Janosch Daul: Der Sportpsychologe – ein wirkungsvolles Bindeglied zwischen Mannschaft und Trainerteam

In vielen Fußballnachwuchsleistungszentren sind mittlerweile Sportpsychologen und Sportpsychologinnen installiert. Wie diese aber konkret eingesetzt werden, differiert von Standort zu Standort. Nicht selten gibt es auch Unklarheiten, wo die sportpsychologische Arbeit direkt ansetzen soll. In Einzelfällen finden sich Experten quasi im luftleeren Raum wieder – irgendwo zwischen sportlicher Leitung, den Trainern, dem Staff und den Spielern. Dieser Text beschäftigt sich daher mit der Frage, wie ein Sportpsychologe im Leistungsbereich des Nachwuchsfußballs die Rolle des Bindeglieds zwischen Mannschaft und Trainerteam proaktiv ausfüllen kann und stellt zwei mögliche Modelle konkret vor. 

Zum Thema: Zwei Wege, sportpsychologische Unterstützung clever zu installieren

Eine wichtige Grundlage, um als Bindeglied zwischen Trainerteam und Mannschaft wirkungsvoll fungieren zu können, stellt die Rollenkompetenz des Sportpsychologen dar. Für diesen gilt es, sich mit seiner Rolle und der konkreten Ausgestaltung dieser bereits im Vorfeld intensiv auseinanderzusetzen. Ich schlage an dieser Stelle die Rolle des neutralen, nicht wertenden Moderators vor, der sich als Unterstützer des Systems “Spieler + Trainerteam” betrachtet und im Sinne dieses Systems arbeitet. 

In dieser Rolle ist es dem Sportpsychologen möglich, von den Beteiligten als vertrauensvoller Unterstützer wahrgenommen zu werden, der diese in ihrer Weiterentwicklung, in erster Linie in Bezug auf ihre Zusammenarbeit, unterstützt. Im Folgenden möchte ich zwei konkrete Möglichkeiten, wie ein Sportpsychologe seine Rolle als Bindeglied wirkungsvoll ausfüllen kann, vorstellen:

Angebot 1 – der Sportpsychologe als Moderator zwischen Trainerteam und Mannschaftsrat

Viele Trainer im Nachwuchsfußball bestimmen im Laufe der Saisonvorbereitung einen oftmals vier- oder fünfköpfigen, vor allem aus Führungsspielern bestehenden Mannschaftsrat, der die Interessen des Teams vertreten und zugleich als verlängerter Arm des Trainerteams wirken soll.  

Die Grundidee des hier vorgestellten Angebots bezieht sich auf ein regelmäßiges, beispielsweise ca. alle sechs Wochen, stattfindendes Meeting zwischen dem Trainerteam, Mannschaftsrat und Sportpsychologen. Auf diese Art und Weise wird ein passender Rahmen geschaffen, um einen aktiven Austausch zwischen Trainerteam und Mannschaftsrat zu fördern. Es geht um aktuelle Themen mit anschließender Lösungsorientierung.

Kommunikation ermöglichen

Im Vorfeld, sprich einige Tage vor dem eigentlich stattfindenden Meeting, liegt es für den Sportpsychologen nahe, sowohl mit dem Trainerteam als auch mit dem Mannschaftsrat, getrennt voneinander, ein Gespräch zur Vorbereitung und Vorstrukturierung zu führen. Mögliche Inhalte der beiden Vorgespräche liegen jeweils in einer aktuellen Situationsanalyse rund um das Team, in der Erarbeitung möglicher Themen, die dem Mannschaftsrat bzw. dem Trainerteam gegenüber angesprochen werden sollten sowie in der Formulierung von Zielstellungen für das Meeting aus Sicht der „beiden Parteien“. Je nach vorliegendem Thema und Bedarf kann der Sportpsychologe den Mannschaftsrat in beratender Funktion zudem dabei unterstützen, die Kommunikation des Anliegens/Themas vorzubereiten. 

Im Meeting selbst besteht eine wesentliche Aufgabe des Sportpsychologen darin, sowohl das Trainerteam als auch den Mannschaftsrat durch eine geschickte Moderation dabei zu unterstützen, dass die jeweiligen Anliegen aktiv kommuniziert und ggf. Lösungsansätze für (schwierige) Themen entwickelt werden. Einige Tage nach der Durchführung des Meetings kann der Sportpsychologe dieses mit dem Trainerteam reflektieren und mit diesem bei Bedarf zentrale Maßnahmen für die zukünftige Praxis ableiten. 

Angebot 2 – der Sportpsychologe als Impulsgeber für die Spieler

Die Grundidee des hier vorgestellten Angebots bezieht sich auf ein regelmäßiges, beispielsweise ca. alle sechs Wochen, stattfindendes Meeting zwischen den Spielern und dem Sportpsychologen ohne Anwesenheit des Trainerteams. Ein möglicher Schwerpunkt dieses Meetings kann die Bearbeitung eines aus Spielersicht relevanten Anliegens darstellen. Ein solches kann psychosozialer (z.B. Schwierigkeiten im Miteinander zwischen Spielern und Trainerteam) oder psychologischer Natur (z.B. der Wunsch der Spieler, Strategien zu erarbeiten, wie mental mit Rückschlägen wie Gegentoren umgegangen werden kann) sein. Ggf. kann auch ein aus Sicht des Trainerteams relevantes Thema aufgegriffen und bearbeitet werden. Bringen weder Mannschaft noch Trainerteam ein Anliegen vor, kann der Sportpsychologe nach Absprache mit diesem in die Rolle des Fertigkeitsvermittlers schlüpfen und gemeinsam mit den Spielern an der Weiterentwicklung mentaler Fertigkeiten arbeiten und/oder Strategien, z.B. mentale Erholungsstrategien, vermitteln.

