Die Diskussion ist so alt wie die Sportpsychologie im Leistungssport ernst genommen wird: Also noch sehr jung. Und an vielen Stellen wird die Frage noch gar nicht gestellt, ob ein Sportpsychologe nun mit auf die Bank gehört oder nicht? Dabei gibt es immer wieder auch einzelne Offensiven, die Sportpsychologen oder Sportpsychologinnen im Spielsport in außergewöhnlich exponierte Positionen bringen. In jedem Fall ist es nötig, dass die Frage, ob der Sportpsychologe nun auf die Bank gehört oder eben, diskutiert wird.
Zum Thema: Die Rolle und die Platzierung der Sportpsychologie im Teamsport
Klaus-Dieter Lübke Naberhaus und Prof. Dr. Oliver Stoll sind in Leipzig quasi berufliche Nachbarn. Beide sind im direkten Einzugsgebiet des Hochleistungssports der mitteldeutschen Metropole angesiedelt, unweit der Spielstätten von Rasenballsport, den Bundesliga-Handballern des SC DHfK, den Trainingszentren diverser olympischer Disziplinen sowie der Sportschule und der Universität.
Klaus-Dieter Lübke Naberhaus ist seit Jahrzehnten in unterschiedlichen Funktionen im Handball aktiv. Als Spieler, als Trainer, als Referent in der Trainerausbildung, Sportmediziner und Mannschaftsarzt. Und nicht zuletzt als sportpsychologischer Coach (zum Profil). Aktuell steht er neben seiner Tätigkeit als Teamarzt beim Deutschen Handballbund beim Frauen-Zweitligisten HC Leipzig auch im Trainerteam, eine zeitlang sogar als Co-Trainer, in der Verantwortung. Gerade bei seinem Vereinsteam muss er als Sportmediziner, sportpsychologischer Experte und Trainer einen Rollenkonflikt aushalten. Lübke Naberhaus: “Natürlich bin ich, wenn ich beim HCL auf der Bank sitze, primär Co-Trainer, aber ich kann meine sportpsychologische oder sportmedizinische Seite nicht komplett außen vor lassen. Aber, und das ist der entscheidende Punkt: Die Arbeitsfelder dürfen nicht zu sehr verschwimmen, sonst leidet die Qualität, die besonders an die Tätigkeit des Co-Trainers oder des Sportpsychologen geknüpft sind.“
Individuelle Lösungen
Die Lösung von Lübke Naberhaus in der aktuellen Saison beim HC Leipzig: Der Fokus liegt auf der Rolle als Co-Trainer, für die er wiederum sein Wissen und seine Erfahrungen aus der Sportpsychologie nutzt. Dabei hat er im Co-Trainer-Spielerinnen-Verhältnis sehr deutlich gemacht, dass er für die Akteurinnen als sportpsychologischer Coach auf individueller und mannschaftlicher Ebene in diesem Zeitraum nicht zur Verfügung steht. Lübke Naberhaus: “Das kann das Vertrauensverhältnis stören und auch die Spielerinnen in einen Konflikt führen. Denn im Trainerstab dürfen solche Informationen, die als sportpsychologischer Coach erhalte, nicht verwertet werden oder nur mit Erlaubnis der Spielerin. Die Rolle und Begrenzungen als sportpsychologischer Experte und die Rolle und Grenzen als Co-Trainer sind unterschiedlich.”
Soll heißen: Der Sportpsychologe mit Blick für Motivation, Taktik und Ansprache sitzt in Person des Co-Trainers Lübke Naberhaus mit auf der Bank des HC Leipzig. Aber nur in der zweiten Reihe und nur als Ergebnis seiner persönlichen Zusatzqualifikation.
Innovative Wege?
Einen anderen Weg wählte der heutige Fußball-Regionalligist FC Carl Zeiss Jena im Zuge seiner bislang letzten Drittliga-Aufstiegssaison 2016/2017. Damals war der Sportpsychologe Peter Schneider als Co-Trainer einzig und allein für die sportpsychologischen Komponenten zuständig. Aber auf Augenhöhe mit dem Torwarttrainer oder den anderen Co-Trainern, die sich vornehmlich um die Taktik oder die Physis kümmerten.
In dieser Zeit ist ein Interview entstanden, auf welches wir unter dem Text gesondert hinweisen. Mittlerweile ist Schneider als Sportpsychologe im Trainerstab von RB Leipzig aktiv. Vom Feldversuch beim FC Carl Zeiss Jena inklusive Aufstieg in die Dritte Liga führte sein persönlicher Weg sogar bis in die Champions League. Prof. Dr. Oliver Stoll vermutet: “Die großen Innovationen sind in den oberen Ligen des Profi-Fußballs noch eher weniger zu finden, hier spielt die Sportpsychologie noch eine untergeordnete und alles andere als öffentlich wahrnehmbare Rolle.”
Unser Kollegengespräch
Im Kollegengespräch diskutieren Klaus-Dieter Lübke Naberhaus und Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil) über die unterschiedlichen Positionen und beziehen Stellung. Im Eingangsstatement überrascht Stoll gleich damit, dass aus seiner Sicht Sportpsychologen nicht auf die Bank gehören. Denn die eigentliche Arbeit werde anderenorts und zu anderen Zeiten gemacht.
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Wenn es nach unseren Kindern geht, könnte man sagen, dass die Schule wohl oder übel zum Leben dazugehört. Nicht dass Sie mich falsch verstehen. Unsere „Großen“ gehen gerne zur Schule, nur sind die Pausen weitaus reizvoller als so mancher Unterricht. Aber warum ist das so bzw. muss das sein? Zu allem Überfluss flatterten vor ein paar Wochen auch noch die Halbjahreszeugnisse mit den Empfehlungen (für die Viertklässler) für die weiterführenden Schulen ins Haus. Und ohne über irgendwelche hellseherische Kräfte zu verfügen, bin ich mir sicher, dass die Gefühlspalette in den Familien von großer Enttäuschung bis zu wahnsinniger Freude und Stolz reichten. Doch was sagen Noten eigentlich über unsere Kleinen aus? Wie lernen unsere Kinder heutzutage und was haben Lehrer und Trainer in diesem Zusammenhang gemeinsam bzw. vor welchen Herausforderungen stehen beide? Im ersten Teil möchte ich zu Beginn das Licht auf Lernen im Grundsatz werfen und nehme hier gerne den Ball bzw. die Ansicht von Gerald Hüther auf. Im Anschluss soll ein kleiner Ausblick folgen, wie Bezugspersonen Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Lernen schaffen können.
Zum Thema: Darf Lernen und sich „erproben“ überhaupt Spaß machen?
Beginnen von vorn. Was verstehen wir unter lernen? Durchforstet man das world wide web, so finden sich vielerlei verschiedener Definitionen. Hüther (2016) versteht unter Lernen eine innere Anpassungsleistung an veränderte äußere Umstände. Alles Leben strebe demnach einen Zustand harmonischer Ausgeglichenheit an. Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang von Kohärenz. Was bedeutet das im Detail? Die inneren Vorgänge eines kohärent organisierten Wesens stehen in optimalem Einklang mit den Vorgängen der Außenwelt. Ein kohärenter Organismus verbraucht nur ein Minimum an Energie, weil alle Bestandteile des Organismus perfekt zusammenarbeiten. Wird dieses Gleichgewicht nun durch äußere Faktoren gestört, erhöht sich der Energieverbrauch der Zellen. Meistens wird dann im Gehirn nach einem bereits gespeicherten Reaktionsmuster gesucht. Ein neuer Lernprozess wird dann in Gang gesetzt, wenn kein bekanntes Muster dazu passt. Ziel ist es, die innere Ordnung wiederherzustellen und das entstandene Energiedefizit wieder auszugleichen. Wie anstrengend das ist, weiß jeder, der schon mal etwas völlig Neues lernen musste. Erinnern wir uns nur einmal an unsere ersten Fahrstunden oder beginnen Sie doch, noch heute zu jonglieren. Dennoch lohnt sich der ganze Aufwand, denn dadurch wird es uns möglich, Gefahren zu trotzen und dann wertvolle Energie zu sparen.
Lernen mit allen Sinnen
Wir Menschen sind Gewohnheitstiere: Wer mag schon gerne Veränderungen? In einem Lernprozess, also Energieverbrauch mit Anstrengung, begeben wir uns nur, wenn uns etwas wirklich wichtig ist. Und was bedeutet wichtig in diesem Zusammenhang? Es muss relevant für unseren Alltag sein. Außerdem gilt: Lerninhalte müssen auch körperlich erfahren werden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir den Beginn unseres Lebens im Mutterleib verbracht haben. Abgeschirmt von der Außenwelt, kamen die ersten Impulse, die unsere Nervenzellen erreichten, direkt aus dem eigenen Körper (Hüther, 2016). Deshalb sind wir auch später nur zu wahrer Veränderung in der Lage, wenn uns eine Erfahrung im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht.
Versetzen wir uns nochmal zurück in unser kindliches Ich. Als Kleinkind lernten wir viele Dinge mit einer spielerischen Leichtigkeit und atemberaubender Geschwindigkeit. Warum ist das Jahrzehnte später eher weniger der Fall? Uns fehlt Freude als emotionaler Anker für den Lernprozess. Bei dem Kind löst jede neue Entdeckung einen Sturm der Begeisterung aus. Ist ihnen der erste eigenständige Schritt gelungen, haben sie endlich nach unzähligen Versuchen ihre Schuhe selbst zugebunden oder zum ersten Mal ein gedrucktes Wort entziffert, sind sie erfüllt von tiefen Glücksgefühlen. Dies ist wichtig, denn diese Gefühle aktivieren wiederum das emotionale Zentrum im Gehirn. Dort setzen dessen Nervenzellen große Mengen sogenannter neuroplastischer Botenstoffe frei. Diese sind das wichtigste Baumaterial für die Bildung neuer synaptischer Verbindungen. Ohne diesen emotionalen Dünger haben Lerninhalte kaum eine Chance, langfristig im Kopf gespeichert zu werden. Oder erinnern sie sich noch an alle Prüfungsinhalte in ihrer Ausbildung/Studium (Stichwort Bulimie-Lernen)?
