Dr. René Paasch: Ziele und Motivation

Liebe Trainer und Trainerinnen, aus Ihrer eigenen Erfahrung wissen Sie, wie schwierig es sein kann, eine Mannschaft auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören. Oft stehen Hindernisse im Weg, die auf den ersten Blick kaum oder nur mit viel Erfahrung auszumachen sind. Dieser Beitrag soll Ihnen helfen, genau diese Klippen bei Ihren Sportlern zu erkennen, so dass Sie am Ende individuell darauf reagieren können.  

Thema: Was sollten Sie berücksichtigen, um sportliche Ziele Ihrer Spieler bzw. Spielerinnen und Mannschaft zu erreichen?

Beabsichtigt ein Sportler bzw. Sportlerin oder Mannschaft bessere Leistungen oder Ziele im Training und Wettkampf zu erreichen (bspw. taktische Veränderungen, Schussqualitäten, Reaktionsfähigkeit, Champions League, DFB-Pokal u.v.m.) können hierfür unterschiedliche Anlässe verantwortlich sein. Prinzipiell lassen sich solche Anlässe in zwei Kategorien unterscheiden: Sportler bzw. Sportlerinnen oder Mannschaften deren äußere Einflüsse und Ziele auferlegt werden, können dazu führen, dass sie nur aktiv werden, wenn Strafen drohen. Beispielsweise könnten verpasste Trainingseinheiten dazu führen, dass man im nächsten Spiel auf der Ersatzbank sitzen muss oder Straftraining für die Mannschaft angesetzt werden. Manchmal lassen sich Sportler bzw. Sportlerinnen oder Mannschaften durch sinnvolle Argumente überzeugen. Dies passiert, wenn z.B. Informationen über den Sinn und Zweck der Vorgaben des Trainers von außen an sie herangetragen werden. Sie können solche Argumente  Nachvollziehen, selbst dann wenn sie glauben, dass diese Aussagen des Trainers nicht den eigenen Bedürfnissen entsprechen.

Innere Einflüsse hingegen liegen für den Fall vor, dass der Sportler bzw. die Sportlerinnen beabsichtigen Änderungen vorzunehmen, weil sie sportliche Ziele verfolgen oder weil ihnen der Leistungssport Spaß macht. Neben dem Spaß kann ein weiterer innerer Anlass für eine Sportabsicht sein: Immer dann wenn Sport einen persönlich wichtigen Zweck erfüllt, der durchaus außerhalb des Sports liegen darf (Zugehörigkeit, persönliche Kontakte). Auch hier kommen sinnvolle Argumente für das Sporttreiben zum Tragen, allerdings spiegeln diese Argumente die Bedürfnisse der betroffenen Sportler/innen bzw. Mannschaften wider.

Zusammenspiel zwischen inneren und äußeren Einflüsse

Das Zusammenspiel zwischen inneren und äußeren Einflüsse drückt sich in der Selbstkonkordanz aus. Mit diesem Fachbegriff sind die Merkmale gemeint, die sich mit der formulierten Absicht verbinden. So lassen sich also Absichten hinsichtlich ihrer Selbstkonkordanz unterscheiden und die Höhe der Selbstkonkordanz gibt Auskunft darüber wie sehr eine gefasste Absicht den eigenen Interessen und Wertvorstellungen einer Person bzw. Mannschaft entspricht, was für Ihre praktische Arbeit sehr wichtig ist. Das von Sheldon und Elliot (1999) eingeführte Selbstkonkordanz-Modell beschreibt Zusammenhänge zwischen der Auswahl, der Verfolgung und dem Erreichen von Zielen. Selbstkonkordanz wird definiert als das Ausmaß, in dem Ziele den authentischen Interessen und Werten einer Person/Sportler/Sportlerin/Mannschaft entsprechen. Hintergrund der im Selbstkonkordanz-Modell beschriebenen Zusammenhänge ist die Beobachtung, dass Sportler auch Ziele wählen und verfolgen, die nicht unbedingt den eigenen Interessen entsprechen. Je mehr ein Ziel die persönlichen Interessen, Wünsche und Bedürfnisse widerspiegelt, desto selbstkonkordanter ist dieses Ziel. Diese „Qualität“ eines Ziels beeinflusst zum einen direkt Prozesse bei der Zielverfolgung und Zielerreichung. Zum zweiten sind Effekte der Selbstkonkordanz zu erwarten, die sich auf die psychologischen Konsequenzen (z.B. Wohlbefinden, Zufriedenheit) der Zielerreichung beziehen. In ihrem Modell (Abbildung 1) verbinden Sheldon und Elliot (1999) diese zwei unterscheidbaren Prozesse miteinander.

 

Abb. 1: Selbstkonkordanz-Modell nach Sheldon und Elliot (1999).

