Als Jürgen Klinsmann zwei Jahre vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland die Nationalelf übernahm, lüftete der Schwabe in der Frankfurter DFB-Zentrale kräftig durch. Einige seiner Ideen, etwa der Fokus auf ein modernes Athletik- und Koordinationstraining, haben den deutschen Fußball bis in die untersten Amateurklassen nachhaltig verändert. Vielleicht sogar revolutioniert. 2004 holte Klinsmann mit Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann auch einen Sportpsychologen mit in den Betreuerstab der Nationalelf. Ein Game Changer, um im Sprachgebrauch vom US-Sport inspirierten Klinsmann zu bleiben, für das gesamte Berufsfeld. Entsprechend begleiten den früheren Bundestrainer die Hoffnungen, dass er nun auch auf Bundesliga-Ebene die Tür für eine professionelle und konsequente sportpsychologische Betreuung auf stößt.
Zum Thema: Sportpsychologische Betreuung im deutschen Profi-Fußball
Sieben von 56 Profi-Teams von der Bundesliga bis zur Dritten Liga arbeiten aktuell mit einem festangestellten Sportpsychologen zusammen. Dies haben Recherchen des Bayerischen Rundfunks hervorgebracht. Anders als in den Nachwuchsleistungszentren müssen auf Ebene der Profi-Teams keine Sportpsychologen arbeiten. Stattdessen lassen sich mehr und mehr Profis und auch Trainer von externen Experten beraten. Welche Qualitäten die meist fern von der öffentlichen Wahrnehmung tätigen Dienstleister mitbringen, sind – vorsichtig formuliert – unterschiedlich. Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der deutschen Spielergewerkschaft VdV gegenüber die-sportpsychologen.de: “Wir fordern schon seit langer Zeit, eine Sportpsychologenpflicht im Profibereich. Umgesetzt wurde dies bisher aber nur in den Nachwuchsleistungszentren. Und auch dort längst noch nicht überall optimal.”
Wird Jürgen Klinsmann nun zum zweiten Mal in seiner Karriere zu einem Türöffner für die Sportpsychologie im deutschen Fußball? Die Meinung im Kreis des Experten-Netzwerks Die Sportpychologen sind geteilt. “Ein krasser Schritt, den ich so nicht erwartet hätte. Er hat im Verein definitiv Zugriff auf die wichtigen Stellschrauben”, sagt Prof. Dr. Oliver Stoll (zum Profil). Der Leipziger sieht Klinsmanns Amtsübernahme beim Hauptstadtklub also absolut positiv an. Ilias Moschos aus Krefeld (zum Profil) fürchtet hingegen, dass dem Schwaben die Zeit fehlt: “Bislang heißt es, dass Klinsmann nur bis Saisonende arbeiten soll. Ich befürchte, diese Zeit ist zu kurz, um seriöse Strukturen entstehen zu lassen.” Auch der Leipziger Klaus-Dieter Lübke-Naberhaus (zum Profil) schränkt ein: “Klinsmann ist ein Vorbild und steht als Person für Inspiration und Strukturveränderung. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob seine Ansichten wirklich zum Verein passen. Auch wenn es mich natürlich sehr freuen würde.” Anke Precht (zum Profil) aus Offenburg ergänzt: “Insgesamt steht Klinsmann dem gängigen Vorurteil im Profi-Fußball entgegen, dass starke Männer alles mit sich selbst ausmachen.”
Berliner Kopfsache?
Zuletzt beklagte der im Sommer vom U23-Trainer zum Bundesliga-Chefcoach beförderte Covic, dass sein Team Probleme im mentalen Bereich habe. Gegenüber dem Sportinformationsdienst äußerte er noch wenige Tage vor seinem Rauswurf: “Wir müssen in den Köpfen eine gewisse Sicherheit vom Einfachen zum Schweren schaffen, damit sie dann möglichst schnell an ihre Leistungsgrenze kommen.” Laut Berliner Zeitung machte der Kroate es sich noch während der Länderspielpause im November zur Aufgabe, “in die Köpfe der Spieler schauen zu wollen, um zu sehen, wo es beim ein oder anderen drückt.” Mehr noch: Seit Monaten wird in Berlin über das Talent Marko Grujic, Leihgabe vom FC Liverpool, gestritten, der seiner Form hinterläuft. Covic sprach schon vor Wochen von einer “mentalen Blockade”. Wird über mentale oder sportpsychologische Aspekte mehr gesprochen als tatsächlich adäquat gearbeitet?
Nüchtern betrachtet: Bei Hertha BSC Berlin findet sportpsychologische Arbeit bislang in übersichtlichem Umfang im Nachwuchsleistungszentrum statt. Bei den Profis gehörte bereits unter Covic-Vorgänger Pal Dardai kein Sportpsychologe zum Betreuerteam.
Der wichtige Blick in die Chefetage
Die Hoffnung, die Jürgen Klinsmann aus sportpsychologischer Perspektive nun begleitet, speist sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass er offenkundig einen guten Draht zum neuen Hertha-Investor Lars Windhorst hat. Der Unternehmer will den Berliner Traditionsverein zurück in die Champions League führen. Genau an diesem Punkt wird es auch für die Sportpsychologie interessant: Denn Entscheidungen im Profi-Fußball werden nicht nur in der Trainerkabine getroffen. Sportdirektoren, Vorstände, Manager und im Einzelfall auch Investoren haben die Macht, auch über Nacht mittel- bis langfristig stabile und seriöse Strukturen für sportpsychologische Arbeit zu schaffen. Allerdings fehlt es bei vielen Verantwortungsträgern aus Erfahrungswissen im Umgang mit seriöser sportpsychologischer Arbeit. Ob Klinsmann, der als Club-Trainer beim FC Bayern München scheiterte, seinem Ruf als Messias der Sportpsychologen gerecht wird?
Auf der Suche nach einem Sportpsychologen oder qualifizierten Mentaltrainer: zur Übersicht
Text: Mathias Liebing, Journalist und Redaktionsleiter von Die Sportpsychologen (mehr Infos)
Kann ich das, was von mir gefordert wird, abrufen? Werde ich gut performen? Bei vielen Sportlern kreisen die Gedanken vor Wettkämpfen genau um diese Fragen. Dabei sind den meisten Menschen diese Unsicherheitsmomente nicht gänzlich neu: Bereits zu Schulzeiten oder während des Studiums, insbesondere vor Prüfungen, haben viele von uns solche Fragen beschäftigt. Ähnlich ist unser Erleben vor Wettkämpfen. Holm-Hadulla beschreibt in diesem Zusammenhang sieben Regeln zur Vorbereitung auf eine Prüfung. Diese werde ich im folgenden Text aufgreifen und auf den Sport übertragen.
Zum Thema: Sportpsychologische Aspekte der Vorbereitung auf einen Wettkampf (Teil 1)
Foto: Fotolia_42074086
Wenn wir also im ersten Schritt von Akzeptanz reden – was ist eigentlich damit gemeint? In erster Linie geht es um die Akzeptanz des kommenden Wettkampfes, der in der Regel terminlich, örtlich und gegnerspezifisch keinen Einfluss mehr zulässt. Dieser nächste Wettkampf steht fest und auch die gezeigten Leistungen der Gegner lassen sich nicht verändern. Dies gilt es zu akzeptieren.
