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Danijela Bradfisch: Priorisierung und Trennung von Trainingsinhalten im (Nachwuchs-)Leistungssport sind nicht zeitgemäß

Viele Trainer und Trainerinnen sind heutzutage als „Allrounder“ ausgebildet. Oft endet das Basiswissen aber auf Höhe des „Athletenhalses“. Kurzum: Der Kopf kommt zu kurz. Leider sieht es auf der anderen Seite nicht viel besser aus: Viele Athleten und Athletinnen trainieren individuell, zwar sehr abwechslungsreich, innovativ und ambitioniert. Es werden Apps genutzt, für diverse Konzentrations- oder Achtsamkeitsübungen und so weiter. Aber sobald es von Trainer- oder Athletenseite um Priorisierung und die Auswahl der Ressourcen geht, ist die Sportpsychologie schnell außen vor. Das ist extrem schade, zumal sportpsychologische Trainingsinhalte super kombinierbar mit anderen Maßnahmen sind.

Zum Thema: Die Kompatibilität von Sportpsychologie

Schauen wir nur auf die Saisonvorbereitung: Jedes Wettkampfjahr startet mit dem Review der vergangenen Saison und der Planung für die kommende Serie. Teamsportler erhalten meist einen Trainingsplan, in deren Erstellung sie oft nicht miteinbezogen worden sind. Es werden Ziele definiert, die man zu erreichen hat bzw. sich erhofft und es werden Maßnahmen benannt, die bekannt sind und sich bewährt haben. In Vereinen, wo gute und langfristige Nachwuchsarbeit gemacht wird, erhält der Athlet Einzelgespräche und vielleicht werden auch die Ziele des Vereins mit kommuniziert. Vielerorts zählt eine ausführliche Diagnostik der Athletik zum Standardprogramm der saisonalen Vorbereitung. Aber wie steht es um die sportpsychologische Untersuchung? Werden Werkzeuge wie beispielsweise der Befindlichkeitsfragebogen von Steyer, Schwenkmezger, Notz, and Eid (1997) oder das Regenerationsmanagement im Sport (Rasche & Pfeiffer, 2020) genutzt? 

Spätestens seit Jürgen Klinsmann 2004 als Bundestrainer berufen worden ist, ist das Athletiktraining sportartenunabhängig „en vogue“. Es ist wie selbstverständlich in die Trainingsplanung aufgenommen worden. Nachvollziehbar, denn eine gute körperliche Verfassung eines Athleten ist unabdingbar, um langfristig erfolgreich mithalten zu können (Starrett & Cordoza, 2016). Es fehlt aus meiner Sicht aber noch an dem Bewusstsein, sich neben den technischen und taktischen Anforderungen auch ganzheitlich Themen zu widmen. 

Einige Beispiele

Von einigen Individualsportlern, unter anderem Novak Djokovic, ist bekannt, dass er Mentaltraining auch im Training anwendet, um auch in Stresssituationen im Wettkampf bestmögliche Leistungen abrufen können (Lobinger, Neumann, & Mayer, 2019). Viele andere Stars tun das auch – wobei nicht alle darüber reden. Aber wie steht es bei den Teamsportarten um das mentale Training? Sind zum Beispiel Visualisierungs- und Entspannungstechniken überhaupt bekannt? Theresa Holst (2014) und Kollegen haben nachweisen können, dass psychische Ressourcen besser anwendbar gemacht werden können, um die körperlichen Leistungen zu steigern. Neben entspannten Zuständen bilden diese beiden Interventionen die Grundlage für eine verbesserte Informationsaufnahme und -verarbeitung. Somit ist der Athlet auf Stresssituationen vorbereitet und kann darüber hinaus Interventionen besser anwenden und positiver erleben, was zu einem erhöhten Wohlbefinden führt (vgl. Ziemainz & Rentschler, 2002). Das mentale Training fördert nachweislich unter anderem die: 

  • Konzentration
  • Stress- und Stressbewältigung
  • Wettkampfvorbereitung

Saisonales Training und Hindernissbewältigung(en)

Aber: In vielen Fällen sind wir noch nicht so weit. Es fehlt an Überzeugung, unserer Disziplin gegenüber. Einen großen Erfolgsfaktor sehe ich aus meiner Erfahrung zum Beispiel im Basketball darin, sportpsychologische Methoden mit anderen Trainingsinhalten zu kombinieren: So lassen sich angewandte Interventionen z.B. des Quadrizepsübungen mit Visualisierungstechniken kombinieren (Starrett and Cordoza (2016); Engbert (2011)). Ganz gleich ob in der Wettkampfvorbereitung oder bezogen auf einen Athleten, der nach einem Kreuzbandriss auf dem Weg zurück ist. Spannend sind zudem die Aspekte der Aufmerksamkeitsregulation im Zusammenhang mit der Progressiven Muskelrelaxation, kurz PMR, wenn es darum geht, sich auf bestimmte Muskelgruppen zu konzentrieren. Deren Anspannung und Entspannung erlaubt dem Athleten, sich ganzheitlich (inkl. Gedanken, Gefühle) und sich bewusst zu aktivieren, wie es Eberspächer schon vor zwei Jahrzehnten erklärte (1998). 

Weitere Ansätze

Oder schauen wir auf den Nachwuchsleistungssport: Hier erhöht sich während der Schulzeit der Druck auf die Jugendlichen enorm, es herrscht mindestens eine Doppelbelastung (Roschmann & Löbig, 2014). Hinzu kommen die körperlichen und kognitiven Veränderungen, die auch für alle Personen im Umfeld des Athleten herausfordernd sein können (Baumann, 2016; Gille, 2019). Es bietet sich somit sehr gut an, psychologische Trainingsverfahren im Alltag mit einzubauen, um zumindest das „Selbst“ zu unterstützen und zu „kräftigen“ (Richlan, 2016). 

Zurück ins Vereinstraining: In vielen Trainingseinheiten wird in Kleingruppen gearbeitet. Hier würden sich Selbstbewusstseinsübungen z.B. „Raus aus der Komfortzone“ sehr gut eignen, gerade wenn in diesem Zusammenhang neue Techniken oder Taktiken erlernt werden sollen (Engbert, 2011, p. S.108). 

Fazit und Ausblick

Sportpsychologische Betreuungsmaßnahmen bieten aus mehreren Perspektiven einen Mehrwert. Athleten, Trainer und auch die Eltern (Kirschner, 2018) sollten sich ganzheitlich miteinander besprechen und weiterbilden. Meiner Meinung nach sollten die jungen Athleten dabei als „Rohdiamanten“ betrachtet werden, die von mehreren Seiten bearbeitet und betreut werden sollten, um langfristig hochkarätig zu glänzen. 

Aber: Es ist ein hoher zeitlicher Aufwand und stellt eine weitere Belastung für Athleten und Trainer dar, zusätzliche begleitende Maßnahmen einzubauen. Es bedarf einer hohen Anstrengung, die bisherigen Routinen zu analysieren, aufzubrechen und neu zu erlernen (Marahrens & Keil, 2004; Seidel, 2011). Ein Schlüssel liegt für mich darin, bei der Periodisierung des Trainingsplans keine klassische Priorisierung mehr zu verfolgen, sondern optimaler die Kombinierbarkeit von Trainingseinheiten mit der (individuellen) Zielvereinbarung zu betrachten. Die Sportpsychologie ist kompatibler als viele denken. Gern stehen meine Kollegen und Kolleginnen aus dem Netzwerk (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Danijela Bradfisch) bereit, den Praxistest anzugehen. 

Mehr zum Thema:

Literatur:

Abbott, A., Button, C., Pepping, G.-J., & Collins, D. (2005). Unnatural selection: talent identification and development in sport. Nonlinear dynamics, psychology, and life sciences, 9(1), 61-88. 

Baumann, S. (2016). Psychologie im Jugendsport: Der Einfluss der Pubertät–Die Auswirkungen auf das Lernen–Die Rolle des Trainers: Meyer & Meyer.

Beckmann, J., & Kossak, T.-N. (2018). Motivation und Volition im Sport. Motivation und Handeln, 615-639. 

Digel, H., Schreiner, R., Waigel, S., & Thiel, A. (2008). Spitzentrainer werden und sein – repräsentative

Befunde zur Rekrutierung und zur Anstellung von Trainern im Spitzensport. Leistungssport, 5, 9. 

Eberspächer, H. (1998). Ressource Ich. Der ökonomische Umgang mit Stress, München

Engbert, K. (2011). Mentales Training im Leistungssport: Ein Übungsbuch für den Schüler-und Jugendbereich: Neuer Sportverl.

Gille, G. (2019). Die weibliche Pubertät und Adoleszenz aus biologischmedizinischer Sicht. In Mädchen fragen–Mütter wissen (pp. 11-21): Springer.

Güllich, A., & Emrich, E. (2006). Evaluation of the support of young athletes in the elite sports system. European Journal for Sport and Society, 3(2), 85-108. 

