwischen Dennis Schröder und Daniel Theis wurde nicht zum Problem, sondern zum Ausgangspunkt für Entwicklung. Genau darin liegt eine zentrale Erkenntnis. Psychologische Sicherheit zeigt sich nicht daran, dass es keine Spannungen gibt – sondern daran, wie mit ihnen umgegangen wird. Und genau hier wird es im Alltag vieler Teams spannend. Denn während solche Beispiele aus dem Spitzensport zeigen, was möglich ist, erleben viele Trainer:innen etwas anderes: Sie wollen Offenheit fördern – und stoßen trotzdem auf Zurückhaltung, Schweigen oder Anpassung. Warum ist das so?

Zum Thema: Die Leadership Trap – Wenn Anspruch und Verhalten auseinanderfallen

In diesem Beitrag geht es darum, warum psychologische Sicherheit im Coaching häufig nicht entsteht – obwohl Trainer:innen genau das wollen. Im Mittelpunkt steht ein zentrales Phänomen: die sogenannte Leadership Trap.

Viele Trainer:innen verfolgen ein klares Ziel. Sie wollen ein vertrauensvolles, offenes Klima schaffen, in dem sich Spieler:innen einbringen können.

Und gleichzeitig zeigen sich im Alltag oft andere Muster:

  • Fragen werden gestellt – aber direkt selbst beantwortet 
  • Fehler werden erlaubt – aber subtil bewertet 
  • Mitbestimmung wird angekündigt – aber Entscheidungen bleiben einseitig 

Das Problem liegt nicht im fehlenden Wissen, sondern im Widerspruch zwischen Anspruch und Verhalten. Für Spieler:innen entsteht dadurch eine klare Orientierung: Nicht das Gesagte ist entscheidend – sondern das, was tatsächlich passiert.

Psychologische Einordnung: Kognitive Dissonanz

Dieses Spannungsfeld lässt sich gut mit der Theorie der kognitiven Dissonanz erklären (Festinger, 1957). Kognitive Dissonanz beschreibt den inneren Spannungszustand, der entsteht, wenn Überzeugungen und Verhalten nicht übereinstimmen. Menschen versuchen, diesen Zustand aufzulösen – oft nicht durch Verhaltensänderung, sondern durch Rechtfertigung.

Übertragen auf den Coaching-Alltag bedeutet das: Ein Trainer möchte Offenheit fördern („Fehler sind okay“), reagiert aber in entscheidenden Momenten kontrollierend oder kritisch. Dieser Widerspruch bleibt häufig unbewusst – wirkt aber stark nach außen.

Für Spieler:innen entsteht dadurch Unsicherheit: Was gilt wirklich? Die Folge: Sie orientieren sich nicht an der Aussage, sondern am erlebten Verhalten.

Warum die Leadership Trap so häufig auftritt

Die Leadership Trap ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Phänomen.

Trainer:innen bewegen sich permanent in einem Spannungsfeld:

  • Kontrolle vs. Vertrauen 
  • Leistung vs. Entwicklung 
  • Klarheit vs. Offenheit 

Gerade in leistungsorientierten Kontexten steigt der Druck, „funktionierende Lösungen“ zu liefern. In solchen Momenten greifen viele Coaches – oft unbewusst – auf kontrollierende Verhaltensweisen zurück. Genau das verhindert jedoch die Entwicklung von psychologischer Sicherheit. Forschung zeigt, dass Führungspersonen einen entscheidenden Einfluss auf das Teamklima haben und bereits kleine Verhaltensweisen darüber entscheiden, ob sich Teammitglieder beteiligen oder zurückziehen (Edmondson, 2004; Fransen et al., 2020).

Woran man die Leadership Trap erkennt

Die Leadership Trap zeigt sich selten offen – sondern in subtilen Mustern im Alltag:

  • Spieler:innen stellen kaum Fragen 
  • Feedback bleibt oberflächlich oder ausweichend 
  • Fehler führen zu Rückzug statt zu Austausch 
  • Verantwortung wird eher abgegeben als übernommen 

Diese Signale werden oft als Motivationsprobleme interpretiert. Tatsächlich sind sie häufig Ausdruck eines Umfelds, in dem soziale Risiken vermieden werden.

