In vielen Spielsportarten hat sie bereits begonnen oder steht kurz bevor: Die Sommerpause. Mal so richtig ausspannen, an etwas anderes denken, nur nicht an die vergangene oder kommende Saison! Aber das ist gar nicht so einfach. Helfen kann die Einhaltung einer Reihenfolge. Eine Struktur, die hilft, die Sommerpause oder auch jegliche andere kleine Auszeiten optimal zu nutzen.
Zum Thema: Stufenplan zur Strukturierung der Sommerpause
Im Prinzip ist die Sommerpause ähnlich als alle anderen Pausen zu gestalten, um sich richtig gut zu regenerieren. Die Pausengestaltung besteht schematisch betrachtet aus vier Etappen:
1. Entspannung
2. Ablenkung
3. Aktivierung
4. Konzentration
Die vier Punkte sollten durchlaufen sein, bevor die nächste Herausforderung oder im Falle einer Sommerpause die nächste Saison startet. Bei der Gestaltung von kurzen oder langen Pausen ist wesentlich, dass zunächst das System heruntergefahren wird. Das ist nicht immer so leicht. Athleten berichten oft über gesteigerte Motivation oder Aktivierung unmittelbar nach dem Saisonhöhepunkt, die einige Stunden bis Tage dauern kann. Man sollte dies nicht zwangsläufig unterbrechen, lediglich wissen, dass eine regenerative Pause erst beginnt, wenn die Ruhe richtig einkehrt.
Konsequent aussteigen
Der zweite Schritt ist die Ablenkung. Athleten beschäftigen sich intensiv mit ihrem Sport, mit einzelnen Optimierungspunkten – immer auf der Suche nach kleinen Stellschrauben. Ihre gesamte Wahrnehmung dreht sich um das eine und ihr Alltag ist streng getaktet. Um die Erholung zu optimieren, ist in den Pausen genau das Gegenteil wichtig: also mehr Zeit für sich, weniger Zeitpläne, mal auch Faulenzen aber vor allem dafür viel Zeit finden, was in der Saison entbehrt wurde. Aus diesem Gedankengang der Optimierung aussteigen zu können, bedarf ebenso eine gewisse Zeit, was sich auch auf die Qualität der Pause und der Regeneration auswirkt. Die Zeit der Umstellung kann man aktiv verkürzen, in dem man Pläne für den Urlaub oder andere Aktivitäten schmiedet, also nicht planlos in die Pause geht.
Der dritte Punkt ist aus zwei Perspektiven zu betrachten: Erstens sollte man den Blick auf die Regeneration nicht verlieren. Zum Beispiel ist eine völlige körperliche Verausgabung durch eine andere Sportart in der Pause eher nicht förderlich für eine allgemeine Regeneration. Hier liegt der Fokus sicherlich auf Maßhalten. Zweitens ist in der Pause auch der Neustart integriert, denn die Pause endet, wenn die Saison beginnt. Geht der Athlet die Phase des Übergangs konzentriert an, wird ihn der Einstieg oder der Beginn der Saison nicht vom Regenerieren ablenken. Er kann schlicht gechillt seine Pause genießen, sowohl körperlich, wie auch mental.
Mentale Vorbereitung
Der vierte Schritt, die Aktivierung, ist ähnlich dem zweiten Aspekt der Konzentration. Auch Sportler starten nicht von 0 auf 100. Ihre Trainingspläne beginnen ein – zwei Wochen vor dem Ende der Pause mit einer moderaten Aktivierung, leichten Läufen, Radfahren, sich körperlich in Bewegung bringen. Dies ist dann auch die Zeit für die mentale Aktivierung. Sich über Saisonplanung Gedanken zu machen, über Umfeldmanagement, Ziele und eventuelle Optimierungspunkte, die man am Anfang der Saison angehen möchte.
Sind die zwei letztgenannten Punkte klar eingeplant, kann sich der Athlet bestens regenerieren, denn erstens kann er sie in seiner Pause vergessen, zweitens weiß er, auch wenn er völlig weg ist von seinem Sport, wird der Einstieg gut funktionieren – er braucht sich also keine Sorgen zu machen, was seine Pause eindeutig angenehmer aber auch effektiver werden lässt.
Individuelle Ausgestaltung
Dieses Schema ist nicht an zeitlichen Vorgaben gebunden. Die Pause muss also nicht in vier Etappen aufgeteilt werden, schon gar nicht in vier gleiche. Sie ist individuell zu gestalten, denn einige Sportler müssen sich nicht aktiv ablenken, andere hingegen müssen schauen, dass sie sich in der Pause nicht ständig mit ihrem Sport beschäftigen. Einige Athleten gestalten ihre Pausen körperlich aktiver als andere, dass heißt bei ihnen ist die Aktivierung eher kurz zu halten. Wichtig ist nur die Reihenfolge, zuerst entspannen, also runterfahren, dann ganz woanders sein – dann, wieder langsam in die Gänge kommen und seinen Kopf entsprechend der bevorstehenden Aufgaben justieren.
Diese Reihenfolge ist übrigens auch bei kurzen Pausen effektiv – Wochenenden, Trainingspausen oder Pausen in den Wettkämpfen – angepasst an die Länge der Pausen und akzentuiert durch die individuellen Bedürfnisse der Athleten.
Jake Daniels, englischer Zweitliga-Kicker vom FC Blackpool, hat als erster aktiver europäischer Fußballprofi sich öffentlich als homosexuell geoutet. Der 17-jährige hat gewartet, bis er bei seinem Klub einen Profivertrag unterzeichnen durfte. Mit seinem Statement will er nun anderen Fußballern als Vorbild dienen.
Zum Thema: Umgang mit Homosexualität im Profi-Fußball
Ist jetzt, nach dem Outing von Jake Daniels, ein guter Moment, um sich als homosexueller Fußballer zu bekennen? Oder gibt es einen perfekten Moment nur mit einem individuellen Blick?
Homosexualität im Fußball ist ein sensibles und brisantes Thema. Trotz des Coming-outs von Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, MLS-Profi Collin Martin und jetzt auch von Jack Daniels hat sich bisher kein anderer Nationalspieler mehr öffentlich dazu bekannt. Die Entscheidung, sich öffentlich zu seiner Homosexualität zu bekennen, ist sehr persönlich und müsse akzeptiert werden. Da sind wir uns größtenteils wohl hoffentlich alle einig. Doch Akzeptanz ist nicht von allen zu erwarten. Zwar sollten Fans, Trainer*innen und Mitspieler*innen gleichermaßen ein offenes Umfeld schaffen und Toleranz zeigen. Doch sieht der sportliche Alltag nach wie vor anders aus. Beleidigungen, verbale Attacken im Netz oder auf dem Platz sind keine Seltenheit. So haben viele homosexuelle Fußballer immer noch Angst vor Anfeindungen und gesellschaftlicher Ächtung. Je mehr erfolgreiche Trainer*innen und Sportler*innen zu ihrer sexuellen Orientierung stehen, sich dazu bekennen und je transparenter sie ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten machen, desto stärker wird die Stigmatisierung verschwinden.
Antwort von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)
Auch wenn der Auslöser hier die sexuelle Orientierung eines Menschen ist, die Fragestellung und Problematik reicht viel weiter. Als Mitglied einer sportartübergreifenden Arbeitsgruppe, die das Bundesministerium des Inneren ins Leben gerufen hatte, durfte ich an der Entwicklung eines Moduls für die Trainerausbildung mitwirken, das mit dem Titel “Umgang mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit” überschrieben war. Es ging unter anderem um sexuelle Orientierung, jedoch auch um politische und religiöse Orientierung.
Wir leben in einer Gesellschaft, die sich Diversität auf die Fahnen schreibt, diese Unterschiedlichkeit letztendlich jedoch nicht aushält und es damit immer wieder zu Ausgrenzungen kommt. Wer nicht der Mehrheit und/oder der moralischen Einheitsbewertung entspricht, riskiert stigmatisiert und ausgegrenzt zu werden. Der Versuch solcher Ansichten und Moralvorstellungen aufzubrechen, ist so alt wie die Menschheit selbst. Denn sie haben Funktionen, die im Selbsterhalt von Gruppen liegen, in der Herstellung einer Gruppenidentität. Es geht um eine Einheit im Kampf der Gruppen.
Um eine direkte Antwort auf die Frage zu geben: Nein, es gibt keinen perfekten und optimalen Moment, jedoch fällt es einfacher, den Mut zu solch schwerwiegenden Entscheidung aufzubringen, wenn wir von unserem sozialen Netzwerk uns gut getragen fühlen und wenn es immer mehr wagen, sich zu ihrer individuell passenden Orientierung zu bekennen.
Mit Blick auf die aktuell vorherrschende Sensibilität der Medien, Vereinsfunktionäre, Verbände und Sportler in Mannschaften ist objektiv betrachtet nun ein vermeintlich guter Moment, da viele der oben aufgezählten sich positiv und unterstützend zu Homosexualität im Fußball äußern. Bedeutsamer ist jedoch die subjektive Sichtweise der Einzelnen und hierbei kann es sicherlich nur einen individuellen „perfekten Moment“ geben, wie es scheinbar auch bei Jack Daniels nach der Vertragsunterschrift war. Es ist absolut ratsam, sich im Vorfeld eines Outings mit den eigenen Ängsten, Sorgen, Zweifeln und auch mit den Chancen, Möglichkeiten und eigenen Gefühlen zum öffentlichen Leben und zur „Freiheit“ zu beschäftigen.
Ich finde es wichtig zu betonen, dass es inzwischen, neben Jack Daniels, mehrere sehr positive Beispiele gibt, wie z.B. im Juni 2021 Carl Nassib, American-Football-Profi, und im darauffolgenden Juli Luke Prokop, eine Eishockey-Nachwuchshoffnung, aber auch Josh Cavallo, australischer Fußballspieler, im Oktober 2021.
Sie berichten über eine Unterstützung, die sie überwältigt habe und sie seither glücklichere Sportler sind, auch im Wissen darum und mit der Erfahrung, dass sie auf der anderen Seite auch viele abwertende und inakzeptable Kommentare ertragen mussten und immer noch damit einen Umgang finden müssen.
Es heißt immer, dass homosexuelle Fußballer mit Outing-Absichten sehr stark sein und privaten Rückhalt haben sollten. Was sind die grundlegenden Gegebenheiten, auf die ein Outing aus eurer Sicht basieren sollte?
Antwort von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)
Es gibt keine Blaupause für ein Outing. Hierbei spielen hochgradig individuelle Faktoren eine Rolle. Zentral ist der Mut zu seiner eigenen Orientierung zu stehen, erst einmal gegenüber sich selbst, dem Partner und seinem nahen sozialen Netzwerk. Erleben Sportler hier eine Annahme ihrer selbst, eine gewisse Selbst-Verständlichkeit ihrer sexuellen Orientierung, so stärkt das ihr Selbst-Bewußtsein und gibt Ihnen Selbstvertrauen.
Der Begriff Resilienz spielt auch hier eine wesentliche Rolle. Wie widerstandsfähig bin ich, mich den zu erwartenden Anfeindungen, Spitzen, Sprüchen und Ausgrenzungen zu stellen. Grundlegend hierfür ist es, sich selbst zu verstehen, eine Sinnhaftigkeit des Handelns für sich zu haben und handlungsfähig zu sein. Um sich damit selbst bestimmend und selbstwirksam zu erleben. Das gilt vor allem für die Entscheidung, ob und wann ich mich oute.