Lernen ist auch Erfahrungssache
Wie ein Lernprozess genau abläuft, hängt auch davon ab, was für Erfahrungen wir gesammelt und welche Problemlösungsstrategien wir bereits erprobt haben. Jedes Lebewesen geht mit Veränderungen auf seine eigene Weise um. Auch bei uns Menschen ist das Spektrum an möglichen Reaktionen individuell verschieden: Bei jeder neuen Herausforderung scannt unser Nervensystem erst mal alle schon gespeicherten Reaktionsmuster. Findet es unter ihnen keine passgenaue Lösung, werden alte Gewohnheiten angepasst oder weiterentwickelt. Streng genommen bedeutet dies, dass selbst das hochentwickelte menschliche Gehirn nur Dinge lernen kann, die vorher bereits in Ansätzen vorhanden waren und an vorangegangene Erfahrungen anknüpfen (lebenslanges Lernen). Bei einer Wahrnehmung, die zu keiner der bisher gespeicherten Reaktionsmustern passt, versteht unser Gehirn sprichwörtlich nur Bahnhof.
Das bedeutet für die Praxis, dass man beispielsweise vor einer spezifischen Passübung mit verschiedenen Variablen wie Gegendruck oder Ähnlichem, die Fertigkeit „den Ball zu passen“ bereits erlernt sein muss. Das erklärt, warum es so wichtig ist, in jedem Lernprozess den richtigen Grad zwischen Über- und Unterforderung zu finden: Ist eine Aufgabenstellung zu schwer, hat das Gehirn nichts, worauf es aufbauen kann. Ist sie zu einfach, fehlt ihm der Anreiz, sich weiterzuentwickeln. Je mehr Erfahrungen allerdings von unseren Synapsen verwertet wurden, desto vielfältiger sind die Möglichkeiten, daran anzuknüpfen und desto schneller und leichter lernen wir dazu.
Fazit
Lernen ist ein hochkomplexer Prozess, der einiges von dem Lernenden und dem Lehrenden abverlangt. Schauen wir uns die gängigen Methoden/Umsetzung in den verschiedenen Systemen (z.B. Schule, Verein, usw.) heutzutage an, so fällt das Resultat eher nüchtern aus. Das System gibt dem Lehrenden verschiedene Ansätze, jedoch die Möglichkeit diese auch in die Tat umzusetzen, eher weniger. Und hier beißt sich die Katz sprichwörtlich in den eigenen Schwanz. Auch so eine Lehre.
Literatur:
Hüther, G. (2016): Mit Freude lernen – ein Leben lang: Weshalb wir ein neues Verständnis vom Lernen brauchen. Sieben Thesen zu einem erweiterten Lernbegriff und eine Auswahl von Beiträgen zur Untermauerung. Vandenhoeck&Ruprecht Verlag.
„Trainern sind Vorteile des mentalen Trainings bekannt. Dieses Heft gibt einen Überblick über relevante mentale Techniken für den Trainingsalltag im Schießsport und eine Entscheidungshilfe für die Anwendung bei der Optimierung mentaler Fertigkeiten.
Inhaltlich gliedert sich das Heft in die Hauptbereiche, Konzentration, Motivation und Erregungsregulation. In den weiterführenden Kapiteln wird auf die Technik des Visualisierens, als eine zentrale Trainingsform im Sportschießen und die korrekte Durchführung eingegangen. Anwendungsbeispiele in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung bilden den Folgeabschnitt. Das letzte Kapitel beschreibt ein praktisches Beispiel für das mentale Training, das Mental Parcours.
Jedem Kapitel ist eine Auflistung der Anwendungsbereiche der in Folge beschriebenen mentaler Techniken vorgelagert. Dem Trainer und dem Schützen ist somit die Möglichkeit gegeben, mentale Techniken gezielt einzusetzen. Es folgt eine kurze sportpsychologische Erläuterung und die Beschreibung der mentalen Techniken und der Ausführungsschritte.
Das Heft bietet darüber hinaus Anregungen zur Planung und Einbindung mentaler Techniken in die alltägliche Trainingsplanung.“
YIN und YANG kennst du? Dieses Zusammenspiel der scheinbaren Gegensätze. Der Tag besteht aus Hell und Dunkel. Die Menschheit teilt sich in Mann und Frau. Erfolg wächst aus Gewinn und Verlust. Und ein Beachvolleyballteam setzt sich aus Block und Abwehr zusammen. Prima, dann können wir anfangen, die Yin & Yang-Philosophie für die Block-Abwehr-Strategie im Beachvolleyball zu nutzen. Los geht‘s!
Zum Thema: Wir uns die chinesische Philosophie im Beachvolleyball helfen kann
Der YIN-Aspekt steht eher für das Substanzielle, Materielle, Feste, Dunkle, Beständige, Trägere, Bergende, Nährende.
Der YANG-Aspekt steht für das Dynamische, Geistige, Luftigere, Hellere, sich Ändernde, Bewegende, Freilassende, Zehrende.
Beide Aspekte bewegen sich in einem fortlaufenden, situativ adaptierbaren und ausgewogenen Energie-Gleichgewicht. Dadurch ist ein Flow in einem lebendigen Organismus gegeben. Sie interagieren in einer fortwährenden Abhängigkeit, gegenseitigen Transformation und des ständigen wechselseitigen Verbrauchs, um das Wohlbefinden und die Gesundheit von Geist und Seele langfristig zu gewährleisten, beziehungsweise wiederherzustellen.
Yin & Yang im Beachvolleyball
Zwei gegensätzliche Aspekte, die sich wechselseitig in Abhängigkeit, Ergänzung, Kontrolle und Umwandlung bedingen. Damit erzeugen sie ihre ausgewogene Balance.
Übertragen wir diesen Ansatz in den Beachvolleyball: Yin- und Yang-Aspekt verwandeln sich ineinander um. Beispiel: Annehmen folgt auf Abgeben des Balls und umgekehrt. Über den Aufschlag (= abgeben) erfolgt die Annahme des Balls und geht ins Abgeben für die Folgeaktion (z.B. Zuspiel) über. Diese Art der Verwandlung bezeichnet sich als harmonische Veränderung im natürlichen Verlauf der Ereignisse. Damit wird Zeit erlebbar und die Entwicklung des Spielaufbaus spürbar.
Yin- und Yang-Aspekt sind unterscheidbar und gleichzeitig miteinander verbunden. Sie bestimmen und erzeugen sich gegenseitig. Beispiel: Jubel wird nur im Vergleich mit Trauer als Emotion erlebbar. Höhe benötigt Tiefe, um wahrgenommen zu werden. Und der weiche Sand unter deinen Füßen verdichtet sich für ein stabiles Einstemmen.
Yin- und Yang-Aspekt kontrollieren sich gegenseitig. Jede Einseitigkeit würde auf Dauer zerstörend wirken. Beispiel: Emotionen sind angenehm, wenn Jubel und Trauer ausgeglichen sind. Bei Einseitigkeit droht ein Erschöpfungszustand.
Erkennbar ist, dass sich Yin und Yang ständig gegenseitig hervorbringen und so eine fortwährend, sorgsame Wandlung bewirken. Ein unablässiges Geben und Nehmen – ein Energieaustausch.
Werden wir einen Schritt konkreter und übertragen den Ansatz in die Positionen Block & Abwehr: Damit Energien fließen können, braucht es eine Struktur – sogenannte Bahnen. Diese Grundstruktur ist im Beachvolleyball durch zwei Positionen gegeben: Block & Abwehr. Damit verbunden ist eine bestimmte Aufgabenverteilung sowie die Übernahme von Verantwortung im Sand. Die Block-Abwehr-Rollen werden von Athleten eingenommen, die eine individuelle Persönlichkeit mitbringen. Damit sich Energien austauschen und frei fließen können, braucht es zugängliche und durchlässige Bahnen durch Klarheit.
Das Modell – Klarheit kombiniert mit Yin & Yang
Für eine gesunde Teamleistung braucht es den optimalen Team-Klang. Um diesen einzustimmen, sind (1) Klarheit herauszuarbeiten und (2) mit dem Ansatz aus Yin & Yang zu kombinieren:
Klarheit über die Verteilung der Aufgaben, von Verantwortung und der eigenen Persönlichkeit, um Stärken einzusetzen und Schwächen auszugleichen.
Der Block = Yin
Starten wir mit dem Blick in die Aufgaben der einzelnen Positionen – frei von der Persönlichkeit, welche die Position später besetzt. Der Block verantwortet die erste Hürde, die der gegnerische Ball zu überwinden hat. Die Aufgabe des Blocks: als Wand oder Mauer den gegnerischen Angriff so abzuwehren, dass der Ball zielsicher beim Gegner bleibt und dort in den Sand fällt – die Firewall im Beachvolleyball.
Fokussieren wir uns dazu auf die psychischen Voraussetzungen der Persönlichkeit: Was braucht es an Mentalität? Ruhe, Timing, Präzision, Geduld, Fokus, Konzentration, Glaube, Überzeugung, Selbstvertrauen, Mut, Vorwegnehmen.
Die Abwehr = Yang
Die Abwehr verantwortet die zweite Hürde, durch die der gegnerische Ball den Weg in den Sand finden muss und bildet somit als Backup eine Sicherheit für den Block. Die Aufgabe der Abwehr ist folglich, die Lücke der ersten Hürde auszugleichen. Welche Mentalität ist hier wertvoll? Flexibilität, Logik, Lesen des Gegners, Sicherheit, Entschlossenheit, Überzeugung, Glaube. Als Jaguar lauert die Abwehr im Blockschatten und gleicht mit ihren dynamischen Bewegungen den Angriff aus. Ein erneuter Spielaufbau mit erfolgreichem Angriff kann Belohnung für die sichere Abwehr sein.
Block als Yin, Abwehr als Yang
Basierend auf den Eigenschaften der jeweiligen Aspekte verkörpert der Block eher das Yin und die Abwehr das Yang. Beides zusammen gleicht sich individuell und situativ aus. Dieses Gleichgewicht entsteht durch sich bedingen, ergänzen und ausschließen. Und diese Logik mündet in die gemeinsame Block-Abwehr-Strategie: den gegnerischen Angriff so abzuwehren, dass ein Punkt auf dem eigenen Konto verbucht wird. Folgende Übersicht verdeutlicht das Zusammenspiel anhand der Handlungsketten:
Block-Abwehr im Zusammenspiel – was bedingt, ergänzt und schließt sich aus?