Herz, M. (2019). Das Gehirn in den Sport integrieren–Neuroathletiktraining im Leistungssport. physiopraxis, 17(04), 34-35. 

Kirschner, P. (2018). Die Eltern als Fundament, Säule und Rückhalt im Werdegang jugendlicher Athleten und Athletinnen: Freya.

Lobinger, B., Neumann, G., & Mayer, J. (2019). Etablierung der Angewandten Sportpsychologie im Leistungssport. Angewandte Sportpsychologie für den Leistungssport, 30-45. 

Marahrens, L., & Keil, J.-G. (2004). Trainingsweltmeister-Eine Phänomenanalyse aus der Erlebensperspektive betroffener Leistungssportler. Zeitschrift für Sportpsychologie, 11(3), 112-120. 

Rasche, C., & Pfeiffer, M. (2020). 4 REGmon–ein intelligentes und innovatives Online-Portal für die Sportpraxis. im Spitzensport (Teil 2), 27. 

Richlan, F. (2016). Sensible Phasen im Nachwuchsleistungssport aus neurowissenschaftlicher Perspektive. In Talentförderung: Sensible Phasen auf dem Weg zur Weltspitze (pp. 91-93): Pabst Science Publishers.

Roschmann, R., & Löbig, A. (2014). Dropout im Frauenfußball–Eine empirische Un-tersuchung. Frauen-und Mädchenfußball im Blickpunkt: Empirische Untersuchungen-Probleme und Visionen, 1, 117. 

Seidel, I. (2011). Trends in der Talentforschung und Talentförderung. Leistungssport, 41(2), 19-23. 

Starrett, K., & Cordoza, G. (2016). Werde ein geschmeidiger Leopard: riva München.

Steyer, R., Schwenkmezger, P., Notz, P., & Eid, M. (1997). Der Mehrdimensionale Befindlichkeitsfragebogen (MDBF)[The Multidimensional Affect Rating Scale (MDBF)]. In: Hogrefe Göttingen, Germany.

Theresa Holst, T. S., Heiner Langenkamp, Hubert Remmert, Alexander Ferrauti (Projektleiter) & Michael Kellmann (Projektleiter). (2014). Wissenschaftliche Optimierung trainingspraktischer Leistungssteuerung und konzeptioneller Vorgaben im Nachwuchsleistungssport des Deutschen Basketball Bundes – Basketball-Talente. BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2012/13. Retrieved from http://www.bisp.de/SharedDocs/Downloads/Publikationen/Jahrbuch/Jb_201213_Artikel/Ferrauti_Kellmann_153_162.pdf

Ufer, M. (2017). Mentaltraining für Läufer: weil Laufen auch Kopfsache ist: Meyer & Meyer Verlag.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Budapest 2023 – mein Leichtathletik-WM-Tagebuch, 5. Tag, der Showdown

Es ist Samstag, 26. August 2023 – raceday! Ich sitze spätmorgens entspannt in der Lobby meines Hotels und nippe an einem Cappuccino. Heute um 20.07h werde ich im Budapester WM-Stadion sitzen und zusammen mit 35’000 weiteren Zuschauern dem zweiten Vorlauf im 4x400m Staffelevent entgegenfiebern. Ich bin gespannt darauf, wie ich die kommenden Stunden „des Wartens“ erleben werde. Einen Teil dieser spannenden Zeit möchte ich selbstreflektierend nutzen und mir Gedanken zu einer Schlüsselfrage stellen: Bin ich hier als Sportvater oder erlebe ich mich nicht eher als Sportpsychologe?

Zum Thema: Sportvater vs. Sportpsychologe

Der Countdown läuft. Auch ich spüre: the heat is on. Damit meine ich nicht nur die Aussentemperaturen, die heute auf weit über 30 Grad steigen werden. Selbst am Abend im Stadion wird es noch sehr heiss sein, durchaus erfreulich für die Sprinterinnen, die im Einsatz stehen werden. Das Schweizer 4x400m-Team startet in einer Aussenseiterposition. Von 18 teilnehmenden Teams sind sie mit ihrer Saisonbestleistung an zwölfter Position geführt. Eine Finalqualifikation käme einem Exploit gleich. Es ist ein sehr junges, aufstrebendes CH-Team mit Potential für eine Überraschung.

Wer bin ich aber hier? Als Orientierung für diese Gegenüberstellung benutze ich die sportwissenschaftliche Perspektive (vgl. Fredricks & Eccles, 2004), die den Sporteltern vor allem drei entscheidende Rollen zuschreiben: Als Unterstützer, als Vorbilder und als bewertende Instanz. Ähnlich könnte auch die Funktion eines Sportpsychologen beschrieben werden, der eine Sportlerin an einem Zielwettkampf vor Ort begleitet.

Unterstützung, Vorbild und Bewertung

Unterstützung: Ich weiss, dass Catia mich hier vor allem als moralische Unterstützung wahrnimmt, dass sie weiss, dass ich da bin. Einmal hat sie mir kurz davon berichtet, wie sie ihren Lauf visualisieren werde. Als Sportpsychologe hätte ich nachgefragt, als Sportvater lasse ich mich hier nicht auf eine fachliche Diskussion ein.

Vorbild: Hierzu fällt mir ein spannendes Zitat von Roger Federers Eltern ein: «Wir versuchten im täglichen Leben als gutes Vorbild für unseren Sohn voranzugehen. Uns war wichtig, ihm Werte wie Anstand, Respekt, Fairness und Ehrlichkeit – auch auf dem Tennisplatz – mitzugeben. In kritischen Situationen verhielten wir uns immer positiv unterstützend, halfen beim Verarbeiten von Enttäuschungen und Niederlagen.» Wäre ich als Sportpsychologe in Budapest tätig, würde ich eine von Skisprung-Weltmeister gemachte Aussage als Orientierung zur Hand nehmen. „Wenn ich den Anspruch entwickle, Weltmeister zu werden, erwarte ich die allerhöchste fachspezifische Qualität auch von meinem Betreuerteam“ – also auch von mir als damaligem Sportpsychologen. 

Bewertung: Als Sportpsychologe weiss ich, dass jetzt im Hinblick auf den Wettkampf ausschliesslich „positive Aktionen“ zählen. Als Sportvater will ich mich auf eine positive Haltung und Ausstrahlung konzentrieren und meiner Tochter vor allem meine grosse Freude ausdrücken. Eben sagte ich ihr am Telefon: „Hey, das ist doch alles so toll, was ihr als Team und du als junge Athletin hier an der WM erleben dürft!“

Mit Plan und Vorstellungsarbeit

Die Taschen sind gepackt, der Countdown läuft. Catia weiss genau, was sie wann zu tun hat und bleibt trotzdem gedanklich flexibel, um auf Eventualitäten kurzfristig reagieren zu können. Selbstverständlich bin ich im Bilde, wie Catias Tagesablauf sein wird. Sie hat mir Folgendes geschrieben:

First part of the day free

15h00 lunch together

17h35 bus

18h40 warm up

19h39 call room

20h07 heat 2, lane 9 

Catia arbeitet in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung auch sehr intensiv mit Visualisierung, indem sie ihren Lauf detailliert mental durchgeht und durchlebt. Gespannt bin ich dann auf ihre Rückmeldungen in der Nachbetrachtung zum Erleben ihres Einsatzes. 

Es wird sehr emotional werden…

Im Nachgang zu meinem zweiten Tagebuch-Eintrag (Link siehe unten) erhielt ich eine sehr spannende Rückfrage: „Du warst ja selbst einmal Leichtathlet. Ist es aufwühlender selbst anzutreten oder für deine einzigartige Tochter mental da zu sein.“

Visualisierung der 400m-Strecke: Catia anlässlich ihres Auftritts an der Athletissima in Lausanne – Die Taschen sind gepackt! – Vater und Tochter beim Bummel durch Budapest – happy faces! – Quelle Dr. Hanspeter Gubelmann

Vorausschicken muss ich, dass ich selbst sportlich nicht annähernd so erfolgreich war wie Catia heute ist. Zudem habe ich meine kurze Zeit in der Leichtathletik als Sprinter und Mehrkämpfer schon vor Erreichen des 20. Geburtstags beendet. Sinnigerweise mit einem 1500m-Lauf als letzte Disziplin des Zehnkampfs am Eidgenössischen Turnsfest 1984, dem grössten Sportfest in der Schweiz. Dort wollte ich richtig gut sein und war es auch. Die beiden Befindlichkeiten – damals zu heute – sind aber ziemlich unterschiedlich. Meine Antwort lautete: „Es ist anders. Mein Puls ist erstaunlich tief (das war natürlich als Sportler nicht so!), ich bin so zehn Minuten vor Catias Start sehr emotional, musste an der U23-EM sogar eine Träne verdrücken!“

Wenn ich mir das nochmals überlege, wird mir sogleich klar: Ich bin hier vornehmlich als Sportpapi im Hier- und Dasein. Okay, der Sportpsychologe ist in der Rolle des interessierten Beobachters auch dabei! Gut möglich, dass es heute Abend um 19:57 zwei Tränen sein werden… Und ein strahlendes Herz dazu!

