Dr. René Paasch: Rentabilität und Menschlichkeit im Fußball

Menschlichkeit im Fußball mag für manch hierarchisch organisierten Fußballverein nach einer leeren Worthülse klingen. Nach sicher schönen und guten Werten und netten Gesprächsrunden, für die man im Haifischbecken des Leistungssports aber keine Zeit hat – weil sie sich vermeintlich nicht in Tabellenstände messen lassen und ohnehin nicht rentieren. Aber das Gegenteil ist der Fall, wie ich hier im Text versuche, zu belegen. Kurzum: Dieser Blog soll aufzeigen, dass das klassische Modell des Überwachens, das frühzeitige Selektieren und das Führen mit Angst gegenüber den Trainern und Beschäftigten im Fußball ausgedient hat. Ich verdeutliche anhand konkreter Fallbeispiele, wie eine respektvolle und menschenfreundliche Vereinskultur messbar mit wirtschaftlichem Erfolg zusammenhängt.

Zum Thema: Eine rentable und menschenfreundliche Vereinskultur im Fußball entwickeln

Die angekündigte Trendwende im deutschen Fußball täuscht darüber hinweg, dass die meisten Clubs auch heute noch durch und durch klassisch funktionieren: Es herrschen strenge Rangordnungen, forsche Vorschriften und sichtbare Cliquenwirtschaft. Dabei ist die Zeit längst reif für mehr Menschlichkeit und Verbundenheit. 

Am schlimmsten ist der ewige Fokus auf die Schwächen der Trainer und Spieler. Sie werden in Evaluationsgesprächen und Entwicklungsgesprächen in die Mangel genommen, für ihre fehlende Leistung getadelt und entsprechend kategorisiert. So viel Negativität macht weder glücklich noch erfolgreich. Es ist viel produktiver, sich im Rahmen einer konstruktiven und lebendigen Kommunikation auf die Stärken und das Miteinander zu konzentrieren und diese ganz gezielt zu fördern. 

Mehr dazu: 

Wozu Sanktionieren und Selektieren führt

Denn in jedem Fehltritt oder Fehler stecken große Entwicklungsmöglichkeiten. Vertrauen Sie auf die Wachstumsmöglichkeiten Ihrer Trainer und Spieler und Sie werden sehen, dass sie ohne Angst und Einschüchterung von allein Verantwortung übernehmen und Sie alle davon profitieren.

Im Grunde liegt doch auf der Hand, dass ständiges Sanktionieren und Selektieren nur Misstrauen schürt. Wer sich ständig überwachen lassen und selbst die kleinsten Entscheidungen erklären muss, verliert die Lust an der Eigeninitiative. Übertrieben überwachte Trainer und Spieler stecken ihre Energie nicht mehr in Kreativität und Potentialentfaltung, sondern in den Kampf und Fluchtmodus. Wer soll da noch über sich hinauswachsen? 

Engagierte Trainer und Spieler suchen nach Sinn und Menschlichkeit 

Mit gehaltvollen Aufgaben können Sie viel dafür tun. Wer seine tägliche Arbeit im Sport als sinnvoll wahrnimmt, entwickelt den wohl wertvollsten Antrieb – die intrinsische Motivation, seine Leidenschaft, zu teilen und Dinge gut zu machen. Ganz unabhängig von externen Anreizen wie Geld. Sinnvolles Handeln hilft uns nämlich, unsere höchsten und anspruchsvollsten Bedürfnisse zu befriedigen. Hintergrund dieser Hierarchisierung von menschlichen Ansprüchen ist die berühmte Bedürfnispyramide des US-Psychologen Abraham Maslow aus den 1940er-Jahren. 

Für Sie als Führungskraft bedeutet dies, dass Sie neben den Grundbedürfnissen Ihrer Trainer und Spieler – einer sicheren Anstellung mit fairem Gehalt, einem festen Platz im Verein sowie Wertschätzung und Vertrauen – auch ihre höheren Ansprüche befriedigen müssen. Soll für alle Führungspersonen heißen: Wenn Sie wollen, dass sie ihr Bestes für Sie und Ihren Verein geben, dann sorgen Sie für einen übergeordneten Sinn und Fairness. 

Mehr dazu finden Sie hier: 

https://www.ardmediathek.de/video/sport-im-westen/arme-trainer-lohn-dumping-in-nachwuchs-zentren-der-bundesliga/wdr-fernsehen/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLWU0MjI3YWJkLTk2MDctNDM4NS1hN2UxLWY1YzFhODgwODgzOQ/

Zufriedenheit als Punktegarant

Viele Vereine glauben, die Zahlen unter dem berühmten Strich hätten nichts mit den Befindlichkeiten ihrer Trainer und Spieler zu tun. In Wirklichkeit ist aber gerade die Zufriedenheit eine der wichtigsten Voraussetzungen für den sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg eines Vereins. Zufriedene Trainer und Spieler sind erwiesenermaßen motivierter, kreativer, brennen auf und neben dem Platz und sind seltener krank oder verletzt als unglückliche. Machen wir ein Rechenbeispiel: Nehmen wir vorsichtig an, ein unmotivierter festangestellter Trainer verwendet täglich 15 Minuten für private Tätigkeiten auf. Bei einer Arbeitgeberleistung von durchschnittlich 16 Euro pro Stunde werden so pro Jahr und Trainer 920 Euro verschwendet. Klingt verschmerzbar? Wenn von 50 Angestellten nur 15 wirklich erfüllt und engagiert bei der Sache sind, summieren sich die unnötigen Kosten schnell auf stolze 39.100 Euro und 2.443,75 Stunden verlorene Arbeitszeit. 