Menschen, die sich outen, können ganz unterschiedliche persönliche Motive und auch Ressourcen mit sich bringen, um diesen mutigen Schritt zu gehen, sich zu positionieren und öffentlich zu zeigen.
Ein stabiles familiäres und freundschaftliches Umfeld mit sicheren Beziehungen ist aus der Resilienzforschung mit Sicherheit tragend, bestärkend und unterstützend. Die Widerstandsfähigkeit gegen äußere und innere Kritiker ist ein zentraler Faktor, der dann auch in Mut, Zuversicht und Selbstwirksamkeit mündet. Ich halte es für sinnvoll und hilfreich für Menschen mit Outing-Absichten, sich auch darüber bewusst zu werden, welche motivationalen Beweggründe sie leiten, um dann unterstützende Netzwerke zu nutzen. Positive gesellschaftliche Zeichen setzen und persönliche Freiheit und Glückseligkeit erleben, können wichtige Triebfedern sein.
Robbie Rogers, ehemaliger amerikanischer Fußball-Nationalspieler, sagte: „Ich war kein glücklicher Spieler. Und wenn du nicht glücklich bist, spielst du nicht gut.“. Ein für mich essenzieller Faktor für Erfolg ist die Freude am Spiel, der Spaß und die Leichtigkeit.
Welche negativen Konsequenzen haben schwule Fußballer teamintern, im Verein, von den eigenen Fans oder gegnerischen Anhängern, im Social Media Bereich und den klassischen Medien zu erwarten?
Der Grund, warum Profi-Fußballer*innen nicht offen schwul leben können, ist aus meiner Sicht eine Mischung aus den alten Denkweisen und -strukturen sowie dem Marktwert des Spielers bzw. der Spielerin. Fußball ist ein globales Geschäft und ein Fußballspieler*in, der/die Karriere machen will, würde seinen Marktwert dadurch gefährden. Insider bestätigen dies. Und es geht noch weiter: Ein mir bekannter Funktionär und Spielerberater berichtete mir, dass es für homosexuelle Spieler zwischen der Bundesliga und der Dritten Liga gängige Praxis sei, zur Tarnung Schein-Beziehungen mit Frauen zu führen. Diese Spielerfrauen würden zum Teil sogar von Agenturen vermittelt. Dennoch hat sich vieles verbessert, das Coming-out hingegen bleibt aber nach wie vor ein langer Prozess. Von Betroffenen hört man immer wieder von negativen Reaktionen in der Familie und von Freunden. Damit Akzeptanz entstehen kann, ist es unglaublich wichtig, dass die Familie, Freunde und Teamkollegen aktiv unterstützen.
Antwort von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)
Das Spektrum ist hier unglaublich einfältig und doch kreativ. Veraltete Menschen- und Weltbilder sowie geschlechtsspezifische Rollenbilder sind eine wesentliche Basis. Es ist gerade mal 150 Jahre her, dass begonnen wurde, diese sehr lange vorherrschenden Denkmuster und -strukturen aufzubrechen. Und wer glaubt, dass die veränderten Muster heute schon in unserer Gesellschaft allgemein akzeptiert sind, der gibt sich Wunschvorstellungen und Illusionen hin. Der Sport, insbesondere der Fußball, ist in diesem Bereich eher sehr traditionell und konservativ unterwegs. Von offenen Ausgrenzungen und Anfeindungen durch die Fans direkt im Stadion bis hin zu den sozialen Medien, unterschwelligen Stigmatisierungen in den klassischen Medien durch Journalisten bis hin zu den Sprüchen innerhalb der Mannschaft sowie körperlichen Attacken unter der Dusche reichen die Konsequenzen. Das Verschicken angeblich “humoristisch” gemeinter Nachrichten, Bilder, Videos, Comics zum Thema Homosexualität in der mannschaftsinternen Messengergruppe ist üblich, das Ausgrenzen von vor allem inoffiziellen Mannschaftsveranstaltungen ein probates Mittel, die Ablehnung zu zeigen. Der Verlust von Sponsorenverträgen ist keine Seltenheit, weil es nicht zum Männlichkeitsbild des Produktes/Sponsors passt. Das Spektrum der Konsequenzen kann unheimlich weit sein. Gemeinsam ist Ihnen allen der Wunsch, denjenigen anderen abzuwerten, auszugrenzen, zu stigmatisieren.
Es ist absolut von Vorteil, sich zu wappnen und mental auf Widerstände einzustellen, denn die „Toleranz“ nach außen ist nicht immer auch die Akzeptanz im innen. Negative Auswirkungen kann es jederzeit geben und sie äußern sich teilweise in homophoben Fangesänge und insbesondere in der Alltagssprache und Beschimpfungen sind deutliche negative Konsequenzen zu erwarten. Laute wie, „schwuler Pass“, „Steh auf, Schwuchtel!“, „Die Schwule Sau…“ werden nahezu als Synonym verwendet, um etwas zu beschrieben, was als schlecht bewertet wird. Auch Äußerungen, wie „Weichei!“, „Du spielst wie ein Mädchen“, „Warmduscher!“, suggerieren, dass „Nicht-konformes männliches Verhalten“ im Fußball wenig zu suchen hat.
Ebenso gilt es, sich darauf einzustellen, dass der soziale Aspekt, in Form von Humor, eine große Herausforderung sein kann. Insbesondere im Nachwuchsbereich höre ich des Öfteren in Umkleidekabinen und auf dem Trainingsfeld homophobe Äußerungen und entsprechende Witze, die nicht unbedingt auch die Haltung der einzelnen Menschen verdeutlichen muss, denn so manches Mal ist der Mensch getrieben von Anerkennung, die es nach einem Witz über den vermeintlich jeder gleichaltrige lacht, erhält. Dabei gilt im sozialen Gefüge, wer bei einem Schwulen-, Frauen-, und Hautfarbenfeindlichen Witz nicht mit lacht, distanziert sich von der Gruppe und gerät in den Fokus der Andersartigkeit.
Aus meiner Sicht ist es wichtig darüber zu reden, zu schreiben und mit aller Deutlichkeit darauf zu hinweisen, dass auf einen Spieler wie Wolfsburgs Josip Brekalo, der es aus seiner subjektiven religiöser Überzeugung, was ebenfalls akzeptiert werden sollte, ablehnt, eine Regenbogen-Kapitänsbinde als Symbol zu tragen, kommen mehr als 800 Spielerinnen und Spieler, die sich öffentlich hinter homosexuelle Mitspieler stellen.
Die Unterstützung ist groß und sie wird größer, je mehr wir, die Medien, die Vereine und einzelne Spieler und Spielerinnen die Aufmerksamkeit auf das Gelingen und die Unterstützung richten.
Inwiefern könnt ihr als Sportpsychologen, Sportpsychologinnen oder qualifizierte MentaltrainerInnen einen Outing-Prozess begleiten? Wie kann sich ein Athlet eine solche Zusammenarbeit vorstellen?
Antwort: Ich hoffe, dass der Leistungssport weitere Zeichen setzt und die Einflussmöglichkeiten genutzt werden. Zeichen der Akzeptanz von Vielfalt lassen sich auf unterschiedliche Art und Weise setzen. Ich könnte mir vorstellen, sich zusammen zu tun und ein “Gruppen-Outing” zu machen. Dieser Schritt müsste entsprechend gut geplant sein, vielleicht sollten einige Experten aus dem PR-Bereich oder vertrauensvolle Medienleute hinzugezogen werden. Einen helfenden Beitrag können sicher auch wir Sportpsychologen*innen leisten. Die öffentliche Last würde sich bei einer kollektiven Aktion dann auf mehrere Schultern verteilen. Der Leistungssport wird sich früher oder später ohnehin der Realität stellen müssen.
Antwort von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)
Die Begleitung eines Outing-Prozesses ist wie jeder psychologisch begleitete Prozess sehr individuell und vor allem auf tiefem Vertrauen basierend. Die Frage nach dem ob und wann des “Outings” wird zentraler Mittelpunkt sein. Welche Ressourcen stehen zur Verfügung, welche Konsequenzen drohen und bin ich für diese gewappnet, bin ich bereit, diese auf mich zu nehmen?
Der Kontakt mit ebenso betroffenen Sportlern kann sehr hilfreich sein, vor allem der Austausch mit denen, die diesen Weg schon gegangen sind. Eine gemeinsame Initiative erleichtert die Entscheidung für sich einzustehen durchaus, somit kann ein “Gruppen-Outing”, wie von René ins Spiel gebracht, eine mögliche Hilfestellung sein.
Ich möchte meinem Kollegen, Prof. Dr. Rene Paasch, zustimmen und untermalen, dass ein Gruppen-Outing, analog zum Gruppen-Outing in der katholischen Kirche, sehr wirksam, weitreichend und positiv sein könnte. Zu beachten ist hierbei jedoch, dass die einzelnen Sportler dann wieder allein in ihre herkömmliche Lebenswelt zurückkehren und sich dort allein den positiven, wie auch negativen Auswirkungen stellen.
Aber zurück zur Frage: Die Zusammenarbeit gestaltet sich vertrauensvoll und mit Blick auf die eigenen Ressourcen, empfundenen Vorteile und Stärkung der Widerstandsfähigkeit in Hinblick auf die ganz individuellen Herausforderungen. Hierbei kann die sportpsychologische Begleitung und das Mentaltraining unterstützend und hilfreich sein, um mit eventuellen Unsicherheiten, Zweifeln oder auch anderen Herausforderungen umzugehen.
Eine Zusammenarbeit kann auch hilfreich und unterstützend sein, um für sich einen Umgang mit den Auswirkungen zu erarbeiten. Die mediale Präsenz wird durch ein Outing mit hoher Wahrscheinlichkeit erhöht und auch hier kann der empfundene Druck steigen, Höchstleistungen vollbringen zu wollen.
Wie viel lässt sich aus dem Frauenfußball oder anderen Sportarten ableiten, wie ein Outing optimal gelingt? Schließlich ist in vielen anderen Sportbereichen der Umgang mit der Sexualität deutlich offener. Was macht den Profi-Fußball also so speziell?
Antwort von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)
Der Umgang von Frauen mit ihrer Homosexualität ist durchaus ein anderer, wobei durchaus nicht weniger schwierig und problembeladen. Ob die gesellschaftliche Akzeptanz der Homosexualität bei Frauen größer ist, dafür mag es Anzeichen geben, doch hierzu würde ich mich eher zurück haltend äußern wollen.
Bei aller anscheinender Modernisierung und Integrationskraft des Fußballs, ist es doch eine in ihrem Rollen- und Männlichkeitsbild sehr traditionelle und konservative Sportart. Und dies gilt vor allem auch für Ihre Anhänger und Fans. Wir dürfen zudem nicht vergessen, dass es sich beim Sport um ein aus dem Krieg entwickelten hoch stilisierter und zivilisierter Wettbewerb handelt, in dem es immer schon ein probates Mittel war, den Gegner zu diskreditieren.
