Start Blog Seite 102

Miriam Kohlhaas: Ich selbst bin die bewegende Kraft – das Selbstexperiment

Vor wenigen Monaten hat es mich erwischt. Von einem Moment auf dem anderen war ich einer Situation, die ich sonst nur von meinen Sportlern kannte. Die Legende um das tragische Zustandekommen meiner Verletzung war schnell gestrickt und amüsiert mich noch heute – lest hier vielleicht noch einmal nach (zum Beitrag: Officer Down – Das Selbstexperiment). Aber ganz ehrlich: Zwischen Krankenbett und Reha war eine ganz schöne Leere und reichlich Dunkelheit. Ich habe mich entschieden, diesen Prozess ganz bewusst wahrzunehmen. Diesen Kampf wollte ich annehmen, um am Ende meine Sportler in Zukunft noch besser verstehen zu können. Also dann, die Reise geht weiter…

Zum Thema: Umgang mit Verletzungen

Mein Gott. Der Tag, an dem ich nach Wochen bei dir, Noel, war, damit du entscheidest, ob ich die Krücken ablegen darf – wie sehr habe ich auf diesen Tag hin gefiebert … endlich wieder laufen!

Oder auch nicht… Die Erlaubnis bekam ich zwar, aber nach all den Wochen mit wenig oder sogar in einer Phase völlig ohne Belastung waren meine Beine überhaupt nicht in der Lage, zu laufen …

Vertrauen dahin

Der Körper, dem man Tag für Tag vertraut hat, dem man gequält hat, der einen Tag für Tag durch alles durchgetragen hatte, dem man versucht hat stärker und stärker zu machen… alles weg!

Wie mag das wohl sein, wenn man wie ihr Leistungssportler seit Jahren täglich alles für den eigenen Körper tut, damit dieser stärker wird. Regelmäßig ins Gym geht, zum Training, gesund isst… und dann ist alles nach einer Verletzung einfach weg. Wie frustrierend und demütigend muss es doch sein, wenn man das Gefühl hat, man beginnt plötzlich ganz von vorne!

Kritik aus dem Umfeld

Und wenn man sich diese Verletzung dann auch noch bei einem semiprofessionellen Sport zugezogen hat, dann erntet man nicht nur Unterstützung. Dann entsteht auch Unverständnis und Druck. „Jetzt fällst du Wochen oder Monate aus, kannst nicht mal arbeiten gehen und das alles nur wegen Football!“ Kennt ihr das nicht alle zu gut? ?

Aber: Eine andere Sache bekommt man dafür umso mehr in seiner Einzigartigkeit zu spüren. Den Rückhalt und die Liebe der Footballfamilie – und plötzlich spürt man neu, wie sehr man wieder zurück möchte!

Mehr zu Miriam Kohlhaas: https://www.die-sportpsychologen.de/miriam-kohlhaas/

Reha als Lichtblick

So kam auch mein Lichtblick – meine ambulante Reha begann und täglich durfte ich mich wieder bewegen. Zu Beginn der Reha fühlte sich mein Körper völlig fremd an – wie fremdgesteuert, als wäre ich selbst nicht die bewegende Kraft.

Ich finde, das größte Geschenk in dieser Zeit ist, dass man zurück in seinen Körper findet – mit der Zeit wurde es immer mehr wieder meiner. Ich hatte alles in der Hand, ich wurde stärker und traute mir mehr und mehr zu. Und ist der Ehrgeiz einmal zurück, will man immer schneller immer weiter. Kennt ihr das?

Dieses Feuer

Worauf warten, was die Ärzte sagen, wenn man doch zurück will in sein altes Leben? Ich hab mich ertappt, dass ich war wie du, Niels, und ich konnte dieses Feuer in mir spüren, welches mich immer weiter voran trieb.

Das Problem dabei ist, dass man gedanklich schon fast oben auf dem Berg der Genesung angelangt ist. Kommen dann allerdings Rückschläge, Stillstand, Schmerz, ist man schnell frustriert und deprimiert. Hier ist es für mich wichtig gewesen, auf meinen Körper zu hören, Geduld und Verständnis für ihn zu entwickeln.

Das kleine Glück

Aber dennoch: Der Tag, ein paar Wochen nach der täglichen Reha, als ich zum ersten Mal für fünf Minuten vier Treppenstufen hinauf und wieder hinunter gegangen bin – ohne mein Bein nachzuziehen – er hat mich getragen auch über Zeiten, in denen Dinge nicht so geklappt haben, wie sie sollten.

Was hat euch getragen? Was waren eure Highlight-Momente?

Transfer für harte Zeiten

Wenn es uns gelingt, dieses Gefühl auch für schwere, andere Zeiten unseres Lebens abrufbar zu machen, haben wir einen Transfer geschaffen, der eine große, neue Ressource in uns stark werden lässt. Ja, da war es wieder – mein Geschenk!

Hatte ich doch durch diese anstrengende Zeit so vieles in mir gefunden, was mich in meinen zukünftigen Leben tragen wird! Liebe und Unterstützung durch so viele tolle Menschen an meiner Seite – ganz besonders meiner so wundervollen Familie. Menschen, die mich gezogen haben, weg vom Selbstmitleid und hin zum Ehrgeiz – das Überwinden von Zweifeln und schweren Zeiten, Stärke, Körpergefühl und eben das Verständnis für die Athleten, mit denen ich in Zukunft an solchen Themen arbeite.

All ihr wundervollen und dennoch gerade verletzten Athleten, was ist euer Geschenk?

Mehr zum Thema:

Views: 602

Dr. Hilko Paulsen: Schiedsrichter brauchen eine Strategie, um mit Fehlern richtig umzugehen

Muss ein guter Schiedsrichter Sportpsychologe sein oder ist ein guter Sportpsychologe auch automatisch ein guter Schiedsrichter? Auf die Eingangsfrage hatte Dr. Hilko Paulsen nach kurzer Überlegung eine klare Antwort. Kein Wunder, schließlich ist er beides: Schiedsrichter und Sportpsychologe.

Zum Interview in voller Länge:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Paulsen, der die beiden Welten Schiedsrichterei und Sportpsychologie kennt, weiß auch um den Nachholbedarf, den es bezüglich des mentalen Rüstzeugs allen voran auf Amateursportebene gibt. Entsprechende Inhalte seien in der Schiedsrichterausbildung maximal rudimentär vertreten. Dabei spiele die Psychologie auch im sportlichen Alltag der Schiedsrichter selbst in den untersten Spielklassen eine gewichtige Rolle. Paulsen will hier ansetzen und versucht sein Wissen und seine Erfahrung zu streuen.

Im Profi-Fußball sei es um die institutionelle Bedeutung der Sportpsychologie schon besser bestellt. Zumal sich im Zuge der Professionalisierung des Schiedsrichterwesens auch in diesem Bereich noch tiefgreifende Verbesserung einstellen werden. Paulsen, der im Rahmen seiner Tätigkeit als Sportpsychologe auch Schiedsrichter betreut (zur Homepage: www.denkverstaerker.de),  ist in jedem Fall überzeugt, dass sein Thema immer mehr an Akzeptanz, Verbreitung und Wertschätzung gewinnt.

Mehr zu Dr. Hilko Paulsen: 

Veröffentlichung von Mathias Liebing bei Sportschau.de:

Wie man als Schiedsrichter mit Stress umgeht (https://www.sportschau.de/fussball/allgemein/schiedsrichter-psychologie-100.html)

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/01/28/johannes-wunder-schiedsrichter-im-fokus/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/09/cristina-baldasarre-schiedsrichterbeobachtung-mit-adlerauge-und-knopf-im-ohr/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/02/07/sascha-amhof-fehler-machen-einsam/


Views: 1018

Johanna Constantini: Der Muskel wächst nicht schneller, wenn man ihn trackt

Dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht, ist weitläufig bekannt. Dass auch die Muskeln nicht schneller wachsen, wenn man sie trackt und durch digitale Messgeräte auf Pausen verzichtet, hat sich allerdings noch nicht überall herumgesprochen. Digitale Technologien verleiten auch abseits des Sports zunehmend zu einer Lebensweise, in der Pausen gravierend reduziert werden. Oft auch nur deshalb, weil sich durch die ständige Online-Präsenz zu viele Möglichkeiten zum Zeitvertreib bieten.

Zum Thema: Wie die digitale Permanenz Pausen im Sport verringert

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen
Johannas Beitrag zum Hören!

Wer trainiert, sollte regelmäßige Pausen in seinen Trainingsplan einbauen. Diese Weisheit kann in so ziemlich jedem durchschnittlichen Trainingslehrewerk nachgelesen werden. Dabei braucht der Mensch seine Pausen nicht nur für die rein körperliche, sondern vor allem auch für die mentale Regeneration. Zöllner beschreibt die Pausen und damit die Rückbesinnung auf die eigene Person als „Schutzraum für die Kommunikation mit uns selbst“ (Zöllner, 2004, nach Diefenbach und Ullrich, 2014). Wo könnte diese Kommunikation mit uns selbst, wie sie schon Eberspächer (2012) in seinen Techniken zur Selbstgesprächsregulation beschrieben hat, wichtiger sein als im Sport?

