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Anne Lenz: Auf dem Weg zur Leitwölfin – Was eine Führungsspielerin im Frauenfußball ausmacht

Sie dominieren die entscheidenden Spielszenen, werden von Trainer*innen gesucht und in den Medien meist gefeiert. Doch was macht eine „Führungsspielerin“ im Frauenfußball eigentlich aus?

Zum Thema: Anforderungen für Führungsspielerinnen im Frauenfußball

Eine Führungsspielerin übernimmt Verantwortung – auf und neben dem Fußballfeld. In spielbestimmenden Situationen scheut „sie“ sich nicht, (taktische) Entscheidungen zu treffen, Verantwortung für sich und das gesamte Team zu übernehmen. Auch in spielentscheidenden Situationen beeinflusst sie die Mannschaftsleistung – oft durch den schmalen Grat von Risikobereitschaft und bodenständigen, quasi verantwortungsvollen Spielzügen. Auch neben dem Platz im Mannschaftsalltag übernimmt die Führungsspielerin verantwortungsvolle Aufgaben wie z.B. Teile des Warm-ups. Sie agiert nicht zuletzt als „Wächterin“ der Trainingsdisziplin…

Führungsspielerinnen sollten für die Mannschaft eine Vorbildfunktion einnehmen können. Dieses vorbildliche Verhalten erstreckt sich vom Auftreten auf dem Spielfeld, über die Trainingseinstellung, die Motivation bis hin zum respektvollen Umgang mit Spielerinnen und Trainer*innen. Durch ein starkes Vorbild innerhalb der Mannschaft kann sie neuen und jüngeren Spielerinnen im Kader Orientierung geben.

Mehr Infos zu Anne Lenz: https://www.die-sportpsychologen.de/anne-lenz/

Vertrauen

Vertrauen als Basis – in dreierlei Hinsicht! Eine Spielerin, die die Führung übernimmt, sollte sich selbst vertrauen. Bedeutet: Sie kennt ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten und weiß diese adäquat und situativ einzusetzen. Sie strahlt Selbstvertrauen aus, was sich im Regelfall auf das Team positiv auswirkt. Zudem sollte eine Führungsspielerin auch Vertrauen in ihre Mitspielerinnen mitbringen, denn Führung heißt auch Kontrolle abgeben und andere leiten.

Fehlt dieses Vertrauen wird eine Führungsspielerin schnell zu einer Einzelkämpferin. Das Vertrauen der Mitspielerinnen und Trainer*innen bilden die Grundpfeiler der führenden Position. Ohne Vertrauen würde der/die Trainer*in keine Kontrolle und Verantwortung an die Spielerin abgeben. Ebenso würden die Mitspielerinnen sich auf die Führung nicht einlassen, diese schlimmstenfalls boykottieren. Vertrauensfördernd ist in diesem Zusammenhang eine offene Kommunikation, Gründe für Entscheidungen transparent zu machen und in Handlungen berechenbar für die Teammitglieder zu sein. Vor allem in Frauenteams scheint eine ausgeprägte Vertrauensbasis außerhalb des Spielfeldes auch das nötige Vertrauen und effizientes Interagieren auf dem Platz positiv zu beeinflussen.

Funktionale Kommunikation

Anspornen, pushen, kritisieren, motivieren und ehrliche Feedbackgespräche können ebenso Herausforderungen der Führungsspielerin sein. Funktionale Kommunikation ist hier das Zauberwort!

Beim Training und im Spiel die nötige Disziplin einfordern, motivierend an gemeinsame Ziele erinnern und exakte (taktische) Anweisungen geben, sind nur eine Seite der Medaille. Hierbei spielt auch die non-verbale Kommunikation (Körpersprache, Mimik, Gestik) – vor allem in kritischen Spielsituationen – eine große Rolle und kann die Stimmung im Team stark beeinflussen.

Empathie

Die Führungsspielerin dient oft auch als Bindeglied zwischen Trainer und der Mannschaft. So kann es vorkommen, dass sie in Feedbackgesprächen die Bedürfnisse der gesamten Mannschaft oder der Einzelspielerinnen dem Trainer nahe bringt.

Viel bedeutender scheint im Vergleich zu den Herren in einem Frauenteam jedoch die empathische Kommunikation zu sein. Zum einen den richtigen Ton von Apell und Wertschätzung auf dem Platz zu treffen – denn erfahrungsgemäß interpretieren Frauen eine Aussage schneller auf der Beziehungsebene als Männer, wodurch die offene Kommunikation und das Vertrauen nochmal an Bedeutung gewinnen. Zum anderen geht es auch darum, einfühlend die Rolle der Zuhörerin und Ansprechpartnerin zu übernehmen und den Austausch neben dem Platz zu fördern, so dass Anliegen der Mannschaftskameradinnen Gehör finden.

„Die Spielerin muss vorangehen und versucht ihre Mitspielerinnen mitzuziehen. Sie dient als Vorbild für die Mannschaft und stellt sich in den Dienst der Mannschaft, hat immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Mitspielerinnen und kann vertrauensvoll damit umgehen.“

Markus Wuckel, Trainer der 1. Damen DSC Arminia Bielefeld e.V.

Die Macht des Einflusses!

Wichtig ist: Der direkte und indirekte Einfluss einer Führungsspielerin auf die Mannschaft und den Trainer sollte ihr bewusst sein. Studien zeigen nicht nur den möglichen Einfluss auf den Mannschaftszusammenhalt, sondern ebenso die Wirkung auf die Einstellung der Mitspielerinnen zum/ zur Trainer/in. Auch die Mannschaftsaustellung kann durch Gespräche mit dem Trainer mitbeeinflusst werden. Über Statements in den Medien kann darüber hinaus die Stimmung in der Mannschaft von der Führungsspielerin geprägt werden.

Aufgrund dieser zum Teil starken Einflussrolle sollte sich eine Führungsspielerin stets selbst hinterfragen, offen für kritische Anmerkungen und für die eigene Weiterentwicklung sein. Diese bewusste Auseinandersetzung mit ihrer Rolle gewährt den adäquaten Umgang mit ihrer „Macht“ und dem Erfüllen von Erwartungen.

Auf den Punkt gebracht

Der Weg zur Führungsspielerin wird durch sportliche Leistungen, ebenso wie soziale Fähigkeiten bestimmt. Die Führungsspielerin wird nicht geboren, sie entwickelt sich stetig – auch durch eigenes Hinterfragen. Wie viel Einfluss eine Führungsspielerin bekommt, bestimmt zu einem Großteil auch der Trainer, der Verantwortung abgibt und Rollenerwartungen kommuniziert. Die Erwartungen und der Druck von außen können groß sein. Umso wichtiger ist die Selbstreflektion der Führungsspielerin über ihr eigenes Wohlbefinden und die direkte Kommunikation mit dem Trainer und dem Team. Eine sehr gute Führungsspielerin vereint zwei Rollen: Zum einen ist sie eine selbstbewusste, spielstarke, dominierende Fußballerin und gleichzeitig eine vertrauensvolle, verantwortungsbewusste, empathische Ansprechpartnerin. Meine Kollegen (zu den Profilen) und ich (zum Profil von Anne Lenz) unterstützen gern, wenn es um die Begleitung von Führungsspielerinnen oder Trainer*innen sowie die Herausbildung von Führungsqualitäten geht.

Mehr zum Thema: 

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/10/24/lara-dickenmann-es-wuerde-viel-bringen-wuerden-sich-einige-fussballer-als-homosexuell-outen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/04/18/daniel-kraus-schlechte-erfahrungen-bleiben-im-kopf-haengen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/10/24/lara-dickenmann-es-wuerde-viel-bringen-wuerden-sich-einige-fussballer-als-homosexuell-outen/

Literatur

Peters, B., Hermann, H.-D. & Müller-Wirth, M. (2012). Führungsspiel – Menschen begeistern, Teams formen, Siegen lernen. München: Ariston Vertrag.

Tippenhauer, H.-D. (2010). Der wahrgenommene Einfluss von Führungsspielern in der Fußball-Bundesliga (Dissertation). Abgerufen von https://d-nb.info/1011479842/34

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Andreas Meyer: Zu früh zurück – Sportler mit Problemen beim Wiedereinstieg nach Verletzungen

Ein physisch wieder genesener Athlet ist nicht unbedingt gleichzeitig auch bereit, wieder ins Wettkampfgeschehen einzutreten. Es kommt immer wieder vor, dass Sportler nach einer Verletzung zu früh in den Wettkampfalltag zurückkehren. Die medizinische Abteilung gibt ihr Okay, weil sie sowohl strukturell als auch funktionell alle Ansprüche erfüllen. Nur leider wird die psychologische Wettkampfvorbereitung zu oft gar nicht beachtet.

In meinem Übersichtsartikel Sportpsychologie und Sportverletzungen (Link zum Leitartikel) habe ich bereits geschildert, warum gerade in dieser Phase die „Kopfarbeit“ besonders wichtig ist und welche Herausforderungen beim Wiedereinstieg in den kompetitiven Sport auf den Athleten warten. Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit den Zielen und Interventionsmöglichkeiten der Sportpsychologie.

Zum Thema: Psychologische Aspekte von Verletzungen in der Wettkampfvorbereitung

Mehr Infos zu Andreas Meyer: https://www.die-sportpsychologen.de/andreas-meyer/

Damit der Sportler wieder erfolgreich und ohne erhöhtes Risiko einen Wettkampf bestreiten kann, muss er auch wettkampftauglich sein. Dies beinhaltet, dass strukturell, funktionell und physiologisch die bevorstehende Belastung ohne erhöhtes Risiko bewältigt werden kann. Das allerdings reicht nicht aus, wenn der Kopf des Athleten nicht mitspielt. Auch mental muss der Athlet wieder wettkampftauglich sein. Andernfalls steigert sich das Verletzungsrisiko deutlich und auch seine Leistung wird er nicht wie gewünscht abrufen können.

