Mario Schuster: Das Tabu-Thema sexuelle Gewalt im Sport

Gewalt im Sport ist schon seit langem ein Thema, mit welchem sich die Sportpsychologie und Gewaltschutzeinrichtungen beschäftigen. Vor allem bei Fanausschreitung und folgenden Gewaltszenen fragen so manche Medien um die Meinung von SportpsychologInnen. Diese Bilder der Gewalt sind häufig offensichtlich. Doch was ist mit der unsichtbaren Gewalt bzw. der Form von Gewalt, welche hinter verschlossenen Türen stattfindet? Denn sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt sind auch im Spitzensport traurige Realität.

Zum Thema: Gewalt im Sport

Gewalt im Sport ist keine Seltenheit. Meistens ist sie offensichtlich. Zumindest wird über die offensichtliche Gewalt gesprochen. Vor allem dann, wenn diese vom Kollektiv, wie zum Beispiel bei Hooligans ausgeht. Doch auch neben gewaltvollen Fanausschreitungen sind andere Formen der Gewalt im Sport keine Seltenheit. Medial wiederkehrende Gewalt ist im Sport auch in folgenden Bereichen zu erkennen:

  • Boxen/Martial Arts (reglementierte Gewalt)
  • Hooligans und Kämpfe zwischen rivalisierenden Gruppen
  • Bengalische Feuer
  • Körperliche Attacken zwischen Spielern
  • Spruchbänder und diskriminierende Transparente von Fans

Erinnern wir uns aus österreichischer Sicht nur einmal zehn Jahre zurück: Während der Vorbereitungen für die Heimfußball-Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz war die kollektive Fangewalt ein großes Thema. So auch beim berüchtigten “Judaschitz-Transparent” während eines Vorbereitungsspiels. Anschließend rückten österreichische Top-Sportpsychologen aus, um dem damaligen österreichischen Fußball-Hoffnungsträger Andreas Ivanschitz beste Unterstützung zu geben.

Hinter verschlossenen Türen

Doch was ist mit der subtilen Gewalt und den Übergriffen, welche hinter verschlossenen Türen (mehr zum Thema: Mental-Blog.com von Mario Schuster) stattfinden? Darüber wird kaum gesprochen. Und wenn sich das minderjährige Opfer nach Jahren sexuellen Missbrauchs durch eine/n TrainerIn des Vertrauens  an eine andere Vertrauensperson wendet, wird das Opfer nicht immer gehört. Bagatellisierungen oder die Anschuldigung der Lüge sind keine Seltenheit. Denn immerhin ist dieses Thema nachwievor ein Tabu-Thema. “Darüber spricht man nicht“, lautet die Devise einzelner Personen. Die Konsequenz daraus ist, dass sich ein Opfer sexuellen Missbrauchs im Sport im Durchschnitt an ca. 7-8 Personen (Quelle: Fachberatungsstelle “Die MÖWE”) wenden muss, bis dem Opfer Glauben geschenkt wird und erste Maßnahmen zur Beendigung des Martyriums gesetzt werden.

Die Dunkelziffer sexuellen Missbrauchs sowie sexueller Übergriffe im Sport sind hoch. Zumindest höher als erwartet. Es liegen nur wenige Studien vor, welche sich mit der Prävalenz zu sexuellen Übergriffen im Sport beschäftigt haben.

Die SAFE SPORT-Studie

Erst vor wenigen Jahren (Laufzeit: 01.10.2014 – 30.09.2017) wurden systematisch Daten zum Thema sexualisierte Gewalt und Übergriffe im Sport erhoben. Dazu wurden im Rahmen des Forschungsprojekts SAFE SPORT von der Sporthochschule Köln n=1799 deutsche KaderathletInnen aus 128 Sportarten anonymisiert befragt.

Die erhobenen Daten wurden folgend ausgewertet und sehr differenziert analysiert. Eine Zusammenfassung der (Zwischen-)Ergebnisse des Forschungsprojekts ist auch in der Broschüre “Safe Sport: Schutz von Kindern und Jugendlichen im organisierten Sport in Deutschland” nachzulesen.

Keine tragischen Einzelfälle

Gleich vorweg, die Ergebnisse zeigen eines deutlich: Bei den Fällen von sexueller Belästigung im Spitzensport bis zu langjährigem sexuellen Missbrauch minderjähriger AthletInnen handelt es sich nicht um tragische Einzelfälle, sondern es zeigt sich, dass hier ein strukturelles und kulturelles Problem im deutschen (und auch für Österreich ist dies naheliegend) Sport besteht. Diese Fälle werden auch durch eine Vielzahl an strukturellen Bedingungen und Besonderheiten im Spitzensport begünstigt. Potentielle und auch aktive Täter haben folgend auch mit weniger Widerständen zu rechnen.

Ein wesentlicher Kritikpunkt hierbei ist, dass eine Kultur des Verleugnens, Tabuisierens oder Bagatellisierens dazu führt, dass über das Thema nicht gesprochen wird und Opfer sogar als “Täter” dargestellt werden (Opfer-Täter- Umkehr). Vielmehr zeigt sich, dass eine Kultur des Hinsehens und der Beteiligung zu einer signifikanten Reduktion sexueller Übergriffe im Sport führt. Aus diesem Grund ist ein Wertewandel im Sport zugunsten des Opferschutzes nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig.

