Dr. Hanspeter Gubelmann: Productive Failure – wie eine bittere Niederlage zum Sieg führen kann!

Nach fast 30 Jahren Tätigkeit in der angewandten Sportpsychologie gibt es für mich drei „learnings“, die ich gerne mit allen Sportinteressierten teile: Siege im Spitzensport entstehen auch aus „productive failure“ (1), dem lehrreichen Umgang mit Niederlagen. In der Aufarbeitung dieser Rückschläge orientiere ich mich an einer konstruktivistischen Vorgehensweise (2): Der Athlet trägt die Lösung in sich, die er mittels Nutzung seiner Ressourcen (Erfahrungen, Erfolge, mentale Stärke, etc.) in Kooperation mit dem Sportpsychologen eigenverantwortlich erreichen soll. Dies ist u.a. der Grund, weshalb ich rund einen Drittel meiner Beratungszeit (ca. 20 Minuten einer durchnittlich einstündigen Beratungssitzung) dazu verwende, gemachte Erfahrungen, Trainings- und Wettkampferlebnisse usw. gemeinsam mit dem Athleten eingehend zu reflektieren (3).

Zum Thema: Ruedi Wild lehrt uns den Umgang mit Niederlagen

Mehr zu Dr. Hanspeter Gubelmann: https://www.die-sportpsychologen.de/hanspeter-gubelmann/

Zwischen 2007 und 2013 hatte ich das Vergnügen, den damals auf der olympischen Distanz erfolgreichen Triathleten Ruedi Wild in meiner Funktion als Sportpsychologe zu begleiten. Zusätzlich gefordert mit einem Studium an der Universität, war der ambitionierte Athlet schon damals sehr selbständig und fokussiert in seiner Trainingsarbeit. Seine eigenverantwortliche Herangehensweise verbunden mit einer konstruktiv-kritischen Selbstreflexion machten ihn zum “selbstverantwortlichen Modellathleten” aus Sicht der angewandten Sportpsychologie.

In der Folgezeit wechselte Ruedi Wild auf die Langdistanz(en), wo er sich mittlerweile in der Weltelite etabliert hat. Zwar sind unsere Kontakte seltener geworden, geblieben aber ist mein grosses Interesse an seinen äusserst lesenswerten Trainings- und Wettkampfberichten. Diese Einsichten und Einblicke in das «Innenleben eines Spitzensportlers» vermittelt der Triathlet via soziale Medien auch einer grösseren Fangemeinde. Ein besonders interessanter Beitrag erschien unlängst im Anschluss an den Challenge-Triathlon vom 18. Mail 2019 in Lissabon. Anhand dieser Rückschau (Debriefing) werde ich fünf sportpsychologische Konsequenzen ableiten, die ich als „best practice“-Beispiele bezeichnen möchte.

Die Vorgeschichte

Prolog. Zum besseren Verständnis eine kurze Zusammenfassung, was vor Lissabon geschah: Ruedi Wild hatte sich minutiös auf seinen ersten Saisonhöhepunkt, die Langdistanz-WM in Pontevedra anfangs Mai 2019, vorbereitet. Die Ausgangslage schien vielversprechend, ehe ein Trainingsunfall mitte April im Trainingslager in Kalifornien das Bild einer bislang perfekten WM-Vorbereitung trübte. In seinem Kommentar meinte Ruedi Wild, dass er zuversichtlich sei, erholt von den Blessuren und vom vielen Training, Anfang Mai in Top Verfassung zur WM antreten zu können. An der WM musste er schliesslich den Nachwirkungen seines Trainingsunfalls Tribut zollen. In seiner Analyse schreibt er:

A DNF always sucks, especially at your key races, even when you know it is the only right decision. I made my way back into the lead positions on the bike only to realize the hip issues from my crash still have not completely healed out under race effort. It was a hard decision to eventually drop out in the run with the health issues getting worse. But not to risk the season was certainly the only right decision.

