Im Februar stehen im Wintersport die Olympischen Spiele bevor. Nicht nur der absolute Saisonhöhepunkt, sondern für Sportler und Sportlerinnen werden die Wettkämpfe von Mailand, Cortina d’Ampezzo, Antholz oder Val di Fiemme sogar das Karriere-Highlight. Was aber tun, wenn es aktuell nicht läuft, wenn der Wurm im System steckt oder große Sorgen und Unsicherheit im Weg stehen?
Zum Thema: Kurzfristige sportpsychologische Interventionen im Spitzensport
Rund um die Olympischen Spiele wird es zahlreiche sportpsychologische Last Minute-Einsätze geben. Was steckt hinter dem Phänomen?
Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):
Wenn im Februar die Olympischen Spiele anstehen, verdichtet sich im Wintersport alles auf wenige Wettkampftage. Für viele Athletinnen und Athleten ist es der Höhepunkt jahrelanger Vorbereitung. Kurzfristige sportpsychologische Einsätze entstehen in dieser Phase selten aus grundsätzlichen Problemen, sondern meist aus situativen Veränderungen.
In der Praxis zeigen sich häufig Konstellationen, in denen die sportliche Vorbereitung abgeschlossen ist und die Leistungsfähigkeit grundsätzlich vorhanden bleibt, der Zugang zur eigenen Stabilität jedoch eingeschränkt ist. Einzelne Wettkämpfe verlaufen nicht wie erwartet, bewährte Abläufe werden hinterfragt, der Fokus verschiebt sich weg von der eigentlichen Aufgabe. In anderen Fällen verändern sich Rollen im Team, Erwartungshaltungen oder das unmittelbare Umfeld. Auch mentale Ermüdung nach einer langen Saison kann dazu beitragen, dass sich der Wettkampf zunehmend anstrengend anfühlt.

Antwort von: Stephan Brauner (zum Profil):
Last Minute Einsätze sind Realität im Spitzensport. Und sie sind auch eine Chance für uns Sportpsychologen. Sie schaffen – wenn sie erfolgreich sind – die Gelegenheit zur wesentlich sinnvolleren langfristigen Zusammenarbeit.
Oft ist es der Klassiker: Der Körper ist in Wettkampf-Form, aber der Kopf zieht plötzlich die Handbremse. Es melden sich Athleten, die vor lauter ‚Ich muss jetzt liefern‘ den Zugang zu ihren Automatismen verloren haben. Das ist wie bei einem Tausendfüßler, der plötzlich darüber nachdenkt, in welcher Reihenfolge er seine Beine bewegen muss – und dann auch mal stolpert. Kurz vor entscheidenden Wettkämpfen geht es fast nie um fehlendes Können, sondern um ‚Over-Coaching‘ durch sich selbst: Man will es zu perfekt machen und verkrampft genau deshalb.
Groucho Marx hat das Dilemma auf den Punkt gebracht: ‚Der Einzige, auf den ich mich verlassen kann, bin ich selbst. Aber wo bin ich, wenn ich mich mal brauche?‘ Genau da helfen wir kurzfristig beim Suchen. Und am liebsten bauen wir dann darauf eine langfristige und nachhaltige Arbeit auf.
Was müssen Sportler, Sportlerinnen und TrainerInnen wissen, die wenige Wochen oder Tage vor einem wichtigen Wettkampf Hilfe in der Sportpsychologie suchen?
Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):
Kurzfristige sportpsychologische Arbeit verfolgt ein klar umrissenes Ziel. Es geht nicht um tiefgreifende Veränderungen, sondern um Stabilisierung und Orientierung. Im Mittelpunkt steht die Wiederherstellung von Handlungsfähigkeit, mentaler Klarheit und einer verlässlichen Wettkampfroutine.
Wichtig ist ein realistisches Erwartungsverständnis. In kurzer Zeit lassen sich keine grundlegenden Muster verändern. Sehr wohl lassen sich jedoch Aufmerksamkeit, Selbststeuerung und der Umgang mit innerer Anspannung so justieren, dass Leistung wieder abrufbar wird. Für Trainerinnen und Trainer bedeutet dies, sportpsychologische Unterstützung als Teil professioneller Wettkampfvorbereitung zu verstehen, insbesondere in Phasen hoher Belastung und Verdichtung.
Antwort von: Stephan Brauner (zum Profil):
Antwort: In der Kürze der Zeit kann es nur noch darum gehen, dem Athleten dabei zu helfen, das abzurufen, was schon vorhanden ist. Für den Aufbau von neuen Kompetenzen ist keine Zeit mehr. Impulse zur Spannungs- und Emotionsregulation können natürlich auch auf kurze Perspektive hilfreich sein. Wir polieren das Besteck, denn um Neues zu schmieden, ist es zu spät. Keine Experimente – für völlig neue Ideen und Ansätze ist es zu spät.
Trainer und Athleten neigen manchmal in Panik dazu, noch schnell drei neue Entspannungstechniken oder Visualisierungen lernen zu wollen. Gerade, wenn sie Ziele in Gefahr sehen, wollen sie alles neu und alles anders machen. Mein Rat ist das Gegenteil: Subtraktion. Wir streichen alles weg, was verwirrt. Last-Minute-Psychologie ist Aufräumarbeit. Ich habe auch schon mal gesagt: ‚Du musst nicht mental stärker werden, du musst nur aufhören, dir selbst im Weg zu stehen.‘ Das ist oft erleichternd simpel, aber dadurch auch effektiv.
Müssen Kontakte zur Sportpsychologie in solchen speziellen Phasen immer über die Verbandssportpsychologen laufen? Wann ist Letzteres sinnvoll und was können Athleten und Athletinnen von den Welfare Officers bei Olympischen Spielen erwarten?

