Danijela Bradfisch: Priorisierung und Trennung von Trainingsinhalten im (Nachwuchs-)Leistungssport sind nicht zeitgemäß

Viele Trainer und Trainerinnen sind heutzutage als „Allrounder“ ausgebildet. Oft endet das Basiswissen aber auf Höhe des „Athletenhalses“. Kurzum: Der Kopf kommt zu kurz. Leider sieht es auf der anderen Seite nicht viel besser aus: Viele Athleten und Athletinnen trainieren individuell, zwar sehr abwechslungsreich, innovativ und ambitioniert. Es werden Apps genutzt, für diverse Konzentrations- oder Achtsamkeitsübungen und so weiter. Aber sobald es von Trainer- oder Athletenseite um Priorisierung und die Auswahl der Ressourcen geht, ist die Sportpsychologie schnell außen vor. Das ist extrem schade, zumal sportpsychologische Trainingsinhalte super kombinierbar mit anderen Maßnahmen sind.

Zum Thema: Die Kompatibilität von Sportpsychologie

Schauen wir nur auf die Saisonvorbereitung: Jedes Wettkampfjahr startet mit dem Review der vergangenen Saison und der Planung für die kommende Serie. Teamsportler erhalten meist einen Trainingsplan, in deren Erstellung sie oft nicht miteinbezogen worden sind. Es werden Ziele definiert, die man zu erreichen hat bzw. sich erhofft und es werden Maßnahmen benannt, die bekannt sind und sich bewährt haben. In Vereinen, wo gute und langfristige Nachwuchsarbeit gemacht wird, erhält der Athlet Einzelgespräche und vielleicht werden auch die Ziele des Vereins mit kommuniziert. Vielerorts zählt eine ausführliche Diagnostik der Athletik zum Standardprogramm der saisonalen Vorbereitung. Aber wie steht es um die sportpsychologische Untersuchung? Werden Werkzeuge wie beispielsweise der Befindlichkeitsfragebogen von Steyer, Schwenkmezger, Notz, and Eid (1997) oder das Regenerationsmanagement im Sport (Rasche & Pfeiffer, 2020) genutzt? 

Spätestens seit Jürgen Klinsmann 2004 als Bundestrainer berufen worden ist, ist das Athletiktraining sportartenunabhängig „en vogue”. Es ist wie selbstverständlich in die Trainingsplanung aufgenommen worden. Nachvollziehbar, denn eine gute körperliche Verfassung eines Athleten ist unabdingbar, um langfristig erfolgreich mithalten zu können (Starrett & Cordoza, 2016). Es fehlt aus meiner Sicht aber noch an dem Bewusstsein, sich neben den technischen und taktischen Anforderungen auch ganzheitlich Themen zu widmen. 

Einige Beispiele

Von einigen Individualsportlern, unter anderem Novak Djokovic, ist bekannt, dass er Mentaltraining auch im Training anwendet, um auch in Stresssituationen im Wettkampf bestmögliche Leistungen abrufen können (Lobinger, Neumann, & Mayer, 2019). Viele andere Stars tun das auch – wobei nicht alle darüber reden. Aber wie steht es bei den Teamsportarten um das mentale Training? Sind zum Beispiel Visualisierungs- und Entspannungstechniken überhaupt bekannt? Theresa Holst (2014) und Kollegen haben nachweisen können, dass psychische Ressourcen besser anwendbar gemacht werden können, um die körperlichen Leistungen zu steigern. Neben entspannten Zuständen bilden diese beiden Interventionen die Grundlage für eine verbesserte Informationsaufnahme und -verarbeitung. Somit ist der Athlet auf Stresssituationen vorbereitet und kann darüber hinaus Interventionen besser anwenden und positiver erleben, was zu einem erhöhten Wohlbefinden führt (vgl. Ziemainz & Rentschler, 2002). Das mentale Training fördert nachweislich unter anderem die: 