Mehr zum Thema:

Literatur:

Fredricks, J. A., & Eccles, J. S. (2004). Parental Influences on Youth Involvement in Sports. In M. R. Weiss (Ed.), Developmental sport and exercise psychology: A lifespan perspective (p. 145–164). Fitness Information Technology.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Budapest 2023 – mein Leichtathletik-WM-Tagebuch, 3. Tag

Schon nach drei Tagen Leichtathletik-WM in Budapest ist mir klar: Für meine Tätigkeit in der angewandten Sportpsychologie sind solche Wettkampfbesuche unerlässlich. Faktenwissen ist das eine, reflektierte Praxiserfahrungen das notwendige andere. Vor mehr als 30 Jahren durfte ich meine allerersten Berufserfahrungen in dieser Sportart machen. Den aktuellen Puls dieser Hauptsportart des Weltsports derart unmittelbar zu fühlen, erfüllt mich mit grosser Dankbarkeit. Einige Eindrücke zu bedenklichen Entwicklungen lassen mich aber auch zusammenzucken. Auf dieses Wechselbad der Gefühle möchte hier zu sprechen kommen.

Zum Thema: Wettkampfeinflussfaktoren und sportpsychologisches Debriefing

Die Rahmenbedingungen zu diesen Leichtathletik-Weltmeisterschaften sind wahrlich imposant: 2187 Athlet:innen aus 192 Nationen kämpfen in 49 Entscheidungen an insgesamt neun Wettkampftagen um Titel und Ehren. 147 Medaillengewinner:innen dürften Budapest mit sehr intensiven, positiven Gefühlen verlassen. Bei mindestens 49 Vierplatzierten, leistungsmässig betrachtet grandios performdende Athlet:innen, dürfte die Stimmungslage diametral unterschiedlich sein. 93% aller Teilnehmer:innen zählen schliesslich zum Feld der «Geschlagenen». Mit Ausblick auf die in weniger als einem Jahr beginnenden Olympischen Spiele werden auch sie sich fragen müssen, was notwendig sein wird, um in Paris erfolgreicher agieren zu können? 

An welchen konkreten Punkten das sportpsychologische Debriefing einsetzen sollte, möchte ich an ausgewählten Beispielen darlegen, die sich an meinen persönlichen Eindrücken der zurückliegenden Tage orientieren.

Einflussfaktor klimatische Bedingungen:

Budapest erlebt grosse Hitze – schon am Morgen werden im Stadionkessel 40 Grad Celsius gemessen. Beim Start der 200m Vorläufe beobachtete ich, wie sich Athleten bis zum letztmöglichen Moment in kleinsten Schattennischen aufhielten – ein Prozedere, wie es kaum einem optimalen Vorbereitungsritual entspricht. Spannend dünkt mich hier der individuelle (mentale) Umgang mit extremen klimatischen Bedingungen. Entziehe ich mich der Hitze (und risikiere im entscheidenden Moment eine Überraschung) oder setze ich mich und meinen Körper bewusst diesem aversiven Reiz aus, damit sich dieser daran gewöhnen kann? Quasi als „Selbstversuch“ lief ich vorgestern 30km in brütender Hitze, trank dabei etwa sechs Liter Flüssigkeit, was meinen Organismus und mein Befinden deutlich spürbar an Grenzen führte. Schon gestern, bei noch höheren Temperaturen, fiel die psychopsyche Reaktion auf Hitze anders aus, fühlte ich mich schon wesentlich besser angepasst. Ich bin gespannt, welche Rückmeldungen mir Athlet:innen und Betreuer:innen – z.B. besonders „betroffene“ Athlet:innen wie die Mehrkämpfer:innen – hierzu geben werden.

Schwierige Bedingungen, Quelle: Dr. Hanspeter Gubelmann

Einflussfaktor Bahn:

Es kann sein, dass mich mein Eindruck täuscht. Ich kann mich aber an keinen Grossanlass mit derart vielen Verletzungen gerade in den Laufdisziplinen erinnern. Die Bahn sei schnell – aber knallhart. Die im Schuhwerk neu verwendete Carbontechnologie verspricht einen effizienteren Krafteinsatz und höhere Geschwindigkeiten. Aber zu welchem Preis? Als Sportpsychologe interessiert mich weniger die technische Entwicklung, dafür umso mehr die individuellen mentalen Auswirkungen in der Belastungssteuerung. Aus wissenschaftlicher Betrachtung lohnt sich im Olympiajahr nicht die Belastungserhöhung, sondern hauptsächlich die Entlastungssteigerung. Eine 400m Läuferin könnte sich folglich im hochintensiven Trainingsbereich des Stehvermögens nach alternativen Trainingsmethoden – z.B. mit Wassertraining – umsehen. Hier sehe ich auch eine Verantwortung der Sportpsychologie im Hinblick auf eine durchdachte Verletzungsprävention.

Einflussfaktor Wettkampfatmosphäre:

Als ich am Mittwoch die «Morning Session» mit einigen Vorläufen (800m, 200m) und Qualifikationswettkämpfen in den technischen Disziplinen (z.B. Weitsprung, Speer) anschauen ging, war ich vom guten Stadionbesuch überrascht. Viele ungarische Familien nutzten offensichtlich die Gelegenheit, für wenig Geld der WM einen Besuch abzustatten. Immer wenn ungarische Athlet:innen am Start waren, erschallte ein überschwänglicher Applaus, der auch – sehr untypisch für einen Vertrauten der Diamond-League-Veranstaltungen – in der Phase der Startvorbeitungen im Sprint, nicht abflaute! Merke: Es lohnt sich immer, sich mit den besonderen Bedingungen der Wettkampfstätte und des Publikums zu befassen. Dies könnte sich u.a. in der individuellen Anpassung des  Wettkampf-Countdowns manifestieren.

Catia Gubelmann (rechts unten) als Teil der WM-Delegation, Quelle: Dr. Hanspeter Gubelmann

Einflussfaktor Umfeld:  

Nicht immer ist es für mich als Sportpsychologe möglich, mit einer WM-Delegationsleitung (Funktionäre, Trainer) sowie weiteren Verbandspartnern (politische Vertreter, Sponsoren) in Kontakt zu treten. Eine solche Möglichkeit bot sich am Mittwoch, als die Schweizer Botschaft, das ganze Team sowie einige Gäste zum Empfang einlud. Natürlich erhielt ich die Einladung als Familienmitglied von Catia (und nicht als Vertreter der Sportpsychologie). Meine Tochter wird am kommenden Samstag über 4x400m im Einsatz sein. Auf meiner individuellen Agenda standen spannende «Smalltalks». Sich auf diesem Parkett einigermassen sicher – eben kompetent und nicht aufdringlich – zu bewegen,  erachte ich als eines der Kernanliegen in der Entwicklung unseres Arbeitsfeldes. Mein Gefühl sagt mir, dass ich nach der WM interessante Telefonanrufe bekommen werde.

Einflussfaktor Debriefing: Wie geht’s weiter?

Wie eingangs beschrieben, werden viele Athlet:innen Budapest unzufrieden verlassen. In Anbetracht der grossen Aufwände vor und während des Saisonhöhepunkts ist eine gute WM-Nachbereitung zwingend notwendig – auch im Hinblick auf die Qualitätssicherung sportpsychologischer Interventionen. Auf welche mentalen Stärken konnte sich der/die Athlet:in verlassen? Wie hat er/sie die Zeit in Budapest erlebt, welche waren die Highlights, welches die Lowlights? Welche Konsequenzen ergeben sich – kurzfristig – für den weiteren Saisonverlauf und mittelfristig im Hinblick auf ein mögliches Karriereziel Olympische Spiele 2024 in Paris?

Wohin wird mich meine Reise hier in Budapest noch führen? Ich bin gespannt auf weitere spannende Erlebnisse und den aussergewöhnlichen Höhepunkt am Samstagabend, wenn Catia mit ihrem 4x400m-Team im ausverkauften Stadion erstmals die Bühne des Weltsports betreten wird. Schon die Vorstellung lässt mich sehr emotional werden. Mehr dazu dann in meinem nächsten Tagebucheintrag!

Mehr zum Thema:

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Prof. Dr. Oliver Stoll: Aus dem Tagebuch meiner sportpsychologischen Arbeit mit einem Hindernisläufer

Heute ist der Tag, an dem er zeigen muss, was er gelernt und trainiert hat. Wir fahren zu den Sachsenmeisterschaften im Mittelstrecken- und Hindernislauf. Der Läufer, mit dem ich nun seit vier Wochen arbeite, hat ein festes Ziel. Er möchte nach einem schlechten Jahr voller Erkrankungen und Verletzungen wieder zurück an die nationale Spitze, vielleicht sogar auch schon wieder ein Stück näher an die  internationale Spitze in der U21-Altersklasse heranrücken. Er kennt das Gefühl, denn er war schon bei einer Junioren EM dabei und konnte mit einer 6:06 Minuten eine sehr passable Leistung in seinem 2000-Meter-Hindernislauf zeigen. 