Die Ziele der sportpsychologischen Arbeit liegen darin, den Sportler psychisch wettkampffähig zu machen, seine Ängste zu überwinden, sein Selbstvertrauen zu stärken und seine Leistungsfähigkeit zu verbessern. Häufig eingesetzte Werkzeuge sind das Vorstellungstraining (Visualisierung), die Selbstgesprächsregulation und die Arbeit an Zielsetzungen. Es kommen aber auch weitere Methoden dazu, beispielsweise die Wettkampf- und Kontrollmethode sowie das Prognosetraining.

Sensible Phase vor dem Verletzungs-Comeback

Steht der Sportler kurz vor seinem Verletzungs-Comeback, so mehren sich neben der Vorfreude häufig auch Ängste und Zweifel des Athleten. „Hält meine geheilte Struktur die sportliche Belastung aus?“ oder „Kann ich an meine früheren Leistungen anknüpfen?“, sind häufig Gedanken, welche den ansonsten einsatzfähigen Sportler aus der Ruhe bringen. Sie lenken ihn auch gleichzeitig ab, richten seinen Fokus auf seine Probleme und machen ihn sensibel für negative Empfindungen.

Um das Selbstvertrauen des Sportlers zu stärken, seine Ängste und Zweifel zu minimieren und ihn zu motivieren, kann erneut das Rehabilitationsprofil herangezogen werden (dieses habe ich im Beitrag Psychologische Aspekte von Verletzungen in der Akutphase ja bereits vorgestellt, Link zum Text). Damit hat er seinen positiven Rehabilitationsverlauf immer wieder vor Augen und sieht, dass er alle Aspekte erfüllt hat und Zweifel unberechtigt sind.

Beispiel Visualisierungsmethode

Die Visualisierungsmethode kommt auch in der Wettkampfvorbereitung zum Einsatz. Der Athlet durchlebt gedanklich und emotional, dass er die Situationen besteht, in denen er sich verletzt hat. Ein Beispiel zu solch einer geskripteten Vorstellung macht dies deutlich. Zunächst einmal muss das Verletzungsgeschehen klar sein:

Der Fußballer Jan erlitt eine Verletzung der Hamstringmuskulatur, als er einen Konter für seine Mannschaft gelaufen ist. Es ist eine aussichtsreiche Torgelegenheit und er will den Steilpass seines Mitspielers erreichen um anschließend allein auf das gegnerische Tor zulaufen. Der Antritt über die ersten 20 Meter läuft nach Plan, doch kurz vor Erreichen des Balls zieht ihm ein stechender Schmerz in den hinteren Oberschenkel und er stürzt zu Boden.

Anschließend wird die Situation mit einem positiven Ausgang versehen:

Jan stellt sich vor, wie er im Stadion auf dem Rasen steht. Es riecht nach dem nassen Gras des Fußballplatzes und ein leichter Wind weht. Sein Team ist im Ballbesitz und er sieht, dass eine Konterchance besteht. Jan’s Mitspieler schaltet schnell und spielt einen steilen Pass durch die weit vorgerückte Abwehrreihe des Gegners. Jan spürt den Abdruck seiner Stollensohle im Gras. Noch richtig frisch startet er durch und überholt seinen Gegenspieler. Nur noch ca. zehn Meter und er hat den Ball. Jetzt spürt er den Ball am Fuß und richtet seinen Blick zum Torwart, der schon herausgelaufen ist. Jan umspielt ihn mit einer Finte und schiebt den Ball dann locker rein. Das Publikum und seine Mitspieler jubeln. Ein tolles Gefühl!

Solche lebhaften Vorstellungen können den Sportler emotional packen. Rational weiß er, dass er seinem medizinischen Team vertrauen kann, aber es fehlt ihm genau an dieser emotionalen Stellschraube.

Die Selbstgesprächsregulation

Die Selbstgesprächsregulation ist sehr hilfreich, um den Fokus des Athleten weg von negativen Emotionen und hin zu positiven Gedanken zu lenken. Der Sportler entwickelt zusammen mit dem Sportpsychologen hilfreiche Sätze, die ihm dabei helfen, einen unterstützenden Fokus einzunehmen.
Erinnern wir uns an die beiden obigen Sätze, die von negativen Erwartungen geprägt waren. Sobald sich der Sportler beim Aufkommen solcher Gedanken erwischt, unterbricht er diese bewusst und ersetzt sie durch seinen umstrukturierten Satz.

Eine weitere sportpsychologische Methode, die angewendet werden kann, um den Athleten in seiner Wettkampftauglichkeit zu fördern ist das Prognosetraining und die Wettkampfsimulation.

Wettkampfsimulation und Prognosetraining

In der Wettkampfsimulation wird ein tatsächlicher Wettkampf durchgeführt. So könnte dies für einen Leichtathleten beispielsweise ein 100m Sprint sein. Der Sportler bekommt einen festgesetzten Wettkampftermin und durchläuft eine ganz normale Wettkampfvorbereitung, so wie bei einem „echten“ Wettkampf. Es unterscheidet sich jedoch die Situation dahingehend, dass der Wettkampf in einer bekannten Umgebung stattfindet und äußere Faktoren gezielt kontrolliert werden können. Selbst Publikum oder Wettkampfgegner können festgelegt werden. So entwickelt der Sportler wieder Wettkampfspannung in einem vertrauten und für ihn sicheren Rahmen. Außer dem Wettkampf findet sonst kein Training statt. Der 100m Sprint ist also auch an diesem Tag nicht wiederholbar.

Das Prognosetraining kann eingesetzt werden, um weiter Spannung beim Sportler aufzubauen. Der Sportler entwickelt zusammen mit dem Trainer und Sportpsychologen ein Ziel, welches erreicht werden soll (z.B. die 100m in 10,8 Sekunden). Dieses Ziel muss realistisch sein, jedoch so schwer, dass der Athlet eine sehr gute Leistung bringen muss. Die Erfolgswahrscheinlichkeit liegt hierbei meist bei 50:50 oder 60:40 für das Erreichen dieses Ziels. Verknüpft wird diese Wettkampfsituation durch eine Konsequenz, die aus dem Ergebnis resultiert. Erreicht er das Ziel nicht, wartet auf ihn eine vorher festgelegte „unangenehme“ Konsequenz (z.B. die Umkleidekabine putzen). Besteht er allerdings diesen Test, so kann er dafür eine Belohnung erhalten (z.B. der Trainer muss ihn zum Essen einladen). Die Belohnung muss nicht zwingend erforderlich sein, denn meist ist das Bestehen der Situation für den Sportler schon Belohnung genug.

Return to Sport

Die Wettkampfvorbereitung ist die abschließende Phase des sportpsychologischen Return to Sport. Der Sportler sammelt in dieser Phase vor allem Selbstvertrauen, um wieder mit einer positiven Emotion ins Wettkampfgeschehen eingreifen zu können.

Ich hoffe, dass ich durch die Vorstellung dieses Return to Sport Prozesses einige Anregungen geben und Möglichkeiten aufzeigen konnte, die den Athleten nach einer Verletzung auf dem Weg zurück in den Sport begleiten und unterstützen können. Meine Kollegen (zu den Profilen) und ich (zum Profil von Andreas Meyer) können Sportlern und Trainern individuell und sachgerecht helfen.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/26/andreas-meyer-sportpsychologie-und-sportverletzungen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/21/andreas-meyer-psychologische-aspekte-von-verletzungen-in-der-akutphase/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/08/25/thorsten-loch-sexy-wie-ein-zahnarzt-warum-sportpsychologen-in-der-rehabilitation-dennoch-so-wichtig-sind/

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Johanna Constantini: „In den Schlaf digitalisieren“ und Höchstleistungen erbringen? Sportpsychologie in der digitalen Moderne

So wichtig ist er und so wenig Beachtung erfährt er oftmals im Trubel des sportlichen Alltags: Der Schlaf! Im Zeitalter digitaler Medien, in dem das Smartphone als „Betthupferl“ (wie man in Österreich sagen würde) dient und die letzten Trainingstermine vereinbart werden, nachdem das Licht bereits abgeschaltet wurde, spielt der Schlaf auch im Sport eine immer wichtigere Rolle. Denn wie sollen Höchstleistungen erbracht werden können, wenn die Batterien nachts nur halb voll geladen werden? Schlaf dient als wichtige Energiequelle und hängt bei Vernachlässigung mit der Entwicklung von Lern- und Konzentrationsschwächen zusammen. Neben körperlichen Leistungseinbußen gehen auch schwerwiegendere psychische Erkrankungen oftmals mit einem Mangel an Schlaf einher.

Nur mal so: Durchschnittlich sollten erwachsene Menschen acht Stunden pro Nacht schlafen. Um ausgeruht aufzuwachen, braucht es jedoch mehr als sich einfach irgendwann abends ins Bett fallen zu lassen…

Zum Thema: Schlaf und digitale Medien

Johannas Beitrag zum Hören:

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Weitere Informationen

Untersuchungen mit dem Facebook Addiction Scale zeigten einen positiven Zusammenhang zwischen der abendlichen Nutzung von dem sozialen Netzwerk Facebook und Schlafstörungen (Spitzer, 2017). Dass die am Bildschirm verbrachte Zeit generell mit Einbußen in Hinblick auf Konzentration und Aufmerksamkeit zusammenhängt, weiß man bereits seit längerem aus aktuellen Forschungsergebnissen.

Im Sport sind nicht nur die Trainings- sondern vor allem die Regenerationsphasen von großer Bedeutung. Diese Regeneration beschränkt sich weder auf einen trainingsfreien Tag, noch hört sie nach Anbruch der Dunkelheit einfach auf. Ganz im Gegenteil: Unter Beachtung einer analogen Schlafhygiene kann die sportliche Regeneration durch erholsamen Schlaf sogar noch gesteigert werden. Schlaf sollte damit als Teil der sportlichen Regeneration verstanden werden.