Fazit

Psychologische Sicherheit scheitert selten an fehlendem Wissen – sondern oft an unbewussten Widersprüchen im Führungsverhalten. Die Leadership Trap macht deutlich: Gute Absichten reichen nicht aus. Entscheidend ist, wie Verhalten im Alltag erlebt wird. Wer beginnt, diese Diskrepanzen wahrzunehmen und zu reflektieren, macht einen entscheidenden Schritt: vom Anspruch zur bewussten Gestaltung von Teamkultur.

Wer an solchen Themen arbeiten will, ist bei uns genau richtig: Schaut, wen ihr von uns in der Nähe habt (zur Übersicht) oder nehmt auch gern zu mir Kontakt auf (zum Profil von Thorsten Loch).

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Mehr zum Thema:

Literaturverzeichnis 

Edmondson, A. C. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. 

Edmondson, A. C. (2004). Learning from mistakes is easier said than done: Group and organizational influences on the detection and correction of human error. Journal of Applied Behavioral Science, 40(1), 66–90. 

Festinger, L. (1957). A theory of cognitive dissonance. Stanford University Press. 

Fransen, K., Vanbeselaere, N., De Cuyper, B., Vande Broek, G., & Boen, F. (2020). How leaders shape team effectiveness: The role of empowering team climates. Journal of Sport and Exercise Psychology, 42(3), 144–156. 

Frazier, M. L., Fainshmidt, S., Klinger, R. L., Pezeshkan, A., & Vracheva, V. (2017). Psychological safety: A meta-analytic review and extension. Personnel Psychology, 70(1), 113–165. 

Newman, A., Donohue, R., & Eva, N. (2017). Psychological safety: A systematic review of the literature. Human Resource Management Review, 27(3), 521–535. https://doi.org/10.1016/j.hrmr.2016.11.003

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Prof. Dr. René Paasch: Eine Studie zeigt, dass Führung Teams nicht unbedingt besser macht, sondern stabiler

Erfolg wird im Fußball meist an einzelnen Ergebnissen gemessen: Sieg oder Niederlage, Punkte, Tabellenplatz. Im Saisonverlauf zeigt sich jedoch häufig, dass Leistungen von Spiel zu Spiel schwanken. Wer über längere Zeit mit Teams arbeitet, erkennt schnell, dass diese Perspektive zu kurz greift. Entscheidend ist nicht nur, wie gut ein Team an einem Spieltag performt, sondern wie stabil es über Wochen und Monate hinweg agiert.

Zum Thema: Warum gute Trainer ihre Teams nicht besser machen, sondern stabilisieren

Die Untersuchung basiert auf einer längsschnittlichen Analyse von zehn Teams aus dem semi- und professionellen Fußball im DACH-Raum. Ergänzt wurde dies durch mehr als 1.500 tägliche Spielberichte über den Verlauf einer Saison hinweg. Die Analysen zeigen konsistente Zusammenhänge: Führungsverhalten steht weniger mit kurzfristigen Leistungssteigerungen in Verbindung, sondern vielmehr mit einer Reduktion von Leistungsschwankungen und einer stabileren Entwicklung von Teamleistungen. Zusammengefasst lässt sich festhalten:

„Gute Führung macht Teams nicht unbedingt besser, aber sie sorgt dafür, dass sie seltener schlecht spielen.“

Was stabilisiert die Leistung im Team?

Die Daten deuten darauf hin, dass Führung ihre Wirkung nicht direkt auf die Leistung entfaltet, sondern über zentrale psychologische Teamressourcen vermittelt wird. Zwei Aspekte stehen dabei im Vordergrund: psychologische Sicherheit und kollektive Selbstwirksamkeit.

Psychologische Sicherheit beschreibt ein Teamklima, in dem Fehler offen angesprochen werden können und Kommunikation auch unter Druck nicht abbricht. Forschung zeigt, dass solche Kontexte adaptives Lernen und koordiniertes Handeln begünstigen (Edmondson, 1999; Newman et al., 2017).

Kollektive Selbstwirksamkeit hingegen verweist auf das gemeinsame Vertrauen eines Teams in die eigene Fähigkeit, auch schwierige Situationen erfolgreich zu bewältigen. Diese Überzeugung wirkt insbesondere in kritischen Spielphasen stabilisierend und reduziert die Wahrscheinlichkeit von Leistungseinbrüchen (Bandura, 1997; Feltz et al., 2008).

Beide Ressourcen entwickeln sich nicht zufällig, sondern entstehen aus wiederkehrenden Mustern im Führungsverhalten.

