Start Blog Seite 22

Dr. Julia Boie: Stürze verarbeiten, im Turnen und im Reitsport

Die junge Turnerin rutscht mitten in ihrer Übung aus und fällt vom Balken. Zum Glück ist der Schmerz geringer als der Schreck. Sofort ist die Trainerin da und kümmert sich, obwohl das Punktabzug gibt. Die sofortige soziale Unterstützung ist wichtig, um das Erlebnis möglichst gut zu verarbeiten und Ängsten und Blockaden vorzubeugen. Das Mädchen turnt ihre Übung zu Ende und wiederholt gleich anschließend mit Absicherung der Trainerin den Teil, bei dem sie gestürzt ist. Auch das ist wichtig, um Sicherheit wiederzuerlangen und die Selbstwirksamkeit zu stärken.

Zum Thema: Ängste, Blockaden, Traumata

Im Turnen sowie im Reitsport sind Ängste und Blockaden keine Seltenheit. Für Elemente, die immer sicher geturnt werden konnten, fehlt plötzlich die Bewegungsvorstellung. Oder die Orientierung im Raum bei Rotationselementen ist nicht mehr möglich. Oder beziehen wir den Reitsport mit ein: Beim Springreiten fehlt plötzlich die sichere Einschätzung der Entfernung, der notwendigen Geschwindigkeit oder des optimalen Absprungpunktes.

Nicht immer ist ein Sturz Auslöser für solche Unsicherheiten. Empfindet eine Sportlerin beispielsweise zu viel Druck und möchte daher alles noch besser machen als sonst, konzentriert sie sich möglicherweise ganz besonders auf die technischen Details der Übung. Dadurch ist aber der analytische Teil des Gehirns zu sehr aktiviert und „überschattet“ den Teil des Gehirns, in dem die ganzheitliche Ausführung des Elements gespeichert ist. Und wie aus heiterem Himmel traut sich die Sportlerin nicht, einen für sie einfachen Rückwärtssalto zu turnen. Wird die Unsicherheit nicht verarbeitet, kann sie langfristige Auswirkungen haben und zu einer Blockade und auch zum Sturz führen.

Stürze als Auslöser für Ängste und Blockaden 

Oftmals sind aber Stürze Auslöser für Ängste und Blockaden. Beispielsweise wenn eine Sportlerin mit ihrem Pferd ins Hindernis stürzt und das Pferd beinahe auf sie fällt. Auch wenn Sportlerin und Pferd unverletzt bleiben und sie anschließend normal weiter trainieren und auf Turnieren starten, kommt es häufig zu Ängsten, die sich zum Teil erst einige Zeit später zeigen. Sie haben nicht selten unsicheres Reiten zur Folge, was das Pferd verunsichert und immer wieder zu Verweigerungen führt.

Nach einem Sturz weiterzumachen, um Sicherheit wiederzuerlangen, ist also meist hilfreich, es reicht oft aber nicht. Und in manchen Fällen bedeutet es auch eine Überforderung für den Sportler.

Trauma im Kopf und Körper

Ein überwältigend bedrohliches Erlebnis wird als Trauma im Gehirn und im Körper gespeichert. Kommen wir später in ähnliche Situationen, wird eine Schutzfunktion ausgelöst, um uns vor (erneutem) Schaden zu bewahren: Der Körper zieht die Notbremse und blockiert. Allein der Gedanke an eine ähnliche Situation kann unangenehme Körperempfindungen wie Druck auf der Brust, Kopfschmerzen o.Ä. auslösen.

Die Ängste machen sich zudem in typischen „Was ist, wenn…?“-Gedanken bemerkbar. „Was ist, wenn mein Pferd auf dem feuchten Gras den Halt verliert und ins Rutschen kommt?“ „Was ist, wenn ich den Salto auf dem Balken nicht hinbekomme und auf meinen Kopf falle?“ Dazu kommen Bilder im Kopf und sie sehen sich selbst, wie sie stürzen.

Was hilft?

Immer wieder darüber sprechen zu können ist enorm wichtig und wertvoll. Häufig besteht Unsicherheit bei Trainer*innen und Eltern, ob es vielleicht besser wäre, gar nicht über das Erlebnis zu sprechen – in der Hoffnung, dass es vergessen wird oder durch das Nicht-daran-rühren an Wichtigkeit verliert. Erinnern und verarbeiten ist aber das, was zur Heilung führt. Familie, Trainer und Teamkamerad*innen können Unterstützung bieten, indem sie zuhören, sich hineinversetzen, versuchen zu verstehen und die vorhandenen Gefühle anerkennen.

Nicht jeder Sportler oder jede Sportlerin fühlt sich aber in der Lage, über das Erlebnis zu sprechen. Das sollte akzeptiert werden. Denn wenn die Sportlerin die Emotionen, die mit der Erinnerung hochkommen, nicht ertragen kann, ist es möglich, dass es zu einer erneuten Traumatisierung kommen kann. In dem Fall, dass die betroffene Person nicht über das Erlebte sprechen mag, ist es unbedingt ratsam, fachkundige Unterstützung zu suchen.

Von Bauchatmung bis zur Visualisierung

Die Sportler*innen verstehen sich oft selbst nicht – jahrelang haben sie das Element geturnt bzw. sind noch höhere Hindernisse mit ihrem Pferd gesprungen und plötzlich trauen sie sich nicht mehr. Der Verstand sagt ihnen, dass sie es können, aber die Emotionen, Empfindungen und Angstgedanken lassen sich davon nicht so leicht beruhigen. Neben dem Sprechen über das Geschehene ist es also mindestens ebenso wichtig, sich dem Körper zuzuwenden. Die unangenehmen Körperempfindungen will man am liebsten nicht spüren und versucht, sie zu übergehen oder wegzudrücken. Das Hineinspüren in den Körper und das Wahrnehmen der Bauchgefühle ist aber sehr hilfreich in der Auflösung der Ängste und Blockaden. Häufig ist dabei eine Kombination verschiedener körperorientierter Verfahren wie tiefer Bauchatmung, Achtsamkeit, Entspannung, Visualisierung und anderer Techniken sinnvoll.

Fazit: Sicherheit wiederzuerlangen braucht Zeit. Und betrifft eben nicht nur die Fähigkeit, die sportliche Anforderung sicher ausführen zu können, sondern auch die psychische Sicherheit. Der mentalen Verarbeitung eines Sturzes wird aber viel zu häufig zu wenig Beachtung geschenkt.

