Dr. Hanspeter Gubelmann: Ich frage meine Sportler aktuell nach ihrem Plan B

Die französischsprachige Schweizer Tageszeitung “Le Matin Dimanche” hat Dr. Hanspeter Gubelmann von Die Sportpsychologen um eine Einschätzung gebeten, wie sehr Spitzensportler die aktuelle Situation infolge der Corona-Pandemie einschränkt und beeinflusst. Wir dürfen an dieser Stelle die deutsche Version des Interviews veröffentlichen, in dem deutlich wird, wie facettenreich und individuell Sportler auf diese für alle so besondere Lage reagieren können. Auch mit Hilfe der Sportpsychologie. 

Interview von Le Matin Dimanche (zur Online-Ausgabe der Tageszeitung Le Marin) mit Dr. Hanspeter Gubelmann 

Le Matin Dimanche: Ist ein Elitesportler geistig besser in der Lage, eine Zeit der Gefangenschaft zu bewältigen als der Durchschnittsmensch? Wenn ja, warum? Wenn nicht, warum nicht?

Es ist aus meiner Sicht schwierig, einen Vergleich zwischen DEM Elitesportler und DEM Durchschnittsmenschen zu ziehen. Zudem: Lässt sich eine Leichtathletik-Europameisterin bei den Juniorinnen mit einem arrivierten Eishockeyspieler in der NHL vergleichen? Was ich damit sagen will: die Corona-Pandemie stellt jeden einzelnen Spitzensportler und -sportlerin in seiner sehr individuellen Lebenssituation vor eine völlig neue und sehr herausfordernde Situation – gleich wie jeden „Durchschnittsmenschen“ auch! Mitentscheidend ist für alle das „mindset“ des Individuums. Wenn ich das Selbstvertrauen habe und von mir überzeugt bin, einen Weg aus dieser Situation zu finden, wenn ich mir neue Ziele setzen kann, die mich inspirieren können und wenn ich Unterstützung aus meinem Umfeld spüre – dann erarbeite ich mir eine gute Ausgangslage. Ich glaube, dass diese positive, selbstbewusste Herangehensweise sehr wichtig ist – im und ausserhalb des Sports! 

Die Original-Veröffentlichung in der Sonntagsausgabe: Le Matin dimanche, 29.03.2020

Kann die “Panik”, die durch die Pandemie hervorgerufen werden kann, dem Druck eines Wettkampfs ähneln?

Nein, eher nicht. Wettkampfdruck entsteht in einer Situation, die der Sportler sehr gut kennt. Mit zunehmender Erfahrung lernt er damit umzugehen. Die mentale Erschütterung durch eine Pandemie ist vielmehr gekennzeichnet durch Orientierungslosigkeit und der Ungewissheit, wie die Zukunft aussehen wird. Diese aktuelle Fassungslosigkeit ist vergleichbarer mit der anderen Situationen im Sport, wenn zum Beispiel das hoffnungsvolle Abfahrtstalent stürzt und realisieren muss, dass ihn der erlittene Kreuzbandriss ein Jahr seiner Karriere rauben wird. Anstelle der körperlichen Versehrtheit tritt nun die Pandemie auf, und fordert von allen Athletinnen und Athleten eine Neuorientierung mit der Ungewissheit, wie der Weg in den kommenden Monaten aussehen wird. 

Gibt es möglicherweise einen Unterschied zwischen Einzel- und Mannschaftssportlern?

Was uns momentan alle betrifft, ist das Zurückgeworfensein auf uns selbst. Uns droht die Vereinsamung. Möglich, dass das soziale Netzwerk einer Mannschaft hilft, Kontakt und Austausch einfacher zu gestalten. Ich kann mir aber ebenso gut vorstellen, dass einer sozial vernetzten Einzelsportlerin diese Kontaktpflege sehr gut gelingt! Sie hat in ihrer Karriere im Sport eben genau diese Fähigkeit entwickelt, ihr Netzwerk in der Zeit schon vor Corona zu pflegen!

In der aktuellen Zeit droht ein Vakuum. Was empfehlen Sie den Sportlerinnen, die sie betreuen?