Bis hierhin scheint es noch ein Leichtes zu sein, wenn da nicht unsere eigene Leistung wäre, die ebenso akzeptiert werden will. Leichter gesagt als getan! Wie lange liegen uns die letzten ‚verkorksten’ Spiele noch in den Gedanken, tauchen willkürlich in unvorhersehbaren Situationen im Kopf auf? Situationen, in denen ich schon einmal einen Fehler gemacht habe, sind seit diesem Tag emotionaler, gedankengeladener und schwerer zu bewältigen als zuvor. Du kennst sicher diese Situation, in oder nach einem Wettkampf, in der es Dir schwer fällt das Ergebnis oder Deine Leistung einfach so zu akzeptieren? Bevor wir hierzu weitere Gedanken fassen, schauen wir auf die Dinge, die es zu akzeptieren gilt und welche Umstände diese mit sich bringen. Selbstverständlich lässt sich hier nichts pauschalisieren und in völliger Umfänglichkeit darlegen, jedoch lässt sich eine Richtung aufzeigen, der Du mehr oder weniger, bewusst oder unbewusst folgen kannst:
Akzeptiere das Ergebnis – in der Regel ist die Akzeptanz eines Sieges, wie auch immer dieser erreicht wurde, leichter als die Akzeptanz einer Niederlage. Zusätzlich gilt es häufig, die Umstände, die zur Niederlage geführt haben, ebenso zu akzeptieren.
Akzeptiere Deine eigene Leistung – Mach Dir bewusst, was Du gut gemacht hast und was gut funktioniert hat. Blicke aber ebenso auf die Dinge, die nicht funktioniert haben. Die Situationen, bei denen sich Schwächen gezeigt haben. Was kannst Du besser machen?
Akzeptiere die Team-/Mannschaftsleistung – Am besten wertet Ihr gemeinsam aus, was das Team stark gemacht hat und was noch nicht funktioniert hat. Schaut Euch dabei Details an, weshalb der erarbeitete Plan oder die bestimmte Taktik nicht aufgegangen ist. Verzichtet dabei aber auf Schuldzuweisungen (mögen diese im Anschluss auch noch so konstruktiv sein, ist dies eher etwas für einen weiteren, nachfolgenden Schritt) und versuche dabei deutlich zu machen, dass Du aus Deiner Perspektive sprichst (sende Ich-Botschaften (Schulz von Thun, 2013)).
Akzeptiere Deine private und sportliche Situation – Wie schön wäre es, wenn wir unsere privaten und sportlichen Wünsche alle in die Realität umsetzen könnten; wenn alles so abläuft, wie wir uns dies vorher ausgemalt hätten? Das wäre traumhaft – doch die Welt hat zumeist etwas anderes mit uns vor. So spricht man in der Entwicklungspsychologie von exogenen Faktoren und meint damit Umwelteinflüsse, die sich auf unsere persönliche aber auch auf unsere sportliche Entwicklung auswirken. Dabei spielen zum Beispiel Verletzungen, aber auch andere durch die Umwelt beeinflusste Bedingungen eine Rolle. Auch die Struktur eines Vereins stellt hier einen Umwelteinfluss auf den Sportler dar. Endogene Faktoren nennen Psychologen die Anlagen, die Veranlagung, die jeder Mensch durch verschiedene Ursachen mit sich bringt. Dazu gehören unter anderem die körperliche Gestalt, die Vitalität, die Anpassungsfähigkeit aber auch die Intelligenz und besondere Begabungen. Autogene Faktoren beschreiben die Selbststeuerung des Menschen, also die Dinge, nach denen man bewusst oder unbewusst strebt. Dazu können einfache Bedürfnisbefriedigungen und die Befriedigung der Neugierde gehören, aber auch das Aufrechterhalten und Ausrichten an den eigenen ethischen und moralischen Leitlinien.
Denken wir an einen Torhüter, der in einem wichtigen Ligaspiel insgesamt keine schlechte Leistung abliefert, allerdings eine einzige Situation im Spiel falsch einschätzt, die zu einem Gegentor führt. Seine Mannschaft verlor das Spiel. Noch einige Zeit später und gerade vor und während wichtiger Spiele kam ihm immer wieder diese Situation in die Gedanken, er konnte sich dem nicht erwehren. In gemeinsamer Arbeit konnten wir dann einen Weg finden, wie der Torhüter die Situation und seine eigene Leistung akzeptieren konnte.
Die Werkzeuge, Akzeptanz gegenüber der eigenen Leistung zu entwickeln, sind höchst individuell. Meine Kollegen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Uwe Knepel) stehen gern bereit, Euch auf dem Weg effektiv und professionell zu unterstützen.
Was heißt das für Dich?
Eines wird sowohl aus dem Beispiel als auch an der Stichpunktaufzählung deutlich: Die Wettkampfvorbereitung wird von (und mögen sie noch so banal sein) zahlreichen Umständen und Situationen beeinflusst, die wir nur sehr bedingt steuern können. Eines ist sicher: Es gibt kein falsches Erleben. Vielmehr gilt: Wahr ist, was wirkt.
Dennoch kannst Du etwas für Deine gute Vorbereitung tun. Akzeptier Deine Leistung und mach Dir bewusst, welche Umstände oder Situationen sich ändern sollten, damit du erfolgreicher sein kannst. Setz diese Inhalte, in Absprache mit Deinem Trainerteam, auf den Trainingsplan um und formuliere Ziele, um Dich Schritt für Schritt zu verbessern. Das Zugeständnis oder die Akzeptanz, dass Deine Schwächen, Deine Ängste aber auch Deine Wut ein Teil von Dir sind, lösen häufig den entstandenen Konflikt auf. Solltest Du mit einer bestimmten Situation nicht zurechtkommen oder es Dir schwer fallen, weil Dir vielleicht immer wieder erlebte Situationen einfallen und diese Dich nicht mehr loslassen, dann wende Dich an uns.
Holm-Hadulla, R. (2008). Kreativität. Konzept und Lebensstil. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
Schulz von Thun, F. (2013) Miteinander reden: 1. Störungen und Klärungen. Hamburg: Rowohlt
Wenhold, F., Meier, C., Elbe, A.-M. & Beckmann, J. (2008). Informationen zum Fragebogen AMS-Sport, auf dem Internetportal Sportpsychologie des BISp. Abgerufen aus dem World Wide Web am 12.11.2019 unter www.bisp.de.
Ein kürzlich in der NZZ am Sonntag publiziertes Interview mit Roger Federer lässt seine Fans aufhorchen. Der Tennis-Maestro spricht darin von seinem aktuellen Engagement als Neu-Investor in der Laufschuh-Branche, nennt Fashion auch seine (neue?) Passion und äussert dabei Gedanken zu seinem Karriereende. Advantage Federer?! Verschafft sich der Schweizer-Tennisstar auch im Übergang in seine nachsportliche Berufskarriere einen psychologischen Vorteil? Wäre dieser auch auf andere Karriereübergänge nutzbar?
Zum Thema: Der Umgang mit dem Karriereende
Schon häufig wurde medial die Frage nach Roger Federers Rücktritt gestellt. Mit seinem jüngsten „Deal“ als Investor bei einem Zürcher Laufschuh-Start-up nährt er die Gerüchte um einen baldigen Übertritt in seine nachsportliche Karriere. Mit dem in den vergangenen Jahren erschaffenen Geschäftsimperium und seiner Marker «RF» im Rücken scheint dieser Schritt ein leichter zu werden. Insider vermuten zudem, dass Federer nach seiner Tennis-Karriere wirtschaftlich noch erfolgreicher sein wird.
„Es reizt mich, mit einem jungen Schweizer Unternehmen zusammenarbeiten zu können, das auf dem Sprung ist“, wird Federer in der Schweizer Illustrierten zitiert. Ein besseres Sinnbild für eine leichtfüssige Transition lässt sich kaum finden. Der letzte sportliche Applaus wird irgendwann verhallen, das Scheinwerferlicht indes dürfte weiterhin auf Roger Federer gerichtet bleiben.
