Janosch Daul: Selbstreflexion – Selbstanalyse als Performance Booster, Teil 1

Kennen Sie den perfekten Fußballer? Ich jedenfalls nicht. Selbst Weltklassekicker sind nicht frei von Fehlern und Wachstumspotenzialen. Oder denken Sie, ein Erling Haaland wird selbst bei allem Training noch zu einem Filigran-Dribbler? Oder haben Sie jemals einen Spieler gesehen, der noch nie einen Fehlpass gespielt hat? Jeder Kicker hat seine Stärken und Schwächen. Während der eine besonders mit seinen Führungsqualitäten besticht, zeichnet einen anderen seine Schnelligkeit aus, während wiederum ein anderer Spieler mit seinen Dribbel-Skills brilliert. Entscheidend an dieser Stelle ist das eigene Bewusstsein um persönliche Stärken und Wachstumspotenziale, um gezielt an diesen arbeiten zu können. Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem eminent wichtigen Mittel der Selbstreflexion und setzt sich damit auseinander, wie diese, gezielt und systematisch eingesetzt, die Leistungsfähigkeit eines Fußballers fördert.

Zum Thema: Selbstanalyse als Performance Booster (Teil 1)

„Zunächst mal möchte ich schleunigst meinen linken Fuß und mein Kopfballspiel verbessern. Und ich muss zusehen, wie im letzten Jahr verletzungsfrei zu bleiben.“ (

(M. GÖTZE, 2011)

„Ich bin nicht zufrieden mit mir. Mein Ziel war, meine Tor- und Vorlagenquote zu verbessern. Das habe ich nicht geschafft. Es waren leider zu viele Spiele dabei, in denen ich sehr gute Chancen vergeben habe. Daran muss ich arbeiten.“

(S. GNABRY, 2021) 

„Ich glaube, dass ich mich überall verbessern kann. Ich denke, ich habe einen guten Abschluss, aber auch den kann ich noch deutlich verbessern. Ich kann noch schneller werden. Ich kann noch stärker werden. Aber wenn ich mich auf eines beschränken müsste, dann wäre es, mich nicht zu verletzen. Wenn ich fit bin, kann ich mehr Spiele bestreiten und noch besser performen.”

(E. HAALAND, 2022) 

All diese Zitate eint, dass es sich um Fußballer handelt, die ihre Wachstumspotenziale analysiert haben und bestrebt sind, sich zu verbessern. Was ist es, was eine gezielte Selbstanalyse für Fußballer so wichtig macht? Fakt ist: Entscheidend für die eigene Weiterentwicklung ist es, bewusst und gezielt an eigenen Schwächen zu arbeiten und seine Stärken gleichzeitig weiter auszubauen. Eine wichtige Grundvoraussetzung hierfür ist die Fähigkeit, sich selbst realistisch einschätzen zu können. Dies hat vielerlei positive Auswirkungen: Ist sich ein Fußballer dessen bewusst, was ihn auszeichnet und ruft er sich dies immer wieder in Erinnerung, profitiert dessen Selbstvertrauen. Zugleich vermeidet er, in einen Modus der Selbstzufriedenheit zu verfallen – durch einen gezielten Blick auf das, was es noch zu optimieren gilt. Zudem lassen sich auf Grundlage einer realistischen Selbsteinschätzung sinnvolle Ziele setzen, die motivierend wirken. Ziele, welche die Aufmerksamkeit auf die zu verbessernden Bereiche lenken, an denen im Mannschaftstraining und darüber hinaus beispielsweise im Individualtraining gezielt gearbeitet werden kann. 

Methode des Performance Profiling

Eine sinnvolle Methode für Fußballer, um gezielt einen Überblick über seine Stärken und Wachstumspotenziale zu erhalten, stellt das Performance Profiling dar. In einem ersten Schritt lohnt es sich, zu notieren, welche Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten wohl den „idealen Fußballer“, sofern es diesen gäbe, auszeichnen würden. Wichtig an dieser Stelle ist es, in alle Richtungen zu denken (technisch, taktisch, athletisch, mental, teambezogen etc.). Eine Orientierung an aktuellen Weltklassefußballern kann hierbei hilfreich sein.

Nun hat der Kicker eine sinnvolle Grundlage, um sich einen Überblick über seine aktuellen Stärken und Wachstumspotenziale zu verschaffen und anschließend an diesen zu arbeiten, indem der Fußballer folgenden Schritten folgt – unter Zuhilfenahme folgender Grafik:

Anwendung

  1. Wenn er mehr als 16 Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten notiert hat, wählt er nun die aus seiner Sicht – auch unter Berücksichtigung des Anforderungsprofils seiner Position – 16 wichtigsten aus und schreibt sie rund um das Diagramm. 
  2. Der Ideal-Wert dieser Eigenschaften/Fähigkeiten/Fertigkeiten ist 10 (maximal). Zur Bewertung seiner Skills bietet sich ein für den Fußballer greifbarer Vergleichsmaßstab an. Spielt er beispielsweise Junioren-Bundesliga, so könnte die 10 die deutsche Spitze in seinem Altersbereich repräsentieren. Je höher der Wert ist, desto höher ist die Einschätzung des Niveaus. Der Fußballer schätzt also seine aktuelle Leistungsfähigkeit, den jeweiligen Bereich betreffend, mit einer Zahl zwischen 1 und 10 ein. Dazu füllt er das Diagramm aus, indem er in Bezug auf jeden eingetragenen Stichpunkt ein Kreuz setzt – in dem entsprechenden Feld zwischen 1 bis 10. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch – es geht nur darum, dass sich der Fußballer so realistisch wie möglich einschätzt.
  3. Nun kann er die Kreuze wie in einem „Spinnennetz“ verbinden. 
  4. Jetzt hat der Fußballer eine geeignete Grundlage zum Reflektieren: Welche Eigenschaften/Fähigkeiten/Fertigkeiten zeichnen ihnen ganz besonders aus? Wie hat er es geschafft, diese zu entwickeln? Welche Eigenschaften/Fähigkeiten/Fertigkeiten hingegen möchte er noch ganz besonders weiterentwickeln?
  5. Nach diesem Vorgang des Reflektierens bietet es sich an, ein konkretes Handlungsziel für die kommende Trainingswoche in Form einer Ich-Botschaft zu notieren und aufzuschreiben, wie er dieses Ziel erreichen möchte. Ein solches Handlungsziel könnte lauten.: „Ich möchte meinen Flugball verbessern. Dafür suche ich mir nach den Trainingseinheiten einen Partner und fokussiere mich bei den Flugbällen bewusst auf eine saubere technische Ausführung.“
  6. Nun gilt es, das Handlungsziel in die Tat umzusetzen. 

Diese Vorgehensweise ermöglicht dem Spieler – eine wiederkehrende, regelmäßige Anwendung und ein bewusstes Trainieren zur Umsetzung des Handlungsziels vorausgesetzt – eine systematische Weiterentwicklung. Selbstreflexion – Selbstanalyse als Performance Booster. In einem weiteren Beitrag, der im April bei Die Sportpsychologen erscheint, möchte ich dieses Thema vertiefen und in diesem Zusammenhang insbesondere auf die Rolle des Coaches eingehen.

Kontakt aufnehmen

Wenn Sie daran interessiert sind, Ihre persönlichen Stärken und Wachstumspotenziale zu ermitteln und die für Sie passenden Maßnahmen abzuleiten, wenden Sie sich gern an meine Kollegen (zur Übersicht) oder mich (zum Profil von Janosch Daul). 

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing

Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist

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