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Dr. Hanspeter Gubelmann: Gewitter im Kopf – oder: ohne mentale Gesundheit geht es nicht!

Wahrscheinlich geht es vielen so, wie mir in den vergangenen Wochen. Mir schien, als würde ich ein bestimmtes Thema besonders „anziehen“, als wolle es mich „in Beschlag“ nehmen. Die Rede ist von mentaler Gesundheit – oder falls diese abhanden kommt: psychischer Schädigung. Erst war ich eingeladen, öffentlich zum Thema „Suizid im Spitzensport“ zu diskutieren. Wenige Tage später besuchte mich eine Sportstudentin der ETH Zürich, die mir von ihrer Burnout-Erkrankung berichtete. Anderntags erfuhr ich von einem ehemaligen Weltklasse-Kunstturner, wie seine Karriere durch eine psychische Krankheit – ein „Gewitter im Kopf“ wie er es nannte – jäh gestoppt wurde. Dieser Aufsatz will dazu beitragen, den Umgang mit „psychischen Stürmen“ von Betroffenen kompetenter zu begleiten.

Zum Thema: Umgang mit psychischen Problemen im Sport

Wie steht es mit der mentalen, also psychischen Gesundheit unserer Schweizer Spitzensportler:innen? Mit dieser Frage werde ich in letzter Zeit häufiger denn je konfrontiert. Kurz nach Abschluss der alpinen Skiweltmeisterschaft hätte ich wohl geantwortet: Schaut euch unseren neuen Skistar Marco Odermatt an! – Total positiv, bodenständig, heimatverbunden, eine unterstützende Familie im Hintergrund wissend, strahlend, lebendig, im Gleichgewicht mit sich und seiner Umwelt, reflektiert und unglaublich performant und mit einer mentalen Stärke ausgestattet, die ihn zum Seriensieger reifen liess. Selbst ein technisches Missgeschick auf der berühmt-berüchtigten Streif (inklusive Verletzung), das ihn zum Pausieren zwang, schien er völlig unbekümmert wegzustecken. Odermatt knüpft da an, wo Roger Federer bis zu seinem Rücktritt die Massen begeisterte: Diese stupende, unglaubliche Leichtigkeit, mit der Spitzenleistungen im absoluten Topbereich regelrecht aufzublühen scheinen.

Zwischen Flourishing und Floundering

“Flourishing“, so bezeichnet Keyes (2002) dieses leistungsförderliche Erblühen, welches wir in der Angewandten Sportpsychologie gerne als Zielbereich unseres Handelns definieren. Auf der Grundlage psychischer Gesundheit entfaltet die mental starke Sportlerin ihre Leistungsfähigkeit optimal, um in der Wettkampfsituation zu reüssieren. Als Gegenstück dazu orientiert sich Keyes an der psychischen Krankheit, assoziiert mit klinischer Symptomatik (Floundering). In diesem Modell sind psychische Gesundheit und psychische Krankheit keine gegensätzlichen Enden eines Spektrums, sondern vielmehr getrennte, aber miteinander interagierende Kontinua. Dem theoretischen Modell zufolge können Sportler gleichzeitig blühen und psychisch erkrankt sein oder frei von psychischen Erkrankungen sein und sich in einem schlechten Zustand befinden. In Ergänzung zu Keyes werden diese Zustandsformen in Abbildung 1 mit „struggling“ und „languishing“ bezeichnet. Diese Überlegungen implizieren sowohl für Forschung wie auch für die Betreuungspraxis entsprechende Handlungsnotwendigkeiten. Zum einen muss der empirische Forschungsansatz erweitert werden, um die individuellen psychischen Profile ganzheitlicher abzubilden. Andererseits müssten diese Erkenntnisse auf der Anwendungsseite in differenziertere Unterstützungsmassnahmen hinsichtlich Prävention, Behandlung und kontinuierliche Betreuung münden.

Haltlos in der Krise – Drei berührende Beispiele

Szenenwechsel – Alltag eines Sportpsychologen mit drei Ereignissen, die mich zum Nachdenken (und letztlich zu diesem Text) angeregt haben. So unterschiedlich die Ereignisse und Schicksale klingen, der gemeinsame Nenner ist schnell gefunden: Haltlos in der Krise. Zwei Sportler darf ich mit Namen nennen, auch weil Lucas – der Weltklasseturner – mich dazu persönlich autorisiert hat. Er beschreibt seinen Karriere- und Krankheitsverlauf in seinem 2017 erschienenen Buch: Tigerherz – die Schicksalsgeschichte eines Spitzenturners mit Epilepsie. Noch berührender als dieser Text waren seine Schilderungen vor Wochenfrist in seinem Referat „Das Tigerherz schlägt“. Die Art, wie er nach vielen weiteren Rückschlägen (Verletzungen, Essstörung, Einsamkeit) sein „Gewitter im Kopf“ überwand und Freundschaft mit seiner Krankheit schloss, wie er seinem Erleben und Empfinden Gestalt geben konnte, empfand ich als ausserordentlich beeindruckend. (Rück-)Halt findet er heute in der Musik und im künstlerischen Ausdruck. Zusätzliche Energie und Licht gibt ihm der Aufenthalt in der Natur. 

Lucas Fischer anlässlich seines Referats „Gewitter im Kopf“ am 3. April in Hinwil (Foto: Dr. Hanspeter Gubelmann)

Tags darauf besuchte mich eine Sportstudentin in meinem Büro an der ETH Zürich. Nach längerem Studienunterbruch – den ich zunächst mit einem Auslandsaufenthalt in Verbindung gebracht hatte – will sie ihr Lehrdiplom abschliessen. Bevor ich auf den eigentlichen Grund unseres Treffens zu sprechen kommen kann, platzt sie heraus: „Ich war weg, weit weg. Ich konnte nicht mehr, mein Körper hat gestreikt. Alles was einmal war, war weg – Burnout.“ Diese junge, sehr intelligente, lebenslustige, erfolgreiche Sportlerin berichtete sodann über eine lange Zeit in einer spezialisierten Klinik und den mühselig beschwerlichen Weg zurück ins Leben. Sie habe viel über sich gelernt, gehe geduldiger mit sich um. Halt findet sie im Malen, im offenen Umgang mit dem Thema und in wertvollen Gesprächen mit vertrauten Menschen. 

In der eigenen Situation gefangen sein, alleine mit sich ringend, um sich dabei immer mehr zurückzuziehen. Diese Gedanken gingen mir auch durch den Kopf, als ich die Einladung von Claudio Böckli, einem ehemigen Weltklasse-Biathleten erhielt, der mich zu einem Themenabend „Suizid und Depression“ in meiner Wohngemeinde Uster einlud. Hintergrund war der Freitod seines langjährigen Teamkollegen Simon Hallenbarter sowie der explizite Wunsch der Wittwe, das Thema Suizid vermehrt öffentlich zu diskutieren. Das Referat des Theologen und Psychiaters Dr. Michael Pfaff stiess auf grosses Interesse. Wie Simon wählen ca. 1’000 Schweizer jährlich den Freitod. Nachdenklich stimmen weitere Statistiken: 200’000 (von 9 Mio Schweizer:innen) haben einmal im Leben einen Suizidversuch unternommen, von aktuell 500’000 Menschen in der Schweiz wird angenommen, dass sie Suizidgedanken haben. Im Moment scheint die Thematik vermehrt (wieder) junge Frauen zu betreffen.  

„Meine Schwester hat sich auch umgebracht!“

Im Anschluss an die Präsentation entwickelte sich eine engagierte Diskussion im Plenum, gefolgt von interessanten Tischgesprächen. Urplötzlich warf mein Tischnachbar ein: „Meine Schwester hat sich auch das Leben genommen.“ Wie gelähmt sassen wir da, ich spürte die bleierne Schwere der Pause. „Wir konnten sie nicht im Leben halten, sie bezeichnete sich als Last für alle, es sei hoffnungslos mit ihr“. An diesem Punkt war ich froh um das Hintergrundwissen und die Erfahrungen, die der Referent seinem Publikum mitgegeben hatte. Mir fiel ein, was wir über protektive Faktoren, die einem Suizid vorzubeugen helfen, gehört hatten, nämlich:

– Soziale Eingebundenheit/Unterstützung von aussen

– Lebenszufriedenheit

– Hoffnung

– aktive Therapiebeteiligung/Engagement

– Problemlösungskompetenz

– Freundschaften/Partnerschaft

Auf dem Nachhauseweg fiel mir die Eingangsfrage zu diesem Text wieder ein: Schwindet die mentale Gesundheit im Leistungs- und Spitzensport von heute? Sind die mitterweile dokumentierten Übergriffe im Schweizer Spitzensport – im Frauenkunstturnen, der Rhythmischen Gymnastik, im Synchronschwimmen, im Trampolinspringen, in Ballettschulen u.a. Ursache und Folge einer auch ethisch und psychologisch nicht mehr vertretbaren Spitzensportförderung? Bedrohen veränderte Rahmenbedingungen (z.B. Medialisierung, soziale Medien, öffentlicher Druck u.a.) und andere Einflüsse (z.B. Pandemie) vermehrt die psychische Gesundheit der Sportler:innen? 

52% Schweizer Spitzensportlerinnen mit psychopathologischen Symptomen

Das mediale Echo auf eine repräsentative Studie zur mentalen Gesundheit im Schweizer Elite-Sport (Röthlin,  Horvath, Ackeret, Peter & Birrer, 2023) fällt – gemessen an oben dargestellten Missständen – unaufgeregt aus. In den Medien dominiert die Aussage, dass prozentual Schweizer Sportlerinnen und Sportler gleichermassen von psychischen Problemen geplagt würden wie der Rest der Schweiz. Ein Blick in die Daten des Forschungsberichts des Bundesamts für Sport lässt aber auch eine andere Betrachtungsweise zu. So kommen die Autor:innen zum Schluss, dass „ein beträchtlicher Anteil der Sportler von Symptomen psychischer Störungen betroffen ist und dass mehr Massnahmen zur Verbesserung dieser Situation erforderlich sind“. Ebenso fallen grosse Gruppenunterschiede auf. „So waren 52% der weiblichen Athleten von mindestens einem Symptom einer psychischen Störung betroffen, verglichen mit 30% der männlichen Athleten. Zudem waren verletzte Athlet:innen am stärksten von depressiven Symptomen betroffen.“

Ein ähnliches Bild zeigt eine aktuelle Studie von Küttel, Durand-Bush & Larsen (2022), die individuelle Profile der psychischen Gesundheit von jungen dänischen Elite-Fussballspielern untersucht haben. Etwa jeder fünfte Sportler weist mittlere bis schwere Symptome einer psychischen Störung auf. Dabei zeigen sich Fussballspielerinnen anfälliger auf Symptome psychischer Erkrankungen als ihre männlichen Kollegen. Bemühungen zur Förderung der psychischen Gesundheit müssten auf die individuellen psychischen Gesundheitsprofile der Spieler:innen abgestimmt sein, die auf regelmässig durchgeführten Screening-Untersuchungen entwickelt werden müssten.

