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Janosch Daul: Selbstreflexion – Selbstanalyse als Performance Booster, Teil 1

Kennen Sie den perfekten Fußballer? Ich jedenfalls nicht. Selbst Weltklassekicker sind nicht frei von Fehlern und Wachstumspotenzialen. Oder denken Sie, ein Erling Haaland wird selbst bei allem Training noch zu einem Filigran-Dribbler? Oder haben Sie jemals einen Spieler gesehen, der noch nie einen Fehlpass gespielt hat? Jeder Kicker hat seine Stärken und Schwächen. Während der eine besonders mit seinen Führungsqualitäten besticht, zeichnet einen anderen seine Schnelligkeit aus, während wiederum ein anderer Spieler mit seinen Dribbel-Skills brilliert. Entscheidend an dieser Stelle ist das eigene Bewusstsein um persönliche Stärken und Wachstumspotenziale, um gezielt an diesen arbeiten zu können. Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem eminent wichtigen Mittel der Selbstreflexion und setzt sich damit auseinander, wie diese, gezielt und systematisch eingesetzt, die Leistungsfähigkeit eines Fußballers fördert.

Zum Thema: Selbstanalyse als Performance Booster (Teil 1)

„Zunächst mal möchte ich schleunigst meinen linken Fuß und mein Kopfballspiel verbessern. Und ich muss zusehen, wie im letzten Jahr verletzungsfrei zu bleiben.“ (

(M. GÖTZE, 2011)

„Ich bin nicht zufrieden mit mir. Mein Ziel war, meine Tor- und Vorlagenquote zu verbessern. Das habe ich nicht geschafft. Es waren leider zu viele Spiele dabei, in denen ich sehr gute Chancen vergeben habe. Daran muss ich arbeiten.“

(S. GNABRY, 2021) 

„Ich glaube, dass ich mich überall verbessern kann. Ich denke, ich habe einen guten Abschluss, aber auch den kann ich noch deutlich verbessern. Ich kann noch schneller werden. Ich kann noch stärker werden. Aber wenn ich mich auf eines beschränken müsste, dann wäre es, mich nicht zu verletzen. Wenn ich fit bin, kann ich mehr Spiele bestreiten und noch besser performen.“

(E. HAALAND, 2022) 

All diese Zitate eint, dass es sich um Fußballer handelt, die ihre Wachstumspotenziale analysiert haben und bestrebt sind, sich zu verbessern. Was ist es, was eine gezielte Selbstanalyse für Fußballer so wichtig macht? Fakt ist: Entscheidend für die eigene Weiterentwicklung ist es, bewusst und gezielt an eigenen Schwächen zu arbeiten und seine Stärken gleichzeitig weiter auszubauen. Eine wichtige Grundvoraussetzung hierfür ist die Fähigkeit, sich selbst realistisch einschätzen zu können. Dies hat vielerlei positive Auswirkungen: Ist sich ein Fußballer dessen bewusst, was ihn auszeichnet und ruft er sich dies immer wieder in Erinnerung, profitiert dessen Selbstvertrauen. Zugleich vermeidet er, in einen Modus der Selbstzufriedenheit zu verfallen – durch einen gezielten Blick auf das, was es noch zu optimieren gilt. Zudem lassen sich auf Grundlage einer realistischen Selbsteinschätzung sinnvolle Ziele setzen, die motivierend wirken. Ziele, welche die Aufmerksamkeit auf die zu verbessernden Bereiche lenken, an denen im Mannschaftstraining und darüber hinaus beispielsweise im Individualtraining gezielt gearbeitet werden kann. 

Methode des Performance Profiling

Eine sinnvolle Methode für Fußballer, um gezielt einen Überblick über seine Stärken und Wachstumspotenziale zu erhalten, stellt das Performance Profiling dar. In einem ersten Schritt lohnt es sich, zu notieren, welche Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten wohl den „idealen Fußballer“, sofern es diesen gäbe, auszeichnen würden. Wichtig an dieser Stelle ist es, in alle Richtungen zu denken (technisch, taktisch, athletisch, mental, teambezogen etc.). Eine Orientierung an aktuellen Weltklassefußballern kann hierbei hilfreich sein.

Nun hat der Kicker eine sinnvolle Grundlage, um sich einen Überblick über seine aktuellen Stärken und Wachstumspotenziale zu verschaffen und anschließend an diesen zu arbeiten, indem der Fußballer folgenden Schritten folgt – unter Zuhilfenahme folgender Grafik:

Anwendung

  1. Wenn er mehr als 16 Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten notiert hat, wählt er nun die aus seiner Sicht – auch unter Berücksichtigung des Anforderungsprofils seiner Position – 16 wichtigsten aus und schreibt sie rund um das Diagramm. 
  2. Der Ideal-Wert dieser Eigenschaften/Fähigkeiten/Fertigkeiten ist 10 (maximal). Zur Bewertung seiner Skills bietet sich ein für den Fußballer greifbarer Vergleichsmaßstab an. Spielt er beispielsweise Junioren-Bundesliga, so könnte die 10 die deutsche Spitze in seinem Altersbereich repräsentieren. Je höher der Wert ist, desto höher ist die Einschätzung des Niveaus. Der Fußballer schätzt also seine aktuelle Leistungsfähigkeit, den jeweiligen Bereich betreffend, mit einer Zahl zwischen 1 und 10 ein. Dazu füllt er das Diagramm aus, indem er in Bezug auf jeden eingetragenen Stichpunkt ein Kreuz setzt – in dem entsprechenden Feld zwischen 1 bis 10. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch – es geht nur darum, dass sich der Fußballer so realistisch wie möglich einschätzt.
  3. Nun kann er die Kreuze wie in einem „Spinnennetz“ verbinden. 
  4. Jetzt hat der Fußballer eine geeignete Grundlage zum Reflektieren: Welche Eigenschaften/Fähigkeiten/Fertigkeiten zeichnen ihnen ganz besonders aus? Wie hat er es geschafft, diese zu entwickeln? Welche Eigenschaften/Fähigkeiten/Fertigkeiten hingegen möchte er noch ganz besonders weiterentwickeln?
  5. Nach diesem Vorgang des Reflektierens bietet es sich an, ein konkretes Handlungsziel für die kommende Trainingswoche in Form einer Ich-Botschaft zu notieren und aufzuschreiben, wie er dieses Ziel erreichen möchte. Ein solches Handlungsziel könnte lauten.: „Ich möchte meinen Flugball verbessern. Dafür suche ich mir nach den Trainingseinheiten einen Partner und fokussiere mich bei den Flugbällen bewusst auf eine saubere technische Ausführung.“
  6. Nun gilt es, das Handlungsziel in die Tat umzusetzen. 

Diese Vorgehensweise ermöglicht dem Spieler – eine wiederkehrende, regelmäßige Anwendung und ein bewusstes Trainieren zur Umsetzung des Handlungsziels vorausgesetzt – eine systematische Weiterentwicklung. Selbstreflexion – Selbstanalyse als Performance Booster. In einem weiteren Beitrag, der im April bei Die Sportpsychologen erscheint, möchte ich dieses Thema vertiefen und in diesem Zusammenhang insbesondere auf die Rolle des Coaches eingehen.

Kontakt aufnehmen

Wenn Sie daran interessiert sind, Ihre persönlichen Stärken und Wachstumspotenziale zu ermitteln und die für Sie passenden Maßnahmen abzuleiten, wenden Sie sich gern an meine Kollegen (zur Übersicht) oder mich (zum Profil von Janosch Daul). 

