Hier stellen wir euch Links und Hinweise zu ausgewählten aktuellen medialen Veröffentlichungen rund um das Thema Sportpsychologie zur Verfügung. Die Texte, Beiträge, Interviews, Bücher oder Podcasts stammen von unserer Experten und Expertinnen aus dem Netzwerk oder sind aus unserer Sicht äußerst interessant.
Die deutsche Judoka Anna-Maria Wagner hat es bereits 2021 erlebt: Nach den Olympischen Spielen von Tokio fiel sie in ein tiefes Loch, war antriebslos, schlief schlecht und spürte eine länger anhaltende tiefe Traurigkeit. Post Olympic Depression lautet der internationale Name des Phänomens, welches immer wieder Athleten und Athletinnen schwer macht, nach einem sportlichen Top-Ereignis den Weg zurück in den Alltag zu finden. Auf welche Symptome sollten SportlerInnen achten und ab wann sich Hilfe suchen? Gibt es Wege, präventiv etwas gegen eine Post-Olympia-Depression zu tun?
Der Begriff „Post Olympic Depression“ wird auch als „Entspannungsdepression“ bezeichnet und beschreibt das Auftreten depressiver Symptome nach einer Phase hoher Belastung und Anspannung, sobald diese nachlässt. Aber warum ist das so?
Forschungsergebnisse suggerieren, dass Hochspannungsphasen Vorläufer von Depressionen sein können. Unterschwellige Depressionssymptome, emotionale Instabilität, geringere Zufriedenheit und mangelnde soziale Unterstützung (z.B. durch Trainer, Teamkollegen oder Familie) können Depressionen vorhersagen. Aus gesundheitspsychologischer Sicht kann Stress, einschließlich emotionaler Belastung, zu Depressionen und anderen Gesundheitsproblemen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes führen und somit eine Leistungssportkarriere gefährden. Interventionen der Sportpsychologie und Psychotherapie deuten jedoch darauf hin, dass psychologische Flexibilität, also die Fähigkeit einer Person, Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen bewusst an die jeweiligen Gegebenheiten anzupassen, als Schutzfaktor gegen emotionale Belastung und Depression dient.
Dies deutet darauf hin, dass nicht alle Personen unter hoher Anspannung zwangsläufig Depressionen entwickeln, da individuelle psychologische Merkmale die Ergebnisse beeinflussen können. Zusammenfassend zeigt sich ein klarer Zusammenhang zwischen Phasen hoher Anspannung und der Entwicklung einer Depression, was durch die prädiktive Rolle von Stress und emotionaler Instabilität belegt wird. Psychologische Flexibilität kann jedoch die Auswirkungen von Stress auf Depressionen mindern, was nahelegt, dass Interventionen zur Stärkung der psychologischen Widerstandsfähigkeit vorteilhaft sein könnten.
Zurück in den Alltag
Durch (sport-)psychologische Interventionen unterstützen Sportpsychologen Athleten aktiv im Umgang mit Rückschlägen oder der Rückkehr zu einem „Alltagsniveau“, beispielsweise nach den Olympischen Spielen. Sie fördern dabei insbesondere die psychologische Flexibilität, die die Auswirkungen von Stress auf Depressionen mindern kann, was den Nutzen von (sport-)psychologischen Interventionen zur Stärkung der psychologischen Widerstandsfähigkeit verdeutlicht. Diese Erkenntnisse betonen die Wichtigkeit einer frühzeitigen Identifizierung und Intervention bei Sportlern mit hohem Stress und Depressionsrisiko – doch wann wird eine „depressive Phase“ tatsächlich krankhaft?
Typische Depressionssymptome umfassen gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit, Antriebsmangel oder erhöhte Ermüdbarkeit, verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, geringes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Schuldgefühle und Wertlosigkeit, negative Zukunftsperspektiven, Suizidgedanken oder -handlungen, Schlafstörungen, verminderten Appetit und sozialen Rückzug. Das gleichzeitige Auftreten mehrerer dieser Symptome deutet auf ein Syndrom hin, das die Grundlage für eine Depressionsdiagnose bildet und psychotherapeutisch behandelt werden sollte. Daraufhin wird dann vom Facharzt für Psychotherapie bzw. vom Psychologischen Psychotherapeuten aus dem Kapitel „Affektive Störung (F30-F39)“ des International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD), z.B. F32.1 – Diagnose Mittelgradige depressive Episode oder F33.2 – Diagnose: Rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode ohne psychotische Symptome, diagnostiziert.
In Deutschland sollten Betroffene zunächst den Hausarzt oder einen Psychologischen Psychotherapeuten konsultieren, woraufhin je nach Schweregrad eine stationäre oder ambulante Therapie eingeleitet wird, gegebenenfalls mit medikamentöser Behandlung (z.B. Antidepressivum). Die Patienten können die ambulante Therapie als Kassenleistung in den Richtlinienverfahren der Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie oder Systemischen Psychotherapie durchführen.
Systemischer Ansatz
Die Systemische Psychotherapie, mein Fachgebiet, ist besonders für Leistungssportler geeignet, da sie neben individuellen Anliegen auch soziale Beziehungen berücksichtigt, wie Eltern, Partner, Trainer und Teamkollegen sowie im Ergebnis die psychologische Flexibilität und Resilenz wieder aufgebaut werden.
Ein systemischer sportpsychologischer Begleitansatz ermöglicht auch präventive Maßnahmen bei der Betreuung von Sportlern, wie Entspannungstechniken und Routinebildungen.