Ja, dieses Vakuum hat sich mit der Ungewissheit bezüglich der Olympischen Spielen 2020 in Tokio immer stärker gebildet. Deshalb war es wichtig, dass kürzlich die Meldung mit der Verschiebung kommuniziert wurde. Jetzt ist dieser immense Druck endlich weg. Swiss Olympic Missionchef Ralph Stöckli hat dazu die bestmögliche Direktive postuliert: „Durchschnaufen, runterfahren, neu planen.“

Aber glücklich kann das den Sportler nicht machen?

Nein, natürlich nicht! Aber die Grundhaltung eröffnet Chancen und Möglichkeiten, um später wieder voll motiviert und erfolgreich in den Wettkampfsport einzusteigen. Zudem ist auch für Spitzensportler die Zeit, um an sich und die eigene Gesundheit zu denken und sich solidarisch mit der Umwelt zu zeigen. Ja, es gibt Wichtigeres, als jetzt an Olympia zu denken! Es geht momentan nicht um persönliches Glücksempfinden, sondern um eigene Ressourcen, die eigene Haltung und Selbstwirksamkeit. „Ich kann gut mit mir allein“, „ich sehe das Glas halbvoll und nicht halbleer“ und „Ich traue mir zu, diese Herausforderung zu packen“. Viele – nicht nur Spitzensportler – haben jetzt Zeit sich damit zu beschäftigen.

Sie empfehlen die Zeit zu nutzen, um die mentale Seite zu stärken. Welche Trainingsmethoden sind dazu besonders geeignet?

Aktuell würde ich nicht von mentalem Training sprechen. Es geht nicht um mentale Stärke, welche die Athletin irgendwann in einem zukünftigen Wettkampf wieder einsetzen soll. Mir liegt die mentale Gesundheit am Herzen, indem ich mir Zeit und Raum gebe für mich und meine psychischen Ressourcen. Natürlich können jetzt auch Entspannungstechniken helfen, Halt und innere Ruhe zu finden. Für Athleten, die ich betreue, werde ich aber andere Fragen stellen, wie zum Beispiel: Was bedeutet dir dein Sport? Hast du einen Plan „B“? Gibt es etwas – auch ausserhalb des Sports – das dich fasziniert. Bei jungen Sportlerinnen könnte es eine passende Gelegenheit sein, über eine duale Karriere im Spitzensport nachzudenken.

Dr. Hanspeter Gubelmann

Sportarten: Ski nordisch, Ski alpin, Leichtathletik, Bob, Skeleton, Judo, Eiskunstlauf, Tennis, Short Track, Kanu, Eishockey, Mountainbike, Schwimmen, Triathlon, Rhythmische Sportgymnastik u.a.

Kontakt:

+41 (0)79 789 45 13

h.gubelmann@die-sportpsychologen.ch

Mehr Infos: Zur Profilseite

Besteht die Gefahr, dass man wegen fehlender Fristen völlig “loslässt und abstellt“?

Eine berechtigte Frage. Der Schweizer Radprofi Stefan Küng meint dazu: „Es wäre übertrieben zu sagen, ich fiele jetzt in ein Loch. Aber es gibt ein Vakuum, wo die Ziele waren, wo die ganze Motivation war.“ Da schwingt selbstverständlich auch Enttäuschung mit und es braucht eben Zeit, diese negativen Gefühle zu verarbeiten. In der jetzigen Situation würde ich es als eine Art „Selbstfindung“ bezeichnen, die es als Aufgabe – nicht nur Menschen im Spitzensport – zu lösen gilt. Für mich ist klar. Corona wird unser Verständnis verändern. Ich hoffe auch sehr zum Guten für uns Menschen!

Sprechen Sie mit den Sportlern auch über zukünftige sportliche Ziele?

Eben, zuerst sollen sich die Spitzensportler Zeit nehmen, auch um etwas Distanz vom bis zuletzt harten Trainingsalltag zu finden. Ich halte es für uns alle aktuell als sehr bedeutsam, dass wir uns primär mit diesem Eingeschränktsein befassen, uns daran gewöhnen. Selbstverständlich helfen dazu auch ganz einfache, kleine Ziele. Ich versuche mich vielleicht neu als Koch oder gestalte mein Wohnzimmer um. Später, auch wenn ich wieder Lust verspüre und die Möglichkeit habe, ein sinnvolles Training zu absolvieren, kann ich dort investieren. Dann wird auch die Lust und die Leidenschaft zurückkehren können – wohl aber erst dann, wenn die Pandemie bezwungen ist!

Mehr zum Thema:

Print Friendly, PDF & Email

Aufrufe: 3689