Dr. Hanspeter Gubelmann im SRF-Interview (Quelle: Screenshot, Harry Stitzel, SRF)
Ungleiche Startbedingungen
Gänzlich anders präsentiert sich diese Lebensphase bei der Mehrzahl Schweizer SpitzensportlerInnen, die beim Abgang von der Spitzensportbühne von einer markanten Zäsur sprechen. Gemäss der Studie SPLISS (2011) verdient ein Schweizer Spitzensportler jährlich durchschnittlich 25’000.- Schweizer Franken – angesichts Federers Jahreseinkommens von rund 90 Mio. SFR ein Hohn. Häufig höre ich von Ex-Sportlern den Satz. „Das Ersparte reichte gerade mal, um ein paar Monate ohne Einkünfte zu überbrücken, mehr war da nicht!“
Der Rücktritt verlangt eine grundsätzliche Neuausrichtung der eigenen Existenz. Mitunter psychisch und physisch erschöpft von einer langen Sportkarriere empfinden viele im ersten Moment auch Erleichterung. Doch die ungewisse Zukunft angesichts mangelnder Perspektiven dämpft diese erste Euphorie. Das strukturierte Tagesprogramm, das soziale Netzwerk der Trainingsgruppe und die vielfältigen Emotionen fallen schlagartig weg. Was folgt ist eine „Durststrecke“, die nicht selten mit psychischen Problemen (Schlafstörungen, Depression, Angstzustände) einhergeht.
Ein gelingender Übertritt in die nachsportliche Karriere?
In einem Interview mit „10vor10“ des Schweizer Fernsehens wurde ich nach Beispielen von „guten“ und „schlechten“ Karriereübergängen angesprochen. Ich versuchte dem Journalisten klar zu machen, dass es einem Sportpsychologen nicht zustehe, von aussen betrachtet und in der Öffentlichkeit wertend sich mit einer persönlichen Einschätzungen in diese Diskussion einzubringen. Zudem dürften sich die angesetzten Kriterien zu einem gelingenden Karriereende deutlich unterscheiden, ob ich betroffene SportlerInnen oder einfach nur Zaungäste dazu befrage. Auf die Frage, ob und wie Roger Federer einen gelingenden Karriereübertritt schaffen könne, antwortete ich mit folgendem Statement: Aus den Medien entnehme ich, dass Roger Federer kompetenten Beratern das Vertrauen schenkt und in einem stabilen, auch familiär gebundenen sozialen Netzwerk grossen Rückhalt findet, das auch nach Beendigung seiner Karrieren weiter Bestand haben wird. Bemerkenswert finde ich sein Bestreben, eigene Leidenschaften auszuloten, Reizvolles kennenzulernen und Neues zu testen – wohl auch mit dem Ziel, ein hohes Level an Emotionalität und Herausforderung im zukünftigen Lebensalltag zu finden.
Jenseits der Diskussion um „transferable skills“ – also um jene im Spitzensport erlernten Fähigkeiten und Fertigkeiten, die zum Gelingen in der nachsportlichen Karriere (siehe: Dr. Hanspeter Gubelmann: «Mein Körper und Geist sind müde») zweckdienlich sein können – lassen sich aus dem Beispiel «Federer» einige Ideen und Ansätze für das sportpsychologische Coaching ableiten.
Charakterzüge, Identität und Marke: Roger Federer charakterisiert sich auf seiner „Roger Federer Foundation“-Homepage mit folgenden drei Attributen: authentisch, bescheiden, loyal; und nennt als ein zu ihm passendes Zitat: „It’s nice to be important, but it’s more important to be nice!“ Seine Grundfesten zu kennen und diese zu pflegen, erachte ich als ausserordentlich wichtig!
Be more than option in your life! Jeder Spitzensportler und jede Spitzensportlerin weiss, dass Spitzensport eine „Karriere auf Zeit“ bedeutet. In der Schweiz ist eine duale Karriere, die Verbindung von Spitzensport und einer weiteren beruflichen (Ausbildungs-)Tätigkeit, bei rund zwei Dritteln aller AthletInnen eine notwendige Tatsache. Swiss Olympic setzt auf eine frühzeitige berufliche Planung auch mit dem Ziel, sich bestmögliche Perspektiven für danach zu schaffen. Im Jahresverlauf stelle ich jedem Athleten einmal die Frage: Was würdest du machen, wenn heute Abend deine sportliche Karriere zu Ende wäre?
Vertrauen, Stabilität und menschliche Nähe: Die Qualität eines gelingenden Karriereübertritts wird massgeblich von der Güte und Tragfähigkeit des sozialen Netzwerks bestimmt. Der menschliche Rückhalt stärkt den Ex-Sportler vor allem in Zeiten von Unsicherheit und Selbstzweifeln. Aus meiner Erfahrung ist das häufig der Moment, in welchem aus einer beruflichen Zusammenarbeit eine Freundschaft zwischen Sportler und Sportpsychologe entsteht.
Emotionalität: Sport vermittelt Emotionen, er bietet eine faszinierende Bühne für Gefühlswelten. Sportliche Höchstleistungen werden aus einer unglaublich starken Emotionalität ihrer Akteure gespiesen. Der langfristige sportliche Erfolg eines Champions basiert letztlich auch auf seiner emotionalen Robustheit. Aus meiner Sicht ist es ein besonders reizvolles Unterfangen, diesen emotionalen Facetten einer neuen Passion zu Beginn einer nachsportlichen Karriere nachzugehen.
Interessante Studienergebnisse
Um es noch einmal zu betonen: Gemäss einer aktuellen Studie zu den gestellten Herausforderungen im Verlauf des Karriereübergangs (vgl. Küttel et al. 2018) scheinen die emotionalen und sozialen Anpassungsschwierigkeiten und deren Überwindung von vorrangiger Bedeutung zu sein.
Für unsere Experten im Netzwerk (zur Übersicht) und mich (zum Profil von Dr. Hanspeter Gubelmann) ist der Karriereübergang ein wichtiges Arbeitsfeld. Gern helfen wir zwischen Hamburg, Wien und Zürich weiter.
Küttel, A., Boyle, E., Christensen, M. K., & Schmid, J. (2018). A cross-national comparison of the transition out of elite sport of Swiss, Danish and Polish athletes. Sport and Exercise Psychology Review, 14(1), 3-22.
Auch wenn in der Sportwelt nur allzu ungern darüber gesprochen wird: Themen wie sexualisierte, körperliche oder psychische Gewalt sind ein präsentes Problem im Alltag von Vereinen und Verbänden. Daher haben wir mit Christian Hoverath einen unserer Experten gefragt, woran Trainer, Funktionäre, Eltern und auch Athleten selbst erkennen können, wann Grenzüberschreitungen vorliegen und Gefahr im Verzug ist. Der aktive Triathlet aus Wesel in Nordrhein-Westfalen ist Sportpsychologe und Psychologe. Beruflich hat er intensiv auch mit Themen wie Kindeswohlgefährdung zu tun und konnte darüber hinaus schon manchen Trainern und Verbandsfunktionären über nötige Präventionsarbeit aufklären. In unserem Netzwerk ist er neben seinen sportlichen Schwerpunkten im Ausdauerbereich, Radsport und Tennis einer der Ansprechpartner für Prävention sexualisierter Gewalt, Kindeswohlgefährdung und Dopingprävention.
Hinweis: Wenn Sie in allen Teilen Deutschlands, in Österreich oder der Schweiz einen Experten anfragen wollen, nehmen Sie gern Kontakt zu unserer Zentrale auf. Wir vermitteln sie vertrauensvoll weiter: m.liebing@die-sportpsychologen.de
Christian Hoverath, warum ist es grundsätzlich so schwer, Fehlverhalten von Tätern im sportlichen Umfeld zu erkennen?
Nun, strafbare Handlungen passieren nicht von heute auf morgen. Diese Allmählichkeit macht es schwer, Taten zu erkennen und aufzudecken. Täter kommen ja nicht als solche in den Verein. Zuerst treten sie als Vertrauensperson auf und gehen freundlich und freundschaftlich auf die Athleten zu. Durch die erfahrene Zuwendung bekommen Athleten Aufmerksamkeit, die für sie durchaus wichtig ist. Sie entwickeln Vertrauen und öffnen sich. Es entsteht Bindung, die ganz wichtig ist für das, was dann kommt.
Wie gestaltet sich der weitere Verlauf?
