Depression im Sport: Dunkelzone und das Tabu sind im Sport größer

Paul Pogba hat gegenüber der französischen Zeitung “Le Figaro” von Depressionen gesprochen. Im Interview macht er deutlich, wie verbreitet Probleme mit der mentalen Gesundheit bei Profi-Sportlern sind. Der Weg, als aktiver Athlet oder aktive Athletin öffentlich über psychische Probleme zu sprechen, wird zunehmend von Top-Stars wie nun Pogba oder in den vergangenen Monaten von Tennisspielerin Naomi Osaka oder der Turnerin Simone Biles gewählt. Ein Trend, der unter Umständen aus der Musikwelt kommt – denken wir nur an den offensiven Umgang von Stars wie Billie Eilish, Justin Bieber oder Lady Gaga. Aber liegt darin nicht auch eine Gefahr?

Zum Thema: Depressionen im Sport

An welchen Signalen können AthletInnen oder auch TrainerInnen, Eltern oder SportpsychologInnen mit Blick auf ihre Sportler erkennen, dass etwas nicht stimmt? 

Janosch Daul (zum Profil): 

Symptomatisch ergibt sich mit Blick auf die Krankheit Depression ein extrem heterogenes Bild. Fakt ist: Je besser TrainerInnen, Eltern und SportpsychologInnen den Sportler bzw. die Sportlerin kennen und je enger der Austausch ist, umso leichter lassen sich Anzeichen einer depressiven Episode erkennen. Hauptcharakteristika einer solchen sind neben einer gedrückten Stimmung, Freudlosigkeit und einem verminderten Selbstwertgefühl vor allem auch psychomotorische Symptome wie Konzentrationsstörungen, ein Verlust von Antrieb und Aktivität sowie eine motorische Verlangsamung.

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil):  

Auch wenn die als Depression klassifizierte Erkrankung ein manchmal ein Chamäleon sein kann, gibt es doch Auffälligkeiten, die wir als Warnhinweise, vielleicht sogar als rote Flaggen bezeichnen können. Vor allem sollten wir extrem gut hinschauen und hören, aber auch fühlen, wenn sich das Verhalten, die Gewohnheiten, die Stimmung und auch die Gedanken der Athletin ändern. Ein bisher ausgeglichener oder freudvoller Mensch, dessen Stimmung plötzlich düsterer wird, dessen Stimmung gedämpft oder gedrückt wirkt. Wenn meine Interessen nachlassen, ich nicht mehr an den Dingen, die ich bisher getan habe, Freude und Lust empfinde. Wenn ich mich plötzlich vermehrt zurück ziehe, wo ich doch vorher ein geselliger Mensch war oder wo eh schon introvertierte Menschen sich noch mehr abkapseln. Wenn Menschen äußern, dass die nicht mehr so intensiv fühlen, dass ihr Gefühlserleben eingeschränkt ist und dass sie ein “Gefühl der Gefühllosigkeit” verspüren. Wenn sie morgens Probleme haben aus dem Bett zu kommen, was bisher nicht der Fall war. Die Lust am Essen kann reduziert sein, das Training wird nur noch zur Last und die Trainingsleistungen sinken oder schwanken extrem, das schulische und berufliche Leistungsniveau ist beeinträchtigt. Und ganz hellhörig sollten wir sein, wenn Menschen äußern, dass sie des Lebens müde sind.

Zudem liegen Phänomene wie Angststörungen, das “Burn Out”, beim Sportler eher das Übertraining sehr nahe, so dass eine professionelle Begleitung in dieser Phase nicht früh genug beginnen kann.

Was ist dann zu tun, wenn solche Signale auftreten? An wen wendet ihr euch als SportpsychologInnen und wohin können sich Coaches, Eltern oder Freunde wenden? 

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil):    

Zunächst einmal ist es wichtig, hinzuschauen und aufmerksam zu sein. Auf den Athleten zu zugehen und ihn ansprechen, ggf. ein Gespräch anbieten. Frühzeitig mit psychologisch geschulten Personen Kontakt aufzunehmen, kann nur hilfreich sein. Und dann auch durchaus die Auffälligkeiten benennen und Begleitungsangebote anbieten.

Das Thema mentale Gesundheit bekommt durch Aussagen wie von Paul Pogba, Simone Biles, Naomi Osaka oder zahlreichen KünstlerInnen eine zunehmende Präsenz. Entsteht dadurch vielleicht sogar in einem Extremfall die Situation, dass im Breiten- wie im Profisport normale Stimmungsschwankungen problematisiert oder sogar pathologisiert werden? 

Prof. Dr. René Paasch (zum Profil) zum Thema im Sportradio Deutschland:

Prof. Dr. René Paasch zu Depression im Sport, Paul Pogba und mit Tipps für Sportler

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil):   

Es besteht immer die Gefahr zu stigmatisieren, das liegt alleine schon implizit in unserer Systematik der Klassifizierung und der pathologischen Sicht auf dieses Thema, die verlangt, eine Etikett zu vergeben. Darin liegen große Risken und deshalb geht es nicht um pathologisieren, sondern darum zu schauen, wie sich Gesundheit aufrechterhalten läßt.

Und depressive Reaktionen auf negative Lebensereignisse gehören in das Leben eines Menschen, wie auch Anpassungsstörungen an veränderte Lebenssituationen dazu gehören. Doch wir haben gelernt, zu funktionieren und hören einfach manchmal nicht gut auf unsere eigenen Signale und auch auf die Signale, die andere aussenden. Es geht um Sensibilisierung, um Enttabuisierung, denn gerade der Leistungssport ist aufgrund seiner Erwartungshaltungen und seines Druckes, der chronischen Stress produzieren kann, prädestiniert für Störungen der Affekte, der Gefühle. Und mit Sicherheit ist das Auftreten mindestens so häufig wie im Gesamtkollektiv, doch die Dunkelzone und das Tabu sind größer. 

Schwer wiegt in diesem Zusammenhang nicht zuletzt: Die Lösungsmöglichkeiten vieler Menschen liegen zunächst im Konsum von ungesunden Substanzen, um den Druck zu erleichtern oder die Funktionsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Der Sport sollte das Thema ernst nehmen. 

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing

Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist

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