Unterstützung suchen bevor die Negativspirale einsetzt

Wie ein Sturz sich mental auswirkt, wird oft schon in den ersten Minuten nach dem Geschehen mit beeinflusst. Wie ist die soziale Unterstützung? Wie wird kommuniziert? Generell gilt, dass eine zeitnahe mentale Unterstützung die Wahrscheinlichkeit einer konstruktiven Verarbeitung erhöht und die Wahrscheinlichkeit von negativen Folgen wie langfristigen Blockaden mit damit verbundenen Leistungseinbußen und Selbstzweifeln minimiert. Meine Kollegen von Die Sportpsychologen und ich sind gerne für Sie da, falls Sie Beratung wünschen:

Mehr zum Thema:

Literatur

van der Kolk, B. A. (2023). Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. Ullstein.

Views: 162

Norbert Lewinski: Auf dem Land sind wir Pioniere der Sportpsychologie

Unser Netzwerk Die Sportpsychologen erfährt aktuell großen Zulauf. Eines der neuen Gesichter ist Norbert Lewinski, der mit seinem Standort in Neubrandenburg endlich die Leerstelle zwischen Berlin und Hamburg ausfüllt. Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen, hat Norbert mit drei Fragen konfrontiert, die herauskitzeln sollen, wie der Neue so tickt!

Norbert, du arbeitest als Sportpsychologe in Neubrandenburg. Mitten in Mecklenburg-Vorpommern. Wie schwer ist es, an diesem Standort deine Dienstleistung unter die sportlichen Leute zu bringen?

Die Arbeit als Sportpsychologe in Neubrandenburg, mitten in Mecklenburg-Vorpommern, stellt ohne Frage eine Herausforderung dar. Traditionell sind Sportpsychologie und verwandte Felder, ähnlich wie die Psychoanalyse (die meine Wunderwaffe ist – lachen), oft auf große Städte konzentriert, wo eine höhere Dichte an Leistungssportlern, Vereinen und Institutionen zu finden ist. In ländlichen Regionen fehlt oft das Bewusstsein für die Bedeutung mentaler Betreuung im Sport – eine entscheidende Lücke, die es zu schließen gilt. Die soziale Struktur kleinerer Städte wie Neubrandenburg ist anders: Die Menschen hier sind häufig stark in lokalen Gemeinschaften verankert und haben einen hohen Wert auf Bodenständigkeit. Das kann zu einer gewissen Skepsis gegenüber neuen Ansätzen führen, besonders wenn es um mentale Unterstützung geht. Oft wird körperliche Leistungsfähigkeit als alleiniger Erfolgsfaktor gesehen, während die psychologische Dimension im Hintergrund bleibt. Doch genau hier liegt die Chance.

Es geht darum, Aufklärungsarbeit zu leisten und die Relevanz der Sportpsychologie sichtbar zu machen. Das erfordert Geduld, aber auch Entschlossenheit. Besonders in kleinen Städten ist es entscheidend, Beziehungen zu Sportvereinen, Schulen und lokalen Athleten aufzubauen. Es geht nicht nur darum, als Dienstleister aufzutreten, sondern auch darum, ein integraler Bestandteil der sportlichen Gemeinschaft zu werden. Kleine Städte haben den Vorteil, dass die Menschen eng miteinander vernetzt sind – wenn du erst einmal Fuß gefasst hast, kann sich dein Ruf schnell verbreiten.

Besuch von Elisa Lierhaus, Mathias Liebing und Prof. Dr. Oliver Stoll (von links) beim Neuen im Netzwerk: Norbert Lewinski (ganz rechts)

Ein weiteres Ziel ist es, den Sportlern zu zeigen, dass mentale Stärke genauso trainierbar ist wie körperliche Kondition. Hier in Neubrandenburg haben wir das Potenzial, Pioniere zu sein – wir können Sportpsychologie dahin bringen, wo sie bisher kaum existent ist. Dabei ist es entscheidend, dass ich als Psychologe nicht nur die fachliche Expertise mitbringe, sondern auch eine tiefe Überzeugung und Leidenschaft für das, was ich tue. Es braucht Entschlossenheit, um diese Vision zu verwirklichen. Aber gerade in einem Umfeld, das noch nicht so durchdrungen ist von mentalen Trainingsmethoden, können wir nachhaltige Veränderungen bewirken.

Mit der richtigen Strategie und der Bereitschaft, an der Basis zu arbeiten, ist es absolut möglich, Sportpsychologie auch in kleineren Städten wie Neubrandenburg sichtbar zu machen und langfristig zu etablieren. Der Bedarf ist da – wir müssen nur zeigen, dass wir die Antwort darauf sind.

Was ist deine Vision von der Sportpsychologie, was hast du in den kommenden Jahren unternehmerisch vor?

Meine Vision für die Sportpsychologie ist es, sicherzustellen, dass sie dorthin gelangt, wo sie bisher noch nicht ausreichend präsent ist. Wie wir Sporttalente aufgrund ihrer körperlichen Fähigkeiten bewerten, so gibt es auch mentale Talente, die genauso wichtig sind. Sportpsychologie darf nicht nur als kleines Add-On gesehen werden, sondern sie sollte eine gleichberechtigte Rolle neben dem Trainer einnehmen. Ich kämpfe leidenschaftlich dafür, dass Sportpsychologen in den Teams als integrale Bestandteile wahrgenommen werden. 

Ich bin außerdem überzeugt, dass das sportliche Umfeld mehr Integration und Zusammenarbeit braucht. Wir müssen gemeinsam Ziele setzen und eine internationale Vernetzung schaffen, um voneinander zu lernen und unsere Athleten optimal zu fördern. Meine Energie möchte ich dieser Zusammenarbeit widmen, um das gesamte System zu stärken und voranzubringen.

In den kommenden Jahren werde ich mich stark auf die Entwicklung der Marke „Mental Leaders“ konzentrieren, die ich gemeinsam mit meinen österreichischen Freunden, mit denen ich meine sportpsychologische Ausbildung in Wien gemacht habe, weiterentwickle. Ziel ist es, Sportpsychologie auf nationaler und internationaler Ebene zugänglicher und präsenter zu machen – und das in einer Form, die den Athleten und Trainern gleichermaßen nutzt.

Welche eigenen sportlichen Erfahrungen bringst du mit?