Song, Y., Qian, L., Sui, J., Greiner, R., Li, X.-M., Greenshaw, A. J., Liu, Y. S., & Cao, B. (2023).
Prediction of depression onset risk among middle-aged and elderly adults using machine learning and Canadian Longitudinal Study on Aging cohort. Journal of Affective Disorders, 339, 52–57.
Elsayed, N. M., Fields, K. M., Olvera, R. L., & Williamson, D. E. (2019). The role of familial risk, parental psychopathology, and stress for first-onset depression during adolescence. Journal ofAffective Disorders, 253, 232–239. https://doi.org/10.1016/j.jad.2019.04.084
Gagliani, M. L., Hojaij, E. M., & Da Luz, P. L. (2018). Chapter 20 – Emotional Stress and Influences on Endothelium. In Endothelium and Cardiovascular Diseases (pp. 265–282). elsevier. https://doi.org/10.1016/b978-0-12-812348-5.00020-9
Atasoy, S., Johar, H., Zöller, D., Schomerus, G., Fleischer, T., Beutel, M., Kruse, J., Ladwig, K.-H., Binder, H., & Braehler, E. (2022). Depression Mediates the Association Between Childhood Emotional Abuse and the Onset of Type 2 Diabetes: Findings From German Multi-Cohort Prospective Studies. Frontiers in Psychiatry, 13(Suppl 1). https://doi.org/10.3389/ fpsyt.2022.825678
Bryan, C. J., Ray-Sannerud, B., & Heron, E. A. (2015). Psychological flexibility as a dimension of resilience for posttraumatic stress, depression, and risk for suicidal ideation among Air Force personnel. Journal of Contextual Behavioral Science, 4(4), 263–268. https://doi.org/10.1016/j.jcbs.2015.10.002
Noah Lyles. Der amerikanische Sprintstar ist nicht erst seit seinem Finish beim olympischen 100-Meter-Rennen in Paris eine der schillerndsten Sportpersönlichkeiten der Welt. Er besticht neben der Laufbahn auch durch seine Aussagen. Am Sonntag sagte er nach seinem ersten Olympia-Rennen: “Meine Güte, das ist ja unglaublich. Ich bin unglaublich.“ Vor dem Wettkampf äußerte er: “Je mehr Augen auf mich gerichtet sind, desto besser werde ich.” Schon vor Monaten machte Lyles, der sportpsychologisch und therapeutisch begleitet wird, mit Aussagen auf sich aufmerksam, die tiefer blicken lassen: „Ich habe Asthma, Allergien, Legasthenie, ADS, Angstzustände und Depressionen. Aber ich sage Euch, dass das, was Ihr habt, nicht definiert, was Ihr werden könnt. Ihr könnt es auch schaffen.“
Was also können Sportler und Sportlerinnen von Noah Lyles lernen? Und was hat das mit der deutschen Olympiasiegern Jessica von Bredow-Werndl und Christian Kukuk zu tun? Dunja Lang geht schafft Aufklärung:
Enormer Druck und Erwartungen, und das Bewusstsein „jetzt hast du eine einmalige Chance!“. Da tut es oft gut, sich noch einmal auf das Wesentliche zu besinnen und es in wenigen Worten auf den Punkt zu bringen. Häufig sind es gut vorbereitete und verankerte Kraftsätze oder Affirmationen, die genau das auf den Punkt bringen, was man JETZT braucht. Und dann geht es um das Verankern, das Vertrauen und Loslassen. Und die richtige Mentaltechnik, um genau das zu schaffen, um nur im Hier und Jetzt zu sein!
Der US-Amerikaner Noah Lyles holte sich unmittelbar vor dem packenden Gold-Thriller über 100 m bei Olympia 2024 in Paris noch einmal Hilfe. „Ich habe meine Therapeutin angerufen und sie sagte: ‚Du musst loslassen, du musst es fließen lassen'“, erklärte der neue Olympiasieger: „Und ich sagte: ‚In Ordnung, ich werde dir vertrauen.'“
Die Idee des Loslassens und Vertrauens können viele Athletinnen nachvollziehen. Sagen doch TrainerInnen oft: „Schalte doch einfach den Kopf aus und mach!“- Ja, wenn es so einfach wäre!
Und was häufig vergessen wird: Auch im „Tunnel“, im absoluten Fokus, braucht es oft einen gewissen, genau definierten Anteil an Bewusstsein. Damit kein unguter Gedanke oder Ablenkung dazwischen kommt! Und man gleichzeitig flexibel und taktisch reagieren kann!
Hier ein weiteres Beispiel aus dem Reitsport, meiner „Spezialdisziplin“ im Mentalcoaching und auch aus eigenen Erfahrungen als Profi im Reitsport:
Jessica von Bredow-Werndl, Olympiasiegerin der Dressur im Einzel und in der Mannschaft nach den Ritten: „Das „Leichte“ ist sooo viel mentale Arbeit! Das es möglich ist, alles zu geben und trotzdem im Hier und Jetzt zu sein. Es ging ums Loslassen, ums Machen, um im Hier und Jetzt zu sein!“
Wie hat sie es geschafft, loszulassen und zu vertrauen? Hier ihre Affirmation, ihr „Kraftsatz“:
„Ich bin genug, Dalera ist genug, wir sind genug. Wir haben alles, was wir brauchen, in uns, bei uns. Wir haben nichts trainiert (auf dem Abreiteplatz, in der direkten Vorbereitung kurz vor dem Start). Wir sind trocken reingeritten und trocken rausgekommen. Es ging wirklich um Vertrauen und das hat geklappt.“
Was hilft jetzt und wie komme ich in diesen speziellen Zustand?