Ruedi Wild

Aus Erfahrung weiss ich, wie schwer es Athletinnen und Athleten mitunter fällt, nach einem derartigen Misserfolg an einem bedeutenden Zielwettkampf kurze Zeit später mental bereit in einen nachfolgenden Event zu steigen. Einerseits gilt es, die psychischen Nachwehen des erlittenen Rückschlages weiter zu verdauen, andererseits die daraus geschlossenen Erkenntnisse in Verbindung mit aktualisierten mentalen Vorbereitungs- und Wettkampfstrategien selbstwirksam und erfolgsorientiert einzusetzen. Wie dies konkret aussehen kann, lässt sich exemplarisch an den nachfolgend beschriebenen mentalen Kernelementen aufzeigen. In seinen Schilderungen wird deutlich, wie es Ruedi Wild letztlich gelang, am international sehr gut besetzten Challenge Triathlon von Lissabon den Sieg zu erringen – notabene rund zwei Wochen nach dem WM-out von Pontevedra!

5 Lessons…

1) Haltung in der Niederlage

Enttäuschung, Frust und Ärger – das sind die unmittelbaren Folgen eines „DNF“-Erlebnisses. Der Ausdruck dieser Emotionen, auch ihre Form, sind wichtig für die Verarbeitung dieses Erlebnisses. Ebensosehr betone ich in meiner Arbeit aber auch die Entwicklung einer „inneren Haltung“, quasi den persönlichen Zugang zur «Niederlage». Ruedi Wild rekapituliert seine Sichtweise im Nachspann zur verpatzten WM sehr anschaulich:

Letztlich gehören solche Enttäuschungen ebenso zum Spitzensport und ich schaue bereits wieder nach vorne. (…) Entscheidend ist, dass man an Herausforderungen wächst und sich nicht davon unterkriegen lässt. Eine Lektion, die man nirgends so schnell lernt wie im Spitzensport, dafür aber für sein ganzes Leben anwenden darf.

Ruedi Wild

2) Ruhe und Gelassenheit

Den Erfolgsfaden nach einer missglückten WM-Teilnahme wieder zu finden, stellt auch einen Weltklasse-Athleten vor eine besondere mentale Herausforderung. Eine Kunst ist es, sich Zuversicht und Selbstvertrauen in der Vorbereitung auf einen nächsten Wettkampf nicht selbst zu rauben – indem etwa negative Selbstgespräche oder Selbstzweifel beginnen, das Fundament der mentalen Stärke des Athleten ins Wanken zu bringen. Vermehrt die eigene Gelassenheit zu unterstützen – auch seitens der Betreuer – erscheint hier insbesondere angezeigt. Ruedi Wild beschreibt die turbulente Vorbereitung auf den Wettkampf in Lissabon folgendermassen:

Die letzten zwei Wochen vor dem Race liefen drunter und drüber! Neben den Hüftproblemen lag ich auch noch krankheitshalber mehrere Tage im Bett und brachte anschliessend beim Training nicht mehr viel zu Stande. Im Sport kann sich das Blatt jedoch schnell wieder wenden, sowohl in die eine als auch andere Richtung…

Ruedi Wild

3) Zurückhaltung in der Zielorientierung – be smart!

Im Hinblick auf den nächsten Wettkampf lohnt es, die eigene Erwartungshaltung zu überprüfen, um die Rennstrategie gegebenenfalls anzupassen. Gerade in Ausdauersportarten spricht dies für eine gewisse Zurückhaltung in der Startphase, um Geist und Körper die Möglichkeit zu geben, in den „gewohnten Tritt“ zu kommen. Ruedi Wild beschreibt seine Vorgehensweise für Lissabon gleichermassen unaufgeregt wie klar:

Für einmal ging ich ohne konkrete Erwartungen an den Start. Nachdem ich in den Trainings dank intensiver Betreuung meines hervorragenden Umfeldes meine Hüfte letztlich nicht mehr gespürt hatte, hoffte ich, dass dies auch unter Wettkampfbelastung so bleiben würde. Mit einer passiven Renntaktik wollte ich sicherstellen, dass ich substanzmässig zum Ende der Halbdistanz über 1.9km Swim, 90km Bike und 21km Laufen gut durchhalten würde.