Wie wahrscheinlich viele, habe ich meine sportliche Laufbahn im Fußball begonnen. Ich spielte in einem lokalen Verein als Torwart. Mit der Zeit, und vielleicht auch durch meine gute Beweglichkeit sowie die Inspiration aus Bruce-Lee-Filmen (lacht), bin ich zum Kyokushinkai-Karate gekommen, das ich lange Zeit mit Leidenschaft trainiert habe. Ich nahm auch an Wettkämpfen teil. Nach meiner Karatezeit entdeckte ich den Kraftsport für mich, den ich mit großer Begeisterung und Leidenschaft ausübte. Da mittlerweile einige Jahre vergangen sind, hatte ich die Möglichkeit, viele verschiedene Trainingsmethoden auszuprobieren. Besonders in den späten 90ern und frühen 2000ern gab es in Skandinavien und Mitteleuropa einen regelrechten Hype um die Strongman-Wettkämpfe. Inspiriert von Athleten wie dem Finnen Jane Virtanen oder dem Schweden Sven Karlsen, ließen mich diese Disziplinen nicht mehr los. Es ging so weit, dass ich zusammen mit meinen Freunden unseren Hinterhof in eine Strongman-Arena umgebaut habe, voll mit Betonteilen und seltsamen Metallgegenständen. Damals hat uns kaum jemand verstanden.

Besonders angetan war ich auch von der HIT-Trainingsmethode, die von Dorian Yates populär gemacht wurde. Bis heute ist er für mich wohl das größte Vorbild. Seine akribische, fast schon titanische Arbeit im Temple Gym, das Training in absoluter Stille und Konzentration, und die extrem intensiven Einheiten bis zur absoluten Erschöpfung – all das hat mich tief beeindruckt und prägt meine sportliche Einstellung bis heute. Diese Erfahrungen aus den unterschiedlichsten Disziplinen, von Mannschaftssportarten über Kampfsport bis hin zu Krafttraining, haben mir ein breites Verständnis dafür gegeben, was es bedeutet, sowohl körperlich als auch mental an die Grenzen zu gehen – und sie zu überwinden.

Mehr zum Thema:

Views: 294

Wirtschaft ist an Wissen aus dem Sport interessiert – mehr denn je?

Das Interesse aus der Wirtschaft, vom Leistungssport zu lernen, ist ungebrochen. Unsere Experten und Expertinnen aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen werden entsprechend häufig für Vorträge, Workshops und Keynotes gebucht. Der Blick hinter die Kulissen zeigt aber, dass sich bei weitem nicht alle Verhaltensweisen und Umgangsformen aus dem Sport in die Wirtschaft übertragen lassen. Welche Führungspersönlichkeit könnte noch damit punkten, Mitarbeitende vor versammelter Mannschaft anzuschreien?

Zum Thema: Führungskräftevorträge

Es war eines der Bilder der Olympischen Spiele 2024 in Paris: Die Pausenansprache von Valentin Altenburg, Trainer der Feldhockey-Nationalmannschaft der Frauen, der im Vorrundenspiel gegen Frankreich seine Spielerin Anne Schröder sehr offen kritisiert. „Anne, halt jetzt die Fresse.“ So fährt der Coach seine Sportlerin an. Eine Aussage, die in kaum einem Unternehmen, insbesondere nicht von Führungskräften, noch akzeptiert werden dürfte.

Dieses Szene haben kürzlich Prof. Dr. Oliver Stoll und Elisa Lierhaus von Die Sportpsychologen als Einstieg genutzt, als sie vom Energiedienstlieister e.dis zu einem Führungskräftetraining geladen worden sind. Um aufzuzeigen, wie unterschiedlich die Anforderungen an Führungsverhalten im Sport und in der Wirtschaft sein können und worauf wir achten müssen, um das Wissen vom einen in den anderen Bereich zu transferieren.

Transfer in beide Richtungen

Dass der Transfer von der einen in die andere Richtung und zurück sinnvoll ist, steht außer Frage. Die jeweiligen Rahmenbedingungen sind an Bedeutung aber nicht zu unterschätzen, unabhängig von Themenschwerpunkten wie Führungsverhalten, Resilienz, Kommunikation, Motivation oder Persönlichkeitsentwicklung. Dies haben Prof. Dr. Oliver Stoll und Elisa Lierhaus, untermauert mit Beispielen aus dem Zusammenarbeit mit OlympiateilnehmerInnen aus dem Skispringen, dem Schwimmen, Eishockey, Wasserspringen oder Basketball deutlich gemacht.

Das Feedback der Teilnehmenden im Schlosshotel am Fleesensee war großartig. Interessant dabei war, wie viele Führungskräfte neben ihrer beruflichen Tätigkeit noch immer aktiv im Sport verankert sind. Die Anzahl an Detailfragen zur Sportpsychologie war immens. Das Interesse von der Wirtschaft, vom Leistungssport zu lernen, scheint sogar zu wachsen.

Angebot an Unternehmen

Wir von Die Sportpsychologen sind durch unser großes Netzwerk in der Lage, in allen Teilen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz Vorträge, Workshops und Panels mit lebendigen, fachlich erstklassigen und inhaltlich individuellen Beiträgen aus dem Themenbereich Sport und Wirtschaft zu füllen.

Vortrags- oder Eventanfrage

Nehmen Sie gern direkten Kontakt auf:

You agree to receive email communication from us by submitting this form and understand that your contact information will be stored with us.

Oder nehmen Sie persönlich Kontakt zu unserem Redaktionsleiter auf:

Redaktionsleiter:

Mathias Liebing ist Gründer und Redaktionsleiter der Plattform Die Sportpsychologen. Als freier Journalist mit dem Themenschwerpunkt Sportpsychologie arbeitet er für die ARD, DAZN, ZDF, SRF, MDR, Deutsche Welle und diversen Print- und Online-Medien. Sein Magister-Studium der Sportwissenschaften, der Medien- und Kommunikationswissenschaften und der Zeitgeschichte absolvierte er an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Mathias Liebing
mobil: +49 170 9615287
mail: m.liebing@die-sportpsychologen.de

Mehr zum Thema:

Views: 142

Björn Korfmacher: Tipp für das sportpsychologische Erstgespräch – weniger ist mehr

Häufig ist die Rede davon, dass man als Sportpsychologe bzw. Sport-Mentaltrainer einen gut gefüllten „Werkzeugkoffer“ besitzt. Eine Ansammlung von Tools für die unterschiedlichsten Zwecke. Oder anders ausgedrückt: Profundes Wissen über zahlreiche Maßnahmen und Methoden, die man sich im Studium, in der Ausbildung, in Seminaren oder durch Fachliteratur angeeignet hat und die darauf warten, bei Klienten zum Einsatz zu kommen und dort Wirkung zu zeigen. Meine Erfahrung aus der Zusammenarbeit mit Sportlerinnen und Sportlern und dem Austausch mit Kolleginnen und Kollegen hat mir gezeigt, dass manchmal viel zu schnell zu allen möglichen Werkzeugen gegriffen wird.  