Zum Thema: Fokussierung der Aufmerksamkeit

In letzter Zeit hatte er stark mit Grübelei und – damit verbunden – eben auch mit Zweifeln an seiner Leistungsfähigkeit zu kämpfen. Neben dem Training, das er zusammen mit seiner Trainingsgruppe durchgezogen hat, arbeiten wir daran, ihm zu helfen, „ins Hier und Jetzt“ zu kommen. Es geht darum, seine Gedanken an die anstehende Aufgabe zu binden und nicht so sehr an mögliche Ergebnisse oder an ein mögliches Scheitern zu denken. Hierzu haben wir ein „Renn-Drehbuch“ entwickelt, welches seine handlungsleitenden Gedanken mit den dazugehörigen „inneren Bildern“ koppelt. Konkret waren dies rundenbezogene Gedanken und Bilder, denn es wird darum gehen, 70er bis 72er Runden zu laufen, damit die Quali-Zeit erreicht werden kann. Am Start – tief atmen, in der ersten Runde „nicht zu schnell“, in der zweiten Runde „Fokus auf Technik, die 3. Runde „Draufbleiben“, in der 4. Runde „Weiter drauf bleiben und beißen“ und in der letzten Runde „Alles rein – bald vorbei“. 

Dieses Rennen ist er mental mittlerweile schon zig Mal mental gelaufen, zunächst in einer tiefenentspannten Atmosphäre, dann im wettkampfnahen Training. Und heute wird es dann ernst. Die Anreise verlief gut und er macht einen sehr gelassenen Eindruck auf mich. Ich lasse ihn und seinen Trainer allein und beobachte derzeit, die anderen Rennen. Kurz vor seinem Rennen kommt er noch mal kurz vorbei und holt sich ein optimistisches Lächeln von mir ab. Ich werde den Lauf per Video aufzeichnen und  ihn nach dem Rennen damit „konfrontieren“. Dabei geht es uns darum, zu überprüfen, ob es ihm gelungen ist, seine Gedanken auf die Aufgabe zu fokussieren und andere störende Gedanken auszublenden. 

Ende der Grübelei

Das Rennen beginnt und er läuft die ersten beiden Runden wie abgesprochen in jeweils 72 Sekunden. In der dritten Runde lässt er drei Sekunden liegen, die letzten beiden Runden läuft er wieder 72er Runden. Es hat also die geforderte Zeit knapp nicht erreicht. In der Videoanalyse seiner Gedanken und Gefühle während des Rennens wird jedoch schnell klar, dass es daran nicht gelegen hat. Er hat zugerufene Zeiten in der 3. Runde nicht verarbeiten können, was jedoch wichtig gewesen wäre, weil er ohne Uhr läuft. Auch wenn er die Quali knapp nicht geschafft hat, ist er jedoch glücklich, dass das Rennen für seinen Wiedereinstieg doch ganz gut gelaufen ist und vor allen Dingen, dass er nicht mehr „grübelt“. Und das ist dann auch etwas, was mich als sein Sportpsychologe sehr zufrieden macht.            

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Johanna Constantini: Die WIDEG-Frage offline stellen – für mehr Lösungsorientierung im Sattel

Pferdesport stellt Athletinnen und Athleten oftmals vor große Herausforderungen. Schließlich sollte mit einem Lebewesen kooperiert und im besten Fall optimal zusammengearbeitet werden, dass vielfach anders „funktioniert“, als der Sportpartner Mensch. Und dies gilt nicht zuletzt für Situationen, die wir menschlich nur schwer aushalten können. 

Zum Thema: Von der Problem- zur Lösungsorientierung  

Der Mensch nämlich neigt dazu, Dinge, die passieren, zu bewerten, während bei Pferden diese Bewertung ausbleibt. Es reagiert auf seinen Menschen und agiert als Flucht- und Herdentier. Der Mensch hingegen neigt dazu, negative Gegebenheiten über- und positive unterzubewerten. Hinzu kommt, dass Menschen oftmals das Verhalten des Pferdes verallgemeinern und im schlimmsten Fall negative Schlüsse daraus ziehen. In der Psychologie spricht man dabei auch von Problemorientierung. 

Eine wichtige Strategie, um im Pferdesport erfolgreich sein zu können, ist es daher, sich weg von einer problem- und hin zu einer lösungsorientierten Betrachtungsweise zu bewegen. 

WIDEG-Frage

Dabei kann eine von Viktor Frankl begründete Methode hilfreich sein. Die sogenannte WIDEG-Frage eröffnet in scheinbar ausweglosen Situationen die Möglichkeit, über gegenwärtige Chancen nachzudenken. Sie fragt: Wofür Ist Das Eine Gelegenheit?

Beispiel: Das Turnier steht an und das Pferd geht lahm aus der Box. Ja, diese Situation ist ärgerlich und enttäuschend. Die Gesundheit des Pferdes priorisiert jedoch der faire Pferdemensch stets an erster Stelle. Daher gilt nun, das Beste aus der Situation zu machen und nach eben jener Gelegenheit zu suchen. Könnte das anstehende Wochenende womöglich für eine alternative Sportart, die Konzentration auf mentales Training oder auch die Reflexion vorangegangener Wettkämpfe genutzt werden? Könnte entspannt oder das weitere Turniergeschehen geplant, ein fremdes Pferd aus Übungsgründen geritten oder gar schlichtweg auf ein Turnier mitgefahren werden, um Idole intensiv zu beobachten?

Umgang mit schwierigen Situationen

Fakt ist: Es ergeben sich IMMER Möglichkeiten, aus einer enttäuschenden Situation eine Gelegenheit zu schaffen, auch wenn diese die Enttäuschung nicht immer aufwiegen wird. 

Zudem gilt: Wer sich in einer solch enttäuschenden Situation befindet, sollte Abstand von Social-Media-Kanälen und dem Betrachten der Konkurrenz halten. Im World Wide Web wird Problemorientierung eher geschürt als verhindert, zumal das Reiterleben der Anderen stets besser zu laufen scheint. Die Wahrheit: Am Ende geht es allen gleich!

Mehr zum Thema:

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Budapest 2023 – mein Leichtathletik-WM-Tagebuch, 1. Tag

Eigentlich war ich schon in allen Sphären des Spitzensports unterwegs – Olympische Spiele, Weltmeisterschaften, Europameisterschaften, Schweizermeisterschaften… bis hin zum Wald- & Wiesensportfest habe ich als Sportpsychologe die ganze Bandbreite kennenlernen dürfen. Trotzdem betrete ich mit dem Besuch der LA-WM in Budapest absolutes Neuland: ich begleite meine Tochter Catia, die als Athletin den Sprung auf die Weltbühne der Leichtathletik geschafft hat. Ich bin sehr neugierig – und spüre am Eröffnungstag der Titelkämpfe ein eigenartiges Kribbeln. Daran – und an einigen spannenden Themen –  möchte ich die Leser:innen meines WM-Tagebuchs teilhaben lassen. Hautnah – vielfältig – unzensiert.

Zum Thema: Sportpsychologie in der Praxis

Es ist Samstagvormittag und ich sitze zuhause vor dem TV. Die LA-WM hat begonnen und bald startet der Vorlauf der Mixed-Staffel über 4x400m. Catia ist da erste Ersatzläuferin und wird wohl nicht zum Einsatz kommen. Bestimmt eine gute Möglichkeit, sich als WM-Rookie mit der Aufgabe vertraut zu machen. Wie abgeklärt sie agieren kann, hat sie an der U23-Europameisterschaften im finnischen Espoo bei ihrem ersten Start auf internationaler Bühne unter Beweis gestellt; EM-Silber über 4x400m, was ihr letztlich auch das WM-Ticket eingetragen haben dürfte. Wie aber werde ich als WM-Rookie in der Rolle des Sportvaters agieren? Und mein Kribbeln bekommt eine leicht angespannte Note! Eben, diese Rolle hatte ich noch nie!

Ein erster (rettender?) Gedanke geht in Richtung Hans-Dieter Herrmann, der in seinem Keynote-Referat anlässlich der asp-Tagung 2019 „Sportpsychologie in der Praxis – Versuch einer Rollendefinition“ (vgl. Blog!). Es mögen mindestens zwei Dutzend unterschiedliche Rollen gewesen sein, die der Doyen der angewandten Sportpsychologie auf seiner Übersichtsdarstellung aufgeführt hat. Die des Sportvaters fehlte.

