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Dr. René Paasch: Rundum fit in die neue Saison – Teil 1: Teamentwicklung

Neuzugänge, nachgerückte Nachwuchsspieler und einige schmerzende Abgänge. Das Gesicht nahezu jeder Mannschaft verändert sich im Sommer erheblich. In einer Mini-Serie will ich Trainer, Funktionäre und auch Spieler für wichtige Prozesse vorbereiten, in denen die Sportpsychologie ganz effektiv helfen kann. Wir starten mit der Phase der Hinführung zum Saisonstart, in der aus “sehr unterschiedlichen Gruppen” eine Mannschaft geformt werden sollte. Eine Herausforderung, die jeder Trainer kennt, unabhängig ob er ein Team auf den Bundesligastart oder auf eine Freizeitsportsaison vorbereitet. Eine Phase, in der aber allzu oft vermeidbare Fehler gemacht werden.

Zum Thema: Kohäsion in Mannschaften entwickeln und stärken (Teil 1: Teamentwicklung)

Mehr Infos zu Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Eine umfangreiche Mannschaftsentwicklung im Fussball zählt zu „DEN“ entscheidenden Erfolgsfaktoren. Eine Vielzahl von Studien und praktische Erfahrungen bestätigen immer wieder, dass Sportler, die in einem funktionierenden Team arbeiten, leistungsfähiger, verantwortungsvoller und motivierter sind. Sie erleben die Vorteile einer engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit. Ob im Nachwuchs- oder Profifussball, ein ganzheitlicher, reibungsloser Ablauf und eine gute Teamarbeit sind von außerordentlich hohem Wert. Oft sehen wir im Fussball Mannschaften, die sich in kürzester Zeit zusammenfinden und performen müssen, ohne Teamprozesse durchlaufen zu haben. Echte Mannschaften hingegen unterscheiden sich in ihrer Langfristigkeit, in ihrer Struktur und in ihren Prozessen deutlich von “Zweckgemeinschaften”. Sie verfügen über ambitionierte Trainer, die besonders die Wechselwirkungen zwischen Leitung, informeller Führung und Teamdynamik in dynamischer Balance halten. Sie können die wesentlichen Faktoren in den Teamentwicklungsphasen bewusst beachten und die wesentlichen Problemfelder der Teamarbeit erkennen.  

Praxisanregung: https://www.die-sportpsychologen.de/2015/06/19/dr-rene-paasch-fuehrung-und-teamentwicklung-im-fussball/

Bevor wir uns jedoch näher mit dem Thema Gruppe beschäftigen, sollten Sie sich mit Vereins- und Teamanliegen statt Zielen kümmern. Es geht um ein übergeordnetes langfristiges Ziel, das einen besseren Zustand oder Platzierung verspricht. Dabei sind Ziele, die man erreichen kann, nur zum Teil sinnvoll. Denn hat man diese erreicht, ist auch die langfristige Orientierung nicht mehr vorhanden. Was wirklich Orientierung bietet, ist ein Anliegen, welches begeistert und verbindet. Was dahinter steckt, beschreibe ich hier:

Praxisanregung: https://www.die-sportpsychologen.de/2019/06/03/dr-rene-paasch-anliegen-statt-ziele-was-trainer-funktionaere-und-spieler-ueber-den-trend-wissen-sollten/

Gruppenkohäsion

Seit wir auf eigenen Beinen stehen, sind wir in einer Vielzahl von verschiedenen Gruppen (Familie, Kita, Clique, Sportverein) zugehörig. In den genannten Gruppen treten wir mit jedem Mitglied direkt in Kontakt. Als ein Charakteristikum der Gruppe wird häufig die Gruppenkohäsion, das sogenannte Wir-Gefühl, angegeben, welches die empfundene Bindung jedes einzelnen Individuums mit der Gruppe widerspiegelt. Es kann ganz unterschiedlich stark ausgeprägt sein. In der Sportpsychologie wird in der Regel das theoretische Modell der Gruppenkohäsion von Albert Carron und Kollegen (Brawley und Widmeyer, 1998) verwendet. Laut Modell lässt sich Gruppenkohäsion in vier verschiedene Faktoren aufteilen. Zum einen kann man zwischen aufgabenbezogener und sozialer Kohäsion unterscheiden. Zum anderen wird die Gruppe als Ganzes betrachtet sowie der Einzelne im Kontext der Gruppe.

Ein anderes praktikables Konzept der Teamentwicklung für den Sport ist das Teamentwicklungstraining (TET) von Lau (2005b). Dieses integrative Training vereint die praktische Wechselwirkung zwischen sportlichem Training, Wettspiel und sozialer Entwicklung der Mannschaft. Des Weiteren nutzt das TET personen- und gruppenzentrierte Maßnahmen, die auch Veränderungen organisatorischer Strukturen einschließen.

Praxisanregung: https://www.die-sportpsychologen.de/2016/06/03/dr-rene-paasch-mit-gruppenbildung-zum-erfolg/

Egal wie viele Kräfte auf eine Mannschaft einwirken, ohne das Vorhandensein eines sich „zusammengehörig fühlen“ ist es zwar möglich, bei hohen Ansprüchen gute Leistungen zu erbringen. Die Qualität jedoch steigt erst mit dem Entstehen, Wachsen und Reifen. Dabei handelt es sich um einen Prozess, der solange andauert, solange es die Gruppe gibt. Hier einige Anregungen wie Sie die Kohäsion Ihrer Mannschaft steigern können:

  • Förderung von Interaktion und Nähe. Regelmäßiger Kontakt fördert die gegenseitige Sympathie, wenn Ähnlichkeit wahrgenommen wird. Zudem kommt die starke Vernetzung und Interaktion der Teammitglieder auch der Leistung zu Gute.
  • Förderung von Erhöhung der gemeinsam verbrachten Zeit und Verbesserung der Kommunikationsmöglichkeiten, beispielsweise durch Infrastruktur (z.B. gemeinsame Räumlichkeiten) oder Trainings (z.B. Kommunikationstraining).
  • Sichtbarmachen der Teamzugehörigkeit etwa durch eine gemeinsame Identität und gemeinsame Rituale und Aktivitäten.
  • Steigerung des Ansehens des Teams, zum Beispiel durch stark erschwerten Zugang für neue Spieler in Form von strengen Auswahlkriterien und Anforderungen. Auch das Herausstellen kleiner Erfolge des Teams steigert die Zufriedenheit und den Stolz der Spieler. Erfolge sollten benannt und gefeiert werden.
  • Die Betonung von Gemeinsamkeiten innerhalb des Teams, sowie von Unterschieden nach außen fördert das Wir-Gefühl.
  • Gewährleistung einer gewissen Homogenität und Identität. Je ähnlicher sich die Spieler in Werten und Persönlichkeit sind, desto stärker ist im Durchschnitt der Zusammenhalt. Die Spieler können sich so stärker miteinander identifizieren.
  • Partizipation bei der Auswahl der Spieler fördert die gegenseitige Akzeptanz. So wird vermieden, dass Sie in ein Team kommen, mit denen die anderen sich nicht identifizieren können.
  • Förderung der Akzeptanz von gemeinsamen, übergeordneten Teamzielen. Wenn die Ziele nicht akzeptiert werden und nicht überzeugen, ist die Mitgliedschaft in einem Team nicht attraktiv.
  • Vermeiden von Ungerechtigkeitsgefühlen, denn diese untergraben die Attraktivität der Mitgliedschaft im Team.
  • Konflikte auf der Sachebene sind notwendig, um innovativ zu bleiben. Konflikte auf der Beziehungsebene zerstören aber die Kohäsion in Teams, insbesondere, wenn sie chronisch sind.

Nicht jede Maßnahme wird im konkreten Einzelfall sinnvoll oder machbar sein. Die Liste kann Trainern helfen, für ihre Mannschaft geeignete Maßnahmen zu identifizieren und auszuwählen sowie Risiken für den Zusammenhalt zu erkennen und abzustellen.

Fazit

Auf dem Weg zu einem echten Team sind vielerlei Aufgaben und Schwierigkeiten zu meistern. Vor allem die effektive Bewältigung der Probleme aus dem sportlichen Bereich dürfte entscheidend für den nachhaltig wirksamen Erfolg sein. Für echte Teams ist es besonders wichtig, die Kernfaktoren der einzelnen Entwicklungsphasen zu kennen und diese in der Steuerung zielorientiert zu beachten. In besonderer Weise sei darauf hingewiesen, dass Vereine aus „zeitökonomischen“ Gründen die ersten Phasen überspringen und gleich mit der Leistungs- und Ergebnisphase beginnen wollen. Phasenweise zeigt sich dann, dass die Mannschaft unsicher wirkt und primär mit sich beschäftigt ist, weil ihr die positive Bewältigung der davor liegenden Entwicklungsphasen fehlt. Ebenso benötigen auch für kurz- oder mittelfristig zu erreichende Ziele zusammengesetzte Mannschaften genügend Zeit, um zur eigentlichen Leistungsstufe zu gelangen. In professionellen Teams, in denen Teambildung, -entwicklung und -stärkung von Trainern bewusst initiiert, begleitet und gestaltet werden, ist fast immer das gleiche Grundprinzip deutlich erkennbar: „TEAM bedeutet für uns: Together Everyone Achieves More“.