Das lässt sich trainieren! Was ich zigfach mit SportlerInnen aller Leistungsklassen, bis hin zu Olympioniken trainiere, sind spezielle Techniken der Sporthypnose, mit denen man sich zielgerichtet in den genau richtigen mentalen Zustand versetzt. Um einerseits loszulassen und zu vertrauen, und gleichzeitig VOLL DA zu sein, wenn es darauf ankommt.
Oft gilt es, scheinbare Gegensätze zu vereinen, beispielsweise Kontrolle und Angriff. Der Olympiasieger im Springreiten Christian Kukuk hat seine Erfolgs-Strategie „kontrollierter Angriff“ genannt. Um das wirkungsvoll zu verankern, hilft eine spezielle Form der Sporthypnose, weil im Zustand von Trance einer „Aktiv-Wach-Hypnose“, genau das verankert und abgerufen werden kann. Für absolute Spitzenleistung mit Fokus im Hier und Jetzt!
Olympische Spiele 2024. Bogenschießen, Mixed-Wettbewerb. Die ARD-Kommentatorin Sabrina Bramowski spricht vor dem Wettkampf davon, dass sie Mentaltrainer kennt, die mit ihren Athleten daran arbeiten, sich die goldene Olympia-Medaille vorzustellen. Klingt spannend, oder ist das schon des Guten zu viel? Beziehungsweise ein bisschen zu einfach gedacht? Befassen wir uns also mit dem Thema Visualisierungen.
Die Kommentatorin Sabrina Bramowski spielt mit ihrer Aussage auf ein richtig spannendes Thema an: Visualisierung im Sport!
Visualisierung ist ein mächtiges Werkzeug im mentalen Training. Diese Technik, die in der Sportpsychologie und im Mentaltraining weit verbreitet ist, kann Athleten helfen, ihre Leistung zu optimieren und ihre Ziele zu erreichen.
Was ist Visualisierung?
Visualisierung, auch bekannt als mentales Training – beinhaltet das Erschaffen von mentalen Bildern von Bewegungen, Situationen oder Zielen. Athleten stellen sich vor, wie sie erfolgreich agieren, sei es bei einem Wettkampf, Training oder in anderen sportlichen Situationen. Diese mentalen Bilder können so real und detailliert sein, dass sie fast wie eine tatsächliche Erfahrung Wirkung hinterlassen.
Vorteile der Visualisierung:
1. Verbesserte Konzentration und Fokus
2. Erhöhtes Selbstvertrauen
3. Technikverfeinerung
4. Stressbewältigung
Visualisierung kann in verschiedenen Formen praktiziert werden
Vor dem Wettkampf: Athleten können sich den bevorstehenden Wettkampf in allen Details vorstellen
Im Training: Während des Trainings können Athleten Visualisierung einsetzen, um sich auf spezifische Techniken oder Herausforderungen zu konzentrieren.
In der Erholungsphase/in der Verletzungsphase: In Phasen der Erholung oder Rehabilitation kann Visualisierung helfen, das Training mental fortzusetzen und den Heilungsprozess zu unterstützen.
Visualisierung ist eng verknüpft mit Mentaltraining. Ziel dabei ist, die mentale Stärke und die Leistung zu verbessern. Mein Kollege Arthur Wachter umschreibt die Visualisierung bereits wunderbar. Gerade in einer sehr technisch anspruchsvollen Sportart wie Bogenschiessen ist das Mentale von besonderer Bedeutung. Gerade im Wettkampf sind Bedrohungen und Belohnungen wichtig. Beispielsweise kann die Beobachtung der Konkurrenten, die die ersten Pfeile souverän im 10er-Ring platzieren, oder das Gefühl der eigenen Kraftlosigkeit („heute wiegt der Recurve-Bogen schwerer als üblich“) als Bedrohung wahrgenommen werden. Durch gezielte Visualisierung und Mentaltraining können Athleten lernen, diese Bedrohungen zu bewältigen und ihre Leistung zu optimieren.
Aus einer systemischen Perspektive glaube ich aber, verschenken wir enorm viel Potential, wenn Wahrnehmung, Erleben, Affekte, Verstehen, Wille, Handeln und Umwelt unberücksichtigt bleiben. Daher bin ich davon überzeugt, dass wir auch über die sportpsychologische Beratung als alternative Methode sprechen müssen. Visualisierung hat den Zweck, etwas zu verändern, nutzt dazu jedoch vermeintlich Klarheit und Eindeutigkeit als Ausgangspunkt. Im Sinne von Pipi Langstrumpf «ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt’ greifen solche Interventionen meiner Ansicht nach viel zu kurz, weil sie Komplexität häufig (nicht immer) reduziert. Denn, wer sich selbst wenig wahrnimmt, kann sich nicht wirklich kennen und übersieht Wichtiges im Aussen (Klaus Eidenschink).
Es ist zentral zu erkennen, dass Menschen und ihr Verhalten von Kontext und Umwelt abhängig sind. Es ist daher spannend, Paradoxien oder Vieldeutigkeit (statt Eindeutigkeit und Klarheit) als Ausgangspunkt zu nutzen in einer Beratung und diese gemeinsam mit Athleten zu verstehen. Nehmen wir den Bogenschiesswettbewerb als Beispiel. Ein Widerspruch (Paradoxie) ist die individuelle Leistung und Teamgeist im Mixed-Wettkampf-Team. Auf der einen Seite wird eine herausragende individuelle Leistung erwartet, gleichzeitig wird Teamgeist und Zusammenarbeit gefordert. Konzentrieren sich Athleten zu stark auf die individuelle Leistung, kann dies den Teamgeist beeinträchtigen. Umgekehrt führt der Fokus auf Teamgeist dazu, dass individuelle Fähigkeiten nicht vollends ausgeschöpft werden.