Ich bin „nur“ Catis Vater…

An dieser Stelle ist eine persönliche Einordnung zweckdienlich. Obwohl ich selbst ein passabler Leichtathlet war, später als LA-Nachwuchstrainer fungierte, zudem über die höchste Fachtrainerausbildung der Schweiz verfüge und als Sportpsychologe zahlreiche Sprinter:innen betreut habe – nie war ich im sportlichen Umfeld unserer Tochter tätig. Als Catia kürzlich im Rahmen unseres asp-Workshops „Wettkampfvorbereitung – der Countdown“ (siehe unten) darauf angesprochen wurde – wie es denn sei, die Tochter eines Sportpsychologen zu sein – antwortete sie: „Mein Vater hat sich immer im Hintergrund gehalten, was ich sehr schätzte. Heute weiss ich, dass ich mit jeder Frage zu ihm gehen kann und eine sehr hilfreiche Antwort bekomme.“ Damals musste ich natürlich etwas schmunzeln, weil es doch auch Situationen gab, in welchen es mir schwer fiel, meine zurückhaltend-neutrale Position nicht aufzugeben. 

Der Wettkampf-Countdown läuft. Ich schreibe meiner Tochter eine SMS und versichere ihr und dem Mixed Team 4x400m, dass wir die Daumen drücken. Sie antwortet sogleich: „Alles gut, Danke! Ich bin tatsächlich Ersatz heute. Hier schüttet es wie aus Kübeln“. Vorteil Schweiz, denken wir – doch sie meint: „Wir haben nur Jacken dabei, die im Nieselregeln tauglich sind!!“

Die Rolle der Sporteltern an internationalen Meisterschaften

Mit 21 Jahren hat unsere Tochter gelernt, mit solchen Situationen selbstbestimmt umzugehen. Andererseits wissen wir, dass sie diesen Austausch sehr schätzt und aktiv sucht. Auch aus wissenschaftlicher Perspektive kennen wir die Facts, dass Athlet:innen an Grossanlässen auch unter den teilweise rigiden Einschränkungen leiden, sich unwohl oder gar einsam fühlen. Sozialen und mentalen Support suchen sie dann vor allem bei ihnen nahestehenden Menschen, oft bei Freund:innen und Verwandten, manchmal auch zu mir in meiner Funktion als Sportpsychologe.

 

Catia Gubelmann in Budapest (Fotos: privat)

Stichwort „unwohl“: Ich frage mich gerade, wie gut ich mich als Sportvater für den bevorstehenden Anlass schon vorbereitet habe. Okay, Flug und Hotel sind längstens gebucht, meine beruflichen Verpflichtungen habe ich so arrangiert, dass ich am Montag für eine Woche an die WM reisen kann. Wie sieht mein „Game-Plan“ aus? Habe ich denn schon eine genauere Vorstellung, was mich in Budapest erwarten wird und wie ich denke, damit umzugehen? Ein kurzer Literatur-Search zu „die Rolle der Sporteltern an Grossanlässen“ oder „Parenting at international sports event“ liefert zwar Hinweise für den Jugendbereich, mehr aber nicht. Ich konsultiere noch schnell ChatGPT. Auf die Frage  „Was ist die Rolle der Sporteltern ab Sport-Grossanlässsen wie Weltmeisterschaften oder Olympischen Spiele?“ lese ich:    

Die Rolle der Sporteltern bei Sport-Grossveranstaltungen wie Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen kann von emotionaler Unterstützung bis hin zur logistischen Organisation reichen. Sporteltern sind oft die grössten Fans ihrer Kinder und bieten ihnen moralische Unterstützung, indem sie anfeuern und ermutigen. Sie können auch eine wichtige Rolle bei der Bewältigung des Drucks und der Aufregung spielen, die mit solchen Veranstaltung verbunden sind (…) Die genaue Rolle der Sporteltern kann jedoch von Familie zu Familie unterschiedlich sein und hängt von den individuellen Bedürfnissen und Wünschen der Athlet:innen ab.“ (ChatGPT 3.5; 19.8.2023)

Los geht’s – 12:17 Start 4x400m mixed Relay

Nach einer wetterbedingten Verzögerung von einer Stunde geht’s jetzt los. Ich spüre die Anspannung, die ich aber eher mit meiner Leichtathletik-Vergangenheit in Verbindung bringe. Die Schweizer Staffel hält sich in ihrem Heat lange Zeit gut, schnuppert an der Finalqualifikation… und scheitert am Ende knapp. 

Jetzt bin ich gespannt, was ich von Catia als nächstes zu hören bekomme. Als Ersatzläuferin war sie im Stadion anwesend. Moralischer Support dürfte vor allem gefragt sein. Andererseits nehme ich mir noch etwas Zeit, um anzudenken, welches die  individuellen Bedürfnisse und individuellen Wünsche unserer Tochter sein könnten und diese bei ihr nachfragen. Ich fühle mich schon heute dankbar für diese WM-Erfahrung als Sportvater! Und von Catia belohnt, indem sie mich gebeten hat, sie in Budapest moralisch zu unterstützen.

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Trainingslagertagebuch von Janosch Daul: Tag 1, Raus aus der Routine, rein ins Krisenmanagement: Oder wie ich mit Spielern arbeite, die eine Leiche im Fluss treiben sahen 

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Als sportpsychologischer Experte berichte ich (zum Profil von Janosch Daul) vom Trainingslager mit dem U17 Team des Halleschen FC im Saarland.

Kribbeln und Aufregung ist da. Es geht ins Trainingslager! Es fühlt sich immer nach etwas Besonderem an, mit einer coolen Truppe einige Tage gemeinsam zu verbringen. Eine tolle Möglichkeit, als Team weiter zusammenzuwachsen, Beziehungen zu gestalten und weitere mentale sowie fußballerische Grundlagen für die lange Saison zu legen. Lagerkollergefahr inklusive.

Janosch Daul (Mitte) unterwegs mit dem Nachwuchs des Halleschen FC

Früh morgens geht es los, wir fahren gemeinsam mit der U15, die ebenso ein Trainingslager bezieht, in einem proppevollen Bus gen Südwesten. Die Zeit auf der Fahrt versuche ich bewusst zu nutzen, indem ich die im Laufe des Trainingslagers anstehenden Workshops durchgehe, mich auf das noch heute anstehende Testspiel gegen Wormatia Worms vorbereite und einen Neuzugang in die Sportpsychologie einführe. Zudem unterstützen mich einige Spieler dabei, mich mit Snapchat und TikTok auseinanderzusetzen. Ich melde mich schließlich an und möchte diesen Plattformen, denen ich bisher eher skeptisch gegenüberstand, eine Chance geben. Auch, um auch auf diesem Weg in guten Kontakt mit der heutigen Jugend treten zu können. Es gibt mir die Möglichkeit, an ihrer Lebenswelt teilhaben zu können. Dies zeigt den Spielern, dass ich mich für sie als Menschen interessiere und sie wertschätze. 

Beobachter beim Spieltag

Die Zeit im Bus vergeht somit wie im Flug und nach einigen Zwischenhalten treffen wir am Spielort ein. Ich bin mir meiner Aufgaben bewusst. An Spieltagen nehme ich primär die Rolle des Beobachters ein, mache mir viele Notizen und gebe den Trainern und Spielern anschließend Feedback im Hinblick auf mentale Aspekte. Im Rahmen der bislang durchgeführten Austausch- und Kennenlerngespräche habe ich mit den Spielern einen Rahmen für eine gelingende Zusammenarbeit erarbeitet, im Sinne einer höchst bedürfnisorientierten Vorgehensweise. So weiß ich bei diesen Spielern inzwischen genau, was ich wann wie im Wochenverlaufs zu tun habe, damit ich in der Wahrnehmung des Spielers ein bestmöglicher Unterstützer sein kann. Die Rollen, die ich einnehmen soll, sowie die damit verbundenen Aufgabenstellungen sind somit auch für den Spieltag definiert. So bin z.B. für einen Spieler ein Gesprächspartner im Bus, andere Spieler wünschen sich ein Kurzfeedback im Hinblick auf mentale Auffälligkeiten in der Halbzeit, mit einem Spieler gehe ich während der Platzbesichtigung noch einmal seine Ziele und Erwartungshaltungen für das anstehende Spiel durch und einen anderen Spieler versuche ich vor der Partie noch einmal mit einem Motivationsspruch zu erreichen. Teilweise findet vor der Halbzeit-Ansprache noch ein kurzes Briefing mit den Trainern statt, in dem ich ihnen zentrale Eindrücke aus der ersten Halbzeit spiegele, die sie für ihre Ansprache nutzen können. 

Nach dem Spiel werte ich meine Notizen aus und schicke den Spielern und Trainern – entsprechend der erfolgten Auftragsklärung – Whatsapp-Sprachnachrichten, in denen ich ihnen jeweils individuell meine Spiel-Wahrnehmungen spiegele. Meine Beobachtungen kombiniere ich dann zumeist mit Ratschlägen und/oder Reflexionsfragen, mit denen der jeweilige Trainer bzw. Spieler arbeiten kann. Auch hier wähle ich eine Vorgehensweise basierend auf den Bedürfnissen des Gegenübers. Ich hätte nie gedacht, dass diese Form von „Whatsappcoaching“ jemals eine so große Rolle einnehmen würde, doch Fakt ist, dass dieses Vorgehen viele Vorteile mit sich bringt: Die Trainer und Spieler können sich zu einem für sie passenden Zeitpunkt mit dem Feedback auseinandersetzen, es findet eine niederschwellige Auseinandersetzung mit sportpsychologischen Themen statt und für mich ergibt sich daraus die Möglichkeit, viele Spieler auf einmal bedienen zu können. Rein zeitlich gesehen ist es schließlich unmöglich, mit jedem Spieler individuell über das Spiel im Gespräch zu sein. 