Zum Thema: Vom Werkzeugkoffer bis zur Methodendusche

Schaut man sich Websites verschiedener Expertinnen und Experten an, bekommt man häufig eine imposante Auflistung von akademischen Abschlüssen, Zertifizierungen, Qualifikationen, Lizenzen und Gütesiegeln präsentiert. Daran ist nichts Verwerfliches. Dass man als Sportpsychologe oder Sport-Mentaltrainer einen großen Fundus an Wissen und Methoden mitbringt, ist absolut notwendig. Regelmäßige Weiterbildungen sowieso. Nur mit einem gut ausgestatteten Werkzeugkoffer kann man Sportlerinnen und Sportler aus unterschiedlichen Disziplinen und mit unterschiedlichen Anliegen für sich gewinnen und sie im besten Fall auch effektiv unterstützen. Problematisch wird es aus meiner Sicht allerdings, wenn beispielsweise der Sport-Mentaltrainer sein Kompetenzspektrum zu schnell und breit über den Sportler ausgießt. Ein Fehler, den ich selbst in meinen Anfängen häufig gemacht habe. Ich nenne das „Maßnahmendusche“.

Visualisierung, Affirmation, Selbstgesprächsregulation, progressive Muskelentspannung, Life Kinetik, EMDR, Neuroathletik, Sporthypnose sind nur einige der Klassiker, die viele Experten anbieten. Diese und viele weitere Ansätze und Methoden sind zweifellos alle wissenschaftlich fundiert und praxiserprobt (zumindest nach heutigem Stand). Wenn man seinem Klienten allerdings all diese Bälle auf einmal zuwirft, fängt er womöglich keinen einzigen davon. 

Zuhören statt sofort loslegen

In der Regel ist es das Erstgespräch mit dem Klienten, welches in meinem Fall häufig im Beisein der Eltern stattfindet, das mir eine erste Gelegenheit zum Zuhören bietet. Da hier aber die Eltern meistens mehr erzählen als ihre Kinder, bekomme ich im Großen und Ganzen nur eine Sichtweise zu hören (z. B. „Max ist zu ängstlich“; „Anna ist zu unkonzentriert“; „Tom gibt nicht hundert Prozent“; „Carola macht sich zu viele Gedanken“; „Jonas traut sich zu wenig zu“). Zugegeben: Von Visualisierung und Selbstgesprächsregulation über Affirmation bis hin zu progressiver Muskelentspannung oder Life Kinetik wäre jedes der genannten Werkzeuge irgendwie anwendbar. Entsprechend könnte man als Sport-Mentaltrainer jetzt sofort loslegen – Werkzeugkoffer aufmachen und zeigen, was man kann. 

Ich selber muss gestehen, dass ich vor Jahren als frischgebackener Sport-Mentaltrainer etwas gebraucht habe, um zu begreifen, dass ich nicht der Mittelpunkt bin, der mit all seinem Können und Wissen sein Gegenüber zum Staunen bringen muss. Der Mittelpunkt ist immer die Sportlerin oder der Sportler. Und die wollen nicht staunen, sondern profitieren – in Form von Talententfaltung und Top Performance. Und dafür muss man genau wissen, was sie wirklich brauchen. Statt meine Klienten sofort unter die Maßnahmendusche zu stellen, nehme ich mir heute (mit ein paar Jahren mehr Erfahrung) viel Zeit zum Zuhören. Die Informationen aus dem Munde der Eltern sind da nur die erste Einflugschneise. Was in den Sportlern wirklich vorgeht, erfährt man nur von ihnen selbst. Statt nach dem Erstgespräch sofort den Werkzeugkoffer zu öffnen und zu sagen, jetzt geht’s ab, höre ich in den ersten Sitzungen erstmal noch weiter zu.

Tipps und Hinweise

Aber auch heute juckt es mir manchmal noch in den Fingern, wenn ich glaube, die Lösungen für alle Probleme gefunden zu haben. Dann sage ich mir: Heute bleibt der Bauchladen geschlossen. 

Und als Hinweis an alle diejenigen, die sich für Sportpsychologie interessieren: Achten Sie darauf, wie gut der Experte oder die Expertin zuhört. Seien Sie skeptisch, wenn viele Ideen auf einmal auf den Tisch kommen. Und fühlen Sie sich dort gut aufgehoben, wo nichts garantiert wird.   

Mehr zum Thema:

Views: 188

Prof. Dr. Oliver Stoll: Der Ausraster beim Hockeyspiel – ist das gute Führung?

Es war einer der Aufreger der Olympischen Spiele in Paris. Der Ausraster von Hockey Bundestrainer Valentin Altenburg im Vorrundenspiel gegen Frankreich. Wenn wir uns, mit dem Wissen über gute und funktionale Führung, das Video im Nachgang so anschauen, können wir nur zu diesem einen Schluss kommen: Im Prinzip widerspricht dieses Verhalten all dem, was wir über gute Führung wissen. 

Zum Thema: Führungsstile im Leistungssport

Die Sportpsychologie orientiert sich heutzutage mehr am Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie. Historisch betrachtet unterscheidet die Sozialpsychologie Führungsstile häufig nach zwei Forschern: dem Sozialpsychologen Kurt Lewin und dem Soziologen Max Weber. Kurt Lewin entwickelte durch seine Forschung drei sogenannte klassische Führungsstile: Den autoritären Führungsstil, den kooperativen Führungsstil und den Laissez-faire-Führungsstil. Dieses Konzept hat sich schnell auch in der Pädagogik und auch in der Sportpsychologie etabliert und wurde lange so umgesetzt. 

Was ich in dem Video gesehen habe, und was auch meine Erfahrung mit Trainerinnen und Trainern ist: im Leistungssport ist die „transaktionale Führung“ weiterhin fest verankert. Das beinhaltet Leistung und Gegenleistung und bedeutet,  dass die Führungsperson gute Leistungen belohnt und anerkennt, bestraft allerdings auch unerwünschtes Verhalten und achtet darauf, dass Normen und Disziplinen eingehalten werden (ganz ähnlich wie in der autoritären Führung).

