Frage und Antwort: Willenskraft als begrenzender Faktor im Triathlon?

Ausdauersportarten sind zehrend und unheimlich fordernd. Nicht nur körperlich, sondern auch mental. Schon allein deshalb, weil Triathleten und Triathletinnen während der Trainings und der Rennen ziemlich viel Zeit haben, sich mit sich zu beschäftigen. 

Zum Thema: Volition im Ausdauersport

Besitze ich weniger Willenskraft beziehungsweise ist diese schneller erschöpft, wenn ich davon ausgehe, dass diese mentale Ressource begrenzt ist? Diese konkrete Frage hat uns über die Rubrik “Du fragst, wir antworten” erreicht. Mit Christian Hoverath aus Wesel (zum Profil) und Prof. Dr. Oliver Stoll aus Leipzig (zum Profil) haben sich zwei unserer Ausdauersportexperten der spannenden Fragestellung angenommen. 

Prof. Dr. Oliver Stoll

Antwort von: Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil)

Das ist eine gute Frage, aber ich würde mal sagen: Keine Sorge. Bei dem Konzept der Volition – also dem Willen – handelt es sich eher um eine Fähigkeit, die dem großen Bereich der Motivationsregulation zugeordnet wird und nicht den kognitiven Fähigkeiten im engeren Sinn. Diese sind in der Tat – unter starker Belastung – limitiert. Die mit der Motivationsregulation verbundenen kognitiven Fähigkeiten beschränken sich auf den sogenannten “inneren Dialog” und ggf. auch die Arbeit mit “inneren Bildern”. Diese Fähigkeit laufen zum Teil auch automatisiert ab. Dies benötigt dann auch relativ wenig kognitive Ressourcen. Wenn Sie sich jedoch komplett erschöpfen oder verausgaben, dann wird es aber auch mit diesen Fähigkeiten schwierig.

Christian Hoverath

Antwort von: Christian Hoverath (zum Profil)

Wie Oliver schon angesprochen hat, bezeichnen wir in der Psychologie Willenskraft auch als Volition. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Ziele durch die bewusste, willentliche und zielgerichtete Steuerung von Gedanken, Emotionen, Motiven und Handlungen zu erreichen. Mitunter stellen Ziele eine enorme Herausforderung dar. Insbesondere, wenn wir mit Gewohnheiten brechen wollen, erfordert dies Willenskraft und Disziplin. Diese Ziele können wiederum sehr nützlich sein, wenn wir die Komfortzone verlassen wollen 

Nun aber hin zur Frage: Es gibt Studien, die einen Zusammenhang von Willenskraft und Tageszeit zeigen wollen. Demnach würde Willenskraft im Tagesverlauf und durch Stress, Ärger und fehlende Pausen nachlassen. Genau da könnte ja nun die Frage herkommen. „Wenn Willenskraft doch nachlässt, ist sie erschöpfend?“ 

Volition lässt sich Volition lässt sich trainieren

Sozialpsychologisch kennen wir die Ego-Depletion, nach der Selbstkontrolle eine begrenzte Ressource ist und wir nicht mehr in der Lage sind, uns zusammenzureißen, wenn eben diese Ressource aufgebraucht ist. Auf der anderen Seite finden sich jedoch auch Untersuchungen, die in Willenskraft keine endliche Ressource sehen, sondern vielmehr Selbstkontrolle als Resultat von harter Arbeit und Konzentration bewerten. Ob wir nun die Ego-Depletion heranziehen oder die Befunde von Francis & Inzlicht (2016), beides lässt einen Schluss zu: Volition lässt sich trainieren und beeinflussen.

Wir sollten uns schon im Vorfeld erarbeiten, wie wir mit Herausforderungen im Rennverlauf umgehen können. Dazu eignet sich beispielsweise mentales Training, um schwierige Rennsituationen durchzuspielen oder das Bereitlegen von positiven Selbstgesprächen, mit denen ich dann Einfluss auf meine Selbstkontrolle nehmen kann. So habe ich dann schon eine Idee, wie ich reagiere, wenn ich den Anschluss an die Gruppe eigentlich nicht mehr halten möchte oder der Moment im Marathon näher rückt, in dem ich einfach nur noch gehen will. 

Zielführende Fragestellungen

Auch aus Trainingssituationen lassen sich Antworten generieren und ableiten. Wir kennen doch alle diese Momente bei langen Radfahrten, in denen ich keinen Druck mehr aufs Pedal bekomme. Und dennoch bin ich gut nach Hause gekommen. Meistens ist dieses Gefühl sogar nach einigen Kilometern (die zwar endlos erscheinen, aber dann doch gut abzuzählen waren) verschwunden. Abzuleitende Fragestellungen lauten also: Wie habe ich diese Situation überwunden? Und was kann ich davon in andere Trainingseinheiten oder ins Rennen mitnehmen?

Wir können als Ausdauersportler lernen, mit Rückschlägen umzugehen, sie in ein realistisches Bild zu rücken. Wir können lernen, mit Schmerzen umzugehen und daraus einen Nutzen ziehen. Wir können über verschiedene Techniken zur Steigerung der Selbstwirksamkeit erfahren, dass wir auch diese schwierigen Momente in Training und Rennen überwinden können. Unabhängig von jeglicher Theorie, die wir uns zugrunde legen, sind das doch gute Nachrichten, oder?

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    Mathias Liebing
    Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing

    Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist

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