Zwischendurch und allmählich kommt es zu Grenzüberschreitungen, wenn das Vertrauen aufgebaut ist. Dies geht über Blicke, Worte oder doppeldeutige Äußerungen über den Körper, zum Beispiel über das Gewicht. Heranwachsende Frauen sind, um ein Beispiel zu nennen, äußerst empfänglich, da sie mit ihren körperlichen Veränderungen erstmal klarkommen müssen. Diese Überschreitungen dienen der Suche nach geeigneten Opfern. Täter schauen, wo sie wenig Widerstand zu erwarten haben. Diese Opfer merken dann, dass irgendwas nicht stimmt. Sie fühlen sich unwohl, entwickeln Gefühle innerer Abwehr und von Scham, hören dennoch schweigend weg. Zumal die Athleten weiterhin auch die so benötigte Aufmerksamkeit bekommen, was zu noch mehr Verwirrung auf ihrer Seite führt. Täter testen ihre Opfer und ihre Grenzen. Bekommen sie keine, dann besteht die Gefahr, dass potentielle Täter tatsächlich aktiv werden.
Konkret: Wie lässt sich ein Muster für sexuellen Missbrauch skizzieren?
Im Sexuellen kommt es häufig zu Berührungen des Körpers, auch der Geschlechtsteile. Anfänglich passiert dies wie „zufällig“. Später mehr und mehr offen und zielgerichtet. Damit testen die Täter weiter die Reaktionen des Opfers und wie weit sie gehen können. Ohne Stopp wird das Verhalten langsam gesteigert. Die Folgen auf Seiten des Opfers: Er oder sie ist weiter tiefergehend verwirrt oder gelähmt. Schließlich ist ein Trainer oder eine anderen Vertrauensperson aus dem eigenen System der Täter. Gefühle von Scham und Ekel überwältigen die Betroffenen, die einst wohlige Nähe zum vertrauten Menschen weicht einem stummen Entsetzen. Sportler und Sportlerinnen stellen sich dann Fragen wie: „Kann es denn sein, dass eine Person, die ich mag und die mich mag, mir weh tut?“ Oder: „Was stimmt mit mir nicht?“
Welche Rolle spielt das System?
Natürlich wird auch das Umfeld manipuliert. Täter nutzen ihren Vertrauensvorschuss, den sie sich über die Zeit – zum Beispiel durch sportliche Erfolge – erarbeitet haben. Dies ist insbesondere dann nötig, wenn sie eine Aufdeckung befürchten müssen. Also gerade bei krassen Vorwürfen wie sexuellem Missbrauch. Denn schon im Voraus bauen sie vor und fragen nach Problemen des Opfers im häuslichen Bereich, um die Ursachen für Verhaltensänderungen der Opfer in Folge der sexualisierten Gewalt von sich selbst und den eigenen Handlungen abzulenken. Erschwerend kommt hinzu, dass Sportler sehr häufig eine Distanz zum häuslichen Umfeld aufgebaut haben, teilweise in Internaten oder Leistungszentren leben. Sie verbringen ja viel mehr Zeit beim Training und im Umfeld des Sports als zuhause.
Aber zurück zum Täterverhalten: Wie setzen sich die Fehlhandlungen nach der Testphase fort?
Nach den Tests kommt es zu vorsätzlichen Handlungen. Täter planen Wiederholungen und suchen Momente auf, in denen sie dem Opfer allein begegnen. Die Ambivalenzen im Opfer werden mehr und stärker. Da der Täter nonverbale Abwehrmechanismen offensichtlich nicht wahrnimmt, sie auch nicht ernst nimmt, entsteht Verunsicherung. Vertrauen geht verloren. Gleichzeitig bleibt aber die Hoffnung bestehen, dass es eine Rückkehr zum gemeinsamen, verbindenden Element der Freundlichkeit und Freundschaft gibt, die so lange Bestand hatte und auch immer wieder eingebaut wird. Diese Ambivalenzen sind für die Betroffenen nur schwer zu ertragen, weswegen die schönen Momente verstärkt wahrgenommen werden.
Die Täter agieren also höchst manipulativ?
Die Manipulation geht sogar noch weiter. Oft werden die Taten als gemeinsames Geheimnis bezeichnet, der Täter konstruiert darüber eine Mittäterschaft. Vom Opfer wird verlangt, das gemeinsame Geheimnis zu hüten. Die Opfer geben ihr Versprechen zur Loyalität aus Angst und Hilflosigkeit. Wenn wir an Sportler und Sportlerinnen in Kadern oder besonderen Teams denken, kann die Angst zum Tragen kommen, fallengelassen zu werden. Denn Konkurrenz gibt es ja genug. Und diese könnte gefördert werden, wenn sich der oder die Betroffene wehrt.
Wie kann aber das Verhältnis zwischen Trainer und Sportler beziehungsweise Täter und Opfer so lange intakt bleiben?
Täter arbeiten im Fortgang oft mit Zuckerbrot und Peitsche. Die Bindung wird über das gemeinsame „Geheimnis“ verstärkt, hinzu kommen Schuldzuweisungen und Androhungen von Strafen in unterschiedlicher Form. Die Opfer reagieren wiederum sehr ambivalent. Einerseits haben sie das Gefühl allein zu sein, andererseits haben sie Angst vor der Strafe. Sie stehen unter moralischem Druck und unter wachsenden Schuldgefühlen. Neben Zuckerbrot und Peitsche arbeiten Täter auch mit Schreckensszenarien. So nach dem Motto: „Wenn du nicht mitmachst oder etwas erzählst dann fliegst du aus dem Kader.“ Vielleicht auch: „Deine Eltern haben so lang in dich investiert, willst du sie enttäuschen?“ Oder wenn es nicht um sexualisierte, sondern um emotionale Gewalt geht: „Dir glaubt doch eh keiner, wieso sollten wir die Gesundheit unserer Athleten riskieren.“
Bei all den Informationen und Zusammenhängen: Bietet der Sport für Täter ein „dankbares“ Umfeld?
Im Sport kommt sicher dazu, dass trotz einiger Bemühungen von Vereinen, Verbänden und Initiativen wenig Aufklärungsarbeit wirklich nachhaltig in der Breite angekommen ist. Oft ist der Sport auch geschlossenes System, mit steilen Hierarchien und besonderen Deutungshoheiten. Hinzu kommen Aspekte wie der Leistungsdruck: Täter bauen darauf, dass die Opfer nichts erzählen, um ihre Karriere nicht zu gefährden. Zusätzlich üben im Einzelfall auch die ehrgeizigen Eltern Einfluss auf die Kinder aus, um Schilderungen zurückzunehmen beziehungsweise zu bagatellisieren. Insbesondere dann, wenn auch finanzielle Unterstützungen fließen. Opfer nehmen dann häufig lieber die Schilderungen zurück, um diesem Druck zu entgehen.
Worauf sollte jeder Sportler verstärkt achten?
Mir liegt es am Herzen, dass wir auch auf die Schwächsten im System achten. Heranwachsende sind besonders gefährdet. Sie sind emotional ansprechbar, meist „außer Haus“ und ohne weitere Kontrolle. Wir alle sollten also auf mögliche Warnsignale achten. Allerdings will ich auch betonen, wie wichtig es ist, sehr sorgsam mit möglichen Anschuldigungen umzugehen. In Vereinen und Verbänden sollen, ja müssen dazu Ansprechpartner installiert sein. Diese sollten mit Beratungsstellen vernetzt sein, um dann Verdachtsfälle gut und sorgsam beraten zu können.
Torhüter Ralf Fährmann sowie viele weitere deutsche Keeper nutzen sie schon. Was auf den ersten Blick wie eine Brille aus einem Science Fiction Film aussieht, ist eine Unterstützung zur Schulung von Wahrnehmung und kognitiven Leistungsfaktoren. Es sind spezielle Brillen, die abwechselnd Licht durchlassen. Durch die Anwendung dieser Brillen soll die sportartspezifische Leistungsfähigkeit gesteigert werden. Der Ansatz: Das Gehirn des Torhüters muss lernen, ohne vollständige visuelle Information, trotzdem das Gewollte auszuüben. Ein interessantes Trainingsgerät für bessere und schnellere Wahrnehmung. Schauen wir uns das näher an.