Ausblick: Was nehme ich mit für meinen beruflichen Alltag?

Meine „Learnings“ würde ich in drei relevante Fragestellungen packen und diese mit drei persönlich gehaltenen (Teil-)Antworten versehen.

a) Was mache ich konkret, um mich in dieser Thematik „à jour“ zu halten?
Ich habe mich heute für die Weiterbildungsveranstaltung „4. Fachtag Sportpsychologie“ (22.4.23) an der Spoho Köln angemeldet. Die Titel der beiden Workshops lauten vielversprechend: 1) ADHS bei erwachsenen Athletinnen und Athleten; und 2) „Ich mache also bin ich – oder ist weniger mehr?“

b) Müssten wir in der Athlet:innen-Betreuung vermehrt das „Profiling hinsichtlich der mentalen Gesundheit“ unserer Klient:innen durchführen?
Hierzu wünsche ich mir einen vertiefenden Gedankenaustausch in unserer Arbeitsgruppe mind2win!

c) Mentale Gesundheit gerade junger Sportler:innen scheint eng mit psychosozialem (Rück-)Halt / Eingebundensein in Beziehung zu stehen. 

Ich schaue mal in der Literatur nach… und organisiere zum Thema „Elterncoaching“ ein Symposium anlässlich des FEPSAC-Kongresses 2024 in Innsbruck!

Mehr zum Thema:

Literatur

Fischer, L. & Sutter, K. (2017). Tigerherz – die Schicksalsgeschichte eines Spitzenturners mit Epilepsie. Arisverlag.

Keyes, C. L. M. (2002). The mental health continuum: From languishing to flourishing in life.

Journal of Health and Social Behavior, 43, 207–222.

Küttel, A., Durand-Bush, N. & Larsen, C.H. (2022). Mental Health Profiles of Danish Youth Soccer Players: The Influence of Gender and Career Development. Journal of Clinical Sport Psychology, 16, 276–293.  https://doi.org/10.1123/jcsp.2021-0035

Röthlin, P., Horvath, S., Ackeret, N., Peter, C., & Birrer, D. (2023). The Mental Health of Swiss Elite Athletes. Swiss Psychology Open, 3(1): 2, pp. 1–17. DOI: https://doi.org/10.5334/spo.49 

https://storage.googleapis.com/jnl-up-j-sposps-files/journals/1/articles/49/submission/proof/49-1-335-1-10-20230119.pdf

Quellen:

https://www.wirtschaftspsychologie-bdp.de/fileadmin/content/startseite/20230422_4-Fachtag-Sportpsychologie.pdf

https://lucasfischer.ch

https://www.facebook.com/photo/?fbid=627774359164884&set=a.156881359587522

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Die Sportpsychologen: Du fragst, wir antworten

Du kennst deinen inneren Schweinehund besser als jeder andere? Ihr beiden versteht euch im Prinzip prima? Nur leider siegt fast jedes Mal der Faulpelz? Daran lässt sich arbeiten. Wenn du dich fragst, wie genau, dann erläutere uns kurz deinen Fall, gib ein, zwei Hinweise zu deiner Situation und wir versuchen dir und allen anderen, denen es so ähnlich geht, ein praktikable Antwort zu geben.

Zum Thema: Fragen an Die Sportpsychologen

Egal, wo der mentale Schuh drückt. Wir von Die Sportpsychologen sind für euch da, wollen dir ganz konkret helfen. Da wir immer häufiger Anfragen von SportlerInnen, TrainerInnen oder Eltern bekommen, die gezielt unseren Rat suchen, bauen wir unseren Service aus. Wir bieten euch über ein einfaches Formular an, eure Anfragen loszuwerden. Einer oder vielleicht gleich mehrere ExpertInnen aus unserem Netzwerk antworten darauf. Das Wissen soll dir weiterhelfen. Und wenn du bei der Umsetzung unsere Hilfe brauchst oder du mehr wissen willst, nimm Kontakt zu unseren ProfilinhaberInnen aus deiner Sportart und/oder in deiner Nähe auf.

Wichtig: Die Antworten zu deiner Anfrage veröffentlichen wir anonymisiert, lediglich mit der Angabe der Sportart, der Alters- und Leistungsklasse. Die Idee dahinter ist, dass du dir für andere Themen Anregungen holen und die Arbeitsweise unsere ExpertInnen aus dem Netzwerk kennenlernen kannst. Bitte hab auch Verständnis, dass sich sehr spezielle Fragen ggf. gar nicht öffentlich beantworten, sondern wir uns nur persönlich bei dir melden. Gut zu wissen ist auch, dass sich manche komplexe oder individuellen Fragen nur sehr schwer pauschal beantworten lassen. Wenn wir das Gefühl haben, dass dein Anliegen besser in einem 1:1-Gespräch bearbeitet werden sollte, geben wir dir bescheid.

Zeit für eure Fragen

Nutzt das hier folgende Formular, um eure Fragen loszuwerden:

    Hinweis: Dieser Service von Die Sportpsychologen ist kostenlos. Kosten entstehen erst, wenn du dich mit einem Experten oder einer Expertin aus unserem Netzwerk auf eine Zusammenarbeit verständigst.

    Mehr zum Thema:

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    Sebastian Ayernschmalz: Schlechte Nachrichten verkünden

    Eine Auswahlmannschaft ist der Traum vieler Athleten. Egal, ob es sich um die Landesauswahlen oder die Nationalkader handelt. Diese Sportler verfolgen ein gemeinsames Ziel: Teil der sportlichen Elite zu sein. Was aber, wenn für einzelne die Reise endet und eine solche Entscheidung kommuniziert werden muss?

    Zum Thema: Hinweis zur Kommunikation von Kaderentscheidungen für Auswahltrainer:innen

    Bevor man sich der jeweiligen Mannschaft anschließen darf, müssen die meisten Sportler:innen einen aufwändigen Sichtungsprozess durchlaufen. Dabei werden ihre Fähigkeiten von Trainern bewertet und letztlich eine Entscheidung getroffen, oft auf der Basis der gesammelten Daten und Eindrücke des Tages.

    Vor allem der erste Versuch stellt eine Herausforderung dar. Verlangt wird von den Sportler:innen, sich selbst zu präsentieren und den Mut aufzubringen, sich diesem Prozess zu stellen. Fremde Trainer:innen, unbekannte Drills, vielleicht auch Techniken und Taktiken, die vorher nicht bekannt waren. Dieser Auswahlprozess reißt viele der Sportler:innen aus ihrer Blase und stellt einen harten Kontakt zur Außenwelt her.

    Die Sportler:innen kämpfen für sich und doch muss man sich teamfähig zeigen. Ein Balanceakt zwischen notwendiger Fokussierung auf die eigene Leistung und dem sozialen Gefüge einer Mannschaft. Das Gefühl, dabei ständig beobachtet und bewertet zu werden, wiegt schwer und kann sich auch hemmend auf die Leistung auswirken. 

    Harte Entscheidungen

    Neben dem Druck, sich bestmöglich in einer künstlichen Situation mit fremden Menschen zu zeigen, bleibt aber die Hoffnung, sich für die Mannschaft zu qualifizieren und ein Teil der Besten zu sein. Umso schmerzlicher kann die Botschaft über das Nicht-Erreichen oder gar über den Cut in der Mannschaft sein. Gerade Athlet:innen, die ihre Fähigkeiten bislang ihrem Talent verschrieben haben, treffen diese Entscheidungen besonders hart. Wenn nicht nur Träume zerplatzen, sondern das eigene Selbst bis ins Mark erschüttert wird, sogar Weltbilder zerstört werden, kann dies für die Betroffenen eine sehr emotionale Zeit bedeuten. Athlet:innen, die aus der Auswahlmannschaft geworfen werden, fühlen sich enttäuscht, entmutigt, verärgert und missverstanden. Sie können sich aber auch hilflos, wütend und ängstlich fühlen und es kann zu Gefühlen der Einsamkeit und des Verlustes von Identität und Zugehörigkeit kommen.

    Am Ende des Tages müssen im Leistungssport Entscheidungen getroffen werden. Dies ist ein unausweichlicher Teil des Auswahlprozesses. Als Trainer stellt sich die Frage: Wie gestalte ich diesen Prozess? Welche Möglichkeiten habe ich, um meinen Teil zu einem stärkenden Verlauf beizutragen? Ein zentrales Element dabei ist die Verkündung der Entscheidungen.

    Ein Moment, in dem alles passieren kann. Wenn Träume zerplatzen, können die Reaktionen sehr unterschiedlich und vielfältig sein: Tränen, Wut und Verzweiflung. Hier können Trainer:innen jedoch wirken und Halt geben.

    Keine Motivationskalendersprüche

    Zunächst einmal sollte klar sein, dass es nichts Schönes an diesem Moment gibt. Niemand möchte Sätze hören wie: „Im Moment der Niederlage liegt die Möglichkeit zu wachsen!“ Sprüche aus dem Motivationskalender ziehen nicht und trüben eher das Bild. Vielmehr geht es darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen alle Emotionen ihren Platz finden. Dies beginnt bei der Wahl eines geeigneten Raumes und reicht bis zur Möglichkeit der Rückfragen. Klarheit für den/die Athlet:in zu schaffen, bedeutet vor allem eins: Die Klarheit für sich selbst zu schaffen.

    Der Mensch strebt nach einem runden und vollständigen Bild, ohne offene Fragen. Daher muss gewährleistet sein, dass die Entscheidung einen Grund hat. Diesen zu verdeutlichen, in Form von Evaluationsbögen oder das Aufzeigen von Möglichkeiten zur Verbesserung, eröffnet erst die Perspektive für die zukünftige Entwicklung.

    Gestaltung und Umsetzung des Gesprächs

    „Im Moment der Niederlage liegt die Möglichkeit zu wachsen“, geht erst dann, wenn Gründe bekannt und Handlungsoptionen benannt sind. Umso wichtiger sind das Vorgehen auf dem Feld und die Gestaltung des Gesprächs. Auch wenn es bei größeren Gruppierungen zeitlich nicht möglich ist, sich tatsächlich einzeln mit jedem/jeder Spieler:in zusammensetzen, sollte der Coach auf Rückfragen vorbereitet sein. 