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Depression im Sport: Dunkelzone und das Tabu sind im Sport größer

Paul Pogba hat gegenüber der französischen Zeitung „Le Figaro“ von Depressionen gesprochen. Im Interview macht er deutlich, wie verbreitet Probleme mit der mentalen Gesundheit bei Profi-Sportlern sind. Der Weg, als aktiver Athlet oder aktive Athletin öffentlich über psychische Probleme zu sprechen, wird zunehmend von Top-Stars wie nun Pogba oder in den vergangenen Monaten von Tennisspielerin Naomi Osaka oder der Turnerin Simone Biles gewählt. Ein Trend, der unter Umständen aus der Musikwelt kommt – denken wir nur an den offensiven Umgang von Stars wie Billie Eilish, Justin Bieber oder Lady Gaga. Aber liegt darin nicht auch eine Gefahr?

Zum Thema: Depressionen im Sport

An welchen Signalen können AthletInnen oder auch TrainerInnen, Eltern oder SportpsychologInnen mit Blick auf ihre Sportler erkennen, dass etwas nicht stimmt? 

Janosch Daul (zum Profil): 

Symptomatisch ergibt sich mit Blick auf die Krankheit Depression ein extrem heterogenes Bild. Fakt ist: Je besser TrainerInnen, Eltern und SportpsychologInnen den Sportler bzw. die Sportlerin kennen und je enger der Austausch ist, umso leichter lassen sich Anzeichen einer depressiven Episode erkennen. Hauptcharakteristika einer solchen sind neben einer gedrückten Stimmung, Freudlosigkeit und einem verminderten Selbstwertgefühl vor allem auch psychomotorische Symptome wie Konzentrationsstörungen, ein Verlust von Antrieb und Aktivität sowie eine motorische Verlangsamung.

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil):  

Auch wenn die als Depression klassifizierte Erkrankung ein manchmal ein Chamäleon sein kann, gibt es doch Auffälligkeiten, die wir als Warnhinweise, vielleicht sogar als rote Flaggen bezeichnen können. Vor allem sollten wir extrem gut hinschauen und hören, aber auch fühlen, wenn sich das Verhalten, die Gewohnheiten, die Stimmung und auch die Gedanken der Athletin ändern. Ein bisher ausgeglichener oder freudvoller Mensch, dessen Stimmung plötzlich düsterer wird, dessen Stimmung gedämpft oder gedrückt wirkt. Wenn meine Interessen nachlassen, ich nicht mehr an den Dingen, die ich bisher getan habe, Freude und Lust empfinde. Wenn ich mich plötzlich vermehrt zurück ziehe, wo ich doch vorher ein geselliger Mensch war oder wo eh schon introvertierte Menschen sich noch mehr abkapseln. Wenn Menschen äußern, dass die nicht mehr so intensiv fühlen, dass ihr Gefühlserleben eingeschränkt ist und dass sie ein “Gefühl der Gefühllosigkeit” verspüren. Wenn sie morgens Probleme haben aus dem Bett zu kommen, was bisher nicht der Fall war. Die Lust am Essen kann reduziert sein, das Training wird nur noch zur Last und die Trainingsleistungen sinken oder schwanken extrem, das schulische und berufliche Leistungsniveau ist beeinträchtigt. Und ganz hellhörig sollten wir sein, wenn Menschen äußern, dass sie des Lebens müde sind.

Zudem liegen Phänomene wie Angststörungen, das “Burn Out”, beim Sportler eher das Übertraining sehr nahe, so dass eine professionelle Begleitung in dieser Phase nicht früh genug beginnen kann.

Was ist dann zu tun, wenn solche Signale auftreten? An wen wendet ihr euch als SportpsychologInnen und wohin können sich Coaches, Eltern oder Freunde wenden? 

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil):    

Zunächst einmal ist es wichtig, hinzuschauen und aufmerksam zu sein. Auf den Athleten zu zugehen und ihn ansprechen, ggf. ein Gespräch anbieten. Frühzeitig mit psychologisch geschulten Personen Kontakt aufzunehmen, kann nur hilfreich sein. Und dann auch durchaus die Auffälligkeiten benennen und Begleitungsangebote anbieten.

Das Thema mentale Gesundheit bekommt durch Aussagen wie von Paul Pogba, Simone Biles, Naomi Osaka oder zahlreichen KünstlerInnen eine zunehmende Präsenz. Entsteht dadurch vielleicht sogar in einem Extremfall die Situation, dass im Breiten- wie im Profisport normale Stimmungsschwankungen problematisiert oder sogar pathologisiert werden? 

Prof. Dr. René Paasch (zum Profil) zum Thema im Sportradio Deutschland:

Prof. Dr. René Paasch zu Depression im Sport, Paul Pogba und mit Tipps für Sportler

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil):   

Es besteht immer die Gefahr zu stigmatisieren, das liegt alleine schon implizit in unserer Systematik der Klassifizierung und der pathologischen Sicht auf dieses Thema, die verlangt, eine Etikett zu vergeben. Darin liegen große Risken und deshalb geht es nicht um pathologisieren, sondern darum zu schauen, wie sich Gesundheit aufrechterhalten läßt.

Und depressive Reaktionen auf negative Lebensereignisse gehören in das Leben eines Menschen, wie auch Anpassungsstörungen an veränderte Lebenssituationen dazu gehören. Doch wir haben gelernt, zu funktionieren und hören einfach manchmal nicht gut auf unsere eigenen Signale und auch auf die Signale, die andere aussenden. Es geht um Sensibilisierung, um Enttabuisierung, denn gerade der Leistungssport ist aufgrund seiner Erwartungshaltungen und seines Druckes, der chronischen Stress produzieren kann, prädestiniert für Störungen der Affekte, der Gefühle. Und mit Sicherheit ist das Auftreten mindestens so häufig wie im Gesamtkollektiv, doch die Dunkelzone und das Tabu sind größer. 

Schwer wiegt in diesem Zusammenhang nicht zuletzt: Die Lösungsmöglichkeiten vieler Menschen liegen zunächst im Konsum von ungesunden Substanzen, um den Druck zu erleichtern oder die Funktionsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Der Sport sollte das Thema ernst nehmen. 

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Typisch Ashleigh Barty

Ashleigh Barty ist ein Phänomen. Als komplette Tennisspielerin entzückte sie die Massen. Ihre Art, die Karriere per sofort und auf dem sportlichen Höhepunkt zu beenden, erstaunt ebenso: selbstbestimmt, kompromisslos und mutig! Barty gelingt in jungen Jahren das, was viele gealterte Stars jenseits der 35 Jahren oft nur mit grösster Mühe schaffen – einen lustvollen Start im Übergang in eine nachsportliche Karriere.

Zum Thema: Karriereübergänge 

Auf dem sportlichen Höhepunkt, als unangefochtene Nummer 1 der Weltrangliste und während der längsten Siegesserie ihrer Karriere, hat die australische Tennisspielerin Ashleigh Barty ihren Rücktritt vom Spitzensport vollzogen. Wie kompromisslos sie ihren Weg geht, lässt sich allein an der Tatsache festmachen, dass ihr Name in der am kommenden Montag erscheinenden WTA-Rangliste nicht mehr auftauchen wird. Aus ihren Stellungnahmen zu ihrem mutigen Schritt, wird vor allem eines klar: Die junge Frau hat Lust, einen neuen, andersartigen und für sie spannenden Lebensabschnitt zu beginnen!

Das Lehrbuch sagt: Barty macht alles richtig!

