Prof. Dr. Oliver Stoll: Lieber Schweinehund

Hitze, Regen, Schnee – Ausreden finden sich viele, sportliche Ambitionen vor sich herzuschieben. Aber was steckt dahinter, wenn der persönliche Schweinehund die innere Diskussion bestimmt? Und existiert dieses Problem nur im Breitensport?

Zum Thema: Von Selbstgesprächen, inneren Dialogen und persönlichen „Schweinehunden“

Der tägliche Kampf mit dem „inneren Schweinehund“ – eine Aussage, die fast jeder von uns kennt und lebt. Damit meint man umgangssprachlich, die persönlichen Diskussionen zwischen den „zwei Instanzen“ in unserem Kopf. Die eine, will in die eine Richtung, die andere Instanz will in die andere. Das ist psychologisch betrachtet ein sehr interessantes Thema und es erinnert uns so sehr an die „Drei-Instanzen-Theorie“ von Sigmund Freud, der davon ausging, dass unsere Psyche, im Wesentlichen von drei Instanzen bestimmt wird. Da wäre zum einen die „Es-Instanz“, die nur zu gerne dem Triebhaften in uns nachgeben möchte. Also einem Verhalten, das dem direkten und unmittelbaren Befriedigen eines „Triebwunsches“ dient. Auf der anderen Seite wäre dann dort die „Über-Ich-Instanz“, die das moralische und durch die Gesellschaft geprägte Werte und Normensystem repräsentiert. Und schließlich die „Ich-Instanz“, die zwischen diesen beiden „Extremen“ vermitteln soll, denn der Mensch braucht beides, um psychisch gesund zu bleiben, aber eben nicht dieser extremen Form.

Nun hat Sigmund Freuds Theorie in der Vergangenheit viel Kritik und kontroverse Diskussion ertragen (müssen). Diese Diskussion möchte ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen, aber es lässt sich nicht leugnen, dass diese Theorie nicht einer gewissen Plausibilität entbehrt und sich aus heutiger Sicht – auch im Sport – neu einordnen lässt. Ob es das „Nicht-Trainieren-Wollen“ ist (evtl. weil es zu heiß draußen ist – so meint dies evtl. die „Es-Instanz“ und beginnt sofort die Diskussion mit der „Über-Ich-Instanz“). Diese aber ist eben der Meinung, dass das Training eine sinnvolle und Betätigung ist, weil wir somit gesund bleiben und somit auch dem Gemeinwohl dienen können. Die „Freud’sche „Ich-Instanz“ wäre dann so etwas wie ein „funktionales Selbstgespräch“. Funktional deswegen, weil diese Instanz abwägt, wie hilfreich, die jeweils beiden „Extrem-Bedürfnisse“ für unsere Gesundheit sind, und um uns in unserem sozialen Umfeld wohl zu fühlen.

Lässt sich der Schweinehund trainieren?

Wir sind uns, unserer Selbstgespräche im alltäglichen Leben und auch natürlich auch im Leistungssport viel zu selten bewusst. Wir führen sie zwar, aber wir reflektieren diese Selbstgespräche kaum. Dabei sind diese die zentralen Faktoren für unser Handeln, für erfolgreiches, aber eben auch für erfolgloses Handeln ( Link zum Blog-Beitrag  „Gute Selbstgespräche“). Die sogenannte „Diskussion mit dem inneren Schweinehund“ ist somit überhaupt nichts Schädliches oder Störendes, sondern sie gehört zur menschlichen Verhaltenssteuerung. Die Frage ist dann nur noch, wie sehr diese Diskussionen zu einem positiven Ende führen? Und genau das kann man lernen und trainieren. Verteufeln wie ihn also nicht – den inneren Schweinehund, sondern schätzen wir ihn – als wichtigen Gesprächspartner in unserem Leben und eben auch im Sport.

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