    Erst im weiteren Verlauf, wenn die Kadergröße reduziert wurde, rückt das persönliche Gespräch in den Mittelpunkt. Dabei können verschiedenen Methoden des Gesprächsaufbaus verwendet und als Orientierung herangezogen werden. SPIKE, CALM oder NURSE, sind nur einige Methoden, um sich einer Strategie zu bedienen. 

    Die Vorbereitung auf dem Feld bietet die Möglichkeit, Klarheit für die Trainer:innen und später auch für die Sportler:innen zu schaffen. Anhand von Übungen und Drills können die Fähigkeiten gezeigt und bewertet werden. Dabei sollten die Techniken kleinteilig und nachvollziehbar heruntergebrochen werden. Die Daten aus den Bewertungen werden mindestens bis zum Gespräch aufbewahrt und bilden das objektive Fundament des Gesprächs. 

    Grafik: Sebastian Ayernschmalz via Canvas

    Aber wie geht es nach der Datenerfassung weiter? Eine Möglichkeit dieses Gespräch in sechs Schritten durchzuführen, ist hier aufgeführt:

    Grafik: Sebastian Ayernschmalz via Canvas

    Im sicheren Rahmen erlaubt dieses Vorgehen das individuelle Ausleben der Emotionen, schafft Klarheit der Botschaft und bei einer entsprechend guten Vorbereitung auch einen Ausblick in die Zukunft. 

    Take Home Message

    Bereite die Aspekte vor, die du auf dem Feld sehen willst. Dabei stehen die Fähigkeiten aus den Drills und passend zum Spielsystem im Vordergrund. Ob weitere Softskills relevant sind, gilt es zu prüfen und kann ein weiterer Faktor sein. So oder so gilt es, mit den Sportler:innen den persönlichen Austausch im geschützten Rahmen zu suchen. Klare und präzise Aussagen helfen, die Botschaft zu vermitteln. Als Trainer:in gilt es, alle Emotionen zuzulassen und darauf zu reagieren. Eine Perspektive für die Zukunft schafft man vor allem durch das Aufzeigen von Maßnahmen, die den Spieler oder die Spielerin verbessern können. 

    Gern helfen meine Kolleg:innen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Sebastian Ayernschmalz) dir bei der Vorbereitung, Umsetzung und Nachbereitung. Oder bei artverwandten Fragen. 

    Hinweis: Der Artikel ist auch im Mitgliederbereich der German American Football Coaches Association (GAFCA) in Zusammenarbeit mit Stephan Hütter erschienen. 

    Mehr zum Thema:

    Literatur: 

    A. Lauren Capstick & Pierre Trudel (2010) Reflection About the Communicationof Non-selection: A Shared Responsibility, Journal of Sport Psychology in Action, 1:1, 15-24, DOI:10.1080/21520704.2010.516327

    Lynn E. Couturier (2009) “Why Did You Cut Me?”, Journal of Physical Education, Recreation & Dance,80:9, 39-42, DOI: 10.1080/07303084.2009.10598393

    Walter, L. C., White, J., Stinson, J., & Blanch, A. (2008). SPIKES—A Six-Step Protocol for Delivering Bad News: Application to the Patient with Cancer. Oncology Nursing Forum, 35(2), 279–285. https://doi.org/10.1188/08.ONF.279-285

    Villagran, M., Goldsmith, J., Wittenberg-Lyles, E., & Baldwin, P. (2010). Creating COMFORT: A communication-based model for breaking bad news. Clinical Journal of Oncology Nursing, 14(4), 487–491. https://doi.org/10.1188/10.CJON.487-491

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    Sebastian Ayernschmalz: Der American Football kann Vorreiter im Umgang mit der Sportpsychologie werden

    Bei Die Sportpsychologen begleiten wir das Thema American Football schon seit einigen Jahren. Ihr kennt die tolle Interviewserie von Miriam Kohlhaas (unten auf der Profilseite zu finden), dazu arbeiten einige Experten und Expertinnen wie neben Miriam auch Lisa König (zum Profil) in dem Themenfeld. Nun kommt mit Sebastian Ayernschmalz (zum Profil) ein Experte bei uns dazu, der früher Spieler war und nun mithelfen will, dass die Sportart American Football die bestehende Chance nutzt, Vorreiter bei der Integration der Sportpsychologie zu werden. 

    Sebastian, welche Berührungspunkte hattest du als aktiver American Football-Spieler mit der Sportpsychologie?

    In meiner Laufbahn habe ich von den Jugendmannschaften über die Verbandsliga bis hin zur Bundesliga alles mitgenommen. Zu meiner aktiven Zeit gab es keine Berührungspunkte. Das Thema Sportpsychologie in Deutschland war zu dieser Zeit schlicht nicht vorhanden. Dies hat sich zwischenzeitlich ein wenig verbessert und vorbildliche Programme bringen Psychologen näher in die Mannschaft rein. Wir sind aber bei Weitem nicht da, wo wir sein könnten.

    American Football gilt ja als harter Sport. Früher hätte man „Männersport“ gesagt. Macht es diese Attitüde für die Sportpsychologie besonders leicht oder eher schwer, Fuß zu fassen?

    Der Sport lebt nicht nur von der physischen Härte und Fitness, sondern der mentalen Widerstandsfähigkeit. Trashtalk auf dem Feld ist nur eines der Themen, in der sich das vor allem in den Inhalten der Kommentare zeigt. Der Sport mit seiner Körperlichkeit zeigt aber auch, dass es oftmals nicht nur bei Worten bleibt, sondern dies auch überwiegend im Rahmen des Regelwerks ausgelebt wird. Das ist eine besondere Herausforderung des Kollisionssports.

    Leider ist in einigen toxisch maskulinen Kreisen das Thema Psychologie und psychische Erkrankungen hochgradig stigmatisiert und gilt nach wie vor als Schwäche. In der Vergangenheit haben sich American Football Spieler dazu schon geäußert und ihre Erkrankungen öffentlich gemacht, das war sehr hilfreich, um Barrieren einzureißen. Als Folge kam dieses Thema bei vielen Trainern und Trainerinnen an und als Reaktion darauf fanden sich zumindest in einigen Teams schon Psychologen o ä., die eine wichtige Rolle einnehmen. Tatsächlich ist es an der Stelle aber sehr abhängig, mit welchen Personen und Coaches man Kontakt hat und zusammenarbeiten darf. Macherorts ist man direkt ein Teil des Trainerstabs, während anderswo die Rolle an sich immer noch abgelehnt wird.

    Was hast du dir als Sportpsychologe eigentlich persönlich vorgenommen, was sind deine Ziele

    Vor allem in einer solchen Sportart, in der es darum geht, sich gegen den Kontakt zu stellen, in den Mann oder Frau zu gehen, bietet die Sportpsychologie viele Möglichkeiten, auf die Performance und Ergebnisse zu wirken. Sich selbst mental auf das Spiel und den Gegner vorzubereiten und sich selbst zu stärken, bietet Potenzial abseits der psychischen Erkrankungen. Mein Ziel ist es, die Akzeptanz für das Thema Sportpsychologie in die Coaching-Crews zu bringen. Sich damit zu beschäftigen, soll nicht nur für den Ernstfall relevant sein, sondern auch als Möglichkeit der Spieler-Entwicklung gesehen werden. Gerade mit den neuen Generationen an Spielern verändert sich die Anforderung an die Coaches gewaltig. Vom militärischen Drill in einer strikten Hierarchie wandeln sich die Anforderungen an die Coaches in Richtung des unterstützenden Coachings. Dies zu verdeutlichen und dabei nicht nur die Spieler und Spielerinnen zu unterstützen, sondern auch mit den Trainern und Trainerinnen zu arbeiten, ist das größte Ziel, um so auch die Rolle des „neuen“ Trainers zu stärken. American Football kann Vorreiter in der Arbeit mit Sportpsychologen sein, dies verstärkt auch durch die Attitüde des Sports. Sportpsychologie und in entsprechende Fällen therapeutisches Arbeiten können somit zur „Stärke“ und „Härte“ beitragen und somit gesamtgesellschaftlich die Akzeptanz erhöhen.

    Zur Profilseite von Sebastian Ayernschmalz:

    Interesse am Netzwerk und an einer professionellen Präsenz im Netz?

    Die Sportpsychologen ist seit knapp neun Jahren die Plattform für SportpsychologInnen und ausgewählte MentaltrainerInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die auf sich und ihre gemeinsame Leidenschaft für die mentalen Aspekte der sportlichen Leistung aufmerksam machen wollen. Hand in Hand. Und Seite an Seite. Interesse, Teil des Netzwerks zu werden? Hier gibt es mehr Informationen:

    Die Sportpsychologen werden in der ersten Jahreshälfte 2023 zwei Schwesterseiten für SportpsychologInnen und sportpsychologische ExpertInnen sowie für MentaltrainerInnen an den Start bringen. Beide Seiten bieten eine optimale digitale Darstellung, um darüber von SportlerInnen, TrainerInnen und mögliche AuftraggeberInnen gefunden zu werden. Interesse? Dann meldet euch gern beim Redaktionsleiter Mathias Liebing, der am Start der beiden Seiten arbeitet:

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    Stephan Brauner: Tennis ist ein Arschloch

    Seit Anfang dieses Jahres stehe ich aus unerfreulichen Gründen wieder regelmäßig auf dem Tennisplatz und gebe Training. Mehr dazu unten. Das mit dem Training habe ich früher beruflich gemacht und auch heute macht es mir wieder viel Spaß. Besonders spannend empfinde ich heute die zusätzliche (sport-)psychologische Perspektive, die ich im Vergleich zu meinen früheren Jahren als Tennislehrer einbringen kann. Im Folgenden geht es nun um ein Verhalten, das viele Tennisspieler und -spielerinnen kennen.

    Zum Thema: Umgang mit Fehlern

    In den verschiedenen Gruppen habe ich zwei SpielerInnen in einer hochinteressanten Situation. Beide haben eigentlich eine solide Grundtechnik. Leider sind sie verunsichert und fühlen sich gerade sehr unwohl mit ihren Grundschlägen. Selbst wenn wir wenige zentrale Knotenpunkte der Bewegung fokussieren, isoliert einüben und die Schläge wieder gut gelingen, dann ist das Selbstvertrauen und das notwendige Selbstverständnis für die Ausführung der Schläge in Spielformen ganz schnell wieder dahin. Und dann kommt es oft ganz unwillkürlich zu einem Vermeidungsverhalten und bestimmte Schläge werden gar nicht mehr gespielt.

