Yvonne Dathe: Aufhören, sich selbst zu sabotieren

Eine meiner Sportlerinnen, eine sehr talentierte Gleitschirmfliegerin, hat immer mal wieder Probleme, sich für das Techniktraining zu begeistern. Ihr erscheine das Training langweilig, anstrengend und es liefere keine unmittelbaren Ergebnisse. Daher findet sie alle möglichen Ausreden, um nicht die technischen Grundlagen trainieren zu müssen. Sicher kennt ihr das alle, egal in welcher Sportart ihr daheim seid. Hier verrate ich, welchen Weg ich gefunden habe, um mit der jungen Sportlerin zu arbeiten. 

Zum Thema: Wie du deinen inneren Schweinehund mit der Zielperspektive besiegen kannst

Ganz unabhängig von der Sportart ist es Tatsache, dass wir uns als Aktive oft selbst im Weg stehen und unsere Bemühungen um ein besseres Sportlerleben sabotieren. Wir wollen uns aktiv und engagiert fühlen und trotzdem den ganzen Tag im Bett bleiben. Wir wollen uns wertgeschätzt und geliebt fühlen, und doch verfallen wir schnell in Selbstvorwürfe. Wir wollen es vielleicht gar nicht tun und kehren doch zuverlässig in unsere alten Muster zurück – vor allem, wenn wir uns gestresst oder überfordert fühlen.

Aber wir tun diese Dinge nicht, weil wir schlecht sind oder weil wir “nichts richtig machen können”. Stattdessen tun wir es aus einem eher banalen Grund: Wir wollen ändern, wie wir denken und fühlen. Und sei es nur ein bisschen. Und sei es nur für einen Moment. Um uns besser zu fühlen, geben wir oft unsere anderen Pläne und Absichten auf. Sich kurzfristig besser zu fühlen, ist besser als der langfristige Erfolg. 

Die Rolle der sozialen Medien

Wir alle tun dies in der einen oder anderen Form, vor allem, wenn wir uns unwohl fühlen. Das ist normal und natürlich. Manche Menschen entkommen dem Gefühl, nicht gut genug zu sein, indem sie stundenlang in den sozialen Medien surfen. Andere wiederum versuchen durch übermäßiges  Essen einer Auseinandersetzung mit den eigenen Probleme zu entfliehen. Die Wege, auf denen wir versuchen, unsere schwierigen Gedanken und Gefühle zu kontrollieren und sich gleichzeitig besser zu fühlen, sind vielfältig. Auch abseits des Sports.

Leider hat es Konsequenzen, wenn wir kurzfristige Erleichterung über langfristige Absichten stellen. Und je öfter wir diesen Weg wählen, desto deutlicher werden die Folgen. Einmal sich der virtuellen Realität hingeben ist eher unproblematisch. Ständig vor dem Computer zu sitzen, kann negative Folgen für das soziale Umfeld, die Gesundheit und die Arbeit haben. Regelmäßig Sporttreiben ist gesund. Hier bei Die Sportpsychologen, geht es um Profi- und Amateursportler, die in ihrer jeweiligen Disziplin besser werden möchten. Also, ist regelmäßiges Training notwendig. Doch Sport als Flucht vor den eigenen Problemen zu nutzen, kann langfristig negative Folgen in allen Lebensbereichen haben.

Banale Ratschläge

„Denk einfach positiv!“ ist ein häufig gegebener Rat. Na, wenn das so einfach wäre. Viele versuchen verzweifelt, nur positive Gedanken zuzulassen. Oder vielleicht versuchst du deine Gefühle und Gedanken zu kontrollieren, in dem du bestimmte Menschen, Orte oder Situationen meidest?

Die Strategien sind vielfältig. Ganz egal, welche Strategie du wählst, früher oder später, werden die schwierigen Gedanken und Gefühle zurückkehren – häufig stärker als vorher. 

Mein Ansatz

Es gibt einen anderen Weg. Anstatt Gedanken und Gefühle zu verdrängen, sollten wir einen neuen Ansatz wählen, der auf den ersten Blick vielleicht kontraintuitiv erscheinen mag. Doch dieser neue Weg kann den Kampf beenden und dir ermöglichen, mehr von dem zu tun, was dir wichtig ist.