Zum Thema: Die kognitiven Leistungsfaktoren von Torhütern verbessern
DAS AUGE SIEHT – DAS GEHIRN VERARBEITET – UND DER KÖRPER FOLGT…
Nein, hinter der dunklen, großen Sonnenbrille will kein Torhüter die Folgen des jüngsten Kneipenabends verstecken, wir reden hier von einem modernen Trainingsgerät im Fussball. Mit Hilfe der Strobobrille soll über visuelle Reize die Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit von Torhütern verbessert werden. Die funktionsweise: Wiederholt wird den Keepern die Sicht genommen, indem sich das Blickfeld verdunkelt. Dies ist möglich, da die Brillengläser aus Flüssigkristallen bestehen. Durch elektrischen Strom wird die Dichte der Kristalle so verändert, dass sie entweder Licht durchlassen oder die Brillengläser in unterschiedlichen Stufen abdunkeln. Der Flimmer- oder Verlangsamungseffekt entsteht, wenn der Strom alternierend blitzschnell an- und ausgeschaltet wird und so das Licht zwischen hell und dunkel wechselt.
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Durch die Verdunkelung reduziert die Brille die Menge an visuellen Informationen. Dadurch soll das Gehirn angeregt werden, die noch zur Verfügung stehenden Informationen effektiver zu nutzen. Das Gehirn eines Torhüters soll so lernen, die Geschwindigkeit und Bewegungsrichtung des Balls vorausschauend abzuschätzen. Nicht nur die Antizipation, sondern auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber Ablenkungen soll so trainiert werden.
Der Trainingseffekt scheint mit Torhütern vergleichbar, die mit Gewichten an den Knöcheln trainieren: Fällt die zusätzliche Belastung weg, fühlt sich die Bewegung viel leichter und effektiver an (Smith, & Mitroff, 2012). Grundsätzlich kann ein positiver Effekt dieser Brille auf eine Vielzahl von visuellen, perzeptiven und kognitiven Fähigkeiten belegt werden. Insbesondere das schnelle zentrale Sehen, kann mit dieser Methode trainiert werden (Wilkins, & Gray, 2015).
Eine neuere Studie mit drei Elite-Nachwuchstorwarten, die ein siebenwöchiges stroboskopisches Training durchlaufen hatten, konnten folgendes feststellen (Wilkins, Nelson, Tweddle, 2018): Ihre Seh- und Wahrnehmungsfähigkeit wurde besser und ihre Leistungsfähigkeit im Torwartspiel steigerte sich.
Die Strobobrille im Training
Die Trainingsmethode hat den großen Vorteil, dass sie sich direkt auf dem Platz anwenden lässt, ohne eine künstliche Trainingsumgebung schaffen zu müssen. Ihr Einsatz kann variabel an das Trainingsprogramm angepasst werden. Trainer, die die Technologie in der Praxis eingesetzt haben, berichten, dass sich die Stroboskopbrille einfach in das Trainingsprogramm einbauen lässt, unkompliziert zu nutzen ist, dabei dem Anwender eigenen Raum lässt und kaum erklärende Begleitung erfordert.
Es werden des Weiteren Computerprogramme und Spiele als Möglichkeit angeboten, die Augen „zu trainieren“. Ishigkaki (2007) hat z.B. für Nintendo® ein spezielles „Augen-TrainingTM“ entwickelt, das über eine portable Spielekonsole (Nintendo® DS) durchgeführt werden kann. Er erreicht so eine große Zielgruppe, der alle Altersklassen angehören. Ferner stößt der Interessierte über das World Wide Web auf zahlreiche Angebote und Anleitungen für tägliches Augentraining, wie bspw. das Sportsvision-Training.
Fazit
Das Training mit einer Strobobrille kann sich positiv auf visuelle, perzeptive und kognitive Fähigkeiten auswirken. Insbesondere das schnelle zentrale Sehen kann mit dieser Methode trainiert werden. Vorteile sind u.a. eine Anwendung in realen Trainingsumgebungen und eine einfache Handhabung. Wir Sportpsychologen können im Auftrag des Trainerstabs die Anwendung begleiten, steuern und auf bestimmte Aspekte ausrichten.
Über die Öffentlichkeitsarbeiter im Verein sollten Trainer aber die Informationen an die Medien durchstecken, weshalb ein oder mehrere Torhüter mit dieser Brille trainieren. Nicht, dass Spekulationen über das Freizeitverhalten der Keeper aufkommen…
Mehr zum Thema:
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Smith, T. Q., & Mitroff, S. R. (2012): Stroboscopic training enhances anticipatory timing. International journal of exercise science, 5(4), 344. Studie: https://digitalcommons.wku.edu/ijes/vol5/iss4/4/
Wilkins, L., Nelson, C., & Tweddle, S. (2018). Stroboscopic visual training: A pilot study with three elite youth football goalkeepers. Journal of Cognitive Enhancement, 2(1), 3-11. Studie: https://link.springer.com/article/10.1007%2Fs41465-017-0038-z
Wilkins, L., & Gray, R. (2015): Effects of stroboscopic visual training on visual attention, motion perception, and catching performance. Perceptual and motor skills, 121(1), 57-79. Studie: https://journals.sagepub.com/doi/10.2466/22.25.PMS.121c11x0
Nintendo (2007): Augen-Training: Trainieren und entspannen Sie Ihre Augen! Spielanleitung. Großostheim
Der Vergleich von Wencke Schwarz sitzt: Während Entscheider in der Wirtschaft aktiv Coachings nutzen, um voranzukommen, zucken Sportler, Trainer, Manager und Funktionäre immer noch kurz zusammen. Die in Hannover und im „Pott“ lebende Wirtschafts- und Sportpsychologin will an diesem Zustand etwas ändern. Mit ihrer fachlichen Expertise und ihrem Herz für den Sport bietet sie Lösungswege, von der beide Welten voneinander profitieren können.
Im Video erklärt Wencke Schwarz, wie Manager, Sportdirektoren und Trainer mit der Psychologie im Sport arbeiten können. Sie zeigt ganz konkrete Arbeitsfelder auf, in denen sich Führungskräfte im Sport mit effektiven Methoden und Taktiken bereichern können. Wencke Schwarz bringt weiter in Führung, Change Management, Agilität, Lösungsfindung und Unternehmenskultur – und dies ganz individuell. Dabei hat sie einen klaren Fokus: „Meine Kollegen von Die Sportpsychologen und ich suchen diejenigen, die sich mit Hilfe der Psychologie einen Marktvorteil gegenüber ihren Konkurrenten verschaffen wollen.“
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Ihre Stärken sieht Wencke Schwarz, die bundesweit seit über 20 Jahren Führungskräfte coacht und Sportfunktionären beraten hat, im Wissenstransfer. In individuell zu planenden persönliches Coaching-Sessions kann sie ganz konkretes Handwerkszeug vermitteln, welches auf Management- und Trainerebene weiterbringt. Eine Investition, die in der Wirtschaft für Führungspersonal längst Normalität geworden ist.
Oft sind es nur kleine Stellschrauben, die zum Ziel führen. In der Wirtschaft wie im Sport. Wencke Schwarz freut sich auf ihren Anruf.
Zwei Aussagen haben jüngst deutlich gemacht, dass es nicht nur die Präsidenten, Manager und Sportvorstände sind, die auf der Personalie eines Trainers Einfluss üben. Im ZDF-Sportstudio sprach Uli Hoeneß vom FC Bayern München sehr direkt aus, welche Rolle die Mannschaft bei der Entlassung von Niko Kovac gespielt hat: „Es hat sicherlich Strömungen innerhalb der Mannschaft gegeben, die den Trainer weghaben wollten. Deswegen hat die Führung dementsprechend reagiert.“ Und auch Rasenballsport Leipzig Trainer Julian Nagelsmann ist sich dieser Gefahr bewusst. In einem MDR-Interview sagt er: „Du hast keine Chance, wenn die Spieler auch nicht für dich spielen. Und wenn es dann anstrengend wird, dann schaut ein Spieler auch mal raus und sagt, laufe ich jetzt für den da draußen mit oder laufe ich nicht mit? Und wenn sie nicht für dich mitlaufen, dann kannst du schon mal deinen ersten Rollkoffer packen“.