In meiner ETH-Vorlesung „Sportpsychologie“ ist das Thema „Wenn der letzte Applaus verhallt ist – gelingender Übertritt in eine nachsportliche Karriere“ immer wieder Gegenstand spannender Diskussionen. Die Lehrmeinung dazu scheint einfach und plausibel: Die Transition – also der Übergang in die nachsportliche Karriere – gelingt dann besser, wenn folgende Aspekte positiv bewertet sind: 

– selbstbestimmter Zeitpunkt des Rücktritts, vorzugsweise mit sportlichem Erfolgserlebnis (z.B. Medaillengewinn an Olympischen Spielen); 

– körperlich und mental gesund; 

– Zufriedenheit hinsichtlich des sportlichen Karriereverlaufs;

– unterstützendes soziales Netzwerk, welches den Rücktritt trägt;

– finanzielle Absicherung über das Karriereende hinaus;

– frühzeitige Auseinandersetzung mit dem „Leben nach dem Spitzensport“

Nehmen wir diese Aspekte als Richtschnur, wird sofort klar: Barty nutzt ihre optimalen Ressourcen und Bedingungen, um den – für genau sie – passenden Moment zum Aufhören zu finden.

Emotionales Erleben und soziales Umfeld sind matchentscheidend

Sehr intensiv mit dem Karriereende und der Frage „was kommt danach?“ befasst sich der ehemalige Weltklasse Skispringer und heutige Sportwissenschaftler Andreas Küttel. In seiner 2017 erschienen Dissertation legt er ein differenziertes Ordnungsmodell im Kontext des Karriereübergangs vor. Darin beschreibt er eine Vielzahl von Ressourcen und Hindernisse, die letztlich über einen gelingenden Übergang entscheiden. Die wichtigsten Befunde hier: Der Übergang braucht Zeit, das emotionale Erleben ist meist die entscheidende Einflussgrösse (positiv wie negativ) und der Übergang ist durch ein bestimmtes sozio-kulturelles Umfeld beeinflusst.

Aber zurück zur australischen Tennisspielerin: Barty bezeichnet sich selbst als Familienmensch und scheint die Nestwärme ihrer Umgebung zu brauchen. Die Einsamkeit auf der Profi-Tour mit dem ewigen Herumreisen schien ihr schon früh Mühe zu bereiten. Bereits mit 17 Jahren brauchte sie eine erste Auszeit, um als „normaler“ Teenager ein „normales Leben“ führen zu dürfen. Sie hatte offensichtlich gelernt, ihrer Seele Zeit zu geben, wann diese sie wirklich brauchte. Damit dürfte sie jene Herausforderung positiv meistern, mit der sich viele andere äusserst schwer tun, nämlich den „Post-Karriere-Blues“ zu überwinden.

For the love of the game!

Ich bin dann mal weg! So dürfte es die junge Spitzensportlerin wohl im Moment erleben. Aus ihren Aussagen in den sozialen Medien schwingt diese ungeheure Leichtigkeit im Umgang mit diesem Entscheid mit. Sie hat offensichtlich einen Plan, der ihr gefällt. Sie kann sich eine Karriere als Tennistrainerin vorstellen und besitzt mit all ihren sportlichen Talenten (Golf und Cricket!) darüber hinaus weitere Spielwiesen, auf denen sie sich gegebenenfalls verwirklichen kann. Ihre grosse Liebe zum Tennis lässt ihr sogar die Tür offen, eines Tages auf die Tour zurückzukehren – ob als Spielerin oder Trainerin!

Fazit

Ein Rücktritt vom Spitzensport und der Übergang in eine nachsportliche Karriere bedeuten immer einen markanten Einschnitt im Leben eines Spitzensportlers. Viele empfinden den Schritt ins «bürgerliche Leben» als sozialen Abstieg. Theorie und Praxis der Angewandten Sportpsychologie zeigen, dass die Art des Rücktritts entscheidend dafür ist, wie dieser Lebensabschnitt bewältigt wird. Ashleigh Barty lebt vor – selbstvertrauend und in mit grosser Zuversicht – worauf wir Sportpsycholog*innen in der Betreuung von Spitzensportler*innen immer wieder Wert legen. 

Offensichtlich macht die junge Tennisspielerin alles richtig – oder eben: Game, Set and Match – auch ohne Tennis!

Mehr zum Thema:

Quellen

Küttel, A. (2017). A cross-cultural comparison of the transition out of elite sport: An investigation across the Swiss, Danish, and Polish elite sports contexts. PhD Thesis. Odense, Faculty of Health Sciences. University of Southern Denmark.

Kuettel, A., Christensen, M.K., Zysko, J. &  Hansen, J. (2020) A cross-cultural comparison of dual career environments for elite athletes in Switzerland, Denmark, and Poland, International Journal of Sport and Exercise Psychology, 18:4, 454-471, DOI: 10.1080/1612197X.2018.1553889

FAZ vom 24.3.2022: https://www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sport/ashleigh-barty-spricht-ueber-zukunft-nach-tennis-ruecktritt-17905262.html

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Thorsten Loch und Prof. Dr. René Paasch: Gottgesandter oder Niete?

Betrachten wir den menschlichen Körper rein äußerlich von seiner Form, so sind die meisten Eigenschaften weitestgehend vorgegeben – sprich die Form des Schädels bis hin zur Größe der Füße. Sicherlich lässt sich der menschliche Körper verändern, bspw. mit Training usw., jedoch sind insgesamt die Möglichkeiten, den eigenen Körper in seiner Gestalt zu verändern, doch sehr begrenzt. Aber wie steht es um die um die geistigen und körperlichen Fähigkeiten, inwiefern sind diese formbar oder trainierbar? Gibt es für bestimmte Sportarten, ein angeborenes Talent oder kann jede oder jeder nahezu alles lernen?

Zum Thema: Dynamisches und statisches Selbstbild im Sport

Die meisten Wissenschaftler sind sich heutzutage einig: Wer es zum Opernsänger oder zu irgendeiner Form des Expertentums bringen will, braucht nicht nur eine entsprechende Veranlagung, sondern muss dafür auch jahrelang hart trainieren.

„Auf lange Sicht schlägt Fleiß auch das Talent.“

Allerdings hat jeder Mensch auf die zuvor gestellte Frage seine eigene Antwort. Und diese Antwort entscheidet darüber, welches Bild er von sich und anderen hat. Je nach Selbstbild glauben Menschen mehr oder weniger stark an die Möglichkeit, zu lernen und sich zu verändern. Die beiden Extreme bilden in diesem Zusammenhang das statische und das dynamische Selbstbild. Für Menschen mit statischen Selbstbild sind Menschen von Natur aus begabt oder unbegabt, während in den Augen von Menschen mit dynamischen Selbstbild jeder ein „Star“ werden kann, wenn er sich nur genügend anstrengt. Hieraus folgt, dass das jeweilige Selbstbild einer Person einen enormen Einfluss auf ihre Erfolge und Misserfolge hat, letztendlich sogar den kompletten Lebensweg. 

Der folgend Beitrag soll auf die folgenden Fragen Antworten liefen:

  • Wie eignen sich Menschen mit dynamischen Selbstbild immer wieder neue Fähigkeiten an und wandeln sich damit stetig?
  • Welchen Einfluss haben Bezugspersonen wie Eltern, Lehrer und Trainer?
  • Wie kann jeder Mensch sein Selbstbild verändern?

Unterschiede zwischen statischem und dynamischem Selbstbild 

Wie bereits zu Beginn benannt, glauben Menschen mit einem statischen Selbstbild an die Macht der Veranlagung. In ihren Augen sind alle menschlichen Fähigkeiten in Stein gemeißelt. Entweder man ist intelligent und talentiert oder aber dumm und unfähig und wird es auch für immer bleiben. Wer ein statisches Bild von Menschen hat, der glaubt daran, dass die Sportler, die heute nicht perfekt sind, es auch morgen nicht sein werden, und werden ihnen weniger „Spielzeiten“ o.ä. geben. Eine Trennung steht somit unmittelbar bevor. Hinzu kommt die Überzeugung, dass Menschen mit einem statischen Selbstbild es selbst nicht glauben, dass sie durch Übung beheben können, was ihnen vielleicht an angeborener Intelligenz oder Talent fehlt. Und weil sie selbst andere Menschen in Schubladen (“gut” oder “schlecht”) stecken, fühlen auch sie sich ständig beurteilt und bewertet. Deshalb müssen die in jedem Augenblick zeigen, dass sie talentiert und klug sind. 

