Thorsten Loch: Abstiegskrise – Maßnahmen für Spieler

Nachdem wir uns bereits dem Vorstand und den Trainern gewidmet hatten, schließt diese Serie ihren Kreis, indem sie nun die Kicker in den Fokus nimmt. Logisch, denn wer sonst steht auch auf dem Platz, mag eine weit verbreitete Einschätzung lauten… In diesem Zusammenhang sei jedoch noch einmal ausdrücklich betont, dass die Verantwortung und/oder die Schuld für eine sportliche Krise oder deren Entstehung nicht ausschließlich die Bürde Einzelner oder des Mannschaftsverbundes ist. Vielmehr sei – und dies so konstruktiv wie nur möglich – noch einmal betont, dass in einem so großen System wie es ein Sportverein nun einmal ist, jeder vom EDV-Bereich bis in den Lizenzbereich seinen Beitrag dazu leisten kann, dass Schiff wieder auf Kurs zu bringen.

Zum Thema: Wie Spieler in sportlichen Krisensituationen handlungsfähig bleiben können

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Zielbereich 1: Lösungsorientierung

Zunächst einmal sollte sich jeder Spieler selbst kritisch hinterfragen, welchen Anteil er selbst daran haben könnte, weshalb die Mannschaft unter ihren Möglichkeiten spielt? So leicht und vernünftig sich diese Aufforderung der Selbstreflexion anhört, umso schwerer gestaltet sich häufig die individuelle Suche nach Lösungen in der Praxis. Die Gründe hierfür können unterschiedlich sein. Einen möglichen Grund liefert die Wissenschaft. So konnte in Untersuchungen nachgewiesen werden, dass Menschen dazu neigen, Misserfolg eher mit äußeren als mit inneren Ursachen zu erklären (Attribution). Der einzelne Spieler erlebt sich häufig nur als ein Rädchen in dem Getriebe und es erscheint ihm als ungerechtfertigt, die ganze Last auf den eigenen Schultern zu tragen. Aber ist es nicht die Summe aller Einzelteile, die letztendlich den Unterschied ausmacht?

Aus diesem Grund sollte man sich als Spieler vor Augen führen, dass es nicht darum geht, die ganze Last der Verantwortung (was ein erdrückendes Gefühl ist) auf sich zu nehmen. Vielmehr sollte man sich dahingehend hinterfragen, in welchem kleinen Bereich, welchen ich selbst beeinflussen kann, ich mich verbessern kann oder meinen Beitrag zu einer Verbesserung leisten kann. Mit dieser Sichtweise und/oder Einstellung wird jedem die Möglichkeit gegeben zu handeln. Der Stammspieler als auch der Ergänzungsspieler. So könnte sich der aktuelle Reservist die Frage stellen, ob er wirklich im Training alles gibt, damit die Trainingsqualität entsprechend hoch ist? Konsequent umgesetzt, gebe es nur Gewinner: Der Einzelspieler, der sich leistungsfähiger zeigt, und die Mitspieler, die stärker an eigene Leistungsgrenzen gehen müssen. Die Praxis zeigt auch, dass wenn einer beginnt, sich selbstkritisch und gleichzeitig engagiert zu zeigen, kann sich dies sehr positiv auf andere auswirken.

Zielbereich 2: Handlungssicherheit und Optimismus/Aufbruchstimmung

In einer Krisenphase ist es ratsam, wenn die Ansprüche ein wenig herunter geschraubt werden. Es ist von Bedeutung, dass jeder Spieler ein Gespür dafür bekommt, was andere von ihm erwarten. Wichtig ist in dem Zusammenhang auch, dass der Spieler das, was er selbst von sich erwartet, erfüllen kann. Bitte versteht mich nicht falsch. Dies bedeutet nicht, den Ehrgeiz oder Willen zu reduzieren. Vielmehr geht es in diesem Punkt darum, dass man sich möglicherweise für eine gewisse Zeit von einem technisch anspruchsvollen Spiel verabschieden muss und sich stattdessen auf Qualitäten besinnen sollte, die immer funktionieren.

In der Praxis fordere ich Sportler dazu auf, sich zu überlegen, welche Dinge sie immer im Wettkampf geben können. Mit anderen Worten: Was ist die Basis deiner sportlichen Leistungsfähigkeit?

Ausblenden aller ablenkender Informationen + Fokus auf das Wesentliche

Kleines Beispiel (vgl. Eberspächer, 1998) gefällig, wie psychologische Faktoren die Handlungssicherheit beeinträchtigen können? Die Aufgabe ist denkbar einfach. Stellen sie sich auf einen Stuhl und bleiben sie ruhig stehen. Das wird sie sehr wahrscheinlich vor keine größeren Probleme stellen, oder? Eben, es handelt sich um eine ganz einfache Handlung, die sie mit hoher Sicherheit ausführen können. Nun stellen sie sich vor, das dieser Stuhl nicht ein Stuhl ist, so wie sie ihn kennen, sondern ein Sockel in zehn Metern Höhe von dem ein Sturz sicher nicht ganz angenehm sein würde. Auch hier besteht wieder die Aufgabe darin, einfach nur ruhig auf der Sitzfläche stehen zu bleiben – so wie gerade eben – eine ganz einfache Handlung.

Schon in der Vorstellung werden sie merken, dass sie wahrscheinlich ein ziemlich mulmiges Gefühl dabei hätten, in zehn Metern Höhe auf einem Podest zu stehen, dessen Standfläche nicht größer als die des Stuhls ist. Die identische Handlung erscheint als ganz unterschiedlich schwierig – in Abhängigkeit davon, mit welchen Konsequenzen des Misslingens (Sturz) die Handlung verbunden ist.