  • Konzentration
  • Stress- und Stressbewältigung
  • Wettkampfvorbereitung

Saisonales Training und Hindernissbewältigung(en)

Aber: In vielen Fällen sind wir noch nicht so weit. Es fehlt an Überzeugung, unserer Disziplin gegenüber. Einen großen Erfolgsfaktor sehe ich aus meiner Erfahrung zum Beispiel im Basketball darin, sportpsychologische Methoden mit anderen Trainingsinhalten zu kombinieren: So lassen sich angewandte Interventionen z.B. des Quadrizepsübungen mit Visualisierungstechniken kombinieren (Starrett and Cordoza (2016); Engbert (2011)). Ganz gleich ob in der Wettkampfvorbereitung oder bezogen auf einen Athleten, der nach einem Kreuzbandriss auf dem Weg zurück ist. Spannend sind zudem die Aspekte der Aufmerksamkeitsregulation im Zusammenhang mit der Progressiven Muskelrelaxation, kurz PMR, wenn es darum geht, sich auf bestimmte Muskelgruppen zu konzentrieren. Deren Anspannung und Entspannung erlaubt dem Athleten, sich ganzheitlich (inkl. Gedanken, Gefühle) und sich bewusst zu aktivieren, wie es Eberspächer schon vor zwei Jahrzehnten erklärte (1998). 

Weitere Ansätze

Oder schauen wir auf den Nachwuchsleistungssport: Hier erhöht sich während der Schulzeit der Druck auf die Jugendlichen enorm, es herrscht mindestens eine Doppelbelastung (Roschmann & Löbig, 2014). Hinzu kommen die körperlichen und kognitiven Veränderungen, die auch für alle Personen im Umfeld des Athleten herausfordernd sein können (Baumann, 2016; Gille, 2019). Es bietet sich somit sehr gut an, psychologische Trainingsverfahren im Alltag mit einzubauen, um zumindest das „Selbst“ zu unterstützen und zu „kräftigen“ (Richlan, 2016). 

Zurück ins Vereinstraining: In vielen Trainingseinheiten wird in Kleingruppen gearbeitet. Hier würden sich Selbstbewusstseinsübungen z.B. „Raus aus der Komfortzone“ sehr gut eignen, gerade wenn in diesem Zusammenhang neue Techniken oder Taktiken erlernt werden sollen (Engbert, 2011, p. S.108). 

Fazit und Ausblick

Sportpsychologische Betreuungsmaßnahmen bieten aus mehreren Perspektiven einen Mehrwert. Athleten, Trainer und auch die Eltern (Kirschner, 2018) sollten sich ganzheitlich miteinander besprechen und weiterbilden. Meiner Meinung nach sollten die jungen Athleten dabei als „Rohdiamanten” betrachtet werden, die von mehreren Seiten bearbeitet und betreut werden sollten, um langfristig hochkarätig zu glänzen. 

Aber: Es ist ein hoher zeitlicher Aufwand und stellt eine weitere Belastung für Athleten und Trainer dar, zusätzliche begleitende Maßnahmen einzubauen. Es bedarf einer hohen Anstrengung, die bisherigen Routinen zu analysieren, aufzubrechen und neu zu erlernen (Marahrens & Keil, 2004; Seidel, 2011). Ein Schlüssel liegt für mich darin, bei der Periodisierung des Trainingsplans keine klassische Priorisierung mehr zu verfolgen, sondern optimaler die Kombinierbarkeit von Trainingseinheiten mit der (individuellen) Zielvereinbarung zu betrachten. Die Sportpsychologie ist kompatibler als viele denken. Gern stehen meine Kollegen und Kolleginnen aus dem Netzwerk (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Danijela Bradfisch) bereit, den Praxistest anzugehen. 

Mehr zum Thema:

Literatur:

Abbott, A., Button, C., Pepping, G.-J., & Collins, D. (2005). Unnatural selection: talent identification and development in sport. Nonlinear dynamics, psychology, and life sciences, 9(1), 61-88. 