    Wie jeder Tennisspieler weiß, ist Tennis ein Arschloch. Bis auf einen einzigen Spieler bzw. einer einzigen Spielerin gehen in einem Turnier alle mit einer Niederlage nach Hause. Und auch in einem Match enden zumindest die meisten Ballwechsel mit einem Fehler. Diese Konstellation hat viel Potenzial für Enttäuschung, Frustration und Ärger. Frustration und Ärger sind nun aber leider nicht die Emotionen, die ein Spieler beim Neu- oder Umlernen gut gebrauchen kann.

    Spirale aus Ärger, Frust und Stress

    Was ist zu tun, um die frustrierende Abwärtsspirale aus Ärger, vermehrter Anspannung, Frust, Stress und weiteren Fehlern oder Vermeidungsverhalten zu durchbrechen? 

    Zunächst versuche ich, meine Spieler für einen Perspektivwechsel zu gewinnen. Wohin geht dein Fokus? Auf den abschließenden Fehler, oder kannst du auch die gelungenen Schläge davor wertschätzen? Jede erfolgreiche Schlagausführung wird markiert und gilt als Erfolg. Das ist so wichtig, weil sonst oft der letzte Schlag, der vielleicht nicht mehr ganz so sauber war, im Gedächtnis haften bleibt. Und für spätere Spielformen gilt es eine Einstellung zu finden, die es erlaubt, die neue Technik mutig anzuwenden und nicht auf Fehlervermeidung zu fokussieren. 

    Training ist Training

    Im Tennis begegnet uns häufig ein weiteres Phänomen: Häufig wollen Spieler die Ballwechsel und das Spiel für ihre Trainingspartner nicht kaputt machen. Hier ist es oft hilfreich, deutlich zu machen, dass wir hier im Training sind und damit genau in dem Kontext, in dem Fehler problemlos erlaubt sind, insbesondere wenn sie der Entwicklung dienen. Im Fall der einen Spielerin war es auch gut, ihr die Perspektive der Trainingsgruppe anzubieten. Denn sie wird mindestens mittelfristig sehr davon profitieren, wenn sie ihre Technikprobleme in den Griff bekommt. Der geschützte Raum der Trainingssituation ist dafür genau richtig. 

    Mein Rat: Habt Spaß beim Training und beim Spiel! Fehler sind wichtige Lehrmeister. Wenn ich aber nur auf die Fehler gucke und versuche diese zu vermeiden, dann geht es nicht weiter. Und das wäre doch sehr schade. Nutzt die Fehler als Feedback, um stets die Technikausführung neu zu justieren. Und fokussiert auf die Muster des Gelingens. Speichert ab, was funktioniert. Mit allen Sinnen. Jeder meiner Spieler hat eine mentale Digitalkamera mit auf dem Platz, um gelungene Schläge und Sequenzen so detailliert wie möglich und aus allen Perspektiven aufzunehmen und später bei Bedarf abzurufen. 

    Persönliche Worte

    Halten wir fest: Tennis ist manchmal ein Arschloch. Wie im Leben, so auch auf dem Tennisplatz, darf ich damit gut umgehen lernen.

    Mein Comeback als Tennistrainer hat leider unerfreuliche Gründe – von Herzen gute Besserung, Klaus. Auch ich mache jetzt das Beste daraus und versuche jede Trainingszeit zu nutzen, um nicht zuletzt sportpsychologisch zu wirken. Wenn euch das interessiert und ihr mehr wissen wollt, gebt gern ein Feedback. Meine Kollegen und Kolleginnen im Netzwerk (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Stephan Brauner) freuen uns über konkrete Themenwünsche.  

    Mehr zum Thema:

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    Prof. Dr. René Paasch: Zur Förderung der Selbstständigkeit im Jugendsport

    Unsere Erwartungen an Trainer*innen sind hoch. Wir wollen unsere Kinder und Jugendliche nicht nur zu leistungsfähigen Sportlern*innen ausbilden, sondern sie bei ihrer Entwicklung zu charakterstarken und sozialkompetenten Heranwachsenden begleiten. Sie sollen in der Lage sein, sich um ihre eigenen Bedürfnisse zu kümmern und sich trotzdem auf die Zusammenkunft mit anderen einlassen. Wie können Sie dabei unterstützen? Indem wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Kinder und Jugendliche brauchen keinen Leistungsdruck, sondern aufrichtige Wertschätzung. Sie erfahren in diesem Artikel, warum wir dennoch aufhören sollten, unsere Kinder und Jugendliche zu loben. Wie Sie die individuelle Aufmerksamkeit verbessern können, warum Sie als Trainer*in einen respektvollen Umgang pflegen sollten, Freundschaften und Vertrauen fördern und warum es unseren Sprösslingen egal sein darf, ob Sie Ihr Trainer*in mag oder nicht.

    Zum Thema: Kindern und Jugendlichen zur Selbstständigkeit verhelfen 

    Was wollen wir mit Bildung im Sport erreichen? Dass unsere Kinder und Jugendlichen leistungsfähig und erfolgreich werden? Dass sie Taktikfüchse und angepasste Pflichterfüller werden, die stets systemkompatibel agieren? Die Frage ist natürlich rhetorisch gemeint und ein wenig spitzfindig von mir formuliert. Denn Bildung im Sport ist mehr als das. 

    Für mich ist das oberste Ziel von Bildung, junge Menschen bei ihrer Entwicklung zu selbstständigen Erwachsenen zu unterstützen. Was genau meine ich damit? Zweierlei. 

    • Erstens glaube ich, dass alle Menschen von Natur aus nach Unabhängigkeit streben. Und es stimmt, dass wir unsere Hilflosigkeit schon als Babys überwinden wollen. Dieser unbedingte Wille treibt uns an, sich vielfältigen Reizen auszusetzen. Wir kommen mit einem unbändigen Freiheitsdrang und Entdeckertum zur Welt. 
    • Die zweite Qualität der Selbstständigkeit meint, dass wir uns auf die Erfüllung unserer eigenen Aufgaben konzentrieren. Adler (2022) unterscheidet dabei zwei Kategorien von Aufgaben „Ihre und die der anderen Menschen“. 

    Sie sind nur für Ihre eigenen Bedürfnisse und Erwartungen verantwortlich. Was bedeutet das? Stellen Sie sich vor, Ihr(e) Trainer*in kann Sie nicht leiden. Dann ist es nicht Ihre Aufgabe, ihn oder sie umzustimmen. Dieser Fokus auf sich und andere Belange macht sie selbstständig. Als 6-facher Papa und leidenschaftlicher Sportpsychologe halte ich die Selbstständigkeit für den Schlüssel zu wahrer Lebensfreude. Aber Vorsicht! Selbstständig zu sein bedeutet nicht, sich vom Rest der Welt abzuschotten. Der selbstständige Mensch vereint beides: harmonische soziale Beziehungen und die Erfüllung der individuellen Bedürfnisse (Jean Piaget, 1983). So weit, so gut. Und was hat das nun mit Bildung im Sport zu tun?

    Gemeinschaft und Selbstständigkeit als zwei Seiten einer Medaille  

    Auf den ersten Blick hat die Pädagogik wenig Spielraum. Ist es nicht ein Widerspruch, dass sich das selbstständige Kind und der Jugendliche der Autorität der Trainer*innen unterordnet? Und widerspricht deren Verantwortung nicht der Logik, dass sich jeder nur um seine eigenen Belange kümmert? Nein. Bildung ist essentiell für die selbstständige Entwicklung. Wir sollten die Gemeinschaft und Selbstständigkeit als zwei Seiten einer Medaille sehen. Unsere Heranwachsenden entwickeln ihre Autonomie im Umgang mit anderen Personen, indem sie am kulturellen und sportlichen Wissen teilhaben. Hier lernen sie alles – von der menschlichen Interaktion bis zu den sportlichen Regeln. All das ist Teil von Bildung. 

    Inhalte zum Thema Bildung finden Sie hier:

    In den folgenden Abschnitten sehen wir uns an, wie meine Erfahrungen und Ideen Trainer*innen dabei helfen können, Kindern und Jugendlichen auf ihrem Weg zu selbstständigen und glücklichen Sportlern*innen zu unterstützen.   

    Respektvolles Miteinander 

    Stellen Sie sich einen Kunstrasen auf dem Sportplatz vor. Dort trainiert eine U11-Mannschaft montags, mittwochs und freitags und an den Wochenenden im Leistungsvergleich. Folgende Situation treffen Sie dort an: Der/die Trainer*in steht vor der Taktiktafel. Auf der Trainerbank liegt das sorgsam vorbereitete Arbeitsmaterial für die 90-minütige kreative und altersgerechte Trainingseinheit. Aber die Spieler*innen sind außer Rand und Band. Sie ignorieren den/die Trainer*in, stattdessen werfen sie mit Bällen durch die Gegend. Einige von Ihnen spielen fangen und andere wiederum ärgern sich gegenseitig! Was fehlt hier? Respekt. Aber für wen? Die meisten von uns würden intuitiv auf den Trainer bzw. auf die Trainerin tippen. Die Spieler*innen verhalten sich ihm/ihr gegenüber respektlos. Sie ahnen schon, was jetzt kommt. Ich würde genau das Gegenteil behaupten. „Viele Trainer*innen verwechseln Respekt mit Ehrfurcht“. Sie glauben, Ihre Schützlinge sollten die Autorität der Erwachsenen anerkennen. Ich bin da anderer Meinung. Ich verstehe Respekt als eine Begegnung auf Augenhöhe. Diese gegenseitige Wertschätzung ist für mich die Grundlage enger zwischenmenschlicher Bindungen und damit die Voraussetzung für die Bereitschaft, einander zuzuhören (Schmidt-Denter,  2005). Eine respektvolle Gleichberechtigung ist der Schlüssel zu dieser Art von Zugehörigkeit. Das führt uns zu einem weiteren wichtigen Aspekt. Die Vorstellung von Respekt meint nicht, dass wir einander für unsere Errungenschaften bewundern. Aufrichtiger Respekt bedeutet, dass wir einander so akzeptieren, wie wir sind ohne Erwartungen und Urteile. 