Mehr Infos zu Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Analoge Schlafhygiene fördern

Aus sportpsychologischer Sicht ist es unter Beachtung der bisherigen Schlafforschung besonders wichtig, analoges Schlafverhalten zu fördern. SportlerInnen nach ihren Schlafritualen, möglichen digitalen Geräten im und am Nachttisch und nächtlichen Telefongesprächen zu fragen, macht bereits vor dem Aufkommen erster Leistungseinbußen Sinn. Diese sind nämlich vorprogrammiert, sofern sich AthletInnen über einen längeren Zeitraum „in den Schlaf digitalisieren“.

Wer beispielsweise abends noch mit den virtuellen Freunden via Facebook und Co. kommuniziert, der spielt seinem Körper eine gänzlich falsche Welt vor. Nachdem die vermeintlich zwischenmenschliche Kommunikation normalerweise im Tageslicht stattfindet, verschiebt sich bei AthletInnen, die ständig abends chatten, auch nach und nach der zirkadiane oder sogenannte Tag-Nacht-Rhythmus. Nicht genug damit, können dadurch vermehrt Tagesmüdigkeit und entsprechende Verstimmungen bei den Betroffenen auftreten.

Besser schlafen, besser leisten

Wem sein Sport und die dabei möglichen Erfolge wichtig sind, der sollte nicht nur auf regelmäßiges Training, gesunde und ausgewogene Ernährung, ein zielgerichtetes Management und vieles mehr achten. SportlerInnen mit klaren Zielen tun gut daran, auch und vor allem ihre Schlafhygiene im Blick zu behalten. Sportpsychologen der digitalen Moderne sollten ihre AthletInnen darin bestärken, analoge Schlafrituale fordern, um die Gesundheit und die sportlichen Erfolge ihrer Schützlinge auch langfristig zu fördern.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/10/17/dr-rene-paasch-schlafqualitaet-im-fussball/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/07/andreas-meyer-stress-als-risikofaktor-nummer-1/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/25/johanna-constantini-handy-zeit-oder-smartphone-verbot-strategien-zur-digitalen-wettkampfvorbereitung/

Quellen:

Spitzer, M. 2017. Cyberkrank. Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Droemer Verlag. Taschenbuch

Einfach-gesund-schlafen.com

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Betreuungsansätze für die sportpsychologische Arbeit mit Jugendlichen

Die faszinierenden Facetten der angewandten Sportpsychologie manifestieren sich oft im Erleben besonderer Vitalität, Veränderlichkeit und zuweilen Sprunghaftigkeit. Insbesondere im Umgang mit jungen Athletinnen und Athleten und ihrer Entwicklung im Sport gestalten sich diese Ausprägungen zuweilen atemberauend schnell, meist auch sehr dynamisch. Um Jugendliche besser verstehen und begleiten zu können, wünschten sich Eltern, Trainerinnen oder Sportpsychologen oft mehr Informationen von den/ihren Kindern, um besseren Einblick in deren Erleben und Handeln zu bekommen. Als Vater einer Leichtathletik begeisterten Tochter fühle ich mich hier gleich mehrfach herausgefordert. Soll ich als Vater auch ihr Trainer und Sportpsychologe sein?

Zum Thema: Informationsgewinnung im Arbeitsalltag der Angewandten Sportpsychologie

Mehr Infos zu Dr. Hanspeter Gubelmann: https://www.die-sportpsychologen.de/hanspeter-gubelmann/

Das Ziel dieses Beitrags liegt nicht in einer Aufarbeitung dieser komplexen Beziehungskonstellation. Stattdessen möchte ich anhand eines Beispiels (17-jährige Sprinterin in der Leichtathletik) zwei unterschiedliche Betreuungsansätze kurz ansprechen, wie wir im Umfeld sportbegeisterter Jugendlicher zu Informationen gelangen, die für unsere Beratungsangebote bedeutsam, häufig auch notwendig sind.

Berichten – Beobachten – Beschreiben

Als ehemaliger Leichtathlet und Trainer im Nachwuchsbereich dieser Sportart fällt es mir leicht(er), die gestellten mentalen Anforderungen an eine junge Sportlerin einzuschätzen. Ich kenne das Anforderungsprofil, entsprechend gezielt(er) kann ich in der Anamnese und in der inhaltlichen Gestaltung der Diskussion vorgehen. Im Fall der 17-jährigen Tanja (fiktiv, nicht verwandt) würde ich in der Betreuungssituation auf „traditionelle“ Vorgehensweisen, Methoden und Tools zurückgreifen, die sich auch an meine sportpsychologischen Erfahrungen in der Betreuung von Sprinterinnen anlehnen.

Dazu zählen: Erstgespräch, halbstrukturiertes Interview, insbesondere Schilderungen zu „best/worst ever“-Erfahrungen, Beobachtungen aus Trainings- und Wettkampf-Situationen, Schilderung aus Sitzungen mit Video-Selbstkonfrontation, Erarbeitung von (mentalen) Handlungsplänen, Einbezug von Informationen aus dem Trainingstagebuch und von Drittpersonen (Trainer, Freunde) usw. Entsprechend der Auftragsklärung, der Zielvereinbarung und Diskussion zu möglichen Interventionen (z.B. Bewegungsvorstellungstraining, Regulation Vorstartzustand etc.) entsteht letztlich das individuelle Interventionskonzept für Tanja.

Präsent sein – Interesse bekunden – geduldig sein

Grundsätzlich wäre es denkbar, die oben beschriebene Vorgehensweise auch in der Begleitung meiner Tochter Catia anzuwenden. Aus meiner Ausbildungszeit nahm ich die Überzeugung mit, meine Rolle als Vater nicht mit einer (möglichen) Rolle als Trainer oder Sportpsychologe zu vermischen. Mich interessiert primär die menschliche Entwicklung meiner Tochter, ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen. Selbstverständlich freue ich mich über ihr Engagement in der Leichtathletik, höre ihr gerne zu, wenn sie von ihren Erfahrungen berichtet und begleite sie gelegentlich als Zuschauer an Wettkämpfen.

Ich versuche ein offenes Ohr für ihre Anliegen zu haben – gleichermassen offen und zugewandt wie zu ihrem Zwillingsbruder. Ich möchte meinen Kindern gerade in der anspruchsvollen Entwicklungsphase der Pubertät und in der Zeit ihrer beruflichen Orientierung beides sein können: Unterstützer – aber auch «eine Wand, gegen die sie spielen können».

Teachable moments…

Um ihr in der oben beschriebenen Konstellation als Vater trotzdem sportpsychologisch behilflich sein zu können, nutze ich gelegentlich Möglichkeiten, die sich z.B. im schulischen Umfeld eröffnen. Von einem derartigen „teachable moment“ erzählt der Aufsatz von Catia. Sie bekam im Englischunterricht die Aufgabe gestellt, einen Essay zum Thema „Ort“ zu verfassen. Sie kam auf mich zu und fragte, ob das schriftlich gestellte Essay-Thema auch eine Beschreibung ihres Erlebens eines 100m-Sprints zuliesse – was ich selbstverständlich bejahte. Sogleich begannen wir über eine mögliche Dramaturgie nachzudenken. Darüber, wie sich „action“ and „feelings“ miteinander verbinden liessen. Selbständig machte sie sich an die Abfassung ihres Aufsatzes in der geforderten Länge von 1’000 Wörtern. Der Text entwickelte sich verteilt über mehrere Tage und nahm wohl viel mehr Zeit in Anspruch, als sie ursprünglich gedacht hatte!

Höchst bemerkenswert bei „My sweet spot“ (zum Text) fand ich Catias Bemerkung ganz zum Ende ihrer Arbeit: „Weißt du, Paps, es sind ja noch tausend andere Dinge, die mir jetzt eingefallen sind, über die ich aber nicht schreiben konnte. 1000 Wörter sind gefordert, ich habe genau 1013! Aber ich erzähle dir jetzt mal detailliert, wie ich mich in den Startblock setze und was meine Handbewegung genau bedeutet, wenn ich so über die Startlinie streiche“. Und sie begann damit, ihr Startritual zu mimen und erzählte mir in sehr authentischer Art ihre damit verbundenen Empfindungen. Ich war erstaunt, als ich realisierte, wie ausgeprägt ihre Startroutine jener glich, die ich vor mehr als 30 Jahren selbst als Sprinter angewandt hatte. Zuvor hatten wir noch nie über diesen Handlungsablauf gesprochen.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/04/23/catia-gubelmann-my-sweet-spot/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/12/kathrin-seufert-wie-wichtig-sind-eltern-fuer-den-erfolg-von-nachwuchssportlern/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/12/12/dr-rene-paasch-trainer-und-eltern-am-spielfeldrand/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/07/06/lena-tessmer-die-ressource-eltern/

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Catia Gubelmann: My sweet spot

Catia Gubelmann (Quelle: DeinSportmoment.ch)

Catia Gubelmann ist eine talentierte Mehrkämpferin und Sprinterin. Die junge Leichtathletin startet für den Leichtathletik-Club Unterstrass Zürich. Bei den U-18 Frauen gewann sie die Ostschweizer Meisterschaften über 200m und schaffte es an den Schweizer Meisterschaften in den B-Final. Nach überstandener Kreuzbandverletzung wird sie 2019 versuchen, ihre Bestleistungen über 100m (12.62sec) und 200m (25.65sec) zu verbessern. Im Rahmen des Englischunterrichtes an der Kantonsschule Zürich Oberland bekam sie die Aufgabe, über einen „Ort“ – der Ort ihrer Wahl – einen Essay zu schreiben. Die Tochter des Profilinhabers Dr. Hanspeter Gubelmann verfasste daraufhin diesen Text:

Nerves. Pressure. Excitement. A race to win. I’m sitting in lane four, right in the middle of the pack of 8 competitors. This is my story of how a 100 meters sprint is won. It’s all about the race within, inside my body.

The task seems easy to accomplish. Running 100m as fast as you can again! The stadium where the 100 meter dash takes place might vary in shape and architecture, the athletic challenge remains unchanged. The place to excel lays exactly 100 meters ahead of me. I want to cross that finishing line first. That’s where my sweet spot is waiting.

