Christian Schwarz: Wieviel „mentale Stärke“ ist notwendig, um einen „stillen Sieg“ wirklich zu genießen?

Normalerweise jubeln einem rund 40.000 Zuseher beim Night-Race in Schladming zu, allein wenn man dort fährt! Egal, ob man gewinnt oder nicht. Und wenn man es dann geschafft hat, nach zwei Durchgängen ganz oben zu stehen, mindestens die rot-weiß-roten Fans singen bei der Bundeshymne mit, jubeln einem zu und vergöttern einem beinahe schon – was muss das für ein Gefühl sein?! „Emotion und Gänsehaut pur“. Normalerweise…

Zum Thema: Umgang mit Emotionen zu Corona-Zeiten

Solche Momente belohnen Sportler, die den ganzen Sommer geschwitzt und trainiert haben. Kraft, Ausdauer, Stabilität und was sonst noch alles dazu gehört. Tag für Tag, Woche für Woche. Jeden Tag an seine Grenzen gehen, oft ganz allein, Überwindung pur, teilweise die Grenzen überschreiten, um noch besser zu werden – mit dem einen Ziel – ganz oben zu stehen und Weltcup-Rennen zu gewinnen. Wenn man es dann geschafft hat, jubeln einem die Menschmassen zu und geben einem – zumindest emotional – vieles wieder zurück und gleichzeitig neue Energie, um weiter am Limit zu trainieren.

Doch in dieser Saison ist alles anders. Aufgrund der Corona-Pandemie sind Zuschauer tabu. Zweieinhalb Meter hohe Planen wurden kürzlich beim Night-Race in Schladming aufgestellt, damit niemand kam und zusehen konnte. Die Anwohner, die zu der Stimmung befragt wurden, lieferten Aussagen wie: „Trostlos, sehr gespenstisch, fad & leise“. …und dann das Rennen!

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Ganz andere Podesterfahrung

Marco Schwarz, derzeit Slalom-Weltcup Führender – triumphiert beim Nachtslalom in Schladming. Er zaubert nach überstandenem Kreuzbandriss von Februar 2019 zwei sensationelle Läufe über die Eis-Piste und feiert beim wohl bekanntesten Slalom im skialpinen Weltcupzirkus seinen vierten Weltcupsieg! Erst steht ganz oben. Der Stadionsprecher verkündet: „Platz 1 – representing Austria – Gewinner des Nachtslaloms von Schladming 2021 – MARCO SCHWARZ!”

Genau jetzt hätte der Jubel von 40.000 fanatischen Fans kommen müssen. Jetzt wäre der ideale Zeitpunkt, den Fokus auf seine Umgebung zu richten, auf die Dinge, die man in diesem Moment nicht beeinflussen kann und auch gar nicht beeinflussen möchte. Einfach nur genießen und lockerlassen. Doch ich denke, das geht jetzt gerade nicht, denn es ist leise, zu leise um loszulassen – ja fast schon gespenstisch. Bis auf wenige Betreuer und Rennläufer – deren Jubel von den Masken auch noch gedämpft wird – ist niemand da. Eine Siegerehrung, die man so nicht kannte. 

Konkrete Tipps für Sportler 

Wie sollten damit Athleten umgehen? Wie sich verhalten? Sich wie darauf vorbereiten? Denn eines scheint sicher, in den kommenden Wochen und Monaten wird sich die Szenerie nicht maßgeblich ändern. Und wie die Olympische Spiele, falls sie überhaupt stattfinden können, ausgestaltet werden, weiß noch kein Mensch. Unsicher ist ja ehrlicherweise sogar, wie es im nächsten Herbst und Winter weitergeht. Insofern lohnt es für Sportler eine intensivere Auseinandersetzung mit der Thematik.  

Mein Tipp lautet: Mehr denn je gilt in einer solchen Podestsituation, bei sich zu bleiben, die eigene Leistung ganz alleine würdigen, versuchen wirkliche Freude zuzulassen und stolz auf sich zu sein. Zudem braucht es eine enorme mentale Stärke, um nicht wehmütig – ja sogar traurig zu sein. Wehmut wird sich kaum vermeiden lassen – doch wieviel Platz bleibt dann für die wahre Freude? Ich meine damit auch nicht die Zufriedenheit über die eigene erbrachte Leistung, sondern das Gefühl, gemeinsam zu jubeln, in lachende und strahlende Gesichter zu schauen. Diese Wertschätzung und Anerkennung von außen zu erleben und zu spüren!  Das können die AthletInnen nur für sich beantworten und ich wünsche JEDEM, dass sie für sich diesen Platz für wahre Freude schaffen! Vielleicht geht es durch Imagination, denn vor den Fernsehgeräten waren doch 1,4 Millionen Zuschauer beim 2. Durchgang dabei. Wenn man es schafft, sich vorzustellen, wie es in dem einen oder anderen Wohnzimmer nach der Zieldurchfahrt abgeht – wenn es GRÜN leuchtet – dann kann da durchaus wahre Freude entstehen!

Stille und laute Freude

Ich wünsche Marco, dass er es geschafft hat, seinen ersten Schladming-Sieg für sich in ausreichender Form zu genießen und diese Freude zu erleben. Und ich wünsche ihm natürlich noch viele weitere Siege unter tosendem Applaus und Jubel der Fans!

Ich hoffe für alle Athletinnen und Athleten in sämtlichen Sportarten, dass Zuseher vor Ort bald wieder erlaubt sind. Auch wenn dadurch womöglich der „Druck zu performen“ wieder etwas steigt, sind jubelnde Zuschauer einer der wichtigsten emotionalen Faktoren für Freude und die schönste Belohnung des Siegens!

Aufruf

An alle die, die mit der gegenwärtigen Lage Schwierigkeiten oder einfach nur Fragen haben: Wir von Die Sportpsychologen sind für euch da. Meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Christian Schwarz) stehen euch gern zur Verfügung.

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