Die zentralen Zusammenhänge lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Abb. 1 Konzeptuelles Modell der Zusammenhänge zwischen PERMA-orientiertem Führungsverhalten, psychologischen Teamressourcen und der Stabilität der Teamleistung im Wettkampfkontext (basierend auf eigener Feldstudie; kein Kausalmodell).

Führung ist Verhalten, nicht nur Haltung

Die Studie orientiert sich am PERMA-Modell der Positiven Psychologie. Entscheidend ist dabei jedoch weniger die abstrakte Theorie als deren konkrete Umsetzung im Trainings- und Wettkampfalltag. Führung zeigt sich nicht in einzelnen Momenten, sondern in konsistenten Verhaltensmustern: in der Art und Weise, wie Trainer auf Fehler reagieren, wie sie unter Druck kommunizieren, ob sie den Fokus auf kontrollierbare Aufgaben lenken und inwiefern sie Fortschritte sichtbar machen. Führung wird damit weniger zu einer Frage der Haltung als zu einer Frage der Verlässlichkeit.

Leistung unter Druck

Ein zentraler Kontextfaktor ist der Wettkampfdruck. Gerade in entscheidenden Spielsituationen wird sichtbar, ob Teams in der Lage sind, ihre psychologischen Ressourcen aufrechtzuerhalten. Teams mit stabilen Prozessen brechen unter Druck seltener ein, nicht, weil sie weniger gefordert sind, sondern weil sie besser mit der Situation umgehen können.

Wie Führung im Alltag wirksam wird

Vor diesem Hintergrund lassen sich konkrete Implikationen für die Praxis ableiten.

Ein zentraler Ansatzpunkt liegt im Umgang mit Fehlern. Ein konsistenter, nicht-bestrafender Reaktionsstil stärkt die psychologische Sicherheit und ermöglicht es Spielern, auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben (Edmondson, 1999). Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Intervention als die Wiederholbarkeit des Verhaltens.

Eng damit verbunden ist die gezielte Steuerung von Aufmerksamkeit. Unter Belastung tendieren Spieler dazu, den Fokus auf das Ergebnis zu richten, was die Entscheidungsqualität beeinträchtigen kann. Eine aufgabenorientierte Fokussierung hingegen stabilisiert sowohl kognitive als auch motorische Prozesse (Wulf, 2013; Wulf & Lewthwaite, 2016). In der Praxis bedeutet dies, den Blick konsequent auf die nächste konkrete Handlung zu lenken.

Darüber hinaus erweist sich der Aufbau kollektiver Selbstwirksamkeit als zentraler Hebel. Diese entsteht nicht durch Appelle, sondern durch gemeinsam bewältigte Situationen und deren bewusste Reflexion (Bandura, 1997). Trainer können diesen Prozess unterstützen, indem sie erfolgreiche Bewältigungserfahrungen im Team sichtbar machen und einordnen.

Schließlich spielt die Konsistenz im Führungsverhalten eine entscheidende Rolle. Inkonsistente Reaktionen erzeugen Unsicherheit, während verlässliche Kommunikationsmuster Orientierung bieten. Studien aus der Sportpsychologie zeigen, dass ein solches Führungsverhalten mit stabileren Teamprozessen einhergeht (Ntoumanis & Standage, 2012; Arthur et al., 2017).

Die zentralen Implikationen lassen sich abschließend auf einen einfachen Kern verdichten:

Kernaussage 

Leistung im Fußball entsteht nicht nur durch individuelle Qualität oder taktische Maßnahmen. Sie ist immer auch das Ergebnis von Teamprozessen und diese werden maßgeblich durch Führung geprägt.

„Gute Trainer machen Teams nicht nur besser. Sie sorgen dafür, dass Leistung auch unter Druck stabil bleibt.“

Einordnung der Ergebnisse

Die oben dargestellte Abbildung fasst die identifizierten Zusammenhänge in Form eines konzeptuellen Modells zusammen. Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um ein Kausalmodell, sondern um die strukturierte Darstellung empirischer Zusammenhänge, die im Rahmen einer Feldstudie im realen Wettkampfkontext beobachtet wurden. Die zugrunde liegenden Ergebnisse basieren auf einer längsschnittlichen Untersuchung im semi- und professionellen Fußball im DACH-Raum. Analysiert wurden Daten von insgesamt zehn Teams aus ersten, zweiten und vierten Ligen über den Verlauf einer Saison hinweg, ergänzt durch mehr als 1.500 tägliche Spielerberichte, die eine differenzierte Betrachtung von Führungsverhalten, psychologischen Teamprozessen und deren Zusammenhang mit der Stabilität von Teamleistungen ermöglichen.

