Dr. Rita Regös: Das deutsche Mentalitätsproblem

Als der Bundestrainer der ungarischen Short Track Nationalmannschaft unmittelbar vor den Olympischen Spielen 2018 in einer Radiosendung gefragt wurde, mit welcher Zielstellung er und die Athleten in den Flieger steigen, war seine Antwort glasklar: „Wir gehen hin, um zu gewinnen.“ Seine Aussage war nicht nur klar, sie war auch kurz – sie ließ keinen Raum für Diskussion, Interpretation und noch weniger für andere Eventualitäten wie eine Silbermedaille.

Zum Thema: Wie unsere Denkmuster sportliches Handeln beeinflussen können

Stark! – aber in einem zweiten Moment zucken manche zusammen, was passiert, wenn sie nicht gewinnen? Sind nicht die Koreaner die führende Nation, ist er nicht ein bisschen voreilig, eine Spur zu siegessicher, ja fast schon arrogant? Wäre die Aussage, „wir geben unser Bestes und schauen, was dabei rauskommt“, nicht doch realistischer?

Ja, die Aussage wäre sicher realistischer, aber nur, wenn wir sie ausschließlich auf das Ergebnis beziehen, welches zu diesem Zeitpunkt in der Zukunft lag. Er bezog sich hingegen definitiv nicht nur auf die Zukunft, sondern auf die aktuelle Tatsache, voller Überzeugung zu den Olympischen Spielen zu fahren, um zu gewinnen. So selbstverständlich sich dies anhört, so selten ist sie hierzulande zu vernehmen.  

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Die allzu vorsichtige Grundhaltung

„Schauen wir mal“, „nicht zu viel wollen“ und vor allem, „ich werde mich doch nicht blamieren“. Eine gänzlich andere Art mit Erfolg, Zielen, mit Zukünftigem und somit Unsicherem umzugehen, eine nüchterne aber auch eine vorsichtige. Ist diese vorsichtige Haltung tatsächlich in der Versagensangst begründet? Die Angst vor den vermeintlich negativen Gefühlen, die ein Misserfolg in einem auslöst – denn nichts anderes tut weh, wenn man verliert. Zweifelsohne sind Momente der Niederlage nicht die schönsten in einem Sportlerleben, doch für jeden Athleten gehören sie zum Alltag. Sportler wissen in der Regel damit umzugehen oder zumindest wissen sie, nach einer gewissen Zeit verblassen und schwinden Gefühle der Enttäuschung, Wut, machen Platz für Motivation und Zuversicht. Auch ein Verlieren geht zu Ende und es folgt erfahrungsgemäß die Vorbereitung auf die nächste Herausforderung, erneut voller Motivation und Zuversicht.

Wenn Athleten voller Siegesüberzeugung verlieren, sind sie ihren Misserfolgsreaktionen genauso ausgesetzt und empfinden eine Niederlage ebenso ganz und gar nicht angenehm. Auch sie müssen mit negativen Gefühlen umgehen, womit sich die Frage aufdrängt, was ist dann anders? Ist ihnen vielleicht der Erfolg weniger wichtig – wohl kaum, wenn sie sich zu 100% auf ihren Wettkampf konzentrieren, wird das Ergebnis auch für sie hochgradig bedeutungsvoll sein. Sind sie die Zocker unter den Athleten? Nun ja, wenn sie sich zu 100% auf ihren Wettkampf konzentrieren und somit den Zufall zu minimieren versuchen – eher unwahrscheinlich und unlogisch dazu. Oder interessieren sie sich so gar nicht für Konsequenzen? Aber warum sollten sie dann positive anstreben wollen?

Vorsicht ist besser als Nachsicht?

Oder ist eine negative Schlagzeile wirklich so furchtbar, so dass man im Vorfeld sich nicht traut zu sagen, was man erreichen möchte? Große Ziele als Geheimsache, sozusagen? Ist ein nicht erreichtes Ziel eine so große Schande und wird man tatsächlich als arrogant abgestempelt, wenn aus dem kommunizierten antizipierten Erfolg ein Misserfolg wird? Sicher sind auf gesellschaftliche Ebene etliche Bewertungsmuster zu optimieren aber hier interessiert zunächst der individuelle Bereich, der im Schluss dann auch letztendlich eine gesellschaftliche Note bekommt.

Es muss also etwas anderes sein, was Athleten und Trainer vieler Nationen in unseren Augen großspurig erscheinen lässt. Oder wohlwollend ausgedrückt: Wenn wir sie als unvorsichtig in ihren Zukunftsprognosen bezüglich der Leistung wahrnehmen. Diese differente Art ist häufig zu beobachten, wenn Trainer aus dem Ausland mit heimischen Mannschaften arbeiten. In vielen Sportarten erzielen ausländische Trainer mit deutschen Athleten schnelle Erfolge, dies ist nicht unbedingt auf ihre fachliche Überlegenheit zurückzuführen, sondern auf ihre undramatische Herangehensweise, jedoch mit voller Überzeugung einem Ziel folgend. Plötzlich entstehen Zuversicht und Zusammenhalt in der Mannschaft und die Erfolge kommen fast wie von alleine. Auch das Drama kommt unweigerlich – überhäufig oft gerade bei den Olympischen Spielen. Die Vorsicht, hierzulande eine positive Begrifflichkeit eng verknüpft mit Sicherheit, entwickelt sich in der herausfordernden Situation wegen der Unsicherheit zu Selbstzweifel und zur Angst – für ausländischen Trainer ein Schock, denn sie rechnen mit Athleten, die auf die Spiele nur noch heiß sind.