Eine Handlungskette am Beispiel: ein erfolgreicher Block ist bedingt durch die passende Handlungsaktion (Blockwahl) und Kennen des Handlungsbereichs (1a), ergänzt durch das Wissen um die Sicherheit der Abwehr (2a) und schließt eine Handlungsaktion durch die Abwehr aus (3a). Die Energie fließt vom gegnerischen Angriff in den erfolgreichen Block direkt zum Punkt.
Ein Blick in die individuelle Persönlichkeit ergänzt das Gesamtwerk, um Stärken und Schwächen für das Modell verwertbar zu machen. Von außen betrachtet wirkt die Block-Persönlichkeit eher introvertiert, ruhig und überlegt – verkörpert also eher den Yin-Aspekt. Abwehr-Persönlichkeiten hingegen scheinen offener, quirliger und energiegeladener in ihrem Naturell – also eher der Yang-Aspekt. Bei Belegung der jeweiligen Position durch den Athleten und damit Einnehmen der Rolle kann eine Analyse der Persönlichkeit essenziell mitentscheiden, um in Ausgewogenheit zu handeln.
Fazit
Das Modell berücksichtigt die psychischen Aspekte im Block-Abwehr-Verhalten. Wenn es dem Team auf dieser Ebene gelingt, für seine individuelle Ausgewogenheit (Yin & Yang) zu sorgen, dann ist abwehrfähig sein eine beständige Sicherheit, die eine sorgenfreie und gesunde Teamleistung in den Sand bringt.
Der Yin & Yang-Aspekt ist enorm vielseitig und kann ebenso in andere Elemente und Sportarten übertragen werden. Dazu kann diese Modellierung gerne genutzt und angepasst werden. Wir aus dem Netzwerk stehen dir dabei gerne für Fragen und Begleitung zur Verfügung.
Abschließend möchte ich noch ein mutivierendes Bild mitgeben: in jedem von uns fließen anteilig Yin- als auch Yang-Energie, die sich auf unserer inneren Wippe in Einklang und Harmonie schaukeln.
Manchmal bekomme ich Anfragen von SportlerInnen, die geografisch relativ weit weg leben. Meist wünscht sich dann jemand eine sportpsychologische Unterstützung online. Darüber wird viel geschrieben und geredet, weil auch im Business viele Coaches und Berater auf remote umgestiegen sind. Aber kann das funktionieren?
Zum Thema: Plädoyer für effektive sportpsychologische Arbeit abseits vom Smartphone, Zoom oder Telefon
Natürlich ehrt es, wenn solche Anfragen kommen, aber ich lehne sie ab, wenn es nicht im Rahmen der Jahresplanung ausreichend geografische Schnittstellen gibt, an denen man live arbeiten kann.
Im Leistungssport arbeiten wir in einem Bereich, in dem es darum geht, wirklich 100% aus dem Sportler herauszubringen, wenn es darauf ankommt. Wir arbeiten am Limit, und Ressourcen müssen mit Bedacht eingesetzt werden. Das betrifft nicht nur die materiellen Ressourcen, sondern vor allem die für Sportler wertvollste, die Zeit. Die will aufgeteilt werden zwischen Trainings und Wettkampfzeit, Physio, dem Kümmern um das Material, den Reisen, aber auch zwischen Schule oder Studium, manchmal sogar einem Job, und dann noch ein bisschen Privatleben.
Live arbeiten
Entsprechend muss auch die Sportpsychologie maximal effektiv arbeiten. Das spricht zuerst einmal für Remote. Handy anschalten, und schon kann man arbeiten, egal wo man ist. So einfach ist es aber nicht.
Kürzlich habe ich mit einem Sportler über einen Wettkampf gesprochen, bei dem ihm im letzten Drittel die Energie abhandengekommen ist. Er hatte einfach keine Power mehr, obwohl die körperlichen Werte in Ordnung waren. Wir saßen uns gegenüber, ich ließ mir vom Wettkampf erzählen, um herauszufinden, ob ein psychischer Trigger für den Energieabfall verantwortlich sein könnte. Mein Sportler hatte das verneint, es sei nichts Besonderes vorgefallen. Wie er nun den Wettkampf schilderte, begann bei einer ganz bestimmten Szene sein rechter Fuß intensiv zu wippen. Ich ließ mir die Szene noch einmal schildern, mit dem gleichen Effekt. Ich wies den Sportler auf seinen Fuß hin. Er war verblüfft. Das war ihm nicht aufgefallen. Wir nahmen den betreffenden Moment genauer unter die Lupe und entdeckten, dass da sehr wohl eine Menge ausgelöst worden war. Eine kleine Störung am Rand, ein dadurch bei ihm ausgelöster Gedanke, eine dadurch ausgelöste sehr kurze aber sehr heftige körperliche Reaktion, und zack war die Energie weg.
Remote als Vehikel
Erst das Bewusstsein dieser Zusammenhänge gaben uns die Möglichkeit, das Problem direkt am Kern anzupacken. Wir arbeiteten mit Hilfe des Körpers direkt am Trigger, suchten Alternativen zu dem schwächenden Gedanken, installierten die besten körperlich, überprüften direkt, und zwar so lange, bis wir wussten: Das Problem ist gelöst. Eine solche oder eine ähnliche Störung sollte künftig keinen negativen Effekt mehr haben.
Remote würden wir immer noch im Dunkeln tappen. Es braucht für eine maximal effektive Arbeit die Möglichkeit einer sehr präzisen Beobachtung, die remote nicht möglich ist. Deshalb ist die Arbeit im One-to-One nötig, damit später auch einmal aus der Ferne etwas machbar ist, zum Beispiel, wenn Sportler sich im Trainingslager befinden oder etwas ausprobieren, was man vorher im Coaching besprochen oder installiert hat. Für Feedbacks sind Zoom und Co. aber auch das Telefon fantastische Vehikel. Ebenfalls, um den ein oder anderen Tipp zu geben oder an eine Technik zu erinnern, die man vorab erarbeitet hat und die nun unter den aktuellen Wettkampfbedingungen helfen kann. Der am tiefsten wirkende Teil der sportpsychologischen Arbeit sollte aber live geschehen, in der Praxis der Sportpsychologin, beim Athleten, am Trainings- oder Wettkampfort.
Nationale und internationale Turniere, Tennis Bundesliga Herren 30 und 1. Liga in Luxemburg. Daniel Winnewisser ist in aktiven Jahren gut herumgekommen. Inzwischen hat der frühere Tennisprofi die Seiten gewechselt und gibt seine Erfahrungen sowie sein Wissen aus der Sportpsychologie weiter. Als Coach beschränkt er sich dabei aber nicht auf seine Sportart Tennis, sondern ist unter anderem auch im Golf, Beachvolleyball, Motorsport, Fechten, Surfen, Segeln und Skispringen aktiv. Mit Daniel verstärken wir im Netzwerk Die Sportpsychologen alsbald unsere Präsenz in Norddeutschland. Im Interview verrät er, warum er sich zu neuen Ufern aufmacht.
Daniel, aktuell packst du fleißig Kisten. Dich zieht es aus dem Süden in den Norden. Was steckt hinter dem Entschluss und was hat das mit deiner sportpsychologischen Arbeit zu tun?
In erster Linie hat mein Umzug mit der Erfüllung eines Traums zu tun, nämlich einmal am Meer zu leben. Ich war schon viel unterwegs und kam immer wieder zu der Erkenntnis, dass ich das Meer faszinierend finde und ich mich da einfach wohl fühle. Lübeck liegt zwar nicht direkt am Meer, aber doch recht nahe, so dass ich auch problemlos meiner großen Leidenschaft, dem Kitesurfen, nachgehen kann.
Um auf den zweiten Teil der Frage zurückzukommen: Der Entschluss des Umzugs ist erstmal losgelöst von meiner sportpsychologischen Arbeit gefallen. Jedoch ergeben sich auf den zweiten Blick doch einige Auswirkungen: Mehr Nähe zum Wasser bedeutet für mich auch mehr Zugang zu anderen Wassersportarten, in welchen ich Sportler_innen unterstützen kann. Die geografische Distanz zu meinen Münchner Athlet_innen verändert unsere Zusammenarbeit: Weg von vorrangig Vorort-Sessions und gelegentlichen Online-Sessions hin zur reinen Online-Zusammenarbeit.
Und ich freue mich bereits darauf, neue, interessante Kontakte im Sportbereich knüpfen zu können.
Du hast nach deiner Karriere begonnen, Psychologie zu studieren. Wäre deine sportliche Laufbahn anders verlaufen, wenn du schon während deiner Turnierzeit damit angefangen hättest?
Es stimmt, dass ich erst nach meiner aktiven Karriere mit dem Psychologiestudium begonnen habe. Jedoch habe ich auch schon während meiner aktiven Zeit mit einer Mentaltrainerin zusammengearbeitet, da ich schon früh die eigene Erfahrung gemacht habe, wie unglaublich wichtig „der Kopf“ im Sport ist. Das richtige oder falsche Mindset, die Fähigkeit, sich im richtigen Moment auf die richtigen Dinge konzentrieren zu können und der Umgang mit Stress und noch vieles mehr hat sich stark auf meine Leistung im Match ausgewirkt. Leider waren meine finanziellen Mittel eingeschränkt, weswegen ich die Zusammenarbeit mit der Mentaltrainerin nicht in der Intensität fortführen konnte, wie es mir gut getan hätte. Ich bin überzeugt, dass meine Karriere erfolgreicher verlaufen wäre, hätte ich früher und professioneller im sportpsychologischen Bereich gearbeitet. Jedoch musste ich mir damals auch eingestehen, dass für die große Bühne mein Körper besser hätte mitspielen müssen und dass die Topsportler auch einfach mehr Talent mitbrachten als ich.
Als ich meine Karriere beendet und das Studium aufgenommen habe, passierte etwas Interessantes: Ich spielte deutlich gelöster und teils auch besser, trotz deutlich geringerem Trainingsumfang. Dies erkläre ich mir heute dadurch, dass ich nur noch aus Spaß spielte und weniger Druck empfand und nicht, weil ich das psychologische Wissen hatte. Theoretisches Wissen wie zum Beispiel aus dem Psychologiestudium ist sicher gut, jedoch befähigt dies noch nicht zum Selbst-Coaching. Bei einem Selbst-Coaching bleibt der externe, neutrale Blick von außen aus. Themen und Bereiche, die für einen selbst schwierig oder unangenehm sind, werden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht richtig angegangen. Auch im richtigen Moment die richtigen Fragen zu stellen, bleibt einem bei einem Selbst-Coaching verwehrt. Um sich als Athlet_in im psychologischen Bereich wirklich zu verbessern, empfehle ich ganz klar die Zusammenarbeit mit einem guten Psychologen, einer guten Psychologin oder Coach.