Baumann, S. (2016). Psychologie im Jugendsport: Der Einfluss der Pubertät–Die Auswirkungen auf das Lernen–Die Rolle des Trainers: Meyer & Meyer.

Beckmann, J., & Kossak, T.-N. (2018). Motivation und Volition im Sport. Motivation und Handeln, 615-639. 

Digel, H., Schreiner, R., Waigel, S., & Thiel, A. (2008). Spitzentrainer werden und sein – repräsentative

Befunde zur Rekrutierung und zur Anstellung von Trainern im Spitzensport. Leistungssport, 5, 9. 

Eberspächer, H. (1998). Ressource Ich. Der ökonomische Umgang mit Stress, München

Engbert, K. (2011). Mentales Training im Leistungssport: Ein Übungsbuch für den Schüler-und Jugendbereich: Neuer Sportverl.

Gille, G. (2019). Die weibliche Pubertät und Adoleszenz aus biologischmedizinischer Sicht. In Mädchen fragen–Mütter wissen (pp. 11-21): Springer.

Güllich, A., & Emrich, E. (2006). Evaluation of the support of young athletes in the elite sports system. European Journal for Sport and Society, 3(2), 85-108. 

Herz, M. (2019). Das Gehirn in den Sport integrieren–Neuroathletiktraining im Leistungssport. physiopraxis, 17(04), 34-35. 

Kirschner, P. (2018). Die Eltern als Fundament, Säule und Rückhalt im Werdegang jugendlicher Athleten und Athletinnen: Freya.

Lobinger, B., Neumann, G., & Mayer, J. (2019). Etablierung der Angewandten Sportpsychologie im Leistungssport. Angewandte Sportpsychologie für den Leistungssport, 30-45. 

Marahrens, L., & Keil, J.-G. (2004). Trainingsweltmeister-Eine Phänomenanalyse aus der Erlebensperspektive betroffener Leistungssportler. Zeitschrift für Sportpsychologie, 11(3), 112-120. 

Rasche, C., & Pfeiffer, M. (2020). 4 REGmon–ein intelligentes und innovatives Online-Portal für die Sportpraxis. im Spitzensport (Teil 2), 27. 

Richlan, F. (2016). Sensible Phasen im Nachwuchsleistungssport aus neurowissenschaftlicher Perspektive. In Talentförderung: Sensible Phasen auf dem Weg zur Weltspitze (pp. 91-93): Pabst Science Publishers.

Roschmann, R., & Löbig, A. (2014). Dropout im Frauenfußball–Eine empirische Un-tersuchung. Frauen-und Mädchenfußball im Blickpunkt: Empirische Untersuchungen-Probleme und Visionen, 1, 117. 

Seidel, I. (2011). Trends in der Talentforschung und Talentförderung. Leistungssport, 41(2), 19-23. 

Starrett, K., & Cordoza, G. (2016). Werde ein geschmeidiger Leopard: riva München.

Steyer, R., Schwenkmezger, P., Notz, P., & Eid, M. (1997). Der Mehrdimensionale Befindlichkeitsfragebogen (MDBF)[The Multidimensional Affect Rating Scale (MDBF)]. In: Hogrefe Göttingen, Germany.

Theresa Holst, T. S., Heiner Langenkamp, Hubert Remmert, Alexander Ferrauti (Projektleiter) & Michael Kellmann (Projektleiter). (2014). Wissenschaftliche Optimierung trainingspraktischer Leistungssteuerung und konzeptioneller Vorgaben im Nachwuchsleistungssport des Deutschen Basketball Bundes – Basketball-Talente. BISp-Jahrbuch Forschungsförderung 2012/13. Retrieved from http://www.bisp.de/SharedDocs/Downloads/Publikationen/Jahrbuch/Jb_201213_Artikel/Ferrauti_Kellmann_153_162.pdf

Ufer, M. (2017). Mentaltraining für Läufer: weil Laufen auch Kopfsache ist: Meyer & Meyer Verlag.

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