Antwort von Prof. Dr. René Paasch (zum Profil):
Verbandsinterne sportpsychologische Strukturen bieten in vielen Fällen klare Vorteile. Sie ermöglichen eine enge Abstimmung mit Trainerteam, medizinischem Umfeld und weiteren Betreuungspersonen und schaffen Kontinuität über längere Zeiträume. Wenn diese Strukturen gut etabliert sind, stellen sie häufig den sinnvollsten Zugang dar.
Gleichzeitig gibt es Konstellationen, in denen Athletinnen und Athleten bewusst externe Unterstützung suchen, etwa aus dem Wunsch nach Unabhängigkeit oder persönlicher Abgrenzung. Welfare Officers übernehmen bei Olympischen Spielen ergänzend eine wichtige Rolle. Sie sind niedrigschwellig ansprechbar, bieten Orientierung und vermitteln Unterstützung in einem hoch verdichteten und emotional anspruchsvollen Umfeld.
Antwort von: Stephan Brauner (zum Profil):
Verbandspsychologen machen einen sehr guten Job. Und sie sind Teil des Systems. Manchmal braucht ein Athlet aber genau das Gegenteil: Einen ‚Safe Space‘ ohne Wappen auf der Brust. Jemanden, dem man sagen kann, dass einem der Bundestrainer gerade tierisch auf die Nerven geht, ohne Angst zu haben, dass das bei der nächsten Sitzung auf dem Tisch landet. Die Verbandspsychologen sind natürlich auch der Verschwiegenheit verpflichtet. Aber der leiseste subjektive Zweifel kann hier stärker wirken, als es die zugesagte Vertraulichkeit kann.
Und – wenn ein Athlet schon eine längere und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit einem externen Sportpsychologen hat, dann muss er abwägen. Nutzt er die Unterstützung des Kollegen vor Ort? Live und unmittelbar? Oder nutzt er die bekannte und vertraute Zusammenarbeit, die ihm aber nicht vor Ort zur Verfügung steht.
Zu den Welfare Officers: Sie sind die Feuerwehr für das menschliche Wohlergehen im Olympischen Dorf – absolut essentiell, wenn der Druck überkocht, aber sie ersetzen kein Performance-Coaching.

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