    Weitere Gedanken dazu finden Sie hier: 

    Was heißt das für den Trainer bzw. für die Trainerin in meinem Beispiel? Der Sinnhaftigkeit zufolge ginge es nicht darum, dass sie ihren Sportlern*innen „Respekt beibringen“. Im Gegenteil. Sie müssen ihnen mit Respekt begegnen. Sie sollten Sie so annehmen, wie sie sind: unreif, ungestüm, voller Taten- und Bewegungsdrang sowie die innige Erfüllung des Entdeckers und Forschertums. Würden unsere Sprösslinge diesen Respekt erwidern? Würden sie das Entgegenkommen mit konzentriertem Fleiß belohnen? Vielleicht ja, vielleicht nein. Denn Respekt für andere ist keine Garantie dafür, dass andere ihn erwidern. Aber er ist der wichtigste erste Schritt auf dem Weg zu gegenseitiger Wertschätzung. Wer Kinder und Jugendliche so nimmt, wie sie sind, lehrt sie, sich selbst zu lieben. Und Selbstliebe ist ein wichtiger Bestandteil von Selbstständigkeit (Adler, 2022). 

    Weitere Anregungen finden Sie hier:

    Lob wirksam einsetzen  

    Schulterklopfen, gewonnene Wettkämpfe mit Eis belohnen und Punktesammlung mit Arbeitsvorteilen – Lob ist eines der wirksamsten Instrumente im pädagogischen Werkzeugkoffer. Die moderne Bildung betrachtet das Lob als eine Form der positiven Bestätigung, die Kinder zu vorbildlichem Verhalten motiviert. Für Carol Dweck (2007) funktioniert Lob ganz anders. Wenn wir ein Kind für seine gute Arbeit loben, wird das Lob zur Belohnung für die Arbeit, aber nicht für die einzelnen Fähigkeiten. Das mag uns heutzutage normal erscheinen, doch es geht noch zielgerichteter. Selbstständigkeit bedeutet, dass wir uns um unsere eigenen Aufgaben kümmern. Die Aufgabe von Heranwachsenden besteht somit in der Arbeit – und nicht darin, belohnt zu werden. Das Lob der Trainer bzw. Trainerinnen lenkt den Fokus nicht nur weg von der eigentlichen Aufgabe, sondern es konditioniert das Kind oder den Jugendlichen, das Glück im Lob zu suchen. Es verwehrt ihm die tiefere Befriedigung, die Dinge, um ihrer selbst willen zu tun. Das verträgt sich auch mit meiner Vorstellung von Respekt. Wahrer Respekt bedeutet, dass wir einander bedingungslos akzeptieren. Doch das Lob impliziert Bedingungen: „Ich respektiere dich nur, wenn du dich auf eine bestimmte Weise verhältst.“ Stellen Sie sich vor, Sie haben einen besonders unruhigen Jugendlichen, den Sie umso überschwänglicher loben, wenn er während der Trainingseinheit endlich einmal Ruhe bewahrt. Was passiert? Dieser bemüht sich künftig noch stärker um Ruhe. Sie zeigen ihm damit aber auch, dass Sie ihm mehr Aufmerksamkeit schenken, wenn er seinen wahren Charakter unterdrückt. Im Sport schafft Lob außerdem soziale Hierarchien. Kein Trainer bzw. Trainerin kann das Lob gleichmäßig auf alle Sportler*innen verteilen. Es würde durch die inflationäre Verwendung an Wert verlieren. Also werden manche häufiger gelobt als andere. Diese Hierarchie führt zu Konkurrenz und macht die Teamkameraden zu Rivalen. Aber ist es nicht eine unserer größten Aufgaben, unsere Kinder und Jugendliche schon im Sportverein für die erwachsene Ellenbogengesellschaft oder den Spitzensport zu trainieren? 

    Für mich gibt es einen Unterschied zwischen Wettbewerb und Rivalität. Wettbewerb ist ein natürlicher Teil des Lebens. Rivalität nicht. Stellen Sie sich vor, Sie nehmen mit Ihrer Mannschaft an einem internationalen Jugend-Fußballturnier teil. Statt die gegnerischen Mannschaften als Rivalen zu sehen, wäre der Wettbewerbsgedanke eher zu favorisieren. Ist Ihre Mannschaft deswegen unmotiviert? Nein. Sie wollen trotzdem gut spielen und gewinnen! Ihr Team konkurriert, aber Ihr Erfolgsgefühl steht und fällt nicht mit Ihrer Platzierung. Das ist ein Wettbewerb ohne giftige Rivalität. Und genau diese Art von intrinsischem Sportsgeist sollten wir im Jugendfußball fördern. 

    Der Wunsch nach Aufmerksamkeit 

    Stellen Sie sich vor, ein kleiner Junge bekommt zu seinem 8. Geburtstag einen Tennisschläger und Ball geschenkt. Stundenlang spielt er mit seinem Ball gegen die Wand. Später entdeckt er durch Zufall, dass er mit seinem Schläger und Ball auch andere Ziele anvisieren und treffen kann. Er richtet seinen Schläger und Ball in Richtung Kellerfenster, holt aus und trifft! Es gibt einen lauten Knall und das Fenster ist kaputt! Ist der Junge deshalb schlecht erzogen? Nein. Er handelt aus purer und unschuldiger Neugier. Er weiß noch nicht, was das für Konsequenzen mit sich bringen kann. In vielen Fällen ist genau dieses Unwissen am Werk, wenn wir Erwachsenen von „Problemverhalten“ sprechen. Ob Kinder und Jugendliche sich ungestüm verhalten, während der Sportstunde spielen oder sich nicht an Regeln von Erwachsenen halten – sie sind sich der Konsequenzen ihres Handelns nicht bewusst. Darum bringt es auch nichts, deswegen mit ihnen zu schimpfen. Es ist konstruktiver, auf ihr Unwissen einzugehen. Wir sollten dem Jungen oder dem Mädchen erklären, dass jedes Hab und Gut anderer kostbar ist. Wir sollten ihn nicht für etwas tadeln, das er noch nicht wissen kann. Das klingt nach wertvollem Rat – aber gewiss nur bis zu einem bestimmten Alter, oder? 

    Kindergartenkinder können noch nicht alle Regeln des Miteinanders kennen. Aber was ist mit einem Zehnjährigen im Sportverein, der sie kennt und trotzdem bricht? Selbst in diesem Fall würde dies nur bedingt helfen. Hierfür müssen wir uns näher mit den Ursachen des auffälligen Verhaltens beschäftigen. Dazu zerlege ich das Verhalten in zwei Phasen: 

    • Die erste Phase ist der Wunsch nach Anerkennung. Ein Heranwachsender, der für sein gutes Verhalten gelobt wird, will die Erwartungen seines Umfelds weiter erfüllen. Problematisch wird es nur, wenn dieses Lob ausbleibt. 
    • Das führt zur zweiten Phase: dem Erregen von Aufmerksamkeit. Das Kind meint, sich gut zu verhalten, wartet aber vergeblich auf das ersehnte Lob. Es geht dazu über, durch störendes Verhalten mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Dafür nimmt es auch den Tadel seiner Bezugspersonen in Kauf. Es erhält lieber negative Aufmerksamkeit, als gar nicht beachtet zu werden. Ein Kind und Jugendlicher ist immer auf Aufmerksamkeit aus, egal ob es die Erwartungen seiner Umwelt erfüllt oder enttäuscht. Darum bringt es nichts, wenn wir Erwachsenen sie durch Lob oder Tadel unter Druck setzen. 

    Freundschaften im Sport 

    Bildung ist ein Geschenk. Gute Trainer*innen schenken ihren Schützlingen Aufmerksamkeit, Zeit und Wissen. Und dann gibt es außergewöhnliche Trainer*innen, die Kinder und Jugendliche ein noch größeres Geschenk bereiten: Sie schenken ihnen Freude. Und zwar nicht nur einen heiteren Moment, sondern die Fähigkeit, die Freude aus dem Sport hinaus und in ihr Leben zu tragen (Grossmann & Grossmann, 2001). Um dieses Geschenk näher zu beschreiben, widmen wir uns zunächst einer weiteren Idee, der zufolge alle Probleme des Lebens durch zwischenmenschliche Beziehungen entstehen. Moment – heißt das, dass zwischenmenschliche Beziehungen schlecht sind? Und was haben Probleme mit Freude zu tun? Im Laufe dieses Abschnittes werden wir dies klären.

    Widmen wir uns zunächst den zwischenmenschlichen Problemen. Wenn Sie der einzige Mensch auf dem Planeten wären, gäbe es weder Rivalität noch Neid. Sie würden sich vermutlich nicht einmal einsam fühlen, weil Sie die Gemeinschaft nicht vermissen würden. Sie sind aber nicht der einzige Mensch auf dem Planeten. Darum müssen wir zwangsläufig mit den Problemen umgehen, die zwischenmenschliche Beziehungen mit sich bringen. Verdeutlichen möchte ich dies wie folgt: Die Gemeinschaft ist eine fundamentale Tatsache des Lebens. Wir sind von Geburt an mit anderen Menschen verbunden. Womit wir bei den schönen Seiten der Gemeinschaft wären.  Zwischenmenschliche Beziehungen sind nicht nur die Wurzel aller Probleme. Sie sind auch die Wurzel aller Freude. Die Freude ist ein Produkt des Gemeinschaftsgefühls, also dem Gefühl der sozialen Zugehörigkeit (Alisch & Wagner, 2006). Wir tragen dieses Gefühl von Geburt an wie eine Passung in uns, müssen es aber aktivieren. Diese muss durch positive Reize zum Vertrauen heranreifen. Die wichtigsten positiven Reize sind unsere Freundschaftsbeziehungen. Ich meine nicht nur die Pflege der engen Freundschaft, sondern die Bereitschaft, allen Menschen in Freundschaft zu begegnen. Und wo machen Kinder und Jugendliche ihre ersten und weiteren großen Erfahrungen mit Freundschaft? Genau, in der Kita, Schule und im Sportverein. Hier kommen wieder unsere Trainer*innen ins Spiel. Ein guter Trainer bzw. Trainerin prägt die Freundschaftsbeziehungen ihrer Sportler*innen. Nicht, indem sie sich wie eine Freundin oder ein Freund verhält, sondern indem sie ihnen die Wärme und Empathie entgegenbringt, die man mit wahren Freunden teilt. Ihr Verhalten dient den Kindern und Jugendlichen als Vorbild. Sie hilft ihnen, enge Freundschaftsbeziehungen aufzubauen und anderen Menschen in Freundschaft zu begegnen. Und das ist doch die beste Voraussetzung für wahre Freude. 