Ein kleines Gedankenexperiment voran: Was glauben Sie, wie sich ein Kind mit einem dynamischen Selbstbild verhalten wird, wenn man ihm eine schwierige Knobelaufgabe stellt? Höchstwahrscheinlich wird es für ein dynamisches Selbstbild typische Reaktionen zeigen. Es stürzt sich förmlich auf die Herausforderung und will unbedingt noch weitere Aufgaben mit nach Hause nehmen, da es durch die Bearbeitung etwas dazulernen könnte. Doch weshalb unterscheidet sich dieses Verhalten doch schier gegensätzlich zum einem Kind mit einem statischen Selbstbild?

Mit statischem Selbstbild scheitern

Für Menschen mit einem dynamischen Selbstbild ist völlig offen, wie weit es jemand im Leben bringen wird. Sie treffen keine Aussagen über ihre heutigen Fähigkeiten, und schon gar nicht über ihre zukünftigen. Schulnoten sagen aus ihrer Perspektive vielleicht aus, was sie derzeit leisten können, aber sie glauben daran, sich beständig weiterentwickeln zu können – durch harte Arbeit, Hingabe und Ausdauer. Für diesen Schlag Mensch geht es außerdem gar nicht darum, die Spitze zu erreichen und besser als andere zu sein. Vielmehr wollen sie sich selbst verwirklichen und ihr Wachstumspotenzial durch Anstrengungen ausschöpfen. Egal, ob im Sport oder der Musik, sie üben hart und ausdauernd und sehen es als normal an, sich durch Übung zu verbessern und dabei hin und wieder auch zu scheitern. Mit Begeisterung, Hingabe und Spaß schauen sie sich Tricks von den Besten ab, wo sie nur können. Sie überdenken und verwerfen immer wieder ihre bisherigen Strategien und überlegen unentwegt, wie sie ihre Fehler und Schwächen ausmerzen können. Im Sport stellen sie ihre Fähigkeiten in den Dienst der Mannschaft. Und als Führungsperson respektieren sie ihr Gegenüber, sind dankbar für deren Mitarbeit und fordern sie regelrecht dazu auf, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Denn Menschen mit einem dynamischen Selbstbild stellen sich gern Problemen und sehen sie als Herausforderungen, nicht als unüberwindbare Hindernisse. Bereitwillig mobilisieren sie ihre Kräfte und arbeiten an sich und der Welt um sie herum. 

Wenn Menschen mit einem statischen Selbstbild scheitern, kann dies mitunter dramatische Auswirkungen haben. Als etwa der spanische Profigolfer Sergio Garcia kurzzeitig in ein Leistungsloch fiel, entließ er wütend einen Caddy nach dem anderen, schob das Scheitern auf seine Schuhe, und zog sie letztlich sogar aus, um einen unschuldigen Zuschauer frustriert damit zu bewerfen. Wer ein statisches Selbstbild hat, wehrt sich gegen den Glauben, dass man aus seinen Fehlern lernen kann. Deshalb ist ein einziger Misserfolg in seinen Augen der Beweis dafür, auf alle Zeit ein Verlierer zu sein. Eine Niederlage macht somit alle bisherigen Erfolge wertlos. Um sich einen Rest Selbstbewusstsein zu erhalten, reden sich Menschen mit einem statischen Selbstbild heraus, schummeln oder verlieren das Interesse und wenden sich ab. Sie suchen keine Hilfe, analysieren ihre Schwächen nicht und versuchen erst gar nicht, durch Arbeit besser zu werden. Denn sie verstehen sich als fertiges Produkt und sehen sich nicht in einem beständigen Prozess. 

Harte Arbeit

„Ich habe in meiner Karriere mehr als 9000 Würfe verfehlt. Ich habe beinahe 300 Spiele verloren. 26 mal wurde mir der Buzzerbeater anvertraut und ich habe nicht getroffen. Ich bin immer und immer wieder in meinem Leben gescheitert. Und das ist der Grund, warum ich gewinne.“

Michael Jordan

Auch der begnadete Basketballspieler Michael Jordan hatte in seiner Karriere Phasen, in denen er nicht jeden Ball versenkte. Nachdem er etliche mögliche Siegwürfe versiebt hatte, steckte er nicht etwa den Kopf in den Sand, sondern probte die misslungenen Würfe bis zum Exzess. Wie seine Karriere verlief, brauchen wir an dieser Stelle wohl nicht zu erwähnen. Es hat den Anschein, als habe Jordan ein dynamisches Selbstbild. Statt die Fehler bei seinen Mitspielern oder dem Hallenboden zu suchen, forscht er nach Wegen, um an sich selbst zu arbeiten und besser zu werden. Er analysierte seine Fehler, trainierte noch härter und ließ sich von anderen Profis Tipps geben. Er glaubte fest daran, seine Niederlagen in Siege verwandeln zu können, wenn er nur intensiv genug dafür arbeitete. Und dies gelang ihm auch. 

Angst vor Blamagen

Vieles im Leben können wir nur erreichen, wenn wir etwas dafür tun. Trotzdem stehen bei Anstrengungen für Menschen mit einem statischen Selbstbild die Risiken im Mittelpunkt: Je mehr Zeit und Bemühungen sie investieren, desto weniger Ausreden haben sie, wenn sie später scheitern. Außerdem glauben sie an die immense Bedeutung von Begabung. Wer Talent hat, der braucht sich nicht anzustrengen. Wer so denkt, der kann nicht an sich selbst arbeiten, ohne an der eigenen Begabung zu zweifeln. Daher weichen Menschen mit statischem Selbstbild Anstrengungen aus. Sie wollen die Gefahr nicht in Kauf nehmen, sich zu blamieren. Im Gegensatz dazu veranlassen Herausforderungen Menschen mit einem dynamischen Selbstbild ganz selbstverständlich zu entschlossenem Handeln. Je niedergeschlagener sie sind, desto mehr strengen sie sich an, um gegen ihr Schicksal anzukämpfen und es zu ändern – bis sie schlussendlich Unglaubliches schaffen. 

“I have nothing in common with lazy people who blame others for their lack of success. Great things come from hard work and perseverance. No excuses.”

Koby Bryant

Wir haben gesehen, wie unterschiedliche Lebensstile verschiedene Selbstbilder mit sich bringen. Aber wie werden eigentlich die Weichen dafür gestellt, ob jemand ein dynamisches oder ein statisches Selbstbild haben wird?

Welches Selbstbild sollten Trainer oder Führungskräfte idealerweise haben? 

Menschen haben viele Gesichter und werden verschieden wahrgenommen. Wenn Sie als Trainer oder Führungskraft erfolgreich sein wollen, sollten Sie ein realistisches Bild von sich selbst entwickeln, damit Sie die eigene Wirkung auf andere Menschen möglichst zuverlässig einschätzen können. Zudem hilft das Wissen um die Unterschiede von Selbstbild auch, Spieler besser zu verstehen. Wie gut Sie sich selbst kennen, entscheidet darüber, wie gut Sie Ihr Gegenüber lesen können und dessen Bedürfnisse erkennen. Schauen wir uns dazu die Entwicklung des Selbstbildes an: Die Entwicklung des Selbstbildes beginnt mit der Geburt. Alle Babys kommen zunächst mit einem dynamischen Selbstbild auf die Welt. Sie wollen so viel wie möglich dazulernen und sich Tag für Tag weiterentwickeln und die Welt entdecken. Ob sie dieses im Laufe ihrer Kindheit dann beibehalten oder später ein statisches Selbstbild annehmen, hängt vor allem von den direkten Bezugspersonen – in der Regel den Eltern – ab. Diese leben ihren Kindern ein Selbstbild vor. Eltern mit dynamischen Selbstbild fördern ihre Kindern und regen sie dazu an, beständig zu lernen. Eltern mit einem statischen hingegen weinen Kinder häufig in ihre Schranken und geben ihnen vor, was richtig und falsch, was gut und schlecht ist.  