Diese Kosten-Nutzen-Rechnung lässt sich beliebig für andere Bereiche fortführen. Experten schätzen ferner, dass mittlerweile 10-15% der Arbeitszeit in Vereinen auf die Bewältigung von Konflikten verwendet werden. Das sind horrende Kosten, die sich mit ein bisschen mehr Menschlichkeit vermeiden ließen. Unzufriedene Trainer und Spieler verlassen ihren Verein früher oder später. Ihr Scheiden tut weh: Wer geht, nimmt seine Erfahrungen und Kenntnisse mit. 

Die Menschlichkeitsbilanz im Fußball

Was wie eine klassische Bilanz klingt, ist eigentlich nur der logische nächste Schritt: Der Versuch, all die bisher genannten Werte in Ihrem Verein zu messen. Das Ganze passiert in vier Schritten. Noch vor dem ersten Schritt müssen Sie Ihre Trainer und Spieler allerdings für Ihr Projekt gewinnen. Informieren Sie den gesamten Verein über Ihre Pläne. Kommunizieren Sie klar und deutlich, was Sie vorhaben, damit von vornherein kein Platz für Missverständnisse und Gerüchte bleibt. Nur, wenn sich der größte Teil des Vereins auf den Weg macht, werden sie auch die Veränderung mittragen. Am besten gründen Sie daher ein „Menschlichkeitsteam“, das alle Trainer und Spieler und Hierarchien in Ihrem Verein so repräsentativ wie möglich abbildet. Dieses Team ist die Task Force „Menschlichkeit im Fußball“, die ab sofort die Verantwortung für die Umsetzung der Maßnahmen tragen würde: 

  1. Der erste Schritt besteht in der Entwicklung gemeinsamer Leitwerte für den gesamten Verein. Was ist Ihnen wichtig? Wofür wollen Sie stehen? Hier bietet sich eine Trainer- und Spielerbefragung an, die das Menschlichkeitsteam aufsetzt, sichtet und anonymisiert auswertet. Das Ergebnis wird für alle im Verein sichtbar veröffentlicht und zur Grundlage der neuen Vereinsphilosophie. 
  2. Der zweite Schritt ist die Definition des Soll-Zustands. Hierfür leiten Sie aus den entwickelten Leitlinien Leitwerte für alle Vereins- und Mannschaftsebenen ab, die Sie je nach Aufgaben und Zuständigkeiten mit Inhalten füllen. Das sind die konkreten Ziele für die einzelnen Bereiche des Vereins. Dahin soll die Reise gehen!
  3. Darauf folgt natürlich die Analyse des Ist-Zustands. Was ist Ihre Vereinsgeschichte? Wo kommen Sie her, wo stehen Sie gerade? Die Bestandsaufnahme umfasst alles von der Trainer- und Spielerzufriedenheit über die vereinsinterne Kommunikation bis zur derzeitigen Wahrnehmung der Vereinskultur. 
  4. Der vierte Schritt beantwortet die Frage, mit welchen Maßnahmen Sie Ihren Verein an den Soll-Zustand heranführen wollen. An welchen Stellschrauben wollen und können Sie drehen, um wirklich etwas zu verändern? Wie überprüfen Sie die Wirksamkeit der Maßnahmen? Bestimmen Sie gemeinsam verlässliche und aussagekräftige Indikatoren wie die Fluktuationsrate, Krankheitsausfälle und die Zahl interner Konflikte und Mediationen. 

Ergebnisse

Nach zwölf Monaten der erfolgreichen Umsetzung in die Praxis überprüfen Sie, ob Ihr Verein wirklich ein respektvollerer und freundlicherer Ort geworden ist. Nun geht es darum, die aktuellen Daten tatsächlich zu sammeln und auszuwerten. Dann rekapituliert das Menschlichkeitsteam, was genau umgesetzt wurde und wo es Probleme gab. Was hat sich geändert? Wo steht Ihr Verein jetzt? Waren die Erwartungen realistisch oder überzogen? Hier ist es wichtig, sowohl die positiven als auch die negativen Veränderungen zu erfassen. Nur so können die Maßnahmen angepasst und kontinuierlich verbessert werden. Dabei entsteht ein aussagekräftiges Profil des Vereins, das alle Beschäftigten verstehen und nach außen kommunizieren können. Auch hier gilt: Nichts ist sinnlos in Stein gemeißelt. Es darf und soll hinterfragt werden was an Zweifeln aufkommt, um sich Stück für Stück weiterzuentwickeln. Ein Verein ist ein lebendiger und systemischer Organismus, der sich ständig verändert. Bleiben Sie am Ball! Es rechnet sich!

Fazit 

Traditionell und festgefahrene Vereine messen ihren Erfolg in klassischen Zahlen wie Umsatz und Gewinn sowie an Tabellenständen. Dabei hängt ihr wirtschaftlicher und sportlicher Erfolg auch ganz wesentlich von einem anderen Faktor ab: der Menschlichkeit. Dieser Ansatz setzt auf Respekt, Wertschätzung und Vertrauen. Diese wünschenswerte Wirkung lässt sich sogar auch in ganz konkreten Zahlen nachweisen.

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Dr. René Paaschhttp://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

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