Just in time: erst wenn´s passiert

Ein kanadischer Trainer und Olympiagewinner hat es mal so formuliert: „Vor den Spielen haben wir in der Pressekonferenz großspurig gesagt, wir holen Gold. Es war uns in dem Moment egal, was passiert, wenn wir keine Medaille holen“. Und das ist wohl auch der Unterschied:

  • Erstens eine Blamage ist bei anderen Nationen nicht antizipiert, es besteht also keine Vorsicht für den Fall, „was aber wenn doch nicht“.
  • Zweitens, die Niederlage existiert vor der eingetretenen Niederlage nicht. Sowohl um die eigenen Misserfolgsreaktionen, wie auch die Reaktionen aus dem Umfeld auf das Versagen, kümmern sie sich erst, wenn es tatsächlich passiert ist. Sie wird nicht vorbereitet – manch Leser wird an diese Stelle denken „aber Vorbereitung ist alles“.
  • Und sollte es drittens zu eine Niederlage kommen, geht die Welt nicht unter, man richtet das Krönchen und konzentriert sich auf die nächste Möglichkeit zu siegen.

Athleten und Trainer unterschiedliche Nationen bestätigen: Hierzulande ist eine gewisse Vorsicht immer mit im Gepäck. Aber woher kommt diese und warum sind wir der fast machtlos ausgeliefert, ja sogar befürwortend: Vorsicht ist bekanntlich positiv, vernünftig.

„If you can dream it, you can do it“

Es ist eine geistige Grundhaltung – mit anderen Worten: die Mentalität. Das Zusammenspiel einer bestimmten Art und Weise des Denkens und deren Inhalte, also Denkmuster und die daraus resultierende Disposition für ein bestimmtes Verhalten. Sie ist im Zuge der Sozialisation vorgeprägt und ist die Grundlage für das individuelle, soziale und kollektive Handeln inklusive möglicher Handlungsalternativen. In den Staaten hast du nicht gelebt bevor du dreimal gescheitert und viermal aufgestanden bist und in Deutschland ist Vorsicht besser als Nachsicht. „If you can dream it, you can do it“ hat mehr Wahrheitsgehalt als manch einer annehmen würde, denn selbstverständlich haben Denkmuster großen Einfluss auf unser Handeln. Sie regulieren die Selektion der Wahrnehmung, sie modellieren Handlungspläne und sogar in Form von antizipierten positiven Gedanken unsere Traumziele und somit unsere Träume. Sie enthalten aber auch Bewertungsgrundlagen, positiv negativ, machbar, unrealistisch, vernünftig, samt der sozialisierten Rangreihe dieser Bewertungen, also ob ‚machbar‘ besser ist als zum Beispiel ‚vernünftig‘.

All das ist der gedankliche Vorbau dessen, was wir tatsächlich tun. Nun ist es aber so, dass ein Traum formal auch nur ein Gedanke ist, ich hole mir einen Apfel oder ich hole mir die Medaille ist dieselbe gedankliche Leistung und bewirkt eine Handlungsanweisung, auf die sich meine Psyche sozusagen einschießt und somit auch mein Körper entsprechend ausrichtet. Ich schmecke den Apfel bevor ich losgegangen bin und bin überaus aktiviert, wenn ich mich in Gedanken auf dem Podest sehe. Wenn ich aber vorsichtig bin, ist meine Wahrnehmung auf entsprechende Gefahren ausgerichtet und mein Körper in Alarmbereitschaft, zum Beispiel gehe ich in geduckter Haltung und schaue unter einem Apfelbaum nur nach oben, wenn ich befürchte, von einem Apfel erschlagen zu werden. Nicht so, wenn mir dies nicht im Traum einfällt. Und wenn ich von einem Sportwagen träume, wird mich dieser, komischer Weise, überhäufig oft auf der Autobahn überholen – übrigens nicht öfter als sonst, aber mein Gehirn verfolgt einen Gedanken und lässt mich alles wahrnehmen, was damit zu tun hat.

Von Siegen träumen

Es ist unwahrscheinlich, dass Athleten und Trainer anderer Nationen diese Gedanken genau durchspielen und verinnerlichen. Aber viele Sportler brauchen es gar nicht, denn dieses Denkmuster ist in ihrer geistigen Grundhaltung bereits inkludiert, ein fester Bestandteil der Mentalität. Andere wiederum können überlegen, ob sie mit einem vorsichtigen Denkmuster nicht sich selbst Grenzen setzen oder ihren Athleten Grenzen suggerieren, die sie durchaus in der Lage wären zu überschreiten. Wenn mein Ziel Halbfinale ist, läuft alles automatisch, vieles auch unbewusst aber eindeutig auf mein Ziel ausgerichtet – allerdings nur bis dahin. Im Halbfinale angekommen, macht sich Unsicherheit breit – es war weder geplant noch geträumt, es war unsicher und genauso verhalte ich mich.

Schade oder mentalitätskonform formuliert: Wäre es nicht sicherer, den Wettkampf immer bis zum ersten Platz zu denken, vom Sieg zu träumen?

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