Alternative Führungsstile

Ein alternativer Führungsstil, der mittlerweile gesamtgesellschaftlich weit verbreitet ist, nennt sich „transformationale Führung“. Transformationale Führung ist ein Ansatz, bei dem Führungskräfte als inspirierende Vorbilder agieren, Vertrauen aufbauen und Respekt und Wertschätzung ernten. Diese Art der Führung hat eine starke Ähnlichkeit mit der agilen Führung und kann das Verhalten von Mitarbeitern wirksam verändern, also „transformieren“. Transformationale Führung, die ihre Wurzeln in den Arbeiten von James MacGregor Burns und Bernard M. Bass hat, steht oft im Vergleich mit anderen Modellen, insbesondere der transaktionalen und agilen Führung. Burns führte seine Studien in den 1970er Jahren durch und veröffentlichte seine Erkenntnisse in seinem Buch „Leadership“ von 1978. Somit ist dieses Modell auch schon länger bekannt. Im Zentrum steht der Gedanke,  dass die Führungsperson Vorbild ist und dadurch Vertrauen aufbaut, Herausforderungen und Sinn vermittelt, Kreativität und Teamgeist fördert. Das ist es, was heutzutage auch im Businessbereich Führungskräften vermittelt wird.

Nun geht es im Businessbereich häufig ähnlich wie in einem sportlichen Wettkampf. Aber z.B. bei Auszeiten transformational zu führen (und die gibt es im Businessbereich eher nicht), ist schwierig. Die meisten Trainer machen dann lieber „Ansagen“ – was auch nicht immer schlecht ist. Vor allen Dingen dann, wenn die Athletinnen und Athleten am Limit unterwegs sind. Dann erwarten die Athletinnen und Athleten, dass der Trainer ihnen sagt, was sie tun sollen – also kurz gesagt „Autorität“. Insofern ist ein solches Führungsverhalten nicht grundsätzlich abzulehnen. Es kommt eben darauf an, wie sich die aktuelle Situation darstellt und wie hoch die Fähigkeiten und Kompetenzen des Teams sind, dieser Herausforderung standzuhalten.

Spezielle Kommunikation im Sport   

Aber zurück zu unserem Beispiel von Hockey-Bundestrainer Valentin Altenburg. Schaut und hört man noch einmal konkret in die Kommunikation zwischen Trainer und Athletin hinein, dann ist das m.E. allerdings schon grenzwertig. Man kann die Aussage: „Halt jetzt mal die Fresse, Anne“ durchaus als Beleidigung oder als übergriffig bewerten. Aus einer Beobachterperspektive ist aber wenigstens ein Aspekt stimmig: Das, was er verbal sagt, und das, was er in der Körpersprache zeigt, passt zusammen. Schlimmer wäre es, wenn er verbal etwas sagen würde, was seine Körpersprache nicht zeigt. Das bringt Athletinnen und Athleten eher durcheinander. Wenn man in das Gesicht der Spielerin schaut, sieht man einen kleinen Schmollmund. Aber es ist nicht so, dass sie komplett in sich zusammenbricht. Man muss nicht gut finden, was er da gemacht hat – aber es war zumindest authentisch und das, was verbal und nonverbal kommuniziert wird, passt zueinander. 

Im Interview nach dem (im übrigen gewonnenen Spiel) geben sich die beiden ja auch sehr versöhnlich und verwundert über die Kritik seitens der Medien. Wie das wiederum einzuordnen ist, darüber lässt sich bestenfalls spekulieren. So oder so – diese Szene hat die Leistungssportwelt aufgerüttelt und zum Nachdenken über „gute Führung“ aufgefordert. Hier gibt es sicherlich noch weiteren Aufklärung- und auch Forschungsbedarf.

Zeitungsinterview mit Oliver Stoll

https://www.rnd.de/panorama/ausraster-von-olympia-hockeytrainer-altenburg-sieht-so-gute-fuehrung-aus-FW32366EHNAOBMFTOWNSYYMFI4.html

Mehr zum Thema:

Literatur:

Finckler, P. (2017).  Transformationale Führung. Wegweiser für nachhaltigen Führungs- und Unternehmenserfolg. Springer: Berlin

Schulz-Hardt, S., Brodbeck, F.C. (2014). Gruppenleistung und Führung. In: Jonas, K., Stroebe, W., Hewstone, M. (eds) Sozialpsychologie. Springer-Lehrbuch. Springer, Berlin, Heidelberg. https://doi.org/10.1007/978-3-642-41091-8_13

Views: 175

Frage und Antwort: Kühler Kopf, trotz hitziger Atmosphäre im Amateurfußball

Im Amateurfußball geht es gern mal hoch her. Auf und neben dem Feld. In solch hitzigen Situationen, in denen laut lamentiert, emotional diskutiert oder sogar grenzüberschreitender agiert wird, ist es alles andere als einfach, einen kühlen Kopf zu behalten. In der Rubrik Frage und Antwort hat uns ein Leser geschrieben, der wissen will, wie seine Spieler damit umgehen lernen können. 

Zum Thema: Fokus und Konzentration im Spiel halten

Die konkrete Anfrage lautet: Wie können wir dem Team dabei helfen, sich auf das eigene Spiel zu konzentrieren, wenn das Spiel hitzig wird?

Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen
Danijela Bradfisch, Die Sportpsychologen

Hallo Arndt (Name von der Redaktion geändert), 

da ich nicht sicher bin, ob du Trainer oder Mitspieler bist, antworte ich allgemein. Solltest du Fragen hierzu haben, melde dich einfach nochmals direkt. 😉

Um deinem Team aber zu helfen, sich auf das eigene Spiel zu konzentrieren, wenn die Situation hitzig wird, können folgende Maßnahmen oder Strategien hilfreich sein:

  • Kreiere und fördere eine offene, klare und positive Kommunikation innerhalb des Teams, auch bereits im Training. Ermutige die Spieler, sich gegenseitig zu unterstützen und auf positive Aspekte des Spiels hinzuweisen.
  • Einfache Atemtechniken können die Spieler in stressigen Momenten anwenden, um sich zu beruhigen und den Fokus zurückzugewinnen. Bewusstes Einatmen durch die Nase und das hörbare Ausatmen durch den Mund mit einer kleinen bewussten Haltepause dazwischen, bewirkt, dass der Fokus wieder zurück zu einem selbst findet. Gerne kann man es auch mit einem Bild verankern, sodass man z.B. auf die Schuhe schaut, einen Baum in der Nähe oder sogar das Tor fokussiert, denn diese Gegenstände sind “am Boden verankert”, weshalb die Gedanken nicht weiter rennen können. 
  • Erinner das Team an die Spielstrategie und die individuellen Rollen. Dabei helfen können ggf. Signalwörter, die vorher im Training regelmäßig geübt wurden. Das hilft, ebenso den Fokus auf das Wesentliche zu lenken. Wenn möglich, kreiere dabei Auszeiten, um das Team zu sammeln und an die ursprünglichen Ziele zu erinnern. Beim Fussball, gibt es Standards, hier kann man sich bewusst die Zeit kurz nehmen… aber beachte, dass jeder Spielertyp individuelle Lösungen benötigt. Gib ihnen die Möglichkeit, diese selber herauszufinden und diese ausprobieren zu lassen.  