Mehr zum Thema:

Literatur

  1. Carron, A.V., Brawley, L.R., & Widmeyer, W.N. (1998): The measurement of cohesivenessin sport groups. In J.L. Duda (Ed.), Advances in sport and exercise psychology measurement
  2. Haug, Christoph, V. (2003): Erfolgreich im Team. München: Beck-Verlag, 2003, 3.Aufl.
  3. Lau, A. (2005a): Die kollektive Leistung in den Sportspielen – eine interdisziplinäre Analyse. Habilitationsschrift. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
  4. Siegfried Nagel, Torsten Schlesinger: Teamentwicklung in Sportspielmannschaften des Hochleistungssports. In: Pawlowsky, Mistele (Hrsg.): Hochleistungsmanagement. Leistungspotenziale in Organisationen gezielt fördern. Wiesbaden 2008, S. 382.

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Cristina Baldasarre: Mit neuen Lösungsansätzen aus der Dopingfalle?

Das Thema Doping steht spätestens seit den jüngsten Geschehnissen und Geständnissen rund um den österreichischen Ex-Skilangläufer Johannes Dürr konstant in den Medien. Vieles wurde bereits geschrieben und diskutiert. An der diesjährigen asp-Tagung in Halle an der Saale sprach Johannes Dürr vor sportpsychologischem Publikum über seine Geschichte. Es war sehr eindrücklich und hat mich zum Nachdenken gebracht.

Zum Thema: Kritische Auseinandersetzung mit der Erfolgsprämisse im Leistungssport

Mehr Infos zu Cristina Baldasarre: https://www.die-sportpsychologen.de/cristina-baldasarre/

Ich werde mich hier nicht um die allseits bekannten Tatsachen, Spekulationen oder rein sportpsychologische Themen kümmern. Auch sei an dieser Stelle klar festgehalten, dass ich auch der Meinung bin, dass Dopingvergehen gebüsst werden sollten. Aber dieser Bericht dreht sich vielmehr um meine Überlegungen aus Sicht der systemischen Psychotherapeutin, rund um die durch Johannes Dürr personalisierte Geschichte, welche für mich beispielhaft für dieses komplexe Thema Doping steht.

Denn es geht nicht nur um Sportler, deren Umfeld sowie überhaupt das gesamte System, sondern am Ende um die Frage, wer als Täter fungiert und inwiefern diejenigen gleichzeitig auch die Opferrolle ausfüllen? Etwas zugespitzt: Was stand denn nun am Anfang – die Henne oder das Ei? Der Sportler, oder die Goldmedaille? Oder doch der Verband? Oder, oder, oder!

Meine eigenen Weltansichten?

Der systemische Ansatz in der Psychotherapie geht davon aus, dass sich jeder Mensch seine eigene Welt konstruiert. Diese entsteht durch die Wahrnehmung ganz von selbst, als Folge der Wechselwirkung von Denken und Handeln zwischen Menschen und ist darum stets auch kontextabhängig. Es geht also immer wieder um Beziehungen. So gesehen nehme ich meinen Gegenüber immer durch meine eigene Brille meiner eigenen Wahrnehmung wahr (Reinhard).

Wie hat Dürr denn durch seine eigene Brille seine Welt wohl angeschaut?

Meine Ideen dazu tendieren in die Richtung, dass «seine» Welt und somit auch sein ganzes Selbst einzig und allein auf den Sport aufgebaut und ausgerichtet war. Nur der Maximalerfolg, z.B. Olympiasieger oder Weltmeister, schien gut genug zu sein. Hier spielt das System der Sportschule oder des Landesverbandes ganz klar stark mit hinein. Sein gesamtes sportliches Umfeld scheint nach dem Prinzip «steter Tropfen höhlt den Stein» konditionierend gewirkt zu haben. Ausgerichtet einzig und allein auf den Erfolg und den Sieg. Die Brille von Dürr wurde so fokussiert, dass alles auf dieses Endziel gerichtet war und alle dafür nötigen Handlungen in diesem System ihre Berechtigung fanden. Daneben gab es praktisch nichts anderes!

https://www.youtube.com/watch?v=703oK0SyGOc

Die beste Lösung?

Der systemische Ansatz geht weiter davon aus, dass alle Symptome immer Lösungsversuche sind, sich im eigenen System, sprich seinem Umfeld zurecht zu finden und zu überleben; wie auch immer! Zugegeben, manchmal haben die Lösungsversuche einen sehr hohen Preis (Reinhard). Auch wenn beispielsweise die Veränderungsmotivation so weit reicht, dass sich jemand von den eigenen Werten verabschiedet und tut, was er früher nie für möglich gehalten hätte. Also, die innere Balance aufgegeben wird.

Wenn also das Dopingvergehen das Symptom darstellt, was könnte sich Dürr dabei gedacht haben? Wofür war Doping da ein sinnvolles Verhalten?

Es lassen sich einige Hypothesen formulieren: Das war seine Lösung aus dem riesigen Dilemma, dem Druck wahrscheinlich sonst nicht standzuhalten. Oder um der Angst Herr zu werden, den Erfolg zum Schluss doch nicht zu kassieren, wodurch sein Selbstwert ins Bodenlose fallen würde, was bis hin zu existentiellen Krisen und Depressionen führen kann. Oder, oder, oder… um präzisere Antworten zu erhalten, bräuchte es persönliche Gespräche.

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Ex-Langläufer Johannes Dürr (links) und Schwimmer Paul Biedermann bei der asp-Jahrestagung 2019 in Halle/Saale (Foto: asp-Jahrestagung)

Sein Zitat aus einer Veröffentlichung von news.at verdeutlicht aber «…sechs Monate ohne Training, in denen er die Lust am Langlaufen wie ein Süchtiger zur absoluten Notwendigkeit überhöht. „Ich konnte mir nicht vorstellen, was ich ohne meinen Sport tun soll“, erinnert er sich. „Da war nichts, und vor diesem Nichts hatte ich wahnsinnige Angst.“»

Wir könnten Symptome wie Rätsel betrachten, die es zu lösen gilt. Und gleichzeitig bringt uns das auf eine Metaebene des Betrachtens, weit weg von dualen Bewertungssystemen wie richtig-falsch oder gut-schlecht. Hin zur Erkenntnis, dass Symptome/Verhaltensweisen wie Doping ein Ausdruck von grösster innerer Ambivalenz und Not sind. Und darum die in dem Moment einzig möglich erscheinende Lösung dieses inneren Konfliktes darstellen (Liechti). Der Mensch als Gesamtpaket könnte sich auch für andere Lösungen entscheiden: die Palette reicht von Beenden der Leistungssportkarriere bis hin zu Suizid… der Organismus sucht sich einen Ausweg, hat dazu seine Ressourcen zur Verfügung (wie auch immer dieses ausdifferenziert sind), und macht was dazu nötig ist, um die unendlichen inneren Spannungen auszuhalten.

Warum darüber sprechen?

Dürr selbst meinte, es hätte ihn innerlich täglich verfolgt, mit dieser Lüge zu leben. Und das sei kein Zustand gewesen, den er auf Dauer aushalten wollte und auch nicht konnte. Denn sicher ist: Dort wo ich meinen Fokus hinrichte, da entsteht meine Wirklichkeit, meine Welt.

Mit einer solchen inneren Zerrissenheit und diesem inneren Erleben von Abhängigkeit sind immer auch grösste Selbstvorwürfe und ein schlechtes Gewissen verbunden. All das ist wiederum stets gekoppelt an massiver Schuld und Scham. Dies alles gehört aufgearbeitet sowie die traumatisierenden Anteile psychotherapeutisch behandelt! Ein Schritt dazu ist das Einnehmen einer Metaperspektive und das mentale Probehandeln.

Dürr könnte sich gefragt haben: Wie würde ich mich denn fühlen, wenn ich es erzählen würde? Was hätte das für Auswirkungen auf mein Leben? Wofür würde es überhaupt Sinn machen, darüber zu sprechen? Wie würde ich danach über mich selber denken? Und wie würde ich mich dann anders fühlen?

Dieses Hypothetisieren, auch mentales Probehandeln genannt, dient dazu, innerlich mehr Abstand zu gewinnen und dadurch wird ermöglicht, verschiedene Szenarien durchzuspielen und trotzdem in Sicherheit zu bleiben. Es ist ein erster Schritt, der Ambivalenzen aufdecken kann, woraus schon eine grosse Stressreduktion erfolgt und Entscheidungen danach besser getroffen werden können.

Wer ist anfälliger?

Die spannende Frage, warum gewisse Menschen in einem System dies und das Tun und andere im gleichen System nicht, liegt hier nahe. Ist es typenabhängig? Diese Meinung geistert doch stark in unseren Köpfen herum. Sowie auch die banal einfache Lösung dazu… «man muss halt stark bleiben und sich entscheiden, es nicht zu tun…». Wenn es doch nur so einfach wäre! Klar, kognitiv betrachtet stimme ich dem zu. Hingegen psychotherapeutisch und intrapsychisch betrachtet, gibt es da schon ein paar Nuancen mehr. Sicher ist, dass eine multikausale Erklärung ansteht und ich hier meinen persönlichen Versuch darlege, wie ich die Dinge sehe:

Urvertrauen

  • Ein erstes Augenmerk gilt dem entwicklungspsychologischen Konzept der sicheren Bindung und demjenigen des Urvertrauens. Die entstehen in den ersten Monaten und Jahren jeden Lebens und prägen uns Menschen sehr stark. Falls da etwas schief läuft, können unsicher gebundene Menschen weniger gut einschätzen, wer vertrauenswürdig ist und wer weniger. Das Selbstwertgefühl und die Liebesfähigkeit («Ich fühle mich geborgen») sowie das Vertrauen in andere («Ich vertraue dir») und das Vertrauen in die Welt («Es lohnt sich zu leben») entwickeln sich daraus (Wikipedia).
  • Das Urvertrauen erlaubt es dem Menschen weiter, seine Umwelt differenziert wahrzunehmen und zu beurteilen. Es entspricht in der Gefühlsqualität der optimistischen Zuversicht des Erwachsenen, sich mit Selbstvertrauen in der Welt zu bewegen (Wikipedia).
  • Bildet sich das Urvertrauen mangelhaften aus (=unsichere Bindung), können dadurch Beziehungs- und Bindungsprobleme von Menschen miterklärt werden. Folgestörungen können Misstrauen, Depressionen, Angstzustände, Aggressivität u.a.m. sein. Solche Menschen sind viel anfälliger auf externe Versuchungen und auch einfacher dazu zu bringen Dinge so zu tun, wie andere es ihnen sagen.

