Cristina Baldasarre: Schiedsrichterbeobachtung mit Adlerauge und Knopf im Ohr

Er war schon immer dem Fussball verbunden – sein Vater war schon Schiri, mit seinem Bruder hat er im Fussballclub gespielt. Und es wurde Teil seines Lebens. Mit sieben Jahren begann René Rogalla seine Karriere, die er dann später bis in die Nationalliga B führte. Ganze 30 Jahre ist er nun als Fussballschiedsrichter international und national unterwegs: Neun Jahre lang als FIFA-Referee, wo er zahllose Spiele leitete und elf Jahre lang führte er durch die Spiele der höchsten Liga der Schweiz. Was ihn immer wieder faszinierte und antrieb war die Herausforderung, innerhalb sekundenbruchteile Entscheide zu fällen – fair und unparteiisch!

Zum Thema: Schweizer Schiedsrichterbetreuung

Rogalla greift immer wieder auf sein Fussballverständnis und sein geschultes Auge zurück. Davon profitiert auch sein Selbstvertrauen, sprich die sichere Ausstrahlung auf dem Platz und seine Körpersprache, die den Spielern zu verstehen gibt, wie es auf dem Platz läuft. Spannend war auch der Lernprozess, mit dem Druck umzugehen, wenn das Fernsehen anwesend war und die Stadien mit vielen Zuschauern gefüllt. Rückblickend weiss Rogalla genau, dass seine Persönlichkeitsbildung viele Stunden Schulung durchlebt hat, und erst durch den Umgang sowie der Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Leuten gereift ist.

In der Schweiz machen die Schiedsrichter solche Entwicklungsprozesse nie allein durch, sondern sie werden eng begleitet von Schiedsrichter-Coaches, genannt Schiedsrichterinspizienten. Diese arbeiten mit hoher Qualität und viel Engagement im Hintergrund: bei jedem Spiel dabei und mit stets wachem Auge auf alle Entscheide, die der Schiri auf dem Platz trifft.  

Umfangreiche Anforderungen

Nun ist René Rogalla selber Schiedsrichterinspizient. Dass heisst, er benotet die Leistungen der Schiedsrichter auf dem Platz und gibt Ihnen nach dem Spiel ein detailliertes Feedback. So kann er seine Erfahrungen und sein umfassendes Wissen rund um das Leben des Schiedsrichters auf dem Platz weitergeben. Danach folgt ein möglichst genauer, schriftlicher Bericht an das Schweizerische Schiedsrichterressort, in welchem er mitteilt, wie die Leistungen des Schiris zu bewerten sind und ob dieser das Potential für eine weitere Karriere in Richtung national und international hat, oder eben nicht.  

Es ist schier unglaublich, wie viel zeitlicher Aufwand und welche Ernsthaftigkeit dieser Posten bedeutet. Am Spieltag beginnt die Arbeit des Schiedsrichterinspizienten vor Ort ca. eine Stunde vor Spielbeginn mit dem Schiedsrichter in der Kabine. Hier geht es um die Vorbereitung und die taktische Einstellung auf das Spiel. So wie auch mit dem Beobachten des Headschiedsrichters, der seine Schiedsrichterassistenten die einzelnen Aufgaben zuweist, damit sie als Team über ihr Kommunikationssystem gut funktionieren und alle wissen, wie sie den verantwortlichen Schiedsrichter am besten in seinen Entscheidungen unterstützen können. Da beobachtet Rogalla die Führungs-, die Kommunikations- sowie die Motivationskompetenzen des Schiedsrichters detailliert.

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Mit Adlerauge und Knopf im Ohr

Dann geht’s ab ins Spiel, mit Adleraugen und Knopf im Ohr. Rogalla sitzt auf der Tribüne und fokussiert sich auf den Schiri: Er beobachtet jeden Schritt, jede Situation und jede Entscheidung ganz genau. Nach dem Spiel, wenn die Schiedsrichter geduscht sind und es im Stadion ruhig geworden ist, beginnt der zweite Teil seiner Arbeit. Er analysiert mit dem Schiri sein Spiel. Beim Debriefing stützt er sich auf technische Hilfsmittel, sprich die Aufnahmen vom Fernsehen. Aber auch auf das Gespräch zwischen den Schiedsrichtern, welches er live im Spiel via Kommunikationssystem mitgehört hat. Nun sind seine Kommunikationskompetenzen gefordert. Der Schiri bekommt so die Aussensicht seiner Leistungen, und dies auf wertschätzende, aufbauende Art und Weise. Rogalla gibt möglichst viele Tipps und Verbesserungsvorschläge mit. Zusammen diskutieren sie einerseits gute Situationen und Entscheide, aber andererseits auch schwierige Szenen. Zusammen gehen sie verschiedene Lösungswege durch, um zukünftig noch besser zu werden. Dabei gibt er dem Schiedsrichter so viel wie möglich an Erfahrung mit, hinsichtlich Aspekten wie beispielsweise dem Umgang mit den Spielern, dem Stellungsspiel, dem Umgang mit seinen Schiedsrichterassistenten, seiner Art Aufzutreten und auch in emotional geladenen Situationen einen kühlen Kopf zu wahren.

Rogalla meint: «Wir Inspizienten werden anhand von etlichen Kursen geschult, worauf wir achten müssen. Gutes, positives Feedback nach einem gelungenen Spiel zu geben ist immer einfach. Schwieriger wird es bei einer nicht so guten Leistung des Schiedsrichters.» Wichtig für Rogalla ist es dann, authentisch zu bleiben und gute Argumente zu präsentieren. Bei solchen Gesprächen, so sagt er, komme es auf eine sehr gute Vorbereitung an, um den Schiedsrichter in seinen Emotionen wahr zu nehmen und auch auffangen zu können, falls nötig auch wieder aufzubauen. Denn jeder kann mal einen schlechten Tag erwischen, das ist menschlich. Umso zufriedener ist er mit den neuesten technischen Errungenschaften, die an dieser WM zum ersten Mal in der Form zum Einsatz kommen. Der Videobeweis, der in Russland von der FIFA eingesetzt wird, ist für den Schiri eine grosse Unterstützung. Und sorgt für mehr Fairness. Und das ist gut.

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