Aus meiner Sicht ist das Narrativ des Fußballs immer noch ein „Männersport“ mit entsprechenden Beschreibungen dazu. Typisch „männliche Attribute“, wie Dominanz, Kraft, Stärke oder Robustheit sind immer wieder von Funktionären oder Medienvertretern zu hören. Fußball gilt als hart, körperbetont und kämpferisch, was Eigenschaften sind, die mit Männlichkeit und Heterosexualität gleichgesetzt werden.
Aus meiner Wahrnehmung heraus verändert sich dieses Bild des Fußballs und auch hier gibt es Beispiele, die als Vorbild dienen können, um Vielfalt und Unterschiedlichkeit als Gewinn zu betrachten. In der USA hat die Mannschaft der San Diego Loyal geschlossen den Platz verlassen, nachdem ihr homosexueller Mitspieler, Collin Martin, von seinem Gegenspieler homophob beleidigt wurde. Das Spiel wurde – trotz Führung – gegen sie gewertet und mit massiven Konsequenzen, denn die Playoffs wurden dadurch verpasst. Im Gegensatz dazu setzten sie ein starkes gesellschaftliches Zeichen, worüber noch viel mehr geredet werden sollte.
Auch in Münster gab es vergangenes Jahr ein sonderbares Zeichen auf der Tribüne, als ein Mann einen Spieler rassistisch beleidigte wurde dieser von den Fans ausfindig gemacht und das Ordnungspersonal auf den Affenlaute-Rufe aufmerksam gemacht. Es kam zu einer Anzeige. Zivilcourage par excellence!
Es ist unsere gemeinsame Verantwortung als Menschen, dass in unserer Gesellschaft kein Platz für Ausgrenzung und Diskriminierung ist, sondern wir Akzeptanz spüren lassen und neugierig aufeinander sind. Das gilt für mich insbesondere auch im Breiten- und Leistungssport aller Sportarten.
Motivationsfähigkeit ist eine wichtige Eigenschaft, sowohl im privaten als auch im beruflichen Kontext. Wer sich selbst leicht motivieren kann, zum Beispiel, um Sport zu treiben oder unangenehme Aufgaben zu erledigen, hat es meist auch leichter, andere zu motivieren. Wussten Sie, dass sich jährlich über 100 Millionen Menschen für Online-Kurse einschreiben, aber nur zehn Prozent von ihnen bis zum Abschluss durchhalten? Die restlichen 90 Prozent brechen vorher ab. Warum? Aus demselben Grund, aus dem Menschen für ungenutzte Fitnessstudio-Abos im Januar Jahresmitgliedschaften unterschreiben und ab Anfang Februar nur noch passiv-zahlende Kunden sind: Sie überschätzen die Macht der Motivation.
Zum Thema:Der nachhaltige Weg zur Verhaltensänderung
Lassen Sie uns zuerst mit einer hartnäckigen Aussage aufräumen: Nämlich mit der Vorstellung, man müsse uns Menschen nur mit den richtigen Informationen versorgen, schon würden wir ungünstige Denk- und Verhaltensmuster ändern. Wenn Sie jemanden auf die vielen Nachteile ungesunder Ernährung hinweisen, isst dieser ganz sicher weniger fettiges Fleisch. Dem ist leider nicht so. Den meisten Menschen sind reine Fakten nicht genug.
So weit, so schlecht. Was motiviert uns aber wirklich, unser Verhalten zu ändern? In meiner täglichen Arbeit mit Trainern*innen Sportler*innen, Studierenden und gesundheitsbewussten Menschen stieß ich in meiner Arbeit auf drei wegweisende Determinanten:
AHA-Momente
Umgebungsänderungen
kleine Schritte
Mit kleinen Schritten auf dem richtigen Weg
Plötzliche AHA-Momente lassen sich nicht aktiv erzwingen – es sei denn, Sie verfügen über besondere Kräfte. Und auch Umgebungsfaktoren liegen meist jenseits unserer Kontrolle. Immerhin können Sie nicht alle Ihrer Freunde zum Joggen zwingen, nur weil Sie Lust auf Sport und Ausgleich haben. Was bleibt, sind kleine nachhaltige Schritte, die weniger als eine Minute Zeit beanspruchen. Die Idee dahinter ist einfach: Kleine Schritte bringen Sie leichter ans Ziel. Sie sorgen für regelmäßige Erfolgserlebnisse und schaffen eine positive Feedbackschleife, die Ihnen neue Verhaltensmuster ermöglicht. Nicht nur das. Der Schlüssel zu positiver Veränderung sind aus meinen Erfahrungen wiederkehrende Gewohnheiten. Unterm Strich funktionieren alle Verhaltensmuster nach drei Faktoren:
Motivation
Machbarkeit
Schlüsselreize
Erklären möchte ich die drei Faktoren an einem aktuellen Beispiel. Hilfsprojekte für den grausamen Krieg in der Ukraine wurden in kürzester Zeit ins Leben gerufen und es wurden beeindruckende Gelder für die betroffenen Menschen gesammelt. Wie konnte dieser Aufruf so viele Spender in kürzester Zeit mobilisieren? Die Initiative profitierte vom Zusammenspiel der drei genannten Faktoren.
Wahrscheinlichkeiten und Verhalten
Die Folgen des Krieges für die ukrainische Bevölkerung waren nicht nur herzzerreißend, sondern auch lückenlos von den Medien dokumentiert. Dadurch war die Hilfsbereitschaft hoch, also die Motivation der weltweiten Bevölkerung, einen Beitrag zu leisten. Der zweite Faktor war die Machbarkeit: Das Spenden selbst war denkbar einfach. Man musste nichts weiter tun, als auf eine SMS oder Telefonnummer zu antworten. So konnten die Menschen spenden, ohne ihr Konto oder ihre Kreditkarte zu bemühen. Und Drittens war die Spenden-Aufforderung per SMS oder Telefonnummer ein klarer und persönlicher Auslöser, sofort zu helfen. Das Zusammenspiel dieser drei Variablen steigert die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem bestimmten Verhalten kommt. Natürlich kann Motivation allein manchmal Außergewöhnliches bewirken, aber im Alltag lassen sich Menschen nur motivieren, wenn das gewünschte Verhalten für sie bequem machbar ist. Und auch dann braucht es immer einen klaren Auslöser.
Dieser Ansatz – also die Vereinfachung von Aufgaben – lässt sich auch auf kleine Schritte übertragen. Dafür müssen wir uns nur fragen, was genau eine bestimmte Handlung mühsam macht. Die Antwort führt uns meist zu einem der folgenden Faktoren: Zeit, Geld und körperliche oder geistige Anstrengung.
Der Schlüssel liegt in der Machbarkeit
Angenommen Sie beschließen, sich in Form zu bringen. Dafür wollen Sie täglich lieber die Treppen nutzen statt den Aufzug. Dann dürfte der Faktor Zeit nicht ausschlaggebend sein, denn das Treppensteigen nimmt nicht viel davon in Anspruch. Geld? Auch nicht. Sie können die Treppensteigen auf der Arbeit und in Ihrem Mehrfamilienhaus absolvieren. Womit wir bei der körperlichen Anstrengung wären. Und hier wird’s spannend: Immerhin kann es sein, dass Sie seit Jahren keine Treppen gestiegen sind. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass Sie aus dem Stehgreif alle Treppen schaffen. Und dann ist da noch die geistige Anstrengung. Wenn etwas körperlich an die Substanz geht, geht schnell auch die Willenskraft verloren. Wenn Sie nun all diese Faktoren berücksichtigen: Halten Sie es dann für wahrscheinlich, dass Sie ab sofort täglich Treppensteigen? Nicht wirklich, oder? Je geringer die Machbarkeit, desto mehr sind Sie auf Motivationsschübe angewiesen. Und wir haben bereits oben lesen können, dass solche Spitzen zwar einmalige Ausbrüche befeuern, aber keine repetitiven Aufgaben. Dies bedeutet, dass Sie sich auf den Faktor Machbarkeit konzentrieren müssen. Gestalten Sie Ihre kleinen Schritte so einfach wie möglich! Das könnte bedeuten, dass Sie für den Anfang nicht alle Treppen besteigen sondern Sie sich nur diejenigen der ersten Etage vornehmen! Dafür brauchen Sie nur wenig Zeit, Kraft und Motivation, aber im Gegenzug erhalten Sie kleine Erfolgserlebnisse und sukzessive mehr Körperspannung. Durch den geringeren Aufwand ist es sehr wahrscheinlich, dass Sie die Übung täglich absolvieren – und damit wirklich als Gewohnheit etablieren. Und damit befinden Sie sich auf einem Weg, der wirklich weit führen kann. Wenn Sie wollen…
Gut zwei Jahre Pandemie haben auch das Netzwerk Die Sportpsychologen nicht unverändert gelassen. In unserem Kreis von circa 40 Experten und Expertinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben wir Formate wie Online-Supervisionen entwickelt. Wir haben begonnen, erste kleine interne Fortbildungen umzusetzen. Und durften sehr gute Erfahrungen mit dem Online-Coaching Angebot “Abliefern, wenn es darauf ankommt” (Link) sammeln. Nun wollen wir diese Erfahrung teilen und weiterentwickeln.
Zum Thema: asp-Tagung 2022 in Münster
Die 54. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) findet vom 16. bis 18. Juni 2022 in Münster statt. Wir von Die Sportpsychologen sind mit einem eigenen Praxisworkshop Teil des Programms, der am Freitag, den 17. Juni, zwischen 13:15 und 14:45 Uhr stattfindet (zur Anmeldung). Hinweis: Bereits am Donnerstag, den 16. Juni, bietet Janosch Daul gemeinsam mit Gabriel Elias Blüder den Praxisworkshop “Plakativer Schein oder wahres Sein? Aufbau einer gelebten Wertekultur im Nachwuchsleistungssport am Beispiel NLZ” an. Die Gesamtübersicht zur Veranstaltung mit vielen zahlreichen Arbeitskreisen, Praxisworkshops und Keynotes findet ihr auf der Homepage des Events: https://asp-tagung.de
Den Praxisworkshop von Die Sportpsychologen leitet Redaktionsleiter Mathias Liebing zusammen mit Klaus-Dieter Lübke Naberhaus und Prof. Dr. Oliver Stoll sowie einigen ExpertInnen aus dem Netzwerk. Ziel ist es, in den 90 Minuten die Grundlage dafür zu schaffen, dass gemeinsam mit Kooperationspartnern Fortbildungsangebote umgesetzt werden können.
Die Sportpsychologen zum Anfassen
Zahlreiche Profilinhaber und Profilinhaberinnen werden bei der asp-Tagung in Münster vor Ort sein, um aktiv Kontakte zu pflegen und zu knüpfen. Entsprechend freuen wir uns auf ein Kennenlernen und die Vernetzung (ProfilinhaberIn bei Die Sportpsychologen werden). Nicht zuletzt für die angewandt arbeitenden SportpsychologInnen ist die Tagung eines der wichtigsten Events im Jahreskalender.
Wer kennt es nicht? Wenn wir ganz still sind, hören wir alle eine Stimme in unserem Kopf. Manchmal kommentiert sie unser Tun, wenn wir den Versuch gestartet haben, den neuen Schrank einer schwedischen Möbelkette aufzubauen, manchmal scheint sie nur so vor sich hin zu quatschen, und ab und zu singt sie sogar ein Lied, welches einem durch den Kopf schießt. Die Stimme ist nie ganz still. Sie ist immer da, nur hören wir ihr nur einfach nicht zu und blenden sie dadurch aus.