Warum ist die sportpsychologische Arbeit aus deiner Erfahrung immer individuell und was begeistert dich an der Zusammenarbeit mit Athleten, Athletinnen und TrainerInnen?
Klar gibt es übergeordnete sportpsychologische Themen, die verschiedene Sportarten mit sich bringen und viele Sportler_innen betreffen. Jedoch hat jeder Sportler und jede Sportlerin zum Beispiel mit unterschiedlichen Erfahrungen, Prägungen, Wünschen, Ängsten, Hoffnungen und eigenen Verhaltensweisen im Umgang mit Situationen zu tun, was jede(n) Sportler_in einzigartig macht. Meiner Meinung nach ist es extrem wichtig, individuell auf diese Einzigartigkeit einzugehen und so den für den/die Sportler_in besten Weg, die richtigen Fragen und die effektivsten Tools zu finden.
Es gibt sehr viele Aspekte, welche mich in der Zusammenarbeit mit Athlet_innen und Trainer_innen begeistert, schwer diese alle hier zu nennen. Die verkürzte Version: Ich liebe Sport und ich liebe es, Sportler_innen dabei zu unterstützen, weiter zu lernen und ihre Ziele zu verwirklichen. Im Sport gibt es keine Abkürzungen, sondern jeder Athlet und jede Athletin sowie Trainer_innen investieren viel Leidenschaft, harte Arbeit und Herzblut in die Sache, was tolle Personen anzieht und eine ganz besondere Art der Zusammenarbeit schafft.
Aktuell arbeite ich zum Beispiel mit einem jugendlichen Tennisspieler zusammen, der zu den besten seines Jahrgangs gehört. Ich bin immer wieder aufs Neue beeindruckt, wie reflektiert er mit Siegen und vor allem Niederlagen umgeht, was für Ziele er sich setzt und wie er seine „zwei Berufe“, nämlich Schule und Tennis, meistert. Auch die Stimmung im Team (Eltern, Tennistrainer, Athlektiktrainer) ist besonders und gibt mir sehr viel zurück.
Interesse am Netzwerk und an einer professionellen Präsenz im Netz?
Die Sportpsychologen ist seit knapp neun Jahren die Plattform für SportpsychologInnen und ausgewählte MentaltrainerInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die auf sich und ihre gemeinsame Leidenschaft für die mentalen Aspekte der sportlichen Leistung aufmerksam machen wollen. Hand in Hand. Und Seite an Seite. Interesse, Teil des Netzwerks zu werden? Hier gibt es mehr Informationen:
Die Sportpsychologen werden in der ersten Jahreshälfte 2023 zwei Schwesterseiten für SportpsychologInnen und sportpsychologische ExpertInnen sowie für MentaltrainerInnen an den Start bringen. Beide Seiten bieten eine optimale digitale Darstellung, um darüber von SportlerInnen, TrainerInnen und mögliche AuftraggeberInnen gefunden zu werden. Interesse? Dann meldet euch gern beim Redaktionsleiter Mathias Liebing, der am Start der beiden Seiten arbeitet:
Wie andere Menschen auch sind Sportler nicht vor kleineren und größeren Lebenskrisen gefeit. Die Ursachen für solche Krisen können sehr unterschiedlich sein. Denn neben der Art, wie ein Trainer führt (Lesetipp siehe unten), spielen z.B. das Umfeld des Sportlers, die genetische Veranlagung, gemachte Erfahrungen und Persönlichkeitseigenschaften eine zentrale Rolle, wie mit einem Akutauslöser umgegangen wird. Für einen verantwortungsbewussten Umgang mit psychischen Belastungen in Krisenzeiten empfiehlt sich für den Trainer ein Vorgehen in drei Schritten. Das Gute ist, dass dieser dabei in seiner Rolle bleiben kann, ohne beispielsweise in die des besten Freundes oder Therapeuten schlüpfen zu müssen.
Zum Thema: Tipps für Trainer im Umgang mit Sportlern in Krisensituationen
Schritt 1: Wachsame Beobachtung
Schon eine wachsame Beobachtung kann helfen, um potenzielle gesundheitliche Risiken frühzeitig zu erkennen. Das Augenmerk sollte dabei auf folgenden Veränderungen liegen:
Neigt der Sportler zu einer Hyperaktivität oder ist er besonders häufig krank?
Reagiert der Sportler auf mich als Trainer und auf andere mit Klagen, Resignation oder Rückzug?
Zeigt der Sportler deutliche Veränderungen in seinem Trainingsverhalten? Kommuniziert er beispielsweise sarkastischer, aggressiver oder destruktiver als sonst? Hat sich seine Stimmungslage verändert, z.B. in Form von Gereiztheit?
Lässt die Disziplin (z.B. Pünktlichkeit) des Sportlers oder auch seine Qualität der sportlichen Leistung zu wünschen übrig?
Schritt 2: Ansprechen
In einem zweiten Schritt liegt es nahe, den Sportler auf die wahrgenommenen Anzeichen in einem vertrauensvollen Rahmen anzusprechen. Doch damit dieser bereit ist, sich seinem Trainer in diesem Gespräch gegenüber zu öffnen, braucht es eine stabile Beziehungsebene. Und an dieser Stelle schließt sich der Kreis zur Kernaussage eines vorigen Artikels zum Führungsverhalten von Trainern (Link siehe unten): Wenn ein Verhältnis zwischen Trainer und Sportler besteht, das auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt basiert, wenn der Sportler seinen Coach als empathisch wahrnimmt und das Gefühl hat, dass das Zeigen von Schwäche und das Machen von Fehlern völlig in Ordnung ist, so – aber auch nur dann – ist die Wahrscheinlichkeit für ein gelingendes Gespräch groß.
Sollte der Coach die im ersten Schritt beschriebenen Warnzeichen beobachtet haben, empfiehlt es sich,
diese Auffälligkeiten zeitnah anzusprechen und dabei auf eine ungestörte Umgebung zu achten,
sich möglichst auf konkretes Verhalten und konkrete Wahrnehmungen zu beziehen,
aufmerksam zuzuhören und das Gehörte in eigenen Worten zusammenzufassen,
zu versuchen zu verstehen, z.B. durch das Stellen von einfachen, offenen und nicht-wertenden Fragen,
auch zu akzeptieren, dass der Sportler möglicherweise nicht bereit ist, sich dem Trainer gegenüber zu öffnen und dass der Sportler die Situation ggf. anders einschätzt als der Trainer.
No-Gos in dieser Phase bestehen darin,
Annahmen über mögliche Ursachen des Problems zu äußern und dieses zu erklären versuchen,
sofort in die Rolle des Ratschlaggebers zu rutschen.
Schritt 3: Intervenieren & Lösen
Sofern sich der Sportler dem Trainer gegenüber geöffnet hat, sich die Vermutung eines Problems bestätigt hat und der Sportler in dieser Phase bereits bereit ist, gemeinsam mit dem Trainer in einen Lösungsmodus zu schalten, kann zum einen im eigenen Verantwortungsbereich nach Lösungen gesucht werden. So kann z.B. im Hinblick auf den Sportkontext gemeinsam überlegt werden, welche – zwischenzeitlichen – Erleichterungen zur Wiederherstellung des Wohlbefindens des Sportlers herbeigeführt werden können. Bei komplexeren Sachverhalten kann gemeinsam nach geeigneten Ansprechpartnern gesucht werden – sei es durch sportpsychologische Unterstützung oder über alternative Lösungsmöglichkeiten.
Tipps für den Umgang mit Sportlern in Krisensituationen
Abschließend möchte ich euch Lesern gern einige zusammenfassende Tipps für den Umgang mit Sportlern in Krisensituationen an die Hand geben. Menschen reagieren sehr unterschiedlich in solchen Situationen: von totaler Verleugnung bis hin zu Panikreaktionen. Umso wichtiger ist es, als Trainer, sachlich und ruhig zu kommunizieren, Anteilnahme zu zeigen und dem Sportler das Gefühl zu geben, ihn zu verstehen. Zudem ist es wichtig, über mögliche Hilfsangebote Bescheid zu wissen, um – falls in der Situation passend – auf diese verweisen zu können.
In vielen Sportvereinen gibt es Unterstützungsangebote wie z.B. eine sportpsychologische Beratung oder einen Mannschaftsmediziner. Zudem: Es gilt, unbedingt auf sich selbst zu achten. Nur wer als Trainer selbst mental gesund ist, kann seinen Sportlern – gerade denjenigen, die sich in Krisensituationen befinden – eine wahre Stütze sein.
Als Sport-Mentaltrainer arbeite ich überwiegend mit jungen Nachwuchstalenten aus Einzel- und Mannschaftssportarten. Und ob Tennis, Fußball, Eishockey oder Boxen – es kommt immer wieder vor, dass die Eltern die abhanden gekommene „Spielfreude“ beklagen, die sie bei ihren Kindern plötzlich beobachten. Da ist dann die Rede von „hängenden Schultern“, „fehlendem Biss“ oder „Zaghaftigkeit“. Solange es nur die Eltern sind, die diese Phänomene beobachten, für die Kinder selbst aber alles in Ordnung ist, sehe ich als Mentaltrainer noch keinen Grund zur Intervention. Wenn aber auch die Kinder diesen Wesenswandel als störend wahrnehmen und ihre sportlichen Ziele als gefährdet sehen, helfe ich gerne. Oft liegt der Schlüssel zur Situation aber gar nicht auf der Ebene der Kinder.