Alles unter Zeitdruck

Da unsere Fahrt etwas länger als geplant dauert, haben wir massiven Zeitdruck in allen Vorbereitungen auf das Spiel. Eine optimale Einstimmung auf den Wettkampf sieht anders aus. Doch wahrscheinlich ist es gar nicht so verkehrt, auch so etwas mal zu erleben. Denn so kannst du proben, wie du als Spieler, Trainer und Team mit widrigen, unvorhersehbaren und unkontrollierbaren Umständen umgehen kannst. Und schauen, ob du dann dennoch in der Lage bist zu performen? Bei unfassbar schwülem Wetter und auf einem hohen, schmierigen Rasen kommen wir gar nicht gut ins Spiel, entscheiden die erste Halbzeit zwar mit 2:1 für uns, erreichen aber lange nicht unser Leistungsmaximum. In der zweiten Halbzeit läuft es flüssiger und wir gewinnen letztlich 6:2 gegen einen Gegner, dem wir eigentlich hochüberlegen sind. 

Insbesondere zwei Fragen beschäftigen mich aus psychologischer Sicht ganz besonders: Warum brauchen wir so lange, um zu unserem Spiel zu finden? Und warum gelingt es uns erneut nicht, ein Spiel konzentriert zu Ende zu führen? Warum schleichen sich in den letzten 15 Minuten des Spiels immer wieder vermeidbare Nachlässigkeiten ein, die in einem Gegentor münden? Ein wiederkehrendes Muster in der Vorbereitung. Auf diese Fragen gilt es, gemeinsam mit den Spielern und Trainern Antworten zu finden. Auf individueller Ebene beeindruckt mich ganz besonders das Auftreten eines Neuzugangs, der eine Souveränität und Körpersprache an den Tag legt, als habe er sein Leben nichts anderes getan, als für den Halleschen FC wie eine Katze die Bälle von der Torlinie zu kratzen. Dies kommuniziere ich ihm nach dem Spiel, worüber er sich sehr freut. 

Jugendliche Leichtigkeit

Dann geht es weiter in unser Trainingslagerquartier nach Saarbrücken. Im Bus herrscht bei den Jungs ein unglaubliches Energielevel, die Stimmung ist ausgelassen. Ich kümmere mich unterdessen primär um die individuellen Feedbacks für die Spieler und Trainer. Beim Abendessen mische ich mich bewusst unter die Spieler, um gut mit ihnen im Gespräch zu sein, die Beziehungen weiter zu stärken und einfach eine gute Zeit zu haben. Ich versuche, zu jedem einzelnen Spieler eine maximal vertrauensvolle Bindung und Beziehung aufzubauen – auf dieser Grundlage kann ich auch inhaltlich wirksam werden. Ich schätze diese (noch jungen) Menschen, die sich mitten in einem Entwicklungsprozess befinden, extrem wert. Ich schätze ihre unterschiedlichen und so spannenden Charaktere, ihre vielfältigen Meinungen, Ansichten und Perspektiven, aber auch ihre Wertschätzung und Dankbarkeit mir und meiner Arbeit gegenüber, extrem wert. Ich liebe es, mich mit ihren Wünschen, Sehnsüchten, Träumen, aber auch ihren sie herausfordernden Themen aktiv auseinanderzusetzen. Außerdem ist diese Jugendlichkeit so ansteckend! Sie lässt mich selbst sehr jung fühlen. 

Das Abendessen kann ich so richtig genießen; es findet auf einem Boot statt. Anschließend plane ich mit den Trainern die kommenden Tage und plötzlich sollte alles anders kommen als erwartet. Zwei Spieler mit kreidebleichen Gesichtern stürmen in den Hotelraum, in dem ich mich gerade mit den Trainern befinde, und sagen mir, sie bräuchten mich dringend. Ich stehe auf und folge den Spielern. In der Hotellobby erzählen sie mir von einem unglaublichen Erlebnis: In der frei zur Verfügung stehenden Zeit unmittelbar im Anschluss an das Abendessen sahen sie eine auf dem Fluss treibende Leiche, welcher der Kopf fehlte. Sie berichten mir hochemotional davon, wie die Leiche schließlich von Spezialisten geborgen und in einem Sack verstaut wird. Zahlreiche Spieler unseres Teams haben den Vorfall hautnah miterlebt. Sie sprechen von Angst- und Schockzuständen. Davon, das Hotel nie wieder verlassen zu wollen. Davon, heute definitiv nicht eine Sekunde schlafen zu können. Schlimme Bilder sind präsent und drehen sich in einer Dauerschleife. Plötzlich bin ich als Krisenmanager gefragt. 

Im Krisenmodus

So richtig sicher fühle ich mich in meinem Handeln nicht, da ich so etwas auch noch nie erlebt habe. Ich versuche, Ruhe auszustrahlen und den Jungs zuzuhören. Ich ermutige sie, alles auszusprechen, was ihnen auf der Seele brennt, alles da sein zu lassen, was sich gedanklich und emotional gerade ins Bewusstsein drängt. Langsam, aber sicher, habe ich das Gefühl, dass die Jungs wieder zu sich kommen. Nachdem vieles ausgesprochen worden ist, sehnen sie sich danach, das an diesem Abend stattfindende UEFA Supercupspiel zwischen Manchester City und Sevilla anzuschauen. Ein Spieler bittet mich explizit, mit dabei zu sein. Dem folge ich, sodass wir in einer immer größer werdenden Runde schlussendlich mit ca. 12 Nachwuchsspielern das Match zu Ende schauen. Ich habe das Gefühl, dass die Gemeinschaft guttut. Die Spieler verabschieden sich voneinander und gehen, genauso wie ich, auf ihre Zimmer. Zugleich kommuniziere ich über unsere Whatsappgruppe, dass ich den Spielern auch weiterhin als Gesprächspartner zur Verfügung stehe. 

Ich hoffe sehr, dass ich den Spielern eine Stütze sein konnte. In meinem Zimmer angekommen, teilt ein Elternteil mit mir ihre Sorgen, nachdem ihr Sohn ihr von dem Vorfall berichtet hatte. Ich versuche sie emotional zu entlasten. Zudem kommuniziere ich den Trainern, wie ich den morgigen Tag angehen würde, nämlich an den Bedürfnissen der Spieler orientiert anstatt eine Normalität einzufordern, die einfach noch (lange) nicht wieder gegeben ist. Nun bin ich extrem müde und versuche einzuschlafen.

Hinweis: In den kommenden Tagen informiert Dr. Hanspeter Gubelmann von der Leichtathletik-WM in Budapest. Hinzu kommen weitere spannenden Beiträge aus dem Netzwerk. Unser Ziel ist es, aus einem besonderen Blickwinkel von unserer Arbeit zu berichten. Wir wollen zeigen, wie wir die Sportpsychologie leben und erleben.

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Janosch Daul: Mein Traumjob

Kennst du deinen Traumjob? Ich bin sehr dankbar, ihn gefunden zu haben. Als Sportpsychologe arbeiten. Seit inzwischen knapp sechs Jahren darf ich die Trainer, Teams und Spieler des Halleschen FC in ihrer mentalen Weiterentwicklung unterstützen. Vielleicht ist es sogar meine Berufung, die ich leben darf. Für mich jedenfalls weit mehr als einfach nur ein Beruf. Aktuell macht mir die Arbeit, die sich nicht nach Arbeit anfühlt, mehr Spaß als jemals zuvor. Es fühlt sich an wie ein enormes inneres Brennen in mir. Ich empfinde eine große Leidenschaft für die Weiterentwicklung junger Fußballer, die es verdienen, bestmöglich gefördert zu werden. Nicht zuletzt, da sie enorm viel (Frei)zeit in ihre fußballerische und menschliche Weiterentwicklung investieren und zielstrebig ihren großen Traum verfolgen. Die Spieler dabei zu unterstützen, diesem Traum näher zu kommen, ist für mich eine Leidenschaft, die mich magisch in ihren Bann zu ziehen scheint und mich keine Anstrengung scheuen lässt. Doch dieser enorme Antrieb, den Spielern der bestmögliche Unterstützer zu sein, hat auch seine Schattenseiten. 

