Umgang mit dem Krieg – Tipps für Profis, Amateure und TrainerInnen

Eines steht fest: Der Krieg in der Ukraine sowie die mittelbaren und unmittelbaren Folgen lassen niemanden kalt. Aber wie sollte im Sport damit umgegangen werden. Ganz egal, auf welchem Level? Wir haben unsere ExpertInnen im Netzwerk gefragt.

Zum Thema: Umgang mit dem Krieg in der Ukraine im Sport

Unter welchen Umständen ratet ihr euren Sportlern und Sportlerinnen, sich in diesen Tagen zum Krieg in der Ukraine über die eigenen Social Media-Kanäle zu äußern? Habt ihr Tipps und Hinweise, die ihr euren Klienten mit auf dem Weg gebt?

Antwort von: Dr. Rita Regös (zum Profil)

Da Sport völkerverbindend ist und ein sehr schönes Beispiel für ein Zusammensein ohne Unterscheidung oder Ausgrenzung von Nationalitäten, versuchen wir, diese verbindende und friedliche Botschaft in die Welt hinauszutragen. Gerade der Leistungssport zeigt, dass es nicht um Nationalität geht, sondern um ehrlichen Wettstreit. Und Sportler leben diesen fairen friedlichen Geist.

Antwort von: Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)

Wir dürfen nicht ganz vergessen, dass auch der Sport aus kriegerischen Handlungen hervorgegangen ist. Er hat den Krieg ein Stück weit zivilisiert. Soll heißen: Der Sport ermöglicht das Kräftemessen von Nationen, Gruppen oder einzelnen Menschen ohne Schaden oder den Tod von Menschen. Auch wenn der Leistungssport heute andere negative Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen hat, bringt er den friedvolleren Wettstreit um die beste Leistung in die Welt. Und er geht weit darüber hinaus, er ist identitätsstiftend, völkerverbindend und Beziehungen stiftend.

Der Sport ist sicherlich ein eigenes System, doch eng mit Wirtschaft und Politik verbunden. Somit hat der Sport auch eine politische Aufgabe. Und in diesem Kontext können sich Sportler äußern, im Sinne der friedvollen Völkerverständigung und den Werten des Sportes.

SKY-Auftritt zum Thema Krieg in der Ukraine von Prof. Dr. René Paasch am Freitag, 11.03.2022 (Quelle: Sky)

Der Krieg in der Ukraine bewegt uns alle. Woran können AthletInnen feststellen, dass Sie ihren Fokus verlieren? Inwieweit ist das in dieser Phase in Ordnung und wie lässt mit sportpsychologischer Sicht dagegen anarbeiten? 

Antwort von: Dr. Rita Regös (zum Profil)

Wir versuchen auf jedes Thema, das Athleten bewegt, einzugehen – soweit es gewünscht wird oder der Trainer/Sportpsychologe die Ablenkung als störend realisiert. Je nachdem wie intensiv sich Athleten damit beschäftigen, gibt es die Möglichkeit des Angebots zum Gruppengespräch, die thematisch strukturierte Aufarbeitung bei intensiver Beschäftigung mit dem Ereignis und bei individuell unterschiedlicher Wahrnehmung (Sorgen, Wut, Unverständnis), die Form des Einzelgesprächs. In allen drei Fällen führen die Athleten die Regie. Ob sie das Thema ansprechen, aufgearbeitet oder individuell besprechen möchten, entscheiden sie.

Antwort von: Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)

Als Sportler sind wir nicht isoliert, sondern Teil des Gesamtsystems. Je nach Betroffenheit bewegen uns ständig Themen, die geeignet sind, den Fokus zu verlieren. Insbesondere wenn Sie die schönste Nebensache der Welt, den Sport, in den Hintergrund treten lassen. Für den Sportler, der sehr eng über Freunde, Verwandte betroffen ist, kann es sinnvoll sein, den Sport auch einmal Sport sein zu lassen und seinen Emotionen Raum zu geben und die Gefühle in den Vordergrund zu stellen. Dazu bieten sich verschiedene Settings an, vom Einzel- über das Gruppencoaching bis hin zur Therapie. Verschiedene Methoden lassen sich hier hilfreich anwenden. 

Ein dagegen Anarbeiten verbietet sich aus meiner Sicht. Der Athlet entscheidet jedoch über den Weg, der gegangen werden soll.

Trainer und Trainerinnen von Nachwuchssportlerinnen, ganz egal ob im Leistungs- oder Breitensport, wissen, dass das Thema Krieg auch in den Kabinen und rund um die Trainings und Wettkämpfe eine Rolle spielt. Welchen Raum sollten die Trainerinnen der Thematik geben?

Antwort von: Dr. Rita Regös (zum Profil)

Abhängig von der Intensität, kurz ansprechen oder ausführlicher auf das Thema eingehen. Das wichtigste ist, das Thema aus dem Trainingsprozess raushalten, also die Trennung zwischen Weltgeschehen und Training zu betonen. Sollten sich Athleten intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, kann man vor oder nach dem Training eine Besprechung ansetzen. Trainer können ebenso die Athleten fragen, ob sie das möchten. Wenn ja, einen Zeitraum außerhalb des Trainingsprozesses definieren und zeitlich begrenzen. Wenn nicht, dann nichts erzwingen und vor allem eigene Ängste und Sorgen auf die Sportler nicht übertragen.

Antwort von: Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)

Da der Sport auch gesellschaftspolitische Funktion hat und dies auch Teil des pädagogischen Bildungsauftrags ist, sollte dieses Thema gerade im Nachwuchsbereich durchaus proaktiv thematisiert werden. Dafür darf auch mal eine Trainingseinheit ausfallen. Ansonsten ist der Sport oftmals jedoch auch guter Ausgleich zu diesen schweren Themen und bietet die Möglichkeit, von diesen belastenden Themen mal frei zu werden.

Das Team um den/die Athleten braucht eine gute WahrnehmDas Team um den/die Athleten braucht eine gute Sensibilität um wahrzunehmen, inwieweit und in welcher Intensität dies ein Thema für den Athleten und das Team darstellt, um dann den Freiraum zu ermöglichen ohne ihn ausufern zu lassen, dem Raum auch Grenzen zu geben. Ohne das eine negative Abwärtsspirale entsteht, die alles in einem einzigen Weltschmerz versinken läßt. Hierzu ist die Einbeziehung von Sportpsychologen sehr sinnvoll. 

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing

Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist

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