Zum Thema: Motivation und Spielfreude im Nachwuchsleistungssport
Jugendliche, die ihren Sport auf höchstem Niveau betreiben, haben in der Regel schon sehr früh damit angefangen. Beispielsweise im Eishockey ist es keine Seltenheit, dass Kinder mit drei Jahren das erste Mal die Schlittschuhe schnüren und ab dem fünften Lebensjahr dann mit beiden Beinen im Leistungssport stehen: Drei bis vier Trainingseinheiten pro Woche; Spiele oder Turniere statt Kindergeburtstage; Trainingscamp statt Urlaub; Selektionsverfahren; Leistungsdruck. Selbstredend ist es da nicht leicht, die Motivation über Jahre aufrechtzuerhalten. Selbst dann nicht, wenn die Sportart per se Erfüllung verspricht. Denn das Leben hat – und das ist auch gut so! – sehr viel mehr zu bieten als Pokale, Medaillen, Training und Leistungsdruck. Gerade im Teenageralter werden die Entbehrungen, die man als Leistungssportler in Kauf nehmen muss, verstärkt spürbar. Der Lieblingssport wird zuweilen zum lästigen Pflichtprogramm. Da ist es dann nicht verwunderlich, dass auch die Körpersprache dieses Unbehagen ausdrückt.
In gar nicht mal so seltenen Fällen geben talentierte und vielversprechende Nachwuchssportler ihren Sport dann irgendwann auf, um endlich auch mal die anderen Facetten des Lebens kennenzulernen und auszukosten. Denn nicht jeder Sportler, der gut ist, will auch Profi werden. Nebenbei bemerkt: Für die stolzen Eltern ist das oft ein größeres Drama als für die Sportler selbst.
Leistungssport ist Druck
Wer aber in seiner Sportart ganz oben mitspielen will und eine Profikarriere anstrebt, kommt an hohen Leistungsanforderungen nicht vorbei. Kurz: Leistungssport ist Druck. Aber: Der Druck muss gewollt sein. Stichwort „intrinsische Motivation“. Häufig wird aber der ohnehin schon sehr große Druck, den sich leistungsorientierte Sportler mit Profi-Ambitionen freiwillig machen, von außen unnötig erhöht. Etwa dann, wenn Trainer und/oder Eltern die Anstrengungen und Erfolge der Kinder nicht adäquat wertschätzen.
In meiner Arbeit als Sport-Mentaltrainer habe ich immer wieder mit Nachwuchstalenten zu tun, die trotz aller Erfolge immer ein “aber” zu hören bekommen. „Du hast das Tennisturnier zwar gewonnen, aber nicht dein bestes Tennis gespielt.“ „Du hast im Spiel zwar zwei Tore geschossen, aber immer noch zu viele Chancen liegen lassen.“ Keine Frage: Das Streben nach Perfektion ist auf dem Weg zum Profi legitim und wichtig. Dennoch sollte man es mit Strenge und Kritik nicht übertreiben. Denn Lob und Anerkennung stärken das Selbstvertrauen – ein unschätzbar wichtiges Element für Motivation, Ehrgeiz, Spaß und ERFOLG!
Die Arbeit mit Sportlern und Eltern
Wenn man Nachwuchstalenten das Gefühl gibt, nie gut genug zu sein, ebnet man den Weg für Demotivation, Trotz und Resignation. Oder eben für „hängende Schultern“ oder „fehlenden Biss“. Dementsprechend liegt das oben angesprochene Problem also oft auch bei den (ambitionierten) Eltern, die nach einem erfolgreichen Wettkampf lieber das Haar in der Suppe suchen, als ihren Kindern anerkennend auf die Schulter zu klopfen. So ist es dann für mich als Mentaltrainer sinnvoll, auch das Gespräch mit den Eltern zu suchen. Und aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Eltern in aller Regel offen für Ratschläge sind und diese auch gerne beherzigen.
In meiner Arbeit mit den Sportlern selber geht es dann darum, ihnen ein Bewusstsein für ihre Stärken zu geben und ihnen dabei zu helfen, ihre sportlichen Erfolge konstruktiv einzuordnen. Denn nur, wenn man weiß, was man kann, zu was man fähig ist (Selbstwirksamkeit) und was man schon alles erreicht hat, ist eine positive und optimistische Grundhaltung möglich. Dann hängen auch die Schultern nicht mehr.
Die Fälle der Turnerin Kim Bui, die an einer Essstörung litt, des Bremen-Spielers Niklas Schmidt und des Bayern-Spielers Benjamin Pavard, die mit einer Depression zu kämpfen hatten, oder auch der Fall Jadon Sancho, der mentale Probleme offenbarte, zeigen auf: Psychische Erkrankungen können jeden treffen – auch Spitzensportler. Von der Dunkelziffer mal ganz zu schweigen. In diesem Artikel möchte ich den Zusammenhang zwischen der mentalen Gesundheit und der Leistungsfähigkeit aufzeigen. Und darstellen, welchen Beitrag Trainer durch ein wertschätzendes Führungsverhalten zur mentalen Gesunderhaltung ihrer Sportler leisten können.Denn in unserem Umgang miteinander liegt ein wichtiger Schlüssel, um rundum gesund zu sein und sportliche Leistung abrufen zu können. Trainern kommt hierbei eine wichtige Rolle zu.
Zum Thema: Mentale Gesundheit als Basis für maximale Leistungsfähigkeit
Keine Frage, nicht nur in körperlicher, sondern auch in mentaler Hinsicht gesund zu sein, ist ein wahrer Schatz – gerade auch für Leistungssportler. Schließlich ist es die mentale Gesundheit, welche die Grundlage für die eigene maximale Potenzialentfaltung liefert. Trotz des greifbaren Zusammenhangs zwischen mentaler Gesundheit und Leistungsfähigkeit lässt sich in der Sportpraxis wiederkehrend ein hierzu widersprüchliches Führungsverhalten von Trainern wahrnehmen – ein Verhalten, das auf Bestrafungen, Tadel und Beschimpfungen basiert. Worin können Ursachen in einem solchen Verhalten begründet sein?
Oft sind Trainer über diesen Zusammenhang nicht informiert, es fehlt schlichtweg an Wissen. Teilweise wird dasselbe Verhalten eingesetzt, das man als jugendlicher Sportler selbst erlebt und somit erlernt hat. So wird z.B. ein autoritäres Trainerverhalten adaptiert und eine Kultur fortgesetzt. An der ein oder anderen Stelle fehlt es auch an grundlegenden sozialen Kompetenzen inklusive eines Bewusstseins dafür, was die eigenen Worte oder Handlungen beim Gegenüber auslösen. Angesichts der Wichtigkeit der mentalen Gesunderhaltung gilt es, sich als Trainer die Fragen zu stellen: Was braucht ein Sportler, um psychisch gesund zu bleiben? Und wie kann ich durch mein Wirken einen entscheidenden Beitrag dazu liefern? Auf die zweite Frage möchte ich mich genauer fokussieren, indem ich mich mit den zentralen Grundpfeilern wertschätzender Führung im Sport auseinandersetze.
Grundpfeiler wertschätzender Führung im Sport
Respekt
Der Begriff Respekt stammt ursprünglich vom lateinischen Verb respicere ab und bedeutet so viel wie zurückschauen, umschauen, sich nach anderen umschauen. Ein Bewusstsein über diese Ursprungsbedeutung hilft zu verstehen, inwiefern Respekt in Bezug auf wertschätzende Kommunikation und gelingendes Führungsverhalten von Bedeutung ist. Es geht darum, sich auf seinen Sportler einzulassen und sich ihm zuzuwenden. Respicere hat aber auch eine andere Bedeutung, nämlich sich selbst zu beachten und zu überdenken. An dieser Stelle – ganz im Sinne der Bedeutung sich selbst zu beachten – möchte ich euch zu einem kleinen Experiment einladen – nämlich, den folgenden Satz aufmerksam zu lesen, ihn auf euch wirken zu lassen und zu beobachten, was er in euch auslöst, inklusive einer Beobachtung, welche Gedanken und Gefühlen aufploppen:
“Warum wir in den Trainerforbildungen das Modhul wertschetzende Führung bräuchten…”
Was hat dieser Satz mit euch gemacht? Was habt ihr gedacht und gefühlt, als ihr die Rechtschreibfehler wahrgenommen habt? Habt ihr Mitgefühl gehabt? Wart ihr wütend wegen eines vermeintlich schlecht vorbereiteten Sportpsychologen, der euch etwas über Respekt erzählen will? Als Menschen neigen wir zu fixen Interpretationen, dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen und Menschen in Schubladen zu stecken, auf Grundlage eigener Urteile. Wie gehen wir z.B. im Schulkontext mit Fehlern und Schwächen um? In der Schule werden besonders Defizite explizit hervorgehoben, z.B. im Diktat falsch geschriebene Worte mit der Signalfarbe Rot fett markiert. Welchen Unterschied würde es machen, wenn wir den Spieß umdrehen und all jene Worte hervorheben würden, die richtig geschrieben wurden? Bei aller Kritik am Niveau deutscher Schüler hätten wir dann eine ganz gute Quote, oder? Ich wünsche mir, gerade auch für den Sportkontext, einen bewussten Perspektivwechsel: Dass wir als Führungskräfte nicht so schnell werten, sondern unseren Gegenüber, unseren Sportler erstmal so akzeptieren und annehmen, wie er als Mensch eben ist und uns dabei immer dessen bewusst sind, dass wir selbst auch alles andere als fehlerfrei sind. Ich wünsche mir einen vorurteilsfreien Blick auf den Menschen hinter dem Sportler und eine bewusste Fokusausrichtung auf all die Stärken, Fähigkeiten und positiven Eigenschaften unseres Gegenübers. Es ist diese Haltung, die dann zu einer Verhaltensänderung führen kann, die wiederum dem Wohlbefinden des Sportlers dient.
Wer kennt sie nicht, die Marionettenstrategie? Oftmals wird diese von Trainern angewendet, die ihre Sportler als „Schachfiguren“ und „Dienstleister“ ansehen und diese loben bzw. tadeln in Abhängigkeit davon, ob das umgesetzt wurde, was sie als Trainer von ihnen verlangt haben. Doch hier braucht es im Sinne einer wertschätzenden Führung Veränderung. Die „Dienstleister“ sollten nicht mehr Dienst nach Vorschrift machen, sondern einen eigenverantwortlichen Dienst an ihrer Leistung und Entwicklung erbringen. Es gilt, die Zöpfe abzuschneiden, die Marionettenverbindung zu kappen – mit dem Ziel, die Sportler mehr in den Mittelpunkt zu stellen, sodass sie keine Erfüllungsgehilfen der Trainervorgaben sind, sondern eigenständige Entscheidungsträger.