On competition day, there are several hours until the gun goes for my race. How do I fill the anxious hours? I try to keep calm and easy. I get in touch with my friend and family, talk to somebody I feel good around – because sometimes when I think about the race to much I tend to start getting upset. By the time I get to the stadium, the tension is building up. First, I prefer to take myself off to a corner, put my headphones on and get into my world. I feel myself pumped up and ready to go.

It takes me about an hour to warm up. Usually I want to block out all the noise and distraction around the event. After completing my warming up ritual, I get really focused. I find visualisation really works for me. I go through my race plan in my mind. That helps me to reduce my nervousness. I primarily focus on my technique of starting and upright sprinting. In the second part of my run, I am trying to switch into what I call „autopilot mode of sprinting“. I then start listening to my body and feeling the speed of movement. As the start comes closer I have to accept the nervous part of what I do. In the call room, where we wait to be taken to the blocks, I’m completely in my own world. I feel tense. A first rush of adrenaline kicks in when the official announces: «Let’s go folks!»

I can feel my heartbeat. It’s a the wellknown signal of my body indicating that I’m ready to race. I’m focusing on my needs, adjusting the blocks properly and then starting my final pre-competition routine: inhale, exhale! After a little pause, the referee whistles and puts out the call: «On your marks!» I’m well prepared, focused, energized! I’m in lane 4 – perfect! I can do it!

Now it’s my turn… I walk with full anticipation to my starting block. I am placed between the two lines, which are limiting my track, but I don’t feel cramped. First, I am jumping up with drawn up knees. Shortly after, I get into the starting block, then settle down. It’s all quiet now. The starting line is glowing brightly. In a moment of excitement it triggers a mental flashlight: What a feeling! «Get set!» – sounds the voice of the referee echoing throughout the arena.  I slowly move my body into my starting position with my right foot in the front block and my fingers pressed against the starting line. With my eyes open I feel every aspect of anxiousness transforming into positive energy! Again adrenaline is running through my veins. «Set!». I take a deep breath and hold it while feeling my heart pumping: bum-bum-bum… Now, nothing can hold me back. Everything around me seems to disappear… I’m ready and instinctly listening for the gun!

“Peng!” Like an explosion and with all my power built up during my starting ritual, I’m pushing out of the starting blocks. I know from my own experience, that in this moment the whole audience begins to shout, to yell. But as the starting signal sounds, there is nothing else than I’m aware of. It’s completely mute, I probably would hear a pin fall to the ground. It feels like sprinting in my own world. Total silence. The only thing I am experiencing in this moment, are my muscle fibres pushing me forward. I’m accelerating with powerful strides, getting faster and faster on the first 30 meters. For me, the only thing that matters, is to feel my body pushing me forward. During the race, I’m energized the way I could go forever. The headwind is blowing into my face the way it feels like flying. Roughly 60 strides, then I’m done! Sprinting towards the finishing in this extraordinary state of mind is the most vivid and passionate experience I can think of in sports. All this happens in about twelve seconds. With my sweet spot at the end of the sprint – leading the race at the finish line!

Crossing the finish line has something to do with what I call self-affirmation. Normally, I have a much longer braking distance than the other athletes. I don’t exactly know why… maybe I just want to run farther and farther and just don’t want to stop enjoying myself. After the race, when I came to a stand, I’m back to the normal or “real” world. The audience is shouting enthusiastically, cheering for all the competitors. It’s now that I can hear them for the first time. My colleagues are hugging each other and also me. “Congratulations” says one of my allies adding: „Wow, you were going so fast, no way to beat you this time!“. I respond: “Thanks a lot”.  It take me some moments to really calm down, also to mentally replay the 100 meter dash I ran only a few minutes ago. I’m not tired but I feel exhausted. How was my start? Did I accelerate properly? What could I do better next time? “Are you satisfied with your performance?”, a media reporter once asked me after a last season’s race. I’m not familiar with the situation giving an interview. „Well, I enjoyed the sprint but I cannot say more about my performance“, I replied to the interviewer. It’s better for me to keep my „sweet spot“ as a secret!

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/04/23/dr-hanspeter-gubelmann-betreuungsansaetze-fuer-die-sportpsychologische-arbeit-mit-jugendlichen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/08/31/dr-hanspeter-gubelmann-inside-sport-psychology-do-we-practise-what-we-preach/

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/08/22/thorsten-loch-was-alle-von-usain-bolt-lernen-koennen/

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Johannes Wunder: Reflektion im Teamsport

Personalgespräche gibt es nicht nur in der Wirtschaft. Auch im Sport wird sich unterhalten. Zwischen Trainern und Sportlern, Sportlern und Sportlern oder Trainern und Trainern. Und da die Häufigkeit der Entscheidungen und Leistungsabfragen während einer Trainingswoche oder einem Wettkampf enorm hoch ist, gibt es folglich auch viel Potential für unterschiedliche Auffassungen. Doch wie können wir Situationen im Gespräch objektivieren? Die Wahrnehmung ist aus eigener Erfahrung teilweise sehr verschieden. Sätze wie „Ich sehe in dir Führungsqualitäten“ oder „du bist in dieser Technik nicht konstant“ sind nur zwei Beispiele, welche viel Interpretationsspielraum zulassen.

Zum Thema: Wahrnehmung im Sport und wie eine gute Analyse Leistung steigernd wirken kann

Zu Beginn ist es wichtig, einen kurzen Einblick in das Thema Wahrnehmung zu geben. „Die scheinbare Einfachheit der Wahrnehmung führt also dazu, dass wir die Ergebnisse der Wahrnehmung für korrekte Abbilder der Außenwelt halten.“ (Hagendorf et al., 2011). Wir nehmen unsere Umwelt also wahr und für uns ist das die (eigene) Realität. Beeinflusst wird diese durch viele Faktoren, u.a. durch eigene Erfahrungswerte. „Letztendliches Ergebnis der Wahrnehmung ist die Reaktion auf die Umwelt. Viele Reaktionen zielen darauf ab, den nächsten Durchlauf der Wahrnehmungskette zu beeinflussen, indem neue Eigenschaften der Umwelt für die Wahrnehmung zugänglich gemacht werden.“ (Bley, 2006).

Wir Trainer, aber auch Berater im Bereich der Sportpsychologie stehen immer wieder vor der Hürde, die eigene Wahrnehmung zu reflektieren, herunterzubrechen und sich auch in die Wahrnehmung anderer hineinzuversetzen. Oder eben die eigene Realität so zu kommunizieren und keine Allgemeingültigkeit daraus zu machen. Wie kann man seine Wahrnehmung aber objektivieren, um mehr oder weniger valide Aussagen zum Beispiel zur Leistung eines Athleten treffen zu können?

In einem meiner vorigen Artikel (Link zum Text inklusive des Fragebogens) habe ich einen Fragebogen vorgestellt, den ich speziell für die Themengebiete von Spitzensportlern im Basketball zusammengestellt habe. Ich habe bereits über die Vorteile gesprochen, die eine Reflektion des Sportlers selbst und auch seiner Teamkollegen mit sich bringt.

Die Ergebnisse lassen aber deutlich mehr Rückschlüsse auf den Einzelnen und das Team zu, als nur den Vergleich zweier Auswertungen.

Mehr Infos zu Johannes Wunder: https://www.die-sportpsychologen.de/johanneswunder/

Einbezug von Trainermeinung

Im Rahmen der Datenanalyse habe ich die Fragen für die jeweiligen Spieler auch an die Trainer weitergegeben. Die Einschätzung habe ich in die Auswertung mit einbezogen. So lassen sich nicht nur Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Teamdurchschnitt und dem Trainerteam ausfindig machen, sondern auch unter den einzelnen Trainern. Zudem können die Werte in „Personalgesprächen“ als Grundlage dienen, wenn es um die Einschätzung der Leistung geht. Wenn der Sportler möchte, kann er in diesem Rahmen auch seine eigene Einschätzung vorlegen. Ein gemeinsamer Vergleich kann so positiv und produktiv stattfinden und der Austausch über die eigene Wahrnehmung gelingt nahezu spielerisch.

Gruppendynamiken ausfindig machen

Eine weitere Möglichkeit bietet sich, wenn die Durchschnittswerte untereinander verglichen werden. Dies kann sowohl nur inoffiziell im Trainerteam erfolgen oder öffentlich für die Mannschaft. Ein internes Ranking von Highscores oder spezifischen Fragen gibt einen konkreten Eindruck, wie die Teammitglieder einen Spieler sehen. So können sich Führungspersönlichkeiten manifestieren oder herausbilden, wenn sich ein Athlet schlechter sieht als seine gesamten Teamkollegen ihn bewerten. Ein Spieler, der in den meisten Fragen zum Beispiel hohe Werte erreicht, wird von seinen Teamkollegen als führendes Mitglied betrachtet – natürlich abhängig von den Fragekategorien.

Heikles Thema Spielzeit

Auch die Spielzeit kann indirekt zum Thema werden. So kann der Trainer seine Wahrnehmung zu einzelnen Spielern mit der des gesamten Teams überprüfen. Liegt er annähernd richtig, dient dies als Argumentationsgrundlage. Weicht die Einschätzung massiv ab, gilt es Ursachen zu finden oder zu korrigieren.

Zielsetzung und Zielvereinbarungen

Abschließend wurden die Daten auch zur Erarbeitung von Zielen genutzt. Gemeinsam mit den Spielern habe ich die Fragen so unterteilt, dass klar ist, welche Punkte kurz, mittel und langfristig veränderbar wären. Konkret gab es vor einem sportlich entscheidenden Spiel dann die Aufgabe, sich zwei Fragen herauszusuchen, die der Spieler korrigieren will. Im Anschluss sollte jeder Sportler notieren, wie er seinen Durchschnittsscore bei diesem Punkt konkret kurzfristig verbessern kann, zum Beispiel „Reden in der Verteidigung“ oder „Aktiver Support auf der Auswechselbank“.

Die Notizen habe ich dann vor dem Spiel in der Umkleidekabine aufgehangen – mit dem Hinweis, dass jeder sehen kann, was sein Teammitglied sich vorgenommen hat. Und ihn notfalls auch erinnern kann, wenn während des Spiels der Fokus kurz verloren geht. Das schafft nicht nur Transparenz, sondern auch ein Gefühl der Gemeinsamkeit, das bevorstehende Ziel mit den vorhandenen Ressourcen zu erreichen.