Zum Thema: Was ist diese innere Stimme und wozu brauchen wir sie?
Bei dieser Stimmen handelt es sich um unsere eigenen Gedanken. Doch weshalb stören sie uns manches Mal und bringen uns in bestimmten „Leistungssituationen“ an unsere Grenzen? Welche Möglichkeiten bieten sich dem jeweiligen Individuum? Der erste Schritt zur „Erleuchtung“ besteht darin, die eigenen Gedanken bewusst wahr- und hinzunehmen. Je mehr Zeit wir damit verbringen, auf das zu horchen, was wir denken, umso besser wird es uns möglich sein, unsere Gedanken kennen zu lernen. Denn auch unsere Gedanken haben eine ganz spezielle Art, gewisse Vorlieben und bestimmte Gewohnheiten (Singer, 2009). Und je besser wir unsere Denkweisen kennenlernen, umso besser können wir sie auch beurteilen: Sollen wir einen bestimmten Gedanken lieber ernst nehmen oder verdrängen? Und woher kommt dieser Gedanke überhaupt? Was will mir die innere Stimme damit sagen?
Gelingt uns dies, müssen wir im nächsten Schritt verstehen, dass unsere Gedanken Objekte unseres Bewusstseins sind. Sie definieren nicht unsere Persönlichkeit, sondern entstehen in unserem Kopf – meistens vollkommen ohne unser Zutun. Unser Bewusstsein ist den ganzen Tag damit beschäftigt, unsere Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken zu verarbeiten. In diesem Zusammenhang ist es nicht unwichtig zu erwähnen, dass wir den größten Teil unseres Bewusstseins nicht unter Kontrolle haben.
Ein Beispiel
Ein kleines Beispiel gefällig? Wenn in uns z.B. ein Gefühl der Traurigkeit entsteht, oder wir plötzlich denken „Ich kann meinen Trainer nicht ausstehen!“, dann bedeutet das nicht, dass wir gleich traurig oder ein hasserfüllter Mensch sind. Es bedeutet nur, dass unser Bewusstsein gerade dieses Gefühl oder diesen Gedanken wahrgenommen hat. Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Was wir daraus machen, liegt ganz bei uns.
Zusätzlich hat unser Bewusstsein noch eine weitere Aufgabe. Es ist nicht nur dafür zuständig, uns die Welt zu erklären und sie für uns zu sortieren, sondern es verwaltet auch eine innere Energiequelle. Wir alle tragen unglaublich viel Energie in uns, nur können wir sie oft nicht fließen lassen. Dass unser Energielevel extrem schwanken kann, hat sicherlich jeder von uns schon mehr als einmal erlebt. Singer (2009) illustriert zum besseren Verständnis folgendes Beispiel: Wenn wir z.B. von unserem Partner verlassen werden, kann es passieren, dass wir über Wochen auf der Couch sprichwörtlich herum gammeln. Man bewegt sich kaum, Haare werden nicht gewaschen und ans Telefon wird schon mal gar nicht gegangen. Doch wenn der Ex-Partner plötzlich anruft und sagt, dass die Trennung ein Fehler war und er uns gerne wieder zurück möchte, dauert es keine zwei Stunden, bis wir uns geduscht, die Wohnung geputzt, den Kühlschrank aufgefüllt haben und auf die Türklingel warten: Plötzlich stecken wir voller Energie und Tatendrang – also wir Autoren kennen das 😉
Doch woher kommt diese Energie?
Diese Energie kommt nicht von außen, sondern hat die ganze Zeit in uns geschlummert. Wir konnten sie nur nicht anzapfen. Erst der Anruf des Ex-Partners hat die Energiequelle wieder zum Sprudeln gebracht. In der westlichen Welt gibt es kein eigenes Wort für diese Kraft. In der chinesischen Medizin heißt sie Chi und in der Tradition des Yogas wird sie Shakti genannt. Und jetzt kommt die gute Nachricht. Wir können lernen, unser Chi fließen zu lassen, sodass wir jeden Tag voller Energie sind. Es ist immer da, wir müssen nur Sorge dafür tragen, dass es auch fließen kann. Dazu müssen wir innere Blockaden abbauen. Diese Blockaden können alles Mögliche sein: Ängste, Hass oder andere negative Gefühle und Gedanken. Aber wie können wir diese Blockaden bewusst abbauen?
Wir können Ängste überwinden, indem wir sie loslassen
Unser Bewusstsein neigt dazu, negative Dinge aufzubauschen und positive Dinge ohne viel Aufhebens hinzunehmen. Das war in der menschlichen Entwicklungsgeschichte eine sinnvolle Sache, denn wenn sich unsere Vorfahren den ganzen Tag über die Schönheit der ihr vorliegenden Welt gefreut hätten, anstatt sich vor möglichen Gefahren zu fürchten, gäbe es uns heute vermutlich nicht. In unserer modernen Zeit sind die meisten Ängste und negativen Gedanken nicht mehr überlebenswichtig, sondern machen uns das Leben unnötig schwer. Die Fachliteratur ist dazu eindeutig: Angst ist eigentlich etwas sehr Positives. Angstzustände übernehmen die Funktion eines Warnsignals bzw. die von Schutzhemmungen, die eine Gefahr signalisieren. Sie bewahren uns demnach vor Schaden. Allerdings zeigen sich diese Zustände unter Umständen auch in Situationen, denen keine objektive Bedrohung zu Grunde liegt. Sie treten im Sport zum Beispiel dann auf, wenn ein Sportler eine Aufgabe oder einen Gegner fürchtet, die bzw. der eigentlich unter seinem Leistungsniveau liegt. Man spricht in einem solchen Fall von unbegründeten oder unangepassten Ängsten. Sie stehen im Gegensatz zu angepassten Ängsten, welche auch Realängste genannt werden, da sie sich auf wahrnehmbare Gefahrenobjekte beziehen. Angepasste Ängste sind also rational greifbar bzw. realistisch zu begründen (Baumann, 1998). Wie gehen wir als am besten mit diesem evolutionären Erbe um? Wie können wir unsere Ängste überwinden, um ein freies und unbeschwertes Leben zu führen?
Zunächst müssen wir akzeptieren, dass es kein Leben ohne Angst gibt. Angst ist ein fundamentales Gefühl, welches jedes Lebewesen ungeachtet seiner noch so modernen Lebensweise umtreibt. Wir haben allerdings die Wahl, wie wir mit unserer Angst umgehen. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wir lernen, mit der Angst zu leben und uns von ihr zu lösen, oder wir gehen ihr aus dem Weg. Es ist wie mit einem Dorn, der in unserer Haut steckt: Wir können entweder versuchen, die Stelle nicht zu berühren, damit sie nicht schmerzt, oder wir entfernen den Dorn. Um unsere Angst loszuwerden, müssen wir zuerst akzeptieren, dass jede Angst an sich in Ordnung ist. Sie kann uns nichts anhaben, denn sie ist nur ein Gefühl, das wir wahrnehmen. Ängste führen dazu, dass unser innerer Energiefluss blockiert wird, und umgekehrt führt eine Blockade zu noch mehr Ängsten.
Persönlichkeit und Bewusstsein
Unser Bewusstsein ist sehr eng mit unserem Selbst verbunden. Die beiden sind so sehr durch Gedanken und Gefühle miteinander verwoben, dass wir oft gar nicht wissen, dass es sich um zwei unterschiedliche Dinge handelt. Unser Selbst ließe sich auch als unsere Persönlichkeit bezeichnen. Es ist das, was uns wirklich ausmacht (Singer, 2009). Das Bewusstsein hingegen ist nur eine mentale Konstruktion in unserem Kopf, das über Jahre durch Erfahrung, Gedanken und Gefühle geformt wurde. Leider sperren wir unser Bewusstsein oft ein. Sobald es uns gelingt, uns von Gedanken und Wahrnehmungen zu lösen, bekommt unser Bewusstsein endlich den wohlverdienten Auslauf und kann sich erweitern. Es ist ein bisschen so als würden wir einen spannenden Film anschauen und die ganze Welt um uns herum vergessen. In ähnlicher Weise beschäftigt sich unser Bewusstsein nur mit unseren Gedanken und Gefühlen und blendet alles andere aus. Solange wir uns so auf intensiv auf uns selbst konzentrieren, sperren wir unser Bewusstsein in einem Käfig ein. Aber genauso, wie wir nach einem Film-Marathon das Haus verlassen und frische Luft schnappen, braucht auch unser Bewusstsein regelmäßig Ausgang. Daher sollten wir lernen, unsere Gedanken gehen zu lassen z.B. mittels Meditation.
Fazit
Manchmal machen dein Kopf und deine Gedanken einfach nicht das, was du willst. Du warst bestimmt schon einmal in einer Leistungssituation (Prüfung oder Wettkampf) und hast dich selbst dafür verflucht, dass du so nervös bist, deine Hände schwitzen und der im Training so sicherer Aufschlag einfach nicht kommt. Auf der anderen Seite ist unser Gehirn manchmal unglaublich clever und nützlich. Es kann in einem Bruchteil von Sekunden Situationen einschätzen und einen handlungsdienlichen Plan entwerfen und umsetzen. Wie kommt es, dass unser Kopf so genial und doch so dumm ist? Die Antwort ist recht einfach. Wenn unser Gehirn uns zur Verzweiflung bringt, liegt das daran, dass wir es nicht richtig verstehen. Wir müssen versuchen, uns ein wenig intensiver mit ihm, unserem Bewusstsein und unseren Gedanken auseinandersetzen, um diese Missverständnisse aus der Welt zu räumen. Dies zu verstehen und unsere Gedanken besser kennenzulernen, ist der Schlüssel zu innerem Wachstum. Meditation hilft dir dabei, achtsam zu werden und deine Gedanken distanzierter zu betrachten. So wirst du erkennen, dass deine Gedanken nicht dein Selbst bestimmen, sondern nur zufällig in deinem Bewusstsein auftauchen.
Der Umgang mit Druck ist thematisch ein absoluter Klassiker. Und egal wie gut oder wie intuitiv wir mit Leistungsdruck umgehen, wir kennen ihn alle. Dennoch fühlt sich die konkrete Situation für die meisten Sportler und Sportlerinnen sehr individuell an. Und individuell sind auch die Handwerkszeuge, die wir aus der Sportpsychologie mitgeben können.
Zum Thema: Umgang mit Druck im Fußball
In der Rubrik “Du fragst, wir antworten” hat uns eine Anfrage einer jungen Torhüterin aus dem Bereich des Bundesliga-Nachwuchsfußballs erreicht. Sie steht seit Jahren zwischen den Pfosten, konnte aufgrund sportlicher Leistungen sehr auf sich aufmerksam machen und ist auf ihrem Karriereweg entsprechend gut vorangekommen. In den höheren Jahrgängen und in den jeweiligen Top-Ligen angekommen, spürt sie aber einen zunehmenden Druck. “Das macht mir Sorgen, möchte ich doch gerade im Tor selbstbewusst wirken und auch sein.”
Andreas Meyer (zum Profil) aus Köln, der Leipziger Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil) und Jan van der Koelen (zum Profil) aus Duisburg versuchen, zu helfen.