Zur veröffentlichten Studie 

Die vollständige Studie wurde im Fachjournal Frontiers in Psychology veröffentlicht und ist hier abrufbar: https://doi.org/10.3389/fpsyg.2026.1833589 

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Literatur

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H. Freeman and Company.
Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. https://doi.org/10.2307/2666999

Feltz, D. L., Short, S. E., & Sullivan, P. J. (2008). Self-efficacy in sport: Research and strategies for working with athletes, teams, and coaches. Human Kinetics.

Ntoumanis, N., & Standage, M. (2012). Motivation in sport: A self-determination perspective. In G. Tenenbaum, R. C. Eklund, & A. Kamata (Eds.), Measurement in sport and exercise psychology (pp. 115–126). Human Kinetics.

Arthur, C. A., Hardy, L., & Woodman, T. (2012). Realising the Olympic dream: Vision, support and challenge. Reflective Practice, 13(3), 399–406. https://doi.org/10.1080/14623943.2012.670112

Newman, A., Donohue, R., & Eva, N. (2017). Psychological safety: A systematic review of the literature. Human Resource Management Review, 27(3), 521–535. https://doi.org/10.1016/j.hrmr.2017.01.001

Wulf, G. (2013). Attentional focus and motor learning: A review of 15 years. International Review of Sport and Exercise Psychology, 6(1), 77–104. https://doi.org/10.1080/1750984X.2012.723728

Wulf, G., & Lewthwaite, R. (2016). Optimizing performance through intrinsic motivation and attention for learning: The OPTIMAL theory of motor learning. Psychonomic Bulletin & Review, 23(5), 1382–1414. https://doi.org/10.3758/s13423-015-0999-9

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Wolfgang Seidl:  Mirra Andreevas Notizbuch – Ein einfaches Werkzeug mit großer Wirkung

Trainings- und Matchtagebücher gehören zu den Werkzeugen, die ich meinen Athleten regelmäßig empfehle. Umso spannender war es, bei den French Open zu beobachten, wie Mirra Andreeva während der Pausen immer wieder ihr Notizbuch zur Hand nahm. Dahinter steckt weit mehr als nur das Festhalten von Gedanken, es ist eine wirksame Strategie für Fokus und Selbststeuerung unter Druck.

Zum Thema: Journaling im Tennis

Bei den diesjährigen French Open war immer wieder zu beobachten, wie Mirra Andreeva, die spätere Siegerin, während der Satzpausen in einem Notizbuch blätterte. Was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, ist in Wahrheit ein hochinteressantes mentales Werkzeug.

Andreeva bereitet für jedes Match eigene Notizen vor. Auf mehreren Seiten sammelt sie Informationen über ihre Gegnerin, hält taktische Überlegungen fest und notiert Gedanken, die ihr helfen sollen, in schwierigen Situationen den Fokus zu behalten. Auf die Frage nach ihrem Notizbuch erklärte sie: „Wenn ich nervös bin oder mich einfach an etwas erinnern möchte, öffne ich das Notizbuch und sehe, was ich dort geschrieben habe.“

Warum ich Athleten zum Schreiben ermutige

Genau diese Methode empfehle ich auch vielen Athletinnen und Athleten, mit denen ich arbeite. Trainings- und Matchtagebücher sind weit mehr als eine Sammlung von Erinnerungen. Sie helfen dabei, Entwicklungen sichtbar zu machen, Erfahrungen festzuhalten und die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu steuern.

Für die Nachbereitung von Trainings und Wettkämpfen arbeite ich gerne mit der sogenannten 3:1-Regel. Dabei werden nach einer Einheit mindestens drei positive Aspekte und ein Verbesserungspunkt notiert. Viele Sportler neigen dazu, ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf Fehler zu richten. Die 3:1-Regel schafft einen bewussten Gegenpol und fördert eine realistische sowie konstruktive Reflexion.

Das Notizbuch während des Matches

Noch spannender wird das Notizbuch jedoch während eines Wettkampfes. Gerade im Tennis bieten die Pausen zwischen den Seitenwechseln die Möglichkeit, kurz innezuhalten und sich wieder auf das Wesentliche auszurichten.