Die nationale Drehscheibe: 100% Sport

Demgegenüber hat die Kampagne “Prävention sexueller Übergriffe und Gewalt im Sport” (Abkürzung: PSG) ihren Ursprung bereits deutlich vor dem Weinstein-Skandal. Genau genommen hat die in Österreich angelaufene Kampagne gegen sexuelle Übergriffe im Sport ihren Ursprung in der EU-Strategie “Gender Equality in Sport 2014-2020”. Daraus ist auch der Verein 100% Sport entstanden, welcher auch als nationale Drehscheibe in Genderfragen im Sport sowie zur Prävention sexueller Übergriffe und Gewalt im Sport fungiert.

Seit der Gründung ist einiges passiert. So hat eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe Unterlagen, Materialien und Broschüren zu diesem Thema unter dem Namen “Für Respekt und Sicherheit” veröffentlicht. Zudem wurden Mitte Juni 2017 in Wien die ersten Referenten (zu denen ich ebenfalls zähle, zum Profil auf die-sporpsychologen) im deutschsprachigen Raum zum Thema PSG von zwei internationalen Expertinnen ausgebildet. Weitere ReferentInnen und MultiplikatorInnen werden laufend ausgebildet. Ein strukturelles Ziel ist es auch, in allen 67 Bundessportverbänden in Österreich sogenannte MultiplikatorInnen (Gewaltschutzbeauftragte) auszubilden und zu installieren.

Was hat die Kampagne “Für Respekt und Sicherheit” mit #metoo zu tun?

Genau genommen gar nichts: Zwar wird die Vielzahl der medialen Veröffentlichungen im Herbst/Winter 2017 zu sexuellen Übergriffen im Sport von den Medien häufig mit #metoo in Verbindung gebracht wordem, doch streng genommen, haben sich diese beiden Bewegungen unabhängig voneinander entwickelt. Dass beide Kampagnen relativ zeitgleich starteten ist mehr eine Auswirkung des Zeitgeistes, als der einer präzise-abgestimmten Doppelkampagne.

Die #metoo-Bewegung, so sei gesagt, hat ihre Verbreitung erst im Oktober 2017 durch den “Weinstein-Skandal” erfahren. Im Sinne der Vollständigkeit: Der Hashtag #MeToo wurde bereits von der Aktivistin Tarana Burke im Jahr 2006 auf MySpace verwendet.

Eine nationale Initiative

Zudem hat die BSO (Bundessportorganisation) im Jänner 2018 einen nationalen 5-Punkte-Maßnahmenplan zur Prävention sexueller Übergriffe im Sport erstellt:

  1. Schulung von 100 ReferentInnen bzw. MultiplikatorInnen (Schnittstellen/Ansprechpersonen, welche in den Bundesverbänden installiert werden sollen)
  2. 67 verpflichtende Infotermine in den Bundesverbänden bis Mitte 2018
  3. Empfehlung Strafregisterbescheinigung und Ehrenkodex
  4. Fortbildungsprogramm zum Thema PSG
  5. Vernetzung mit externen ExpertInnen zu Opferschutz

Darüber hinaus wurde ein Maßnahmenplan mit folgenden Eckpunkten aufgesetzt:

(a) Kinderschutzregeln für den Sport bzw. einem Verhaltensleitfaden
(b) offizielle Kooperation mit der Fachberatungsstelle „die möwe“
(c) Absichtserklärung, Ausmaß und Formen sexueller Übergriffe im österreichischen Sport zu evaluieren

Eine Finanzierung wurde seitens des Sportministeriums erfreulicherweise zugesichert. Vielleicht kommt nun tatsächlich der österreichische Ableger der SAFE SPORT-Studie zu Stande. Denn dies ist wichtig, um Fakten zu schaffen, welche zeigen, dass es sich bei sexuellen Übergriffen im Sport nicht nur um Einzelfälle handelt. Denn eines steht jetzt schon fest: Handlungsbedarf für präventive Maßnahmen ist gegeben.

Mario Schuster

Mehr zum Thema:

Offizielle Materialien der Arbeitsgruppe zur Prävention sexualisierter Gewalt und Missbrauch im Sport findest du –> HIER Diese Initiative läuft unter dem Titel „Für Respekt und Sicherheit“

 

Verwendete Literatur

Begriff #metoo (2018). Abgerufen am 2. März 2018 unter https://de.wikipedia.org/wiki/MeToo

Rulofs, B., Hartmann-Tews, I., Bartsch, F., Breuer, C., Feiler, S., Ohlert, J., Rau, T., Schröer, M., Seidler, C., Wagner, I. & Allroggen, M. (2016). Safe Sport. Schutz von Kindern und Jugendlichen im organisierten Sport in Deutschland. Sporthochschule Köln.

Schuster, M. (2018). Hinter verschlossenen Türen: Sexuelle Übergriffe und Gewalt im Sport! Blogbeitrag abgerufen am 30. April 2018 unter http://www.mental-blog.com/MentalBlog_Synergy/uebergriffe-macht-gewalt-missbrauch-sport/

 

 

 

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