Grundsätzlich empfehle ich euch, mentale Übungen ins Training einzubauen, um in stressigen Situationen ruhig zu bleiben und sich auf das eigene Spiel zu konzentrieren. Dieses kann man bereits zum Warm Up-Spielen machen – ja, richtig gelesen, hier könnt ihr auch mal richtig verrückte Spiele spielen 😄. 

Betone regelmäßig im Training die positiven Leistungen und Fortschritte des Teams. Gerne auch kurz gehalten, zum Beispiel nach jeder etwas längeren Einheit, um das Selbstvertrauen zu stärken und die Konzentration zu fördern. Abschließend das ganze nochmals machen, gerne mit einem taktilen Huddel, um weitere Sensoren im Körper anzusprechen und somit die positiven Emotionen damit zu verstärken. 

Ich hoffe, dass meine Antwort und die aufgeführten Ansätze helfen dir und deinem Team, auch in hitzigen Momenten fokussiert und effektiv zu bleiben und wünsche Euch eine tolle Saison.

VG

Danijela Bradfisch

Deine Frage?

Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.

    Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.

    Mehr zum Thema:

    Views: 86

    Nathalie Klingebiel: Alles Kopfsache?! – Mentale Stärke für Fußballtalente an NLZs

    Welcher Spieler oder welche Spielerin, die den schwierigen Weg an ein Nachwuchsleistungszentrum gemeistert hat, träumt nicht davon, im (jungen) Erwachsenenalter im Profi-Fußball anzukommen? Wir wissen aber, wie wenige Absolventen der 58 NLZs in Deutschland tatsächlich den Durchbruch in die beiden Bundesligen oder die Dritte Liga schaffen. Trotz aller etablierten Förderstrukturen. Was genau unterscheidet also die Spieler, die es schaffen, von denen, die ihren Traum, Profi zu werden, aufgeben müssen?

    Zum Thema: Die sportpsychologische Säule an Nachwuchsleistungszentren

    Einige würden sagen: Talent. Andere nennen harte Arbeit und Disziplin als ausschlaggebendene Gründe und manch einer würde vielleicht sogar behaupten, dass auch ein wenig Glück dabei eine Rolle spielt. Das alles sind zweifelsohne wichtige Punkte, um den Schritt ins Profigeschäft zu schaffen. Ein immer noch häufig unterschätzter Faktor auf dem Weg dorthin kann die Sportpsychologie sein, die hier zum persönlichen MVP (= most valuable player) werden kann. Sowohl im Training als auch im Spiel kann sie den kleinen, aber feinen Unterschied machen. Denn sowohl im Nachwuchs- als auch Profifußball entscheidet jedes einzelne Prozent darüber, ob ich selbst in der Startelf stehe oder aber doch mein Konkurrent. Und wenn alle Spieler dasselbe Athletiktraining durchlaufen und sich an den gleichen Ernährungsplan halten, bleibt als dritte Säule zur Leistungsoptimierung noch die Sportpsychologie, mithilfe derer ich mich von allen anderen abheben kann. 

    Nicht umsonst berichten viele sehr erfolgreiche Spieler wie Cristiano Ronaldo, Joshua Kimmich oder Robin Gosens davon, wie ihnen das Training von mentaler Stärke dazu verholfen hat, auf dem Niveau zu spielen, auf dem sie es heute tun. Auch ich merke in meiner täglichen Arbeit am NLZ, dass einige der jungen Spieler aus Eigeninitiative mit dem Anliegen auf mich zukommen, mental stärker zu werden und ihr „Game auf das nächste Level“ zu heben. 

    Sportpsychologie als Investition

    Es wird also zunehmend deutlich, welchen Stellenwert sportpsychologisches Coaching im Profifußball und auf dem Weg dorthin haben kann und sollte. Jeder oder jede, der oder die Zeit und Motivation in die Arbeit mit einem Sportpsychologen bzw. einer Sportpsychologin steckt, geht eine wertvolle Investition in sich selbst ein. 

    Um einen kleinen Einblick zu bekommen, wie ein sportpsychologisches Coaching aussehen könnte, möchte ich zwei beispielhafte Techniken vorstellen, die dabei helfen können, in hitzigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren – sei es auf oder neben dem Platz. Nur als Beispiel, um aufzuzeigen, dass Sportpsychologie nichts „Schlimmes“ ist und sich der Einsatz durchaus auch schnell auszahlen kann. 

    Atemtechniken und Visualisierung

    Eine sehr sinnvolle und vor allem leicht umzusetzende Methode sind Atemtechniken, das heißt, die Atmung wird gezielt eingesetzt, um Stress und Druck zu regulieren sowie Fokus und Konzentration zu fördern. Durch eine tiefe, kontrollierte Atmung kann die eigene Herzfrequenz bewusst gesteuert werden. Dies ist beispielsweise hilfreich, um leichter mit seinen Emotionen umzugehen und in stressigen Situationen ruhig zu bleiben. 

    Eine weitere Möglichkeit, an seiner mentalen Stärke zu arbeiten, ist die Visualisierung. Mithilfe von gedanklichen Bildern, die man sich so detailliert wie möglich vorstellt, kann man trainieren, sich in bestimmte Spielsituationen oder gewünschte Verhaltensweisen hineinzuversetzen. Das Ziel dabei ist es, einen hilfreichen Umgang mit Fehlern zu finden oder negative Gedanken zu überwinden. Indem man sich regelmäßig erfolgreiche Aktionen (z.B. einen verwandelten Elfmeter) vor Augen führt, kann man sein Selbstvertrauen stärken und sich mental auf zukünftige Herausforderungen vorbereiten.

    Nicht umsonst heißt es: Mindset is what separates the best from the rest.

    Mehr zum Thema:

    Views: 327

    Pia Festl-Wietek: Wir können von Sportler*innen mit chronischen Schmerzen lernen

    Der Umgang mit chronischen Schmerzen ist für die Betroffenen nicht einfach. Aber auch für das direkte Umfeld wie Trainer*innen, Betreuer oder auch Eltern kann es schwierig sein, immer die richtige Einordnung zu treffen. Hinzu kommt, dass chronische Krankheiten gerade im Leistungssport zumindest in der Kommunikation nach außen oder zur direkten Konkurrenz ein Tabu sind. Mit all diesen Facetten kennt sich unsere neue Profilinhaberin Pia Festl-Wietek (zum Profil) bestens aus – aus allen Perspektiven. Mehr verrät eines der neuen Gesichter von Die Sportpsychologen im Interview mit Redaktionsleiter Mathias Liebing. 