In einem solchen Notizbuch können beispielsweise folgende Punkte festgehalten werden:

  • meine Stärken unter Druck
  • körperliche Anzeichen von Anspannung
  • taktische Erinnerungen
  • Reset-Routinen
  • Atemtechniken
  • motivierende Zitate
  • wichtige Erkenntnisse aus vergangenen Matches

Wenn Druck den Fokus verändert

Warum kann das so wirksam sein? Eine mögliche Erklärung liefert die sogenannte Ablenkungshypothese. Der Sportpsychologe Robert Nideffer beschrieb bereits 1992, dass sich die Aufmerksamkeit von Athleten unter Druck häufig von aufgabenrelevanten auf aufgabenirrelevante Gedanken verschiebt. Statt sich auf die Umsetzung der Taktik oder den nächsten Ballwechsel zu konzentrieren, kreisen die Gedanken um mögliche Fehler, Konsequenzen oder die Bewertung durch andere.

Spätere Forschungen von Hardy und Kollegen sowie Mullen und Kollegen stützen diesen Ansatz. Angst und Druck können das Arbeitsgedächtnis belasten und die Konzentration auf die entscheidenden Informationen erschweren. Die Folge: Die Leistung sinkt nicht aufgrund mangelnder Fähigkeiten, sondern weil die Aufmerksamkeit in die falsche Richtung gelenkt wird.

Ein Anker für die Aufmerksamkeit

Genau hier kann ein Notizbuch helfen. Es fungiert als externer Anker für die Aufmerksamkeit. Der Blick auf einige wenige, bewusst ausgewählte Notizen erinnert den Athleten daran, worauf es jetzt ankommt. Anstatt sich in Sorgen oder negativen Gedanken zu verlieren, wird der Fokus zurück auf die Aufgabe gelenkt.

Besonders für junge Sportler kann dies ein wertvoller Baustein sein. Sie befinden sich häufig noch im Aufbau ihres mentalen Werkzeugkastens und sammeln erste Erfahrungen mit Drucksituationen auf hohem Niveau. Ein Notizbuch ersetzt dabei keine mentale Stärke, es hilft jedoch, vorhandene Stärken genau dann abrufbar zu machen, wenn sie am meisten gebraucht werden.

Mein Praxistipp

Wer mit einem Trainings- oder Matchtagebuch beginnen möchte, sollte es einfach halten. Nach dem Training oder Wettkampf reichen oft wenige Minuten. Notiere drei Dinge, die gut gelungen sind, und einen Bereich, den du verbessern möchtest. Ergänze die wichtigen Erkenntnisse, mentale Schlüsselwörter oder persönliche Erinnerungen für zukünftige Drucksituationen.

Vielleicht liegt die eigentliche Stärke von Mirra Andreevas Notizbuch deshalb nicht in den Informationen, die darin stehen. Sondern darin, dass es ihr in entscheidenden Momenten hilft, sich an das zu erinnern, was sie bereits weiß.

Kontakt

Wer mehr darüber wissen möchte, ist beim Netzwerk Die Sportpsychologen genau richtig: Sicher findet ihr einen meiner Kollegen oder eine Kollegin in eurer Nähe (zur Übersicht) – oder meldet euch gern bei mir (zum Profil von Wolfgang Seidl).

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Nathalie Klingebiel: Wie ein kleiner Kreis im Padel den Unterschied machen kann

„Im Padel kommt es stark auf die Technik an.“ Mit diesem Satz hat sich vermutlich jeder schon mal konfrontiert gesehen, der sich in irgendeiner Weise mit dieser Sportart beschäftigt hat. Und natürlich hat das auch seine Berechtigung. Worauf es aber mindestens genauso ankommt, um auf dem Court erfolgreich zu sein, sind die eigene Aufmerksamkeit sowie der Umgang mit Druck. 

Gerade im Padel können diese Faktoren sogar über Sieg oder Niederlage entscheiden. Ein Match ist geprägt von kurzen Ballwechseln – eine Achterbahn der Emotionen ist meistens vorprogrammiert. Direkte Reaktionen sind sofort sichtbar und können mitunter den nächsten (technischen) Fehler begünstigen. Das führt schnell zu einem hohen Einfluss der eigenen Gedanken auf den nächsten Punkt oder die nächste Aktion. 

Zum Thema: Unter Druck verlieren viele Spieler nicht ihre Technik — sondern ihre Aufmerksamkeitssteuerung.