Einschneidende Erlebnisse

  • Ein weiteres Augenmerk liegt auf sogenannten critical incidents, wie der Weggang von zu Hause in ein Sportinternat es sein kann: eben ein einschneidendes Erlebnis. In der Regel erfolgt dieser Umzug in der Pubertät, die entwicklungspsychologisch sowieso schon schwierig genug ist. Als Heranwachsender müssen Antworten auf die folgenden Fragen gefunden werden: Was für ein Mensch möchte ich sein? Wie möchte ich mein Leben gestalten? Was finde ich gut und was nicht? Zu welcher Gruppe (peers) möchte ich gehören?
  • Auswirkungen sozialer Gefüge wie ein Sportinternat, in denen man während der Pubertät lebt, sind somit auch klar: Jugendliche schliessen sich der Gruppe an und passen ihre Einstellungen an, um sozial konform zu sein, sprich dazu zu gehören. Ein weiteres Risiko dabei können mangelnde Bezugspersonen sein: An wen kann sich der junge Sportler wenden, wenn er Ängste, Sorgen und Nöte hat? Sehr schnell werden dann z.B. Trainer, ältere Athleten, Physios oder Lehrer zu so etwas wie Vertrauenspersonen. Diese selber stecken aber auch in einem System und leben das.

Selbstbestimmungstheorie

  • Ein drittes Augenmerk möchte ich auf die Selbstbestimmungstheorie legen (Self-Determination Theory). Sie wurde von Deci & Ryan als Motivationstheorie entwickelt. Nach dieser Theorie hängt die Motivation für ein bestimmtes Verhalten immer davon ab, inwieweit die drei psychologischen Grundbedürfnisse nach Kompetenz, nach sozialer Eingebundenheit und nach Autonomie befriedigt werden können.
  • Frustrationen entstehen, wenn diese psychologischen Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden. Dies führt dabei je nach ihrer Art und Dauer zu unterschiedlichen Einschränkungen der Motivation für das betreffende Verhalten. Wenn z.B. das Leben vorwiegend fremdbestimmt ist (was im Spitzensport sehr oft der Fall ist), werde ich immer frustrierter, weil mein Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung nicht erfüllt wird.
  • Dauert dieser Zustand über längere Zeit an, können die Folgen dabei von einfacher Verhaltensänderung (z.B. ich mache es im Versteckten) über die Entwicklung von Ersatzbedürfnissen (z.B. ich werde verbal ausfällig) bis hin zu selbstzerstörerischen Handlungen (z.B. Essstörung oder sich Ritzen) und völliger Antriebslosigkeit (Depression) reichen. Damit verbunden sind also stets Einbußen an Verhaltensqualität, Wohlbefinden und Gesundheit.
  • Als Motivationstheorie liegen den Überlegungen von Deci & Ryan auch die intrinsische sowie extrinsische Motivation zugrunde. Sie haben daraus quasi ein Kontinuum gemacht, analog einem Regler den man von rechts nach links und wieder zurück schieben kann. Somit haben sie den Erlebensraum erweitert und es werden auch Zwischentöne der beiden genannten Motivationslagen möglich. Für meine therapeutische Arbeit ist die Beobachtung zentral, inwiefern diese genannten drei Grundbedürfnisse angestrebt werden und wie stark sie bereits erfüllt werden. Ziel ist es immer, möglichst viel an intrinsischer Motivation zu bekommen. Und diese ist dann am grössten, wenn die drei Bedürfnisse zur Zufriedenheit der Person erfüllt sind und diese sich in der Interaktion mit ihrer Umwelt kompetent und selbstbewusst fühlt. Daraus resultiert ein autonomes Verhalten (im Gegensatz zu fremdbestimmtem Verhalten), welches Kreativität und neue Lösungsstrategien ermöglicht.

Athletenumfeld

  • Und ein viertes Augenmerk möchte ich auf das Umfeld des Athleten richten, was einen wichtigen Punkt der systemischen Psychotherapie darstellt. Das System Spitzensport und dessen Umfeld sind sehr mächtig und lassen in aller Regel fast keinen Platz für eigene Wahlmöglichkeiten. Termin- und Wettkampfplanung und oft auch der restliche Lebensinhalt sind vorgegeben. Flexibilität und Autonomie sind kaum existente Konzepte. Bis hin dazu, dass Interviewinhalte und öffentliche Auftritte gesteuert werden. So auch die Trainingspläne, die oft genug zu wenig Erholungsphasen aufweisen, dafür Wettkämpfe ohne Ende. Und stets hat der Athlet motiviert und energiegeladen eine top Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.
  • Es gibt 1000 Gründe warum das so ist, und ich möchte das auch nicht werten. Lediglich das Augenmerk auf die Konsequenzen richten, die sich daraus ergeben können: Weist ein Athlet in den oben genannten (oder auch weiteren, hier nicht genannten) Punkten erschwerende Bedingungen oder Defizite auf, dann fördert eben genau dieses Spitzensport Umfeld die Entwicklung von Symptomen aller Art, um mit dem inneren und äusseren Druck fertig zu werden.

What else…?

Lösungsversuche wie Doping sind nie nur rein kognitive Entscheidungen, sondern viel mehr emotionale. Darum braucht es für Athleten als Präventionsmassnahmen zusätzlich andere Ansätze, die Befindlichkeiten und Gefühle ansteuern.

Neben der Stärkung der Athleten in ihrer Persönlichkeit und ihren Copingstrategien (z.B. «cool and clean», ein Schweizerisches Nachwuchsprojekt), sollten auch Achtsamkeitsübungen und körpertherapeutische Übungen gelernt werden. Mit dem Ziel, einen anderen Umgang mit dem Thema Leistung und Erfolg zu erhalten, der die Herausbildung langfristiger, gesunder Verhaltensweisen stützt. Neben den Rangzielen müssten Trainer in eine persönliche Diskussion gehen und auch Ziele herausarbeiten wie: Wofür macht das alles auch noch Sinn? Was heisst es für den Athleten, Erfolg zu haben? Was neben der Goldmedaille könnte auch noch wichtig sein…? So wächst dann ein selbstsicherer Athlet heran, unabhängig seines Erfolges – aber genau dieses Selbstverständnis – «Ich bin gut so, wie ich bin!» – ist für langfristigen und gesunden Erfolg zentral!

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/01/24/dr-rita-regoes-doping-und-die-paradoxie-der-fairness/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/03/08/christian-hoverath-trainer-entscheiden-bei-doping-vergehen-mit/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/10/11/dr-hanspeter-gubelmann-kranker-spitzensport-wenn-koenige-zu-aengstlichen-maeusen-mutieren/

Literatur

Cool and clean: https://www.coolandclean.ch/

Deci, E. L.  & Ryan, R. M. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55, 68-78.

Liechti, J. (2014). Entwicklungsprobleme in der Jugend. In: Tom Levold &  Michale Wirsching (Hrsg.), Systemische Therapie und Beratung – das grosse Lehrbuch. Heidelberg: Carl-Auer.

Reinhard, M., (2016). Systemisches Arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und ihren Angehörigen im ambulanten und stationären Kontext. Seminarunterlagen zur Systemischen Psychotherapieausbildung am Institut für Entwicklung und Fortbildung IEF in Zürich.

https://www.news.at/a/news-doping-duerr-10683091

https://de.wikipedia.org/wiki/Urvertrauen

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Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann: Der Kopf steuert sowieso alles

Unsere Profilinhaberinnen Anne Lenz (zum Profil), Kathrin Seufert (zum Profil) und Lisa König (zum Profil) waren bei der 51. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Halle/Saale auf Stimmenfang. 

Zu Wort kommen ganz unterschiedliche Besucher der dreitägigen Veranstaltung. Neben Tagungsgastgeber Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil) unter anderm  Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann, Dr. Babett Lobinger, Markus Gretz (zum Profil), Ole Fischer (zum Profil), Dr. Michele Ufer, Katja Kramarczyk (zum Profil) Monika Liesenfeld, Henning Thrien, Johannes Dürr und Paul Biedermann.

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Mehr Videos von Die Sportpsychologen:

Zur Video-Seite: https://www.die-sportpsychologen.de/videos/

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Umfrage: Ethik und Sportpsychologie

Egal ob bei der Podiumsdiskussion mit Hajo Seppelt, Johannes Dürr, Paul Biedermann und Prof. Dr. Ralf Brand oder in den Praxisworkshops, den Arbeitskreisen oder den Gesprächen am Rand der Veranstaltung. Das Thema Ethik war bei der 51. asp-Jahrestagung in Halle an der Saale allgegenwärtig.

Zeitlich mehr als passend wurde nun von Dr. Babett Lobinger, als Ansprechpartnerin der Arbeitsgemeinschaft Sportpsychologie (asp) für den Bereich der Angewandten Sportpsychologie in Fragen der Berufsethik, ein Fragebogen zu ethischen Überzeugungen in der Sportpsychologie veröffentlicht. Ziel sei es, so betont asp-Vizepräsidentin Dr. Babett Lobinger,  ein möglichst aussagekräftiges Bild des Berufsstands Sportpsychologie in Bezug auf ethische Fragen zu erhalten.