In einer Zeit, in der eine „Alles-überall-und-bitte-sofort-Strategie“ (Ball, 2014) so vehement verfolgt wird wie nie zuvor, stoßen wir jedoch nicht erst bei Trainingspausen an unsere Grenzen. Athleten sind bereits abseits des Trainingsalltags gefordert, Pausen strikter als je zuvor einzuhalten und das Smartphone als meistgenutztes Tool, um Pausen zu überspringen, auch mal wegzulegen. Da es als „Schweizer Taschenmesser der Informationsgesellschaft“ dient (Spitzer 2017) und uns damit bequemerweise alles bietet, was wir suchen, fällt uns genau dies „abzuschalten“ zunehmend schwerer. Doch was ist der Preis, den wir als pausenlose Gesellschaft bezahlen?

Aufmerksam gegen die Ablenkung

Mehr Infos zu Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Pausen von besagtem und anderen „digitalen Helferchen“ bedeuten unter anderem, Selbstkontrolle zu praktizieren, unsere Impulse kontrolliert zu steuern und uns nicht ständig von den Inhalten, die uns digitale Geräte bereitstellen, ablenken zu lassen. Warum Pausen und die damit einhergehende Selbstkontrolle derartig wichtig sind, konnten PsychologInnen bereits vor Jahrzehnten ergründen. Selbstkontrolle und das „Abwarten können“ sind demnach grundlegende Eigenschaften für langfristige Lebenszufriedenheit, hohe Leistungsfähigkeit und Zielstrebigkeit (Mischel et. al., 1989). Wenn man sich heute auf den Trainingsplätzen diverser Sportarten umsieht, erscheint es nachvollziehbar, die bis dato nicht diagnostizierbare „Smartphone-Sucht“ zu den Impulskontrollstörungen zuzuordnen (ICD-10, 2019).

„Ich blicke immerzu darauf. In meinen Trainingspausen schaue ich schnell, was sich so tut“, erklärte mir dabei kürzlich ein Athlet, gefragt nach seinem Umgang mit digitalen Medien. Und reflektierte weiter: „Oft werde ich dadurch von den folgenden Trainingsschritten abgehalten. Vergesse, nach welcher Hantel ich zuletzt gegriffen habe.“

Oh du schöne Langeweile

Was passiert also mit AthletInnen, die Pausen überspringen, weil sie die Inhalte ihrer Smartphones alle fünf Minuten „checken“? Wenn sie dabei von einer Tätigkeit in die nächste übergehen, ohne kurz inne zu halten?

Die zeitliche Überlagerung von verschiedenen Tätigkeiten produziert nicht nur mehr Stress im Organismus, durch Phänomene des „Nicht-mehr-warten-könnens“ (Ball, 2014) geht auch die „Langeweile“ verloren. Diese stellt im Trainingsalltag jedoch wichtige Reflexionszeit zur Verfügung. Wenige Minuten, um kurz inne halten zu können. Die nächsten Trainingsschritte zu planen und die letzten zu überdenken. Auch, um die eigenen Techniken der Selbstgesprächsregulation zu überprüfen. Fragen wie: Wie verläuft meine innere Sprache? Was sage ich zu mir, wenn ich einen Trainingsabschnitt beendet habe? Könnten meine Selbstgespräche konstruktiver formuliert sein?“, können sich gestellt werden, anstatt die Selbstreflexionen durch unachtsam eingesetzten Smartphone-Gebrauch und deren Inhalte (meist in sozialen Medien) zu stören.

Mehr Zeit für Leidenschaft

Sowohl im mentalen, als auch auch im körperlichen Bereich führt die immer geringer werdende Toleranzgrenze für lange Weile zu einer gefühlten Knappheit der Lebensressourcen. Doch was wollen wir lieber erleben, als die Gefühle eines unendlichen Maßes an Zeit, die uns für unsere Leidenschaft zur Verfügung steht?
Nicht zuletzt deshalb wird es zunehmend wichtiger werden, den achtsamen Smartphone Gebrauch auch im sportlichen Kontext zu forcieren.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/12/06/ole-fischer-optimal-aktiviert-zwischen-anspannung-und-entspannung
https://www.die-sportpsychologen.de/2017/02/22/christian-hoverath-die-pausen-im-tennis
https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/02/johanna-constantini-digitales-pausenverhalten-und-die-risiken-von-sozialen-medien-in-verletzungsphasen/

Die komplette Serie “Was moderne Sportpsychologen von sozialen Medien wissen sollten… und noch viel mehr…”:

Quellen:

Ball, R. 2014. Die pausenlose Gesellschaft: Fluch und Segen der digitalen Permanenz. BALANCE Buch + Medien Verlag

Eberspächer, H. 2012. Mentales Training: Das Handbuch für Trainer und Sportler.  Copress Sport; Auflage: 8. durchgesehene Neuauflage
Diefenbach, S. und Ullrich, D. 2016. Digitale Depression: Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern. mvg Verlag (9. Mai 2016)

Spitzer, M. 2017. Cyberkrank!: Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Droemer TaschenbuchW. Mischel, Y. Shoda, M. I. Rodriguez: Delay of gratification in children. In: Science. Band 244, Nr. 4907, 26. Mai 1989, S. 933–938, PMID 2658056.

Views: 1421

Dr. René Paasch: Drei “Learnings” der Fussballsaison 2018/2019

Im Fussball ist der Teufel los. Und zwar auf allen Ebenen. Während in den vergangenen Jahren vornehmlich mit der “Ware” Spieler gehandelt wurde, lässt sich in jüngerer Vergangenheit immer stärker beobachten, wie auch auf Managementebene Führungspersönlichkeiten und ganze Personalstäbe ausgetauscht werden. Ganz zu schweigen von Trainern: Aufstiegstrainer werden entlassen, Meistertrainer stehen in der Diskussion und Retter werden nach der Ankunft im sicheren Hafen von Bord geschickt. Aber was lernen wir aus der aktuellen Entwicklung im Profi-Fussball?

Zum Thema: Identifikation, Kommunikation und Menschlichkeit im Fussball

Etwas zu verändern bedeutet, dass Vereine und Sportler ihre festgefahrenen Strukturen und Verhaltensweisen ändern müssen. Routinen werden abgewandelt, Gelerntes wird modifiziert, erweitert oder verworfen und durch Neues ersetzt. Grundsätzlich, um dies hier deutlich zu betonen, sind Veränderungen nichts schlechtes. Nur brauchen diese Zeit, die im ergebnisorientierten Fussball eben häufig nicht gegeben ist. Erschwerend kommt hinzu, dass wir es im Fußball immer noch mit Menschen zu tun haben. Diese Spezies beharrt gern in bestehenden Bindungen und entwickelt sich in sozialer Verbundenheit (Cacioppo, 2012). Beziehen wir das auf den Fussball, ist genau das Gegenteil der Fall: Ein rotierendes Spieler- und Trainerkarussel, vorzeitige Kündigungen oder kurzfristige Verträge sind der sportliche Alltag. Der Sport ist ein kontinuierlicher und unaufhaltsamer Veränderungsprozess auf Zeit, der sich immer mehr nach außen orientiert und weniger den Menschen im Vordergrund sieht: Schneller, höher und weiter, wachsende Technologien, Gewinnoptimierung, Turnierbeteiligungen, Vereinswechsel, Auf- und Abstieg, Sieg oder Niederlage, persönliche und wirtschaftliche Interessen, Verletzungen und der Umgang mit der Öffentlichkeit.

Mehr Infos zu Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Aber noch mal: Der Mensch ist eigentlich bemüht, an vorhandenen Strukturen festzuhalten. Wagen wir einen Ausflug in die Entwicklungspsychologie: Beispielsweise greift ein Baby stetig nach unserem Finger oder sucht die Nähe zu seinen Eltern. Ohne diese Verbindung und elterliche Nähe würde es nicht überleben können. Übertragen auf den Sport: In schwierigen Momenten lösen sich bei Spielern und Mannschaften sowie Vereinsangehörigen Unsicherheiten aus, denn Sicherheit und Verbundenheit ist ein genetisch verankertes Grundbedürfnis. Wann stetig Unsicherheiten, Druck oder Ängste auftauchen, aktiviert das unser Bindungssystem. Wenn wir auf dem Sprung zu etwas Neuem sind (z.B. Vereinswechsel) brauchen wir erst recht das Gefühl, von Sicherheit und angenommen zu sein. Und es gibt noch eine Besonderheit unseres Gehirns, die den Wunsch verstärkt, in gewohnter Umgebung zu bleiben: Wenn wir neuen Situationen oder Druck ausgesetzt sind, verbraucht unser Gehirn viel Zucker und Sauerstoff. Der Wunsch nach Verbundenheit und Vertrauen ist immens. Und wann immer der Mensch mit solch komplexen Aufgaben konfrontiert ist, versucht er Energie zu sparen. Daher wandelt unser Gehirn unser Tun so schnell wie möglich in Routinehandlungen um. Wann immer wir automatisiert agieren, schüttet das Gehirn Wohlfühlhormone aus. Auch dies ist ein Grund dafür, warum wir in schwierigen Situationen und Erneuerungen auf gewohnte Strukturen schnellstmöglich zurückgreifen wollen. Daher wäre aus meiner Sicht wünschenswert, dass die Vereine auf langfristige Spielerverträge und Verbindungen Wert legen, Zeitraum für Wachstum ermöglichen, ein ganzheitliches Nachwuchskonzept entwickeln, welches eine Anbindung an den Profibereich hat und somit eine unverwechselbare Identität geschaffen werden kann. Welche Vereine verfügen über eine solche unverwechselbare Identität?