    Weiterführende Inhalte zu diesem Abschnitt finden Sie hier:

    Selbstwirksamkeit und Vertrauen entwickeln

    „Es ist gut, viele Dinge zu lieben, denn darin liegt die wahre Kraft, und wer viel liebt, bringt viel Leistung und kann viel erreichen, und was man aus Liebe tut, tut man gut.“  

    VINCENT VAN GOGH

    Diese Überzeugung bezüglich der eigenen Fähigkeiten setzt die Erfahrung voraus, in der Vergangenheit Herausforderungen angenommen und erfolgreich bewältigt zu haben. Die Erfahrungen führen dann zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls. Das bestärkt die Einstellung, die wiederum die Motivation erhöht, sich weiteren „schwierigen“ Aufgaben und Problemen zu stellen – die sogenannte Wirksamkeit im Tun! Gerade der Sport bietet vielfältige Möglichkeiten, Sportler*innen in ihrer Selbstwirksamkeit zu fördern. Bund (2001, S. 20ff) zeigt, wie das Selbstvertrauen von Kindern und Jugendlichen im Sport gestärkt werden kann:

    1. Sport muss von Kindern und Jugendlichen als ein Handlungsfeld erlebt werden, in dem sie – wenn sie sich anstrengen – erfolgreich sind!
    2. Erfolgserlebnisse im Sport müssen von Kindern und Jugendlichen als persönliche Erfolge wahrgenommen werden!
    3. Mit Kindern und Jugendlichen positiv kommunizieren!
    4. Kinder und Jugendliche den Sport mitgestalten lassen!
    5. Sport als Gruppenerlebnis inszenieren!
    6. Kindern und Jugendlichen geeignete Vorbilder (Modelle) geben!
    7. Kinder und Jugendliche beim Sport den eigenen Körper und die Emotionen spüren lassen!

    Wenn unsere Schützlinge ihre eigenen Lernfortschritte als persönliche Erfolgserlebnisse vermittelt bekommen und erfolgversprechende Rückmeldungen erhalten, steigt mit der Zeit Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Entscheidende Voraussetzungen für die Funktionstüchtigkeit unserer Motivationssysteme sind die soziale Anerkennung und die persönliche Wertschätzung anderer. Woher Kinder und Jugendliche, die für die Motivation so wichtige Anerkennung und Wertschätzung erhalten, liegt auf der Hand: Sie erhalten sie im Rahmen zuverlässiger persönlicher Beziehungen zu anderen Personen, in der Regel also zu Eltern, engen Angehörigen und sehr wohl auch zu Trainer*innen. 

    Weiterführende Inhalte zu Thema Selbstwirksamkeit finden Sie hier:

    Fazit

    Bildung im Sport sollte mehr wollen, als Ausbildungsinhalte oder Standards zu vermitteln. Sie sollte Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit unterstützen. Für mich bedeutet Selbstständigkeit die Fähigkeit, sich um seine eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Wer mit sich selbst im Reinen ist, kann anderen Menschen respektvoll und freundschaftlich begegnen. Er macht sich frei von fremder Bestätigung und überwindet sein Ego, um ehrliche und gesunde zwischenmenschliche Beziehungen zu führen.

    Take Home Message

    Verzichten Sie auf das Loben und stärken Sie die Empathie. Zum Beispiel indem Sie den Fokus von ihnen auf andere Menschen lenken. Stellen Sie sich vor, Ihr(e) Spieler*in hat es geschafft, bei einer fehlerhaften Schiedsrichterentscheidung den Vorteil nicht anzunehmen und somit Fairness zu zeigen! Dann können Sie statt „Du hast das großartig gemacht“ folgendes sagen: „Die gegnerische Mannschaft und die Zuschauer*innen haben dein faires Verhalten genau beobachtet und waren beeindruckt. Ich habe wahrgenommen, wie du für dich richtig Auftrieb bekommen hast und wie selbstsicher deine Körperhaltung war.“ 

    Was denken Sie über meine Sichtweise zum Thema Selbstständigkeit im Jugendsport?  Waren diese Inhalte inspirierend für Sie und können Sie aus eigenen Erfahrungen dies bestätigen oder eher nicht? Haben Sie Anregungen, Wünsche oder Kritik? Ich freue mich über Feedback! 

    Mehr zum Thema:

    Literatur 

    Adler, A. (2022): Schriften zur Erziehung und Erziehungsberatung (1913–1937), Verlag Vandenhoeck & Ruprecht

    Alisch, L.-M./ Wagner, J. (2006): Freundschaften unter Kindern und Jugendlichen. Interdisziplinäre Perspektiven und Befunde. Weinheim und München: Juventa Verlag Bachmann, H.I. (1996): Kinderfreundschaften – Start ins Leben. Freiburg, Basel, Wien: Herder Verlag

    Bund, A. (2003): Kinder stark machen – Selbstvertrauen fördern. In: Sportpraxis, Heft 4

    Cimpian, A., Arce, H.M. C., Markman, E. M., & Dweck, C. S. (2007): Subtle linguistic cues affect children’s motivation. Psychological Science, 18(4), 314–316. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2007.01896.x

    Dweck, C. S. (2007a). Boosting achievement with messages that motivate. Education Canada, 47(2), 6–10.

    Grossmann, K.E./ Grossmann, K.E. (2001): Bindungsqualität und Bindungsrepräsentation über den Lebenslauf. In: Röper, G./ von Hagen, C./ Noam, G. (Hrsg.): Entwicklung und Risiko. Perspektiven einer Klinischen Entwicklungspsychologie. Stuttgart: W: Kohlhammer GmbH (S. 143-168)

    Piaget, J. (1983): Das moralische Urteil beim Kinde. Stuttgart: Klett-Cotta

    Schmidt-Denter, U. (2005): Soziale Beziehungen im Lebenslauf. 4. vollständig überarbeitete Auflage. Weinheim, Basel: Beltz Verlag

    Henry-Huthmacher, Ch., Hoffmann, E., Keller, H., Oelkers, J. Schneider, N.F., Wiesner, R. (2015): Das selbstständige Kind. Das Kinderbild in Erziehung und Bildung:  Link: https://www.kas.de/c/document_library/get_file?uuid=3539d2c7-fb36-8acc-5570-6de9f89cacde&groupId=252038 

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    Dunja Lang: „Als Profi-Sportlerin habe ich nicht die Antworten auf meine Fragen bekommen, die ich brauchte und die mich hätten weiterbringen können“

    Als Leistungssportlerin suchte Dunja Lang bessere und leichtere Lösungen, wenn es um die mentalen Komponenten der sportlichen Leistung ging. Eben mehr als die Ermutigungen, den Ansporn oder die gut gemeinten Ratschläge und die oberflächlichen „Mentaltipps“, die ihr die Trainer bieten konnten. Dieser Anspruch begleitet sie bis heute. Im Interview erklärt unsere Profilinhaberin (zu Dunjas Seite), welche Erfahrungen sie als Athletin gemacht hat, inwiefern sie dies bis heute prägt und wann sie eigentlich mit ihrer Arbeit zufrieden ist.   

    Dunja, du warst selbst Leistungssportlerin und Trainerin. Verrat uns mal, in welcher Sportart du unterwegs warst und welche Erfahrungen du damit verbindest?

    Als ehemalige Profi-Reiterin im Springsport kenne ich die Herausforderung, unter „Druck“ abliefern zu müssen, nur zu gut! Einmal im Parcours kurz bewusst überlegt oder unbewusst gezögert, die Distanz in der Kombination passt nicht und die Stange fällt – oft sind es die scheinbaren Kleinigkeiten, die entscheiden! Und das Pferd merkt das sofort! 

    Und in der Dressur ist es ebenso: einmal kurz zu sehr oder zu wenig die Hand dran – oder nicht optimal gesessen und die Hilfen gegeben – und die Lektion misslingt. 

    Ich kenne die Höhen und Tiefen, erinnere mich gern an die Erfolge, aber auch an die Anstrengung, die es bedurfte, um nach Stürzen und Verletzungen wieder auf Erfolgsspur zu kommen. „Comeback – Themen“ sind für mich ein zentrales Anliegen, weil ich aus eigener schmerzhafter Erfahrung weiß, wie schwierig das Comeback sein kann, und wie wenig wirklich hilfreiche und professionelle Unterstützung es oft gibt.

    Reiten ist aus meiner Sicht die „Königsdisziplin“, was mentale Stärke angeht. Denn das Pferd ist der Spiegel deiner inneren Verfassung, und auch der Gedanken und Gefühle, die du unbewusst hast. Die Reaktion des Pferdes erfolgt auf die reelle innere Verfassung, wie sie wirklich ist, und nicht, wie der Reiter es gerne hätte oder denkt, wie es ist. Da helfen keine oberflächlichen Strategien vom Typ „Tschakka – du schaffst das!“ Da braucht es professionelle Strategien, auch für unbewusste Prozesse!

    Als Trainerin im Reitsport braucht man zudem ein spezielles Gefühl für das Zusammenspiel von Reiter und Pferd, es reicht nicht, nur die Reiter zu coachen. Da geht es viel um Körpersprache und Körperphysiologie, und diese blitzschnell mit gezielten Impulsen zu beeinflussen.

    Inwiefern kannst du aus dem sportlichen Erleben heute in deiner Rolle als Sportmentalcoach profitieren?

    Schon in meiner aktiven Zeit hat mich intensiv die Frage beschäftigt: Wie und mit welchen Mentaltechniken kann ich mich bewusst so vorbereiten, dass nicht nur ich intuitiv und im Flow reite und den Kopf frei habe, sondern sich das auch auf mein Pferd überträgt? Dass ich mich nicht mehr viel zu lange mit unnötigen Ängsten, Blockaden oder ‚Kopfsalat‘ herumschlagen muss, die nicht nur mir, sondern auch meinem Pferd im Weg stehen?

    Die Antwort habe ich nicht bei meinen Reitlehrern und Trainern im Reitsport gefunden, sondern in meinem psychologischen Studium, meiner Ausbildung in Sportpsychologie, Neurowissenschaften und Sporthypnose. 

    Auf die genannten Fragen gibt es eine ganze Palette schnell wirksamer Antworten aus der modernen, wissenschaftlich fundierten Hypnotherapie und sogenannten Embodimentfokussierten bzw. „bifokalen“ Techniken, z.B. „Klopftechniken“, bei denen der Körper direkt neuronal stimuliert und wirksam „entstresst“ wird. 

    Statt beispielsweise bei Blockaden über den „Kopf“ zu gehen, in dem Wissen, dass man damit bei vielen Themen nicht wirksam weiterkommt, bezieht man den Körper aktiv mit ein und löst oft in wenigen Stunden das, was „im Körper stecken geblieben ist“ wirksam auf und kommt wieder in neue Energie, Selbstwirksamkeit und Performance. Das ist auch bei Comeback-Themen wie Stürzen, Verletzungen, Schmerzen enorm wichtig.