Zum Thema: Kommunikation, Motivation, Wahrnehmung, Teilhabe, Führung – Herausforderungen von Trainern im Teamsport
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So deutlich und so offen wurde vielleicht noch nie über die Macht gesprochen, die eine Mannschaft besitzt. Das Rad dreht sich derweil weiter. Nach den Entlassungen von Kovac, Beierlorzer und Wagner innerhalb von nur wenigen Tage bekommen in der Bundesliga nun drei neue Trainer die Chance, den Platz auf dem Cheftrainerstuhl einzunehmen. Doch was kann man eigentlich tun, um eine Mannschaft für sich zu gewinnen und sie zu motivieren, nach den eigenen Vorstellungen zu agieren?
Eines sei schon mal gesagt: Gerade die zwischenmenschliche Ebene ist extrem komplex, so dass sich ein Urteil von außen verbietet. Aber es gibt Muster, die zum Beispiel bei sportlichem Misserfolg oder bei einem angespannten Verhältnis zwischen Team und Coach greifen. Muster, die Führungskräfte in jeglichen Bereichen kennen. Egal ob Job, Studium oder Verein. Überall dort ist es von Nöten, seine Mitarbeiter mitziehen zu können und bestenfalls deren intrinsische Motivation zu entfachen.
Den Einzelnen wahrnehmen
Ebenso wichtig: Im Mannschaftssport ist es quasi unmöglich, es jedem Einzelnen im Team zu 100% Recht zu machen. Dazu treffen in so einem Gebilde auch möglicherweise zu viele Charaktere und Vorstellungen aufeinander. Aber, und das ist das wichtigste, jedem einzelnen sollte das Gefühl gegeben werden, dass seine persönlichen Gegebenheiten nicht ignoriert werden.
Wir versuchen das ganze Mal anhand der folgenden Grafik deutlich zu machen: Hierbei kann für Trainer auch eine Führungskraft stehen und für die Sportler ein Angestellter/Unterstellter.
Komplexität des Trainerverhaltens
Quelle: Grafik erstellt nach Chella-Durai 1990)
Durch die zwei Einflussvarianten wird schon viel deutlicher, was ein Trainerverhalten bestenfalls ausmachen sollte. Es sind eben nicht nur die persönliche Disposition, sondern es fließen die situativen Bedingungen genauso mit ein wie die persönlichen Merkmale eines jeden Teammitgliedes.
Es ist also zwingend notwendig, viel mehr als die eigene Vorstellung einzubeziehen, wenn ich eine Gruppe leiten möchte. Denn vor allem die persönlichen Befindlichkeiten können maximal unterschiedlich ausfallen. Der eine braucht eine klare Führung mit direkten Ansagen und strenger Hand. Der andere möchte gern Entscheidungen nachvollziehen können, um es für sich gut einordnen zu können, weswegen er vielleicht heute nicht in der Startelf steht.
Alle in einem Boot
Führen von Menschen heißt also immer auch, eine Anpassung an jeden Einzelnen, um das Boot mit der Power eines jeden Individuums zu bestücken und maximal effektiv voran zu kommen. Und genau dann, wenn jeder im Boot das Gefühl hat, mit seinen individuellen Anforderungen und Wünschen durch die Führungsfigur wertgeschätzt und integriert zu werden, wird sich in aller Regel die Einsatzleistung der geführten Person auch steigern.
Was heißt das nun in der Praxis? Als Trainer oder Führungskraft sollte ich mein Team kennen und die Befindlichkeiten eines jeden Einzelnen versuchen, zu erkennen bzw. zu erfragen. Interesse an einem Menschen zu zeigen, wird die Wertschätzung positiv beeinflussen und die Kommunikation fördern.
Das Bayern-Beispiel
Vor allem zu Beginn einer Zusammenarbeit ist es wichtig, jeden Einzelnen dort abzuholen, wo er steht. Kommen wir zum plakativen Bayern München-Beispiel zurück: Für Hansi Flick würde dies bedeuten, einen aktuellen Dauerbrenner Robert Lewandowski genauso für sich zu gewinnen wie einen Ersatzspieler wie beispielsweise den zuletzt in der zweiten Mannschaft eingesetzten Michael Cuisance, der aktuell nicht so zufrieden mit seiner Lage sein dürfte.
Kommunikation und Wertschätzung gegenüber jedem Einzelnen sind da Kernelemente. Darüber hinaus ist es sinnvoll, sich immer wieder eine Reflektion von außen geben zu lassen und/oder selbst den Blick von oben ganz wertfrei neu zu formen. Ziel dessen soll es sein, der Betriebsblindheit vorzubeugen und sich selbst immer wieder kritisch zu hinterfragen, ob man alle Komponenten in seine Trainerarbeit einfließen lässt.
Die Rolle des Einzelnen
Gib jedem die Chance, ein Motor deines Bootes zu sein und er wird die Power aufbringen, es weit voranzubringen.
Ebenso wichtig ist es, dem Team seinen Fahrplan genau aufzuzeigen. Was möchte ich wie erreichen und welche Rolle spielt jeder Einzelne auf diesem Weg? Nur dann kann jeder seine individuelle Rolle definieren.
Kathrin Seufert
Sportarten: Fußball, Schwimmen, Eishockey, Basketball, Schießsport, E-Sports aber auch offen für alle anderen Sportarten
Sollte die Motivation eines Einzelnen einmal so sein, wie man es sich nicht wünscht, so lohnt es auch, die Motivationsrichtung zu hinterfragen. Denn die beste Motivation ist die, die von sich selbst erzeugt wird, ohne dass es um finanzielle Anreize oder andere Belohnung externer Weise geht. Ziel muss es sein, den Sportler oder den Mitarbeiter so zu erreichen, dass das eigene Feuer wieder zu brennen beginnt.
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Spannender Blick auf Bundesliga-Profi Davie Selke (ab Minute 4 geht es explizit um sein Feuer…)
Nicht immer leicht, aber eine lohnende Investition. Und sollte es mal nicht klappen, dass alles neben dem alltäglichen Geschäft hinzubekommen, helfen meine Kollegen (zur Übersicht) oder ich (zum Profil von Kathrin Seufert) gern dabei, Strategien zu finden oder Ansätze zu erarbeiten, um jedem im Team zu erreichen. Die Wege dahin sind so individuell wie die täglichen Herausforderungen eines Trainers.
Chelladurai, P., & Riemer, H. A. (1998). Measurement of leadership in sport. Advances in sport and exercise psychology measurement, 227-253.
Pfeffer, I., Würth, S., & Alfermann, D. (2004). Die subjektive Wahrnehmung der Trainer-Athlet-Interaktion in Individualsportarten und Mannschaftsspielen. Zeitschrift für Sportpsychologie, 11(1), 24-32.
Wofür das Ganze? Wofür mit diesen Entbehrungen leben? Wofür die Anstrengung, das Warten auf eine glorreiche Zukunft? Das Ersehnen des besten Spiels, des schnellsten Laufs, des höchsten Sprungs?
Zum Thema: Die Rolle der intrinsischen Motivation
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Wenn wir Spitzensportler nach dem Warum fragen, bekommen wir auch in der Sportpsychologie meist emotionale Rückmeldungen. Einfach, weil Sport mit all seinen Herausforderungen sehr viel mit „Leiden-schaft“ zu tun hat. Wenn es um die angesprochenen Entbehrungen geht, so muss auch dieses „Leiden“ – das der Sport mit sich bringt – wohl von Zeit zu Zeit geschaffen werden, um die erwünschten Glückshormone erst produzieren zu können!