Schon mit einem bis drei Jahren verhalten sich Kleinkinder entsprechend: Die mit dynamischen Selbstbild wollen einem anderen Baby helfen, das schreit. Die mit statischem sind von ihm genervt. In der Schulzeit werden auch die Lehrer zu wichtigen Bezugspersonen und haben Einfluss auf das Selbstbild jedes Kindes. Einige Lehrer glauben, dass die Note eines jeden Schülers unveränderlich ist. In ihren Klassen bleiben die Guten gut, die Schwächeren lernen, dass sie immer eine Vier oder Fünf bekommen werden, und entwickeln ein statisches Selbstbild. Gute Lehrer hingegen verhalten sich anders. Sie zeigen allen ihren Schülern Wege auf, um Rechnen zu lernen. Dabei sind sie fest von der Entwicklungsfähigkeit aller ihrer Zöglinge überzeugt. Die schwächeren Schüler verbessern ihre Noten und machen sich ein dynamisches Selbstbild zu eigen: Auch sie verstehen, dass sie die Chance haben, durch Üben und Lernen zu wachsen. Ähnlich verhält sie sich mit Trainern im Sport. Sehe ich vordergründig nur das „jetzige“ Talent und vernachlässige ich andere, so verhindern diese ab diesem Zeitpunkt die Entwicklung von anderen Talenten (Stichwort: Spätentwickler). 

Selbstbild ist keine Vorgabe

Wir können festhalten, dass das eigene Selbstbild also nicht fest vorgegeben ist. Es kann beeinflusst und verschoben werden, durch Vorbilder oder Bezugspersonen, und schließlich auch durch uns selbst. 

Bisher klang es so, als wären Menschen mit einem statischen Selbstbild dazu verdammt, ihr Potenzial einzubüßen und für immer zu stagnieren. Doch wer sich bewusst über sein Selbstbild ist, ist seinem Umfeld nicht hilflos ausgeliefert. Tatsächlich ist das Gehirn genauso trainierbar wie ein Muskel: Wer ein dynamisches Selbstbild annehmen will, kann sich nach und nach selbst beibringen, auf diese Art zu denken. 

Veränderung – was muss ich tun und wer kann hier möglicherweise helfen?

Ein statisches Selbstbild aber loszuwerden, ist eine harte Nuss. Denn womöglich hat es über lange Zeit die Funktion einer emotionalen Stütze eingenommen. Es hat vor Versagen geschützt, Anerkennung bei den Eltern und den Lehren geschaffen und das eigene Selbstbewusstsein gesteigert. Diese Funktionen drängen sich immer wieder in den Vordergrund und ihr Verlust kann zutiefst beunruhigend sein. Doch es ist gar nicht unbedingt nötig, ein statisches Selbstbild komplett aufzugeben. Oftmals reicht es völlig, in bestimmten Bereichen dynamisch zu denken. Man kann von sich glauben, im Sport für immer eine Niete zu sein, aber bei der Arbeit jedoch jeden Tag Fortschritte zu machen. Die Übernahme eines dynamischen Selbstbildes – egal in welchem Bereich – befähigt dazu, Unmögliches zu erreichen und wie bspw. Michael Jordan immer an sich zu arbeiten. Damit ist es der Schlüssel zur Selbstverwirklichung. 

Die beiden Experten:

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Kathrin Seufert und Prof. Dr. René Paasch: Magath und das Zwischenmenschliche

Felix Magath als Retter von Hertha BSC Berlin? Nach der Verpflichtung des in der Vergangenheit ebenso erfolgreichen wie für seine harten Trainingsmethoden berüchtigten Trainers, wurde im Netz nicht an Häme gespart. Aber kann diese Konstellation vielleicht wirklich funktionieren? Dieser Frage sind das Sportradio Deutschland und Sky Sport News HD mit Hilfe von Katrin Seufert (zum Profil) und Prof. Dr. René Paasch (zum Profil) nachgegangen. Ihre Antworten dürften nicht wenige überraschen. 

Zum Thema: Sportpsychologische Aspekte des Trainerwechsels bei Hertha BSC Berlin 

Im Gespräch staunte Sportradio Deutschland-Moderator Patrick Friztsche nicht schlecht: Echt jetzt, sie würde den Job als Sportpsychologin von Hertha BSC im Abstiegskampf nicht annehmen? Nein, würde Kathrin Seufert nicht. Weil es einfach ein Lotteriespiel sei, innerhalb weniger Wochen ein Team im Abstiegskampf sportpsychologisch zu begleiten. Dies fange schon beim Vertrauensaufbau an. Kathrin Seufert: “Für unsere Arbeit ist Vertrauen eine Voraussetzung. Und ein echtes Vertrauensverhältnis muss wachsen und kann nicht innerhalb von kürzester Zeit entstehen, schon gar nicht in einem Teamkontext. Zwar ließen sich Impulse setzen, aber mit seriöser sportpsychologischer Arbeit, die zum Beispiel auf eine Verhaltensänderung abzielt, hat das nichts zu tun.”

Sportpsychologische Impulse können dennoch gesetzt werden, betont Kathrin Seufert mit Blick auf die Trainingseinheiten. Grenzen seien da kaum gesetzt. Als besonders beliebt bei Teams in vergleichbaren Situationen habe sich der Fokus auf die Abschlussstärken der Offensivspieler erwiesen. Hier gehe es darum, den Stürmern die eigenen Qualitäten greifbar zu machen. Denn typischerweise verrutscht in Krisenzeiten der Fokus der Bewertung der sportlichen Leistung von Einzelnen oder im Team schnell auf die misslungenen Aktionen. 

Zauberwort Selbstwirksamkeit

Bei Sky Sport News HD unterstreicht Prof. Dr. René Paasch: “Bei Teams, die durch eine Niederlagenserie in den Abstiegskampf geraten, ist häufig kaum mehr Selbstwirksamkeit vorhanden. Hier gilt es mit gezielten Übungen anzusetzen.”

Dass dies in der aktuellen Situation von Hertha BSC gelingen kann, sieht Prof. Dr. René Paasch durchaus positiv. Trotz der unglücklichen Ausgangslage – schließlich sollte das Team nach wirklich nennenswerten finanziellen Investitionen in den vergangenen Jahren in ganz anderen Gefilden Fußball spielen. Positiv stimmt Paasch in diesem Zusammenhang die Personalie Felix Magath. Weil der dafür bekannt sei, weniger auf Namen oder Ablösesummen, stattdessen auf die tatsächlichen Trainingsleistungen zu achten. Prof. Dr. René Paasch: “Hier kann innerhalb von kürzester Zeit eine neue Grundordnung entstehen. Ersatzspieler können sich zeigen, Führungsspieler werden gepusht. In Folge dessen ist es möglich, dass das Team eine andere Art von Fußball auf den Platz bringt.“

Schlüssel im Zwischenmenschlichen

Der Schlüssel für einen erfolgreichen Abstiegskampf, da sind sich Katrin Seufert und Prof. Dr. René Paasch einig, liegt darin, ob Felix Magath seine Spieler auf einer persönlichen Ebene erreicht. “Die Kicker sollten dabei selbst die Frage stellen, wie sie von dem Input ihres neuen Trainers persönlich profitieren können,” sagt Kathrin Seufert im Sportradio. Und Prof. Dr. René Paasch ergänzt bei Sky: “Wenn es Magath gelingt, dass die Spieler mit ihm oder mit dem Staff offen über ihre über Gefühle, insbesondere ihre Sorgen, sprechen, sich die Spieler verstanden fühlen, werden sich zwangsläufig kleine Erfolge ergeben. Der Zauber steckt im Zwischenmenschlichen.”