Mehr zum Thema:

Literatur:

Schweizer (2014). Neuroleadership: Fremd- und Selbsteinschätzung des Führungskräfteverhaltens in einem mittelständischen Unternehmen.

Hoorn, Rindt & Stampfl (2010). Leitfaden zur Kompetenzbilanz im Freiwilligendienst.

Fuchslocher J., Romann M.: Ein Talentselektions-Instrument für den Nachwuchsleistungssport: «PISTE». In: Neumann G, ed. Talentdiagnose und Talentprognose im Nachwuchsleistungssport 2 BISp-Symposium: Theorie trifft Praxis. Bonn: Sportverlag Strauss, 2009:151–152.

Hagendorf et al. (2011). Allgemeine Psychologie für Bachelor: Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Springer

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Daniel Kraus: Schlechte Erfahrungen bleiben im Kopf hängen

Bei der SGS Essen sind Cheftrainer Daniel Kraus und Sportpsychologe Dr. René Paasch seit 2016 ein Gespann. Der frühere Zweitliga-Profi, der für den FC Carl Zeiss Jena als Torhüter knapp 100 Spiele bestritten hat, wollte bei seinem Amtsantritt unbedingt einen Fachmann für den Arbeitsbereich Sportpsychologie als Teil seines Trainerteams etablieren.

Zum Video in voller Länge:

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Dabei hatte Kraus wirklich schräge Erfahrungen gemacht: Als Profi des Zweitligisten FC Carl Zeiss Jena erlebte er mitten im Abstiegskampf der Saison 2007/2008 einen sogenannten Motivationsguru, der das Team unter anderem zum DFB-Pokalviertelfinalspiel beim VfB Stuttgart begleitete. Dort gewannen die Thüringer sensationell und der Guru nutzte den Erfolg für einen großen Auftritt in den Boulevard-Medien. Er versprach, dass die Mannschaft nun keine Partie mehr verlieren werde. Dies hatte sich bei der nächsten Liga-Partie schon erübrigt, so dass sich die Wege trennten. Kraus: „Aber für viele meiner Mitspieler war das ein negatives Aha-Erlebnis.“ Denn wenn das also Sportpsychologie sei, dann brauche man das nicht, war die einhellige Meinung im Team.

Zum Profil von Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

In Essen hat Kraus mit Beginn seiner Amtszeit auf die fachliche Unterstützung des Sportpsychologen Dr. René Paasch (zum Profil). Einer der Fußballexperten aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen ist seit drei Jahren Teil des Essener Funktionsteams und konnte miterleben, wie sich der kleine Verein mit seinen bescheidenen Mitteln hinter den Topclubs VfL Wolfsburg, Bayern München und Turbine Potsdam etablieren konnte. Im Interview spricht Kraus über die Zusammenarbeit mit Paasch, das vielerorts noch unentdeckte Potential der Sportpsychologie im Männer- und Frauenfußball und die speziellen Herausforderungen, die Frauenteams an Sportpsychologen stellen.

Zur Saison 2019/2020 wechselt Kraus als Cheftrainer zum SC Freiburg. Voraussichtlich werden sich die Wege der beiden Fußballverrückten, die in den vergangenen Jahren Freunde geworden sind, trennen.

Auszüge aus dem Interview: 

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Kathrin Seufert: Der schwierige Umgang von Eltern und Trainern – und umgekehrt

“Das kann doch wohl nicht wahr sein. Was hat der sich denn dabei gedacht?” Solche Aussprüche von Vätern oder Müttern von Mannschaftssportlern finden an jedem Wochenende tausendfach statt. Hinter vorgehaltener Hand oder auch ganz offen wird kritisiert, was sich die Trainerstäbe hinsichtlich der Aufstellung oder der Taktik für das bevorstehende Spiel ausgedacht haben. Wir reden hier von einer Beziehung, die vor allem im Nachwuchsspitzensport viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

Zum Thema: Die Beziehung von Trainer und Eltern

Als Trainer eines Sportlers hat man vor allem im Anfänger- und Aufbaubereich viel mit den Eltern des Athleten zu tun. Als Erziehungsberechtigte sind sie für das Kind verantwortlich und wollen immer nur das Beste für ihre Tochter oder ihren Sohn. Sie fungieren als Fahrservice, Betreuer, Berater, Psychologe, Organisator und kleine medizinische Abteilung. Doch im Laufe der sportlichen Karriere ändert sich die Gewichtung, auf den Trainer kommt dann eine immer bedeutsamere und intensivere Rolle zu.

Um die Entwicklung des Kindes vor allem in Bezug auf die Unterstützungsleistungen, die es im Laufe der sportlichen Laufbahn benötigt, zu verdeutlichen, werden im Folgenden die einzelnen Phasen und Abschnitte zunächst genauer beleuchtet. Salmela hat dazu in seinem Karrieremodell eine Dreiteilung der Sportlerentwicklung vorgenommen, auf die ich mich beziehe:

Phase I – Der Beginn

Phase II – die Entwicklung

Phase III – die Meisterschaft.

Phase I – Der Beginn

Die erste Phase ist gekennzeichnet von dem Einstieg in eine Sportart und besticht dadurch, dass das Kind vor allem nur aus Spaß am Sport diesen ausübt. Die Rolle der Eltern in dieser Phase soll sein, diesen Spaß zu unterstützen und die organisatorischen Rahmenbedingungen zu schaffen, um dem Kind eine Teilnahme an dem sportlichen Geschehen zu ermöglichen.

Ein Trainer beginnt mit seinen Schützlingen auch nicht im strengen Wettkampfmodus, sondern versucht über Spiel und Freude am Sport den Kindern das Training so schön wie möglich zu gestalten.

Mehr Infos zu Kathrin Seufert: https://www.die-sportpsychologen.de/kathrin-seufert/

Häufige Probleme

Welche Probleme treten in der ersten Phase auf? Es ist immer wieder der Fall, dass ein Elternteil auch die Rolle des/der Trainers/in bekleidet. Hier ist es ratsam, während des Trainings in einer Rolle zu bleiben, um dem Kind eine klare Verteilung zu zeigen. Ebenso ist es für die anderen Kinder von Vorteil, wenn keine persönlichen Erziehungshinweise einfließen, um sicherzustellen, dass sich niemand benachteiligt fühlt.

Aber auch in der Eltern-Trainer Beziehung kann es schon in der ersten Phase zu Diskussionen kommen. Thematiken können sein, dass sehr ehrgeizige Eltern zu viel für das Kind wollen oder selbst erfolgreich in der Sportart waren und viel Erfahrung aufweisen, die den Trainer implizit oder explizit unter Druck setzt. Der Tipp für Trainer, die sich in diesen Situationen unwohl fühlen oder nicht genau wissen, wie sie damit umgehen sollen, lautet: Legen Sie eine Mischung aus Selbstbewusstsein und Anerkennung gegenüber der Erfahrung an den Tag! Wie könnte das aussehen? Konstruieren wir uns dazu ein Beispiel.

Beispiel zum Umgang mit erfahrenen (Sportler)eltern

Die kleine Hanni kommt zweimal die Woche mit ihrer Mutter zum Schwimmen. Während Hanni bei Ihnen schwimmt, schaut ihre Mutter von der Tribüne aus zu. Hannis Mutter war mehrfache Deutsche Jugendmeisterin im Schwimmen und hat schon vor Jahren dem Schwimmsport den Rücken gekehrt. In der Schwimmausbildung wird in ihrem Verein so vorgegangen, dass die Kinder zunächst das Rücken- und Kraulschwimmen erlernen, bevor Sie das Brustschwimmen und später das Schmetterlingsschwimmen beigebracht bekommen. Des Öfteren hat die Mama von Hanni Sie nun schon darauf angesprochen, dass Hanni eine super Brustschwimmerin sei, da sie das mit ihrer Tochter schon mehrfach geübt habe. Sie sollten nun doch bitte darauf aufbauen!

Als Coach bleiben Sie zunächst einmal total souverän. Sie sind der Trainer! Sie sind qualifiziert und lizensiert und das sollten Sie nie aus dem Blick verlieren. Doch ist man ja nie perfekt und als Trainer auch immer wissbegierig und lernfähig. Daher ist es sinnvoll, der Mutter von Hanni zu erklären, wie der Ausbildungsweg in ihrem Verein aussieht, es plausibel zu begründen und dann aber auch ihre Expertise mit aufzunehmen. So wäre beispielsweise eine Nachfrage zu ihrer Schwimmausbildung oder ihren Vorstellungen hilfreich, um abzugleichen, wie der Stand der Mutter ist, um dies dann mit Ihrem Status quo zu vergleichen.

„Den größten Fehler, den wir jetzt machen könnten, wäre, die Schuld beim Trainer zu suchen.“

Karl-Heinz Körbel

Phase II – die Entwicklung

In der zweiten Phase der frühen “Karriere” geht es um die Entwicklung in der Sportart. Bis hierhin hat das Kind vielleicht noch mehrere Sportarten parallel betrieben und sich hier und dort mal ausprobiert. Doch in dieser Phase wandert die Identifizierung mit dem Sport auf eine neue Ebene, sodass auch eine Fokussierung auf eine Sache von Nöten ist. Dies liegt vor allem an dem steigenden Trainingsumfang aber auch an der Sozialisation, die die Kinder in ihren Trainingsgruppen intensivieren. Als Trainer übernimmt man in dieser Phase erste Anteile, die zuvor die Eltern innehatten. Da die Elternteile nun vermehrt eher für die instrumentelle Unterstützung gebraucht werden, wie dem Fahren zum Training und der finanziellen Unterstützung, sind sie dafür weniger Ansprechpartner für die fachlichen Dinge, die das Kind beschäftigen. Hier wird der Trainer die wichtigere Bezugsperson im Vergleich zu den Eltern, die im Anfängerbereich noch an erster Stelle standen.