Die Frage: Wie kann ich als Torhüterin mit Druck besser umgehen?
Andreas Meyer
Antwort von: Andreas Meyer (zum Profil) Vermehrten Druck zu verspüren, wenn man der Sport leistungsorientierter wird, ist völlig normal und noch nicht einmal grundsätzlich schlecht, sondern es gibt auch einige positive Eigenschaften. Ein Sprichwort sagt „Druck formt Diamanten“ oder die Musikband Incubus singt in einem ihrer Texte „even diamonds start as coal“.
Es gibt zahlreiche Methoden, um dem wachsenden Druck gerecht zu werden, entgegenzuwirken oder ihn richtig zu nutzen. Hierzu gehört für mich am Anfang die Aufklärung über Druck: Was bedeutet er, woher kommt er und welche Gefahr geht von ihm aus? Aber auch, welche Chancen habe ich und wie bewerte ich die Situationen? Die Analyse und Bewertung des Faktors Druck ist sehr entscheidend, damit richtig damit umgegangen werden kann und ich nicht davon überwältigt werde. Nur wenn ich weiß, warum ich diesen Druck verspüre, kann ich auch daran arbeiten.
Das Selbstvertrauen sinkt mit der zunehmenden Angst zu versagen. Genau diese Thematik habe ich vor ein paar Jahren in einer Diplomarbeit an der Sporthochschule in Köln behandelt.
Druck kann Ängste hervorrufen – Ängste beeinflussen das Selbstvertrauen – ein niedriges Selbstvertrauen macht mir möglicherweise noch mehr Druck, weil ich mich unsicher fühle oder meine Leistung nicht bringe.
Meine KollegenInnen und ich können mit dir in die Detailarbeit gehen. Nimm gern Kontakt auf.
Der Druck bzw. das, was dahinter steht, das kann vielfache Ursachen haben. Offensichtlich ist, dass die Leistungsanforderungen steigen und die Frage aufkommt, bin ich diesen Erwartungen entsprechend von meinem Können, meiner körperlich-psychischen Fähigkeiten ausreichend gewappnet, um dieser Herausforderung zu begegnen?
Somit ist es sehr gut und gesund, sich darüber Gedanken zu machen und sozusagen selbst zu reflektieren. Dazu gehören auch offene Gesprächen mit dem Trainer, den Eltern und weiteren Personen des Vertrauens. Und wenn die Antwort “Ja” lautet, ich bin dazu in der Lage, dann hilft nur eins, mit vollen Mut und Kraft hinein in das neue Abenteuer, mit dem Selbstbewusstsein gut vorbereitet zu sein. An sich zu arbeiten, sein Bestes zu geben und zu versuchen, die Herausforderung zu meistern.
Sportpsychologische Begleitung und einige Techniken können bei solchen Übergängen in neuen Leistungsstufen hilfreich sein, wie z.B. mit Zielearbeit, der Frage nach den grundlegenden Motivationen, der Einschätzung des eigenen Leistungsstandes oder auch die Arbeit mit Imaginationen.
Im Fußball, wie auch in anderen Mannschaftssportarten, ist der Torwart und die Torhüterin einer besonderen Anforderung ausgesetzt. Im Vergleich zu den Feldspieler- und spielerinnen besteht in weniger Fällen die Möglichkeit, die eigenen Fehler „wiedergutzumachen“. Misslungene und verpasste Momente gibt es zuhauf im Sport – ob ein verlorenes Laufduell, ein Fehlpass, ein Stellungsfehler etc.
Gleichsam gibt es zuhauf die Gelegenheiten, den nächsten Pass, den nächsten Zweikampf oder den nächsten Abschluss wieder erfolgreich zu gestalten. Auf der Position der Torhüterin kann es vorkommen, dass hier lange auf den nächsten Moment, die nächste Gelegenheit und die nächste Spielszene gewartet werden muss, da verhältnismäßig weniger Möglichkeiten bestehen, über die Zweikämpfe und Laufwege selbstbewusst ins Spiel zu kommen.
Das kann den empfundenen Druck erhöhen und bringt viel Zeit zum Nachdenken mit sich. Diese Selbstgespräche können dann, je nach eigener Gestaltung, hinderlich oder sehr förderlich sein. Optimalerweise ist diese Zeit des Nachdenkens ein Vorteil und bietet die Möglichkeit, sich als Torhüterin mental stark einzustellen, um im nächsten Moment gut vorbereitet zu sein.
Die vergangenen sieben Jahre als Torhüterin ist ein Fundus an guten Erfahrungen und so manchen Erfolgserlebnissen. In den Phasen, in denen verschiedene zweifelnde Gedanken aufkommen, ist diese Erfahrung nutzbar, um das eigene Selbstbewusstsein zu stärken und konkrete und glaubhafte innere Bilder mit erfolgreichen Momenten zu erzeugen.
Der empfundene Druck darf dann als Hinweisgeber verstanden werden, der „Für Dich“ da ist und keineswegs schaden möchte. Beispielsweise im Sinne von aufmerksam zu bleiben, Entwicklungspotentiale zu erkennen und Ziele zu verfolgen. Gern begleiten meine Kollegen und Kolleginnen aus dem Netzwerk oder ich dich persönlich auf deinem Weg.
Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.
Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.
Nicht die besseren Einzelspieler, nicht die am besten taktisch geschulten Kicker, nicht die Individualisten mit den besten Perspektiven, sondern die bessere Mannschaft hat das zweite Halbfinale der Fußball Champions League zwischen Real Madrid und Manchester City gewonnen. Ist der 3:1-Sieg des einstigen weißen Ballets, welches am Mittwochabend eher wie eingeschworene Thekentruppe agierte, ein Fingerzeig, dass im Zweifel der Faktor Mensch alles Technische oder Künstliche übertrifft? Oder anders formuliert: Sehen wir am Beispiel von Pep Guardiola, einem der unbestritten weltbesten Trainer, dass weiche Faktoren wie Teamzusammenhalt, Kommunikation und Empathie – und damit auch die Sportpsychologie – immer noch viel zu sehr unterschätzt werden?
Welche Faktoren tragen aus eurer Erfahrung dazu bei, dass Mannschaften abseits der jeweils motorischen oder taktischen Anforderungen funktionieren?
Trainer, Spieler und Vereinsmanager müssen sich bewusst machen, dass sie letztendlich nur eine einzige Person führen können und auch müssen. Diese Person sind sie selbst. In der Forschung hat sich gezeigt, dass es sich bei diesen Selbstführungsstrategien um erlernbare kognitive Fähigkeiten und Kompetenzen handelt. Die Selbstführungsstrategien werden unterteilt in ausführende, intrinsisch motivierende und denkbezogene Strategien. Dazu gehören Selbstbeobachtung, Selbstzielsetzung, Selbstbelohnung und Selbstbestrafung sowie Selbsterinnerung (Furtner & Baldegger, 2016; Neck & Houghton, 2006). Eine wirksame Selbstführung ist daher die Basis für den sportlichen Erfolg sowie für eine kontinuierliche Leistungsfähigkeit. Des Weiteren braucht jeder Verein klare Werte und Prinzipien, aus denen eine gemeinsame Vision, ein gemeinsames Ziel abgeleitet werden kann. Erfolgreiche Teams entwickeln daher klare Strukturen, die im entscheidenden Moment Halt und Sicherheit geben.
Spieler haben ein gutes Gespür für die Fähigkeiten ihres Trainers, die Angemessenheit seiner Handlungen und ob er über einen Sinn für Abläufe, Menschen und Umstände sowie über Einfühlungsvermögen verfügt. Davon ist das erfolgreiche Funktionieren von Interaktionen und letztendlich auch der Beziehung zwischen dem Trainer und seiner Spieler abhängig. Deshalb ist Empathie aus meinen bisherigen Erfahrungen eine essenzielle Voraussetzung, damit die Handlungen eines Trainers von Erfolg gekrönt sind und zwischen ihm und seines Spielern eine Basis von reziprokem Verständnis, von Geduld und Akzeptanz herrschen kann.
Der Kern und essenzieller Faktor des Erfolgs im Mannschaftssport ist es, den Teamgeist zu fördern. Systemisch betrachtet gestaltet auf der einen Seite der Trainer des Teams eine gute Atmosphäre, ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und kreiert dabei eine Siegermentalität. Auf der anderen Seite tragen gleichermaßen hierzu auch die einzelnen Spieler bei, da sie sich in permanenter Wechselwirkung mit dem Trainerteam und untereinander befinden.
Die gemeinsam formulierten Ziele der Mannschaft geben eine Richtung vor und sind im Idealfall noch mit individuellen Zielen der einzelnen Mannschaftsspieler im Einklang, damit eine möglichst intensive intrinsische Motivation erzeugt wird und jeder einzelne im Team sich darüber bewusst ist, dass er für das Gesamtgefüge wichtig ist und etwas zum Gesamterfolg beitragen kann. Durch diesen ausgelösten sportlichen Ehrgeiz kann sich die Mannschaft auf und neben dem Platz gegenseitig motivieren und beflügeln.
Ein maßgeblicher Faktor, dass Mannschaften funktionieren, erfolgreich sind und Widerstände trotzen, ist die positive Kommunikation untereinander. Das gegenseitige motivieren geschieht durch eine positive Konnotation von Spielaktionen und der Aufmerksamkeitsfokussierung auf die gelungenen Aktionen im Spiel. Gleichzeitig ist das informieren über klare Handlungsanleitungen, die positive Leitung, hilfreicher, als ständige Korrekturen und Fehlererkennungen.
Im vergangenen Halbfinalspiel zwischen Madrid und ManCity war zu beobachten, wie insbesondere Marcelo und Kroos, immer wieder an der Seitenlinie standen und im Austausch mit dem Trainer waren, aber auch verbal und klatschend die Mannschaftskameraden auf dem Feld unterstützt haben. Selbiges war bereits bei der EM 2016 eindrucksvoll zu sehen als Portugals Kapitän, Cristiano Ronaldo, vor der Verlängerung verletzt zurück aus der Kabine kam um seinen Mitspielern Mut zu machen, um sie zu motivieren und um seinen Nationaltrainer zu unterstützen, der dies, wie auch Mittwochabend Ancelotti, dankend annahm.
Was den Teamspirit hierbei entfacht ist der Wunsch nach Einflussnahme, Mitwirkung und Mitgestaltung, dass ein menschliches Grundbedürfnis darstellt. Spieler und Mannschaften möchten sich weiterentwickeln, einen Beitrag leisten, etwas prägen und formen und Schaffenskraft einbringen.
Eine funktionierende Mannschaft, in der Spieler die individuellen Ressourcen und Qualitäten des jeweils anderen schätzen und sich gegenseitig vertrauen, erhöht die Wahrscheinlichkeit am Erfolg als ein Team mit herausragenden Einzelspielern.
Zu guter Letzt führt ein stark ausgeprägter Teamgeist auch vermehrt zum Spaß am Sport und einer Stimmung im Team, die entwicklungsfördernd ist.
Ein Schlüssel für den Teamzusammenhalt ist die Kommunikation und die Wahrnehmung eines jeden einzelnen Individuums in der Gruppe. In einer idealen Profi-Sportwelt: Wie sollte sich diese Kommunikation gestalten? Wie viel sollte kommuniziert werden, wer sollte miteinander kommunizieren, wie lässt sich Kommunikation fördern?