Langfristige Strategien und Kommunikation  

In der Praxis scheitert es bei vielen Vereinen schon an der Ausarbeitung von wirklich belastbaren, realistischen und für alle Beteiligten motivierenden Zielen. Viel zu selten sind Sportpsychologen in diesen Prozess, der nicht mit einer Verkündung bei einer Pressekonferenz endet sondern über die gesamte Saison andauert, mit eingebunden – sogar, wenn sie in einem Verein auf Prof-Ebene fest angestellt sind, wie ich neulich von einem Kollegen erfahren habe.

Also zurück zum Thema Ziele. Sobald dieses feststeht, ist das zentralste Mittel zur Zielerreichung die Kommunikation. Diese sollte auf allen Ebenen stattfinden. Wertschätzung und Wichtigkeit steht dabei im Mittelpunkt. Vor allen Dingen ist es wichtig, dass der Verein, das Trainerteam und die Spieler über das anstehende informiert sind, die Notwendigkeit erkennen und sie mit ihren Überlegungen und Ängsten nicht alleine gelassen werden. Von den Vereins- und Teammanagern und dem Trainer muss das klare Signal ausgehen. Wir haben euch gehört, wir nehmen eure Sorgen ernst und liefern zeitgerecht gemeinsame Lösungen. Ich beobachte oft, dass Vereins- oder Teammanager den Erklärungs- und Wiederholungsbedarf unterschätzen. Das liegt wohl auch daran, dass das Problembewusstsein der Vereinsführung oft wesentlich früher entsteht als bei den Trainern und Spielern. Und so kann in der Vereinsführung die Wahrnehmung entstehen, man habe schon genug geredet und erklärt. Das kann ein großer Irrtum sein, denn die Spieler haben das Thema noch überhaupt nicht konstruktiv diskutiert, geschweige denn die neue Situation als solche akzeptiert. Des Weiteren empfehle ich in der Kommunikation mit allen offen zu umzugehen. Das kann zunächst zur Unruhe führen. Natürlich ist das für alle Seiten zunächst unangenehm, aber Ärger kann man wenigstens gezielt behandeln. Schlimmer ist es, wenn Gerüchte oder stillschweigende Regeln entstehen oder wenn unbearbeitete Enttäuschungswut die Leistungsfähigkeit mindert.  

Wie sollte Kommunikation im Verein aussehen? Was sollten handelnde Akteure wissen?

  • Von Anfang an einen regelmäßigen Austausch mit der Vereinsführung, dem Trainer und den Spielern pflegen. Fragen stellen und sich in den Entwicklungsprozess einbringen. Dabei gibt es einen spannenden Ansatz von Paul Watzlawick und seinem Team, der sich in der Praxis bewährt hat (Watzlawick, Beavin, Jackson, 2007): Die Experten stellten fünf Grundregeln (pragmatische Axiome) auf, die die menschliche Kommunikation erklären und ihre Paradoxie zeigen. Vieles haben Sie sicher schon mal gehört: Man kann nicht nicht kommunizieren, jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, Kommunikation ist immer Ursache und Wirkung, menschliche Kommunikation bedient sich analoger und digitaler Modalitäten, Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär. Sie kennzeichnen die Wichtigkeit der Beziehungsseite in der Kommunikation. Auch zeigen sie, dass der Mannschaftskollege in der Regel in konstruierten, von ihnen selbst „erdachten“ Wirklichkeiten lebt und in welchen verschiedenen Modalitäten Kommunikation abläuft.
  • Gegenüber dem Verein, dem Trainerteam und als Spieler klar machen, was sie jetzt brauchen, um gut durch den Prozess zu kommen. Gute Führung wird die Spieler  bestmöglich dabei unterstützen. In einem solchen Gespräch hat sich wertgeschätzte und zielführende Kommunikation gut bewährt, wie eigene/fremde Beobachtungen, Emotionen, Bedürfnisse und Bitten nacheinander zu formulieren und im Gespräch klar voneinander zu trennen. Das nimmt harschen Formulierungen die Schärfe und macht verständlicher, warum Sie so fühlen, wie Sie fühlen.
  • Sich engagieren und entwickeln wollen. Veränderungen sind immer auch „Türöffner für Möglichkeiten“ und bieten Entwicklungschancen. Wer signalisiert, dass er Teil der Lösung und Identität sein will und nicht nur Befehlsempfänger, wird gesünder und gestärkter durch die Saison kommen als jemand, der sich passiv treiben lässt und auf Besserung hofft.
  • Sorgen Sie für einen kontinuierlichen Teamprozess von Anfang an. In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen das Teamentwicklungstraining (TET) von Lau (2005b) anbieten. Dieses integrative Training vereint die praktische Wechselwirkung zwischen sportlichem Training, Wettspiel und sozialer Entwicklung der Mannschaft. Des Weiteren nutzt das TET personen- und gruppenzentrierte Maßnahmen, die auch Veränderungen organisatorischer Strukturen einschließen. Weiteres finden Sie auf https://www.die-sportpsychologen.de/2016/06/03/dr-rene-paasch-mit-gruppenbildung-zum-erfolg/#

Menschlichkeit

Halten Sie mich für verrückt, aber ich glaube tatsächlich daran, dass die oben genannten Anregungen nur in einem menschlicheren Profi-Fußball möglich sind. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich Leistung in einer würdevollen, auf Respekt basierenden und in Verbundenheit gelebten Form viel besser optimieren lässt als in der kalten Businesswelt, zu der der Fußball bereits geworden ist.

Dieter Hecking hat nach seinem letzten Spiel als Trainer von Fußball-Bundesligist Borussia Mönchengladbach die jüngste Entwicklung im Umgang mit Trainern im Profifußball harsch kritisiert. „Weder die Kritik an Meistertrainer Niko Kovac von Bayern München noch die Entlassungen von Markus Anfang beim 1. FC Köln oder Patrick Glöckner von Viktoria Köln, die als Tabellenführer der 2. Bundesliga bzw. Regionalliga West entlassen wurden, kann der Fußballlehrer nachvollziehen. Unabhängig von seiner Person zeigen die Beispiele, dass man uns Trainer nicht braucht. Wir können zu Hause bleiben.“ Auch Friedhelm Funkel kritisierte den Umgang mit seiner Zunft. Ähnliches lässt sich auch bei den Spielern erkennen. Wäre es da nicht an der Zeit, an der Uhr zu drehen und den Trainern und Sportlern als Menschen zu behandeln?

Näheres zum Thema Menschlichkeit im Fussball finden Sie hier https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/12/dr-rene-paasch-ein-menschlicherer-fussball-wer-ist-dabei/#

Fazit

Wir stehen im Fussball an einer interessanten Weggabelung. Wohin jeder Verein abbiegt, entscheiden die Verantwortlichen selbst. Die von mir beobachteten “Learnings” der Saison 2018/2019 können vielleicht helfen, die eigene Wegrichtung im Verein zumindest zu überdenken. Gern stehen meine Kollegen (zu den Profilen) und ich bereit (zum Profil von Dr. René Paasch) bereit, weiter in die Tiefe zu gehen und Prozesse zu unterstützen, die so oder so ablaufen, aber eben auch gesteuert werden können. Persönlich würde ich mich freuen, wenn wir alle zusammen mehr tun, um Begriffe wie Würde, Menschlichkeit, Respekt, Mentalität und Identifikation mit Leben zu füllen.   

Hinweis: Der Text ist mit Material von initio OrganisationsberatungVeränderungsprozesse wirkungsvoll gestalten entstanden.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/27/dr-rene-paasch-mentalitaetstrainer-im-fussball-ein-job-mit-grosser-zukunft/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/08/09/sportpsychologie-im-profi-fussball-zwischen-trend-und-traeumerei/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/29/alexander-schneider-auch-im-oesterreichischen-profifussball-werden-die-beruehrungsaengste-gegenueber-der-sportpsychologie-kleiner/

Literatur

Online: https://organisationsberatung.net/feedbackregeln-feedback-geben/

Lau, A. (2005a): Die kollektive Leistung in den Sportspielen – eine interdisziplinäre Analyse. Habilitationsschrift. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Lau, A. (2005b): Das Teamentwicklungstraining – ein systemisches Konzept für die Mannschaftssportspiele. Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge, 46(1), 64-82

Lau, A. & Stoll, O. (2007). Gruppenkohäsion im Sport. Psychologie in Österreich, 27 (2), 155-163.

Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don D. Jackson (2007): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. 11., unveränd. Auflage. Huber, S. 53–70.

Cacioppo, J. T., & Cacioppo, S. (2012): The phenotype of loneliness. European Journal of Developmental Psychology, 9, 446-452. doi:10.1080/17405629.2012.690510

Views: 1117

Thorsten Loch: Gefahren der Zielsetzung

“Systemversagen”, so bezeichnete Bernd Hoffmann, Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV den verpassten Wiederaufstieg seines Profi-Teams in die erste Bundesliga. Der sichtlich ergriffene HSV-Boss vor der versammelten Hamburger Weltpresse weiter: “Das gesamte System ist im Winter irgendwann kollabiert und nicht wieder auf die Beine gekommen.” War war passiert? Schließlich hatte die junge Mannschaft von Trainer Hannes Wolf nach der Hinrunde recht souverän die Zweitliga-Tabelle angeführt. Ein sportpsychologischer Erklärungsversuch.

Zum Thema: Positive Auswirkungen und Gefahren der Zielsetzung

Mehr Infos zu Thorsten Loch: https://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Sich Ziele zu setzen, stellt eines der wirksamsten Antriebsmittel zum sportlichen Handeln dar. Ziele lenken unser Leben und unser Tun in eine bestimmte Richtung. Sie fungieren als eine Art Leitlinie unserer Antriebe, setzen Handlungsenergien frei und erhöhen unsere Beharrlichkeit und Anstregungsbereitschaft (Baumann, 1998). Problematisch wird es dann, wenn der Anspruch und die Wirklichkeit auseinanderdriften. Die selbstgesteckten Ziele können den Beteiligten sprichwörtlich über den Kopf wachsen und somit das Gegenteilige bewirken. Anstelle von Zug-/und Schubeffekten kann eine erlebte unrealistische Zielsetzung die Personen unter enormen Druck setzen und ausbremsen. Die Auswirkungen lassen sich sehr schön anhand der Hin-/ und Rückrundentabelle der Zweiten Liga abbilden. Thronten die Hamburger nach Abschluss der Hinrunde noch von ganz oben, zeigt die zweite Runde den dramatischen Abfall. Den starken 37 Punkten folgten bis zum vorletzten Spieltag lediglich magere 16 Punkte (bei nur 4 Siegen) und der damit verbundene drittletzte Platz.

„Es ist immer schwierig mit den Motiven der Spieler, wir haben definitiv das, was uns ausgemacht hat, die Stabilität, nicht mehr auf den Platz bekommen. Irgendwann war`s dann auch egal, wen du aufstellst, wie du einstellst.“

Hannes Wolf, HSV-Trainer

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Ursachen für diese Entwicklung und erlebte Hilflosigkeit von Wolf mitverantwortlich sind? Ein solches Konstrukt mit einer Vielzahl von verschiedenen Faktoren spielt hier eine Rolle. Als Außenstehender ist es schier unmöglich, eine detaillierte Analyse anzufertigen. Aus diesem Grund sei an dieser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen, dass kein Anspruch auf Richtigkeit besteht. Allerdings veranschaulichen die Geschehnisse um den Hamburger SV das Phänomen, dass ein zu Beginn motivierendes Ziel eine gegenteilige Kraft entwickeln kann.

Gefahren der Zielsetzung

Trotz der positiven Auswirkungen auf den Motivationszustand können durch die Zielsetzung auch Gefahren bzw. negative Effekte auftreten:

  • Ziele können eine mentale Blockade zur Folge haben,
  • schaffen Erwartungsdruck,
  • führen zur Abhängigkeit von personaler Wertschätzung und Leistungen und
  • können das Ignorieren wesentlicher Faktoren zur Folge haben, die zu ihrer Erreichung notwendig wären.

Wie wir sehen, können viele Effekte aus einer „falschen“ Zielsetzung entstehen. Aus „Platzgründen“ widmen wir uns dem Bereich der Ignoranz. Sportler, die mit aller Gewalt ein Ziel erreichen wollen, geraten in Gefahr, Schwierigkeiten, die auf dem Weg dahin zu überwinden sind, zu verkennen, zu missachten oder zu ignorieren. Reinhold Messner bringt seine Lust am Bergsteigen damit zum Ausdruck: „Der Weg ist das Ziel.“ Er drückt damit aus, dass Ziele nicht dauernd als konkrete Bilder vor Augen sein müssen. Jedes Ziel bedarf der Überwindung einer mehr oder weniger langen Wegstrecke, bis es erreicht ist. Wer den richtigen Weg wählt, kommt von selbst ans Ziel.

Wer mit Gewalt siegen will, erhöht die Angst vor der Niederlage.

Aus diesem Grund kann man Ziele auch „vergessen“, d.h. sie rutschen in unserem Bewusstsein auf die Ebene des Mitbewussten ab (Baumann, 1998). Das Ziel lenkt dann unser Handeln auf einer latenten Stufe des Mitbewussten, es verleiht unserer Tätigkeit Sinn und Richtung, ohne als bewusste Vorgabe andauernd gegenwärtig zu sein. Michael Phelps bringt es treffend auf den Punkt. „When you have one foot in the future and one foot in the past you`re pissing in the present.” Damit ist gemeint, starre Ziele für den Moment fallen zu lassen und sich auf den Weg bzw. das Hier & Jetzt zu konzentrieren.

Zu hoher Ehrgeiz oder es „mit Gewalt“, „mit der Brechstange“ zu versuchen, zerstört die innere Gelassenheit, die zur Freisetzung optimaler Leistungsreserven notwendig ist. Mit „Zähne zusammen beißen“ und „Augen zu und durch“ kann man keine Qualitätsverbesserung des Handelns erreichen. Nur wem es gelingt, sich gelöst, freudvoll, hellwach und dem augenblicklichen Geschehen hingeben und seine Umwelt mit allen Sinnen in sich aufnehmen kann, wird ohne unökonomischen Kraftaufwand unter Beachtung aller Hinweisreize den Weg zum Ziel bewältigen.

Fazit

Dem Hamburger SV ist es in dieser Saison nicht gelungen, eine hervorragende Hinrunde zu bestätigen und das selbst auferlegte Ziel Aufstieg in die Tat umzusetzen. An diesem Beispiel lässt sich schön veranschaulichen, wie aus einem zuerst motivierenden Ziel, genau die gegenteilige Kraft erwachsen ist und sprichwörtlich die Spieler und Trainer lähmt. Etwas erzwingen zu wollen, löst Gegenreaktionen, Ängste und Blockaden aus. Nur das Sich-Hingeben in die augenblickliche Situation kann alle Energie in die Handlung einfließen lassen und alle Sinne darauf richten. Gedanken an handlungsferne Ziele stören die innere Wahrnehmung und lenken sie vom gegenwärtigen Tun ab. Wie ein Trainer seine Spieler dabei unterstützen kann, wird Inhalt des folgenden Beitrages sein.  

Mehr zum Thema:

Quellen:

https://www.hamburg1.de/nachrichten/40502/Das_komplette_Interview_mit_Bernd_Hoffmann.html

Views: 505

Miriam Kohlhaas: Officer Down – das Selbstexperiment

Wie oft habe ich schon ich mit Spielern daran gearbeitet, nach einer Verletzung schnellstmöglich wieder mental fit zu werden? Dem verletzten Teil des Körpers wieder voll zu vertrauen, keine Angst vor einer erneuten Verletzung zu haben und in der Pause nach einer Operation einen Sinn zu finden, um neue Ziele zu entwickeln. Das ist eine Aufgabe und Art von Begleitung, in der ich mich immer schon sicher gefühlt habe. Es fiel mir leicht das zu tun – aber ich habe nie gewusst, wie es sich eigentlich anfühlt…

Zum Thema: Umgang mit Verletzungen

Vor ein paar Monaten bin ich schwer gestürzt. Damit es nicht zu peinlich ist, davon zu erzählen, habe ich all meinen Sportlern im Spaß die Geschichte aufgetischt, dass ich in eine Schießerei verwickelt gewesen sei. Klingt ja viel cooler – Officer Down ?

In der Realität hörte ich schon vom ersten Arzt, dass ich operiert werden müsse. Weniger lustig. Die kommenden Wochen verbrachte ich also damit, von Experten zu Experten zu hinken, um eventuell einen Arzt zu finden, der mich ohne eine Operation wieder fit bekommen würde. Die Schmerzen hielten sich nach ausrreichend Zeit des Hochlagerns irgendwann in Grenzen. Zwar war ich durch eine Schiene am Bein etwas eingeschränkt, aber ich habe versucht diese Zeit mit vielen positiven Gedanken zu genießen.