Padel ist also ein sehr druckreicher und fehleranfälliger Sport. Dass Fehler passieren, lässt sich natürlich nicht vermeiden, geschweige denn kontrollieren. Was aber sehr wohl in der eigenen Kontrolle liegt, ist die bewusste Entscheidung, wie man mit Druck und Fehlern umgehen will. Besonders relevant ist dabei die Steuerung der eigenen Aufmerksamkeit, denn: In Druckmomenten richten Spieler ihre Aufmerksamkeit oft auf Dinge, die sie eben nicht kontrollieren können. 

Aufmerksamkeitsfresser:

• Spielstand

• mögliche Niederlage

• Bewertung anderer

• Konsequenzen

• „Wir dürfen jetzt nicht verlieren“

• Gegner

• vergangene oder potenzielle Fehler

Drei Sekunden nach dem Fehler entscheiden oft über die nächsten drei Punkte.

Am Beispiel von Fehlern lässt sich sehr gut skizzieren, wie diese die Aufmerksamkeit und den Fokus negativ beeinflussen können.  

Dieser richtet sich dann nämlich auf den vergangenen Punkt und mögliche Konsequenzen. Infolgedessen kommt es zu Selbstkritik und Angst vor dem nächsten Fehler. Dadurch entsteht meist simultan ein Gefühl von Kontrollverlust. In solchen Momenten geht es also darum, den Fokus wieder zurück auf das zu lenken, was man selbst kontrollieren kann und in der eigenen Hand hat. Das kann z.B. folgendes sein: 

• nächste bewusste Entscheidung,

• Positionierung,

• Atmung,

• Routine,

• Kommunikation,

• Mut,

• Körpersprache

Der Kreis der Kontrolle

Als extrem starker Anker kann dabei der „Kreis der Kontrolle“ dienen. Dieser hilft dabei, gedanklich einzuordnen, was innerhalb des Kreises und somit der eigenen Kontrolle liegt und was im Gegensatz dazu außerhalb des Kreises und dementsprechend außerhalb der eigenen Kontrolle liegt. Er fungiert also quasi wie ein kurzer Check, worüber es sich „lohnt“ Gedanken zu machen und worauf man somit seine Aufmerksamkeit lenken sollte. 

Das ist im Padel unglaublich relevant, weil enge Situationen oft nicht technisch, sondern attentional kippen.

So könnte deine Padel-Match-Routine aussehen:

1. Fehler passiert

2. Aufmerksamkeit kippt

3. Kontrollverlust entsteht mental

4. Reset-Routine = Rückkehr in den Kontrollkreis

Feedback

Probiert diese Routine gern aus und notiert eure Gedanken dazu. Nehmt damit Kontakt zu meinen Kollegen oder Kolleginnen in eurer Nähe (zur Übersicht) oder zu mir (Profil von Nathalie Klingebiel) auf.

Mehr Interesse an Padel? www.padel-wissen.de

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Wolfgang Seidl:  Wenn der Kopf nicht frei ist, leidet der Körper

Jannik Sinner gilt als einer der Shootingstars des Welttennis, und gleichzeitig als jemand, der gelernt hat, auf seinen Körper und Kopf zu hören. Nach intensiven Turnierwochen entscheidet er immer wieder bewusst, wann und wo er wieder einsteigt. Auch Novak Djokovic zeigt, dass mentale und körperliche Erholung längst Teil seiner Erfolgsstrategie ist. Zwei Beispiele, die erkannt haben: Regeneration ist keine Pause – sie ist Teil des Trainings. Denn obwohl laut Herwig Straka, Turnierdirektor der Erste Bank Open in Wien, die reine körperliche Belastung auf der Tour nicht höher ist als früher, scheinen sich Verletzungen und mentale Krisen zu mehren. „Die Spieler nehmen heute an weniger Turnieren teil als früher. Thomas Muster etwa spielte in seiner Zeit 30 Turniere im Jahr“, sagt Straka. Warum klagen also einige Profis mehr oder minder öffentlich über Überlastung?

Zum Thema: Mentale Belastung im Tennis

Die Anforderungen haben sich verschoben. Nicht mehr allein der Schlägerarm entscheidet über Sieg oder Niederlage, sondern die mentale Belastbarkeit im Alltag eines globalen Markenbotschafters.