Auch diese Form des Meetings bedarf einer aktiven Vorbereitung. So gilt es, einige Tage im Vorfeld sowohl mit den Spielern, beispielsweise vertreten durch den Mannschaftsrat, als auch mit dem Trainerteam getrennt voneinander ins Gespräch zu kommen, um die aktuelle Situation zu analysieren und mögliche vorliegende Themen, die dann im Meeting bearbeitet werden sollen, herauszufiltern.

Janosch Daul

Janosch Daul

Sportpsychologischer Experte, Sportwissenschaftler

Sportarten: Fußball, Handball, Basketball, Volleyball, Leichtathletik, Schwimmen, Tennis, Tischtennis, Badminton

j.daul@die-sportpsychologen.de

+49 (0)176 45619041

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Einige Tage nach der Durchführung des Meetings kann auch hier ein Austausch über dieses zwischen dem Trainerteam und Sportpsychologen zielführend sein, um ggf. weitere Maßnahmen für die Praxis abzuleiten. Insbesondere aber, wenn im Meeting ein von den Spielern als relevant betrachtetes Thema bearbeitet wurde, sollte der Sportpsychologe, bedingt durch seine Rolle als vertrauensvoller Unterstützer, mit den Spielern genau absprechen, welche Inhalte des Meetings den Trainern wie kommuniziert werden – und welche vielleicht nicht.

Der Mehrwert solcher proaktiven Angebote kann vielfältig sein

In Abhängigkeit davon, welches Modell durchgeführt wird, unterscheidet sich letztlich auch der Mehrwert für die Beteiligten. Beiden Angeboten gemein ist die Herstellung eines „geschützten Raumes“ für die Spieler, innerhalb dessen sie die Möglichkeit erhalten, mit dem Sportpsychologen ins Gespräch zu kommen. In Modell 1 erhält der Mannschaftsrat, der idealerweise die Interessen der übrigen Teammitglieder vertritt, diesen Raum, in Modell 2 alle Spieler. Im Team garende Themen, vor deren Aussprechen sich erfahrungsgemäß viele Spieler scheuen, können im Rahmen beider Angebote kommuniziert und lösungsorientiert bearbeitet werden. Der Kommunikationsprozess zwischen Spielern und Trainerteam wird maßgeblich gefördert.

Im Sinne ihrer Persönlichkeitsentwicklung wird den Spielern in beiden Modellen die Möglichkeit eingeräumt, mündig und selbstbestimmt Schwierigkeiten, aber auch Bedürfnisse und Wünsche zu kommunizieren. Wird im Rahmen des zweiten Modells ein psychologisches Thema bearbeitet, können zudem mentale Leistungspotenziale auf individueller und kollektiver Ebene weiter ausgeschöpft werden. Insbesondere das erste Modell, bedingt durch den intensiven Austausch mit dem Mannschaftsrat, bietet dem Sportpsychologen des Weiteren die Chance, beispielsweise ein Mannschaftsratcoaching im Sinne eines Führungskräftecoachings anzubieten. Es bietet also Anknüpfungspunkte für eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen Spielern und Sportpsychologen.

Herstellung der Compliance von Trainerteam und Spielern durch eine aktive Kommunikation des Angebots

Um eines der beiden Modelle jedoch überhaupt etablieren zu können, besteht eine wichtige Aufgabe des Sportpsychologen im Vorfeld darin, die Compliance von Trainerteam und Spielern herzustellen. Damit diese zu einer aktiven und engagierten Teilnahme animiert werden, müssen insbesondere Sinn, Mehrwert und Vorgehensweise deutlich werden. 

Zunächst einmal liegt eine Vorstellung der zwei Modelle dem Trainerteam gegenüber nahe. Als Sportpsychologe bietet es sich an, von freiwilligen Angeboten zu sprechen, sodass die Entscheidung hinsichtlich einer tatsächlichen Durchführung dem Trainerteam obliegt. Mögliche Inhalte, der organisatorische Rahmen, die Rolle des Sportpsychologen, der Mehrwert und eine mögliche Implementierung der Angebote in den Alltag sollten deutlich angesprochen und diskutiert werden. 

Unterstützung aus der Profiwelt

Hat sich das Trainerteam für eines der beiden Angebote, ggf. auch für ein in ihrem Sinne modifiziertes, entschieden, kann der Sportpsychologe das Modell den Spielern vorstellen. Eine Visualisierung beispielsweise per Flipchart erscheint hierbei zielführend. Zusätzliche Unterstützung kann sich der Sportpsychologie beispielsweise aus der Profiwelt holen, indem er auf aktuelle Fallbeispiele, die zum ausgewählten Angebot passen, zurückgreift. So zeigt das folgende Video, in dem deutlich ersichtlich wird, wie Lionel Messi die Anweisungen seines ehemaligen Co-Trainers Eder Sarabia bewusst ignoriert, die Wichtigkeit einer funktionierenden und vertrauensvollen Trainer-Spieler-Beziehung vorzüglich auf.

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Auch wenn die Profiwelt wohl kaum vergleichbar ist mit leistungsorientiertem Nachwuchsfußball:  Manchmal macht es eben vielleicht doch Sinn, sportpsychologische Möglichkeiten zu nutzen, bevor das berüchtigte Kind in den Brunnen gefallen ist.

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Quellen:

https://www.youtube.com/watch?v=WfIO-WxgH2Y

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