Mehr Infos zu Miriam Kohlhaas: https://www.die-sportpsychologen.de/miriam-kohlhaas/

Verletzung als Geschenk

So versuchte ich die Einstellung zu entwickeln, dass jede Krankheit und jede Verletzung ein „Geschenk“ sei, welches es auszupacken und zu verstehen galt: Ich machte mich also auf die Reise, mein „Geschenk“ hinter all dem zu entdecken.

Meine Reise, da waren sich alle konsultierten Experten einig, führte direkt in den OP-Saal. Und so suchte ich mir den besten Arzt, den ich mir dafür vorstellen konnte, und begab mich mit viel Vertrauen in dessen Hände. Die OP verlief problemlos, aber bald darauf erahnte ich das erste Mal, was dieses „Geschenk“ doch für mich bedeutete…

Rückschläge, Rückschläge

Mein Körper war sehr schwach. Ich war ausgeliefert, ohne Kontrolle und völlig abhängig. Ich hatte Schmerzen und jeder neue Tag machte für mich überhaupt keinen Sinn – ohne irgendeine Aufgabe. Schon am ersten Tag nach dem Krankenhaus, also wieder zuhause, stürzte ich mit den wackeligen Krücken und rollte ab diesem Zeitpunkt sogar mit Rollator.

Die Aussicht darauf, viele weitere Wochen mit zwei Krücken und null Belastung auf einem Bein mein Leben zu bestreiten, nicht einmal ein Glas Wasser selbstständig von A nach B transportieren zu können, machte mich fertig. Und so verbrachte ich die ersten Tage und sogar fast die erste Woche nach der OP komplett im Bett.

Aussichtslosigkeit

Versteht mich nicht falsch! In Wochen, in denen ich viel zu tun habe, finde ich den Gedanken an einen ganzen Tag Netflix im Bett wundervoll. Aber ohne jede Alternative und überhaupt nicht selbstbestimmt diesen Tag verbringen zu müssen, macht keinen Spaß!

An Reha war noch nicht einmal zu denken und meine ersten Termine bei der Physiotherapie standen noch nicht an – und so war es schon eine mentale Höchstleistung, den Weg zum Badezimmer zu planen und umzusetzen. Ich konnte mich nicht um mein Kind kümmern, nicht kochen, waschen, geschweige denn länger als fünf Minuten auf einem Stuhl sitzen …

Miriams Reaktion auf den Unfall im Februar bei Facebook

Dunkelheit

Und so wurde es dunkel in meinem Kopf. Hoffnungslosigkeit breitete sich in mir aus… Es war der so erhebliche Einschnitt in meiner gewöhnlichen Lebensroutine, der mich umwarf und mir meine Hoffnung nahm.

Erst als ich begann, Pläne zu machen, als ich mich für kleine Mini-Erfolge feierte und versuchte, ab und zu wieder am „normalen Leben“ teilzunehmen, wurde es Stück für Stück heller. Ich zählte die Tage bis ich endlich wieder mobiler war und die geplante Reha war mein größter Lichtblick. Endlich wieder runter vom Sofa; Raus aus dem Bett; Chipstüte, Tiefkühlpizza und Co. auf Wiedersehen sagen und meinen Körper wieder spüren.

Eine ureigene Erfahrung

Ich erinnere mich am meisten an einen meiner ersten Besuche nach der OP bei der Physiotherapie. Mein Therapeut riet mir, mich selbst vielleicht auch mal an einen meiner Kollegen zu wenden und mir in dieser schwierigen Zeit mentale Unterstützung zu holen. In dem Moment fühlte ich mich zum ersten Mal inspiriert von dieser steinigen Reise.

Ich antwortete, dass meine Kollegen sicher alle tolle Arbeit leisten würden, ich mir aber sicher bin, dass ich jeden dieser Schritte ganz bewusst durchleben müsse, um daraus für meine eigene Arbeit zu lernen. Dass ich es viel, viel besser verstehen könne, wie sich ein verletzter Athlet fühlt, wenn ich selbst den Schmerz einmal gespürt hatte.

Da ist das Geschenk

Es war hart. Hart mit dieser Prüfung umzugehen. Mit allen Rückschlägen umzugehen, über die trostlosen Wochen hinwegzukommen und sich jeden einzelnen Tag, zu zwingen, den Fokus wieder neu zu setzen, um nicht unterzugehen! Und da war es plötzlich wieder, mein Geschenk!

Und ich schrieb all den Spielern, mit denen ich nach und während einer Verletzung schon gearbeitet hatte – euch gilt meine Ehrfurcht und meine zutiefst empfundene Hochachtung! Denn ihr wart in dieser Zeit meines Lebens meine Vorbilder. Eure Tipps haben mir geholfen, eure Reisen haben mir Mut gemacht!

All ihr verletzten Athleten, all ihr wundervollen und so starken Spieler, die sich bereits zurückgekämpft haben – ich verneige mich vor euch!

Mehr zum Thema:

Views: 1210

Lisa König: Christoph Harting wurde ohne Spaß und Leidenschaft Olympiasieger – Geht das überhaupt?

„Die Leute denken: Man muss doch eine gewisse Leidenschaft oder Freude empfinden, wenn man das macht. Nein! Muss man nicht… Das letzte Mal richtig Spaß am Werfen hatte ich mit 14.“ So beschreibt Christoph Harting, Olympiasieger im Diskuswerfen, seine sportliche Karriere in einem Interview mit der Sportbild. Aber welche Rolle spielt die Freude bei jungen Leistungssportlern eigentlich? Wann ist Vorsicht geboten? Und was würde es für Hartings noch bevorstehenden Karriere bedeuten, wenn er lernen würde, wieder den Spaß aus den Kinder- und frühen Jugendtagen zu empfinden?

Zum Thema: Die Rolle des Faktors Spaß bei der Leistungsentwicklung

Wir kennen es alle! Wir nehmen uns für das neue Jahr vor, mehr Sport zu machen, melden uns im Fitnessstudio an, wollen regelmäßig zum Lauf-Treff, etc… Aber was wird meist daraus? Die Motivation geht verloren und man möchte sich nicht länger dort hin schleppen, weil die Freude daran einfach nachlässt. Wie kann es also sein, dass Christoph Harting als Jugendlicher jeden Tag mehrmals trainieren ging, sich körperlich quälte, dabei null Freude empfand und trotzdem zu einem der besten Diskuswerfer geworden ist? Sein Leben sei bisher von „Disziplin, Verzicht und Einsamkeit“ geprägt gewesen, berichtete der heute 29-jährige weiter.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich die beiden erst genannten Fixpunkte eines jungen Sportlerlebens – Disziplin und Verzicht – bestätigen. Während meiner Zeit als Skilangläuferin an der Sportschule musste ich auf viele Partys verzichten, auf gesunde Ernährung achten, viel schlafen, unzählige Stunden, bei jedem Wetter irgendwo im Wald oder auf der Straße, Laufrunden schrubben und nebenbei noch den Schulkram erledigen. Mit großer Sicherheit habe ich nicht jeden Tag Freude dabei empfunden, aber ich habe beste Freunde fürs Leben gewonnen, den Umgang mit Rückschlägen perfektioniert, Verantwortung und Ehrgeiz an den Tag gelegt, mein Abi und mein Studium erfolgreich abgeschlossen und dabei durchaus nicht “auf meine Jugend verzichtet”, wie Harting es ausdrückt. Wenn ich keinen Spaß daran gehabt hätte, hätte ich alles mit zwölf an den Nagel gehangen.

Als Leistungssportler leben und denken- was steckt dahinter?

Wir Menschen haben Motive, die meist ein Leben lang gleich bleiben und in bestimmten Situationen die Motivation zum Handeln entstehen lassen. Motive erklären also, warum wir handeln, wie wir handeln. McClelland beschreibt die drei Grundmotive der Menschen als Leistungsmotiv, Machtmotiv und Zugehörigkeitsmotiv (Alfermann & Stoll, 2016). Wenn ein Sportler ein Leistungsmotiv hat, dann strebt er entweder nach Erfolg oder er versucht, einen Misserfolg zu vermeiden (Heckhausen, 1989). Er handelt dementsprechend: er geht zum Training und nimmt an Wettkämpfen teil, weil er die Leistungsmotivation dafür aufgebaut hat. Wenn sich gute Ergebnisse und Erfolgserlebnisse einstellen, dann empfindet er positive Gefühle. Solche Gefühle (z.B. Stolz, Freude, Erleichterung) lassen neue Motivation entstehen, stärken das Leistungsmotiv und führen dazu, dass man weiter trainiert. Stellen sich Niederlagen und Rückschläge ein, kann es zu Trauer, Wut oder Hilflosigkeit führen. Dann kann es passieren, dass die Leistungsmotivation sinkt, das Motiv keine Handlungen mehr anregt und man dem Sport den Rücken kehrt.

