Dr. Rita Regös: Wie wir Sportlern ihre Stärken wegoptimieren

Was im Sport, die perfekte Technik, eine Höchstleistung, der Sieg oder der Weltrekord ist, ist in der Welt der Sportpsychologie mentale Stärke, Winning mindset, Gewinnorientierung und viele andere Begrifflichkeiten – allesamt starke Worte über einen Idealzustand oder auch über den perfekten Set an Eigenschaften und Fähigkeiten die der Erfolg angeblich notwendiger Weise vorausgehen müssen. Doch solche Ideale sind gefährlich, weil sie das Tatsächliche erniedrigen und brandmarken. Sie suggerieren eine permanente Unzulänglichkeit, darüber hinaus allgemeingültige Must-haves für den Erfolg.

Zum Thema: Wie durch ständige Optimierung unsere inneren Stärken verkümmern

Die Gesellschaft leidet bis heute an dem Yuppie Lebenskonzept der 1980er Jahre in Form von Burnout und Depression, an permanenter Versagensangst durch zahlreiche unerreichbare Eigenschaften und den gefürchteten Mittelmaß. Ein Umdenken durch die Konzentration auf individuelle Unterschiede ist zwar im Kommen aber das Streben nach allgemeinen Idealen ist geblieben. Es erschafft neue Berufsgruppen, immer neuere Methoden der Optimierung, tonnenweise Literatur mit herrlich modernen Sprachgebrauch und degradiert manch „veraltete“ Weisheit zu Nonsens.

Der Leistungssport in der prekären Situation tatsächlich unter Zeitdruck an Optimum und Maximum interessiert zu sein, steht der Gefahren dieser Optimierungswahn im mentalen Bereich bis heute quasi schutzlos gegenüber.  

Nervosität

Nehmen wir ein Beispiel, bewusst eines, welches den Stereotypien der Sportpsychologie entspricht: Nervosität. Der nervöse Zustand ist so alt wie die Menschheit, sie tritt besonders in Situationen auf, wo es um etwas geht, also unter Herausforderung. Nun bewegt sich die Skala wie man mit Herausforderung umgeht in fast unendlich vielen Variationen zwischen denen, die Höchstleistung erbringen, denjenigen, die so lala funktionieren und eben jenen, denen unter Anspannung gar nichts gelingt. Also muss alles (Un)passende optimiert werden, mit Atemtechniken, Biofeedback, kognitiven Refugien, Hypnose. Dies liest sich wie eine Reparaturanleitung, bestenfalls auf die Person angepasst aber unbedingt präventiv bereits im Nachwuchsbereich einzusetzen!

Mentale Stärke

Nehmen wir ein positives Beispiel: mentale Stärke, ein unumstrittenes Attribut für den Erfolg. Also machen wir uns daran, mentale Stärke zu entwickeln. Da aber zugegebenermaßen das Konstrukt nicht eindeutig definiert ist, bedienen wir uns einer Umschreibung, die eine Bündelung von Eigenschaften enthält und arbeiten diese nacheinander ab: hohe Motivation, Zielstrebigkeit, richtiger Umgang mit Misserfolg, um nur einige zu nennen. Für die Teilbereiche haben wir wiederum mentale Techniken, die zur Anwendung kommen: Zielplanung, Positiv-negativ-Listen, Rationalisierungstechniken, usw. Sollte der Athlet einige Eigenschaften mentaler Stärke bereits vorweisen, suchen wir uns die Teilbereiche aus, wo er oder sie noch optimiert werden kann. Also verdonnern wir zum Beispiel die sogenannten Wettkampftypen in wettkampfähnliche Situationen, damit sie auch im Training nahe dem Zustand kommen, in dem sie am besten funktionieren und ihre Bestleistung bringen.

Resilienz

Und nehmen wir, aus der Kernwissenschaft Psychologie mit dem Ziel psychischer Gesundheit, ein drittes Beispiel: die Resilienz, die psychische Widerstandsfähigkeit. Vereinfacht dargestellt, ein interessanter Forschungsbereich über Menschen, die trotz widriger Umstände ihr Leben meistern. Selbstverständlich auf den Leistungssport anwendbar, denn das Konstrukt definiert Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit also – das menschliche Erleben, dass sich etwas ändert, wenn er handelt. Kohärenz, dass man einen Sinn im Leben sieht, Zuversicht, nach dem Motto: Jetzt ist es schwer aber es wird besser. Und schließlich geht es um ein realistisches Selbstbild, welches einem hilft, sich über Ziele und Träume klar zu werden und die Frage impliziert, ob man diese Ziele erreichen kann oder will? Letztlich landen wir beim Umgang mit Gefühlen, nämlich sie mal zuzulassen und ein anderes Mal zu regulieren. All das kann trainiert werden, also trainieren wir. Die wesentlich wichtigere Erkenntnis, nämlich Widerstandsfähigkeit entwickelt sich unter Widerstand, ignorieren wir hingegen gänzlich. Wenn wir nämlich alles sofort regulieren und optimieren, deaktivieren wir klarerweise natürliche Mechanismen, ohne Situationen zu bewältigen. Im Ergebnis entwickelt sich die Fähigkeit, etwas bewältigen zu können, logischerweise eher weniger.