    Pia, du hast selbst zwölf Jahre lang leistungsorientiert Tennis gespielt. Wie beeinflusst diese Erfahrung deine heutige sportpsychologische Arbeit?

    Tennis ist meine Leidenschaft und ich verstehe, was man alles für diese tut. Und damit meine ich nicht nur das körperliche Training, denn Tennis hat mein Mindset geprägt. Dieser Sport hat mir gezeigt, dass ich ein Match drehen kann, wenn ich mir meiner eigenen Stärken bewusst bin und diese einsetze. Ich weiß aber auch, wie es ist, wenn du die Leidenschaft für deinen Sport verlierst und auf einmal nicht mehr diese Struktur und Routine hast. Wir können vieles aus dem Sport im Alltag anwenden. 

    Eine weitere Leidenschaft als Sportpsychologin ist der Teamsport. Insbesondere American Football. Warum liebst du die Arbeit mit Mannschaften, was macht es aus?

    Im Teamsport spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle und das macht es so spannend. Jedes Team hat seine eigene Dynamik, Regeln und Stärken. Und genau das macht es so herausfordernd, denn am Ende müssen alle Faktoren stimmen. Ein Team gewinnt oder verliert gemeinsam. Im Team brauchst du also die individuellen Stärken deiner Spieler*innen, aber wesentlich geht es darum, wie du diese einsetzt, um das gesamte Team zu stärken. Im Teamsport wird dir nochmal mehr bewusst wie wichtig Kommunikation ist – sowohl unter den Spieler*innen als auch den Trainer*innen und natürlich untereinander. Ein Team muss sich vertrauen, denn dann arbeiten sie gemeinsam und erreichen ihre Ziele. Ich liebe die Abwechslung zwischen Einzelsport und Teamsport, denn beide haben ihre Besonderheiten. 

    Spezialisiert bist du zudem auf den Umgang mit chronischen Schmerzen. Warum ist es so wichtig, dass Sportler und Sportlerinnen mehr zu diesem Thema wissen und verstehen? Und wie kannst du ganz konkret helfen?

    Oft denkt man, dass man aufgrund von chronischen Schmerzen nicht mehr die bestmögliche sportliche Leistung abrufen kann. Aber das stimmt nicht. Ich selbst habe eine chronische Erkrankung und habe gemerkt, dass darin auch meine Stärke liegt und ich definitiv meine Leistung abrufen kann. 

    Nicht jeder chronische Schmerz ist gleich, denn jede*r empfindet diese anders. Es braucht ein unterstützendes System um den Sportler*in, sei es Physiotherapeuten, Ärzte, Athletiktrainer*innen, Trainer*innen und auch Sportpsycholog*innen. Wir müssen die Perspektive des Sportlers/Sportlerin verstehen und ohne Vorurteile gegenüber dem Thema agieren. Dann können wir gemeinsam daran arbeiten, die Ziele zu erreichen. 

    Ich möchte eine Offenheit für das Thema ermöglichen und die verschiedenen Perspektiven aufzeigen, die hier eine Rolle spielen. Du wärst überrascht, welche Techniken und Tricks Sportler*innen mit chronischen Schmerzen haben, um mit diesen besser umgehen zu können. Wir können davon lernen, denn diese Sportler*innen sind stark.

    Mehr zum Thema:

    Views: 201

    Danijela Bradfisch: Ändere, was dich im Verein oder im Verband stört

    Seit Jahren arbeite ich leidenschaftlich gern und mit viel Herz im Nachwuchs(leistungs)sport. Mit allem, was dazu gehört. Als Trainerin und Coach. Ich liebe das Training, aber auch das Spiel sowie das gesamte Drumherum. Mit Spieler:innen, Eltern und mit Kolleg:innen Gespräche zu führen, auch auf Landesverbandsebenen zu diskutieren und zu streiten. Eben alles, was dazu gehört. Aber es gibt auch Schattenseiten. Zwei Sachen will ich dazu nennen, die sich im Laufe der letzten 20 Jahre faktisch nicht verändert haben: Viele schimpfen auf das “System”. Dazu steigt aus meiner Erfahrung die Zahl der Jugendlichen, die mit dem (Leistung)sprt aufhören) stetig an, was mir echte Sorgen macht. Letzteres hat, wie ich immer wieder höre, häufig mit Ersterem zu tun. Wo setzen wir also an, wenn wir etwas ändern wollen: Beim System oder beim Verhalten?

    Zum Thema: Verhaltensänderungen im Nachwuchs(leistungs)sport

    Versuchen wir es mit unserem Verhalten. Mir ist ein Modell der Verhaltensänderung in den Sinn gekommen. Eines, was auf den ersten Blick nichts mit Sport zu tun hat. Im Zentrum des Modells steht die Bereitschaft zur Veränderung von (Risiko-)verhalten, welches durch fünf aufeinander aufbauender Stufen beschrieben wird. Ursprünglich wurde das TTM zur Therapie von Nikotinabhängigkeit entwickelt (DiClemente und Prochaska, 1982; 1983). Jahre später erfolgte eine Erweiterung auf die körperliche Bewegung.

    In dem Modell geht es um sechs Stufen, die jeder im Sport kennt. Dabei muss erst eine Stufe bewältigt werden, um auf die nächste Stufe zu kommen – überspringen ist nicht möglich.

    1. Absichtslosigkeit (pre-contemplation)
    2. Absichtsbildung (contemplation)
    3. Vorbereitung (preparation)
    4. Handlung (action) und
    5. Aufrechterhaltung (maintenance)
    6. Stabilisierung (termination)

    Unser Verhalten als Schlüssel

    Die einzelnen Stufen erreicht man nur durch die eigenen Selbstwirksamkeitserwartungen. Langfristig ist ein Erfolg nur durch mentale und verhaltensbezogene Veränderungsstrategien erreichbar. In einer Studie aus dem Jahr 2001 von Keller, Kaluza und Basler kamen die Kollegen zu dem Schluss, dass verschiedene und unterschiedliche Strategien hilfreich wären und sie somit verändert werden müssen, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Logisch, wenn wir bedenken, dass sich auch die technischen und taktischen Trainingselemente für die Sportler verändern! Wir kennen das alle aus unserem Sportalltag.