Mehr Infos zu Lisa König: https://www.die-sportpsychologen.de/lisa-koenig/

Natürlich ist es so, dass sich sportliche Erfolge nicht gleich nach dem ersten Training einstellen. Manche Sportler brauchen Monate, Jahre, Jahrzehnte, um einmal auf ein Podium steigen oder eine Medaille in der Hand halten zu dürfen. Eine sportliche Karriere kann geprägt sein von Verpflichtungen, harten Trainingstagen, Krankheiten, Dopingkontrollen, Presseauftritten, viel Kritik und Druck von außen und von einem selbst. Alle haben unterschiedliche Erwartungen an einen, man muss seine Vorbildfunktion erfüllen und steht in der Öffentlichkeit. Möglicherweise verleitete Harting das zu dieser Aussage gegenüber der Sportbild, die viele weitere Medien aufgenommen haben: „Ich empfehle jedem 13-, 14-, 15-Jährigen, niemals Leistungssport zu machen. Du verzichtest auf deine Jugend.“

Leistungssport bedeutet Belohnungsaufschub! Dass heißt, nicht jeder Trainingstag endet mit einem Fortschritt. Nicht jeder Wettkampf bringt eine Verbesserung. Nicht jede Bewegung bringt Glücksgefühle hervor. Aber wenn man dann erst einmal Kreismeister oder Olympiasieger geworden ist, sind die Strapazen der vergangenen Jahre meist vergessen. Deshalb hoffe ich, dass Herr Harting wenigstens ganz oben auf dem Treppchen von Rio de Janeiro Freude empfunden hat…

Was ist, wenn ich keine Begeisterung mehr für den Leistungssport habe?

Jeder Mensch verdient es, Freude an dem zu haben, was er tut. Wenn es bei dir der Leistungssport ist, dann habe Spaß mit deinen Teamkollegen, sauge die Atmosphäre bei Wettkämpfen auf, genieße die Natur und die Bewegung darin, akzeptiere und lerne aus deinen Fehlern! Selbst wenn du es nicht auf die große internationale Bühne schaffst, man lernt dabei immer für´s Leben!

Wenn du keinen Spaß hast, quäle dich nicht länger. Sprich darüber mit deinen Eltern, dem Trainer, deinen Freunden oder einem von uns (zu den Profilen von Die Sportpsychologen, zum Profil von Lisa König). Manchmal kann es helfen, dir vor Augen zu führen, warum du damals mit dem Sport begonnen hast, was dich fasziniert hat und wofür du gebrannt hast. Auch in der Arbeitswelt gibt es Leute, die einen Beruf ausüben, der ihnen keine Freude mehr bereitet und der sie ausbrennt. Das kann sie krank und gestresst machen, sie zeigen weniger Leistung. Manchmal sind die Parallelen zwischen Arbeit und Sport näher als man denkt und hier ist Vorsicht geboten…

Dass Christoph Harting heute ein erfolgreicher Diskuswerfer ist, kann eine Ausnahme sein. Möglicherweise treibt ihn nicht die Freude an seinem Sport, sondern etwas anderes an… Anerkennung? Ruhm? Unendlicher Ehrgeiz? Die Lust, einen Teller durch die Luft zu schleudern? Nur er allein weiß das. Aber eine Frage stellt sich mir: Wie weit würde er werfen, wenn er in den letzten 15 Jahren Spaß gehabt hätte?

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/10/22/lisa-koenig-wenn-sportler-ihre-trainer-hassen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/05/07/dr-rita-regoes-wie-wir-die-sportpsychologen-den-sportlern-ihre-individuellen-staerken-wegoptimieren/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/04/09/mila-hanke-zielsetzung-vor-und-nach-grossen-erfolgen/

Literatur:

https://www.welt.de/sport/article192691573/Christoph-Harting-Mein-Rat-an-Jugendliche-niemals-Leistungssport-machen.html

Heckhausen, H. (1989). Leistungsmotivation. In Motivation und Handeln (pp. 231-278). Springer, Berlin, Heidelberg.

Alfermann, D., & Stoll, O. (2016). Sportpsychologie: Ein Lehrbuch in 12 Lektionen (Vol. 4). Meyer & Meyer Verlag.

Views: 885

Jan D. Deneke: Embodiment – Fake it, till you make it

Erst kürzlich berichtete mir ein Journalist, dass die so häufig kritisierte Körpersprache von Ex-Nationalspieler Mesut Özil natürlich auch dem Fußballstar von Arsenal London und seinem Beraterteam bekannt sei. Inklusive der negativen Nebeneffekte, die sein eigene Leistung beeinflussen, einen Effekt auf den Gegner haben und in Özils besonderen Fall auch noch die öffentliche Bewertung seiner Leistung stark in Mitleidenschaft ziehen. Mit welch einfachen Tipps Sportler ihr Auftreten optimieren können, zeige ich in dem folgenden Text.

Zum Thema: Wie Körperhaltungen die eigenen psychischen Zustände beeinflussen

Embodiment wird – vereinfacht ausgedrückt – als Wechselwirkung zwischen Körper und Geist oder Physis und Psyche beschrieben. Darunter versteht man, dass sich psychische Zustände im Körper ausdrücken, beispielsweise nonverbal (Gestik, Mimik und Körperstellung) oder paraverbal (Stimmlage, Sprachmelodie, Tempo, Lautstärke und Artikulation): Fühlen wir uns unwohl, verkleinern wir unterbewusst unsere Körperfläche, ziehen die Schultern hoch, verschränken die Arme oder schützen empfindliche Stellen wie den Hals mit unseren Händen. Umgekehrt heben wir das Kinn, richten uns auf und reißen bei einem Erfolgserlebnis die Hände nach oben. Dieses Phänomen wurde auch bei Athleten festgestellt, die von Geburt an blind waren. Es unterstreicht die generelle Gültigkeit der Wechselwirkungen zwischen Psyche und Physis.

Das funktioniert aber auch in umgekehrter Richtung und jetzt wird’s interessant: Körperhaltungen beeinflussen die eigenen psychischen Zustände, also Gedanken, Emotionen und sogar Hormone. Ein bekanntes Beispiel ist das Facial Feedback: Unser Körper kann nicht unterscheiden, ob unser Grinsen echt oder gespielt ist. Durch das Hochziehen der Mundwinkel werden im Körper Glückshormone ausgeschüttet und es geht uns besser. Die gleichen Mechanismen wirken, wenn wir sogenannte „High-Power Poses“ einnehmen. In diesen Positionen nehmen wir Haltungen ein, in denen wir unsere Körperfläche vergrößern. Dabei nehmen uns nicht nur unsere Mitmenschen unterbewusst als selbstbewusster und kompetenter wahr, sondern auch wir selber fühlen uns nach kurzer Zeit stärker und verhalten uns nachweislich risikofreudiger.

Mehr Infos zu Jan D. Deneke: https://www.die-sportpsychologen.de/jan-d-deneke/

Der Einfluss von High-Power Posen

Studien der Harvard Universität haben gezeigt, dass diese High-Power Posen dazu führen, dass der körpereigene Testosteronspiegel innerhalb von zwei Minuten signifikant steigt und der Cortisolspiegel entsprechend schnell sinkt. Umgekehrt reagiert der Körper einer Person, wenn diese für zwei Minuten eine Low-Power Pose einnimmt. Die eigene Körperfläche verkleinert, das Kinn senkt und empfindliche Körperstellen schützt.

Testosteron hat als Hormon neben der Sexualität auch Einfluss auf die Vitalität und Kognitionen eines Menschen. So beeinflusst ein hoher Wert die mentale Stärke, die Zuversicht und das Durchsetzungsvermögen eines Menschen positiv. Des Weiteren sind auch die Aufbauprozesse der Muskulatur und der Knochenstruktur sowie die allgemeine Leistungsfähigkeit von dem Hormon positiv beeinflusst.

Das Hormon Cortisol hat viele regulierende Aufgaben und unterliegt einem natürlichen Tagesrhythmus. Der natürliche Cortisolspiegel ist abends und nachts am geringsten, so dass der Körper zur Ruhe kommt und sich erholen kann. Zudem ist Cortisol neben Adrenalin und Noradrenalin Teil einer Stressreaktion bei bevorstehender Gefahr. Dabei ist es zweitranging, ob eine tatsächliche Gefahr vorliegt oder die Person die Situationen subjektiv als stressreich empfindet. Erfahren wir also chronischen Stress wird unser natürlicher Tagesrhythmus gestört und der Körper kommt abends nicht zur Ruhe. Trotz Müdigkeit sind Schlafprobleme die Folge. Auch in akuter Hinsicht hat ein hoher Cortisolspiegel negativen Einfluss auf die Konzentration, die allgemeine Leistungsfähigkeit und den Trainingseffekt. Es ist also naheliegend zum einen High-Power Posen in die Wettkampfvorbereitung zu integrieren und zum anderen den Effekt auch für Regenerationsphasen zu nutzen.