Link zur Umfrage: https://www.soscisurvey.de/ethik-sportpsychologie/

Wir von Die Sportpsychologen sind bereits auf die Ergebnisse der Studie gespannt.

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Johanna Constantini: Soziale Medien im Sport – Chance oder Risiko?

Im Rahmen der 51. Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Halle durfte ich einen Vortrag zu „meinem“, nämlich dem Thema des Umgangs mit digitalen & sozialen Medien in der modernen Sportpsychologie halten. Die Leitfrage: Bieten uns soziale Medien allerhand Chancen oder stellen sie ein zu hohes Risiko in der Arbeit mit Athleten dar?

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Johanna Constantinis Beitrag zum Hören

Zum Thema: Was moderne Sportpsychologen von sozialen Medien wissen sollten

Mehr Infos zu Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Eines sei vorweg genommen: So ganz schwarz oder weiß kann diese Frage wohl kaum beantwortet werden. Dies rührt unter anderem daher, dass wir als Anwender nach wie vor zu den Early Adopter der neuen Technologien gehören (Spitzer, 2017). Dieser Begriff beschreibt eine Generation, die mit technologischen Neuerungen aufwächst bzw. in deren Anwendung „hineinwächst“. Chancen und/oder Risiken können dabei (noch) nicht adäquat abgeschätzt werden. Dies liegt zum einen an der fehlenden Erfahrung und zum anderen an nur wenigen Untersuchungsergebnissen, die es bisher zum Langzeitgebrauch sozialer Medien gibt.

So manche Studie existiert jedoch bereits, um den eigenen Gebrauch und den der Athleten grob einordnen zu können. In meinem aktuellen Blog zum Thema möchte ich diese Untersuchungen, die auch Teil meines Vortrags waren, nochmals anhand drei wichtiger Themen verdeutlichen.

  • Vom Vergleich in sozialen Medien
  • Eine Frage der Generationen – wer postet, wie ich bin?
  • Impulse kontrollieren und Selbstwirksamkeit erhöhen

Vom Vergleich in sozialen Medien

Es ist beispielsweise belegt, dass User in sozialen Medien zur sogenannten Upward Social Comparison neigen. Diese äußert sich darin, dass sich die Nutzer der modernen Medien eher mit jenen vergleichen, die sich vermeintlich „besser“ darstellen, als sie sich selbst fühlen. Im Zuge dessen kommt es bei jenen, die sich vergleichen zu einem Phänomen, dass sich pluralistische Ignoranz nennt.(Chou & Edge, 2012)

Darunter versteht man, dass Menschen sich ihre eigenen Stärken im Prozess des Vergleichs wenig bis gar nicht verdeutlichen können. Über den fast unvermeidlichen Vergleich in sozialen Medien – sei es mit dem unmittelbaren Konkurrenten, der gegnerisches Mannschaft oder dem eigenen Teamkollegen – steigt demnach das Risiko für die Abwertung des eigenen Selbstwerts. Und was dies für den Sportler selbst bedeutet, sollten Sportpsychologen bestens wissen…

Eine Frage der Generationen – wer postet, wie ich bin?

Die Generationenfrage wird sehr gerne als Vorwand verwendet, um „die Jungen mit ihren Handys“ anzuklagen. Doch weiß man um die durchschnittliche Online-Präsenz Neugeborener – die liegt nämlich bei rund sechs Monaten – so wird schnell klar, wer hier wen postet. (Stamoulis, 2011) Es sind auch nicht mehr nur „diese Jungen“, die sich auf Facebook tummeln und ihre Nachrichten aus den Social Media Kanälen ziehen. Es sind immer ältere Generationen, denen die Nutzung sozialer Medien – und dies sei generell nie ausgeschlossen – zum Teil auch förderlich ist! Nämlich um dazuzugehören, sich mit den jüngeren Generationen austauschen zu können und mit der Zeit zu gehen.

Auch in Sportvereinen wird oftmals von verschiedenen Seiten gepostet und geteilt. Daher ist es vor allem innerhalb von Teams wichtig, die Regeln für die Online-Präsenz genau zu klären. Wann wird gepostet? Wer postet? Was darf berichtet werden? Wo bleiben die Handys auch gerne mal aus?

Auch in Bezug auf diesen Punkt ist es nicht das allgemeine Verbot, das zur Handynutzung vorherrschen sollte. Vielmehr sind es Strategien, die als Teil der modernen Sportpsychologie genauso erarbeitet werden müssen, wie alltägliche Wettkampfroutinen.

Impulse kontrollieren und Selbstwirksamkeit erhöhen

Für Sportler ist vor allem das Wissen um ihre eigenen Kompetenzen wichtig. Daher gilt es im Zeitalter der digitalen Moderne mehr als je zuvor, die vermeintlich unkontrollierten Impulse besser zu kontrollieren zu lernen. „Wann und wie greife ich zum Handy?“, „Wann dient es mir womöglich als „Schutzschild vor der Außenwelt?“ (Diefenbach & Ullrich, 2014) „Wann sollte ich lernen, es auch mal wegzulegen?“ „Wie gehe ich unmittelbar vor dem Wettkampfstart am besten damit um?“

Fragen über Fragen, die moderne Sportpsychologen im Sinne der Impulskontrolle – und an dieser Stelle sei gesagt, dass sich die Smartphone Sucht bis heute hauptsächlich als „Impulskontrollstörung“ (ICD – 10, 2019) klassifizieren lässt – lernen sollten zu stellen.

Mehr Interesse am Thema? Johanna Constantini hat bereits zahlreiche Texte verfasst – hier eine kleine Übersicht:

Quellen:

Chou, H.-T. G., & Edge, N. (2012). “They are happier and having better lives than I am”: The impact of using Facebook on perceptions of others’ lives. CyberPsy- chology, Behavior & Social Networking, 15, 117–121
ICD – 10, 2019

Spitzer, M. 2017. Cyberkrank. Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Droemer Taschenbuch. Deutschland

Stamoulis, K. (2011). The digital lives of babies. The Amplifier. Spring/Summer 2011, 4-5

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Ole Fischer: „You can do this!” – Eine Kurzanleitung für Selbstgespräche

Wir sind hier ja unter uns. Insofern sage ich es jetzt ohne vorgehaltene Hand: Sportler führen Selbstgespräche! Leider ist die Qualität der Selbstgespräche aber oft schlecht – im Sinne von: wenig zielführend. Dabei sind Selbstgespräche ein richtig gutes Werkzeug, um die eigene Leistung zu verbessern. Ich erkläre mal, wie Sie sich darin ausprobieren können.

Zum Thema: Selbstgespräche als „Brain Tuning“ im Sport

Was sagen Sie sich eigentlich, wenn Sie mit sich auf dem Sportplatz, auf der Strecke oder im Ring sprechen? Fakt ist: Sie reden mit sich, auch wenn Sie es nur denken. Ihr innerer oder verbalisierter Monolog begleitet Ihre Handlungen und Bewegungen. Dabei kann er Sie unterstützen oder auch hinderlich wirken.

Beobachten Sie, was in verschiedenen Situationen in Ihrem Innern geschieht, getreu dem Motto „Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung“. Als schlechte Selbstgespräche bezeichnet man solche, die mit negativen Konsequenz-Erwartungen einhergehen – Sie erwarten, dass Sie scheitern. Hier einige Beispiele aus der Sportart Golf dazu:

Negative Selbstgespräche (Beispiel Golf):                               Notizen
„Aufpassen, nicht zu lang”
„Mein Kurzspiel ist schon immer schlecht gewesen.“
„Heute schlage ich alles in die Büsche.“
„Ich habe zurzeit kein Gespür für den Ball.“

Schreiben Sie doch mal kurz auf, welche negativen Selbstgespräche Ihnen einfallen und in welchen Situationen sie vorkommen.

Selbstgespräche ändern

Einen Pep Talk nennen die Amerikaner jenes Motivationsgespräch, welches zu höheren Leistungen anstachelt. Sich selbst zu motivieren, fällt leichter, wenn man weiß, worauf man achten muss:

  • Abstand von negativen Formulierungen, denn Forschungen zeigen: nicht & nie kann der Verstand nicht immer sachgemäß interpretieren
  • positive Erwartungen verbalisieren – „Ich kann, „ich weiß“, „ich werde“
  • sich selbst durch Resultate ermutigen – „Ich treffe diesen Wurf mit 90 prozentiger Sicherheit.“
  • alle Kommunikationskanäle nutzen – Die Körpersprache spielt eine starke Rolle bei der richtigen Anwendung von Selbstgesprächen (Kopfschütteln oder Siegerpose?)
  • Selbstgespräche mit Feedback kombinieren – dies steigert die Konzentration und Leistung

Für unsere Beispiele aus dem Bereich Golf funktioniert dies folgendermaßen:

Negative Selbstgespräche:   Positive Selbstgespräche:                           
„Aufpassen, nicht zu lang”
„Mit diesem Schwung treffe ich.“
„Mein Kurzspiel ist schon immer schlecht gewesen.“„Jeden Tag verbessere ich mein Kurzspiel.“
„Heute schlage ich alles in die Büsche.“„Jeder macht Fehler – konzentrier dich auf den nächsten Schlag.“
„Ich habe zurzeit kein Gespür für den Ball.“„Ganz ruhig! Dein Rhythmus ist Schwingen, zwei Schritte an den Ball, Atmen, Schwingen!“

Selbstgespräche optimieren

Mehr zum Autor: https://www.die-sportpsychologen.de/ole-fischer/

Die Wirksamkeit von Selbstgesprächen verbessert sich mit der Häufigkeit ihrer Verwendung. Außerdem sollten Sie darauf achten, welche Form von Selbstgesprächen für Sie am besten funktioniert. Ist es besser, wenn Sie sich den Druck etwas nehmen oder brauchen Sie die Herausforderung, um konzentriert zu bleiben? Das mentale Training ist ebenso wichtig wie das körperliche – gerade für Topleistungen.

