Prof. Dr. Oliver Stoll: Gute Selbstgespräche

Man spricht mit sich selbst? Das klingt ja fast pathologisch! Das könnte man tatsächlich denken. Sofort könnte da ein Bild eines älteren, ungepflegt aussehenden Menschen vor dem inneren Auge auftauchen, der an einer Bushaltestelle steht und ständig mehr oder weniger laut mit sich selbst redet. In der Tat gibt es psychische Erkrankungen, die dadurch auffallen, dass man genau diese Symptomatik beobachten kann. Aber genau das meine ich jetzt nicht; vielmehr die Art von Selbstgespräche, die auch im Sport allgegenwärtig sind.

Zum Thema: Stabile Handlungsführung durch Selbstinstruktionen

Wir führen eigentlich ständig „Selbstgespräche“. Denn wenn wir durch die Welt gehen, dann nehmen wir zunächst unsere Umwelt wahr (Informationsaufnahme) und wir verarbeiten diese Wahrnehmungen (Informationsverarbeitungen), im Wesentlichen, um unsere nächste Handlung vorzubereiten. Wenn wir dann handeln – im optimalsten Fall zumindest – begleiten wir diese Handlung, manchmal mehr, manchmal weniger bewusst, mit „Selbstinstruktionen“ oder „Selbstgesprächen“. Wenn wir eine Handlung abgeschlossen haben, dann werten wir das Ergebnis der Handlung eben auch aus – über Selbstgespräche. Diese „Selbstgespräche“ sind eigentlich nichts anderes als unsere Gedanken und dieser Prozess der Vorbereitung, Begleitung und Auswertung einer Handlung läuft zumeist mehr oder weniger unbewusst – oder besser gesagt automatisiert ab. Häufig kümmern wir uns gar nicht bewusst, um genau diese Prozesse, da dies ja auch Aufmerksamkeit und Konzentration „kostet“. Und eigentlich ist das ja auch eine sehr ökonomische Form des Handelns und der Steuerung von Handlungen, die wir uns auch hart erarbeitet haben (in den sehr frühen Jahren unseres Lebens). Wenn dann alles klappt, was wir so vorhaben, dann ist auch alles gut. Problematisch wird es erst, wenn unsere Gedanken – also unsere Selbstgespräche – uns bei der Handlungsausführung (aus welchem Grund auch immer), nicht mehr helfen, sondern eher stören.

So etwas geschieht insbesondere dann, wenn wir in „Drucksituationen“ oder Krisensituationen geraten. Vor lauter Hilflosigkeit und Bedrohungswahrnehmung in einer solchen Situation neigen unsere Gedanken (also unsere Selbstgespräche dazu), wenig strukturiert und steuernd, sondern eher chaotisch und wirr in unseren Köpfen herum zu kreisen. Das ist dann mitunter wenig hilfreich, um eine nächste Handlung vorzubereiten (und zu begleiten). So geschehen, bei ca. KM 68,5 bei meinen 100 Kilometerlauf in Biel (Zum E-Book: Einmal war ich in Biel). Ich lief gegen eine Wand von Schmerzen und erlebte einen mehr oder weniger starken „Ganz-Körperkrampf“. Eine Situation, die mein Weiterlaufen unmöglich machte und einem möglichen „Ausstieg“ aus dem Rennen zur Folge haben hätte können, wenn ich in dieser Situation nicht besonderen Wert darauf gelegt hätte, meine Gedanken bewusst zu steuern. In einer solchen Situation, darf man sich nicht von seinen Gedanken steuern lassen, sondern man muss selbst das Heft in die Hand nehmen und die Gedanken steuern. Denn wir wissen ja, dass diese Gedanken (Selbstinstruktionen) unsere nächste Handlung vorbereiten und begleiten. In diesem Fall, habe ich mir zunächst beruhigend zugeredet, habe mich erst einmal hingesetzt und dann bewusst (also mir selbst befehlend) eine Entspannung eingeleitet. Ich habe mir dann in einer kleinen Diskussion mit mir selbst klar gemacht, dass ich diese Situation der Schmerzen, so wie sie ist, akzeptieren muss, weil dies eben zu einem 100 Kilometer-Lauf dazu gehört. Je mehr ich diesen Zustand akzeptierte, desto gelassener wurde ich. „Mach den Schmerz zu deinem Freund“, war meine Selbstinstruktion – mein Gedanke in dieser Situation. Diesen habe ich wiederholend verinnerlicht, was dazu führte, dass ich die ganze Situation plötzlich wieder in einem weniger bedrohlichen Licht gesehen habe. Ich bekam somit zunehmend Kontrolle über die Situation zurück und konnte weiter laufen. Ganz ähnlich ging es mir auf den letzten zehn Kilometern des gleichen Rennens. Ich war körperlich so erschöpft, dass ich eine prinzipiell automatisierte und ökonomische Bewegung wie „Laufen“ nur unter großem – auch mentalen – Aufwand umsetzen konnte. Das ging nur noch, weil ich meine Laufbewegung sehr bewusst gesteuert habe. Wie viel länger ich dies hätte noch tun können, weiß ich nicht, aber ich wusste ja, dass nach 100 Kilometern Schluss ist. Es waren ja „nur noch“ fünf oder sechs Kilometer. Ich habe mich dann damit abgelenkt, umzurechnen. Also wie viele Stadionrunden sind fünf Kilometer? Und das habe ich mir dann bildlich vorgestellt. Das wiederum führte ebenfalls wieder dazu, dass ich dann diese, eigentlich für mich sehr kritische Situation, in einem weniger bedrohlichen Licht gesehen habe.

All das wäre nicht möglich, wenn wir nicht in der Lage wären, „mit uns selbst zu reden“, unsere Gedanken zu analysieren und im Bedarfsfalle steuernd diese „in die richtigen Bahnen zu lenken“.  Aus diesem Grund sind unsere Selbstgespräche, vor allen Dingen in kritischen Situationen so bedeutsam. Die richtigen Selbstinstruktionen machen ihn manchmal aus – den Unterschied zwischen „Aussteigen“ oder „Ankommen“.

Print Friendly, PDF & Email

Aufrufe: 1254

10 Kommentare

  1. […] Diese Idee hat sich im Nachhinein als sehr gut erwiesen. Ich war dadurch mehr oder weniger „gezwungen“, mich geistig wach und aktiv zu halten. Ansonsten hätte sich die Gefahr ergeben, dass ich irgendwann in „meinen Tunnel“ abgerutscht wäre. Auf technisch schwierigen Abschnitten, die es – zugegebenermaßen in Biel nicht wirklich gibt, aber das wusste ich ja noch nicht – wäre das fatal geworden, denn ein Sturz hätte das Rennen sofort beenden können. Ich konnte mich unterwegs so sehr gut geistig beschäftigen, selbst reflektieren und ich hatte so auch ein „Mentales Werkzeug“, mich ablenken zu können, wenn es besonders schwer und schmerzhaft wird (siehe hierzu auch meinen Blog für die-sportpsychologen.de zum Thema Selbstgespräche). […]

Comments are closed.