Wie gehen Athletinnen und Athleten mit solchen Spannungsfeldern um, wenn sie sich zwischen diesen beiden gegensätzlichen Polen bewegen und die gewünschte Eindeutigkeit nicht mehr gegeben ist? Und wie verhält es sich, wenn es um einen Olympia Wettkampf geht, auf welchen sich Athleten mehrere Jahre vorbereiten? Wertvolle Erkenntnisse als Athlet erhält man, wenn der Blick mit einer beratenden Fachperson auf die eigenen inneren Prozesse gerichtet wird und damit Muster und deren Funktion zu identifizieren versucht.
Zum Beispiel: Wenn von der Aussenwelt beängstigende oder einschränkende Botschaften (wie „Sei anders als du bist“ oder „Nur Gold zählt“) vermittelt werden, versuchen die Athleten dies oft durch zusätzliche Anstrengungen wettzumachen, möglicherweise zu Lasten des Teamgeistes. Wenn nun subjektiv nicht derselbe Effort beim Mixed-Partner wahrgenommen wird, was passiert dann? Geht es um die Wahrnehmung, dann ist es spannend zu verstehen, wie eine Athletin Erlebtes begrüsst oder ablehnt. Wenn beispielsweise das Scheitern konsequent als unangenehm abgelehnt wird, dann hat dies Einfluss auf die inneren Prozesse, wie zum Beispiel die Selbstwahrnehmung oder der Umgang mit eigenen Bedürfnissen und führt zu einem Mangel an Reflexion. Gerade in einem Teamwettbewerb scheint es mir sinnvoll, diese Muster aufzudecken und hinsichtlich ihrer Funktion (funktional, dysfunktional) zu prüfen. Sportpsychologische Beratung kann dabei unterstützend hinzugezogen werden. Am besten mit ausreichend Vorlauf.
Beim Triathlon-Wettbewerb der Frauen gab es auf regennasser Straße reichlich Stürze auf der Radstrecke. Beim Surfen in Tahiti machten einige Starterinnen unliebsame Bekanntschaft mit dem Korallenriff. Oder denken wir an die in der Vorrunde fulminanten deutscher Volleyballer: Hier passt vieles, aber immer mal wieder landeten Aufschläge, die mit vollem Risiko geschlagen wurden, im Netz oder weit im Aus landeten. In vielen Sportarten kommt es durch äußere Bedingungen, durch die Konkurrenz oder eigene Fehlleistungen zu Situationen, die es am besten sofort zu verdauen gilt. Was braucht es für Rüstzeug, um mit solchen Rückschlägen optimal umzugehen?
Nicht nur in Zeiten von sportlichen Rückschlägen, vor allem aber dann sollte ein sehr achtsamer Umgang mit Social Media Kanälen praktiziert werden. Das Leben der anderen, deren sportliche Erfolge und scheinbar perfekte Postings dazu verleiten erwiesenermaßen dazu, das eigene Leben abzuwerten und sich auch schlechter zu fühlen. Dies kann sich in Phasen sportlicher Rückschläge ungemein verstärken. Vorbeugend sollte man sich ohnehin mit den durch Algorithmen gelenkten Mechanismen sozialer Medien vertraut machen, sowie eigene Kanäle nach inspirierenden und motivierenden oder belastenden Inhalten ausmustern. Sicherlich gibt es virtuelle FreundInnen, deren Inhalte eher negativ beschäftigen und die damit keinen eigenen Mehrwert bilden. Achtsam verwendet können Social Media Inhalte auch im Sport für Inspiration, Motivation und Durchhaltevermögen sorgen, jedoch nur, wenn der Umgang überdacht wird. Zuallererst in Phasen sportlicher Rückschläge. Dann ist es vor allem wichtig, sich auf den analogen Kreis wichtiger Bezugspersonen sowie des sportlichen Teams zu beziehen.
1. Mentale Stärke: Sportler sollten Techniken zur Stärkung ihrer mentalen Resilienz entwickeln, wie z.B. positive Selbstgespräche, Visualisierung von Erfolg und das Setzen von realistischen Zielen, aber auch von Stürzen!
Hier sollte beide Punkte vorbereitet werden:
a. Was meine Handlungen, Reaktionen und Emotionen GLEICH nach meinem Sturz sind.
b. wie ich damit am besten für mich umgehen möchte bzw. werden (als Ziel formuliert).
2. Atemtechniken: Atemübungen können helfen, Stress und Nervosität abzubauen, insbesondere in Drucksituationen.
3. Reflexion und Analyse: Nach einem Wettkampf sollten Sportler ihre Leistung analysieren, um aus Fehlern zu lernen und Strategien für zukünftige Wettkämpfe zu entwickeln.
4. Flexibilität im Wettkampf: Athleten sollten lernen, sich an unerwartete Situationen anzupassen und alternative Strategien zu entwickeln, um ihre Leistung zu optimieren.
Rüstzeug für den Umgang mit Rückschlägen:
1. Emotionale Intelligenz: Die Fähigkeit, eigene Emotionen zu erkennen und zu steuern, ist entscheidend, um in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben.