Mehr Infos zu Dr. Rita Regös: https://www.die-sportpsychologen.de/ritaregoes/

Ein Plädoyer

Meine bisherigen Worte sind durchaus selbstkritisch zu verstehen. Denn was heißt das also für die Praxis? Nehmen wir einen der Athleten, der mit den Worten zum Sportpsychologen kommt, er sei unmotiviert. Dann hält der Psycho ihm ein Motivationsfragebogen unter die Nase und entwickelt bei unterdurchschnittlichen Ergebnissen eine Schritt-für-Schritt-Planung – ehrlich? Sicher nicht!

Wozu sollte ich etwas objektiv messen, was die subjektive Realität des Athleten ist, wozu sollte ich sein Motivationslevel auf einer statistischen Skala einordnen und warum sollte ich ihm vorgaukeln, die eine mentale Technik bringe ihn wieder auf die Höhe seiner Leistungsfähigkeit? Vielmehr muss ich ihm die Botschaft vermitteln, Motivation schwankt, unmotiviert ins Training zu gehen, ist zäh aber solche Zeiten sind durchaus zu überstehen. Möge dies, manchen Leser an der Kompetenz eines Sportpsychologen zweifeln lassen, jedoch geht der Athlet erleichtert zurück ans Werk. Denn er ist nämlich nicht unterdurchschnittlich, er muss nicht auch noch beim Sportpsychologen eine Höchstleistung erbringen, in dem er seine Motivation optimiert, wenn er gerade keine hat und er muss auch nicht eine neue mentale Technik lernen und perfektionieren. Er darf getrost auf seine eigenen Kräfte bauen, auf all die kleinen Selbstregulationsmechanismen, die jeder von uns hat und es ist ihm erlaubt, nicht in jeder Minute seines Lebens optimal zu funktionieren. Erfahrungsgemäß lässt die Botschaft nicht lange auf sich warten: „Das Training hat heute wieder Spaß gemacht, war voll motiviert, danke“. Danke? Wofür bedankt er sich? Für die Erklärung, wie Motivation funktioniert, dass einer ihm den Druck genommen hat, perfekt sein zu müssen und ihm die Zuversicht gab, Motivation baut er durch Spaß und Interesse wieder auf – aber vor allem für das Vertrauen in seiner eigenen Fähigkeiten.

Die Resilienzforschung hat Kerneigenschaften zusammengetragen und den Begriff definiert. Nebenbei wurden aber auch autonome Regulationsprozesse entdeckt, denn viele Befragten der richtungsweisenden Studie von Emmy Werner (1971) waren Beispiele für hohe Resilienz ad natura. Also sollten wir bei der Verwendung solcher Konstrukte, neben Modellentwicklung, Definition und Möglichkeiten der Optimierung auch darauf hinweisen, dass diese Fähigkeiten auch selbst entwickelt werden und entwickelt werden können. Es sind „heilende“ Mechanismen. Der Organismus, hoch sensibel eingestellt auf unsere individuellen Bedürfnisse nach Wohlbefinden und Balance, leitet damit natürliche und vor allem effektive Regulationsprozesse ein.

Nervosität, Mentale Stärke und Resilienz – neu gedacht

Was passiert also, wenn ich nervös bin? Ich reagiere automatisch natürlich, unterschiedlich, ich lenke mich ab, höre Musik, geh aus der Halle, mach einige tiefe Atemzüge, gehe ein paar Schritte oder werde bewusster. Ich bin außerdem voll da, mobilisiert und auf meine Aufgabe fokussiert. In der Regel bin ich nach dem Startsignal keinesfalls nervös, sondern hochgradig konzentriert.

Wann bin ich mental stark? Wenn ich mich voller Bewusstsein der Herausforderung stelle und es  dadurch aushalte, wenn ich meine Misserfolge richtig einordne und diese als Entwicklungspotential betrachte. Wenn ich weiß, wohin ich will und was dafür notwendig ist. Auf der anderen Seite, wenn ich mir Fehler erlaube und mich zu meinen negativen Gefühlen bekenne.

Und wann wächst meine Widerstandsfähigkeit? Bei Widerstand.

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Literatur:

Emmy E. Werner: The children of Kauai : a longitudinal study from the prenatal period to age ten. University of Hawaii Press, Honolulu 1971

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