Durch die ständige Wiederholung der Selbstgespräche festigen sich die jeweiligen Effekte. Zeitnahe genügt es, an das Selbstgespräch nur noch grob zu denken, um sich in den gewünschten Zustand zu versetzen. Dann reichen schon einige Schlagworte im Kopf (sogenannte Knotenpunkte), um den positiven Gedankenfluss anzuregen und die Konzentration zu fördern.

Im Beispiel des letzten Golfspruchs wäre dies: „Ruhig – Schwingen – Schritt – Atmen – Schwingen!“

Üben, üben, Üben

Wir von Die Sportpsychologen sind gern bereit, mit Ihnen an dem Thema zu arbeiten. Ob sich einer meiner Kollegen oder eine Kollegin in ihrer Nähe befindet, sehen Sie hier: Übersicht Profilinhaber aus Deutschland, Österreich, Schweiz. Gern stehe ich auch persönlich für Rückfragen oder Kontaktaufnahmen bereit: Zum Profil von Ole Fischer.

Mehr zum Thema:

Literatur:

Eberspächer, H. (2001). Mentales Training. Das Handbuch für Trainer und Sportler. München: Copress

Gührs, M. & Nowak, C. (2006): Das konstruktive Gespräch. 6. Auflage. Meezen: Limmer.

Hatzigeorgiadis, A., Zourbanos, N., Galanis, E., & Theodorakis, Y. (2011). Self-talk and sports performance: A meta-analysis. Perspectives on Psychological Science, 6, 348-356

Kleinert, J. (Hrsg.) (2003). Erfolgreich aus der sportlichen Krise: Mentales Bewältigen von Formtiefs, Erfolgsdruck, Teamkonflikten und Verletzungen, München: blv.

Latinjak,A., Torregrosa, M. & Renom, J. (2011). Combining selftalk and performance feedback: Their effectiveness with adult tennis players. The Sport Psychologist, 23, 543-561

Riley, P. (1993). The winner within. New York: Berkley.

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Dr. René Paasch: Anliegen statt Ziele – Was Trainer, Funktionäre und Spieler über den Trend wissen sollten

Für Trainer gilt es als eine der wichtigsten Aufgaben, eine Mannschaft auf ein gemeinsames Ziel auszurichten. Doch ist dieses Vorgehen, sind Ziele überhaupt noch zeitgerecht? Häufig erlebe ich, dass viele Sportler und Trainer nur sehr schwer damit umgehen, wenn Ziele erreicht werden. Immer wieder kommt dann die Frage auf, was nun eigentlich käme? Aber es geht auch anders: Wenn Trainer, Verantwortliche und Spieler anstelle von Zielen gemeinsame Anliegen formulieren. Der Vorteil: Anliegen provozieren mehr Orientierung und Glück als kurzfristig fremdgesteuerte Ziele. Dieser Beitrag soll Trainern, Funktionären und Führungsspielern helfen, genau diesen Gedanken schon in der Vorbereitung zur neuen Saison zum Leben zu erwecken.  

Zum Thema: In der saisonalen Vorbereitung Anliegen entwickeln 

Die moderne Psychologie hat sehr fundiert nachgewiesen, dass jeder Versuch, einen Menschen durch das „in-Aussicht-stellen“ von Belohnungen oder durch die Androhung von Bestrafungen zu „motivieren“, zwangsläufig zu einer Unterdrückung seiner intrinsischen Motivation führt. Je mehr von außen gedrückt wird, desto weniger kommt von innen an die Oberfläche. Menschen sind eben keine Quetschbeutel, die sich nach Belieben benutzen lassen.

„Wir brauchen Profivereine,
deren Trainer und Spieler einander einladen,
ermutigen und inspirieren, über sich hinauszuwachsen.“

Dr. René Paasch

Denken wir an die Isländer bei der EM 2016: Ihr Weg bis ins Viertelfinale ist uns sicher allen in Erinnerung geblieben. In Island ist dieses Turnier zu einem historischen Ereignis geworden. Ein Zehntel der Bevölkerung reiste spontan zur Fußball-EM nach Frankreich. Der Rest der Nation saß vor den Fernsehern oder traf sich auf öffentlichen Plätzen. Mit ihrem beherzten Spiel war das unbekannte Team die große EM-Überraschung. Offenbar liegt dort das Geheimnis für großartige und nachhaltige Leistungen – denn die Isländer jagten nicht irgendeinem Ziel hinter, sondern sie verfolgten ein Anliegen.

Ziele sind gar nicht so erstrebenswert

Demgegenüber setzen sich Vereine und Mannschaften häufig eigene Schwerpunkte und berücksichtigen dabei nicht den Einzelnen: Es geht um ein übergeordnetes langfristiges Ziel, das einen besseren Zustand oder Platzierung verspricht. Dabei sind Ziele, die man erreichen kann, gar nicht so günstig. Denn hat man diese erreicht, ist auch die langfristige Orientierung nicht mehr vorhanden, wie auch die jetzige Situation im Deutschen Fussball und die damit verbundene Transformation sehr deutlich zeigt. Was wirklich Orientierung bietet, ist ein Anliegen, welches begeistert und verbindet.

Hinzu kommt: Ein Anliegen kann man auch teilen. Denn gemeinsame Anliegen liegen allen Beteiligten im Fussball gleichermaßen am Herzen. Sie sind bereit, etwas auf sich zu nehmen. Sie sind der langfristige Wegweiser und viel konkreter als Ziele.

Der neue Ansatz

Mehr Infos zu Dr. René Paasch: https://www.die-sportpsychologen.de/rene-paasch/

Anliegen können Sportler eigentlich nie erreichen, aber allen Beteiligten haben jeden Tag gute Gründe, sich dafür einzusetzen. Aus meiner Erfahrung wirkt das kohärenzstiftend: Statt Meister werden zu wollen, könnte man sich zum Anliegen machen, auf Basis einer bestimmten Spielphilosophie Kicker langfristig zu entwickeln und diese dann an den Verein zu binden. So nähert man sich mit jeder kleinen Aktivität ein Stück dem langfristig gewählten Anliegen (Profivertrag, Balance zwischen Erfolg und Misserfolg, Ligazugehörigkeit u.v.m.).

Ein Anliegen ist eine Orientierung für das, was man tut. Es verhindert, dass man sich durch kurzfristige Ziele ablenken lässt. Es gibt eine Richtung für die eigene Weiterentwicklung und das eigene Handeln vor. Im heutigen Fussball ist es für Vereine allerdings fast unmöglich, langfristige Anliegen zu verfolgen. Dafür dürften Trainer und Spieler sich nicht einreden lassen, was sie noch alles bringen müssten, um zufrieden oder gut zu sein. Der Leistungsfussball baut darauf, dass Akteure keine langfristigen, gemeinsamen Anliegen entwickeln können. Heute sind Trainer und Spieler noch überwiegend Manipulationsmasse für das System im Fussball, das mehr Leistungsdruck vertreibt als es eigentlich möglich ist. Ständig müssen Talente gewonnen werden – und das geht nur, wenn diese hinreichend fremdgesteuert sind. Können Vereinsangehörige glücklich sein und wachsen, ohne sich mit sich selbst, mit anderen Menschen und allem, was ihn umgibt, verbunden zu sein? Wir sind nicht nur davon abhängig, wir brauchen diese Verbundenheit auch, um uns weiterzuentwickeln. Es ist nur so, dass offenbar viele Funktionäre und Aktive im Fussball keine allzu positiven Erfahrungen mit Gleichgesinnten oder Vereinen gemacht haben. Sie lehnen es ab, sich diese Verbundenheit bewusst zu machen. Manche schaffen es sogar, ihr angeborenes Bedürfnis nach Verbundenheit zu unterdrücken (Leere Versprechungen, Lügen, Intrigen, geldwerter Vorteil). Bei ihnen dieses Gefühl wieder zu wecken und das Bewusstsein dafür zu schärfen, ist das, was ich als Teil meiner sportpsychologischen Arbeit begreife.

Fazit

Neurobiologische Erkenntnisse und praktische Erfahrungen weisen darauf hin, dass Menschen und Teams langfristige Anliegen verfolgen sollten, um sich nicht in alltäglichen Belastungen und Problemen zu verlieren. Vielmehr benötigt der Leistungssport Fussball eine neue, würdevollere Art des Umgangs und die Verfolgung von Anliegen.

Sie suchen Vereinsangehörige, Trainer und Spieler, die mehr als nur hochmotiviert, begeistert und kompetent sind? Dann schaffen Sie eine Vereinsphilosophie höchster Wertschätzung und kreieren sie dabei ein wegweisendes Anliegen. Um es auf den Punkt zu bringen: Der Traum oder die Aufgabe des Vereins und der Mannschaft hat zum Anliegen eines Jeden zu werden. Nur so ist Nachhaltigkeit und Langfristigkeit möglich.

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2017/03/20/dr-rene-paasch-ziele-und-motivation/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/10/03/thorsten-loch-und-lisa-rueckel-teamentwicklung-von-forming-zu-storming/

https://www.die-sportpsychologen.de/2016/08/01/dr-rene-paasch-per-woop-zum-saisonziel


Literatur

Thomas Schmitt, T. (2008): Das soziale Gehirn. Eine Einführung in die Neurobiologie für psychosoziale Berufe. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2008. 168 Seiten. ISBN 978-3-88414-456-5.