Um es mit einer anderen Metapher auszudrücken: Im Prinzip geht es um die Frage, in welchem Film befindet sich die Führungsperson? Letztlich sollte es immer um den Sportler gehen, denn dieser ist es, der die sportliche Leistung zu erbringen hat. Deshalb ist es notwendig, sich in den Film des Sportlers zu begeben, um als Trainer wirksam zu sein. Oder aber einen gemeinsamen Film zu entwickeln, in dem sich Sportler und Trainer gemeinsam befinden. Es sollte bei meinem Führungsverhalten immer um die Fragen gehen: Wem dient es? Dient es mir? Oder dient es dem Sportler? Und wie muss Führung aussehen, damit sie dem Sportler dient? Anhand des Beispiels Druck lässt sich dies verdeutlichen. Nur selten ist Druck etwas, was Sportler zu besseren Leistungen befähigt – langfristig erst recht nicht. In der Praxis jedoch lässt sich oftmals beobachten, dass Trainer dazu neigen, Druck auf den Sportler auszuüben. Da liegt die Vermutung nahe, dass es in solchen Fällen eher darum geht, den eigenen Druck weiterzugeben. Also dient es mir selbst und nicht dem Gegenüber! Eine Voraussetzung, um die Marionettenstrategie abzulegen und einen gemeinsamen Film zu entwickeln: Loszulassen und Vertrauen zu entwickeln, in die einst so zuverlässigen Dienstleister.
Vertrauen
Trainer fordern oft, Vertrauen zu erhalten – von ihrem Arbeitgeber und ihren Sportlern. Doch wie entsteht Vertrauen und wie lässt sich ein Vertrauensverhältnis zwischen Sportler und Trainer aufbauen? Im Rahmen einer Weiterbildung habe ich folgende Formel aufgeschnappt, die eine sinnvolle Orientierungshilfe für die Praxis darstellen kann: Demnach ist Vertrauen das Resultat von
Nähe + Zutrauen + Zuverlässigkeit
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Ego
Es geht also für den Trainer darum, eine gewisse Nähe aufzubauen, ein Zutrauen zueinander zu entwickeln und Zuverlässigkeit an den Tag zu legen. Wenn die durch den Trainer geschaffene Nähe, das Zutrauen und die Zuverlässigkeit des Trainers in Summe in der Wahrnehmung des Sportlers größer sind als das vom Sportler wahrgenommene Trainer-Ego, so ist Chance groß, dass sich ein gewisses Vertrauensverhältnis entwickelt. Alle Trainer hingegen, die sich selbst sehr wichtig nehmen, brauchen über dem Bruchstrich relativ viel, um Vertrauen aufzubauen. Dieser Prozess des Vertrauensaufbaus kann als relativ anstrengend und mühsam empfunden werden, braucht Zeit und kann durch Störungen auf der Beziehungsebene rasch wieder eine unliebsame Wendung nehmen. Doch es lohnt sich für den Trainer, der wertschätzend führen möchte, dranzubleiben und Hartnäckigkeit zu beweisen. Denn ein wechselseitiges Vertrauensverhältnis schafft belastbare Beziehungen, hilft dem Sportler, sich zu öffnen und stellt eine Basis für eine gelingende Zusammenarbeit dar. Vertrauen hilft zudem dabei, Rückschläge und schwierige Situationen gemeinsam zu meistern – gerade auch solche, die das persönliche Wohlbefinden des Sportlers betreffen.
Empathie
Im Sport wird oft von Sinnlosigkeiten gesprochen, z.B.: „Was für ein sinnloser Pass!“ Aber auch der vermeintliche Unsinn enthält einen – im ersten Moment vielleicht noch nicht greifbaren – Sinn. Aktiv zu versuchen, diesen Sinn verstehen zu wollen, hilft, sich auf den Gegenüber einzulassen und sich mit ihm zu verbinden – statt ihn wertend in eine Schublade zu packen. Empathie bedeutet in diesem Zusammenhang also, den Gegenüber und dessen Verhalten bewusst verstehen zu wollen – basierend auf der inneren Grundhaltung, dass sich hinter jedem Verhalten ein wertzuschätzendes Motiv und eine positive Absicht steckt. Empathie bedeutet auch, mit seinem Sportler mitzufühlen, ihn unterstützen zu wollen, gerade in für diesen schwierigen Situationen und somit bewusst Anteil an seiner inneren Erlebenswelt zu nehmen. Entscheidend ist als Grundlage für eine wertschätzende Kommunikation auch, sich immer wieder bewusst “leer zu machen”. Gerade als Trainer gilt es, ein Gespräch mit seinem Schützling leer zu beginnen, anstatt innerlich geradezu auf das eine Reizwort zu warten, das einen auf 180 bringt und an die Decke springen lässt. Sich leer zu machen geht zudem damit einher, möglichst vorurteilsfrei in jegliche Interaktion mit dem Sportler zu gehen und sich dessen bewusst zu sein, dass genau diese Interaktion einzigartig ist und so nie wieder auftreten wird. Empathie lässt sich auch ausdrücken, indem der Coach vor allem mit Fragen arbeitet, dem Sportler Raum gibt, sich zu öffnen und sich mitzuteilen. So lässt sich wiederum ein Gespür für die Bedürfnisse und Wünsche des Sportlers entwickeln, die der Coach in seinem Führungsverhalten anschließend berücksichtigen kann. Die Fähigkeit, Fragen zu stellen geht eng mit einer gewissen Kommunikationsfähigkeit einher, eine der wichtigsten Führungskompetenzen schlechthin. Gut zu kommunizieren bedeutet im Sportkontext nicht nur, klare Ansagen zu tätigen, sondern vor allem, sich zurückzunehmen, wirklich aufmerksam zuzuhören – aus einem wahren Interesse am Menschen und dessen Weiterentwicklung heraus.
Kultur
Ein weiterer Schatz besteht in der Entwicklung einer Fehler- und Feedbackkultur. Sportler sollten bewusst ermutigt werden, mutig zu sein, sich auszuprobieren und infolgedessen auch Fehler machen zu dürfen. Dies gilt es als Trainer durch ein entsprechendes Feedbackverhalten in auftretenden Fehlersituationen zu untermauern. Fehler sollten als Wachstums- und Lernchance begriffen und dem Sportler das Gefühl gegeben werden, hinter ihm zu stehen – ganz besonders infolge eines Fehlers oder einer schlechten Trainings- oder Wettkampfleistung. Die Entwicklung einer Feedbackkultur öffnet den Raum für einen intensiven Austausch, in dem sich explizit der Sportler mitteilen und Verbesserungsvorschläge an seinen Coach kommunizieren darf. Durch die anschließende ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Feedback und der – sofern für zielführend erachtet – Umsetzung dessen in der Praxis spürt der Sportler, dass er und seine Weiterentwicklung es ist, die im Mittelpunkt des Trainerdenkens stehen.
Bedürfnisbefriedigung
Wichtig im Sinne des Wohlbefindens und auch der intrinsischen Motivation des Sportlers ist die Befriedigung seiner psychischen Grundbedürfnisse. Eine hierfür passende Orientierung liefert das AKZ-Modell, das für die Begriffe Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit steht.
Grafik: Janosch Daul
Von Bedeutung ist es als Trainer, seinem Sportler Autonomie zu ermöglichen, sprich:
Selbstbestimmung und Mitspracherecht einzuräumen,
Freiraum zu gewähren,
(mit)entscheiden zu lassen (diesen beispielsweise im Training auch mal eine Übung (mit)gestalten zu lassen),
Ziele gemeinsam zu definieren und gemeinsam Regeln zu erarbeiten, statt diese „von oben“ vorzugeben.
Zudem muss sich ein Sportler in seinem Tun als kompetent erleben, also das Gefühl haben, über zahlreiche Fähigkeiten und Ressourcen zur Bewältigung einer gestellten Anforderung zu verfügen. Ein Trainer kann das Kompetenzerleben seines Sportlers im Sinne eines wertschätzenden Führungsverhaltens fördern, indem er:
mit diesem realistische Zielsetzungen erarbeitet,
durch eine Trainingsgestaltung, die dem individuellen Können angepasst ist, Erfolgserlebnisse ermöglicht,
überwiegend positive, handlungsorientierte sowie möglichst konkrete Rückmeldungen gibt.
Insbesondere im Mannschaftssportkontext sollte sich ein Sportler seinem Team zugehörig fühlen. Auch hier kann der Trainer ansetzen, indem er eine gemeinsame, verbindende Identität entwickelt und Erlebnisse in der Gruppe fördert. Eine wertschätzende Führung ermöglicht dem Sportler nun die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse. Dabei sollte sich der Coach dessen bewusst sein, dass sich seine Schützlinge hinsichtlich der Ausprägung ihrer Bedürfnisse unterscheiden können: Während Sportler X insbesondere nach Autonomie strebt, muss sich Sportler Y möglicherweise als besonders kompetent wahrnehmen. Um wirksam und gleichzeitig wertschätzend führen zu können, sollte der Trainer diese Bedürfnisse seiner Sportler kennen und diese im Trainings- und Wettkampfbetrieb berücksichtigen.
Fazit
Wem es als Trainer nun gelingt, diese sechs vorgestellten Eckpfeiler ins eigene Verhaltensrepertoire zu integrieren und im Führungsverhalten systematisch umzusetzen, der wird maßgeblich dazu beitragen, dass sich der geführte Sportler wohlfühlt und intrinsisch motiviert ist. Der Coach schafft zugleich eine stabile Grundlage für die Erbringung von Leistung und erhöht die Wahrscheinlichkeit auf eine mentale Gesunderhaltung des Sportlers.