Und was ist mit den Vorurteilen, die die Personalie Magath umranken? In den Medien wird er als “Quälix” stilisiert und seine früheren Trainingsmethoden auf Bergsprints mit Medizinbällen reduziert. Mit einer Beurteilung halten sich beide Sportpsychologen zurück, weil sie dafür viel zu weit weg vom Innenleben der Berliner Hertha seien. Aber sowohl Kathrin Seufert (“Felix Magath wird nicht in der Steinzeit zurückgeblieben sein”) als auch Prof. Dr. René Paasch (“In den ersten Interviews spricht er anders als vor zehn Jahren und er weiß, dass er Menschen bewegen muss.”) trauen dem neuen Hertha-Trainer Felix Magath zu, am Ende der Saison als Retter gefeiert werden zu können.

Mehr zum Thema:

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Sebastian Ayernschmalz: Leistungssport und Schule

Wie kann ich als Sportler:in meinen Alltag gestalten, um mir damit eine optimale Arbeitsumgebung einzurichten?

Interessiert?

Sebastian Ayernschmalz
Sebastian Ayernschmalz

Zielgruppe

Sportler, Trainer, Eltern, Lehrer

Veranstaltungsart:

Vortrag oder Workshop

Anfrage versenden:

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    Daniel Winnewisser: Umgang mit Stress im Sport

    Was ist Stress? Wie kann ich mit Stress umgehen? Grundlegendes Verständnis von Ursachen und Auswirkung sichern, individuelle Stressoren erkennen und einfache Lösungsmöglichkeiten entwickeln.

    Interessiert?

    Daniel Winnewisser
    Daniel Winnewisser

    Zielgruppe

    Sportler, Trainer

    Veranstaltungsart:

    Vortrag oder Workshop

    Anfrage versenden:

      Zur Profilseite:

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      Frage und Antwort: Willenskraft als begrenzender Faktor im Triathlon?

      Ausdauersportarten sind zehrend und unheimlich fordernd. Nicht nur körperlich, sondern auch mental. Schon allein deshalb, weil Triathleten und Triathletinnen während der Trainings und der Rennen ziemlich viel Zeit haben, sich mit sich zu beschäftigen. 

      Zum Thema: Volition im Ausdauersport

      Besitze ich weniger Willenskraft beziehungsweise ist diese schneller erschöpft, wenn ich davon ausgehe, dass diese mentale Ressource begrenzt ist? Diese konkrete Frage hat uns über die Rubrik “Du fragst, wir antworten” erreicht. Mit Christian Hoverath aus Wesel (zum Profil) und Prof. Dr. Oliver Stoll aus Leipzig (zum Profil) haben sich zwei unserer Ausdauersportexperten der spannenden Fragestellung angenommen. 

      Prof. Dr. Oliver Stoll

      Antwort von: Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil)

      Das ist eine gute Frage, aber ich würde mal sagen: Keine Sorge. Bei dem Konzept der Volition – also dem Willen – handelt es sich eher um eine Fähigkeit, die dem großen Bereich der Motivationsregulation zugeordnet wird und nicht den kognitiven Fähigkeiten im engeren Sinn. Diese sind in der Tat – unter starker Belastung – limitiert. Die mit der Motivationsregulation verbundenen kognitiven Fähigkeiten beschränken sich auf den sogenannten “inneren Dialog” und ggf. auch die Arbeit mit “inneren Bildern”. Diese Fähigkeit laufen zum Teil auch automatisiert ab. Dies benötigt dann auch relativ wenig kognitive Ressourcen. Wenn Sie sich jedoch komplett erschöpfen oder verausgaben, dann wird es aber auch mit diesen Fähigkeiten schwierig.

      Christian Hoverath

      Antwort von: Christian Hoverath (zum Profil)

      Wie Oliver schon angesprochen hat, bezeichnen wir in der Psychologie Willenskraft auch als Volition. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Ziele durch die bewusste, willentliche und zielgerichtete Steuerung von Gedanken, Emotionen, Motiven und Handlungen zu erreichen. Mitunter stellen Ziele eine enorme Herausforderung dar. Insbesondere, wenn wir mit Gewohnheiten brechen wollen, erfordert dies Willenskraft und Disziplin. Diese Ziele können wiederum sehr nützlich sein, wenn wir die Komfortzone verlassen wollen 

      Nun aber hin zur Frage: Es gibt Studien, die einen Zusammenhang von Willenskraft und Tageszeit zeigen wollen. Demnach würde Willenskraft im Tagesverlauf und durch Stress, Ärger und fehlende Pausen nachlassen. Genau da könnte ja nun die Frage herkommen. „Wenn Willenskraft doch nachlässt, ist sie erschöpfend?“ 

      Volition lässt sich Volition lässt sich trainieren

      Sozialpsychologisch kennen wir die Ego-Depletion, nach der Selbstkontrolle eine begrenzte Ressource ist und wir nicht mehr in der Lage sind, uns zusammenzureißen, wenn eben diese Ressource aufgebraucht ist. Auf der anderen Seite finden sich jedoch auch Untersuchungen, die in Willenskraft keine endliche Ressource sehen, sondern vielmehr Selbstkontrolle als Resultat von harter Arbeit und Konzentration bewerten. Ob wir nun die Ego-Depletion heranziehen oder die Befunde von Francis & Inzlicht (2016), beides lässt einen Schluss zu: Volition lässt sich trainieren und beeinflussen.

      Wir sollten uns schon im Vorfeld erarbeiten, wie wir mit Herausforderungen im Rennverlauf umgehen können. Dazu eignet sich beispielsweise mentales Training, um schwierige Rennsituationen durchzuspielen oder das Bereitlegen von positiven Selbstgesprächen, mit denen ich dann Einfluss auf meine Selbstkontrolle nehmen kann. So habe ich dann schon eine Idee, wie ich reagiere, wenn ich den Anschluss an die Gruppe eigentlich nicht mehr halten möchte oder der Moment im Marathon näher rückt, in dem ich einfach nur noch gehen will. 

      Zielführende Fragestellungen

      Auch aus Trainingssituationen lassen sich Antworten generieren und ableiten. Wir kennen doch alle diese Momente bei langen Radfahrten, in denen ich keinen Druck mehr aufs Pedal bekomme. Und dennoch bin ich gut nach Hause gekommen. Meistens ist dieses Gefühl sogar nach einigen Kilometern (die zwar endlos erscheinen, aber dann doch gut abzuzählen waren) verschwunden. Abzuleitende Fragestellungen lauten also: Wie habe ich diese Situation überwunden? Und was kann ich davon in andere Trainingseinheiten oder ins Rennen mitnehmen?

      Wir können als Ausdauersportler lernen, mit Rückschlägen umzugehen, sie in ein realistisches Bild zu rücken. Wir können lernen, mit Schmerzen umzugehen und daraus einen Nutzen ziehen. Wir können über verschiedene Techniken zur Steigerung der Selbstwirksamkeit erfahren, dass wir auch diese schwierigen Momente in Training und Rennen überwinden können. Unabhängig von jeglicher Theorie, die wir uns zugrunde legen, sind das doch gute Nachrichten, oder?

      Deine Frage?

      Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.

        Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.