2. Unterstützungssystem: Ein starkes Netzwerk aus Trainern, Teamkollegen und Familie kann helfen, Rückschläge besser zu verarbeiten.
3. Erfahrung: Je mehr Wettkämpfe ein Sportler bestreitet, desto besser kann er mit Rückschlägen umgehen, da er aus vergangenen Erfahrungen lernt.
4. Zielorientierung: Klare, erreichbare Ziele helfen, den Fokus zu behalten und sich nicht von Rückschlägen entmutigen zu lassen.
Insgesamt ist es aber sehr wichtig, Rückschläge als ein Teil des Sport zu akzeptieren und es (lernen) miteinzu(ver)arbeiten.
Gerade für Olympia Sportler, die sich gezielt vier Jahre auf dieses Event vorbereiten, sind Rückschläge im Wettkampf enorm bitter.
Damit die Athleten diese enormen Hürden im Wettkampf meistern, ist es wichtig, dass sie sich schon vorab mit den unterschiedlichsten Szenarien auseinandersetzen und mögliche Strategien im Kopf haben. Ich persönlich halte nichts davon, sich vorab nur den Erfolg vorzustellen und zu visualisieren. Nur im seltensten Fall hat ein Athlet das perfekte Rennen.
Zusätzlich sollten die Sportler auch mit dem entsprechenden mentalen Rüstzeug ausgestattet sein. Dazu zählt zum Beispiel die Selbstgesprächsregulation. Idealerweise earbeitet man mit dem Athleten schon im Vorfeld entsprechende Selbstanweisungen. Ein praktisches Beispiel dazu: Wenn im olympischen Triathlon, wie schon im Vorfeld bekannt war, die Radstrecke nass und rutschig ist und der Athlet stürzt, dann muss er in der Lage sein diesen Sturz schnell abzuhaken und seinen Fokus wieder auf seine Aufgabe richten, in diesem Fall den Anschluss an die Gruppe finden. In diesem Fall könnte seine inneren Selbstanweisung lauten: „weiter geht’s, du bist stark, du holst sie wieder ein!“ Das klingt jetzt natürlich sehr einfach, im Rennen selbst ist das für den Athleten mit einem Weltuntergang gleichzusetzen. Daher ist es umso wichtiger, dass er seine Handlungen im Vorfeld verinnerlicht und in Visualisierungen trainiert.
Eine weitere hilfreiche Methode für Sportler ist, wenn sie sich mehrere Ziele für ihren Wettkampf setzen. Ein Optimal Ziel (wenn alles perfekt läuft), ein Normal Ziel und ein Minimal Ziel. Vor allem minimale Ziele dienen dazu, bei Rückschlägen im Wettkampf (wie z.B. großer Rückstand bereits nach dem Schwimmen) die Motivation aufrecht zu halten, sein eigenes Rennen zu machen, das Bestmögliche zu geben und trotzdem zu finishen.
Wir sehen, die mentale Vorbereitung für ein wichtiges Rennen beginnt bereits Wochen vor dem eigentlichen Startschuss.
Der Fepsac-Kongress 2024 in Innsbruck war bisher die größte internationale Konferenz in der 45-jährigen Geschichte der European Federation of Sport Psychology (FEPSAC). Wir haben die Teilnehmenden Dr. Rita Regös und Rolf Jakob gefragt, was ihr Fepsac-Moment war?
Was habe ich mitgenommen? Die Leichtigkeit des Forschens. Ich hatte die Gelegenheit, als Reviewer im Vorfeld der fepsac, Abstracts zu evaluieren. Die sehr konkreten und expliziten Forschungsfragen und die damit verbundenen Untersuchungsdesigns waren nicht nur leicht nachzuvollziehen, sondern ergaben auch explizite Ergebnisse. Ich würde mir wünschen, dass wir uns hierzulande leichtfüßiger an Forschungsfragen heranwagen. Diese Leichtigkeit, verbunden mit einem puren Neugier, und den Mut, einfache Fragen zu stellen und am Congress ebenso leichtgängig und offen zu diskutieren, nehme ich gern mit. Selbstverständlich werden bei internationalen Veranstaltungen von der Größenordnung auch altbekannte Themen aufgegriffen, sie kommen aber nicht abgenutzt rüber, denn es kommen Menschen aus der ganzen Welt zusammen, deren Perspektiven nicht vielfältiger sein könnten. Mal live out of the box denken, empfand ich als sehr spannend und als eine große Bereicherung.
Der Name des FEPSAC Congresses 2024 in Innsbruck vor den Olympischen Spielen hätte mit dem Titel: «Performance under pressure in Sports, Military/Police, performing Arts, Medicine, Business and Daily live» nicht passender sein können.
Ich war begeistert von der Diversität und Menge der angebotenen ausgezeichneten Keynotes Speakern, Praxis Workshops, Symposien, wissenschaftlichen Präsentationen und Podiumsdiskussionen. Aktuelle Themen wie: «Coaching today’s Athletes», «Athletes Safeguard», «Ecological dynamics», «Sportpsychology in Esport», «Performance under Pressure». Dieser FEPSAC Congress war wieder ein idealer Ort für spannende Diskussionen und Erfahrungsaustausch zwischen den vielen TeilnehmerInnen aus der ganzen Welt, von der angewandten Sportpsychologie bis hin zur Forschung. Das offene Klima des Austausches gerade mit weniger bekannten Sportarten oder Spezialisten aus anderen Fachgebieten als dem Sport war ausserordentlich und bereichernd für meine Umsetzung in der praktischen Arbeit mit SportlerInnen.