Gerade in herausfordernden Spielphasen kommt es darauf an, dass die Spieler erkennen und verstehen, was sie zu tun haben. Diese Inhalte müssen also bereits im Training klar kommuniziert und für alle Beteiligten verständlich vermitteln werden. Nur auf diese Weise kann mit der Zeit ein Lernprozess stattfinden, der im Idealfall zu einer besseren und erfolgreicheren Mannschaftsleistung führt. Wenn die Spieler und der Trainer zum Beispiel erkennen, dass die Leistungsfähigkeit oder die Konzentration im Spielverlauf nachlässt, müssen sie geeignete Lösungen finden. Um dies noch besser zu verdeutlichen, kann die Mannschaft mit dem Trainer bestimmte Vokabeln einführen, die sie zuvor im Training einstudiert haben. So kann zum Beispiel ein bestimmter Name ein Synonym für eine besonders offensive Formation oder ein innerer Auslöser sein. Die Spieler wissen sofort, was gemeint ist und verändern das Spiel und Ihre Einstellung dementsprechend. Das kann bei der gegnerischen Mannschaft zu einer Verwirrung führen und das eigene Team ins Spiel zurückholen.
Zweifelsfrei stellt die Fähigkeit, funktional innerhalb einer Gruppe zu kommunizieren, eine enorm wichtige Grundlage für das Funktionieren dieser dar. Insbesondere die Trainer als Führungskräfte sollten über kommunikative Kompetenzen verfügen. Entscheidend ist es, die eigene Kommunikation nicht dem Zufall zu überlassen, sondern sich bewusst mit der Macht und Wirkung dieser im Positiven wie im Negativen auseinanderzusetzen und ein Bewusstsein für die Bedeutung dessen, was, wann, wieviel, mit wem und auf welche Art und Weise kommuniziert werden sollte, zu entwickeln. Enorm wichtig ist es, verschiedene Arten von Kommunikation situations- und personenabhängig anwenden zu können. So lässt sich grob zwischen einer inhaltlich-fachlichen und einer emotional-motivationalen Art und Weise der Kommunikation differenzieren.
Die inhaltlich-fachliche Ebene hat zum Ziel, konkrete Inhalte sowie Wissen zu vermitteln, zu erklären, Zusammenhänge aufzuzeigen oder diese interaktiv mit den Spielern zu erarbeiten. Schwerpunktmäßig hiervon geprägt sind Matchplanpräsentationen, Spielanalysen, Videoanalysen, das Detailcoaching im Training, Workshops und auch zahlreiche Einzelgespräche. Mit der Kommunikation auf emotional-motivationaler Art und Weise ist die Absicht verbunden, die Herzen der Spieler zu erreichen, Gefühle zu wecken und Stimmungen zu erzeugen. Typische Beispiele hierfür stellen die emotionale Ansprache kurz vor Spielbeginn, das Antreiben im Spiel, das Fordern im Training, Appelle oder auch das Heißmachen von Einwechselspielern dar.
Zu einer gelungenen Kommunikation innerhalb einer Gruppe gehört zudem eine Feedbackkultur. Dies bedeutet, eine Kultur zu schaffen, in der wechselseitig ehrliche und konstruktiv-lösungsorientierte Rückmeldungen gegeben werden, um Ansichten und Erwartungshaltungen auszudrücken, sich mit jenen der Gegenseite auseinanderzusetzen und somit einen Perspektivwechsel vollziehen zu können, Wertschätzung entgegenzubringen und zur Weiterentwicklung beizutragen. Wesentliche Voraussetzungen für die Entwicklung und Etablierung einer solche Kultur bestehen in einem gegenseitigen Vertrauensverhältnis, einer passenden Regulation von Nähe und Distanz, die wiederum vom Trainerteam gesteuert werden muss, und einem ausgeprägten Selbstwertgefühl. Feedback sollte als Wachstums- und Lernchance begriffen, die erhaltene Rückmeldung richtig eingeordnet und mit seiner eigenen Wahrnehmung abgeglichen werden, um die für sich passenden Schlüsse daraus ziehen zu können.
Eine entscheidende Leistungsressource stellt zudem die Kommunikation auf dem Feld dar. So lassen sich beispielsweise das emotionale und taktische Coaching zunächst, z.B. workshopbasiert, theoretisch vorbereiten und in Übungs- und Spielformen anschließend praktisch anwenden. Insbesondere die Entwicklung eines Kommandokatalogs und von Geheimcodes auf taktischer Ebene kann dem Team einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschaffen. Die Aufnahme von entsprechenden Spielsequenzen und die anschließende Auswertung dieser in der Gruppe dient dabei der Reflexion des Status Quo in punkto Kommunikation.
Empathie ist die Voraussetzung. Die Spieler brauchen ein Gespür dafür, was der andere in einer bestimmten Situation braucht. Ein Spieler muss vielleicht aktiviert werden, während ein anderer eher gebremst werden muss, um seine optimale Leistungsfähigkeit zu erreichen. Das muss das Trainerteam im Blick haben, aber genauso auch Spieler und insbesondere Führungsspieler.
Wichtig: mehr kommunizieren ist nicht automatisch besser. Es kommt darauf an, wer wann was braucht. Das kann ich im Training schon vorbereiten. Und ich kann ebenfalls im Vorfeld einen Austausch darüber fördern, was der Einzelne in verschiedenen Situationen braucht.
Liebe Trainer und Führungsspieler, bitte bedenkt auch, dass die Aufnahmekapazität gerade unter Stress reduziert ist. Zu viele Tipps und gut gemeinte Anweisungen können gar nicht mehr sinnvoll verarbeitet werden. Auch hier gilt es im Vorfeld des Wettkampfes gemeinsam zu erarbeiten, wie die Kommunikation gestaltet werden soll, wenn es hoch her geht.
Was können wir für den Fußball und andere Teamsportarten aus dem Finaleinzug von Real Madrid, die im Verlauf der Ko-Phase Paris St. Germain, den FC Chelsea und nun Manchester City geschlagen haben, mit Blick auf die Sportpsychologie lernen?
Wir können zwei Botschaften aus dem Spiel mitnehmen:
Ich glaube es hat im zweiten CL-Halbfinale nicht zwingend der bessere Fußball gewonnen. Es hat die bessere Mannschaft gewonnen. Es zeigt sich auf wunderbare Weise, dass das Ganze mal wieder mehr ist als die Summe seiner Teile. Es lohnt sich also, in den Erfolgsfaktor Mannschaft zu investieren. Es lohnt sich, in Kommunikation und Zusammenhalt der Mannschaft und des Trainerteams kontinuierlich zu investieren.
(Dabei sind wir Sportpsychologen natürlich gerne behilflich)
Zweitens: Die favorisierte Mannschaft mit den vielleicht besseren Spielern und dem vielleicht auch ausgefuchsteren Spielsystem verliert gegen eine Mannschaft, die über sich hinauswächst, die niemals aufgibt und am Ende das Glück erzwingt. Du hast keine Chance – nutze sie! Das ist die Einstellung, mit der jeder Sportler und jede Mannschaft bestimmt nicht jedes verloren geglaubte Spiel gewinnt. Aber ohne diese Einstellung gehen alle diese Spiele verloren.
Als wünschenswertes Ergebnis lässt sich festhalten, dass dem sportpsychologischen Coaching und Training, das kontinuierliche Teamentwicklungstraining, das Selbstmanagement und die Stärkung sozialer Kompetenzen von fast allen Akteuren im Fußball eine große Bedeutung zugesprochen werden, der Kenntnisstand und die Anwendung jedoch äußerst lückenhaft ist. Viele Betreuungen finden nur hinter verschlossenen Türen und fernab der Öffentlichkeit statt – dieser Umstand führt auch dazu, dass einige Spieler und Vereine verunsichert sind. Der Fußball braucht einen Wandel und wir sollten dies mit unterstützen. Mein persönliches Anliegen ist es, die Sportpsychologie im Fußball mehr zu etablieren und zu pflegen. Denn die Möglichkeiten unserer Disziplin werden oft unterschätzt. Dabei sind sie immense Größen für gesundheitlichen, sportlichen und menschlichen Erfolg.
Blicken wir auf die KO-Phase von Real Madrid zurück: Aufholjagd gegen Paris Saint-Germain, Aufholjagd gegen den FC Chelsea, Aufholjagd gegen Manchester City.
Doch bei all den gelungenen vorherigen Aufholjagden: Wer hat in der 73. Minute, als Mahrez den Führungstreffer für ManCity erzielt hat, noch an einen Finaleinzug von Real Madrid, den Galaktischen, geglaubt? Einfach unfassbar!
Ich glaube, dass der Fußball, und auch andere Individual- und Teamsportarten, insbesondere lernen können, dass es sich lohnt, in die „mentale Stärke“ zu investieren. Es lohnt sich als Trainer und Mannschaft neben dem anstrengenden Training, Wettkämpfen und privaten Verpflichtungen noch in den Teamgeist zu investieren. Es lohnt sich, sich den eigenen Fähigkeiten und der eigenen Haltung zum Siegen bewusst zu werden. Es lohnt sich, sich mit dem Umgang mit Rückschlägen und dem Herangehen von Herausforderungen zu beschäftigen.
Carlo Ancelotti sagte: „Mein Stil ist es, den Spielern die Möglichkeit zu geben, sich wohlzufühlen“. Der positive, ressourcenorientierte kommunikative Stil und die Miteinbeziehung der Spieler auf Augenhöhe ist ein Faktor des Erfolgs. Ich wünsche dem Sport sehr, dass diese Haltung, den Menschen im Leistungssport zu sehen, noch mehr an Bedeutung gewinnt.
Teamsport ist großartig. Ganz unabhängig von Ergebnissen und Leistungszielen ist es das Miteinander, was Kinder in ihrer persönlichen Entwicklung weiterbringt. Was aber, wenn ein Kind solche Situationen meidet wie Neymar Jr. harte Zweikämpfe? Wenn das Kind also der Situation gewachsen wäre, sie aber umgeht wo es nur kann. Sollten Eltern Druck ausüben?
Zum Thema: Elternverhalten im Nachwuchssport
Folgende konkrete Frage erreichte uns über die Rubrik “Du fragst, wir antworten”: Mein Sohn ist neun Jahre alt und begeistert sich für diverse Sportarten. Insbesondere wenn ein Ball im Spiel ist, begeistert ihn das. Allerdings weigert er sich, einen Teamsport innerhalb von Vereinsstrukturen zu absolvieren. Außerhalb der Schule oder vertrauten Umgebungen scheut er sich, innerhalb von Gruppen zu agieren. Er begründet dies so: “Die anderen trainieren dort schon länger. Die sind sicher viel besser als ich. Ich kann dort erst mitmachen, wenn ich besser bin.” In der Folge vermeidet er entsprechende Situationen. Insgesamt hat er durchaus perfektionistische Tendenzen. Als Familie üben wir wissentlich keinerlei Druck aus – er entscheidet, allerdings ist uns Eltern bewusst, dass er sich mit seinem freiwillig unfreiwilligen Verzicht auf Mannschaftssport viele wichtige Erlebnisse verpasst.