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        Umgang mit dem Krieg – Tipps für Profis, Amateure und TrainerInnen

        Eines steht fest: Der Krieg in der Ukraine sowie die mittelbaren und unmittelbaren Folgen lassen niemanden kalt. Aber wie sollte im Sport damit umgegangen werden. Ganz egal, auf welchem Level? Wir haben unsere ExpertInnen im Netzwerk gefragt.

        Zum Thema: Umgang mit dem Krieg in der Ukraine im Sport

        Unter welchen Umständen ratet ihr euren Sportlern und Sportlerinnen, sich in diesen Tagen zum Krieg in der Ukraine über die eigenen Social Media-Kanäle zu äußern? Habt ihr Tipps und Hinweise, die ihr euren Klienten mit auf dem Weg gebt?

        Antwort von: Dr. Rita Regös (zum Profil)

        Da Sport völkerverbindend ist und ein sehr schönes Beispiel für ein Zusammensein ohne Unterscheidung oder Ausgrenzung von Nationalitäten, versuchen wir, diese verbindende und friedliche Botschaft in die Welt hinauszutragen. Gerade der Leistungssport zeigt, dass es nicht um Nationalität geht, sondern um ehrlichen Wettstreit. Und Sportler leben diesen fairen friedlichen Geist.

        Antwort von: Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)

        Wir dürfen nicht ganz vergessen, dass auch der Sport aus kriegerischen Handlungen hervorgegangen ist. Er hat den Krieg ein Stück weit zivilisiert. Soll heißen: Der Sport ermöglicht das Kräftemessen von Nationen, Gruppen oder einzelnen Menschen ohne Schaden oder den Tod von Menschen. Auch wenn der Leistungssport heute andere negative Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen hat, bringt er den friedvolleren Wettstreit um die beste Leistung in die Welt. Und er geht weit darüber hinaus, er ist identitätsstiftend, völkerverbindend und Beziehungen stiftend.

        Der Sport ist sicherlich ein eigenes System, doch eng mit Wirtschaft und Politik verbunden. Somit hat der Sport auch eine politische Aufgabe. Und in diesem Kontext können sich Sportler äußern, im Sinne der friedvollen Völkerverständigung und den Werten des Sportes.

        SKY-Auftritt zum Thema Krieg in der Ukraine von Prof. Dr. René Paasch am Freitag, 11.03.2022 (Quelle: Sky)

        Der Krieg in der Ukraine bewegt uns alle. Woran können AthletInnen feststellen, dass Sie ihren Fokus verlieren? Inwieweit ist das in dieser Phase in Ordnung und wie lässt mit sportpsychologischer Sicht dagegen anarbeiten? 

        Antwort von: Dr. Rita Regös (zum Profil)

        Wir versuchen auf jedes Thema, das Athleten bewegt, einzugehen – soweit es gewünscht wird oder der Trainer/Sportpsychologe die Ablenkung als störend realisiert. Je nachdem wie intensiv sich Athleten damit beschäftigen, gibt es die Möglichkeit des Angebots zum Gruppengespräch, die thematisch strukturierte Aufarbeitung bei intensiver Beschäftigung mit dem Ereignis und bei individuell unterschiedlicher Wahrnehmung (Sorgen, Wut, Unverständnis), die Form des Einzelgesprächs. In allen drei Fällen führen die Athleten die Regie. Ob sie das Thema ansprechen, aufgearbeitet oder individuell besprechen möchten, entscheiden sie.

        Antwort von: Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)

        Als Sportler sind wir nicht isoliert, sondern Teil des Gesamtsystems. Je nach Betroffenheit bewegen uns ständig Themen, die geeignet sind, den Fokus zu verlieren. Insbesondere wenn Sie die schönste Nebensache der Welt, den Sport, in den Hintergrund treten lassen. Für den Sportler, der sehr eng über Freunde, Verwandte betroffen ist, kann es sinnvoll sein, den Sport auch einmal Sport sein zu lassen und seinen Emotionen Raum zu geben und die Gefühle in den Vordergrund zu stellen. Dazu bieten sich verschiedene Settings an, vom Einzel- über das Gruppencoaching bis hin zur Therapie. Verschiedene Methoden lassen sich hier hilfreich anwenden. 

        Ein dagegen Anarbeiten verbietet sich aus meiner Sicht. Der Athlet entscheidet jedoch über den Weg, der gegangen werden soll.

        Trainer und Trainerinnen von Nachwuchssportlerinnen, ganz egal ob im Leistungs- oder Breitensport, wissen, dass das Thema Krieg auch in den Kabinen und rund um die Trainings und Wettkämpfe eine Rolle spielt. Welchen Raum sollten die Trainerinnen der Thematik geben?

        Antwort von: Dr. Rita Regös (zum Profil)

        Abhängig von der Intensität, kurz ansprechen oder ausführlicher auf das Thema eingehen. Das wichtigste ist, das Thema aus dem Trainingsprozess raushalten, also die Trennung zwischen Weltgeschehen und Training zu betonen. Sollten sich Athleten intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, kann man vor oder nach dem Training eine Besprechung ansetzen. Trainer können ebenso die Athleten fragen, ob sie das möchten. Wenn ja, einen Zeitraum außerhalb des Trainingsprozesses definieren und zeitlich begrenzen. Wenn nicht, dann nichts erzwingen und vor allem eigene Ängste und Sorgen auf die Sportler nicht übertragen.

        Antwort von: Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)

        Da der Sport auch gesellschaftspolitische Funktion hat und dies auch Teil des pädagogischen Bildungsauftrags ist, sollte dieses Thema gerade im Nachwuchsbereich durchaus proaktiv thematisiert werden. Dafür darf auch mal eine Trainingseinheit ausfallen. Ansonsten ist der Sport oftmals jedoch auch guter Ausgleich zu diesen schweren Themen und bietet die Möglichkeit, von diesen belastenden Themen mal frei zu werden.

        Das Team um den/die Athleten braucht eine gute WahrnehmDas Team um den/die Athleten braucht eine gute Sensibilität um wahrzunehmen, inwieweit und in welcher Intensität dies ein Thema für den Athleten und das Team darstellt, um dann den Freiraum zu ermöglichen ohne ihn ausufern zu lassen, dem Raum auch Grenzen zu geben. Ohne das eine negative Abwärtsspirale entsteht, die alles in einem einzigen Weltschmerz versinken läßt. Hierzu ist die Einbeziehung von Sportpsychologen sehr sinnvoll. 

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        Prof. Dr. René Paasch: Gesundheit beginnt in Ihrem Kopf

        Das Gehirn enthält etwa 90 Milliarden Nervenzellen und ist die Denk- und Gefühlszentrale unseres Körpers: Das ist mit Abstand das spannendste und auch komplexeste Organ des menschlichen Körpers. Es steuert nahezu alle lebenswichtigen Körperfunktionen, verarbeitet Sinneseindrücke, ermöglicht das Denken und viele weitere Abläufe im Körper. Dennoch kann fast jeder etwas dazu sagen, wie es sich anfühlt, wenn dieses großartige System mental erschöpft ist. Dieses Phänomen ist sogar so weit verbreitet, dass sich Forscher dafür einen eigenen Begriff ausgedacht haben: „Ego Depletion“ (Baumeister et al. 1998). Im Deutschen bedeutet dies „Selbsterschöpfung“. Die Ressourcenerschöpfung hat ihren Namen verdient, weil in einer solchen Situation alle mentalen Energiereserven bis zur völligen Erschöpfung aufgebraucht sind. In einem solchen Zustand ist man nicht mehr in der Lage, konstruktiv voranzugehen. Im Zustand mentaler Erschöpfung können wir uns kaum noch aufraffen und stoßen sehr häufig an unsere Grenzen. Im folgenden Blogbeitrag gehe ich auf die Ursachen Ihrer mentalen Gesundheit ein und liefere dazu ein paar wirksame Herangehensweisen.  