Gerald, H. Bauer, N. Müller, S. (2018): Wie Träume wahr werden: Das Geheimnis der Potentialentfaltung Gebundenes Buch.  Goldmann Verlag

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Dr. Hanspeter Gubelmann: Productive Failure – wie eine bittere Niederlage zum Sieg führen kann!

Nach fast 30 Jahren Tätigkeit in der angewandten Sportpsychologie gibt es für mich drei „learnings“, die ich gerne mit allen Sportinteressierten teile: Siege im Spitzensport entstehen auch aus „productive failure“ (1), dem lehrreichen Umgang mit Niederlagen. In der Aufarbeitung dieser Rückschläge orientiere ich mich an einer konstruktivistischen Vorgehensweise (2): Der Athlet trägt die Lösung in sich, die er mittels Nutzung seiner Ressourcen (Erfahrungen, Erfolge, mentale Stärke, etc.) in Kooperation mit dem Sportpsychologen eigenverantwortlich erreichen soll. Dies ist u.a. der Grund, weshalb ich rund einen Drittel meiner Beratungszeit (ca. 20 Minuten einer durchnittlich einstündigen Beratungssitzung) dazu verwende, gemachte Erfahrungen, Trainings- und Wettkampferlebnisse usw. gemeinsam mit dem Athleten eingehend zu reflektieren (3).

Zum Thema: Ruedi Wild lehrt uns den Umgang mit Niederlagen

Mehr zu Dr. Hanspeter Gubelmann: https://www.die-sportpsychologen.de/hanspeter-gubelmann/

Zwischen 2007 und 2013 hatte ich das Vergnügen, den damals auf der olympischen Distanz erfolgreichen Triathleten Ruedi Wild in meiner Funktion als Sportpsychologe zu begleiten. Zusätzlich gefordert mit einem Studium an der Universität, war der ambitionierte Athlet schon damals sehr selbständig und fokussiert in seiner Trainingsarbeit. Seine eigenverantwortliche Herangehensweise verbunden mit einer konstruktiv-kritischen Selbstreflexion machten ihn zum “selbstverantwortlichen Modellathleten” aus Sicht der angewandten Sportpsychologie.

In der Folgezeit wechselte Ruedi Wild auf die Langdistanz(en), wo er sich mittlerweile in der Weltelite etabliert hat. Zwar sind unsere Kontakte seltener geworden, geblieben aber ist mein grosses Interesse an seinen äusserst lesenswerten Trainings- und Wettkampfberichten. Diese Einsichten und Einblicke in das «Innenleben eines Spitzensportlers» vermittelt der Triathlet via soziale Medien auch einer grösseren Fangemeinde. Ein besonders interessanter Beitrag erschien unlängst im Anschluss an den Challenge-Triathlon vom 18. Mail 2019 in Lissabon. Anhand dieser Rückschau (Debriefing) werde ich fünf sportpsychologische Konsequenzen ableiten, die ich als „best practice“-Beispiele bezeichnen möchte.

Die Vorgeschichte

Prolog. Zum besseren Verständnis eine kurze Zusammenfassung, was vor Lissabon geschah: Ruedi Wild hatte sich minutiös auf seinen ersten Saisonhöhepunkt, die Langdistanz-WM in Pontevedra anfangs Mai 2019, vorbereitet. Die Ausgangslage schien vielversprechend, ehe ein Trainingsunfall mitte April im Trainingslager in Kalifornien das Bild einer bislang perfekten WM-Vorbereitung trübte. In seinem Kommentar meinte Ruedi Wild, dass er zuversichtlich sei, erholt von den Blessuren und vom vielen Training, Anfang Mai in Top Verfassung zur WM antreten zu können. An der WM musste er schliesslich den Nachwirkungen seines Trainingsunfalls Tribut zollen. In seiner Analyse schreibt er:

A DNF always sucks, especially at your key races, even when you know it is the only right decision. I made my way back into the lead positions on the bike only to realize the hip issues from my crash still have not completely healed out under race effort. It was a hard decision to eventually drop out in the run with the health issues getting worse. But not to risk the season was certainly the only right decision.

Ruedi Wild

Aus Erfahrung weiss ich, wie schwer es Athletinnen und Athleten mitunter fällt, nach einem derartigen Misserfolg an einem bedeutenden Zielwettkampf kurze Zeit später mental bereit in einen nachfolgenden Event zu steigen. Einerseits gilt es, die psychischen Nachwehen des erlittenen Rückschlages weiter zu verdauen, andererseits die daraus geschlossenen Erkenntnisse in Verbindung mit aktualisierten mentalen Vorbereitungs- und Wettkampfstrategien selbstwirksam und erfolgsorientiert einzusetzen. Wie dies konkret aussehen kann, lässt sich exemplarisch an den nachfolgend beschriebenen mentalen Kernelementen aufzeigen. In seinen Schilderungen wird deutlich, wie es Ruedi Wild letztlich gelang, am international sehr gut besetzten Challenge Triathlon von Lissabon den Sieg zu erringen – notabene rund zwei Wochen nach dem WM-out von Pontevedra!

5 Lessons…

1) Haltung in der Niederlage

Enttäuschung, Frust und Ärger – das sind die unmittelbaren Folgen eines „DNF“-Erlebnisses. Der Ausdruck dieser Emotionen, auch ihre Form, sind wichtig für die Verarbeitung dieses Erlebnisses. Ebensosehr betone ich in meiner Arbeit aber auch die Entwicklung einer „inneren Haltung“, quasi den persönlichen Zugang zur «Niederlage». Ruedi Wild rekapituliert seine Sichtweise im Nachspann zur verpatzten WM sehr anschaulich:

Letztlich gehören solche Enttäuschungen ebenso zum Spitzensport und ich schaue bereits wieder nach vorne. (…) Entscheidend ist, dass man an Herausforderungen wächst und sich nicht davon unterkriegen lässt. Eine Lektion, die man nirgends so schnell lernt wie im Spitzensport, dafür aber für sein ganzes Leben anwenden darf.

Ruedi Wild

2) Ruhe und Gelassenheit

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Den Erfolgsfaden nach einer missglückten WM-Teilnahme wieder zu finden, stellt auch einen Weltklasse-Athleten vor eine besondere mentale Herausforderung. Eine Kunst ist es, sich Zuversicht und Selbstvertrauen in der Vorbereitung auf einen nächsten Wettkampf nicht selbst zu rauben – indem etwa negative Selbstgespräche oder Selbstzweifel beginnen, das Fundament der mentalen Stärke des Athleten ins Wanken zu bringen. Vermehrt die eigene Gelassenheit zu unterstützen – auch seitens der Betreuer – erscheint hier insbesondere angezeigt. Ruedi Wild beschreibt die turbulente Vorbereitung auf den Wettkampf in Lissabon folgendermassen:

Die letzten zwei Wochen vor dem Race liefen drunter und drüber! Neben den Hüftproblemen lag ich auch noch krankheitshalber mehrere Tage im Bett und brachte anschliessend beim Training nicht mehr viel zu Stande. Im Sport kann sich das Blatt jedoch schnell wieder wenden, sowohl in die eine als auch andere Richtung…

Ruedi Wild

3) Zurückhaltung in der Zielorientierung – be smart!

Im Hinblick auf den nächsten Wettkampf lohnt es, die eigene Erwartungshaltung zu überprüfen, um die Rennstrategie gegebenenfalls anzupassen. Gerade in Ausdauersportarten spricht dies für eine gewisse Zurückhaltung in der Startphase, um Geist und Körper die Möglichkeit zu geben, in den „gewohnten Tritt“ zu kommen. Ruedi Wild beschreibt seine Vorgehensweise für Lissabon gleichermassen unaufgeregt wie klar:

Für einmal ging ich ohne konkrete Erwartungen an den Start. Nachdem ich in den Trainings dank intensiver Betreuung meines hervorragenden Umfeldes meine Hüfte letztlich nicht mehr gespürt hatte, hoffte ich, dass dies auch unter Wettkampfbelastung so bleiben würde. Mit einer passiven Renntaktik wollte ich sicherstellen, dass ich substanzmässig zum Ende der Halbdistanz über 1.9km Swim, 90km Bike und 21km Laufen gut durchhalten würde.

Ruedi Wild

4) Pushen: „Steigerungslauf“ im Wettkampf

Stimmt Tagesform und Rennverlauf, meldet sich der „Renninstinkt“ des erfahrenen und mental starken Athleten. Welche Gedanken Ruedi Wild auf der abschliessenden Laufstrecke begleiteten, schildert er in seiner Zusammenfassung sehr eindrücklich.

Als die ersten Kilometer gut und problemlos liefen, fasste ich weiteres Vertrauen. Die beiden Führenden kamen immer näher, während ich gleichzeitig mein Tempo weiter steigern konnte. Zwar wollte ich mich bewusst nicht zu früh mit Klassierungen etc. auseinandersetzen, sondern mich ganz auf mich und das hier und jetzt konzentrieren. Aber mit zunehmender Erfahrung merkt man natürlich, wenn etwas in der Luft liegt und entsprechendes Handeln angesagt ist.

Ruedi Wild

5) Debriefing: Einordnen der Leistung und des Erfolgs!

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Für Ruedi Wild kam der Erfolg in Lissabon unerwartet – wohl aber nicht völlig überraschend. Der Athlet weiss um seine (mentale) Stärken, die er sich über viele Jahre hinweg erarbeitet hat. Sein Sieg bestärkt ihn in der Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein.

Siege sind immer am schönsten, wenn man nicht unbedingt damit rechnet… Und damit schätzt man die Erfolge auch wieder doppelt!. (…) Als WM Revanche würde ich das Rennen nicht bezeichnen, denn diese Chance ist für dieses Jahr vergeben, aber eine gewisse Genugtuung kann ich nicht abstreiten. Und wieder einmal zeigt sich, wie wichtig die mentale Komponente ist und dass man auch in schwierigen Situationen positiv bleibt. In dieser Form gibt es wohl nach wie vor keine bessere Lebensschule als der Sport.