Für viele Sportler und Sportlerinnen ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen ihr absolutes Karriere-Highlight. Der Moment, auf den sie Jahre, nicht selten, Jahrzehnte hingearbeitet haben. Wie kann es gelingen, dass dieser Fakt in der direkten Wettkampfvorbereitung auf die Vorkämpfe und Endrunden-Qualifikationen in den einzelnen Disziplinen nicht zu groß gedacht wird? Welche Werkzeuge gibt es, die Gedanken rein auf die sportliche Leistung zu lenken?
Olympische Spiele sind für alle Athlet*innen etwas sehr besonderes, obwohl man die Konkurrenz alle eigentlich schon ganz gut kennt. Oftmals ist man mit den Konkurrent*innen über Jahre im Kinder- und Jugendbereich immer wieder auf EM`s oder WM`s getroffen und hat manchmal gewonnen und manchmal verloren. Die Spiele sind aber ein Multi-Sport-Event und finden immer nur alle vier Jahre statt. Im Olympischen Dorf trifft man das Who-is-who der Spitzensportwelt und das kann tatsächlich ablenken.
Aus diesem Grund ist es wichtig, dass man vor dem eigenen Einsatz vor Ort bei sich bleiben kann, die eigene Aufgeregtheit zulässt, aber eben auch kontrolliert. Dabei helfen häufig regelmäßig durchgeführte Achtsamkeitsübungen und einfache Tipps, wie den Fokus auf das nach wie vor stattfindende Training zu lenken. Vom Mindset her sollte man die Spiele als eben nur einen weiteren Wettkampf betrachten. Mir ist aber natürlich sehr bewusst, dass dies leichter gesagt ist, als getan, denn Olympische Spiele sind eben ganz oft ein “einmaliges” Erlebnis in einer Sportlerkarriere.
Klaus-Dieter Lübke Naberhaus, Die Sportpsychologen
Trotz etlicher Europa- und Weltmeisterschaften, die ich begleiten durfte, bleibt Olympia immer etwas besonderes. Auch wenn ich nicht dabei sein kann, sondern gerade mit der U18 in der Vorbereitung in Ungarn auf die WM im August in China bin, fiebere ich mit unseren deutschen Handballteams mit. Leider konnte aufgrund der eingeschränkten Plätze nur ein Mannschaftsarzt die beiden Mannschaften begleiten.
Olympia ist etwas Besonderes, weil die Crème de la Crème der gesamten Sportwelt vor Ort ist und Begegnungen passieren, die sonst nicht möglich sind. Das olympische Dorf ist im wahrsten Sinne ein Dorf der sozialen Interaktionen. Unter diesen Bedingungen den Fokus zu halten, ist eine noch viel größere Herausforderung als bei den Meisterschaften. Auf der anderen Seite ist auch eine ungeheure Energie erlebbar, die sich positiv auf die Leistungsfähigkeit auswirken kann.
Aufgrund des olympischen Turnus von vier Jahren ist alleine aus der zeitlichen Perspektive dieser Wettkampf etwas Großes, besonderes. Hier entstehen und platzen Träume, harte Arbeit über einen langen Zeitraum kann ad absurdum geführt werden und tiefe Löcher jedoch auch ungeahnte Höhen tun sich auf. In einer Karriere steht dieses Ereignis vielleicht in einer Karriere drei bis vier mal unter optimalen Bedingungen an, während von Europa- zur Weltmeisterschaft Enttäuschungen korrigiert und in Erfolgsstorys umgewandelt werden können. Und für manche Sportler bleibt dieser Traum immer unerfüllt.
Und somit braucht es auch eine besondere Vorbereitung, um sich auf dieses Ereignis vorzubereiten und den Fokus auf den Wettkampf richten zu können, denn die Möglichkeiten der Ablenkung sind zahlreich. Und da fällt dann auch für einige Mal die Eröffnungsfeier weg, was sicherlich schmerzhaft ist, jedoch dem größeren Ziel untergeordnet ist.
Und für die meisten Sportler bleibt der Olymp ja auch verschlossen und es setzen sich diejenigen durch, die optimal vorbereitet sind und dann auch den Fokus auf den Punkt in der Performance umsetzen können.
Viel Erfolg allen Sportlern, die den Weg dorthin geschafft haben. Sei der Flow mit Euch.
Manche Sportler und Sportlerinnen, die im Olympischen Dorf residieren, stehen vor einer kniffligen Entscheidung: Sollten sie persönlich an der Eröffnungsfeier teilnehmen? Oder besser nicht, um nicht die Vorbereitungsphase auf den in den kommenden Tagen zu stören? Oft muss bei solchen Ereignissen lange gewartet und gestanden werden, was für die physische Vorbereitung nicht optimal ist. Andererseits hat die Eröffnungsfeier spezielle Momente zu bieten.
Woran sollten Sportler und Sportlerinnen ihre Entscheidungen festmachen?
Gordon Herbert hat in einem Podcast Interview davon berichtet, dass er den Spielern die Entscheidung überlassen will, ob die deutsche Herren Basketball Mannschaft zur Eröffnungsfeier gehen wird. Bei seinen Überlegungen spielte vermutlich auch eine Rolle, dass der Kapitän des Weltmeister-Teams, Dennis Schröder, als Fahnenträger ausgewählt wurde. Da die Vorrunde in Lille, aber knapp drei Autostunden von Paris entfernt stattfinden wird und die Mannschaft am nächsten Tag um 13:30 Uhr dort ihr erstes Gruppenspiel gegen Japan spielt, ist es schon ein Risiko am Abend vorher diesen Weg und die damit verbundenen Strapazen auf sich zu nehmen.