Glückshormone, die nach Episoden großer Anstrengung freigesetzt werden, werden ebenso freigesetzt, wenn der Mensch etwas tut, das ihn mit Sinn erfüllt. Sinnerfülltes Tun spornt zu Höchstleistungen an und startet einen Kreislauf der positiven Emotionen. Sinn-loses Tun hingegen ist mit körperlichem Schmerz gleichzusetzen. Denn nicht anders wird übrigens auch der psychische Schmerz in unserem Gehirn verarbeitet. So sind dieselben Hirnareale beteiligt, wenn es um die Verarbeitung körperlichen oder seelischen Schmerzes geht (nach Choudbury, 2017)!
Wer beispielsweise im Sport, in der Arbeitswelt oder dem privaten Bereich an einem sogenannten „Boreout-Syndrom“ leidet, der findet wenig bis keinen Sinn in seinem täglichen Tun. Der Sinn bildet den innersten Antrieb, die intrinsische (also aus dem eigenen Selbst kommende) Motivation die stärkste aller Triebfedern.
Intrinsische Motivation & digitale Medien
Und intrinsische Motivation wird auch besonders in Hinblick auf die digitale Moderne immer wichtiger! (Precht, 2017) Schließlich kann heute jeder alles sein, und alles werden. Und überhaupt alle können jedem dabei zusehen. Gar nicht so einfach in einer derart vernetzten Welt, einerseits den Überblick zu behalten und andererseits den eigenen Weg zu finden. Schließlich gibt es heute immer mehr mögliche Kreuzungen. Wenn sich AthletInnen also am Tiefpunkt befinden, so macht es tatsächlich Sinn, nach dem Sinn zu fragen! Warum?
Sozusagen um die intrinsische Motivation zu ergründen. Wissen wollen, was die AthletInnen dazu bewegt, an ihre Grenzen zu gehen, Entbehrungen einzustecken, für die glorreiche Zukunft zu trainieren und das beste Spiel, den schnellsten Lauf oder den höchsten Sprung herbeizusehnen…
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Spieler, Trainer – und Schiedsrichter. Die Referees sind ebenso Athleten wie die beteiligten Kicker und zeigen nicht weniger beeindruckende Leistungen. Sie rennen auf dem Platz im Schnitt genauso viel wie die Spieler und sie sollen zudem blitzschnell und vor allem immer richtig entscheiden. Allerdings werden Schiedsrichter so gut wie nie gelobt, sondern im Gegenteil oft heftig attackiert und beschimpft (aktuelle Berichterstattung der letzten Monate). Viel zu häufig gehört es leider zur Profession eines Schiedsrichters, dass es nach einem ganz normalen „Foul“ im Mittelfeld zu ungeahnten Reaktionen auf und neben dem Platz kommt. Ein Beispiel: Für den Schiedsrichter ist es nicht eindeutig erkennbar, ob der gefoulte Spieler auf Höhe des Mittelkreises wirklich Kontakt mit dem Gegenspieler hatte oder sich nur hat fallen lassen. Kniffelig. Dennoch geht der Coach der einen Mannschaft hoch wie eine Rakete. Jeder Außenstehende fragt sich in solchen Situationen: „Müsste da nicht von der Trainerbank ein beruhigendes Wort kommen, denn schließlich geht es nur um einen Freistoß an der Mittellinie?“ Eine mehr oder weniger eindeutige Antwort zu dieser Problematik möchte ich in dem nun folgenden Beitrag zur Tatsachenentscheidung von Schiedsrichtern näher erläutern.
Zum Thema: Wahrnehmungs- und Entscheidungsverhalten von Schiedsrichtern im Fussball
Fast alle wettkampforientierten Sportarten leben von Entscheidungen der Schiedsrichter, wobei die erbrachten Leistungen in manchen Sportarten alleinig durch menschliche Urteile bestimmt werden. Diese mitprägende Rolle der Spielleitenden wurde in den vergangenen Jahren auch in der Forschung anerkannt, weshalb sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung von Schiedsrichterentscheidungen zu einem wachsenden Feld in der Sportwissenschaft entwickelt hat (siehe bspw. MacMahon et al., 2014). Im Fußball treffen Schiedsrichter durchschnittlich 200 Entscheidungen pro Spiel. Obgleich sie in der Mehrheit richtige Entscheidungen treffen, sind bis zu 20% der pro Spiel getroffenen Entscheidungen wissenschaftlichen Studien zufolge falsch (Helsen et al., 2006). Schiedsrichter sind gleichzeitig sehr daran interessiert, die Qualität ihrer Entscheidungen zu verbessern, wenn man die oftmals spielentscheidenden Konsequenzen von Schiedsrichterentscheidungen bedenkt. Sehen wir uns die Situation der Schiedsrichter im Fussball näher an:
Stehen bei Spielen in unteren Klassen keine neutralen Gespanne zur Verfügung, so sind die Assistenten von den beteiligten Vereinen zu stellen. Die Aufgaben dieser Assistenten sind stark eingeschränkt. Normalerweise zeigen sie dem Schiedsrichter nur an, ob der Ball die Seitenlinie überschritten hat. Hieraus folgt, dass der Schiedsrichter bezüglich der Frage „Aus“ oder „Nicht-Aus“ die Entscheidungen dieser Assistenten übernehmen soll. Es bleibt jedoch grundsätzlich seine Entscheidung, „welche Mannschaft das Spiel fortsetzt“ bzw. ob das Spiel mit Abstoß oder Eckstoß fortgesetzt wird. Das bedeutet für den Unparteiischen, dass gute, sinnvolle Laufwege und die passenden Positionen zum Spielgeschehen für sichere, korrekte Entscheidungen in solchen Situationen unerlässlich sind. Oft genug muss sich der Schiedsrichter von den Spielern, Funktionären oder Zuschauern Kritik anhören, dass er nicht einmal die Spielfortsetzung nach einem Ausball richtig erkennen kann. Besser hat es da der Schiedsrichter, der im sogenannten „Gespann“ unterwegs ist. Er kann sich in den höheren Spielklassen auf sein „Team/Technik“ verlassen. Gemäß einem einflussreichen Forschungsansatz von Kahnemann & Tversky, treffen Menschen sehr häufig Entscheidungen unter erschwerten Bedingungen. Ihnen stehen entweder nicht alle relevanten Informationen zur Verfügung oder es fehlt die Zeit, sie gebührend zu berücksichtigen. Allerdings lassen sich selbst unter suboptimalen Bedingungen oft noch recht gute Entscheidungen treffen, indem man schnelle und vereinfachende Strategien anwendet, so genannte Heuristiken. Sie bergen andererseits die Gefahr systematischer Urteilsverzerrungen, die als Bias (englisch für „Vorurteil, Schräglage“) bezeichnet werden. Die meisten Verzerrungen entstehen, wenn Menschen bei ihren Entscheidungen Informationen heranziehen, die eigentlich irrelevant sind. Oft sind sie sich dabei gar nicht bewusst, dass solche Nebensächlichkeiten ihr Verhalten beeinflussen. Auch viele Fehler von Schiedsrichtern fallen in diese Kategorie. Wovon hängt es ab, ob der Unparteiische nach einem Foul die gelbe Karte zückt oder nur auf Freistoß entscheidet? In erster Linie wohl davon, was das Regelwerk vorschreibt, also etwa von der Schwere des Fouls: je gravierender eine Attacke, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer gelben Karte. Bei einem klaren Regelverstoß liegt das auf der Hand. Was aber, wenn das Vergehen nicht so eindeutig ist? In solchen Situationen spielt eine Reihe weiterer Faktoren hinein. Studien zufolge wird eine gelbe Karte zum Beispiel umso eher gezeigt, je lauter das Publikum sie fordert. Der so genannte Crowd-Noise-Effekt (2014) bezeichnet das Phänomen, dass Schiedsrichter ein- und denselben Vorfall unterschiedlich bewerten, je nachdem, welcher Lärmpegel im Stadion herrscht.