Und da die Jugendlichen in dieser Phase auch die ersten eigenen Ziele entwickeln und meist mit Trainern abstimmen, geraten die Eltern mit ihren Vorstellungen in den Hintergrund. Viele Mütter und Väter nehmen dies persönlich und sehen es nicht als Entwicklungsprozess des eigenen Kindes an. Dies birgt Gefahr für den Trainer. Denn nicht jedes Elternteil kann diesen Umschwung und die Abgabe dieser Unterstützungsleistung so einfach verkraften. Die Eltern versuchen durchaus bei der Zielfindung ihren Teil dazu beizutragen, doch sind die Interessen zu dem Zeitpunkt nicht immer auch die Interessen des Kindes. Sie projizieren unter Umständen eigene Ziele auf die des Sportlers und erzeugen so einen Druck, der für die Jugendlichen nicht immer zu einer Motivation führt.

Neue Rolle der Eltern und die drohende Drop-Out-Gefahr

Als Trainer ist es wichtig, die Eltern weiter an ihre Kernkompetenzen zu erinnern. Sie sind weiterhin die emotionale Stütze und einer der wichtigsten Bausteine, damit das Kind überhaupt das Training machen kann. Geben sie den Eltern etwas Zeit, sich daran zu gewöhnen, dass ihre Kinder nun auch andere um Rat fragen.

Eines sollte sowohl Eltern als auch Trainern bewusst sein: Es besteht die konkrete Gefahr, dass durch auftretende Probleme, zu viel Druck oder Streitigkeiten in ihrem Umfeld zum Beispiel zwischen Eltern und Trainer die Gefahr des sogenannten Drop-Outs. Denn kann die Identifikation mit dem Sport und der damit verbunden Freude und Leidenschaft für die Sache nicht reifen, so verlieren die Jugendlichen den Spaß und beenden ihre sportliche Karriere, bevor sie so richtig begonnen hat.

Phase III – die Meisterschaft

Werden die ersten beiden Phasen erfolgreich durchlaufen, so erreichen die Jugendlichen die Phase III – die Meisterschaftsphase. Diese beinhaltet den Leistungshöhepunkt des Athleten. Dies hat zur Folge, dass eine Professionalisierung in maximalem Maße angesteuert wird. Dabei rücken Trainer und Berater in den Hauptfokus des Systems eines Sportlers. Auf erfolgreicher Ebene sind finanzielle Förderungen durch den Kaderstatus und der Sportförderung ausgeprägt und somit wird auch die finanzielle Unterstützung der Eltern im Regelfall weniger notwendig. Aufgrund der Professionalisierung kann es in der Phase dazu kommen, dass die Sportler ihren Trainingsort verlegen, um mit anderen qualitativ ebenbürtigen Athleten zu trainieren. Daher werden die Eltern nicht nur auf räumliche Distanz gesetzt, sondern sie erleben dies auch in gewissem Maße auf persönlicher Ebene. Die Sportfamilie füllt dabei eine wichtige Rolle aus, in welcher ein Trainer einen Elternteil darstellen kann.

Für einen Trainer heißt es hier aber auch, als Elternersatz dem Sportler klar zu machen, in welcher Rolle man sich gerade befindet. Denn es ist ja auch oftmals im Sport der Fall, dass wirklich ein Elternteil als Trainer arbeitet. Für beide Fälle ist es unbedingt notwendig, dem Athleten klar verständlich zu machen, auf welcher Ebene man gerade etwas von dem Sportler verlangt. Ist es der Trainer, der da aus einem spricht oder ein elterlicher Rat, der auf privater Ebene beruht. Wenn man nicht sicher ist, wie eine Aufforderung beim Sportler ankommt, sollte man dies lieber nachträglich noch klarstellen und offen ansprechen, um Missverständnisse zu vermeiden.

Wenn der elterliche Druck wächst

Jedoch ist es auch bekannt, dass es Eltern gibt, die sich im Laufe der sportlichen Karriere des Kindes auch fachlich in der Sportart weitergebildet haben. Dadurch etablieren sie sich als ein sehr guter Berater ihres Kindes. In diesen Fällen kann es dazu kommen, dass ein Druck auf den Jugendlichen aufgebaut wird, der durch eine Erinnerung an die bisherige Unterstützung seitens der Eltern und der dadurch erwarteten Dankbarkeit verstärkt wird. „Wir haben ja schon so viel für dich geopfert, jetzt kannst du auch mal was so machen, wie wir das sagen…“

Das sind Sätze, die in Sportlerhaushalten so oder so ähnlich fallen können. Als Trainer kann man hier als Mittelsmann fungieren oder den Sportler ermutigen, seine Entscheidung mit den Eltern zu diskutieren und sich Meinungen einzuholen, diese dann aber auf Grund der eigenen Einschätzung zu treffen.

„Du schaffst es vielleicht nicht ganz an die Spitze, aber wenn du das tust, was du liebst, wirst du mehr Glück und Freude finden, als mit Reichtum und Ruhm.“

Tony Hawk

Fazit

Insgesamt lässt sich festhalten, dass es für Trainer mit Sicherheit nicht immer einfach ist, mit den Eltern seiner Schützlinge richtig umzugehen. Es ist sicherlich von Vorteil, sich beide Perspektiven immer wieder vor Augen zu halten. Die Kernfrage lautet: Mit welchen Wünschen, Erwartungen und Sichtweisen verbindet sich die jeweilige Position? Dadurch erspart man sich selbst auch Ärger und Nerven. Die Suche nach einem offenen Gespräch und der Akzeptanz von anderen Ansichten ist ebenso unabdingbar, wie das Zuschreiben von Kompetenzen und der Trennung von sportlichen und privaten Entscheidungen. Eine weitere Möglichkeit ist das Schaffen von Regeln und eines Verhaltenskodexes. Bestimmte Abstände, die ein Elternteil halten soll, respektvoller Umgang der Eltern untereinander, auch wenn die Kinder im „Konkurrenzkampf“ um eine Position stehen und das vor und nach dem Spiel/Wettkampf die Mannschaft zunächst für sich ist und dann erst Eltern, Freunde und Co. dazu kommen.

„Talent gewinnt Spiele, aber Teamwork und Intelligenz gewinnt Meisterschaften.“

Michael Jordan

Ein Sportpsychologe oder sportpsychologischer Berater kann für jeden Trainer eine Möglichkeit sein, sich mit solchen Problematiken auseinander zu setzen und für sich selbst einen Weg zu finden, mit den Herausforderungen der Trainer-Eltern-Beziehung umzugehen. Im Coach-the-Coach Konzept wird unter anderem am Auftreten, der Kommunikation und der persönlichen Regulation des Trainers gearbeitet und diese optimiert, mit dem Ziel des persönlichen Wohlbefindens und der bestmöglichen Leistung am Spielfeldrand (als „synonym“ für alle Sportarten). Meine Kollegen (zu den Profilseiten) und ich (zum Profil von Kathrin Seufert) helfen Ihnen – seien Sie Trainer, Elternteil oder beides – gern.

Mehr zum Thema:

Literatur

Salmela, J. H. (1994). Phases and transitions across sport careers.
Psycho-social issues and interventions in elite sport, 11-28.

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Dr. René Paasch: Deutlich schneller Informationen verarbeiten – Neuronale Konditionierung im Fußball

Mentale Fähigkeiten gehören mittlerweile aus meiner Sicht zu den entscheidenden Erfolgsfaktoren im Fußball. Die sportpsychologische Forschung dazu ist noch vergleichsweise jung. Auf der Suche nach geeigneten Trainingsmitteln, bin ich auf den  NeuroTracker gestoßen. Prof. Jocelyn Faubert und Lee Sidebottom von der Université de Montréal geben dazu einen wissenschaftlichen und praktischen Überblick, der unsere Dienstleistung noch greifbarer machen könnte.

Zum Thema: Neuronale Konditionierung im Fußball

Mehr Infos zu Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Fußballer müssen eine große Mengen an Informationen unter hohen psychischen und physischen Druck verarbeiten können. Studien deuten darauf hin, dass kognitive Fähigkeiten ein ausschlaggebendes Merkmal für sportliche Spitzenleistung sind (Williams, Davids, Williams, 1999). Dies gilt besonders für Mannschaftssportarten. Hier treffen ein regelmäßiger Informationszufluss und bewegende Elemente (z. B. Spieler und Ball) auf Handlungsvorhersagen und Entscheidungen. Eine interessante Studie dazu von  Vestberg und Team (2012) zufolge unterscheiden sich Leistungskicker deutlich in ihren Wahrnehmungsfähigkeiten und kognitiven Fähigkeiten von Amateurspielern. Zum Beispiel verwenden sie überdurchschnittliche visuelle Übersichtsstrategien, wenn sie die Aktionen eines Gegners auf der Grundlage deren Körpersprache vorhersagen (Williams, 2000). Trotz allem ist die Wissenschaft zur Verbesserung der sportlichen Leistungsfähigkeit durch kognitive Trainingsmethoden noch unzureichend erforscht. (Zentgraf, Heppe, Fleddermann, 2017). Ein Blick in den aktuellen Forschungsstand ist daher von Nöten.

Der NeuroTracker

Die NeuroTracker-Methode entstand aus jahrelanger neurowissenschaftlicher Forschung. Für seine Entwicklung gab es zwei Hauptziele. Das erste bestand darin, eine Möglichkeit zu finden, die geistigen Anforderungen von „aktiven Szenen“ zu simulieren (komplexe Bilder, schnell bewegende und visuelle Stimulationen). Das zweite bestand darin, nur die grundlegenden Eigenschaften dynamischer Szenen zu isolieren. Das ist unerlässlich, um die Leistung zu messen und die kognitive Belastung präzise ändern zu können.