Schritt 1: Wahrnehmen

Als erstes solltest du deine schwierigen Gedanken und Gefühle einfach nur wahrnehmen. Häufig sind wir in unseren Gedanken und Gefühlen so sehr verstrickt, dass wir erst im Nachhinein merken, dass wir in unseren „alten“ Gewohnheiten feststecken. Der erste Schritt ist daher wahrzunehmen, was in meinem Inneren passiert. Welche Gedanken und Gefühle tauchen auf?

Schritt 2: Benennen

Der zweite Schritt besteht darin, die innere Erfahrung zu benennen. “Ich bin unruhig“, “Ich habe ein flaues Gefühl im Magen“, “Ich habe die Sorge, dass nichts, was ich tue, von Bedeutung ist“. Durch das Benennen der eigenen Erfahrung entsteht Distanz. In dem Moment indem ich einen Gedanken oder ein Gefühl benennen kann, bin ich nicht mehr dieses Gefühl oder der Gedanke, sondern „ich habe den Gedanken oder das Gefühl“. Und etwas, dass ich habe, kann ich auch loslassen. Du bekommst eine neue Perspektive auf deine Erlebnisse. Du kannst versuchen, vor deine Gedanken einen Halbsatz zu setzen: „Ich nehme wahr, dass ich den Gedanken/das Gefühl…. habe“, z.B. „Ich nehme wahr, dass ich Angst habe.“

Schritt 3: Fokussieren auf mein Ziel

Der dritte Schritt besteht darin, sich wieder auf das zu konzentrieren, was für dich wichtig ist. Auch wenn du unangenehme Gedanken und Gefühle erlebst, gibt es immer noch Dinge, die dir wichtig sind. Mach dir bewusst, was dein Ziel ist und was dir JETZT wichtig ist. Auch wenn du unangenehme Gedanken und Gefühle hast, kannst du dich dafür entscheiden, nach dem zu handeln, was dir wichtig ist. Fokussiere dich auf dein Ziel, konzentriere dich auf die Dinge, die JETZT zu tun sind.

Schritt 4: Engagiertes handeln.

Nachdem du dich auf dein Ziel konzentriert hast und du weißt, was JETZT zu tun ist, handle engagiert danach – tue es!

Beispiel aus der Praxis

Mit meiner Sportlerin habe ich diesen Weg beschritten. Als das nächste Mal, das Techniktraining wieder auf dem Programm stand, hat sie versucht, diese Schritte anzuwenden:

  1. Sie nimmt wahr, dass sie den Impuls hat, einfach mit ihrem Fluggerät fliegen zu gehen, anstatt Groundhandling am Landeplatz zu machen. Gleichzeitig hat sie den Gedanken „Ich hasse Groundhandling“.
  2. Als zweites benennt sie ihre innere Wahrnehmung: „Ich habe den Gedanken, dass ich das Groundhandling hasse und nehme den Impuls wahr, anstatt dem Groundhandling gleich zum Startplatz zu gehen“.
  3. Im dritten Schritt, fokussiert sie sich auf ihr Ziel: „Ich möchte eine souveräne und selbstsichere Pilotin sein, dazu ist Groundhandling ein notwendiges Techniktraining“
  4. Sie geht an den Landeplatz und macht Groundhandling, obwohl die Gedanken und das Gefühl noch da sind.

Was heißt das für dich? Immer, wenn du merkst, dass du von schwierigen Gedanken und Gefühlen eingeholt wirst, kannst du diese vier einfachen Schritte machen und dich wieder auf das Hier & Jetzt fokussieren.

Je öfter du diese vier Schritte übst, desto einfacher und besser kannst du sie anwenden. Diese Schritte haben sich schon in vielen Situationen und Krisen bewährt. Also, übe diese vier Schritte in der nächsten Zeit immer mal wieder ein, damit sie dann auch funktionieren, wenn dich deine Gedanken und Gefühle einholen und die Gefahr besteht, dich von dem, was dir wichtig ist, abzubringen. Gedanken und Gefühle sind keine Handlungsbefehle. Du kannst dich jederzeit für deine Ziele entscheiden und dich engagiert in Richtung deiner Ziele bewegen.

Mehr zum Thema:

Aufrufe: 97

Print Friendly, PDF & Email