Christian Hoverath: Der Bannister-Effekt und die Kartoffel – mein Weg zum Kaisermarathon

Roger Bannister war ein britischer Mittelstreckenläufer. Seine Geschichte wird gern unter Läufern erzählt. Hier die Kurzfassung: Bis 1954 galt es als unmöglich, eine Meile in einer Zeit unter vier Minuten zu laufen. Roger Bannister aber glaubte daran, es schaffen zu können. Neben dem Lauftraining verbrachte er viel Zeit mit der mentalen Vorbereitung. Er lief die Strecke im Geist immer und immer wieder unter vier Minuten, bis er diesen Rekord am 6. Mai 1954 tatsächlich brach. Viel spannender ist dabei, dass dieser neue Weltrekord gerade einmal bis zum 21. Juni des gleichen Jahres hielt und dann bis 1955 mehrfach unterboten wurde. Der zugrunde liegende Roger Bannister-Effekt fußt auf dem Glauben und der Überzeugung der Läufer, dass wir Unmögliches möglich machen können. So etwas ähnliches habe ich in einer Art Selbstversuch vor.

Zum Thema: Zielsetzung für Wettbewerbe, die (eigentlich) nicht mehr seriös vorbereitet werden können

Ich starte Anfang Oktober beim Kaisermarathon in Österreich. Auf den 42,198 Kilometern Streckenlänge von Söll bis zur Hohen Salve erwarten mich 2345 Höhenmeter. Problem Nummer eins: Ich wohne in Wesel, Nordrhein-Westfalen, unweit zu den Niederlanden. Berge gibt es dort keine. Seit der Anmeldung, die ich sechs Wochen vor dem Kaisermarathon abgab (mit anderen Worten: Problem zwei), wird mir nun häufiger die Frage gestellt, ob ich mir im Klaren sei, auf was ich mich da als Flachlandtiroler einlassen würde? Einerseits habe ich eine Vorstellung, andererseits weiß ich natürlich, dass ich wegen des kleinen verbliebenen Zeitfensters und meiner geographischen Gegebenheiten nur sehr bedingt spezifisch für diesen Lauf trainieren kann. Aber wir haben ja Halden! Und vielleicht macht auch genau diese Kurzfristigkeit und die Lust auf den Wettbewerb in besonderer Umgebung den Reiz aus. Zudem habe ich Lust, mal wieder die sportpsychologischen Ansätze auszuprobieren, die ich sonst von der anderen Seite thematisiere. 

Mein Plan: Ich experimentiere mit neuen Tools und lasse alte Techniken in einer Art Selbstversuch aufleben. Hier an dieser Stelle werde ich von meinen Erfahrungen berichten, die ich auf dem Weg zum Kaisermarathon mache, die mich während des Rennens beschäftigen und die mich nach dem hoffentlich erfolgreichen Zieleinlauf bewegen werden. Im Wissen, dass ihr euch auch sehr gern Dinge vornehmt, die andere als unmöglich erachten. 

Thema Zielsetzung

Eines ist klar: Aufgrund der Kürze der Vorbereitungszeit und der Unplanbarkeit aufgrund der Bedingungen  machen weder Ergebnis- noch Leistungsziele Sinn. So geht es nun ganz konkret darum, Prozessziele zu gestalten und Ziele zu finden, die mich motiviert über die nächsten Wochen bringen sollen. Anders als bei vielen anderen Wettkämpfen in meinem Leben kann ich diesmal wirklich behaupten: Der Weg ist das Ziel. Dafür werde ich in mein Regal greifen. Denn ich habe einige Sets an Bildkarten, die ich gerne nutze, um Mottoziele oder Motive mit meinen Klient*innen zu erarbeiten.  

Anders als sonst werde ich diese Karten für mich selbst auslegen und versuchen, dass ich Bilder finde, die mich motivieren und durch den Prozess bringen. Vielleicht werde ich mit unterschiedlichen Bildern für unterschiedliche Abschnitte der Strecke arbeiten, denn die Strecke bietet mit dem Verlauf über Badhaus, Bergschenke, Rübezahlalm, die Tanzbodenalm, den Jochstubensee, Hexenwasser Park und dem Ziel auf der Hohen Salve irgendwie schon viel Potential für Bilder. Und Bilder von der Strecke gibt es auch viele, die mich motivieren und schon begeistern.  Wobei, eigentlich weiß ich schon, dass mich ein Bild schon jetzt antreibt. Die Kartoffel bei der Verpflegung an Kilometer 40…

Meine konkreten Trainingsziele

Auch den Trainingsprozess werde ich an Zielen ausrichten. Anstelle nur auf die Trainingsdauer und aufs Tempo zu setzen, werde ich die Trainings- und Zwischenziele anders aufteilen. Es wird auch mal dazugehören, mit dem Rucksack mit der notwendigen Pflichtausrüstung zu laufen. Oder mal neue Strecken auszuprobieren, denn jetzt ist es mal egal, ob es zehn Minuten länger oder kürzer dauert. Ein viel wichtigeres Ziel wird es für mich werden, in all diese Läufe Visualisierungen einfließen zu lassen. In meinen bildhaften Vorstellungen will ich immer wieder versuchen, bewusst die Anstrengung, Empfindungen, Geräusche, Gerüche,… ja, all das, was ich erleben kann, schon im Vorfeld zu erleben, um mir eine lebhafte Erinnerung an die Zukunft aufzubauen, die ich im Oktober abrufen kann. Deswegen bin ich auch dankbar, dass es gps-Tracks der Strecke gibt, dass es im Netz so viele Bilder gibt, so dass ich viele meiner Bilder schon jetzt  mit denen der Strecke vor Ort kombinieren kann.

Ob mir das gelingt? Werden wir sehen! Ich werde berichten. Wenn ihr mit meinen Kollegen und Kolleginnen aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen (zur Übersicht) oder mit mir (zum Profil von Christian Hoverath) eure Erfahrungen teilen oder euch ganz anders auf den Wettkampfhöhepunkt der kommenden Saison vorbereiten wollt, nehmt gern Kontakt auf.

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Christian Hoverath
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