Obwohl die Mannschaft im Vorbereitungsspiel vor den Olympischen Spielen deutlich gegen die Japaner gewonnen hat, sollten diese nicht unterschätzt werden. Besser sollte man mit optimaler Verfassung und Fitness ins Spiel gehen, da im Basketball in einem Spiel der Läufe alles möglich ist und eine Niederlage die Chancen auf das Viertelfinale stark beeinträchtigen würde.
Jedoch zielt Herbert, der selbst Sportpsychologie studiert hat, vermutlich auf das Autonomie-Bedürfnis der Spieler ab und erhofft sich durch das geschenkte Vertrauen und die Entscheidungsfreiheit an die Spieler, dass die Mannschaft ihm das mit extra Motivation zurückzahlen wird, oder zumindest nicht frustriert und demotiviert ist, wenn er als Bundestrainer den Besuch verbieten würde.
Die Selbstbestimmungstheorie nach Ryan und Deci und diverse Studien zeigen nämlich, dass gerade das Fehlen von Entscheidungsfreiheit zu Demotivation bei Sportlern führen kann. Gleichzeitig werden auch die anderen beiden Grundbedürfnisse der Theorie bedient, nämlich das der sozialen Eingebundenheit durch den Teamausflug und dem Vertrauen in die Kompetenz, da der Trainer das Signal sendet, die Mannschaft könne das Spiel auch trotz einer ungünstigen Vorbereitung gewinnen.
Als jemand, der schon selbst live bei einer Olympischen Eröffnungszeremonie dabei war, fremdele ich mit dem Plan der Organisatoren in Paris. Für mich klingt das nach zu viel Show und zu wenig Sportsgeist. Aus meiner Sicht und abseits des Tamtams: Das größte für die Athletinnen und Athleten ist eben nach dem Einmarsch der Nationen die direkten Kontakte zu den anderen Athlet*innen und das feiern im innenraum des Stadions. Das wird, laut meinen jetzigen Informationen, dieses Mal so nicht stattfinden, was mehr als schade ist. Aber für die Zuschauer am Fernseher wird das bestimmt eine tolle Show.
Noch zu unseren Basketballern: Großartig, dass Bundestrainer Gordon Herbert seinen Spielern die Entscheidung überlässt. Ich finde es super, wenn unsere Athleten Verantwortung übertragen bekommen. Sie werden damit gut umgehen. Da bin ich mir sicher.
Ich stimme Oliver Stoll zu. Es ist ungeschickt, die Feier so zu planen, dass Sportler überhaupt vor diese Wahl gestellt werden. Die Feier zu erleben ist magisch und verbindet Sportler aus aller Welt. Genau das ist der Geist von Olympia. Genau dieser Geist hat schon manchen Sportler über seine Grenzen hinauswachsen lassen. Es ist auch mental ein wichtiger Hebel, gerade dann, wenn es darum geht, ganz besondere Spitzenleistungen abzurufen, Rekorde zu brechen und Medaillen zu gewinnen.
Die Olympischen Spiele in Paris sind für die allermeisten Sportler nicht irgendwelche Wettkämpfe. Sie sind ein sogenannter Peak, der vier Jahre vorbereitet wird. Genau an diesem einen Tag, in diesem entscheidenden Wettkampf geht es darum, die bestmögliche Leistung genau zum richtigen Zeitpunkt abzurufen. Das ist jedem bewusst, dem Athleten, dem Trainer und dem Staff. In der unmittelbaren Vorbereitung geht es nicht mehr um Entwicklung oder großartige Umstellung. Es geht darum, alles auf diesen einen Moment zu konzentrieren. Da haben Erwartungen keinen Platz. Für Erwartungen tut man nichts. Mit Erwartungen sitzt man da und wartet, dass etwas erwartungsgemäß erfolgt. Das wäre die denkbar schlechteste Art der Vorbereitung, aber auch eine komplett unpassende Herangehensweise an ein Großereignis wie die Olympischen Spiele. Dennoch stolpern wir dieser Tage immer wieder über den Begriff Erwartungen. Warum fällt also dieses Wort im Vorfeld so oft: Was sind Deine Erwartungen? Mit welchen Erwartungen gehst Du hin?
Zum Thema: Zielsetzung im Sport
Möglicherweise aus zwei Gründen: Man will niemanden zusätzlich unter Druck setzen und zweitens, den möglichen Misserfolg schmälern. Beides nett gemeint, irgendwie aber auch komisch, denn: Ein Athlet braucht ein genaues Ziel, um darauf hinarbeiten zu können und das sind keine Erwartungen, sondern eindeutige, sehr konkrete Ziele. Man kann natürlich vorsichtig sein, diese klein reden, sie gar nicht aussprechen. Doch was ändert das? Diese Ziele sind seit vier Jahren im Kopf. Dieses Ziel treibt Athleten jahrelang an, für dieses Ziel entbehren und schwitzen sie: Kurzum, erfolgreiche Athleten blenden ihr Ziel, kurz vor dem Ziel mit absoluter Sicherheit nicht aus. Und das ist gut so.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Nimmt Euch vor, aus dem Haus und danach rechts zu gehen (Zielstellung), und versucht dann, aber kurzerhand links zu gehen. Das wird nicht ohne weiteres möglich sein: Soll ich mich jetzt nach rechts oder links drehen, warum nochmal nach rechts? Ein Moment des Nachdenkens: Ihr nehmt Euch zwangsläufig einen Moment, um kurz innezuhalten und die aufkommende Unsicherheit zu klären. Im Leistungssport gibt es diesen Moment nicht. Deshalb nutzt man die, sagen wir mal natürlichen Vorteile einer Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf eine wichtige Aufgabe, auf ein wichtiges Ziel. Eigentlich die Ausrichtung des gesamten biopsychischen Systems Mensch – um just in time wach, fokussiert, leistungsbereit und vollständig aktiviert eine wichtige Aufgabe zu erledigen.