Um diese beiden Ziele zu erreichen, werden die folgenden Merkmale in einer einzigen Aufgabe zusammengefasst:

  • Verfolgung mehrerer Objekte,
  • realistische Aktivierung visueller Funktionen,
  • weites Gesichtsfeld,
  • Geschwindigkeitsschwellen

Die Anwendung

Die Kombination der vier Merkmale ergibt eine mögliche Anwendungsbox für das Training übergeordneter kognitiver Fähigkeiten mittels einer neutralen und abstrakten Aufgabe. Gleichzeitig soll die Konzentration und die Entscheidungsfindung trainiert werden. Eine NeuroTracker-Sitzung dauert etwa sechs Minuten. Dafür setzt man eine 3D-Brille auf und führt eine Serie von 20 Mini-Tests durch. Bei jedem Test wird die Konzentration auf rote Kugeln gerichtet, die sich unter anderen Kugeln bewegen. Dann identifiziert man die eingangs roten Kugeln per Mausklick oder durch die Eingabe von Zahlen über eine Tastatur. Wenn alle Kugeln korrekt zugeordnet sind, hat der nächste Test ein erhöhtes Bewegungstempo. Wenn ein Fehler gemacht wurde, wird das Programm langsamer. Diese Geschwindigkeiten werden während der gesamten Sitzung angepasst, um sich der individuellen „Geschwindigkeitsschwelle“ eines jeden Benutzers anzunähern.

Hier ein praktisches Einführungsvideo:

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Weitere Informationen

Dazu empfehle ich noch einen Text aus dem Magazin WIRED

Obwohl die Aufgabe des NeuroTrackers einfach aussieht, beansprucht sie ein breites Spektrum kognitiver Fähigkeiten und verschiedener Formen der Aufmerksamkeit auf hohem Niveau. Diese Methode nutzen Profi-Teamsportler aus der amerikanischen NFL,  NHL sowie der englische Fußballverein Manchester United seit 2009.

Forschungsergebnisse aus Spitzenteams  

Es wurde festgestellt, dass erste Ergebnisse des NeuroTrackers mit der Leistung von NBA-Spielern in Zusammenhang stehen und die Spielstatistik auf dem Platz im Laufe einer Saison vorhersagen (Mangine, Hoffman, Wells, Gonzalez, Rogowski, Townsend, Fragala, 2014). Andere Studien zeigen, dass erste Ergebnisse auch Leistungskicker von Amateuren und Nicht-Sportlern unterscheiden (Faubert, 2013; Faubert, Sidebottom, 2012). Eine Reihe von NeuroTracker-Studien mit Sportlern und anderen Probanden zeigen, dass Personen, die mit dem NeuroTracker trainieren, ihre individuelle Geschwindigkeitsschwellen um 50% oder mehr steigern konnten (Faubert, Sidebottom, 2012).

In einer breit angelegten Studie von Faubert (2013) absolvierten 102 Leistungssportler aus Spitzenteams der NHL, EPL und European Rugby, 173 Amateure (NCAA) und 33 Universitätsstudenten (keine Sportler) 15 NeuroTracker-Sitzungen über mehrere Wochen. Obwohl die Leistungssportler mit höheren NeuroTracker-Ergebnissen begannen, lernten sie auch viel schneller als Amateursportler, die wiederum schneller lernten als die Universitätsstudenten. Die Daten zeigen, dass professionelle Sportler Executivfunktionen haben, die sich den Anforderungen des NeuroTrackers mit höherer Geschwindigkeit anpassen. Die Ergebnisse zeigen auch, dass das NeuroTracker-Training die Frequenzen der Gehirnwellen in vielen Regionen des Gehirns positiv erhöhte. Diese anhaltenden Effekte stehen mit verbesserter Wachsamkeit und geistiger Konzentration sowie einer erhöhten Neuroplastizität (Parsons, Magill, Boucher, Zhang, Zogbo, Bérubé, Faubert, 2016).

Studie im Fußball

Fußballspieler auf College-Niveau wurden in 30 NeuroTracker-Sitzungen über fünf Wochen trainiert (Romeas, Guldner, Faubert, 2016) Die Leistung bei der Entscheidungsfindung jedes Spielers beim Passen wurde von den Trainern mittels Videoanalyse in einer Reihe von Wettkampfspielen analysiert. Eine aktive Gruppe (NeuroTracker-Training), eine Placebo-Gruppe (3D-Wiedergabe von Fußballvideos) und eine passive Kontrollgruppe (kein Training) wurden in die Studie einbezogen. Den Trainern war unbekannt, welche Fußballspieler in welche Gruppe zugeordnet wurden. Die Spieler führten auch subjektive Selbsteinschätzungen zu ihren Fähigkeiten bei der Entscheidungsfindung beim Passen durch.

Nach dem Training zeigten die Kontrollgruppen fast keine Veränderungen auf dem Feld. Im Gegensatz dazu hat die Experimentalgruppe, die mit dem NeuroTracker trainierte, eine Verbesserung ihrer Entscheidungsgenauigkeit beim Passen um 15%. Diese basierte auf durchschnittlich 15 Pässen, die jeder Spieler sowohl vor als auch nach den Bewertungen vollzog. Typischerweise stellte das eine Veränderung von 8 von 15 richtigen Passentscheidungen auf 10,8 von 15 dar. Diese Veränderung könnte auch als signifikante Verringerung von Entscheidungsfehlern oder suboptimalen Entscheidungen beim Passen interpretiert werden. Interessanterweise stimmen die Selbsteinschätzungen der Spieler mit den objektiven Trainerbewertungen weitgehend überein. Diese Studie hat erstmals gezeigt, dass perzeptuell-kognitives Training auf messbare Leistungssteigerungen auf dem Sportplatz übertragen werden kann. Allerdings ist weitere Forschung dafür notwendig.  

Fazit

Der NeuroTracker kann Spitzensportler unterstützen, ihr Gehirn bezüglich der Neuroplastizität zu trainieren. Im Profi-Fussball, wo ein Vorsprung von 2% oder 3% heute eine Entscheidung herbeiführen kann, ist das ein außergewöhnliches Ergebnis. Hinsichtlich der wissenschaftlichen Validierung zeigen die o.g. Studien, dass Fußballtrainern, die die geistigen Fähigkeiten ihrer Spieler verbessern wollen, diesbezüglich nur wenige Trainingsmittel zur Verfügung stehen. Um diesen Leistungsbereich im Fußball etablieren zu können, sind neurowissenschaftliche Trainingsmethoden notwendig sowie die entsprechende Transferleistung in den Fußball. Meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Dr. René Paasch) bieten unsere Expertise an, so dass Vereine diesen neuen Trainingsbereich für sich nutzbar machen können.

Mehr zum Thema: 

Literatur

Faubert, J. (2013). Professional athletes have extraordinary skills for rapidly learning complex and neutral dynamic visual scenes. Scientific reports, 3, 1154.

Faubert, J., & Sidebottom, L. (2012). Perceptual-cognitive training of athletes. Journal of Clinical Sport Psychology, 6(1), 85-102.

Legault, I., & Faubert, J. (2012). Perceptual-cognitive training improves biological motion perception: evidence for transferability of training in healthy aging. Neuroreport, 23(8), 469-473.

Parsons, B., Magill, T., Boucher, A., Zhang, M., Zogbo, K., Bérubé, S., … & Faubert, J. (2016). Enhancing cognitive function using perceptual-cognitive training. Clinical EEG and neuroscience, 47(1), 37-47.

Romeas, T., Guldner, A., & Faubert, J. (2016). 3D-Multiple Object Tracking training task improves passing decision-making accuracy in soccer players. Psychology of Sport and Exercise, 22, 1-9.

Vestberg, T., Gustafson, R., Maurex, L., Ingvar, M., & Petrovic, P. (2012). Executive functions predict the success of top-soccer players. PloS one, 7(4), e34731.

Williams, M.A., Davids, K., & Williams, J. (Eds.). (1999). Visual perception and action in sport. London: Routledge.

Williams, A. M. (2000). Perceptual skill in soccer: Implications for talent identification and development. Journal of sports sciences, 18(9), 737-750.

Zentgraf, K., Heppe, H., Fleddermann, M. T. (2017). Training in interactive sports – A systematic review of practice and transfer effects of perceptual–cognitive training. German Journal of Exercise and Sport Research, Sportwissenschaft. ISSN 2509-3142.

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Die unterschätzte Bedeutung von Laien am Anfang einer erfolgreichen Verletzungsreha

Eine Standardfrage zur Angewandten Sportpsychologie lautet: Mit welchem Thema hast du dich am meisten zu befassen? “Leistungssteigerung!” So weit meine Standardantwort. Heute – insbesondere nach Dominique Gisins Vortrag „Making It Happen” anlässlich einer Fortbildungstagung in Nottwil – bin ich geneigt zu sagen: “die mentale Rehabilitation von Sportverletzungen!”

Zum Thema: Umgang mit Sportverletzungen

In ihrem sehr lesenswerten Buch beschreibt Dominique Gisin, die Abfahrts-Olympiasiegerin von 2014, den langen und schmerzvollen, letztlich aber auch sehr erfolgreichen Karriereweg. Von 2000 bis 2015 hatte die Skifahrerin zwölf (!) schwerwiegende Verletzungen zu überwinden. In ihren Schilderungen bin ich an jener Passage gedanklich hängengeblieben, wo sie ihre Situation im Anschluss an ihr neuntes Verletzungserlebnis folgendermassen beschrieb (2019, S.119):

https://www.instagram.com/p/Bp9vXkKhpf9/

«Etwas in mir zerbrach. Mein Körper weigerte sich, weiterhin Risiken einzugehen. Obwohl ich nach dieser Verletzung und einer perfekt verlaufenen Rehabilitation wieder schmerzfrei trainieren konnte, fühlte ich mich nicht mehr wie zuvor. Nach all diesen Verletzungen wollte mein Körper nicht mehr mitmachen. Es war nicht schwierig zu verstehen, es war einfach eine menschliche Reaktion. Als Athletin fiel es mir aber unglaublich schwer, damit umzugehen. Ich fühlte in jeder Kurve, wie viel möglich wäre. Es gelang mir jedoch nicht diese Handbremse zu lösen.»