    Was hat das aber nun mit den eingangs erwähnten Problemen zu tun: Der Systemkritik und der hohen Drop-out-Quote? Ganz einfach: Ich denke, liebe Trainer:innen, Sportler:innen und Eltern, lasst uns an unserem Verhalten arbeiten. Lasst uns mit unserem Verhalten etwas ändern!

    Konstruktive Wege

    Wie soll das gehen? Schauen wir uns dazu das eingangs erwähnte Modell noch einmal an: Punkt eins ist die Absichtsbildung. Formuliert also mit Blick auf eure individuelle Situation (für Sportler:innen: Trainingsumstände, Kosten, persönliche Dinge, für Trainer:innen: Kommunikation, Führung oder Methoden – holt euch gern Inspirationen aus anderen Sportarten, „Thinking outside the box“) eine klare Absicht, und euch daraufhin Unterstützung zu holen (2.+3 Punkt). Damit bereitet ihr euch vor und begebt euch in die Handlung (4.). Wenn es funktioniert, dann bleibt unbedingt dran. Realisiert die angestrebte Veränderung am besten gemeinsam, haltet die Anpassungen aufrecht, um diese somit langfristig zu stabilisieren (5.+6.).

    Das beschriebene Modell, welches die Verhaltensänderungen erklärt und voraussagt, kann wirksam sein. Es zeigt, welche Schritte unternommen werden müssen, damit wir unser Verhalten erfolgreich ändern. Meine Erfahrungen aus über 20 Jahren Zusammenarbeit mit dem Nachwuchs zeigen mir, dass es sich lohnt. Ich habe es bereits angewandt und unterstütze Sportler:innen und Eltern gern, wenn sie sich ihrem Verein/Verband konstruktiv öffnen wollen, um etwas zu verändern. 

    Systemänderungen

    Das Beste: Wenn diese Veränderungen greifen, dann hat das auch einen direkten Einfluss auf das zuvor kritisierte System. Es passiert etwas in Bezug auf:

    • Problembewusstsein 
    • Selbstneubewertung
    • Neubewertung der persönlichen Umwelt
    • emotionales Erleben 
    • Wahrnehmung förderlicher Umweltbedingungen

    Lasst uns also anfangen. Meine Kolleg:Innen im Netzwerk (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Danijela Bradfisch) unterstützen euch gern. Nehmt Kontakt auf. Ich bin überzeugt, dass wir über diesen Weg einige Sportler:innen vom Verbleib im Sport oder im Leistungssport überzeugen können. 

    Mehr zum Thema:

    Quellen

    • Keller, S., Kaluza, G. & Basler, H.-D. (2001). Motivierung zur Verhaltensänderung. Psychomed, 13, 101-111.
    • Prochaska, J. O., & DiClemente, C. C. (1982). Transtheoretical therapy: Toward a more integrative model of change. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 19(3), 276–288. https://doi.org/10.1037/h0088437
    • Prochaska, J. O., & DiClemente, C. C. (1983). Stages and processes of self-change of smoking: Toward an integrative model of change. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 51(3), 390–395. https://doi.org/10.1037/0022-006X.51.3.390

    Views: 65

    Anke Precht: Mit den Regeln des Pokals spielen

    In der ersten Runde des DFB-Pokals gab es bislang nur wenige größere Überraschungen: Der Bundesligist VfL Bochum stolperte beim Zweitligisten Jahn Regensburg. Magdeburg, Zweite Liga, flog in Offenbach, vierte Liga, aus dem Wettbewerb. Und die Drittligisten Dresden und Bielefeld schlugen die Zweitliga-Clubs Düsseldorf und Hannover. Zwei große Underdogs sind bei den verlegten Spielen noch im Einsatz: Zweitliga-Aufsteiger Preußen Münster gegen Vize-Meister VfB Stuttgart sowie der FC Carl Zeiss Jena gegen Meister Bayer Leverkusen. Was braucht es, dass es am Ende zu einer Überraschung oder gar einer Sensation reicht? Wie kann es sein, das Profis gegen Amateure alt aussehen, und mittelmäßige Spieler plötzlich zu einer Form auflaufen, die einem Topfverein würdig wäre?

    Zum Thema: Pokalüberraschungen

    Im Pokal geht es um alles oder nichts. Entweder ist man weiter, oder man ist raus. Keine zweite Chance.

    Das erhöht den Druck auf die Spieler, auf die Trainer, auf den ganzen Verein. Dieser Druck kann sich auf Spieler und Teams ganz unterschiedlich auswirken. Entweder erhöht er den Fokus, oder er wirkt als Bremse, weil die Nervosität zu groß ist. Im Pokal zeigt sich, welche Teams nicht nur physisch, sondern auch mental mit Druck und Erwartungen umgehen können. Dazu kommt: die Underdogs riskieren nichts. Verlieren Sie, ist niemand enttäuscht. Es war zu erwarten. Gewinnen sie aber, gehen Sie in die Analen des Fußballs ein. Sie können also mutig und frei aufspielen und hohe Risiken eingehen, die sich etablierte Mannschaften so nicht unbedingt leisten können.

    Reaktion auf die Konstellation

    Wie lässt sich diese Situation für Teams nutzen? Sind die Unterschiede zwischen den Mannschaften groß, lohnt es, frech zu spielen, etwas zu riskieren, den Gegner frühzeitig zu ärgern und zu provozieren. Denn eine Niederlage kann sich der Favorit nun einmal nicht leisten, und so kann es vielleicht gelingen, den Favoriten aus dem Fokus zu holen.

    Begegnen sich ähnlich starke Gegner, lohnt es sich als Verein, im übertragenen Sinne, den Ball flach zu halten. Vor allem im Vorfeld. Das Spiel zu behandeln wie ein normales Spiel. Im Team trainieren, Spannung optimal zu regulieren. Am besten mithilfe eines Sportpsychologen. Außerdem zahlt es sich aus, wenn Trainer und Spieler gelernt haben, den Fokus klar auf die anstehende Aufgabe zu lenken. Damit meine ich nicht das Spiel oder ein bestimmtes Ergebnis, sondern die nächste Aktion auf dem Platz. Den nächsten Pass, den nächsten Konter, den nächsten Angriff, den nächsten Positionswechsel, die nächste kommunikative Aufgabe – alles, was nötig ist, um in der nächsten Minute das bestmögliche Spiel zu zeigen. Gelingt das, passt in der Regel am Schluss auch mit dem Ergebnis.

    Mehr zum Thema:

    Views: 29