Tatsachenentscheidung
Vielleicht ist es mir möglich, etwas Aufklärungsarbeit darüber zu leisten, was letztendlich der Begriff der „Tatsachenentscheidung“ bedeutet. Laut Regelwerk gibt es bei einem Fußballspiel nur richtige Entscheidungen oder Regelverstöße durch den Schiedsrichter. Dabei liegt der Gedankenfehler oftmals in einem weitestgehend unbekannten Detail. Die Entscheidungsfindung eines Fußballschiedsrichters ist ein Prozess, bei dem der letztendlichen Entscheidung einige Dinge vorgelagert sind. Wie die „Fehlentscheidung”. Dazu sollten Sie wissen, dass eine Entscheidung eines Schiedsrichters immer nach folgendem Schema abläuft:
Wahrnehmung einer Situation
Beurteilung einer Situation und Feststellung einer Tatsache
Entscheidung und Regelanwendung
Regelumsetzung
1. Wahrnehmung einer Situation
Grundvoraussetzung für jede Schiedsrichterentscheidung ist, dass er eine Situation überhaupt wahrnimmt. Das ist nachvollziehbar, wird aber gern von Zuschauern und Beteiligten vergessen. Die Komplexität des Fußballspiels und das eingeschränkte Blickfeld des Schiedsrichters schließen es aus, dass dieser jede Situation auf dem Spielfeld wahrnehmen kann. Zusätzlich darf der Schiedsrichter auch keine Vermutungen über einen Vorgang anstellen, auch wenn diese noch so offensichtlich erscheinen. Damit liegt aber in diesem Fall keine Fehlentscheidung vor, sondern ein vom Regelwerk vorgegebenes Kriterium zur Entscheidungsfindung.
2. Beurteilung einer Situation und Bewertung
Nachdem der Schiedsrichter eine Situation wahrgenommen hat, muss er sie beurteilen. Dabei darf er aber auch nur das beurteilen, was er selbst oder seine Assistenten wahrgenommen haben. Herausforderung dabei ist, dass eine Situation aus unterschiedlichen Perspektiven völlig anders aussehen kann. Die Wahrnehmung eines Menschen ist immer subjektiv. Damit kann aber auch niemals eine Entscheidung falsch sein, die auf der Grundlage dieser Wahrnehmung getroffen wird. Mit der Beurteilung der Wahrnehmung wird diese nach Regeldefinition zu einer Tatsache.
3. Entscheidung und Regelanwendung
Auf der Basis dieser Tatsache trifft der Schiedsrichter nun eine Entscheidung. Umgangssprachlich wird an dieser Stelle oft von der Tatsachenentscheidung gesprochen, ohne sich dabei der wirklichen Hintergründe bewusst zu sein. Wenn nun die Ableitung aus den festgestellten Tatsachen korrekt ist und die Fussballregeln richtig angewendet werden, kommt der Schiedsrichter immer zu einer korrekten Entscheidung. Dem Regelgeber sind die Unzulänglichkeiten einer auf subjektiver Wahrnehmung beruhenden Tatsache durchaus bewusst, jedoch ist dies die einzig sinnvolle Konsequenz.
4. Regelumsetzung
Nachdem die Tatsache festgestellt ist und eine Entscheidung getroffen wurde, sprechen wir von einer Tatsachenentscheidung. Dies bedeutet entweder Weiterspielen oder Spielunterbrechung inklusive der Festlegung einer Spielfortsetzung (z.B. Freistoß), eines Ortes für die Spielfortsetzung und ggf. einer persönlichen Disziplinarstrafe für einen oder mehrere Spieler. Doch was ist dann ein Regelverstoß?
Der Regelverstoß durch den Schiedsrichter
Regelverstöße durch einen Schiedsrichter sind extrem selten und werden – gerade im Amateurfußball – oftmals auch nur von anderen Schiedsrichtern bemerkt. Ein Regelverstoß durch den Schiedsrichter liegt immer dann vor, wenn auf die festgestellte Tatsache eine falsche Regelableitung und/oder eine falsche Regelanwendung folgen. Damit wird bereits die Schwierigkeit des Nachweises eines Regelverstoßes deutlich. Beispiel: Foulspiel im Strafraum nicht gesehen: Kein Regelverstoß, weil dies nicht wahrgenommen wurde. Beispiele bei denen der Schiedsrichter einen Regelverstoß begeht:
Er lässt einen des Feldes verwiesenen Spieler wissentlich weiter am Spiel teilnehmen.
Obwohl der Ball an der Mittellinie ins Seitenaus geht, entscheidet er ohne einen anderen Grund auf Strafstoß anstatt auf Einwurf.
Beispiele für Regelverstöße, die der Schiedsrichter nicht zu verantworten hat:
Er lässt einen Spieler wissentlich am Spiel teilnehmen, obwohl dieser nicht spielberechtigt ist: Der Schiedsrichter darf keinen vom Spiel ausschließen. Für den Einsatz der Spieler sind ausschließlich die Mannschaften verantwortlich. Der Schiedsrichter vermerkt den Regelverstoß lediglich im Spielbericht.
Es wird ohne Tornetze gespielt: Ein Kuriosum. Das Regelwerk des IFAB hat tatsächlich noch nie Tornetze vorgeschrieben. Lediglich in den Durchführungsbestimmungen der Fußballverbände wird vorgeschrieben, für welche Spiele Tornetze zwingend erforderlich sind.
Die Entscheidung eines Schiedsrichters ist erst dann endgültig, wenn das Spiel nach dieser Entscheidung fortgesetzt wurde.
Zunächst einmal muss man anerkennen, dass Schiedsrichter Großartiges leisten. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, was ihnen die Leitung eines Fußballspiels körperlich und geistig abverlangt! Auch fallen die belegten Urteilsverzerrungen oft schwach aus. Phänomene wie der Crowd-Noise-Effekt tragen zum Heimvorteil bei, sind aber vermutlich nicht allein dafür verantwortlich. Um ein Foulspiel zu pfeifen, bedarf es einer Vielzahl von Informationen, die noch dazu sehr schnell abgewogen werden müssen. Genau das sind zwei wichtige Charakteristika intuitiver Entscheidungen. Typisch für sie ist, dass man plötzlich zu einem Schluss kommt, ohne diesen näher begründen zu können. Derartige Eingebungen lassen sich durch Feedback über zuvor getroffene Entscheidungen, zum Beispiel dank des Videoassistenten oder einen direkten Kommunikationsweg zu den Assistenten an den Seitenlinien (wer dazu Fragen hat, kann mich gern kontaktieren), verbessern.
1. Helsen, W., Gillis, B. & Weston, M. (2006): Errors in judging “offside” in football: Test of the optical error versus the perceptual flash-lag hypothesis. Journal of sports sciences, 24, 512-528.
2. Lex, H., Kurtes, M., Pizzeria, A., Schack, T (2014): Zum Einfluss eines Spielerschreis auf Schiedsrichterentscheidungen im Fußball
3. MacMahon, C., Helsen, W. F., Starkes, J. L. &Weston, M. (2007). Decision-making skills and deliberate practice in elite association football referees. Journal of Sports Sciences, 25, 65-78. doi: 10.1080/02640410600718640
4. Spitz et al.(2018): The impact of video speed on the decision-making process of sports officials Cognitive Research: Principles and Implications. DOI: 10.1186/s41235-018-0105-8
Tversky, A. & Kahneman, D. (1973): Availability: A heuristic for judging frequency and probability. Cognitive Psychology, 5, 207-232.
Tversky, A. & Kahneman, D. (1974): Judgment under uncertainty: Heuristics and biases. Science, 185, 1124-1131.
Schnyder, U. & Hossner, E.-J. (2016): Psychological issues in football officiating: An interview study with top-level referees. Current Issues in Sport Science, 1:004. doi: 10.15203/CISS_2016.004