Wieder ein Artikel über Coaching im Sport. Muss das sein? Der Begriff wird heute so inflationär verwendet, dass man sich kaum noch was darunter vorstellen kann. Das ist schade, denn gute Trainer*in sind so etwas wie ein Mentor bzw. eine Mentorin. Vielleicht haben Sie bereits das Glück, eine(n) großartige(n) Trainer*in zu haben? Sie greifen uns als Unterstützer unter die Arme und begeistern uns für das Leben und den Sport. Ein guter Coach schafft genau das: Er begleitet Sie ein Stück auf Ihrem Weg. Er inspiriert Sie zu lernen und zu wachsen. Genau das war auch der Grundgedanke, als vor einigen Jahren die DFB-Ausbildung reformiert wurde. Trainer*innen sollten lernen, durch transformationale Führung und vertiefte Menschenkenntnisse die Mannschaft zu führen. Ihr Fokus sollte weg vom dauerhaften Leistungsdruck und hin zur persönlichen Entwicklung ihrer Spieler*innen. Und das wiederum würde die Motivation und Entwicklung steigern. Potentialentfalter, egal wo man im Deutschen Fußball hinschaut. Hier gab und gibt es allerdings ein wichtiges Problem: Coaching zeigt oft keine nachhaltige Wirkung. Bei einer im Kollegenkreis durchgeführten Befragung mit vier Bundesligisten, kommen zwar 76 Prozent der Spieler in irgendeiner Form mit Coaching in Berührung, aber nur 24 Prozent der Spieler gaben letztlich an, dass sich das Coaching nennenswert auf ihr Wohlbefinden oder ihre Leistung auswirkte. Wie kann das sein? Ich postuliere hierzu folgende Hypothese: In den meisten Vereinen ist Coaching zu steril. Es beschränkt sich auf kollektive und fehlerorientierte Spielersitzungen, die oft sehr allgemein gehalten sind und wenig individuellen Input aufweisen. In diesem Beitrag erfahren Sie, wie Sie Ihr eigenes Coaching im Sport regelmäßig pflegen und Ihr Team und jeden Einzelnen durch sensible Fragen zu wertvollen Erkenntnissen führen können.
Zum Thema: Zielführendes Coaching durch sensible Fragen
Stellen Sie sich vor, Sie führen eine junge, talentierte Mannschaft. Lauter ambitionierte(r) und fähige(r) Spieler*innen, die ihr(e) sportliche Geschichte noch schreiben wollen. Die Sache ist nur: Alle Verantwortung liegt bei Ihnen. Sie delegieren Aufgaben im Funktionsteam, betreuen Trainingseinheiten und lösen rundum vereins- und mannschaftspezifische Schwierigkeiten. Egal, wie groß oder klein die Anliegen sind: Alle rennen ständig zu Ihnen. So kommen Sie selbst zu nichts. Sie hetzen von Wettkampf zu Wettkampf und von Interview zu Interview. Überfliegen Ihre Ideen und sind eigentlich nur noch mit Feuerlöschen und Wettkämpfen beschäftigt. Ihre Spieler*innen warten oft vergebens auf Ihre Rückmeldungen oder diese finden nur unregelmäßig statt. Dabei wissen Sie, wie es anders laufen kann: Ihre Spieler*innen müssen individualisiert und selbstständiger werden. Ihre Potenziale und Herausforderungen eigenverantwortlich anpacken und meistern. Aber wie können Sie Ihnen zu mehr Autonomie und Entwicklungsschritten verhelfen? Ich habe eine erfahrungsbasierte Antwort für Sie: Indem Sie Ihr Coaching zur Gewohnheit für Ihre Schützlinge machen (Sonesh et. al. 2015). Tun Sie es anders als die meisten Trainer*innen, wo Coaching oft nur eine Nebensache oder lästige Willkür ist: eine künstlich vom Tagesgeschäft getrennte Maßnahme mit durchaus guten, aber sterilen Ansätzen. Nutzen Sie dagegen konkrete Situationen, um Ihre Spieler*innen in kurzen und informellen Gesprächen zu begleiten. Das können fünf Minuten in der Kabine sein, nach dem Essen oder Training, zuhause, per Telefon oder Videocall u.v.m. Das ist viel praxisnaher und greifbarer als eine formelle und fehlerorientierte Spielanalyse nach dem Spiel. Ein(e) gute(r) Trainer*in ist immer im Coaching-Modus.
So weit so gut. Aber wie coachen Sie Ihre Mannschaft nachhaltig? Indem Sie die richtigen und wirksamen Coachingfragen stellen und sich für die Zusammenarbeit regelmäßig bedanken (De Meuse et al., 2009; Theeboom et al., 2014; Sonesh et al., 2015; Jones et al., 2015; Graßmann et al., 2019).
Fragen und Dankbarkeit
Seien Sie ehrlich zu sich: Wann vertragen Sie kritische Anregungen? Wann sind Sie offen dafür, Anregungen von anderen anzunehmen? Wenn es Ihnen wie mir geht, dann möchten Sie sich wertgeschätzt fühlen. Bei einem Coaching möchte ich das Gefühl haben, es geht um mich. Ich möchte mich nicht belehren lassen, sondern respektiert werden und mich entfalten dürfen. Womit wir beim Kerngedanken von regelmäßigem Coaching wären: Wenn Sie die Spieler*innen nachhaltig begleiten wollen, dann sagen Sie ihnen nicht, was sie tun sollen. Fangen Sie an, ihnen Fragen zu stellen. Weniger Fremdbestimmung – mehr Individualität. Der ideale Einstieg in ein gutes Gespräch lautet meinerseits: „Dein Wohlergehen und deine Entwicklung sind mir wichtig – was beschäftigt Dich gerade besonders?“ Das signalisiert aufrichtiges Interesse und bietet dem/der Spieler*in eine dankbare Vorlage. Es mag banal klingen, doch leider höre ich regelmäßig von meinen betreuten Spielern*innen gegenteiliges, aber auch Trainer*innen sagen mir sehr oft, sie hätten dafür keine Zeit! Warum? Weil kaum persönliches Interesse besteht und die Leistungsfähigkeit oder die Fehlervermeidung im Fokus stehen. Hören Sie aufmerksam zu und geben Sie Ihren Spielern*innen die Chance, Sorgen und Bedürfnisse zu äußern. Es kann passieren, dass sich der/die Spieler*in festredet. Sie spüren, dass sie noch mehr auf dem Herzen haben, aber nicht die passenden Worte finden. Dann hilft der Türöffner:„Vielen Dank für dein Vertrauen und deine Offenheit – was bewegt dich noch?“
Auch diese Frage scheint banal, kann aber größeres sichtbar machen. Sie ist der effektivste Weg, ein oberflächliches Gespräch sensibel in andere Bahnen zu lenken, bspw. um auf neue Gedanken, Optionen und Ideen zu kommen. Erinnern Sie sich an Ihre Ausgangslage: Sie wollen Ihrem Team und jedem Einzelnen zu mehr Autonomie und Entwicklung verhelfen. Dann übertragen Sie diese Gedanken auf Ihr Coaching. Versuchen Sie keine Vorträge zu halten und weniger Vorgaben zu machen. Hören Sie zu und stellen Sie aufrichtige und wertschätzende Fragen, damit Ihre Spieler*innen selbst erkennen, welche Herausforderungen sie haben und wie sie diese lösen können. In diesen Fällen hilft die Ziel-Intention-Frage. Sie lautet: „Danke für deine Gedanken – Was ist hier die wirkliche Herausforderung für dich?“ Stellen Sie sich vor, Sie führen ein lockeres Gespräch auf dem Platz. Sie sehen, dass sich der Spieler bzw. die Spielerin mit einer Aufgabe schwertut – immerhin lässt er/sie schon seit mehreren Minuten auf dem Platz oder in der Kabine Dampf ab. Aber er/sie formuliert weder ein klares Problem noch eine mögliche Lösung. Dann hilft die Erweiterung der Ziel-Intentions-Frage, gemeinsam zum Punkt zu kommen. Wir beide finden einen Weg für dich – Wo genau hakt es? Was genau fällt dir schwer? Die Antwort zeigt Ihnen, wo Sie ihn/sie konkret unterstützen können. Der Einstieg, der Türöffner und die Ziel-Intentions-Fragen sollten das Fundament Ihrer Arbeit sein. Mit den nächsten Fragen führen Sie Ihre Schützlinge weiter an ihre Lösung heran.
Bedürfnisse erkennen und weiterentwickeln
Bleiben wir weiter bei unserem Eingangsbeispiel. Sie wollen, dass Ihre Spieler*innen eigenverantwortlicher und kreativer werden. Begeben Sie sich wieder gedanklich in eine Coaching-Situation. Vor Ihnen sitzt ein unzufriedene(r) Ergänzungsspieler*in, der/die nicht weiß, was Sie von ihr/ihm wollen. Wie bewegen Sie sie/ihn sanft in die richtige Richtung? Nehmen wir weiter an, Sie setzen die oben genannten Fragen um: Einstieg, Türöffner und Ziel-Intentions-Fragen. Aber das Gespräch dreht sich weiter im Kreis. Der Spieler bzw. die Spielerin kommt nicht über allgemeine Aussagen hinaus. Dann denken Sie daran, dass hinter jedem Unmut ein Bedürfnis steht. Nutzen Sie die Grundlegende Frage „Was möchtest Du?“, um zu diesem Bedürfnis vorzudringen. Erfahrungsbasiert sind diese fünf Elemente im Fußball aber auch in den anderen Sportarten besonders wichtig:
Wertschätzung
Vertrauen
Individualität
Mitwirkung
Erholung
Mit diesen grundlegenden Bedürfnissen finden Sie heraus, welches davon Ihr(e) Spieler*in antreibt.
Also zurück zu Ihrem Coaching-Gespräch. Warum ist diese(r) Spieler*in unglücklich? Will sie/er mehr Spielzeit/Aufgebot in der Startelf oder fehlen ihr/ihm die regelmäßigen Entwicklungsgespräche? Braucht sie/er mehr Vertrauen, um kreative Eigenleistung auf dem Platz nachzugehen? Wünscht sie/er ein optimiertes Erholungs- und Belastungsmanagement u.v.m.? Wenn sich ein(e) Spieler*in nur beschwert, aber keine Lösung anbietet – kann Ihnen eine andere Frage helfen. Sie lautet: „Wie kann ich helfen?“ Das klingt auf den ersten Blick wieder ein wenig banal, gerade so wie die Begrüßungsfloskel eines Verkäufers auf dem Flohmarkt. Nun sind Sie aber kein Verkäufer, sondern ein(e) (Spitzen-)trainer*in. Sie meinen die Frage ehrlich und schaffen eine positive Grundstimmung. Sie signalisieren aufrichtige Hilfsbereitschaft. So finden Sie schnell heraus, ob ihr Spieler bzw. ihre Spielerin wirklich etwas braucht oder einfach mal Dampf ablassen muss. Außerdem bringen Sie sie/ihn leichtfüßig dazu, zum Punkt zu kommen. Sie sind direkt und bleiben trotzdem respektvoll.
Schätzen Sie auch einen respektvollen Umgang?