        Zum Thema: Wie Sie Ihre mentalen Akkus wieder aufladen können 

        Schauen wir uns dazu das Frontalhirn näher an (Förstl, 2002): Dort sitzt unser  aktives Arbeitsgedächtnis. Um zu tun, was es am besten kann, sucht es stetig nach Lösungen für komplexe Aufgaben. Zu diesem Zweck hat es über ein weit verzweigtes Nervensystem direkten Zugriff auf alle möglichen Hirnregionen. Dazu gehört auch der Hippocampus, eine etwas weiter hinten im Hirn gelegene Struktur, deren gebogene Form an ein Seepferdchen erinnert. Diese Hirnregion ist zwar gerade einmal so groß wie ein menschlicher Daumen, dennoch unfassbar wichtig für uns Menschen. Der Hippocampus ist nämlich der Hüter unserer Erinnerungen (Dingmann, 2020). Von der frühesten Kindheit bis ins hohe Alter brennt sich jedes Erlebnis, jede Gefühlsregung und jede Unterhaltung detailgetreu in dessen Windungen ein. Dem Frontalhirn wird jede Menge mentales Futter für rationales Denken geliefert. Das Problem dabei ist die begrenzte Kapazität des Hippocampus. Innerhalb weniger Stunden gerät er an sein Limit und kann keine neuen Daten mehr speichern. Sobald der hippokampale Speicher voll ist, kann auch das Frontalhirn keine nennenswerten Denkleistungen mehr vollbringen. Was kann helfen? 

        Im Tiefschlaf regeneriert sich der Hippocampus. Er entleert sich und schafft neue Kapazitäten. Das funktioniert in etwa so wie bei einem Handyspeicher, deren Videos und Bilder von der Speicherkarte auf eine externe Festplatte geladen werden. Im Fall des menschlichen Gehirns heißt diese Festplatte Neocortex und sie verfügt über riesige Mengen an Speicherplatz. Natürlich benötigen auch diese Daten Platz und im Laufe eines ereignisreichen Lebens kann es im hippokampalen Zwischenspeicher schon mal eng werden. Doch zum Glück hat sich die Natur auch dafür etwas Geniales einfallen lassen und den Hippocampus mit der Fähigkeit zu lebenslangem Wachstum ausgestattet. So kann der Hippocampus bis zu ihrem letzten Atemzug neue Nervenzellen bilden. Auf die Art entsteht theoretisch immer neuer Platz für neue Erfahrungen und Erkenntnisse. Dieses Wunder der ständigen Erneuerung heißt in der Fachsprache Neurogenese (Moreno-Jiménenz et al., 2019). Was Sie tun können, damit Ihr Gehirn wieder neue Nervenzellen bildet, erfahren Sie im nächsten Abschnitt. 

        Anregungen für ein leistungsfähiges Frontalhirn

        Kommen wir nun zu den Maßnahmen, die Sie noch ergreifen können, um Ihre komplexestes Organ zu pflegen. Fische und Meeresfrüchte standen in unserer vergangenen Geschichte regelmäßig auf dem Speiseplan. Diese Leckerbissen enthielten jede Menge wertvoller Omega-3-Fettsäuren, die das Hirnwachstum ankurbeln. Dank dieser Ernährungsumstellung entwickelten unsere Vorfahren in dieser Zeit deutlich größere Gehirne und potente Frontalhirn-Akkus. In geringen Mengen stecken die Omega-3-Fettsäuren zwar auch in Leinöl oder Walnüssen, aber in dieser Form sind sie für unseren Organismus nur sehr schwer verwertbar. Optimal wären daher täglich etwa hundertfünfzig Gramm fetter Seefisch. Doch genau da liegt das Problem: Wegen starker Überfischung der Weltmeere gehen unsere Fischbestände langsam aber sicher zur Neige. Außerdem sind die meisten Fischereiprodukte ohnehin so schadstoffbelastet, dass sie aus gesundheitlicher Sicht kaum zu empfehlen sind. Glücklicherweise gibt es eine vielversprechende Alternative namens Algenöl. Setzen Sie auf Algenöl als unverzichtbares Grundnahrungsmittel und versorgen Sie Ihr Hirn so mit den dringend benötigten aquatischen Fettsäuren. Meiden Sie außerdem unnötige Giftstoffe, indem Sie Alkohol und Co. reduzieren und beim Einkaufen auf pestizidfreie Bioqualität achten. Darüber hinaus sollten Sie Ihren Blutzuckerspiegel auf einem konstant niedrigen Niveau halten, indem Sie nur wenig Süßes essen und am besten ein paar Stunden vor dem Schlafengehen ganz auf Nahrung verzichten. Eine ausgedehnte Nachtruhe – wir sprechen hier von mindestens acht bis neun Stunden – ist unbedingt empfehlenswert. Im Schlaf wird nämlich das Stresshormon Cortisol heruntergeregelt. Wie bereits erwähnt, hemmt Cortisol die Neurogenese – vermutlich, weil der Organismus in gefährlichen Situationen Energie sparen will und deshalb den Überlebenskampf über das Hirnwachstum stellt. 

        Auch Bewegung hilft beim Stressabbau und ist neben gesunder Ernährung und ausreichend Schlaf ein weiteres Kernelement für die Gesunderhaltung Ihres Gehirns. Schon ein zügiger Spaziergang oder lockeres Joggen reichen aus. Dabei wird eine ganze Armada an Hormonen und Botenstoffen freigesetzt, die die hippokampale Neurogenese anregen: darunter Serotonin, Dopamin, Zytokin, Irisin und das sogenannte Wachstumshormon HGH. Durch Sport kommen Sie in den Genuss eines perfekt dosierten körpereigenen Hormoncocktails, der Ihr Hirn wachsen lässt. Und noch ein weiteres Hormon spielt für das Wachstum neuer Hirnzellen eine besondere Rolle: Oxytocin, das bei Körperkontakt freigesetzt wird. Doch nicht nur Berührungen, sondern jede als angenehm empfundene soziale Interaktion erhöht nachweislich den Oxytocin-Spiegel im Blut. Ein gesundes Leben bedeutet deshalb auch, Zeit in Freundschaften und Familie zu investieren. 

        Fazit

        Mit den oben genannten Anregungen sollten Sie Ihre Akkus wieder aufladen können. Ab in den nächsten Biomarkt und eine Flasche leckeres Algenöl kaufen, sich regelmäßig bewegen, entspannen und kuscheln mit Ihren Liebsten.  

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        Literatur 

        Baumeister, R.F., Bratslavsky, E., Muraven, M., & Tice, D.M. (1998). Ego depletion: Is the active self a limited resource? Journal of Personality and Social Psychology, 74, 1252-1265. (Stangl, 2022).

        Verwendete Literatur
        Stangl, W. (2022, 9. März). Ego-Depletion . Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
        https://lexikon.stangl.eu/6506/ego-depletion-theori.

        Förstl, H. (2002): Frontalhirn: Funktionen und Erkrankungen Gebundene Ausgabe – 7.

        Dingmann, M. (2020) Das Gehirn: Neueste Erkenntnisse der Neurowissenschaften über unser wichtigstes Organ und seine Macken

        Eriksen, K. et. al (2013): Physical activity and brain plasticity in late adulthood Studie lesen: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3622473/

        Kauhanen J. (2016): European journal of clinical nutrition. Association between serum long-chain omega-3 polyunsaturated fatty acids and cognitive performance in elderly men and women: The Kuopio Ischaemic Heart Disease Risk Factor Study.  

        Moreno Jiménenz et al. (2019): Adult hippocampal neurogenesis is abundant in neurologically healthy subjects and drops sharply in patients with Alzheimer’s disease

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