Ruedi Wild

4) Pushen: „Steigerungslauf“ im Wettkampf

Stimmt Tagesform und Rennverlauf, meldet sich der „Renninstinkt“ des erfahrenen und mental starken Athleten. Welche Gedanken Ruedi Wild auf der abschliessenden Laufstrecke begleiteten, schildert er in seiner Zusammenfassung sehr eindrücklich.

Als die ersten Kilometer gut und problemlos liefen, fasste ich weiteres Vertrauen. Die beiden Führenden kamen immer näher, während ich gleichzeitig mein Tempo weiter steigern konnte. Zwar wollte ich mich bewusst nicht zu früh mit Klassierungen etc. auseinandersetzen, sondern mich ganz auf mich und das hier und jetzt konzentrieren. Aber mit zunehmender Erfahrung merkt man natürlich, wenn etwas in der Luft liegt und entsprechendes Handeln angesagt ist.

Ruedi Wild

5) Debriefing: Einordnen der Leistung und des Erfolgs!

Für Ruedi Wild kam der Erfolg in Lissabon unerwartet – wohl aber nicht völlig überraschend. Der Athlet weiss um seine (mentale) Stärken, die er sich über viele Jahre hinweg erarbeitet hat. Sein Sieg bestärkt ihn in der Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein.

Siege sind immer am schönsten, wenn man nicht unbedingt damit rechnet… Und damit schätzt man die Erfolge auch wieder doppelt!. (…) Als WM Revanche würde ich das Rennen nicht bezeichnen, denn diese Chance ist für dieses Jahr vergeben, aber eine gewisse Genugtuung kann ich nicht abstreiten. Und wieder einmal zeigt sich, wie wichtig die mentale Komponente ist und dass man auch in schwierigen Situationen positiv bleibt. In dieser Form gibt es wohl nach wie vor keine bessere Lebensschule als der Sport.

Ruedi Wild

sd

Ruedi Wild im Wasser vor Kona (Quelle: Ruedi Wild)

Gerade in herausfordernden sportlichen Zeiten, wie den oben beschriebenen, ist es für mich zentral, auch mal bewusst von der Thematik abschalten zu können und mich ganz bewusst mit anderen, positiven Gedanken und Dingen zu beschäftigen: Familie, Freunde etc.

Genauso wie wenn mich etwas freut, im sportlichen etwa ein tolles Wettkampfresultat, und ich daraus Motivation ziehen kann, kann es auch umgekehrt funktionieren: Ich bleibe in herausfordernden Situationen in der negativen Spirale stecken und verleihe durch das ständige „Wälzen“ dieser Gedanken ihnen weiteres Gewicht. 

Gedanken sind Energie, also überlege gut, wo du diese einsetzt und versuche, entsprechend zu handeln. Ein Schritt weg vom eigentlichen Ziel bedeutet häufig ein Schritt vorwärts!  

Ruedi Wild

Homepage von Ruedi Wild: https://www.ruediwild.ch

Instagram-Account von Ruedi Wild: https://www.instagram.com/ruediwild/

Facebook-Seite von Ruedi Wild: https://www.facebook.com/ruediwild82/

Profilseite von Dr. Hanspeter Gubelmann: https://www.die-sportpsychologen.de/hanspeter-gubelmann/

Mehr zum Thema:

Quellen:

Trainingslager Kalifornienhttps://www.facebook.com/ruediwild82/posts/2267365226811925

Wettkampfbericht Ruedi Wild Langdistanz WM Pontevedrahttps://www.facebook.com/ruediwild82/posts/2282511778630603?tn=K-R

Triathlon Challenge Lissabon, 18. Mayhttps://www.facebook.com/ruediwild82/posts/2293818590833255

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