Aufgabe ohne Ziel?
Eine Aufgabe ist allerdings nur mit einer Zielstellung eine. Ich tue etwas ohne Ziel, also egal was dabei rauskommt – ohne Sinn und ohne Grund – gibt es nämlich nicht. Auch der kurze Richtungswechsel im obigen Beispiel löst automatisch eine Ziel- oder Sinnsuche aus, nämlich die Fragen: Wohin noch einmal und warum? Das heißt, ohne Zielstellung keine zielgerichtete Handlung, allerdings mit Zielstellung, Druck das Ziel zu erreichen. Ein zwangsläufiges Zusammenspiel, aber das Tagesgeschäft jedes Athleten im Hochleistungsbereich.
Andererseits redet man lieber von Erwartungen als von Zielen, um den möglichen Misserfolg zu schmälern. Denn: “Erwartungen nicht erfüllen”, klingt doch etwas undramatischer als „Ziele verfehlen“. Die Botschaft, die ein wenig mitschwingt: Misserfolg ist kein Drama. Und das stimmt. Warum aber, dann vorher darüber nachdenken oder überhaupt daran denken? Wenn Misserfolg kein Drama ist, muss man sich damit im Vorfeld nicht beschäftigen, keine Strategien und Gedankengänge zurechtlegen, um im Falle eines Misserfolges vorbereitet zu sein. Misserfolg ist nicht Plan B, Misserfolg ist überhaupt gar kein Plan. Misserfolg und die Gedanken daran, kann man also getrost verschieben. Es langt sich damit zu beschäftigen, sobald es dazu kommt – wenn es überhaupt dazu kommt.
Fazit
Das heißt, wir erwarten nichts, weder eine Leistung, noch einen Misserfolg – wir gehen zu den Spielen nicht mit Erwartungen, sondern mit einer Zielstellung.
Ralf Schumacher ist homosexuell. 17 Jahre nach dem Ende der Karriere des Motorsportlers löste diese Nachricht im Sommer 2024 eine beachtliche Berichterstattungswelle aus. Wir von Die Sportpsychologen wurden gleich mehrfach von teils namhaften Medien zum Thema befragt. Fest steht: Trotz gesellschaftlicher Fortschritte und größerer Akzeptanz in vielen Bereichen bleibt das Coming-Out im Sport, insbesondere für männliche Athleten, ein schwieriger und oft verzögerter Prozess. Schauen wir uns die Zusammenhänge an.
Zum Thema: Homosexualität im Sport – Vom Stigma, gesellschaftlichen Erwartungen und der Angst vor Ablehnung
Ein zentrales Problem ist das fortwährende Stigma, das mit Homosexualität verbunden ist. Der Sport, vor allem auf professioneller Ebene, wird oft mit traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit und Heteronormativität assoziiert. Diese sozialen Konstrukte setzen männliche Athleten unter Druck, einem bestimmten Idealbild zu entsprechen, das Homosexualität als abweichend betrachtet. Dies wird durch den anhaltenden Einfluss konservativer Werte innerhalb von Sportgemeinschaften und der breiteren Gesellschaft verstärkt.
Viele Sportler fürchten sich vor den möglichen Konsequenzen eines Coming-Outs. Diese Ängste umfassen nicht nur persönliche Ablehnung durch Teamkollegen, Trainer und Fans, sondern auch professionelle Nachteile wie den Verlust von Sponsoringverträgen und begrenzte Karrierechancen. Diese Befürchtungen sind leider nicht unbegründet, da es immer wieder Fälle von Diskriminierung und negativen Reaktionen gibt, die das Leben und die Karriere offen homosexueller Athleten erschweren.
Innere Konflikte und Identitätskrisen
Der Prozess des Coming-Outs ist oft mit tiefgreifenden inneren Konflikten verbunden. Viele Athleten kämpfen mit ihrer sexuellen Identität und dem Wunsch, ihre Leidenschaft für den Sport zu verfolgen, ohne ihre wahre Persönlichkeit verbergen zu müssen. Diese psychische Belastung kann zu erhöhtem Stress, Angstzuständen und Depressionen führen, was sich natürlich negativ auf die sportliche Leistung und das allgemeine Wohlbefinden auswirken kann.
Ein weiterer Faktor, der das späte Coming-Out vieler männlicher Athleten erklärt, ist der Mangel an sichtbaren Vorbildern und unterstützenden Strukturen im Sport. Während es in den vergangenen Jahren einige mutige Athleten gab, die den Schritt gewagt haben, bleibt ihre Zahl gering. Das Fehlen von positiven Beispielen und aktiven Unterstützungssystemen innerhalb von Teams und Verbänden kann das Gefühl der Isolation und Unsicherheit verstärken.
Aktive Unterstützung
Wir von Die Sportpsychologen können Unterstützung bieten. Wir begleiten vertrauensvoll und professionell Coming-Out-Prozesse. Nehmt dazu gern zu meinen KollegInnen im Netzwerk (zur Übersicht) oder zu mir (zum Profil von Arthur Wachter) Kontakt auf.