Ruedi Wild

sd

Ruedi Wild im Wasser vor Kona (Quelle: Ruedi Wild)

Gerade in herausfordernden sportlichen Zeiten, wie den oben beschriebenen, ist es für mich zentral, auch mal bewusst von der Thematik abschalten zu können und mich ganz bewusst mit anderen, positiven Gedanken und Dingen zu beschäftigen: Familie, Freunde etc.

Genauso wie wenn mich etwas freut, im sportlichen etwa ein tolles Wettkampfresultat, und ich daraus Motivation ziehen kann, kann es auch umgekehrt funktionieren: Ich bleibe in herausfordernden Situationen in der negativen Spirale stecken und verleihe durch das ständige „Wälzen“ dieser Gedanken ihnen weiteres Gewicht. 

Gedanken sind Energie, also überlege gut, wo du diese einsetzt und versuche, entsprechend zu handeln. Ein Schritt weg vom eigentlichen Ziel bedeutet häufig ein Schritt vorwärts!  

Ruedi Wild

Homepage von Ruedi Wild: https://www.ruediwild.ch

Instagram-Account von Ruedi Wild: https://www.instagram.com/ruediwild/

Facebook-Seite von Ruedi Wild: https://www.facebook.com/ruediwild82/

Profilseite von Dr. Hanspeter Gubelmann: https://www.die-sportpsychologen.de/hanspeter-gubelmann/

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/07/26/ruedi-wild-inside-a-racing-mind/
https://www.die-sportpsychologen.de/2017/01/05/prof-dr-oliver-stoll-wenn-heisse-gedanken-fehlen/
https://www.die-sportpsychologen.de/2019/01/05/prof-dr-oliver-stoll-aufgeben-ein-zeichen-von-schwaeche-oder-staerke/

Quellen:

Trainingslager Kalifornienhttps://www.facebook.com/ruediwild82/posts/2267365226811925

Wettkampfbericht Ruedi Wild Langdistanz WM Pontevedrahttps://www.facebook.com/ruediwild82/posts/2282511778630603?tn=K-R

Triathlon Challenge Lissabon, 18. Mayhttps://www.facebook.com/ruediwild82/posts/2293818590833255

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Christian Hoverath: Wie Wettkampf-Neulinge im Triathlon den Umgang mit der Nervosität üben können

Die Saison im Ausdauersport hat begonnen und einigen Athleten steht der erste Wettkampf im Leben eines Triathleten bevor. Deswegen möchte ich euch ein paar Tipps für den Umgang mit der Nervosität mit auf den Weg geben. Denn die wird sich euch persönlich vorstellen. Irgendwann vor dem ersten Rennen. Und es ist besser, wenn ihr darauf vorbereitet seid. 

Zum Thema: Tipps zur Wettkampfvorbereitung und zum Umgang mit Nervosität 

Zuallererst müssen wir wissen, dass Nervosität ein normales Gefühl ist und es die unterschiedlichsten Arten gibt, damit umzugehen. So lässt sich beispielsweise auf dieses Gefühl reagieren, indem wir sagen: „Oh Mann! Ich bin so nervös, mein Magen ist ganz unruhig. Ich konnte kaum einschlafen. Das kann doch nichts werden.“ 

Mehr zur Person: https://www.die-sportpsychologen.de/christian-hoverath/

Viel hilfreicher ist es jedoch, sich erst mal mit dem Thema vertraut zu machen. Was steckt also in diesem besonderen Bauchgefühl? In für uns bedeutsamen Situationen setzt der Körper Hormone und Botenstoffe frei, die das System in Alarmbereitschaft versetzen. Wir werden wacher, die Atmung wird schneller, Puls und Blutdruck steigen und die Magen-Darm-Tätigkeit wird angeregt. Gedanken kreisen um das Thema, welches uns beschäftigt und da dies eine neue Situation für uns ist, haben wir noch nicht die passenden positiven Antworten. Der negativen Antwort auf dieses Gefühl, die ich oben skizziert hatte, lässt sich mit diesem Wissen doch einiges entgegensetzen. Wir wissen, dass diese körperlichen Symptome dazugehören, ja irgendwie normal sind. Jeder von uns spürt sie in unterschiedlicher Art und Weise, selbst beim X–ten Triathlonstart sind sie noch da. Was sich verändert, ist das Herangehen in unserem Kopf. „Es ist normal, dass es sich so anfühlt. Mein Körper ist bereit für den Wettkampf, ich habe ausreichend dafür trainiert und bin gut vorbereitet. Das, was mein Körper mir signalisiert, sind Anzeichen dafür, dass er bereit ist. Bereit für den Wettkampf und bereit, Gas zu geben.“

Entspannung hilft

Nützlich wäre es, wenn ihr eine für euch nützliche Entspannungsübung an der Hand hättet. Sehr zu empfehlen sind Atementspannungen, da sie gut zu erlernen, schnell durchzuführen und einfach wiederholbar sind. Zudem wirken sie direkt auf den Körper. Aber auch Achtsamkeitsübungen, progressive Muskelentspannung oder Ruhebilder können helfen. Schaut, was euch hilft und übt es! Ihr macht ja auch nicht erst im Wettkampf euren ersten Kraulzug. 

Hinweis: Wenn ich euch zu diesem Thema die ein oder andere Hilfestellung geben soll, kontaktiert gern meine Kollegen (zur Übersicht, wo ihr die Gesichter von Die Sportpsychologen findet) oder mich (zur Profilseite von Christian Hoverath). 

Macht euch mit der Wettkampfstrecken vertraut. Schaut euch die Regularien, das Streckenprofil und die Besonderheiten in der Ausschreibung an, sprecht mit Leuten, die schon Triathlonerfahrung haben (vielleicht sogar auf dieser Strecke) und geht vorher auf die Wettkampfstrecke, wenn ihr die Möglichkeit dazu habt.

Der schwierige Start

Eine Besonderheit des Triathlon ist für Einsteiger der Schwimmstart. Simuliert doch mal einen mit eurer Trainingsgruppe und schwimmt gemeinsam auf engem Raum los. Dann kennt ihr dieses Gefühl schon vor dem Tag X.

Wenn ihr euch jetzt schon mit Strecke und Schwimmstart vertraut gemacht habt, könnt ihr nun auch euer eigenes Drehbuch für den Wettkampf schreiben. Wir wissen aus der Forschung, dass im Gehirn dieselben Prozesse ablaufen, wenn wir uns etwas lebhaft vorstellen anstatt die Bewegung tatsächlich durchzuführen. Überlegt euch also, wie sich der Wettkampf gestalten soll. Wie fühlt sich das Schwimmen an, wie ist das mit anderen zu starten und sich einzureihen? Wie komme ich aus dem Wasser, wie gestalte in den Wechsel? Dann auf dem Rad: Gehe ich es locker an oder gebe ich von Anfang an Vollgas? Wie sehen Überholmanöver sowohl von anderen als auch von euch aus? Wie fühlen sich dann die ersten Laufschritte an? Macht euch auch die letzten Meter auf dem Weg ins Ziel klar und genießt vor dem inneren Auge, was ihr da geschafft habt und wofür ihr in den letzten Monaten trainiert habt. So habt ihr den Wettkampf schon einmal erlebt. Den meisten Schrecken tragen Dinge, die wir nicht kennen. Auf diese Art und Weise könnt ihr für euch kritische Situationen durchspielen. 

Bestmögliche Vorbereitung

Ein weiterer Faktor für die Nervosität ist die Frage: habe ich meine Tasche vollständig gepackt? Habe ich alles dabei? Sehr hilfreich dafür sind Packlisten, die ihr euch im Vorfeld ausdrucken könnt und beim Packen abhakt. Ich persönlich habe meine Liste seit knapp 15 Jahren, die ich natürlich immer wieder angepasst und verfeinert habe.

Trainiert auch mal in eurer Wettkampfkleidung. So kennt ihr sie und das Gefühl.

Mit dem Trigger spielen

Testet euer Frühstück. Macht euch da auch bewusst, dass es das Frühstück des Wettkampfes sein wird. So lässt sich vielleicht schon mal das Gefühl der Nervosität triggern und ihr könnt euch damit vertraut machen.

Am allerwichtigsten noch mal: dieses Gefühl ist normal und in unterschiedlicher Ausprägung bei uns allen vorhanden. Der Umgang ist entscheidend. Ich wünsche euch viel Spaß beim ersten Triathlon. Genießt ihn! 

Hinweis: Sollte jemand unter euch trotz aller Versuche stark unter der Nervosität leiden – auch hier können meine Kollegen (Link) und ich (zur Profilseite von Christian Hoverath) euch helfen. Nehmt also gern Kontakt auf.

Mehr zum Thema:

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Dr. René Paasch: Das Moral Hazard Dilemma im Fussball

Unsere Leistungsgesellschaft entwickelt sich unaufhaltsam und kaum steuerbar. Dass so eine unsichere Lebenssituation auch etwas mit den Menschen macht, ist deutlichst zu erkennen. Der Fußball hingegen bildet eine Art Parallelwelt, in der wir all diese Entwicklungen nachverfolgen können. Wo alles schneller gehen muss, nimmt natürlich auch die Geduld ab. Und der Fußball bedient sich derer. Bei sportlichem Misserfolg oder sogar als erfolgreicher Trainer – die Gefahr einer Kündigung war nie so präsent. “Holen wir halt einen neuen Trainer.” Oder um es mit den Worten von Robin Dutt zu sagen: „Du brauchst keinen Trainer mehr. Die Fußballbranche versteht nicht, was Trainer bedeutet.“ Oder Dieter Heckings angefasstes Resumée: „Was mit Trainern passiert, ist respektlos“. Und denken wir nicht zuletzt an die beeindruckenden Auftritte von Bayern-Trainer Niko Kovac. Wäre es da nicht an der Zeit, das komplexe menschliche Sein allumfassend zu betrachten und die Illusion der Schnelllebigkeit zu entschleunigen? In diesem Zusammenhang drängt sich die Moral und Ethik förmlich auf. Aus diesem Grund möchte ich mich in diesem Beitrag näher damit beschäftigen.  