    Ich weiß aus der praktischen Erfahrung als Sportlerin heraus, dass es meist mehr braucht, als die „klassischen“, eher kognitiv ausgerichteten Strategien der Sportpsychologie. Die Sportpsychologie für den Kopf – der Trainer für die technische Performance und den Körper, das greift zu kurz. 

    Ich habe bspw. sehr gute Erfahrung in der Performance- und Technikoptimierung im Sport mittels Sporthypnose, Visualisierungs- und imaginativer Techniken gemacht, da steckt enormes Potenzial drin.

    Wann bist du als Sportmentalcoach heute mit deiner persönlichen Leistung zufrieden?

    Es ist für mich faszinierend und eine persönliche Freude zu sehen, wie schnell ich oft, auch mit kurzfristigen Einsätzen, helfen kann, Ziele oder eine positive Veränderung im sportlichen oder persönlichen Leben zu erreichen. 

    Wenn ich beispielsweise eine Anfrage bekomme, um kurzfristig Nervosität oder Ängste vor einem Wettkampf in den Griff zu bekommen, und der Sportler/die Sportlerin kann dann deutlich fokussierter und mit einem besseren Gefühl, mehr Flow und auch besserem Ergebnis abliefern, dann bin ich zufrieden.

    Aus der Erfahrung heraus ist bei SportlerInnen, die ihr persönliches Potenzial nicht ausreichend realisieren können, das bewusste Wollen und das unbewusste Tun oft nicht optimal synchronisiert, nach dem Motto: „ICH würde gerne, aber ES geht nicht!“. 

    Es gilt dann ein „inneres Erfolgsteam“ zu schaffen, von langsamen, bewusst-rationalen und schnellen, unwillkürlichen bzw. unbewussten Denken sowie automatisierten Routinen. Wenn ich merke, dass das gelingt und SportlerInnen sind zudem persönlich neugierig, offen für neue Ansätze beispielsweise auch aus der Sporthypnose, dann freut mich das! 

    Ich unterstütze gerne das persönliche Wachstum und die sportliche Karriereentwicklung über einen längerfristigen Zeitraum hinweg. Dabei ist es für mich wichtig, eine nachhaltige Verbesserung von mentaler Stärke und Fähigkeiten wie Konzentration, Selbstvertrauen und Fokus zu erreichen. 

    Für mich ist es entscheidend zu spüren, dass AthletInnen auch bei Niederlagen, Krisen, Ängsten, Schmerzen auf mich zukommen. Das ist ein großer Vertrauensbeweis und zeigt mir gleichzeitig: Wir sind Partner auf Augenhöhe mit unterschiedlichen Rollen und Fähigkeiten, in guten wie auch schlechten Zeiten. 

    Wenn ein Sportler dann sagt: „es ist so wichtig für mich, mit dir auch über meine Hochs und Tiefs sprechen zu können und da Lösungen zu finden!“ oder „hätte nie gedacht, dass es möglich ist, auf ein völlig neues Level zu kommen!“ – dann ist das für mich ein tolles Feedback! 

    Für mich ist das Ausdruck von Vertrauen und einer positiven Beziehung, und wenn mich dann SportlerInnen und TrainerInnen aktiv weiterempfehlen, dann ist das auch eine positive Bestätigung meiner Arbeit!

    Mein persönlicher Anspruch ist es, zu mehr Leichtigkeit, mehr Freude, mehr Flow beim „Abliefern“ beizutragen – und das gleiche gilt auch beim Mentalcoaching, auch bei Herausforderungen und schwierigen Themen!

    Zur Profilseite von Dunja Lang:

    Interesse am Netzwerk und an einer professionellen Präsenz im Netz?

    Die Sportpsychologen ist seit knapp neun Jahren die Plattform für SportpsychologInnen und ausgewählte MentaltrainerInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die auf sich und ihre gemeinsame Leidenschaft für die mentalen Aspekte der sportlichen Leistung aufmerksam machen wollen. Hand in Hand. Und Seite an Seite. Interesse, Teil des Netzwerks zu werden? Hier gibt es mehr Informationen:

    Die Sportpsychologen werden in der ersten Jahreshälfte 2023 zwei Schwesterseiten für SportpsychologInnen und sportpsychologische ExpertInnen sowie für MentaltrainerInnen an den Start bringen. Beide Seiten bieten eine optimale digitale Darstellung, um darüber von SportlerInnen, TrainerInnen und mögliche AuftraggeberInnen gefunden zu werden. Interesse? Dann meldet euch gern beim Redaktionsleiter Mathias Liebing, der am Start der beiden Seiten arbeitet:

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    Maria Senz: Matchflix statt Netflix – die Spielanalyse danach

    Eines der einfachsten und sehr wertvollen Tools in deinem Trainerdasein: die Spielanalyse danach. Liebe Trainer, es lohnt sich. Es lohnt sich, einen Raum zu schaffen, wo in aller Ruhe das Spiel ausgewertet werden kann. Was genau sich lohnt und wie du es angehen kannst, erzähl ich dir in diesem Beitrag.

    Zum Thema: Spielanalysen einführen

    In meiner Arbeit mit Trainern und Mannschaften stelle ich immer wieder fest, dass das Auswerten und Besprechen der zurückliegenden Spiele selbst im ambitionierten Amateursport allzu gern ausbleibt. Zu wenig gemeinsame Zeit, kein Geld für Technik oder der Irrglaube der Trainer, unfähig zu sein. Gründe (er-)finden, ist einfach und so schade. Denn genau darin steckt so viel Potenzial – für dich als Trainer und für deine Mannschaft: Körpersprachen, Aufstellungen, Taktiken und vieles mehr. Eine gemeinsame Analyse, wobei jede einzelne Wahrnehmung als individuelles Fazit mitgenommen wird.

    Im ersten Schritt kann eine derartige Analyse ein befreiendes Ventil für die Mannschaft sein. Da sind Emotionen, die raus wollen. Da sind Worte, die gesagt und gehört werden möchten. Da sind Fragezeichen, die sich nach Auflösung sehnen. Da sind einfach so, so, so viele Dinge, die eine Bühne brauchen. Um sich zu verbreiten, zu verteilen und letztlich leichter zu werden. Vielleicht sogar, um sich in Gänze aufzulösen. Und ganz weit unten, in unserem Unterbewusstsein, stehen Bedürfnisse wie Wertschätzung und Anerkennung dahinter. Wertschätzung und Anerkennung für all das, was in diesem Spiel geleistet wurde – unabhängig davon, welche Leistung du als Trainer wahrgenommen hast.

    Die Perspektive macht den Unterschied

    Es lohnt sich, einmal mehr und genauer hinzuschauen. Und zwar da hinzuschauen, was extrem gut gelaufen ist, was gut gelaufen ist, was weniger gut gelaufen ist und was einfach nur gelaufen ist. Denn: Es läuft immer irgendwas. Und wenn es „nur“ Energien sind.

    Du als Trainer hast den Vorteil, während des Spiels von außen beobachten zu können. Da nimmst du vermutlich schon einiges auf deiner Kladde mit. Wenn du mit deiner Mannschaft danach in die Analyse gehst, habt ihr erstmal alle die gleiche Perspektive: von außen und mit Abstand – sowohl zeitlich als auch räumlich. Bekannt auch als Vogel-, Helikopter- oder Meta-Perspektive. Wie auch immer ist es eine Perspektive, wo jeder in Ruhe die Lupe in die Hand nimmt, um Bewegung für Bewegung, Spielzug für Spielzug, Punkt für Punkt, Fehler für Fehler, Satz für Satz, Spiel für Spiel zu analysieren und für sich zu bewerten.

    Eine Auswertung über die im Anschluss diskutiert werden kann. Die Handlungsschritte hervorbringt. Die Übungen fürs Training hervorruft. Die Wachstum ermöglicht: Dinge, die gut laufen, beibehalten. Dinge, die weniger gut laufen, verändern. Dinge, die einfach nur laufen, austauschen. Du kannst die Analyse auch gut mit einem Fokus belegen und dabei Aufgaben in der Mannschaft verteilen. Dieses Add-on empfiehlt sich, wenn ihr bereits im fortgeschrittenen Analyselevel seid und die Analyse als solche bereits im Ansatz verinnerlicht habt.

    Welche Effekte sind möglich?

    Eine Saison ist letztlich ein Prozess. Ein Aneinanderreihen von Ereignissen, die dich und deine Mannschaft formen, gerichtet auf das gemeinsame Ziel.

    Durch die Gespräche und den Austausch entsteht Transparenz. Transparenz schafft Verständnis. Und Verständnis führt zu Akzeptanz. Diese Auswirkungskette lässt euch intensiver Kennenlernen und Zusammenwachsen. Es wird Vertrauen spürbar, das Basis für euer Mannschaftsverbinden ist. Diese Verbindungen stabilisieren und stärken das Mannschaftsgefüge, was euch von Spiel zu Spiel größer, souveräner und überzeugter macht. Am Ende: unbesiegbar.

    Was brauchst Du?

    • Ein üppig gewähltes Zeitfenster. Setze zu Beginn die komplette Trainingseinheit unmittelbar nach dem Spiel an. Du zweifelst? Lies den Text erneut und begreife deine Ernte. Mit der Zeit werden die Zeitfenster vermutlich kleiner, da ihr mehr und mehr das Analysieren verinnerlicht, den Blick schärft und Lesen lernt.
    • Zettel & Stift für die wertvollen Notizen. Hierbei kann dir auch mein Analysetool Anregung geben – gibt’s direkt auf meiner Seite unter: https://co-senz.com/download
    • Optional: gibt es eine Aufzeichnung, nutze sie. Anschauen, Stoppen, Wiederholen, Zeitlupen usw. Gibt es keine Aufzeichnung, schließt die Augen. Spult eure Gedanken und das visuelle Auge zurück auf Anfang, mit Beginn der Anreise und lasst das Spiel wie einen Film erneut durchlaufen.

    Fazit

    Wenn du mit deiner Mannschaft wachsen willst, dann empfehle ich dir die Spielanalyse. Im besten Fall etablierst du es als euer Ritual in der Trainingseinheit unmittelbar nach dem Spiel.

    Du brauchst weitere Unterstützung dazu oder zu anderen Themen? Dann kontaktiere meine Kollegen aus dem Netzwerk (zur Übersicht) oder mich (zum Profil von Maria Senz). Wir sind für dich da.

    Mehr zum Thema:

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    Thorsten Loch: Wir sind nicht das, was wir denken

    Wenn wir ganz still sind, hören wir alle eine Stimme in unserem Kopf. Manchmal kommentiert sie unser Tun, wenn wir den Versuch gestartet haben, den neuen Schrank einer schwedischen Möbelkette aufzubauen, manchmal scheint sie nur so vor sich hin zu quatschen. Ab und zu singt sie sogar ein Lied, welches einem durch den Kopf schießt, obwohl wir vielleicht unseren Gesprächspartnern zuhören sollten. Diese Stimme ist nie ganz still. Sie ist immer da, nur hören wir nicht immer nicht zu und blenden sie dadurch aus. 