Wenn die Zweifel kommen…

Mehr Infos zu Dr. Hanspeter Gubelmann: https://www.die-sportpsychologen.de/hanspeter-gubelmann/

Als Sportpsychologe stellte ich mir die Frage nach dem Ursprung dieser „Handbremse“. Aus meiner Praxiserfahrung in der Begleitung von verunfallten SportlerInnen habe ich erfahren müssen, dass die Weichen für eine sportlich erfolgreiche Rückkehr auf die Wettkampfbühne bereits vor Beginn des eigentlichen Reha-Prozesses gestellt werden.

In meiner Einführungsvorlesung „Sportpsychologie“ an der ETH Zürich eröffne ich das Thema „Sportverletzungen“ meist mit einer Binsenwahrheit:  Wer viel Sport treibt – ob Spitzensportler oder Breitensportlerin – setzt sich automatisch einem erhöhten Verletzungsrisiko aus. Im Fall des Spitzensportlers kommt eine Verletzung aber einem Arbeitsunfall gleich, der als stressauslösende Zäsur wahrgenommen wird und zunächst den weiteren Saisonverlauf in Frage stellt. Bei einer schwerwiegenden Verletzung mit einer im Idealfall vier- bis neunmonatigen Rehabilitation ist mit einer ungleich höheren psychophysischen Stressreaktion zu rechnen. Insbesondere in der Akutphase einer ernsthaften Verletzung weisen Athleten hohe Depressions- und Frustrationswerte auf (Hermann & Mayer, 2003). Sie sind gepeinigt von der Ungewissheit, pendeln zwischen Wut und Niedergeschlagenheit, haben Ängste, spüren ihre Ungeduld und äussern Befürchtungen hinsichtlich der Weiterführung ihrer Karriere (vgl. Hermann & Eberspächer 1994). Am Anfang einer erfolgreichen Rehabilitation steht zuerst ein psychologisches Problem: das psychische Bewältigen einer Verletzung!

Treat the person, not just the injury…

Wie hoch die psychologische Hürde letztlich ist, hängt vom Schweregrad der Verletzung (z.B. in Verbindung mit Gehirnerschütterung, Bewusstlosigkeit etc.), den gegebenen Unfallursachen, von Vorerfahrungen im Umgang mit Verletzungen, Persönlichkeitsmerkmalen u.a. ab.

Erstrangiges Ziel einer sportpsychologischen Intervention vor Beginn einer Verletzungs-Reha muss sein, einerseits die Verletzung als Tatsache zu akzeptieren, andererseits die persönliche emotionale Verletztheit zum Ausdruck bringen zu können. Erst dann wird der Athlet in der Lage sein, seine positive emotionale Energie wirksam in den Rehabilitationsprozess investieren zu können. Leider stellt sich ein bis heute im Spitzensport unverändertes Problem (vgl. Horwath et al. 2004): Eine Konsultation eines Sportpsychologen in diesem Stadium wird kaum erwogen wird, sei es aufgrund von Schamgefühlen, Berührungsängsten mit der Psychologie oder nicht vorhandener Kontaktmöglichkeiten.

Die Laienkonsultation am Anfang einer Intervention… Der Fall Reto Schmidiger

Ich kann mich noch gut an das Telefongespräch mit dem Schweizer Weltcup-Slalomfahrer Reto Schmidiger erinnern, als er mir im Anschluss an seinen Sturz im Rennen von Val d’Isère von seiner schlimmen Verletzung berichtete. Wir hatten davor schon längere Zeit zusammen gearbeitet, verabredeten uns sogleich für ein weiteres Treffen, wobei ich ihm die Idee mit auf den Weg gab, den Kontakt zu ihm nahestehenden Personen zu suchen.

Der Vorschlag, vor Beginn eines Rehabilitationsprozesses die Konsultation eines „Laien“ zu präferieren, mag zunächst überraschen. In erster Linie soll ein derartiger Austausch mit einer persönlichen Vertrauensperson psychohygienisch wirken. Weiter bietet der Austausch mit Laien eine gute Gelegenheit, die neue Situation besser einzuschätzen und realistische Erwartungen aufzubauen (Bianco, 2001). Als besonders wertvolle „Laien“ bezeichnen Horwath et. al. (2004) Ansprechpersonen, die ebenfalls Spitzensportler sind und auf eine möglichst ähnliche Verletzung mit erfolgreicher Rehabilitation und Comeback zurückblicken können, die nicht länger als zwei Jahre zurückliegt.

Austausch mit Simon Ammann

Mittlerweile ist Reto in der vergangenen Saison erfolgreich in den Ski-Weltcup zurückgekehrt. In unserem Debriefing mit Blick auf die vergangenen zwölf Monate stellte ich ihm kürzlich folgende Frage: In der Rückblende auf deinen Rehabilitationsverlauf – was waren die „mentalen Knackpunkte“? Reto: “Der erste kam ganz zu Beginn und war ein heftiger und hatte mit dieser damals unbekannten Realität zu tun: Wie kann ich mit dieser Situation überhaupt klar kommen? Und natürlich die Entscheidung betreffend Operation:  Ja oder Nein? Wenn Ja, wo lässt man sich operieren? (…) Die ersten drei, vier Tage habe ich hauptsächlich am Telefon verbracht und mit vielen Athleten gesprochen die Dasselbe oder Ähnliches schon erlebt hatten. Es waren wichtige und sehr persönliche Gespräche.”

Reto entschied sich in der Folge für einen sehr offenen Umgang mit Informationen zu seinem Comeback. Er betrieb u.a. einen Blog auf Facebook. In dieser Zeit nutzte er auch weiterhin den Austausch mit „Laien“ – so z.B. mit dem Skispringer Simon Ammann. Er kontaktierte den Olympiasieger persönlich, als er sich mit der Frage beschäftigte, welche Strategie er sich für den Start in Val d’Isère zulegen sollte – an jenem Ort also, wo er vor Jahresfrist folgenschwer stürzte. Ihn interessierten Ideen und Aktivitäten des Skispringers zu dessen Weg zurück nach Bischofshofen, wo Simon 2015 seinen heftigen Sturz erlitt. Ein auf Youtube und Facebook zugängliches Filmdokument zeigt auf sehr eindrückliche Weise, wie Reto schliesslich seinen Weg zurück nach Val d’Isère gefunden hat:

https://www.facebook.com/314519742278/videos/916198931908140/

Lesson learned: Was „Laie“ Reto Schmidiger sagt und der Sportpsychologe rät

Angesprochen auf die Frage, was er einem Athleten im Hinblick auf ein erfolgreiches Comeback nach Kreuzbandverletzung mitgeben würde, meinte Reto: “Er soll sich Zeit lassen und auf seinen Körper hören. Es gibt zwar diese Anhaltspunkte bei Kreuzband-Reha’s (sechs Monate nach der OP zurück auf den Schnee, nach neun Monaten rennbereit) aber wenn du kein gutes Gefühl am Start hast – ob im Training oder beim Rennen – macht es keinen Sinn, zu fahren. Es ist eine schwierige Entscheidung nicht zu fahren – aber in einem solchen Moment ist es die Richtige.”

Aus Sicht der Angewandten Sportpsychologie fehlt es an aktuellen Interventionsstudien in Verbindung mit „best practise“-Anleitungen, wie sie Marcolli (2002a, 2002b) im Rahmen seiner damaligen Forschungsarbeit entwickelt hat. Der psychischen, insbesondere der emotionalen Bewältigung eines Verletzungserlebnisses kommt in der sportpsychologischen Betreuungsarbeit vorrangige Bedeutung zu. Dabei sollten alltägliche (Laien-)Interaktionen gezielter zur positiven Beeinflussung emotionaler oder kognitiver Zustände des Athleten genutzt werden (vgl. Kleinert & Liesenfeld 2003, S.77). Hinzu kommt die verstärkte Berücksichtigung des Hintergrunds der emotionalen Situation (z.B. soziale Unterstützung im Umfeld, Medien etc.). Meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Dr. Hanspeter Gubelmann) stehen gern bereit, bei diesem Prozess zu helfen. Empfehlen möchte ich einige weitere Texte zum Thema, darunter ein aktueller Schwerpunkt-Beitrag von Andreas Meyer:

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/26/andreas-meyer-sportpsychologie-und-sportverletzungen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/10/04/thorsten-loch-die-unterschaetzte-gefahr-bei-kopfverletzungen/

https://www.die-sportpsychologen.de/2015/06/02/philippe-mueller-verletzungen-bewaeltigen/

Literatur

Bianco T. (2001): Social support and recovery from sport injury: elite skiers share their experiences. Research Quarterly for Exercise and Sport, 72, p.376–388.

Gisin, D. & Marcolli, C. (2019) Making it Happen – von Engelberg nach Sochi. Stans: Engelberger Druck.

Hermann, H-D. & Eberspächer, H. (1994). Psychologisches Aufbautraining nach Sportverletzungen. München: BLV.

Hermann H.D., Mayer J. (2003): Psychologische Aspekte in der orthopädisch traumatologischen Rehabilitation nach Sportverletzungen. dvs-Informationen, 18, S.8–12.

Horvath. S., Meyer, S., Birrer, D. & Seiler, R. (2004). Informations-Handouts und Laienkonsultation in verschiedenen Rehabilitationsphasen als Hilfe für verletzte Spitzensportler. Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie 52 (2), S.82-85.

Kleinert, J. & Liesenfeld, M. (2002). Betreuer-Sportler-Interaktionen nach Sportverletzungen im professionellen Hallenhandball – eine Interviewstudie. Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie, 50: S.77-84.

Marcolli, C. (2002a). Die psychologische Unterstützung in der Rehabilitation von Verletzungen. Ansätze für medizinische Fachkräfte. Zürich 2002a; Gesellschaft zur Förderung der Sportwissenschaften an der ETH Zürich, Band 24.

Marcolli, C. (200b), Die psychologische Betreuung nach Sportverletzungen – eine retrospektive Befragung der Teilnehmer am Projekt Comeback. Schweizerische Zeitschrift für Sportmedizin und Sporttraumatologie, 50, S.71-75.

Quellen:

Luzerner Zeitung: Reto Schmidiger geht neue Wege (Link)

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