Topspieler stehen heute 24 Stunden im Fokus – auf Social Media, bei Sponsorenterminen, in der Öffentlichkeit. Jeder Post, jedes Interview, jede Geste wird bewertet. Hinzu kommen Reisen über Zeitzonen hinweg und ständige Anpassung an neue Bedingungen. Was früher eine körperliche Herausforderung war, ist heute oft eine mentale Daueranspannung. Herwig Straka bringt es auf den Punkt: „Wenn der Kopf nicht frei ist, leidet auch die körperliche Erholung.“

Mentale Erschöpfung – die unsichtbare Verletzung

Viele Verletzungen entstehen nicht nur durch Muskelüberlastung, sondern durch mentale Ermüdung. Wer ständig unter Druck steht, schläft schlechter, regeneriert langsamer und reagiert später. Der Körper folgt dem Geist, und wenn der Geist nicht abschaltet, verliert der Körper seine natürliche Balance.

Im Tennis, wo Reaktionszeit, Präzision und Emotion eine zentrale Rolle spielen, kann dieser mentale Verschleiß schnell in körperliche Probleme münden. Die Statistik zeigt: Immer mehr Spieler müssen Matches aufgeben oder Turniere absagen, nicht wegen fehlender Fitness, sondern wegen Erschöpfung.

Warum alte Vergleiche nicht greifen

Früher galt: mehr spielen, härter trainieren, weiterkämpfen. Doch dieser Vergleich hinkt. Ein Thomas Muster oder Pete Sampras lebten in einer analogen Welt, ohne Social Media, ohne ständige öffentliche Bewertung. Nach einem Match gab es Rückzugsmöglichkeiten. Heute ist der Tennissport Teil eines permanenten Medienzyklus, in dem Stille fast schon Luxus ist.

Der Unterschied: Früher war der Körper am Limit. Heute ist es oft der Kopf.

Bewusster Umgang mit Energie – das neue Erfolgsprinzip

Novak Djokovic lebt vor, dass mentale Erholung gleichbedeutend mit Training ist. Er integriert Meditation, Atemtechniken und Visualisierung in seinen Alltag und betont, dass mentale Klarheit entscheidend für seine Konstanz ist. Das hilft ihm, auch als 39-Jähriger noch Teil der Weltspitze zu sein.

Auch Jannik Sinner zeigt, dass bewusstes Planen ein Erfolgsfaktor ist: Er verzichtet gezielt auf Turniere, achtet auf Ruhephasen und gestaltet seinen Jahresplan so, dass er körperlich und mental im Gleichgewicht bleibt. Diese Haltung zeigt: Mentale Stärke bedeutet heute nicht nur Fokus und Disziplin, sondern auch die Fähigkeit, rechtzeitig Nein zu sagen.

Mentale Lösungen für mehr Erholung

Wer auf höchstem Niveau bestehen will, muss mentale Erholung aktiv gestalten. Einige bewährte Ansätze:

  1. Achtsamkeit trainieren
    Bewusst innehalten – beim Frühstück, im Flugzeug, vor dem Match. Achtsamkeit stärkt Präsenz und Erholungsfähigkeit.
  2. Digitale Grenzen setzen
    Social-Media-Pausen bewusst einplanen. Nicht jede Nachricht verdient Aufmerksamkeit. Mentale Energie ist kostbar.
  3. Bewusstes Reisen
    Kleine Rituale helfen, den Übergang von Turnier zu Turnier zu meistern, Musik, Atemübungen, kurze Meditationen.
  4. Mentale Regenerationsroutinen
    Abendliche Reflexion, Dankbarkeit oder Atempausen fördern emotionale Entspannung und Schlafqualität.
  5. Selbstverantwortung stärken
    Mental Health ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck professioneller Selbstführung.

Fazit: Der freie Kopf als Erfolgsfaktor

Die körperliche Belastung im Tennis ist beherrschbar, die mentale Belastung ist zur großen Herausforderung geworden. Wer heute an der Spitze bestehen will, braucht mehr als Technik und Athletik. Es braucht Bewusstheit, Selbstführung und die Fähigkeit, loszulassen.

Nur wer den Kopf frei hat, kann auch den Körper wirklich erholen. Wer daran arbeiten will, ist Beim Netzwerk Die Sportpsychologen genau richtig: Sicher findet ihr einen meiner Kollegen oder eine Kollegin in eurer Nähe (zur Übersicht) – oder meldet euch gern bei mir (zum Profil von Wolfgang Seidl).

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