Der erste Prozess beschreibt den Einfluss der Selbstkonkordanz auf die Zielerreichung. Demnach löst ein Ziel mit hoher Selbstkonkordanz eine nachhaltigere Anstrengungsbereitschaft bei der Zielverfolgung aus. Die Verbindung zwischen Zielerreichung und Wohlbefinden erklärt sich in diesem Modell durch den zweiten Teilprozess. Die Zielerreichung führt vor allem dann zu bedürfnisbefriedigenden Erfahrungen und dadurch zu höherem Wohlbefinden, wenn ein Ziel mit hoher Selbstkonkordanz erreicht wird. Dies wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine zukünftige Zielerreichung. Die Selbstkonkordanz beschriebenen Prozesse und Zusammenhänge konnten bereits auf der Grundlage mehrerer Studien überprüft und bestätigt werden (Sheldon & Kasser, 1998; Sheldon & Elliot, 1998; Sheldon & Elliot, 1999) Seelig & Fuchs, 2006). Sheldon und Elliot konnten den Einfluss der empfundenen Selbst- oder Fremdregulation bereits auf der Ebene der Zielauswahl beobachten, ohne dass eine entsprechende Handlung bereits durchgeführt sein muss. Auf diese Weise reicht bereits die bloße Formulierung einer entsprechenden Zielintention aus, um die Selbstkonkordanz eines Ziels beschreiben, einschätzen und messen zu können.

Die Rolle der Motivation

Was sollten Sie nun jetzt beachten und wie können sie die Selbstkonkordanz verbessern? Schauen wir uns dazu verschiedene Motivationsmodi an:  

Innere Motivation liegt vor, wenn ein Sportler bzw. Sportlerin ein Ziel selbst auswählt und verfolgt („Ich beabsichtige Leistungssport zu treiben, weil ich davon leben möchte“).

Verfolgt er/sie ein Ziel aufgrund der Überzeugung, dass es mit eigenen übergeordneten Wertevorstellungen übereinstimmt, spricht man von identifizierter Motivation („Ich beabsichtige Leistungssport zu treiben, weil ich talentiert bin und erfolgreich sein möchte“). Weil bei beiden Absichten die getroffene Zielauswahl auf eigenen Interessen beruht, wird die Begründung der Zielverfolgung als internal gesteuert.

Introjizierte Motivation liegt vor, wenn die Zielauswahl und Zielverfolgung auf Wertvorstellungen basiert, die zwar als sinnvoll akzeptiert werden, die aber nicht den eigenen Werten entsprechen. Die Übernahme fremder Wertvorstellungen führt dazu, dass sich Sportler bzw. Sportlerinnen und Mannschaften zur Zielverfolgung verpflichtet fühlen und dass eine potenzielle Nicht-Erfüllung solcher Ziele mit Angst einhergeht („Ich beabsichtige Sport zu treiben, weil ich sonst den Trainer und die Mannschaft enttäusche“).

Bei der äußeren Motivation kommt es lediglich aufgrund äußerer Anreize oder Zwänge zur Auswahl eines Ziels („Ich beabsichtige Sport zu treiben, weil meine Eltern, mich dazu drängen.“).

Für eine generelle Einschätzung der Selbstkonkordanz schlagen Sheldon und Elliot (1999) vor, die oben genannten Anregungen immer wieder in Gespräche nachzufragen und entsprechend anzupassen, indem die Summe der äußeren und der introjizierten Motivation von der Summe der intrinsischen und identifizierten Motivation abgezogen werden. Die Gesamtbetrachtung repräsentiert somit eine vereinfachte Abschätzung eines ursprünglich viergliedrigen Motivationsmusters.

Nach dieser Betrachtung könnten Sie dann Ihre Ziele nach den nun folgenden Methoden Schritt für Schritt umsetzen:

Sarah Schramm: SMARTe Ziele im Rugby

Dr. René Paasch: Per Woop zum Saisonziel

Fazit

Dieser Beitrag sollte Sie bestärken, ihre Spieler/innen und Mannschaften, in ihren Zielen voranzubringen. Viele Hindernisse existieren in den persönlichen Werten und Motivationsmodi. Das ist der Ort, wo Sie  eingreifen können und auch sollten.

Literatur

  • Seelig, H., Göhner, W., Mahler, C. & Fuchs, R. (2006). Selbstkonkordanz und Sportteilnahme: Längsschnittliche Überprüfung zweier konkurrierender Kausalstruktur-Modelle. In B. Halberschmidt & B. Strauss (Hg.), Elf Freunde sollt ihr sein? (S. 126). Hamburg: Czwalina.
  • Sheldon, K. M., & Kasser, T. (1998). Pursuing personal goals: Skills enable progress but not all progress is beneficial. Personality and Social Psychology Bulletin, 24, 1319–1331.
  • Sheldon, K. M. & Elliot, A. J. (1998). Not all personal goals are personal: comparing autonomous and controlled reasons for goals as predictors of effort and attainment. Personality and Social Psychology Bulletin, 24, 546-557.
  • Sheldon, K. M. & Elliot, A. J. (1999). Goal striving, need-satisfaction, and longitudinal well-being: The self-concordance model. Journal of Personality and Social Psychology, 76, 482-497.

Internet:

Link: http://www.die-sportpsychologen.de/2015/10/21/sarah-schramm-smarte-ziele-im-rugby/

Link: http://www.die-sportpsychologen.de/2016/08/01/dr-rene-paasch-per-woop-zum-saisonziel/

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