    Zum Thema: Was ist diese innere Stimme und wozu brauchen wir sie?

    Bei dieser Stimme handelt es sich um unsere eigenen Gedanken. Doch weshalb stören sie uns oftmals in entscheidenden Momenten und bringen uns in bestimmten „Leistungssituationen“ an unsere Grenzen? Welche Möglichkeiten bieten sich dem jeweiligen Individuum? Der erste Schritt zur „Erleuchtung“ besteht darin, die eigenen Gedanken bewusst wahr- und hinzunehmen. Je mehr Zeit wir damit verbringen, auf das zu hören, was wir denken, umso besser wird es uns möglich sein, unsere Gedanken kennenzulernen. So haben auch unsere Gedanken eine ganz spezielle Art, gewisse Vorlieben und Gewohnheiten (Singer, 2009). Und je besser wir unsere Denkweisen kennenlernen, umso besser können wir sie auch beurteilen: Sollen wir einen bestimmten Gedanken lieber ernst nehmen oder verdrängen? Und woher kommen diese Gedanken überhaupt? Was wollen sie mir damit sagen? Gelingt uns dies, müssen wir im nächsten Schritt verstehen, dass unsere Gedanken Objekte unseres Bewusstseins sind. Sie definieren nicht unsere Persönlichkeit, sondern entstehen in unserem Kopf – meistens vollkommen ohne unser Zutun. Unser Bewusstsein ist den ganzen Tag damit beschäftigt, unsere Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken zu verarbeiten. In diesem Zusammenhang ist es nicht unwichtig zu erwähnen, dass wir den größten Teil unseres Bewusstseins nicht unter Kontrolle haben. 

    Ein kleines Beispiel gefällig? Wenn in uns z.B. ein Gefühl der Traurigkeit entsteht, oder wir plötzlich denken „Ich kann meinen Trainer nicht ausstehen!“, dann bedeutet das nicht, dass wir gleich traurig oder ein hasserfüllter Mensch sind. Es bedeutet nur, dass unser Bewusstsein gerade dieses Gefühl oder diesen Gedanken wahrgenommen hat. Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Was wir daraus machen, liegt ganz bei uns. Darüber hinaus hat unser Bewusstsein noch eine weitere Aufgabe. Es ist nicht nur dafür zuständig, uns die Welt zu erklären und sie für uns zu sortieren, sondern es verwaltet auch eine innere Energiequelle. Wir alle tragen unglaublich viel Energie in uns, nur können wir sie oft nicht fließen lassen. Dass unser Energielevel extrem schwanken kann, hat sicherlich jeder von uns schon mehr als einmal erlebt. Singer (2009) illustriert zum besseren Verständnis folgendes Beispiel: Wenn wir z.B. von unserem Partner verlassen werden, kann es passieren, dass wir über Wochen auf der Couch sprichwörtlich rumgammeln. Man bewegt sich kaum, Haare werden nicht gewaschen und ans Telefon wird schon mal gar nicht gegangen. Doch wenn der Ex-Partner plötzlich anruft und sagt, dass die Trennung ein Fehler war und er uns gerne wieder zurück möchte, dauert es keine zwei Stunden, bis wir uns geduscht, die Wohnung geputzt, den Kühlschrank aufgefüllt haben und auf die Türklingel warten: Plötzlich stecken wir voller Energie und Tatendrang. Doch woher kommt diese Energie?

    Energie sprudeln lassen

    Diese Energie kommt nicht von außen, durch einen externen Speicher oder irgendwelcher Energydrinks. Nein, sie hat die ganze Zeit in uns geruht, nur waren wir nicht dazu in der Lage, diese anzuzapfen. Erst der Anruf des Ex-Partners ließ die lang geglaubte ausgetrocknete Energiequelle wieder sprudeln. Wir in unserem westlichen Kulturkreis haben kein eigenes Wort für diese „Kraft“. In der chinesischen Medizin beispielsweise heißt sie Chi. Und jetzt kommt die gute Nachricht. Wir können lernen, unser Chi fließen zu lassen, sodass wir jeden Tag voller Energie sind. Es ist immer da, wir müssen nur Sorge dafür tragen, dass es auch fließen kann. Dazu müssen wir innere Blockaden abbauen. Diese Blockaden können alles Mögliche sein: Ängste, Hass oder andere negative Gefühle und Gedanken. Aber wie können wir diese Blockaden bewusst abbauen?

    Unser Bewusstsein neigt dazu, negative Dinge aufzubauschen und positive Dinge ohne viel Aufhebens hinzunehmen. Das war in der menschlichen Entwicklungsgeschichte eine sinnvolle Sache, denn wenn sich unsere Vorfahren den ganzen Tag über die Schönheit der ihr vorliegenden Welt gefreut hätten, anstatt sich vor möglichen Gefahren zu fürchten, gäbe es uns heute vermutlich nicht. In unserer modernen Zeit sind die meisten Ängste und negativen Gedanken nicht mehr überlebenswichtig, sondern machen uns das Leben unnötig schwer. Angst ist eigentlich etwas sehr Positives. Angstzustände übernehmen die Funktion eines Warnsignals bzw. die von Schutzhemmungen, die eine Gefahr signalisieren. Sie bewahren uns demnach vor Schaden. Allerdings zeigen sich diese Zustände unter Umständen auch in Situationen, denen keine objektive Bedrohung zu Grunde liegt. Sie treten im Sport zum Beispiel dann auf, wenn ein Sportler eine Aufgabe oder einen Gegner fürchtet, die bzw. der eigentlich unter seinem Leistungsniveau liegt. Man spricht in einem solchen Fall von unbegründeten oder unangepassten Ängsten. Sie stehen im Gegensatz zu angepassten Ängsten, welche auch Realängste genannt werden, da sie sich auf wahrnehmbare Gefahrenobjekte beziehen. Angepasste Ängste sind also rational greifbar bzw. realistisch zu begründen (Baumann, 1998). Wie gehen wir als am besten mit diesem evolutionären Erbe um? Wie können wir unsere Ängste überwinden, um ein freies und unbeschwertes Leben zu führen?

    Der Umgang mit der Angst

    Zunächst müssen wir akzeptieren, dass es kein Leben ohne Angst gibt. Angst ist ein fundamentales Gefühl, das jedes Lebewesen ungeachtet seiner noch so modernen Lebensweise umtreibt. Wir haben allerdings die Wahl, wie wir mit unserer Angst umgehen. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wir lernen, mit der Angst zu leben und uns von ihr zu lösen, oder wir gehen ihr aus dem Weg. Es ist wie mit einem Dorn, der in unserer Haut steckt: Wir können entweder versuchen, die Stelle nicht zu berühren, damit sie nicht schmerzt, oder wir entfernen den Dorn. Um unsere Angst loszuwerden, müssen wir zuerst akzeptieren, dass jede Angst an sich in Ordnung ist. Sie kann uns nichts anhaben, denn sie ist nur ein Gefühl, das wir wahrnehmen. Ängste führen dazu, dass unser innerer Energiefluss blockiert wird, und umgekehrt führt eine Blockade zu noch mehr Ängsten. 

    Unser Bewusstsein ist sehr eng mit unserem Selbst verbunden. Die beiden sind so sehr durch Gedanken und Gefühle miteinander verwoben, dass wir oft gar nicht wissen, dass es sich um zwei unterschiedliche Dinge handelt. Unser Selbst ließe sich auch als unsere Persönlichkeit bezeichnen. Es ist das, was uns wirklich ausmacht (Singer, 2009). Das Bewusstsein hingegen ist nur eine mentale Konstruktion in unserem Kopf, welches über Jahre durch Erfahrung, Gedanken und Gefühle geformt wurde. Leider sperren wir unser Bewusstsein oft ein. Sobald es uns gelingt, uns von Gedanken und Wahrnehmungen zu lösen, bekommt unser Bewusstsein endlich den wohlverdienten Auslauf und kann sich erweitern. Es ist ein bisschen so, wie wenn man als Vater versucht, seinen Kindern eine Antwort zu entlocken, diese jedoch völlig in ihrem Spiel vertieft sind und die ganze Welt um sie herum vergessen. In ähnlicher Weise beschäftigt sich unser Bewusstsein nur mit unseren Gedanken und Gefühlen und blendet alles andere aus. Solange wir uns so intensiv auf uns selbst konzentrieren, sperren wir unser Bewusstsein in einem Käfig ein. Aber genauso, wie wir nach einem faulen Wochenende das Haus verlassen müssen, um frische Luft zu schnappen, braucht auch unser Bewusstsein regelmäßig Ausgang. Daher sollten wir lernen, unsere Gedanken gehen zu lassen, z.B. mittels Meditation. 

    Fazit 

    Manchmal machen dein Kopf und deine Gedanken einfach nicht das, was du willst. Du warst bestimmt schon einmal in einer Leistungssituation (Prüfung oder Wettkampf) und hast dich selbst dafür verflucht, dass du so nervös bist, deine Hände schwitzen und der im Training so sicherer Aufschlag einfach nicht kommt. Auf der anderen Seite ist unser Gehirn manchmal unglaublich clever und nützlich. Es kann in einem Bruchteil von Sekunden Situationen einschätzen und einen handlungsdienlichen Plan entwerfen und umsetzen. Wie kommt es, dass unser Kopf so genial und doch so dumm ist? Die Antwort ist recht einfach. Wenn unser Gehirn uns zur Verzweiflung bringt, liegt das daran, dass wir es nicht richtig verstehen. Wir müssen versuchen, uns ein wenig intensiver mit ihm, unserem Bewusstsein und unseren Gedanken auseinanderzusetzen, um diese Missverständnisse aus der Welt zu räumen. Das zu verstehen und unsere Gedanken besser kennenzulernen, ist der Schlüssel zu innerem Wachstum. Zum Beispiel kann Meditation dir dabei helfen, achtsamer zu werden und deine Gedanken distanzierter zu betrachten. So wirst du erkennen, dass deine Gedanken nicht dein Selbst bestimmen, sondern nur zufällig in deinem Bewusstsein auftauchen. 

    Mehr zum Thema:

    Literatur

    Baumann, S.: Psychologie im Sport. Meyer & Meyer Verlag, 1998.

    Singer, M.A.: Die unbändige Seele. Ein Weg der Befreiung. Edition Spuren, 2009. 

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