Zum Thema: Sportpsychologie in der Saisonvorbereitungsphase

Nicht selten wache ich um drei Uhr nachts auf, mit einem Impuls, mit einer (sportpsychologischen) Idee, der ich dann nachts nachgehe, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden bin. Ein liebevoller, fürsorglicher Umgang mit mir selbst sieht anders aus. Doch meine ungebrochene Begeisterung für die Trainer und Spieler, die ich als extrem wertvolle Menschen wertschätze, gibt mir derzeit so viel Energie, dass ich trotz durchgängig nur vier Stunden Schlaf pro Nacht tagsüber einfach nicht müde bin. Sondern mich elanvoll und energiegeladen fühle. 

Als einziger angestellter Sportpsychologe im Nachwuchs des Halleschen FC muss ich mir vor jeder Saison bewusst Gedanken darüber machen, wo ich inhaltlich und zeitlich Prioritäten setze. Acht Teams und somit ca. 160 Spieler und über 25 (Spezial)trainer können nicht gleichermaßen bedient werden. Da ich ein konzeptionell denkender und handelnder Mensch bin, bestand meine Absicht eigentlich darin, ein langfristiges Konzept zur Implementierung der Sportpsychologie im Nachwuchs umzusetzen. Doch aufgrund gewisser Umstände, die ich an dieser Stelle für mich behalten möchte, ist damit nach bereits einer Saison, der vergangenen, Feierabend.  

In der Rolle eines Teampsychologen

Ich versuche, das Beste daraus zu machen. Gewissermaßen Widerstände zu überwinden. Einen anderen Weg zu gehen, der sich nun sehr stimmig anfühlt. Ich lege in dieser Saison einen besonderen Fokus auf die sportpsychologische Betreuung der U17, arbeite hier sozusagen als „Interner“ in der Rolle eines Teampsychologen. Für die Teams der U16 und U19 arbeite ich auftragsorientiert als „Externer“, der die Spieler und Trainer im Falle auftretender Anliegen unterstützt. Zudem stehe ich allen Trainern, Mannschaftsleitern, Scouts sowie Funktionären unserer Nachwuchsabteilung für Coachings und Beratungen zur Verfügung.

Zurück zur U17: Sehr früh erkannte ich, dass diese Mannschaft das Team ist, in das ich meine Fähigkeiten am zielführendsten einbringen kann. Die Trainer dieser Truppe kenne und schätze ich seit Jahren, sie sehen die Sportpsychologie als unverzichtbaren Bestandteil ihres Ausbildungskonzepts. Sie sind zudem in höchstem Maße interessiert daran, – im Sinne eines eigenen Wachstums – ehrlich gespiegelt zu werden. Ich darf meine Meinung, die Gehör findet, aktiv einbringen. Auch mit dem Kader habe ich in der Vorsaison fast ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Unsere U17 ist geprägt von Spielern, die in höchstem Maße lernwillig, wissbegierig und offen für Neues sind. Viele Beziehungen zwischen Spielern und mir sind durch die vergangene Saison geprägt von Vertrauen, gegenseitiger Wertschätzung und Sympathie. Eine gute Grundlage für eine gelingende sportpsychologische Zusammenarbeit. So trat ich also Anfang August meine sportpsychologische Reise mit unserer U17 an. Die Freude, die ich dabei seitdem empfinde, ist für mich kaum in Worte zu fassen. Die Tatsache, dass ich mich noch niemals zuvor von einem Team so wertgeschätzt und wohl gefühlt habe, vergrößert mein inneres Brennen zusätzlich. Es fühlt sich an, als sei es eine zweite Familie für mich. 

Schwerpunkte meiner Arbeit

Was sind die bisherigen Schwerpunkte meines sportpsychologischen Wirkens in der U17 seit Anfang August, also seit Anfang der Vorbereitung?

  • Gespräche mit den Trainern zur Konkretisierung meiner Aufgabenbereiche 
  • Vorstellung vor dem Kader mit Darstellung meiner Aufgabenbereiche 
  • Mitentwicklung eines „verbindlichen Rahmens“ zur Generierung einer Leistungssportkultur 
  • Austausch- bzw. Kennenlerngespräche mit den Spielern unseres Kaders (aktuell noch ca. 10 Gespräche ausstehend)
  • mindestens zwei Meetings pro Woche mit den Trainern, um die jeweilige Woche vorzubereiten, die vergangenen Spiele und Einheiten aus einer psychologischen Perspektive zu reflektieren und um lösungsorientiert über Spieler und auftretende Situationen im Austausch zu sein
  • Entwicklung eines Konzepts zur Förderung von Prozessen der Teamentwicklung 
  • Mitplanung eines Teambuildingevents mit Teamübungen sowie Durchführung eines „Run & Bike-Halbmarathons“ 
  • aktive Beobachtung von Einheiten und Spielen mit anschließenden Feedbackprozessen gegenüber Spielern und Trainern 
  • Durchführung eines Workshops zur Definition unserer Mannschaftsziele 

Nun geht es ins Trainingslager ins Saarland, ehe am 26. August unser erstes Ligaspiel gegen unseren großen Rivalen aus Magdeburg ansteht. Mit einem weiteren Text möchte ich euch Einblicke in unser Trainingslager und in meine dort stattfindende Arbeit als Sportpsychologe geben. Und nur so viel: Wir starten gleich mit einer Extremsituation ins Trainingslager. Einige Spieler sehen im Fluss eine Leiche vorbei treiben.

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Dr. Julia Boie: Zwei Seiten der Körpersprache

Negative Gefühle wie Unzufriedenheit, Enttäuschung und Mutlosigkeit zeigen sich häufig in gekrümmter Haltung, hängenden Schultern und hängendem Kopf, während der Blick die meiste Zeit nach unten gerichtet ist. Unser inneres Erleben drückt sich in unserer Körperhaltung aus – das ist vielen von uns bewusst. Andersherum besteht aber auch ein Zusammenhang: Unsere Körperhaltung beeinflusst unser psychisches Erleben. Und das können wir nutzen.

Zum Thema: Inneres Erleben zeigt sich im Körper

Ein elfjährige Junge spielt den Ball bei einem Badminton-Turnier zum wiederholten Male ins Netz. Seine Mutter sieht von der Tribüne aus, wie er Spannung verliert und in sich zusammensackt, während er gleichzeitig ärgerlich den Schläger auf den Boden wirft. Sie weiß nun schon, dass jetzt höchstwahrscheinlich die Fehlerrate steigen wird und er seine Leistung nicht zeigen kann – sie hat es schon so oft miterlebt.

Aber das muss nicht sein. Die Sportpsychologie bietet passende Werkzeuge, die sich in aller Regel sehr schnell erlernen, beherrschen und selbstständig anwenden lassen. Dazu später mehr, jetzt geht es erst einmal um die Grundlagen:

Von der Körpersprache zur Feinkoordination 

Emotionen wie Ärger und Frustration, aber auch Freude und Zuversicht – die ganze Bandbreite der Gefühle – zeigen sich im Körper. Nur allzu leicht passiert es, dass wir uns über eigene Fehler ärgern, mit uns selbst hadern und unsere Konzentration nicht aufrechterhalten können. Ein veränderter Körperausdruck mit veränderter Körperspannung geht damit einher. 

Schaffen wir es nicht, uns wieder in eine positive, konzentrierte Stimmung zu versetzen, ist meist eine Abwärtsspirale von wiederholten Fehlern und wachsender Unsicherheit in Gang gesetzt. Das gilt nicht nur für negative Gefühle. Auch ein übermäßig positiver Gefühlsausdruck kann in gleicher Weise ablenken und unsere sportliche Leistung beeinflussen. Ziel ist es, im Hier und Jetzt zu bleiben, die Konzentration auf der Aufgabe zu belassen und die gleiche Körperspannung wie im Training zu haben, damit unsere Feinkoordination nicht gestört wird.

Körper beeinflusst inneres Erleben

Auch andersherum besteht eine Wirkung, die allerdings bei Weitem nicht so geläufig ist: Unsere Körperhaltung hat Einfluss auf unser inneres Erleben; also auf unsere Emotionen, auf unsere Einstellungen, auf unsere Kreativität und – besonders wichtig – auf unser Durchhaltevermögen in einer frustrierenden Situation. Einfache Faustformel: Eine gerade, aufrechte Haltung wirkt positiv auf unsere Psyche.

Dieses Wissen können wir nutzen. Indem wir eine entsprechende Körperhaltung einnehmen, können wir aktiv dazu beitragen, störende Gefühle schneller loszulassen und uns in eine zielführende Stimmungslage zu versetzen. Eine individuell positive Haltung einzunehmen will aber geübt sein. Wir sollten also diese Technik auch in entspannten Situationen üben und in aufsteigend schwierigeren Situationen immer wieder trainieren.

Körperhaltung beeinflusst den/die Gegner/in

Die Fähigkeit, uns durch unsere Körperhaltung zu regulieren, ist umso wichtiger, wenn wir bedenken, dass unser Körperausdruck auch Einfluss auf den Gegner bzw. die Gegnerin hat. Denn unsere sportliche Konkurrenz nimmt unsere Körperhaltung wahr und schätzt uns dementsprechend ein. 