Praktische Anwendung für Sportler

Jede bewusste Veränderung von Verhaltensweisen beginnt mit der Wahrnehmung von (un-) bewussten Automatismen. Daher sollte der Sportler seine Trainings- und Wettkampfroutinen bewusst nach dysfunktionalen Körperhaltungen (Low-Power Posen) durchleuchten um diese anschließend durch funktionale Routinen zu ersetzen.

  1. Regelmäßige Alltagsroutinen: Yoga oder bewusst Herz-öffnende Positionen können unterstützend wirken um übermäßiger Cortisolproduktion entgegenzuwirken. Leg dich dafür auf den Rücken (evtl. mit einem Kissen unter der Brustwirbelsäule), streck alle Extremitäten von dir, die Handflächen zeigen nach oben. Schließ deine Augen, atme mehrmals tief ein und aus, lass dann deine Atmung für 15 min ohne Einfluss weiterfließen.
  2. Wettkampfvorbereitung: Die Formel ist relativ einfach, hat aber dennoch starken Einfluss auf den Sportler, sowie die Mit- und Gegenspieler: Brust raus, Schultern zurück und der Blick geradeaus richten.
  3. Rückschläge und Misserfolge: Nach Niederlagen oder wenn wir uns nicht stark fühlen, neigen wir unbewusst dazu Low-Power Posen einzunehmen. Vor oder während eines Wettkampfs sind diese Körperpositionen jedoch kontraproduktiv, fördern die Cortisolproduktion, verstärken das Gefühl einer Niederlage und begünstigen einen erneuten Rückschlag. Der Sportler sollte daher im Anschluss bewusst High-Power Posen einnehmen um die Niederlage abzuhaken und sich wieder positiv ausrichten.
  4. Den Gegenspieler beeindrucken: Körperhaltungen haben nicht nur Einfluss auf uns selber, sondern zeigen auch unseren Gegenspielern wie es uns geht oder wie wir mit Niederlagen umgehen. Wer also trotz Rückstand, erhobenen Hauptes auf dem Spielfeld steht und sich nicht verunsichern lässt, beeindruckt den Gegenspieler und begünstigt ein Come Back.

Mesut Özils Berater seien laut dem eingangs erwähnten Journalisten zwar der Meinung, dass der Sportler bezüglich seines Auftretens auf dem Feld an sich arbeiten solle. Allerdings sehe der Premier League-Star nicht den Anlass dazu. Wir von Die Sportpsychologen helfen euch gern, wenn ihr an euch arbeiten wollt. Nehmt Kontakt auf – hier die Übersicht zu allen Profilinhabern, hier kommt ihr auf meine Seite.

Mehr zum Thema:

Quellen:

  • D. R. Carney, A. J.C. Cuddy, & A. J. Yap. (2010). Power Posing: Brief Nonverbal  Displays Affect Neuroendocrine Levels and Risk Tolerance. Psychological Science OnlineFirst. DOI: 10.1177/0956797610383437.
  • L. A. Pawlow, G.E. Jones. (2002). The impact of abbreviated progressive muscle relaxation on salivary cortisol. Biol Psychol. 60(1):1-16.
  • C.R. MacLean, K.G. Walton & S.R. Wenneberg et al. (1997). Effects of the Transcendental Meditation program on adaptive mechanisms: changes in hormone levels and responses to stress after 4 months of practice. Psychoneuroendocrinology.22(4):277-95.

Views: 3214

Dr. Rita Regös: Wie wir Sportlern ihre Stärken wegoptimieren

Was im Sport, die perfekte Technik, eine Höchstleistung, der Sieg oder der Weltrekord ist, ist in der Welt der Sportpsychologie mentale Stärke, Winning mindset, Gewinnorientierung und viele andere Begrifflichkeiten – allesamt starke Worte über einen Idealzustand oder auch über den perfekten Set an Eigenschaften und Fähigkeiten die der Erfolg angeblich notwendiger Weise vorausgehen müssen. Doch solche Ideale sind gefährlich, weil sie das Tatsächliche erniedrigen und brandmarken. Sie suggerieren eine permanente Unzulänglichkeit, darüber hinaus allgemeingültige Must-haves für den Erfolg.

Zum Thema: Wie durch ständige Optimierung unsere inneren Stärken verkümmern

Die Gesellschaft leidet bis heute an dem Yuppie Lebenskonzept der 1980er Jahre in Form von Burnout und Depression, an permanenter Versagensangst durch zahlreiche unerreichbare Eigenschaften und den gefürchteten Mittelmaß. Ein Umdenken durch die Konzentration auf individuelle Unterschiede ist zwar im Kommen aber das Streben nach allgemeinen Idealen ist geblieben. Es erschafft neue Berufsgruppen, immer neuere Methoden der Optimierung, tonnenweise Literatur mit herrlich modernen Sprachgebrauch und degradiert manch „veraltete“ Weisheit zu Nonsens.

Der Leistungssport in der prekären Situation tatsächlich unter Zeitdruck an Optimum und Maximum interessiert zu sein, steht der Gefahren dieser Optimierungswahn im mentalen Bereich bis heute quasi schutzlos gegenüber.  

Nervosität

Nehmen wir ein Beispiel, bewusst eines, welches den Stereotypien der Sportpsychologie entspricht: Nervosität. Der nervöse Zustand ist so alt wie die Menschheit, sie tritt besonders in Situationen auf, wo es um etwas geht, also unter Herausforderung. Nun bewegt sich die Skala wie man mit Herausforderung umgeht in fast unendlich vielen Variationen zwischen denen, die Höchstleistung erbringen, denjenigen, die so lala funktionieren und eben jenen, denen unter Anspannung gar nichts gelingt. Also muss alles (Un)passende optimiert werden, mit Atemtechniken, Biofeedback, kognitiven Refugien, Hypnose. Dies liest sich wie eine Reparaturanleitung, bestenfalls auf die Person angepasst aber unbedingt präventiv bereits im Nachwuchsbereich einzusetzen!

Mentale Stärke

Nehmen wir ein positives Beispiel: mentale Stärke, ein unumstrittenes Attribut für den Erfolg. Also machen wir uns daran, mentale Stärke zu entwickeln. Da aber zugegebenermaßen das Konstrukt nicht eindeutig definiert ist, bedienen wir uns einer Umschreibung, die eine Bündelung von Eigenschaften enthält und arbeiten diese nacheinander ab: hohe Motivation, Zielstrebigkeit, richtiger Umgang mit Misserfolg, um nur einige zu nennen. Für die Teilbereiche haben wir wiederum mentale Techniken, die zur Anwendung kommen: Zielplanung, Positiv-negativ-Listen, Rationalisierungstechniken, usw. Sollte der Athlet einige Eigenschaften mentaler Stärke bereits vorweisen, suchen wir uns die Teilbereiche aus, wo er oder sie noch optimiert werden kann. Also verdonnern wir zum Beispiel die sogenannten Wettkampftypen in wettkampfähnliche Situationen, damit sie auch im Training nahe dem Zustand kommen, in dem sie am besten funktionieren und ihre Bestleistung bringen.

Resilienz

Und nehmen wir, aus der Kernwissenschaft Psychologie mit dem Ziel psychischer Gesundheit, ein drittes Beispiel: die Resilienz, die psychische Widerstandsfähigkeit. Vereinfacht dargestellt, ein interessanter Forschungsbereich über Menschen, die trotz widriger Umstände ihr Leben meistern. Selbstverständlich auf den Leistungssport anwendbar, denn das Konstrukt definiert Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit also – das menschliche Erleben, dass sich etwas ändert, wenn er handelt. Kohärenz, dass man einen Sinn im Leben sieht, Zuversicht, nach dem Motto: Jetzt ist es schwer aber es wird besser. Und schließlich geht es um ein realistisches Selbstbild, welches einem hilft, sich über Ziele und Träume klar zu werden und die Frage impliziert, ob man diese Ziele erreichen kann oder will? Letztlich landen wir beim Umgang mit Gefühlen, nämlich sie mal zuzulassen und ein anderes Mal zu regulieren. All das kann trainiert werden, also trainieren wir. Die wesentlich wichtigere Erkenntnis, nämlich Widerstandsfähigkeit entwickelt sich unter Widerstand, ignorieren wir hingegen gänzlich. Wenn wir nämlich alles sofort regulieren und optimieren, deaktivieren wir klarerweise natürliche Mechanismen, ohne Situationen zu bewältigen. Im Ergebnis entwickelt sich die Fähigkeit, etwas bewältigen zu können, logischerweise eher weniger.