Anke Precht (zum Profil) aus Offenburg, Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil) aus Leipzig, der Duisburger Jan van der Koelen (zum Profil) und Andreas Meyer (zum Profil) aus Köln haben sich der Frage angenommen.
Die Frage: Soll ich mein Kind zum Spielsport drängen? Gibt es Wege oder Argumente, ihn für ein Probetraining etc. zu begeistern?
Wenn Sie den Eindruck haben, er könnte den Sport lieben, er aber Angst hat, sich als Anfänger zu blamieren, kann es sich lohnen, kommunikativ die Perspektive zu wechseln. Dieser Ansatz stammt aus der strategischen Psychologie. Sprechen Sie nicht darüber, dass er ja gar nicht perfekt sein muss oder dass die anderen auch Fehler machen. Stellen Sie ihn zum Beispiel vor eine Pseudoalternative, in der Sie seine Sorgen aufnehmen: Du könntest entweder ein Probetraining in Verein A machen z.B. im Nachbarort, da spielen echt nur Pfeifen, das fällt gar nicht auf, dass du noch nie in einer Mannschaft gespielt hast. Oder du machst ein Probetraining im Verein B, aber das ist ein bisschen härter, weil da auch gute Spieler sind und du am Anfang wahrscheinlich ein bisschen hinterher laufen musst. Dieser kommunikative Trick kann dabei helfen, einem begeisterten aber ängstlichen Kind die Tür in einen geliebten Sport zu öffnen, ohne frustrierende Diskussionen führen zu müssen. Die meisten Kinder in oben genannter Situation entscheiden sich übrigens für das Probetraining im Verein B. Viel Spaß Ihrem Sohn beim Spielsport!
Ich halte, auch aus eigener Erfahrung, es für besonders wichtig, Kinder und Jugendliche ihre eigene Erfahrungen machen zu lassen, welche Sportart für sie die geeignete ist. Und die Vorstellung, dass Mannschaftssport die soziale Kompetenzen und Erlebnisse besser entwickelt als Individualsportarten, dafür gibt es wenig Hinweise in der wissenschaftlichen Literatur. Aus der eigenen Erfahrung mit sowohl Individual- als auch Mannschaftssporterfahrung kann ich nur sagen, es ist anders, doch soziale Kompetenz zu entwickeln, ist in beiden Bereichen möglich oder auch eben nicht. Dies hängt von anderen Faktoren ab.
Wichtig ist eine liebevolle Begleitung beim Findungsprozess, eine wertfreie Rückmeldung und Reflexion in gemeinsamen Gesprächen. Es ist nicht die Vorstellung, die Sichtweise und Wunsch der Eltern, die entscheidend sind, sondern das Herausfinden der eigenen Bedürfnisse durch das Kind, wie viel Autonomie und wie viel Verbundenheit ist das gute Maß für mich.
Was nicht heißen soll, nicht doch gemeinsam über das Thema Perfektionismus, Angst vorm Scheitern und Fehler zu sprechen. Eine richtige Einordnung zu geben, dass niemand perfekt ist oder perfekt wird, sondern dass Fehler Lernerfahrungen darstellen und notwendig sind, um sich weiterzuentwickeln. Und dass Angst ein hilfreicher Lerntreiber ist, doch nur da, wo sie auch bedrohlich und real ist, ansonsten ist sie ein Verhinderer von Entwicklungen.
Die Begeisterungsfähigkeit Ihres Sohnes ist eine wertvolle Eigenschaft. Das emotionale Zentrum im Gehirn, wodurch das Lernen stark begünstigt wird, wird damit fortwährend aktiviert. Damit lernt Ihr Sohn auch sich als neugieriger Entdecker und Gestalter wahrzunehmen. Damit nutzt er bereits die vielen Sportarten, insbesondere Ballsportarten, um seine Präferenzen, Fähigkeiten und intrinsische, von sich ausgehende, Motivation zu erspüren. Ebenso entwickelt Ihr Sohn den Spaß am Sport und den Spaß an vielleicht einer expliziten Sportart.
Ihre Einstellung als Eltern Ihr Kind einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren, verhilft Ihren Sohn sich mit Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Was wäre für Sie wichtiger: Dass Ihr Sohn den Spaß und die Leidenschaft beibehält, weiterentwickelt und für sich den Moment des „nächsten Schrittes“ wählt oder vor Herausforderungen gestellt wird, dem er sich in seinen jungen Jahren noch nicht gewappnet fühlt, aber vielleicht dadurch Erlebnisse im Einzel- oder Mannschaftssport verpasst?
Sicherlich werden Sie eine Antwort für sich finden, wodurch Sie eine gute Begleitung für Ihren Sohn sein werden und sehen, was Sie bereits bei Ihrem Sohn gefördert haben und worauf Sie in nächster Zeit Ihre Aufmerksamkeit richten möchten.
Aus meiner Erfahrung sind die Begeisterung und der Spaß die kraftvollsten Triebfedern von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, um eine Sportart in Vereinsstrukturen zu verfolgen – und dann sind auch positive Erlebnisse im Einzel- oder Mannschaftssport möglich.
Andreas Meyer
Antwort von: Andreas Meyer (zum Profil) Wenn das Kind nicht bereit ist, im Vereinssport zu agieren, ist es zunächst einmal nicht förderlich, ihn in irgendeiner Richtung dazu zu drängen. Kommt es nämlich dazu, dass sich seine Ängste oder Befürchtungen beim Probetraining bewahrheiten, war es das voraussichtlich erstmal für eine längere Zeit und das Vertrauen sowohl in sich selbst als auch in andere wird zu Schaden kommen können.
Aufklärung und eine schrittweise Heranführung an die Ängste wird erfolgreich eingesetzt, um eine Desensibilisierung gegenüber den Ängsten zu erreichen. Beispielsweise vielleicht zunächst einmal eine Art Schulsportmannschaft (AG) aufzusuchen, wo er am besten noch mit seinen Freunden zusammen Sport macht. Hier könnte er Einblicke bekommen, wie es ist, mit einer mehr oder weniger festen Gruppe gemeinsam Fussball oder ähnliches zu spielen. Dann könnte man mal bei einem Training zuschauen und anschließend (wenn er das möchte) ein Probetraining vereinbaren.
Übrigens sind die meisten Profisportler auf irgendeine Art und Weise perfektionistisch veranlagt. Der eine kann damit umgehen und hat die nötigen Ressourcen bereits entwickelt, andere schaffen es nicht. Perfektionistische Züge zu haben, bedeutet auch immer, dass man sich selbst Druck auferlegt. Lernt man es, mit Druck umzugehen und Niederlagen, Scheitern und Fehler richtig zu bewerten, dann ist das ein großer Schritt in die richtige Richtung. Nicht nur für den Sport, sondern generell auch für das private und berufliche Leben.
Ich hoffe, Sie können mit unseren Antworten etwas anfangen, ansonsten fragen Sie gerne noch einmal nach.
Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.
Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.
Scheitern ist offensichtlicher Bestandteil des Leistungssports. Der Grad der Betroffenheit steigt, wenn dabei junge Menschen zu Schaden kommen. Wenn es etwas gibt, das mich als Sportpsychologe, als Vater einer jungen Leistungssportlerin und auch als ehemaliger Nachwuchs-Leichtathletiktrainer heftig betroffen macht, dann dies: Die Selbsttötung eines jungen Menschen. Die schreckliche Meldung des Suizids der 21-jährigen US-Leichtathletin Sarah Shulze erschüttert. Mein Blog ist (m)ein Versuch einer persönlichen, sachbezogenen Aufarbeitung – in drei Teilen.
Zum Thema:Nutzung von Fallbeispielen für die eigene sportpsychologische Arbeit
Unlängst fragte mich ein Student in meiner Vorlesung «Sportpsychologie»: „Gibt es in deiner Tätigkeit als Sportpsychologe eine Periodisierung?“ Ich zögerte kurz, meinte dann: „Ja, schon! Ich gehe von einer Jahresplanung aus, definiere die zentralen Themen, wichtige Events (z.B. sportliche Höhepunkte, Tagungen) und koordiniere diese Aktivitäten mit meinen Lehrverpflichtungen an den Universitäten.“ In meinem persönlichen Kalender sind insbesondere April und Mai diesbezüglich die mit Abstand umtriebigsten Monate. Aktuell bereite ich einen Beitrag für das Nachwuchsleistungssport-Symposium „Gemeinsam gross werden“ vom 09. bis 11. Mai 2022 in Leipzig vor. Ich wurde eingeladen, im Rahmen eines „Schlaglicht“-Vortrags aus meinem Erfahrungsschatz zum Thema „Elterncoaching“ zu berichten. Einen aktuellen Orientierungspunkt dazu liefert mir das tragische Beispiel von Sarah Shulze und folgendes Statement ihrer Familie: «Der Spagat zwischen Sport, Studium und den Anforderungen des täglichen Lebens überforderte sie in einem einzigen, verzweifelten Moment».
Es steht mir nicht zu, diese Äusserung als Aussenstehender zu kommentieren. Andererseits verfolge ich mit diesem Beitrag das (psychoedukative) Ziel einer exemplarischen Veranschaulichung der Thematik. Dabei möchte ich eine Idee vermitteln, wie ich mir in meiner alltäglichen Arbeit als angewandter Sportpsychologe die Einordnung verschiedener Erkenntnisse und Sachverhalte zunutze mache. Konkret beschäftigen mich drei, eher zufällige „Episoden“, der letzten sieben Tage.
Teil 1: Erstgespräch mit einer jungen Spitzensportlerin
Ein passender Einstieg eröffnet mir ein Erstgespräch mit einer jungen Spitzensportlerin, das erst kürzlich stattgefunden hat. Carla (Namen geändert) gilt als shooting-star im Schweizer Sport, eine der Weltbesten ihres Alters in ihrer Disziplin, eine Athletin mit grossem Potential. So wie die Diskussion verläuft wird schnell klar: mir gegenüber sitzt eine ambitionierte, motivierte und erfolgsorientierte junge Frau. Eloquent schildert sie ihren bisherigen Karriereverlauf, betont die Komplexität ihres Betreuungsumfeldes. Auf ihr Interesse an sportpsychologischer Begleitung angesprochen meint sie: „Ich handle gerne nach einem gut funktionierenden Plan, den ich für meine Wettkampfvorbereitung noch verbessern will.“ Weiter erwähnt sie körperliche Einschränkungen, die ihr momentan noch im Trainingsalltag zu schaffen machen sowie das Unistudium, welches sie unlängst begonnen hat.
In meinem Gesprächsprotokoll streiche ich später fünf Stichworte dick an: Duale-Karriere, Perfektionismus, Versagensängste, Erholungs-Belastungsmanagement und Umfeldoptimierung.
Teil 2: Interview mit Bradley Wiggins
Vor wenigen Tagen bin ich auf ein Interview mit dem ehemaligen Rad-Star Bradley Wiggins gestossen. Der Titel zum Gedankenaustausch mit dem früheren Tour de France- und Olympia-Siegers lässt wahrlich nichts Schönes erahnen „Mit 41 Jahren begräbt Bradley Wiggins seine Dämonen“.