Die Kraft der Angst vor dem Misslingen

Wenn die Höhe des Sockels also den Grad der Gefährlichkeit der Situation widerspiegelt, so kann man Abstiegsgefahr damit vergleichen, dass der Sockel mit jedem verlorenen Spiel zunehmend in die Höhe wächst. Mit jedem verlorenen Spiel steigen die negativen Konsequenzen einer weiteren Niederlage. Dies bedeutet, dass einfachste Handlungen möglicherweise deshalb nicht mehr sicher ausgeführt werden können, weil man Angst vor den Folgen des Misslingens hat (Konsequenzdenken).

Deshalb ist es ratsam, in Abstiegssituationen oder im Allgemeinen in Drucksituationen, dass man seine Aufmerksamkeit bewusst auf seine Stärken richtet, sprich sich auf handlungsdienliche Dinge konzentriert. Der Kopf beschäftigt sich mit Dingen, die in dieser Situation (Wettkampf) nicht hilfreich sind. Wenn es darauf ankommt, sollte der Kopf die Handlung unterstützen und nicht stören (vgl. Eberspächer, 1998).

Visualisierung des Wettkampfes

Sich den nächsten Wettkampf vor dem inneren Auge wie einen Spielfilm auszumalen und ablaufen zu lassen, hat mehrere positive Konsequenzen:

  1. Jeder Spieler kann sich die Anforderungen des Wettkampfes gut vorstellen und sich somit innerlich besser darauf einstellen.
  2. Es steigert auch die Motivation und die Lust auf den nächsten Wettkampf. Je mehr man sich innerlich mit einem zukünftigen Ereignis beschäftigt, desto stärker ist man gewissermaßen gespannt auf das Ergebnis.
  3. Durch die Visualisierung ist der Spieler genau auf die Situation des Wettkampfes vorbereitet und gegenüber Überraschungen gerüstet. Dies gilt insbesondere dann, wenn man sich ebenfalls ungünstige Situationen vorstellt und entsprechende Handlungsmöglichkeiten ableitet. Für solche Visualisierungen ist es wichtig, sich eine entspannte und ruhige Situation zu schaffen, so dass man die Lust entwickelt, sich auch die Details des Wettkampfes genau vorzustellen. Ein Sportpsychologe kann hierbei behilflich sein.

Zielbereich 3: Teamgeist und Handlungssicherheit

Es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten, wie sich Spieler gegenseitig den Wind aus den Segeln nehmen können. In Ausnahmesituationen kommt es zwangsläufig zu Spannungen innerhalb des Teams. Diese lassen sich jedoch auch im Positiven nutzen. Alle wollen mehr erreichen als das, was bisher erreicht wurde. Allerdings muss man sich vor Augen führen, dass sich zu viel Kritik – offen oder versteckt – negativ auf jeden Einzelnen auswirken kann. Das Selbstvertrauen der meisten Akteure ist in dieser Situation angekratzt, so dass kritische Kommunikation häufig gereizte und aggressive Reaktionen hervorruft. Im Gegensatz dazu bedeutet positive Kommunikation, seine Mitspieler für gelungene Aktionen zu loben, Mitspieler zu ermutigen, wenn ihnen etwas nicht gelungen ist, und immer wieder auf’s Neue den Glauben in die Mannschaft tragen, das man es schaffen kann, wenn alle am gleichen Strang ziehen. In der Regel sind Krisensituationen nur dann aufzulösen, wenn sich innerhalb der Mannschaft so etwas wie Geschlossenheit entwickelt. Das setzt voraus, dass jeder Spieler dazu bereit ist, dem anderen zu helfen und eigene Befindlichkeiten hinten anzustellen. Kennzeichnend für Geschlossenheit wird dadurch deutlich, dass jeder jeden als fehlerhafte (nicht unfehlbare) Person und fehlerhaften (nicht unfehlbaren) Spieler akzeptiert. Jene Akzeptanz geht insbesondere in solchen Zeiten schnell verloren.

Neben der Notwendigkeit einer wertschätzenden und ehrlichen Kommunikation ist es von Bedeutung, die gemachten Fehler innerhalb des Teams zu analysieren. Häufig übernimmt die Fehleranalyse der Trainer, doch gerade in Ausnahmesituationen ist es wünschenswert, wenn auch aus der Mannschaft Impulse kommen. Anregungen aus den eigenen Reihen können den Prozess der Fehleranalyse in erheblichen Maße beeinflussen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass man herauszufinden versucht, was wirklich fehlt und was man wirklich verbessern sollte und nicht versucht, sich selbst aus der Verantwortung zu nehmen oder anderen den „schwarzen Peter“ zuzuschieben.

Fazit:

Ziel dieser kleinen Reihe sollte es sein, dem Leser eine andere Sicht/Übersicht von der Bewältigung einer Krisensituation innerhalb des Systems Verein zu verschaffen. Andauernde Leistungsdefizite einer Mannschaft werden als Ausdruck eines Teufelskreises von Erfolglosigkeit, Verunsicherung und Fehleranfälligkeit betrachtet.

Aus der zuvor beschriebenen Betrachtungsweise wird für jeden Funktionsträger im Verein deutlich, dass er etwas zur Verbesserung der Situation beitragen kann. Getreu dem Motto: Frag nicht, was der Verein für dich tun kann sondern was du für den Verein tun kannst. Die Kunst bei der Bewältigung einer sportlichen Krise scheint darin zu liegen, die Mentalität des teamorientierten Denkens und Handelns nicht zu erzwingen, sondern in jedem zu erwecken.  

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