Mehr Infos zu Dr. Rita Regös: https://www.die-sportpsychologen.de/ritaregoes/

Ein Plädoyer

Meine bisherigen Worte sind durchaus selbstkritisch zu verstehen. Denn was heißt das also für die Praxis? Nehmen wir einen der Athleten, der mit den Worten zum Sportpsychologen kommt, er sei unmotiviert. Dann hält der Psycho ihm ein Motivationsfragebogen unter die Nase und entwickelt bei unterdurchschnittlichen Ergebnissen eine Schritt-für-Schritt-Planung – ehrlich? Sicher nicht!

Wozu sollte ich etwas objektiv messen, was die subjektive Realität des Athleten ist, wozu sollte ich sein Motivationslevel auf einer statistischen Skala einordnen und warum sollte ich ihm vorgaukeln, die eine mentale Technik bringe ihn wieder auf die Höhe seiner Leistungsfähigkeit? Vielmehr muss ich ihm die Botschaft vermitteln, Motivation schwankt, unmotiviert ins Training zu gehen, ist zäh aber solche Zeiten sind durchaus zu überstehen. Möge dies, manchen Leser an der Kompetenz eines Sportpsychologen zweifeln lassen, jedoch geht der Athlet erleichtert zurück ans Werk. Denn er ist nämlich nicht unterdurchschnittlich, er muss nicht auch noch beim Sportpsychologen eine Höchstleistung erbringen, in dem er seine Motivation optimiert, wenn er gerade keine hat und er muss auch nicht eine neue mentale Technik lernen und perfektionieren. Er darf getrost auf seine eigenen Kräfte bauen, auf all die kleinen Selbstregulationsmechanismen, die jeder von uns hat und es ist ihm erlaubt, nicht in jeder Minute seines Lebens optimal zu funktionieren. Erfahrungsgemäß lässt die Botschaft nicht lange auf sich warten: „Das Training hat heute wieder Spaß gemacht, war voll motiviert, danke“. Danke? Wofür bedankt er sich? Für die Erklärung, wie Motivation funktioniert, dass einer ihm den Druck genommen hat, perfekt sein zu müssen und ihm die Zuversicht gab, Motivation baut er durch Spaß und Interesse wieder auf – aber vor allem für das Vertrauen in seiner eigenen Fähigkeiten.

Die Resilienzforschung hat Kerneigenschaften zusammengetragen und den Begriff definiert. Nebenbei wurden aber auch autonome Regulationsprozesse entdeckt, denn viele Befragten der richtungsweisenden Studie von Emmy Werner (1971) waren Beispiele für hohe Resilienz ad natura. Also sollten wir bei der Verwendung solcher Konstrukte, neben Modellentwicklung, Definition und Möglichkeiten der Optimierung auch darauf hinweisen, dass diese Fähigkeiten auch selbst entwickelt werden und entwickelt werden können. Es sind „heilende“ Mechanismen. Der Organismus, hoch sensibel eingestellt auf unsere individuellen Bedürfnisse nach Wohlbefinden und Balance, leitet damit natürliche und vor allem effektive Regulationsprozesse ein.

Nervosität, Mentale Stärke und Resilienz – neu gedacht

Was passiert also, wenn ich nervös bin? Ich reagiere automatisch natürlich, unterschiedlich, ich lenke mich ab, höre Musik, geh aus der Halle, mach einige tiefe Atemzüge, gehe ein paar Schritte oder werde bewusster. Ich bin außerdem voll da, mobilisiert und auf meine Aufgabe fokussiert. In der Regel bin ich nach dem Startsignal keinesfalls nervös, sondern hochgradig konzentriert.

Wann bin ich mental stark? Wenn ich mich voller Bewusstsein der Herausforderung stelle und es  dadurch aushalte, wenn ich meine Misserfolge richtig einordne und diese als Entwicklungspotential betrachte. Wenn ich weiß, wohin ich will und was dafür notwendig ist. Auf der anderen Seite, wenn ich mir Fehler erlaube und mich zu meinen negativen Gefühlen bekenne.

Und wann wächst meine Widerstandsfähigkeit? Bei Widerstand.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/11/thorsten-loch-emotional-intelligente-sportler-sind-erfolgreicher/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/12/dr-rene-paasch-ein-menschlicherer-fussball-wer-ist-dabei/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/19/dr-rita-regoes-das-deutsche-mentalitaetsproblem/

Literatur:

Emmy E. Werner: The children of Kauai : a longitudinal study from the prenatal period to age ten. University of Hawaii Press, Honolulu 1971

Views: 6912

Prof. Dr. Oliver Stoll: Unmittelbare Wettkampfvorbereitung für Läufer

Jeder Ausdauersportler ist schon einmal über die Abkürzung „UWV“ oder das dahinter verborgene Wortungetüm „Unmittelbare Wettkampfvorbereitung“ gestolpert. Allzu oft stelle ich aber bei meinen eigenen Wettkämpfen fest, dass sich viele Athleten mit der Nutzung von überlegt entwickelten Routinen schwer tun. Sogar bei echten Profis stoße ich in diesem Themenbereich nicht selten auf größeres Optimierungspotential. 

Zum Thema: Von der gepackten Tasche bis zum Startschuss – Tipps zur Wettkampfvorbereitung für Läufer

Beim Ecotrail 2017 in Oslo, bei dem ich mit meiner lieben Gattin Frauke teilgenommen habe, sind einige Aufnahmen entstanden, mit denen ich meine eigene Wettkampfvorbereitung dokumentiere. Auf dieser Grundlage fällt es euch vielleicht leichter, Routinen zu entwickeln.

Wenn ihr bei der Erarbeitung eurer eigenen UWV spezifische Hilfe gebrauchen könnt, stehen meine Kollegen und Kolleginnen aus unserem Experten-Netzwerk aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (zu den Profilen) und natürlich ich (zum Profil von Prof. Dr. Oliver Stoll) gern an eurer Seite. Nehmt einfach Kontakt auf!

Die Kunst des Packens

Die optimale Vorbereitung beginnt schon bei der Auswahl des Materials. Hierbei geht es um eine zentrale Frage: Was brauche ich wirklich? Die Crux: Beantworten kann dies nur, wer sich ausgiebig auf das Rennen vorbereitet hat. Ich habe diesen Part der Vorbereitung zur Kunstform erklärt. Wie ich das meine, erfahrt ihr im Video:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Von der Ziel- zur Ausführungsintention

Angekommen am Wettkampfort in Oslo führt Frauke und mich der Weg zur Startnummernausgabe. Die ist so etwas wie ein „Point of no return“ und ein Moment, wo sich für viele Athleten unbemerkt etwas ändert:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Ein kleines Refugium 

In einem Vorort von Oslo haben Frauke und ich für die Tage rund um den Ecotrail eine uns bekannte Ferienwohnung gebucht. In eine vertraute Umgebung zu kommen, ist sicher nicht der Normalfall, aber empfehlen möchte ich es. An Orten wie diesem kommt ihr bestmöglich zur Ruhe:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Die Keystones und ein simpler Trick

Am Abend vor dem Rennen geht es nun noch einmal darum, die gesammelten Informationen zu ordnen und sich alles, worauf ihr euch vorbereiten könnt, noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Im Video zeige ich euch einen Trick, den in Oslo die Gestaltung der Startnummer möglich macht. Bei Rennen, die das nicht bieten, könnt ihr euch mit einer eigenen grafischen Eselsbrücke behelfen: 

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Kraft tanken

Wer kennt sie nicht, die Nervosität vor einem Start? Ich liebe es, an einem ruhigen Ort am Morgen des Rennens noch einmal in mich zu gehen. Zugegeben, dies ist nicht immer so idyllisch wie an einem norwegischen Waldsee aber Orte zum Krafttanken lassen sich fast überall finden:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Die letzten Schritte bis zum Start

Im Startbereich des Osloer Ecotrails ist nun schon ordentlich was los. In vielen Mienen ist die Anspannung zu sehen. In diesen Minuten besinne ich mich noch einmal auf das Wesentliche. Diese Routinen sind unheimlich wichtig, aber es fällt vielen Athleten schwer, sich nicht ablenken zu lassen und wirklich bei sich zu bleiben:

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Weitere Informationen

Wir an eurer Seite

Ich hoffe, dass ich mit diesem kleinen Ausflug in die Praxis einige Anregungen verbreiten konnte. Ich persönlich bin sehr interessiert, wie eure Vorstartroutinen aussehen und vielleicht können wir auch gemeinsam daran arbeiten. Nehmt gern Kontakt auf (zum Profil von Prof. Dr. Oliver Stoll). Aber schaut bitte auch, wer aus unserem Experten-Netzwerk quasi vor eurer Haustür arbeitet – zur Übersicht der Profilinhaber von Die Sportpsychologen.

Fotoquelle:

Prof. Dr. Oliver Stoll beim Ecotrail 2017 in Oslo (Quelle: Sportfotograf.com)

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/01/dr-hanspeter-gubelmann-wildes-tier-im-starthaeuschen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/01/04/kathrin-seufert-nutzung-von-vorstartroutinen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/11/26/janosch-daul-mentale-einstimmung-auf-ein-fussballspiel/

Views: 4272