Sehen die Kontrahenten uns in dominanter, aufrechter Körperhaltung, so wirken wir selbstbewusst und kompetent auf sie. Sieht uns der Gegner dagegen in unterwürfiger, hängender Körperhaltung, so wirken wir unsicher und ängstlich auf sie. In letzterem Fall wird ihre Überzeugung gestärkt, dass sie gegen uns gewinnen können. Und diese positive Überzeugung hilft ihnen, ihre optimale Leistung abrufen zu können und über sich hinaus zu wachsen. So können wir also mit einer unterwürfigen, hängenden Körperhaltung unsere Gegner dabei unterstützen, gegen uns zu gewinnen. Das wollen wir natürlich nicht. Was können wir also konkret tun?

Tipps und Tricks

Was kann ich tun, um diese Wechselwirkung von Körper und Geist zu meinem Vorteil zu nutzen? 

Grundsätzlich ist es hilfreich, eine stolze, aufrechte Haltung einzunehmen, bei der man die Schultern locker zurücknimmt, die Brust nach vorne oben zieht und den Blick geradeaus richtet. Diese Haltung wird häufiger als „Gang des Matadors“ bezeichnet. Diese Haltung wirkt positiv auf unser inneres Erleben.

Damit der Körperausdruck, der ja nun mal sehr persönlich und individuell ist, wirklich zur Person passt, ist es besonders sinnvoll, sich in eine Situation hineinzuversetzen, in der man die Gefühle von Stolz, Sicherheit etc. selbst erlebt hat. Sich diesen Moment wirklich zu vergegenwärtigen und die körperlichen Reaktionen wiederzuerleben, hilft dabei, den Körperausdruck wieder einzunehmen und uns dadurch selbst positiv zu beeinflussen.

Alternativ hilft es auch, sich in jemand anderen hineinzuversetzen, der die gewünschte Ausstrahlung hat, also beispielsweise Sicherheit, Gelassenheit, Ruhe und Souveränität verkörpert. Dieses intensive Hineinspüren in eine andere Person kann es uns ermöglichen, auch die dazugehörigen körperlichen Empfindungen wahrzunehmen und in unseren körperlichen Ausdruck zu übernehmen.

Es gilt zu bedenken, dass es nicht das Ziel ist, Gefühle zu unterdrücken. So sollte eine im Wettkampf wiederkehrende Selbstunsicherheit gründlich besprochen werden, um dahinter zu kommen, wo sie herrührt und wie das sportbezogene Selbstbewusstsein langfristig gestärkt werden kann. Ziel ist es vielmehr, eine Körperhaltung einzunehmen, die es mir erleichtert, meine Stärken zu spüren und zu einem ausgeglichenen Zustand zurückzufinden, in dem ich meine Leistung abrufen kann.

Hinweis und Feedback

Die Arbeit am körperlichen Ausdruck ist sehr vielseitig und hoch individuell. Meine Kollegen von Die Sportpsychologen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Dr. Julia Boie) sind gerne für Sie da, falls Sie Beratung wünschen.

Mehr zum Thema:

Literatur:

Furley, P., Dicks, M., & Memmert, D. (2012). Nonverbal Behavior in Soccer: The Influence of Dominant and Submissive Body Language on the Impression Formation and Expectancy of Success of Soccer Players. Journal of Sport and Exercise Psychology, 34, 61-82.Storch, M.; Cantieni, B.; Hüther, G. & Tschacher, W. (2017). Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen. hogrefe.

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Thorsten Loch: Der unterschätzte Faktor – Schlaf und Leistung im Gaming

Schlaf ist ein entscheidender, aber oft unterschätzter Faktor im eSport. Während eSport immer populärer wird und sich zu einer ernsthaften Wettkampfdisziplin entwickelt, ist es unerlässlich, die Auswirkungen des Schlafs auf die Leistungsfähigkeit der Spieler zu verstehen. In dieser aufregenden Welt dreht sich alles um Präzision, Reaktionszeit und strategisches Denken. Doch allzu oft vernachlässigen Spieler und Teams den Schlaf, indem sie sich in endlosen Trainingssessions und intensiven Wettkämpfen verlieren. Der Schlaf ist jedoch ein Faktor, der oft übersehen oder als lästiges Übel angesehen wird, aber einen enormen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit im eSport haben kann. Indem ich mich diesem Thema widme, möchte ich dazu beitragen, dass eSporter ihr volles Potenzial entfalten können und die Bedeutung einer guten Schlafqualität für ihre Karriere erkennen.

Zum Thema: Was passiert, wenn der Schlaf leidet und wie beeinflusst dieser die Leistung im eSport?

Viele eSport-Profis und -Enthusiasten neigen dazu, ihre Schlafgewohnheiten zu vernachlässigen, da sie ihre Zeit lieber dem Training und dem Spielen widmen. Getreu nach dem Motto: „Viel hilft viel!“ Allerdings kann ausreichender Schlaf einen erheblichen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit im eSport haben. Schließlich spielt der Schlaf eine entscheidende Rolle bei der kognitiven Funktion, der Aufmerksamkeit, dem Reaktionsvermögen und der Hand-Auge-Koordination – alles Fähigkeiten, die im eSport von großer Bedeutung sind. Wenn man nicht genug Schlaf bekommt, kann dies zu Müdigkeit, verminderter Konzentration und langsameren Reaktionszeiten führen, was sich negativ auf die Spielqualität auswirken kann. Darüber hinaus ist Schlaf wichtig für die Regeneration des Körpers. Es fördert die Muskelreparatur und -wachstum, was für eSportler, die oft stundenlang in einer festen Position sitzen, besonders wichtig ist. Regelmäßiger und ausreichender Schlaf kann auch das Immunsystem stärken und das Risiko von Krankheiten und Verletzungen verringern, was wiederum die Trainings- und Spielzeit erhöht. 

Es ist daher ratsam, genügend Schlaf in den täglichen Zeitplan eines eSportlers einzuplanen. Eine empfohlene Schlafdauer liegt zwischen 7-9 Stunden pro Nacht, obwohl individuelle Bedürfnisse variieren können. In diesem Zusammenhang ist es bedeutsam, nicht nur genügend zu schlafen, sondern auch auf eine gute Schlafqualität zu achten. Um seine Schlafqualität zu verbessern, können verschiedene Maßnahmen ergriffen werden. Hier sind einige Vorschläge:

1. Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus: Ein stabiler Schlaf-Wach-Zyklus hilft dem Körper, sich an einen festen Schlafplan zu gewöhnen und die Schlafqualität zu verbessern.

2. Schaffung einer angenehmen Schlafumgebung: Ein ruhiges, dunkles und kühles Schlafzimmer mit einer bequemen Matratze und entsprechenden Kissen kann die Schlafqualität positiv beeinflussen.

3. Entspannungstechniken vor dem Schlafengehen: Das Durchführen von Entspannungsübungen wie Meditation, Atemübungen oder progressiver Muskelentspannung kann dabei helfen, den Geist zu beruhigen und besser einzuschlafen.

4. Vermeidung von stimulierenden Substanzen: Koffein, Nikotin und Alkohol können den Schlaf stören. Es ist ratsam, diese Substanzen einige Stunden vor dem Schlafengehen zu vermeiden.

5. Regelmäßige körperliche Aktivität: Sportliche Betätigung kann zu einer besseren Schlafqualität beitragen. Es ist jedoch wichtig, das Training nicht unmittelbar vor dem Schlafengehen durchzuführen, da dies den Körper aufwecken kann.

6. Stressmanagement: Stress kann zu Schlafproblemen führen. Es ist hilfreich, Stressbewältigungstechniken wie zum Beispiel das Führen eines Tagebuchs, das Priorisieren von Aufgaben und das Delegieren von Verantwortlichkeiten anzuwenden.

Fazit

Wir haben gesehen, dass eine unzulängliche Schlafdauer sich negativ auf die Leistung auswirkt. Letztendlich kann somit eine bewusste Entscheidung für ausreichenden Schlaf einen großen Unterschied machen. Es ist wichtig, Körper und Geist die Ruhe und Erholung zu geben, die sie benötigen, um ihr volles Potenzial zu entfalten. Von der Bedeutung der Schlafhygiene bis hin zur Begrenzung der Bildschirmzeit vor dem Schlafengehen, dies sind alles Belange, die eSportler bedenken sollten. Also denken Sie daran, den Schlaf nicht zu vernachlässigen und Ihrem eSport-Abenteuer eine erholsame Nachtruhe zu gönnen.

Meine Kollegen und Kolleginnen im Netzwerk (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Thorsten Loch) helfen gern, den Weg zum optimalen Schlaf zu finden.

Mehr zum Thema:

Literatur

Peracchia S, Curcio G. Exposure to video games: effects on sleep and on post-sleep cognitive abilities. A sistematic review of experimental evidences. Sleep Sci. 2018 Jul-Aug;11(4).
Tholl, C., Soffner, M., Bickmann, P. et al. Videospiele und Schlaf. DNP24, 33–39 (2023).

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