Zum Thema: Moral und Ethik im Fussball 

Ethik und Moral. Beide Begriffe werden oft synonym verwendet. Dennoch definiert Moral und Ethik jeder anders, eine einheitlich festgelegte Norm gibt es hierzu nicht. Danach fasst Moral die Wertevorstellungen einer Gesellschaft oder eines Vereins zusammen und leitet daraus eine Art Verhaltenskodex für das Handeln ab. Moralische Grundsätze sollen das Verhalten in einer sozialen Gruppe regulieren und werden von ihr auch als bindend angesehen. Die Ethik wiederum steht über der Moral. Sie ist nicht an gesellschaftliche oder vereinspolitische gute Sitten gebunden, sondern gilt immer. Wer ethisch handelt, handelt nach Werten, die unabhängig sind von fremder Bestimmung. Es sind eher Normen der eigenen Lebensführung, die sich aus der Verantwortung gegenüber den Mitmenschen ableiten. Einfach zusammengefasst: „Wenn es Unrecht ist, tue es nicht, wenn es die Unwahrheit ist, sage es nicht.“ 

Es könnte alles so leicht sein, ist es aber nicht. Schon gar nicht im Leistungssport. Im Leistungssport Fussball lässt sich verstärkt ein Moralkodex entdecken, der eine einzige Regel enthält: „Verboten ist, was der Masse nicht gefällt.“ Es ist zwar meine tiefste Überzeugung, dass sich moralisches Handeln nachhaltig auszahlen muss. Gleichzeitig beobachte ich mit kritischen Augen wie es jeden Tag immer weniger eine Rolle spielt. 

Beispiel Nachwuchsfußball

Wie im Nachwuchsfussball! Zehntausende Kinder in den Vereinen wollen Profi-Fußballer werden. Jeden Samstag im Stadion vor 40.000 Fans Fußball spielen. Damit sich dieser Wunsch erfüllt, werden schon achtjährige Jungs von Vereinen oder Spielerberatern gesichtet und verpflichtet. Und spätestens mit zwölf Jahren haben sie einen Vertrag in der Tasche, der haltlos ist und erst mit 18 Jahren in Kraft treten kann. Das traurige daran ist, dass die Eltern dabei mitspielen. Ist dieses Verhalten nicht moralisch bedenklich? Ist der Profit wichtiger als die Kindesentwicklung oder ist dies die notwendige Selektion? 

Fünf Mal die Woche Training nach der Schule, zusätzlich Krafttraining und am Wochenende Spiele in näherer und entfernter Umgebung. Ostern, Feiertage oder auch Geburtstage spielen weniger eine Rolle, immer steht Fußball an erster Stelle. Freizeit? Fehlanzeige! Doch trotz aller Anstrengungen schaffen es nur 3% in den Profisport. 

Weiteres dazu finden Sie: 

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/12/17/dr-rene-paasch-die-wuerde-der-nachwuchsspieler-ist-unantastbar/

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/27/dr-rene-paasch-wir-muessen-die-nlz-kicker-aus-den-zwangsjacken-befreien/

Trainer als Opfer

Gehen wir einen Schritt weiter und richten den Blick auf die Fußball-Bundesliga. In der Hinrunde der Saison 2018/19 sah vieles danach aus, dass nur eine handvoll Trainerentlassungen stattfinden werden. Im Laufe der Rückrunde hat sich diese Vermutung relativiert. Es wurden zahlreiche Trainer entlassen oder mussten am Saisonende gehen. Wäre es da nicht an der Zeit, dem häufig vorherrschendem Glaube, dass einzig und allein die Trainer an Miseren Schuld sind, zu hinterfragen? Hinterfragen müssten sich alle, ganz besonders die Funktionäre. Trainer, die vor einigen Monaten die beste Wahl waren und nach kurzer Zeit wieder entlassen werden, sind Leitragende der Vereinsführung und der Scouting-Abteilung. Ob diese Einschätzung einen Weckruf im Fußballgeschäft bewirken kann, weiß ich nicht, doch wünschenswert wäre es. Denn statistische Auswertungen zeigen deutlich, dass der kurzfristige Trainerwechsel ohnehin keinen Effekt hat. 

Mehr dazu finden Sie hier: https://www.die-sportpsychologen.de/2018/10/26/dr-rene-paasch-trainerentlassungen-im-fussball/

Werteverlust von Charakteren

Der Verein, die Werte von Trainern und Mannschaftskollegen, das Verhalten des Teammanagers und deren ganzes Zusammenspiel überträgt sich früher oder später auf den Charakter des Einzelnen. Und nicht immer zum Positiven. Frühzeitige Entlassungen, Unehrlichkeiten, Mannschaftskollegen spielen sich in den Vordergrund oder ignorieren den Mitspieler auf dem Platz. Oft zählen allein der Erfolg und der Marktwert, egal mit welchen Mitteln. Verstehen Sie mich nicht falsch: Der Fussball ist meine große Leidenschaft, doch Zusehends verliert sich dieser in Unwahrheiten und fehlender Menschlichkeit. Ich bin davon überzeugt: Je stärker sich ein Mensch mit dem Fussball identifiziert und vorhandene Strukturen und Verhaltensweisen akzeptiert, desto schneller passt er sich den Gepflogenheiten des Leistungsfußball an. Um von Managern, Trainern und Mitspielern aufgestellt, respektiert und gemocht zu werden, überschreiten so manche mit der Zeit Grenzen, die für sie früher unpassierbar gewesen wären. Wie sagt der Volksmund: Geld verdirbt den Charakter. Das Fussballgeschäft kann das genauso – mitsamt der Vereinskultur. 

Zuerst verändern sich oft nur die Gedanken, dann die Verhaltensweisen: Keine Planungssicherheit und kurzfristige Verträge, frühzeitige Entlassung trotz Erfolg, inoffizielle Treffen und Vertragsgespräche. Danach verrücken sich die Grenzen: Was die anderen Vereine okay finden, kann so schlecht nicht sein. Und je mehr mitmachen, desto mehr verschiebt sich die Verantwortung vom Einzelnen auf das Ganze. Am Ende gibt es nicht einmal mehr Ausreden, denn es zählt nur noch der Erfolg und Profit. Solchen Denk- und Verhaltensmustern dann wieder zu entkommen, das kostet Kraft, Entbehrungen und nicht selten sogar prägende Enttäuschungen, am Ende die Karriere. Dazu ein passendes Dilemma aus der Wirtschaft. 

Moral Hazard Dilemma im Fussball?

Der Begriff „Moral Hazard Dilemma“ kommt aus dem Versicherungswesen und beschreibt ein moralisches Problem, welches im Sport immer mehr an Bedeutung gewinnt. Wer davon befreit wird, die Folgen seines eigenen Handelns zu tragen und diese auf ein Kollektiv abwälzen kann (Trainer oder Verein), neigt eher zu unmoralischem Verhalten: Manager agieren risikoreicher, weil sie noch eine längere Vertragslaufzeit besitzen, Spieler im Abstiegskampf strengen sich weniger an, weil sie bereits einen neuen Verein haben, Trainer lassen Spieler aus persönlichen Gründen nicht spielen oder mit der Absicht, dass diese an Attraktivität für andere Vereine verlieren. Wer so handelt, sitzt bereits in einer moralischen Zwickmühle. Im Grunde wissen wir längst, dass das Verhalten nicht korrekt ist. Statt in die Lösung fließt unsere Energie aber in Ausreden und in ziemlich fadenscheinige Begründungen. Doch es gibt eine langfristige Lösung! Menschlichkeit im Fussball, der Nährboden für Wachstum und Verbundenheit: 

https://www.die-sportpsychologen.de/2019/02/12/dr-rene-paasch-ein-menschlicherer-fussball-wer-ist-dabei/

Fazit

Ethik und Moral im Sport ist keine fremdbestimmte Du-sollst-Ethik. Sie ist in unserer Zeit nichts, was bloß von außen als Anforderung an uns herangetragen wird. Sie ist vielmehr das Fundament für Wachstum und bietet Orientierung im Fussball, die wir im Denken und Urteilen nutzen. Antoine de Saint-Exuperys hat dazu eine sehr treffende Aussage getroffen: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit zu erleichtern, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem endlosen weitem Meer.“ 

Auf dem Fussball übertragen: Schaffen Sie eine einzigartige Vereinskultur der Menschlichkeit und Individualisierung, gehen Sie gemeinsam ungewöhnliche Wege und schaffen Sie eine positive Fehlerkultur. Nur so können Menschen und echte Teams ihr vollständiges Potential entfalten. 

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2015/06/19/dr-rene-paasch-fuehrung-und-teamentwicklung-im-fussball/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/09/26/kathrin-seufert-im-nlz-faengt-nicht-immer-der-fruehe-vogel-den-wurm/

https://www.die-sportpsychologen.de/2018/05/22/tanja-simone-ecken-warum-die-neue-saison-fuer-nlz-kicker-schon-heute-beginnt/

Literatur 

Hastedt, H.(1998): Der Wert des Einzelnen. Eine Verteidigung des Individualismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp

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