Wie viele Trainer*innen erkundigen sich schon einfühlsam nach den Bedürfnissen ihrer Spieler*innen? Wie hat es vor kurzem ein Trainer aus der Fußballbundesliga mir gegenüber geäußert:
„Ich werde verpflichtet, um Ergebnisse zu bringen und wenn diese nicht zeitnah sichtbar werden, dann bin ich schneller meinen Job los, als ich die Umzugskartons auspacken konnte. Die Vereinsphilosophie und persönliche Belange interessieren mich nur bedingt. Die Spieler sind alt genug, um sich um Ihre mentale Gesundheit und Entwicklung zu kümmern.“ (Die Aussage durfte ich nach Rücksprache anonymisiert verwenden, wobei seine derzeitige Meinung sich durch unsere gemeinsame Zusammenarbeit positiv verändert hat.)
Dem ist im Prinzip nichts hinzuzufügen. Aber: Wenn der Einzelne und das Team das Potenzial nicht abrufen können, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer längerfristigen und erfolgreichen Zusammenarbeit sehr gering. Ein solches Interesse unterscheidet Sie von all den Trainern*innen, die sich nicht für ihre Spieler*innen interessieren, sondern sich nur um Ihren eigenen Weg bemühen. Dabei verdienen Sie genauso den Respekt Ihres Vereins und Ihrer Teammitglieder.
Eine weitere Spieleraussage über einen Bundesliga-Trainer
„Dieser spricht nur mit der Startelf, der Rest kann sich seine Informationen selbst besorgen. Dafür haben wir ein schwarzes Infobrett oder er gibt uns die Möglichkeit, sich selbst um ein Gespräch zu bemühen. Das ist aber sehr schwierig zu realisieren. Wenn ich nicht spiele, dann führt der Trainer auch kein Gespräch mit mir oder nennt mir einen nachvollziehbaren Grund. Wie soll ich mich dann verbessern können?“ (Die Aussage durfte ich ebenfalls nach Rücksprache anonymisiert verwenden)
Ich bin immer wieder fassungslos über solch destruktives und befremdliches Verhalten mancher Trainer*innen. Woran das liegen könnte, sollten wir an dieser Stelle nicht erörtern. Seien Sie gewiss, dass wir trotz aller Widerstände weiterhin an humanistischen Themen im Sport arbeiten werden!
Doch wann lernen unsere Spieler*innen? Dann, wenn wir reflektieren und die Zeit haben, neue Eindrücke oder Verhaltensweisen zu verarbeiten. Reflexion ist die Voraussetzung dafür, dass es „Aha-Momente“ gibt, die Veränderungen möglich machen. Und der Anreiz für diesen Moment ist die Lernfrage. Formulieren Sie am Ende jeder Unterhaltung: „Was war am nützlichsten für dich?“ Diese Frage lädt Ihre Spieler*innen ein, das Gespräch zu reflektieren und die Impulse in den sportlichen Alltag zu integrieren. Das gilt im Übrigen auch für uns alle!
Wertschätzende Kommunikation
Jetzt haben Sie das rhetorische Werkzeug für konstruktive Gespräche im Sport. Sie fangen an, Ihre Spieler*innen mit sensiblen Fragen zu konfrontieren. Aber jetzt stellen Sie sich vor, Sie betreuen einen Spieler bzw. eine Spielerin, dessen Lernprozess etwas langsamer vorangeht. Sie haben ihr/sein eigentliches Problem erkannt, halten sich aber tapfer zurück, damit sie/er selbst zur Erkenntnis gelangt. Doch eines Tages reißt Ihnen der Geduldsfaden. Sie platzen versehentlich mit einem Vorschlag heraus. Das ist nur menschlich – aber leider kein vielversprechender Ansatz. Coaching braucht Fingerspitzengefühl. Sie wollen Ihre Spieler*innen weder erziehen noch bevormunden, sondern respektvoll zur Selbsterkenntnis leiten. Gleichzeitig wollen Sie vermeiden, dass sie sich vor lauter Gefrage wie in einem Verhör fühlen. Wie gesagt: Ihre Gespräche sollten auf Wertschätzung basieren.
Hier kommen ein paar Grundschritte für den rhetorischen Seiltanz: Seien Sie so klar und direkt wie möglich:
Überspringen Sie den Smalltalk und stellen Sie Ihre erste Frage. Das spart Ihnen beiden Zeit.
Arbeiten Sie mit „Was“-Fragen, statt mit „Warum“-Fragen. Das ist offener und weniger konfrontativ. Ihre Spieler*innen sollen sie nicht das Gefühl haben, sie müssen sich rechtfertigen oder verteidigen. Also fragen „Was beschäftigt dich?“ und nicht „Warum beschäftigt dich das?“.
Vermeiden Sie rhetorische Fragen wie „Hast Du schon mal darüber nachgedacht, dass …?“. Das sind keine neutralen Impulse, sondern als Fragen getarnte Ratschläge. Auch hier kann sich Ihr Gegenüber schnell angegriffen fühlen.
Versuchen Sie aktiv zuzuhören. Das kann auch bedeuten, dass Sie zwischendurch gar nichts sagen. Schweigen und Stille werden oft negativ gedeutet – aber in der Begleitung sind sie wertvolle Werkzeuge. Sie stellen eine Frage und sind anschließend still. Dadurch kann das Gegenüber in Ruhe über eine Antwort nachdenken. Wenn sie/er dann antwortet, seien Sie zugewandt und fassen Sie ihre/seine Gedanken zusammen, um so ihr/sein Verständnis auszudrücken. Das vermittelt Empathie und ermutigt zu noch mehr Offenheit.
Nutzen Sie generell alle verfügbaren Kanäle, um für den Einzelnen und Ihr Team da zu sein. Bleiben Sie am Ball!
Take Home Message
Wie entstehen Gewohnheiten und wie können Sie diese jetzt in die Praxis transferieren? Mit dieser spannenden Frage beschäftigen sich zahlreiche Wissenschaftler und Disziplinen. Sie haben in den letzten Jahren wertvolle Erkenntnisse geliefert. Ihnen zufolge braucht es fünf Aspekte, um eine neue Gewohnheit zu entwickeln: Einen Grund, einen Auslöser, eine Mini-Gewohnheit, eine wirksame Praxis und einen zielgerichteten Plan (Wendy, 2022): Der Grund ist Ihre Initialzündung, also der Ursprung Ihres Wunsches, ein Verhalten zu verändern. Schauen wir uns das mal näher an:
Sie wollen in Ihrer Rolle als Trainer*in vermeiden, Ihren Spielern*innen Ratschläge zu geben, um sie nicht zu bevormunden. Sobald Sie diesen Grund erkannt haben, suchen Sie die Auslöser – genau jene Momente, in denen Sie den Drang verspüren, kluge Ratschläge zu geben. So können Sie sich besser für diese Versuchung wappnen. Ihre Mini-Gewohnheiten sind die bereits genannten Coaching-Fragen aus diesem Beitrag. Sie spiegeln im Kleinen wider, was Sie insgesamt erreichen wollen. Und sie lassen sich leicht in bestehende Abläufe integrieren. Also setzen Sie sie so oft wie möglich im Trainingsalltag um. Das ist Ihr Training, beziehungsweise Ihre wirksame Praxis als interessierte(r) Trainer*in. Der letzte Schritt ist ein konkreter Plan für ungeplante Rückfälle. Wir machen alle Fehler. Das gehört dazu. Bauen Sie daher diese Widrigkeiten von vornherein in Ihre Routine ein. Planen Sie „Wenn-Dann-Strategien“ ein, um nach einem Ausrutscher wieder in die Spur zu kommen. Schreiben Sie Ihre Vorhaben auf und seien so spezifisch wie möglich. Fertig ist Ihr Werkzeugkasten im Sport für sensibles und nachhaltiges Coaching. Mit der richtigen Einstellung und ein wenig Geduld, können Sie Ihren Trainerkollegen*innen im Sport einen Schritt voraus sein.
Fazit
Ein(e) gute(r) Trainer*in coacht regelmäßig und nicht nur, wenn die erwartete Leistungsfähigkeit ausbleibt. Sie/er macht das Coaching zur Gewohnheit, indem er/sie alltägliche und informelle Anlässe als Coaching-Situationen nutzt. Dabei gibt er/sie weniger Ratschläge, sondern stellt mehr offene Fragen. Sie/er schafft einen Raum der Geduld und Wertschätzung, in dem Spieler*innen ihre Herausforderungen und Lösungen selbst formulieren. Ihre Fragen sind nicht fremdgeleitet und manipulativ, sondern neutrale Wegweiser auf der Reise zur Selbsterkenntnis und individuellen Entfaltung. Kurzum: Ihre obersten Ziele als Trainer*in sind Autonomie, Wertschätzung und dankbares Verhalten. Das gilt selbstverständlich für alle Akteure im Sport.
De Meuse, Kenneth P.; Dai, Guangrong & Lee, Robert J. (2009): Evaluating the effectiveness of executive coaching: Beyond ROI? Coaching: An International Journal of Theory, Research and Practice, 2, S. 117–134.
Graßmann, C.; Schölmerich, F., & Schermuly, C. (2019): The relationship between working alliance and client outcomes in coaching: A meta-analysis. Human Relations, Februar.
Lindart, M. (2016). Was Coaching wirksam macht: Wirkfaktoren von Coachingprozessen im Fokus. Berlin: Springer.
Lindart, M (2015). Was macht Coaching wirksam? Eine qualitative Studie zu Wirkfaktoren in Coachingprozessen am Beispiel des hypnosystemischen Ansatzes auf Grundlage einer systematischen Übersicht. Inaugural-Dissertation an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
Sonesh, S.C.; Coultas, Ch. W.; Lacerenza, Ch.N.; Marlow, S. L.; Benishek, L. E. Salas, E. (2015): The power of coaching: a meta-analytic investigation. Coaching: An International Journal of Theory, Research and Practice, 2/2015, S. 73–95.
Theeboom, T.; Beersma, B. & van Vianen, A. E. (2014): Does coaching Work? A meta-analysis on the effects of coaching on individual level outcomes in an organizational context. In The Journal of Positive Psychology, 9(1), S. 1–18.
Theeboom, T., Beersma, B., van Vianen, A. E. (2013): Does coaching Work? A meta-analysis on the effects of coaching on individual level outcomes in an organizational context. A summary for the International Coach Federation.
Wendy W. (2022): Good Habits, Bad Habits. Gewohnheiten für immer ändern. Aus dem amerikanischen Englisch von Heide Lutosch.