Die Liste seiner Dämonen: Sexueller Missbrauch durch einen Jugendtrainer, die Ermordung seines Vaters („Ich habe nie Antworten erhalten, als er 2008 ermordet wurde“), ein gewalttägiger Stiefvater, der ihn Schwuchtel nennt. Isolierte Jugend mit Flucht in den Radsport, um später ein Rockstar des Spitzensports zu werden. Abschliessend umschreibt er diese Zeit desaströs: „Es war wahrscheinlich die unglücklichste Zeit meines Lebens.“ Wiggins’ Beschreibungen wandern bei mir in verschiedene aktuelle Arbeitsdossiers: u.a. Elterncoaching, Psychoedukation Trainer*innen und Verbände, Aktion „SaveSport“.
Teil 3: Whistleblowing im Schweizer Spitzensport: „Swiss Sport Integrity“
Die dritte Episode ereignete sich beim Besuch meines Vaters in der Innerschweiz, als ich – wohl eine Gewohnheit aus meiner Jugendzeit – einen Blick in die Luzerner Zeitung vom 19. April warf. Darin las ich, dass der im Schweizer Sport neu aufgebauten Abteilung „Swiss Sport Integrity“ täglich mindestens eine Meldung zu einem möglichen Übergriff gemeldet werde. Die vom Abteilungsleiter Markus Pfisterer vorgestellte Statistik macht mich nachdenklich: „Erst 34 Dossiers konnten bislang ad acta gelegt werden. 57 Meldungen sind noch in Bearbeitung. In drei Fällen wurde bereits provisorische Massnahmen zum Schutz der Opfer getroffen. Bislang 13 Fälle wurden als derart schwerwiegend eingestuft, dass eine offizielle Untersuchung im Gang ist. Insgesamt stammen die 91 Meldungen aus mehr als 30 verschiedenen Sportarten.“
Bei mir erhält dieser Zeitungsbeitrag verschiedenen Aktenzeichen, z.B. „Magglinger Protokolle“, Elterncoaching und SafeSport Schweiz.
Ausblick
Wie ich diese Episoden in meinen Leipziger „Schlaglicht“-Beitrag verweben werde, weiss ich noch nicht. Die Komplexität der Themenfelder, aber auch die unterschiedlichen Perspektiven der beteiligten Akteure erschweren die Suche nach einem gemeinsamen Nenner, die Festlegung eines Schwerpunktes.
Zielführend könnte aber folgende Anekdote sein. Manchmal nutze ich die sozialen Medien als „Resonanz-Raum“ – so auch im Fall des tragischen Suizids der US-amerikanischen Leichtathletin. Mein Post (siehe Quellen) führte zu zahlreichen Einträgen und sehr persönlichen Stellungnahmen. Jenen der von mir ausserordentlich geschätzten kanadischen Arbeitskollegin Theresa Bianco möchte ich an dieser Stelle zitieren: „So devastating. Really sad for all concerned, this beautiful young woman and all who loved her. Hanspeter, I can certainly understand your concern. The main things, as you know, is to keep the channels of communication open.“
Ein Leitsatz
Den Leitsatz – die Kommunikation auf allen Kanälen offen halten und zu führen – werde ich mir für meine weiteren Aktivitäten insbesondere beherzigen. Allein, weil wir dies den Menschen im System Leistungssport schuldig sind.
Eine meiner Sportlerinnen, eine sehr talentierte Gleitschirmfliegerin, hat immer mal wieder Probleme, sich für das Techniktraining zu begeistern. Ihr erscheine das Training langweilig, anstrengend und es liefere keine unmittelbaren Ergebnisse. Daher findet sie alle möglichen Ausreden, um nicht die technischen Grundlagen trainieren zu müssen. Sicher kennt ihr das alle, egal in welcher Sportart ihr daheim seid. Hier verrate ich, welchen Weg ich gefunden habe, um mit der jungen Sportlerin zu arbeiten.
Zum Thema: Wie du deinen inneren Schweinehund mit der Zielperspektive besiegen kannst
Ganz unabhängig von der Sportart ist es Tatsache, dass wir uns als Aktive oft selbst im Weg stehen und unsere Bemühungen um ein besseres Sportlerleben sabotieren. Wir wollen uns aktiv und engagiert fühlen und trotzdem den ganzen Tag im Bett bleiben. Wir wollen uns wertgeschätzt und geliebt fühlen, und doch verfallen wir schnell in Selbstvorwürfe. Wir wollen es vielleicht gar nicht tun und kehren doch zuverlässig in unsere alten Muster zurück – vor allem, wenn wir uns gestresst oder überfordert fühlen.
Aber wir tun diese Dinge nicht, weil wir schlecht sind oder weil wir „nichts richtig machen können“. Stattdessen tun wir es aus einem eher banalen Grund: Wir wollen ändern, wie wir denken und fühlen. Und sei es nur ein bisschen. Und sei es nur für einen Moment. Um uns besser zu fühlen, geben wir oft unsere anderen Pläne und Absichten auf. Sich kurzfristig besser zu fühlen, ist besser als der langfristige Erfolg.
Die Rolle der sozialen Medien
Wir alle tun dies in der einen oder anderen Form, vor allem, wenn wir uns unwohl fühlen. Das ist normal und natürlich. Manche Menschen entkommen dem Gefühl, nicht gut genug zu sein, indem sie stundenlang in den sozialen Medien surfen. Andere wiederum versuchen durch übermäßiges Essen einer Auseinandersetzung mit den eigenen Probleme zu entfliehen. Die Wege, auf denen wir versuchen, unsere schwierigen Gedanken und Gefühle zu kontrollieren und sich gleichzeitig besser zu fühlen, sind vielfältig. Auch abseits des Sports.
Leider hat es Konsequenzen, wenn wir kurzfristige Erleichterung über langfristige Absichten stellen. Und je öfter wir diesen Weg wählen, desto deutlicher werden die Folgen. Einmal sich der virtuellen Realität hingeben ist eher unproblematisch. Ständig vor dem Computer zu sitzen, kann negative Folgen für das soziale Umfeld, die Gesundheit und die Arbeit haben. Regelmäßig Sporttreiben ist gesund. Hier bei Die Sportpsychologen, geht es um Profi- und Amateursportler, die in ihrer jeweiligen Disziplin besser werden möchten. Also, ist regelmäßiges Training notwendig. Doch Sport als Flucht vor den eigenen Problemen zu nutzen, kann langfristig negative Folgen in allen Lebensbereichen haben.
Banale Ratschläge
„Denk einfach positiv!“ ist ein häufig gegebener Rat. Na, wenn das so einfach wäre. Viele versuchen verzweifelt, nur positive Gedanken zuzulassen. Oder vielleicht versuchst du deine Gefühle und Gedanken zu kontrollieren, in dem du bestimmte Menschen, Orte oder Situationen meidest?
Die Strategien sind vielfältig. Ganz egal, welche Strategie du wählst, früher oder später, werden die schwierigen Gedanken und Gefühle zurückkehren – häufig stärker als vorher.
Mein Ansatz
Es gibt einen anderen Weg. Anstatt Gedanken und Gefühle zu verdrängen, sollten wir einen neuen Ansatz wählen, der auf den ersten Blick vielleicht kontraintuitiv erscheinen mag. Doch dieser neue Weg kann den Kampf beenden und dir ermöglichen, mehr von dem zu tun, was dir wichtig ist.
Schritt 1: Wahrnehmen
Als erstes solltest du deine schwierigen Gedanken und Gefühle einfach nur wahrnehmen. Häufig sind wir in unseren Gedanken und Gefühlen so sehr verstrickt, dass wir erst im Nachhinein merken, dass wir in unseren „alten“ Gewohnheiten feststecken. Der erste Schritt ist daher wahrzunehmen, was in meinem Inneren passiert. Welche Gedanken und Gefühle tauchen auf?
Schritt 2: Benennen
Der zweite Schritt besteht darin, die innere Erfahrung zu benennen. „Ich bin unruhig“, „Ich habe ein flaues Gefühl im Magen“, „Ich habe die Sorge, dass nichts, was ich tue, von Bedeutung ist“. Durch das Benennen der eigenen Erfahrung entsteht Distanz. In dem Moment indem ich einen Gedanken oder ein Gefühl benennen kann, bin ich nicht mehr dieses Gefühl oder der Gedanke, sondern „ich habe den Gedanken oder das Gefühl“. Und etwas, dass ich habe, kann ich auch loslassen. Du bekommst eine neue Perspektive auf deine Erlebnisse. Du kannst versuchen, vor deine Gedanken einen Halbsatz zu setzen: „Ich nehme wahr, dass ich den Gedanken/das Gefühl…. habe“, z.B. „Ich nehme wahr, dass ich Angst habe.“
Schritt 3: Fokussieren auf mein Ziel
Der dritte Schritt besteht darin, sich wieder auf das zu konzentrieren, was für dich wichtig ist. Auch wenn du unangenehme Gedanken und Gefühle erlebst, gibt es immer noch Dinge, die dir wichtig sind. Mach dir bewusst, was dein Ziel ist und was dir JETZT wichtig ist. Auch wenn du unangenehme Gedanken und Gefühle hast, kannst du dich dafür entscheiden, nach dem zu handeln, was dir wichtig ist. Fokussiere dich auf dein Ziel, konzentriere dich auf die Dinge, die JETZT zu tun sind.
Schritt 4: Engagiertes handeln.
Nachdem du dich auf dein Ziel konzentriert hast und du weißt, was JETZT zu tun ist, handle engagiert danach – tue es!
Beispiel aus der Praxis
Mit meiner Sportlerin habe ich diesen Weg beschritten. Als das nächste Mal, das Techniktraining wieder auf dem Programm stand, hat sie versucht, diese Schritte anzuwenden:
Sie nimmt wahr, dass sie den Impuls hat, einfach mit ihrem Fluggerät fliegen zu gehen, anstatt Groundhandling am Landeplatz zu machen. Gleichzeitig hat sie den Gedanken „Ich hasse Groundhandling“.
Als zweites benennt sie ihre innere Wahrnehmung: „Ich habe den Gedanken, dass ich das Groundhandling hasse und nehme den Impuls wahr, anstatt dem Groundhandling gleich zum Startplatz zu gehen“.
Im dritten Schritt, fokussiert sie sich auf ihr Ziel: „Ich möchte eine souveräne und selbstsichere Pilotin sein, dazu ist Groundhandling ein notwendiges Techniktraining“
Sie geht an den Landeplatz und macht Groundhandling, obwohl die Gedanken und das Gefühl noch da sind.
Was heißt das für dich? Immer, wenn du merkst, dass du von schwierigen Gedanken und Gefühlen eingeholt wirst, kannst du diese vier einfachen Schritte machen und dich wieder auf das Hier & Jetzt fokussieren.
Je öfter du diese vier Schritte übst, desto einfacher und besser kannst du sie anwenden. Diese Schritte haben sich schon in vielen Situationen und Krisen bewährt. Also, übe diese vier Schritte in der nächsten Zeit immer mal wieder ein, damit sie dann auch funktionieren, wenn dich deine Gedanken und Gefühle einholen und die Gefahr besteht, dich von dem, was dir wichtig ist, abzubringen. Gedanken und Gefühle sind keine Handlungsbefehle. Du kannst dich jederzeit für deine Ziele entscheiden und dich engagiert in Richtung deiner Ziele bewegen.