Miriam Kohlhaas: Officer Down – das Selbstexperiment

Wie oft habe ich schon ich mit Spielern daran gearbeitet, nach einer Verletzung schnellstmöglich wieder mental fit zu werden? Dem verletzten Teil des Körpers wieder voll zu vertrauen, keine Angst vor einer erneuten Verletzung zu haben und in der Pause nach einer Operation einen Sinn zu finden, um neue Ziele zu entwickeln. Das ist eine Aufgabe und Art von Begleitung, in der ich mich immer schon sicher gefühlt habe. Es fiel mir leicht das zu tun – aber ich habe nie gewusst, wie es sich eigentlich anfühlt…

Zum Thema: Umgang mit Verletzungen

Vor ein paar Monaten bin ich schwer gestürzt. Damit es nicht zu peinlich ist, davon zu erzählen, habe ich all meinen Sportlern im Spaß die Geschichte aufgetischt, dass ich in eine Schießerei verwickelt gewesen sei. Klingt ja viel cooler – Officer Down 😉

In der Realität hörte ich schon vom ersten Arzt, dass ich operiert werden müsse. Weniger lustig. Die kommenden Wochen verbrachte ich also damit, von Experten zu Experten zu hinken, um eventuell einen Arzt zu finden, der mich ohne eine Operation wieder fit bekommen würde. Die Schmerzen hielten sich nach ausrreichend Zeit des Hochlagerns irgendwann in Grenzen. Zwar war ich durch eine Schiene am Bein etwas eingeschränkt, aber ich habe versucht diese Zeit mit vielen positiven Gedanken zu genießen.

Mehr Infos zu Miriam Kohlhaas: https://www.die-sportpsychologen.de/miriam-kohlhaas/

Verletzung als Geschenk

So versuchte ich die Einstellung zu entwickeln, dass jede Krankheit und jede Verletzung ein „Geschenk“ sei, welches es auszupacken und zu verstehen galt: Ich machte mich also auf die Reise, mein „Geschenk“ hinter all dem zu entdecken.

Meine Reise, da waren sich alle konsultierten Experten einig, führte direkt in den OP-Saal. Und so suchte ich mir den besten Arzt, den ich mir dafür vorstellen konnte, und begab mich mit viel Vertrauen in dessen Hände. Die OP verlief problemlos, aber bald darauf erahnte ich das erste Mal, was dieses „Geschenk“ doch für mich bedeutete…

Rückschläge, Rückschläge

Mein Körper war sehr schwach. Ich war ausgeliefert, ohne Kontrolle und völlig abhängig. Ich hatte Schmerzen und jeder neue Tag machte für mich überhaupt keinen Sinn – ohne irgendeine Aufgabe. Schon am ersten Tag nach dem Krankenhaus, also wieder zuhause, stürzte ich mit den wackeligen Krücken und rollte ab diesem Zeitpunkt sogar mit Rollator.

Die Aussicht darauf, viele weitere Wochen mit zwei Krücken und null Belastung auf einem Bein mein Leben zu bestreiten, nicht einmal ein Glas Wasser selbstständig von A nach B transportieren zu können, machte mich fertig. Und so verbrachte ich die ersten Tage und sogar fast die erste Woche nach der OP komplett im Bett.

Aussichtslosigkeit

Versteht mich nicht falsch! In Wochen, in denen ich viel zu tun habe, finde ich den Gedanken an einen ganzen Tag Netflix im Bett wundervoll. Aber ohne jede Alternative und überhaupt nicht selbstbestimmt diesen Tag verbringen zu müssen, macht keinen Spaß!

An Reha war noch nicht einmal zu denken und meine ersten Termine bei der Physiotherapie standen noch nicht an – und so war es schon eine mentale Höchstleistung, den Weg zum Badezimmer zu planen und umzusetzen. Ich konnte mich nicht um mein Kind kümmern, nicht kochen, waschen, geschweige denn länger als fünf Minuten auf einem Stuhl sitzen …

Miriams Reaktion auf den Unfall im Februar bei Facebook

Dunkelheit

Und so wurde es dunkel in meinem Kopf. Hoffnungslosigkeit breitete sich in mir aus… Es war der so erhebliche Einschnitt in meiner gewöhnlichen Lebensroutine, der mich umwarf und mir meine Hoffnung nahm.

Erst als ich begann, Pläne zu machen, als ich mich für kleine Mini-Erfolge feierte und versuchte, ab und zu wieder am „normalen Leben“ teilzunehmen, wurde es Stück für Stück heller. Ich zählte die Tage bis ich endlich wieder mobiler war und die geplante Reha war mein größter Lichtblick. Endlich wieder runter vom Sofa; Raus aus dem Bett; Chipstüte, Tiefkühlpizza und Co. auf Wiedersehen sagen und meinen Körper wieder spüren.

Eine ureigene Erfahrung

Ich erinnere mich am meisten an einen meiner ersten Besuche nach der OP bei der Physiotherapie. Mein Therapeut riet mir, mich selbst vielleicht auch mal an einen meiner Kollegen zu wenden und mir in dieser schwierigen Zeit mentale Unterstützung zu holen. In dem Moment fühlte ich mich zum ersten Mal inspiriert von dieser steinigen Reise.

Ich antwortete, dass meine Kollegen sicher alle tolle Arbeit leisten würden, ich mir aber sicher bin, dass ich jeden dieser Schritte ganz bewusst durchleben müsse, um daraus für meine eigene Arbeit zu lernen. Dass ich es viel, viel besser verstehen könne, wie sich ein verletzter Athlet fühlt, wenn ich selbst den Schmerz einmal gespürt hatte.

Da ist das Geschenk

Es war hart. Hart mit dieser Prüfung umzugehen. Mit allen Rückschlägen umzugehen, über die trostlosen Wochen hinwegzukommen und sich jeden einzelnen Tag, zu zwingen, den Fokus wieder neu zu setzen, um nicht unterzugehen! Und da war es plötzlich wieder, mein Geschenk!

Und ich schrieb all den Spielern, mit denen ich nach und während einer Verletzung schon gearbeitet hatte – euch gilt meine Ehrfurcht und meine zutiefst empfundene Hochachtung! Denn ihr wart in dieser Zeit meines Lebens meine Vorbilder. Eure Tipps haben mir geholfen, eure Reisen haben mir Mut gemacht!

All ihr verletzten Athleten, all ihr wundervollen und so starken Spieler, die sich bereits zurückgekämpft haben – ich verneige mich vor euch!

Mehr zum Thema:

Print Friendly, PDF & Email

Aufrufe: 923