Thorsten Loch: Richtiges Handeln in der Krise

Bei seiner ersten Station als Cheftrainer steht Torsten Frings vor einer Mammutaufgabe. Gerade einmal acht Punkte hat der SV Darmstadt 98 in den bisherigen 16 Bundesliga-Spielen gesammelt und gilt als sicherer Abstiegskandidat. Neu-Trainer Frings setzt nun auf Mittel, die vielen Teams in Krisenphasen helfen können.

Zum Thema: Die Krise als Chance verstehen

Nicht immer läuft es im Sport so, geschweige denn im alltäglichen Leben, wie wir es uns vorstellen. Die Auswahl und Verschiedenartigkeit von Krisen sind so unterschiedlich, wie der Farbenreichtum der Malkästen meiner Kinder. Von finanziellen Engpässen des Vereins, Verletzungsmiseren oder aber wie im vorliegenden Beispiel die Negativserie. Welcher Natur auch immer die Krise ist, wichtig ist, dass ich sie nicht als ein Hindernis verstehe, sondern dass diese auch Chancen bietet. Lange rede kurzer Sinn: Eine Krise macht die Notwendigkeit bewusst, etwas zu ändern, weil so es wie bisher ist, nicht mehr weitergeht. Da der Trainerwechsel zwar eine der populärsten Methoden im Leistungssport ist, jedoch Nachhaltigkeit vermissen lässt, soll dieser Beitrag zum Anlass nehmen, weitere Möglichkeiten vorzustellen. Vorne weg: Das Schlechteste was man tun kann, ist, vor der Krise die Augen zu verschließen und auf Besserung zu hoffen. Ebenso wenig hilft blinder Aktionismus. Es stellt sich somit die Fragen, an welchen Stellen die Krise ihren Ursprung hat bzw. wo diese wirken?

Früher oder später verlieren alle einmal. Das größte Problem ist jedoch, dass jede Niederlage einen Angriff auf unser Selbstwertgefühl bedeutet. Die Tatsache, dass wir die Leistungen im Sport an den Ergebnissen bemessen, verführt uns dahingehend zu glauben, den Resultaten mehr Beachtung zu geben und irgendwann überzubewerten. Wenn der Erfolg da ist, liegen sich alle Beteiligten in den Armen und es ist wunderbar und fühlt sich gut an. Diese Prämisse führt unabwendbar dazu, dass bei Misserfolg sich Selbstzweifel einstellen. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit mit einem schlechten Gefühl in das nächste Spiel zu gehen, womit die Gefahr, erneut zu verlieren, größer wird. Im ungünstigsten Fall entsteht somit eine negative Spirale. Problematisch an einer Negativserie ist vor allem, dass mit jedem Spiel der Druck auf die kommenden Aufgaben wächst, diese müsse jetzt unbedingt den gewünschten Erfolg bringen. Dadurch werden die Beteiligten immer verkrampfter, was ihre Erfolgsaussichten deutlich beeinträchtigen.

Maßnahmenplan

Aus den zuvor geschilderten Gründen ist wichtig, dass die Spieler die Fähigkeit entwickeln, mit einer Niederlage angemessen umzugehen. Für viele ist dies ein Problem. Sie haben nie gelernt, eine Niederlage adäquat zu verarbeiten. Der Ärger ist so immens, dass diese es nicht schaffen, bis zum nächsten Match wieder eine positive Einstellung zu gewinnen. Ein anderes Muster ist, dass alles unternommen wird, um beim nächsten Mal alles besser zu machen, nach dem Motto „Viel hilft viel!“. Dass dies ein übertriebenes Vorhaben ist und deshalb zwangsläufig zum Scheitern führt, ist nachzuvollziehen. Andere nehmen Niederlagen auf die leichte Schulter und lernen nicht aus ihren Fehlern. Sie sehen, es gilt das richtige Maß zu finden. Lothar Linz (2004) empfiehlt u.a. folgende Reaktionen auf Misserfolge:

  • Das richtige Maß an Ärger finden
  • Handlungsfähigkeit wiederherstellen (über einfaches und handlungsbezogenes Coaching)
  • Praktische Konsequenzen aus der Niederlage ziehen
  • Als Vorbild wirken
  • Positives Coaching (z.B. Zuversicht, Angriffslust, …)
  • Positive Bilder schaffen (an frühere Erfolge erinnern, andere Vorbilder aus dem Sport wachrufen, die gemeinsame Vision beschreiben,…)

Glauben an die eigenen Fähigkeiten

Das primäre Ziel für Trainer Frings beim SV Darmstadt 98 sollte zunächst darauf abzielen, den Glauben an die eigenen Fähigkeiten seiner Schützlinge wiederherzustellen. Den Glauben an die eigenen Fähigkeiten (Stichwort: Selbstwirksamkeitsüberzeugung und Trainingsmöglichkeiten, siehe den Beitrag vom Kollegen Dr. Paasch) bedeutet, dass die Spieler wieder die Überzeugung erlangen, für die schwere Aufgabe auch die nötigen Mittel/Ressourcen zur Verfügung zu haben, das Ziel Klassenerhalt zu schaffen. Dies hat zur Folge, dass die Spieler wieder handlungsfähig werden. Somit wird aus der momentanen Bedrohung (Abstiegsplatz) plötzlich eine Herausforderung (mind. Platz 16), die es zu erreichen gilt. Dessen ist sich der Trainer bereits bewusst, wie er in seinem ersten Interview berichtet:

„Ich habe selbst erlebt, wie eklig es als Auswärtsmannschaft hier in Darmstadt sein kann. Hier ackert jeder für den anderen. Einsatz, Wille, Leidenschaft – zu diesen Tugenden müssen wir wieder zurück finden. Jeder soll sein Herz in die Mannschaft schmeißen.“ Torsten Frings

Dr. René Paasch: Selbstwirksamkeit im Fußball

„Du musst kämpfen, es ist noch nichts verloren“

Um diese Stärken sich wieder bewusst zu werden, eignen sich Maßnahmen, wie in dem Schwerpunkt HSV und die Abstiegsangst (Link zum Schwerpunkt). Unterstützt werden sollten diese Interventionen durch positive Bilder. Diese sollen Emotionen bei den Spielern wecken, um das schier Unmögliche möglich zu machen. Dass dies bereits in Darmstadt funktioniert hat, zeigt die Vergangenheit. Der Spruch von dem vergangenen Jahr leider verstorbenen Fan Jonny Heimes („Du musst kämpfen, es ist noch nichts verloren“) bringt es auf den Punkt. Verewigt auf einem Armband war dies ein Zeichen für eine Gemeinschaft, in welcher jeder für jeden alles gibt, egal was passiert. Der Spielertyp Frings verkörpert diese Eigenschaft in seiner Karriere par excellence. Niemals aufgeben und kämpfen bis zum Schluss prägten seinen Spielstil und brachten so manchen Gegner zur Verzweiflung. Letztlich stellt sich die Frage, weshalb es dennoch nicht immer der Trainer gelingt ihre abstiegsbedrohten Teams aus den stürmischen Gewässern in seichtere See zu manövrieren?

Wie ist der HSV noch zu retten?

Eine mögliche Antwort liefert die aus unterschiedlichen Disziplinen/Fachrichtungen bekannte Resilienz-Theorie (Nitsch, 1981). Resilienz oder psychische Widerstandskraft ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch den Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklung zu nutzen. Resiliente Personen haben gelernt, dass sie es sind, die über ihr eigenes Schicksal bestimmen (vgl. Krohne Kontrollüberzeugung). Glück oder Zufall sind dieser Personengruppe instabile Faktoren, lieber nehmen diese es selbst in die Hand. Sie ergreifen Möglichkeiten, wenn sie sich bieten und haben ein realistisches Bild von ihren Fähigkeiten (siehe Zitate Frings). Wesentliche Faktoren, die Resilienz beeinflussen, sind personale Faktoren, Umwelteinflüsse und Prozessfaktoren. Zu den Umweltfaktoren gehören u.a. die Unterstützung die Gemeinschaft.

„Fast niemand glaubt mehr dran. Aber die 30 Leute hier – die Mannschaft und ich, die Geschäftsstelle – wir sind zu 100 Prozent überzeugt.“ Torsten Frings

Emotionen und Handlungen kontrollieren

Zu den personalen Faktoren gehören kognitive wie auch emotionale, also z.B. seine Fähigkeit, Emotionen und Handlungen zu kontrollieren, seine Selbstwirksamkeitserwartung, die Toleranz für Ungewissheit, die Fähigkeit, Beziehungen aktiv gestalten zu können oder die mehr oder weniger aktive Einstellung zu Problemen (Problemlösungsorientierung; vergleiche dazu die Empfehlungen von Linz). Zu den Prozessfaktoren gehören u. a. die wahrgenommenen Perspektiven, die Akzeptanz des Unveränderbaren und die Konzentration aller Energien auf das als nächstes zu Bewältigende und die dabei entwickelten Strategien.

Fazit: Es bleibt abzuwarten, ob es dem Trainer Frings gelingt, den Abstieg in die zweite Liga zu vermeiden. Ich persönlich bin jedoch fest davon überzeugt, dass es dem Charakter Frings gelingen wird, seine Mannschaft wieder zu alter Stärke zu führen. Ob dies letztendlich sportlich reicht, steht auf einem anderen Blatt Papier, jedoch werden sie sich nichts vorwerfen lassen müssen, nicht alles getan zu haben so wie es „Jonny“ bis zum Schluss getan hat.

 

Thorsten Loch: Trainer unter Druck

Thorsten Loch: Mit neuem Trainer zum Erfolg zurück?

Thorsten Loch: Abstiegskampf – Wie Angst Leistung beeinträchtigt

Literatur:

Krohne, H. W. (1997). Streß und Stressbewältigung. In: Gesundheitspsychologie: ein Lehrbuch. Hrsg. Schwarzer, R.. 2. Überarbeitete Auflage. Hogrefe Verlag: Göttingen.

Linz, L. (2014). Erfolgreiches Teamcoaching: Ein Team bilden, Ziele definieren, Konflikte lösen. Meyer&Meyer Verlag: Aachen.

Nitsch, J. (1981). Streß: Theorien, Untersuchungen, Maßnahmen. Huber Verlag: Bern.

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