Martin Wenzel: Ich erwarte kontroverse Diskussionen und interessante Sichtweisen statt monotonem Folienablesen in Frontalunterrichtsmanier

Am 28. und 29. September 2019 veranstalten Die Sportpsychologen mit dem Roten Stern Leipzig und Unterstützung des Sächsischen Fußballverbandes das Event “Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp” (Link zur Veranstaltung). Wir haben mit Martin Wenzel, einem der Nachwuchstrainer des RSL über seine Erwartungen, die tatsächlichen psychologischen Herausforderungen eines Nachwuchscoaches und seinen besonderen Verein gesprochen.

Martin Wenzel, wann warst du zuletzt als Nachwuchstrainer “Küchenpsychologe” oder “Hobbypsychologe”?

Immer dann, wenn mein Trainerkollege und ich es geschafft haben, unsere Teams gut auf ein Spiel einzustellen, ihnen Erwartungsdruck abnehmen und eine machbare Marschrichtung für die nächste Halbzeit aufzeigen konnten. Ihnen im Training Hürden in den Weg gestellt haben, die sie mit Einsatzwille überwinden konnten. Wenn wir mit ihnen Siege gefeiert und Niederlagen gemeinsam betrauert haben, dann waren da auch immer psychologische Aspekte mit von der Partie.

In welchen Bereichen haben Nachwuchstrainer in ihrem Alltag Berührungspunkte zu sportpsychologischen Themen?

Eigentlich permanent. Das Traineramt wird zu einem großen Teil durch die Arbeit mit Menschen ausgefüllt. Das sind im Nachwuchsbereich die Kinder und Jugendlichen, deren Eltern, TrainerInnen anderer Teams, Vereinsfunktionäre usw. In einer solchen zwischenmenschlichen Gemengelage sollte ein Trainer Geschick darin beweisen, das Erleben und Verhalten seiner Schützlinge so zu erkennen und zu steuern, dass sich deren individuelle Potentiale ausprägen und stabile und widerstandsfähige Persönlichkeiten entwickeln können. Die Anerkennung der Psyche als Hauptantriebsfeder hilft da ungemein. Leider hat die Psychologie innerhalb und außerhalb des Sports aber immer noch einen eher pathologischen Beigeschmack im Sinne von Krankheit, Störung oder einfach von Schwäche. Das halte ich für eine ungünstige Einstellung für die Arbeit mit Menschen. Wir sollten daran arbeiten, das zu korrigieren.

Welchen konkreten Input erwartest du dir vom Barcamp von Die Sportpsychologen (Zur Veranstaltung: Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp)?

Ich erwarte mir, dass viele Teilnehmer klüger aus dem Barcamp herausgehen als sie reingegangen sind. Ich erwarte mir kontroverse Diskussionen und interessante Sichtweisen statt monotonem Folienablesen in Frontalunterrichtsmanier. Ich erwarte mir, dass alte Hüte am Eingang eingetauscht werden gegen die Bereitschaft sich weiterzuentwickeln.

Warum lohnt sich die Teilnahme am Barcamp auch für Trainer und Trainerinnen aus anderen Sportarten?

Weil die Themen, die uns interessieren genau genommen nicht fußballspezifisch sind. Führung, Motivation, Mentalität, Kognition, Wettkampfangst, … alles Aspekte, die in Mannschaftssportarten wie Handball, Basketball oder Floorball genauso wichtig sind wie in Einzelsportarten. Der RSL ist ein Breitensportverein mit über 15 Sparten. Der Fußball war und ist das Flaggschiff in der Sternenflotte, aber viele andere Sportarten sind längst in den Verbandsligen vertreten und werden hoffentlich weiter aufholen.

Erklär mal bitte, gerade für die weiter gereisten Gäste des Barcamps, weshalb der Rote Stern Leipzig alles aber kein furchtbar normaler Sportverein ist!  

Ich weiß jetzt nicht genau, was ihr unter einem normalem Sportverein versteht? Gibt es so etwas? Was den RSL vielleicht von anderen Vereinen unterscheidet, ist dass der Stern seine gesellschaftliche Verantwortung neben dem Sport nicht als Last empfindet sondern gerne auch bei Gegenwind hochhält. Der Meinung, dass Politik im Sport nichts zu suchen hat, hält er entgegen, dass alles was öffentlich geschieht immer auch politisch ist. Wer daran zweifelt, dass der Stern bei vielen damit einen Nerv trifft, möge sich die Entwicklung der Mitgliederzahlen in der Vereinsgeschichte anschauen. Der Sport bringt zusammen, ein gemeinsames Verständnis aber vereint.

Zur Anmeldung und weitere Infos zu “Die rote Couch – Das Sportpsychologie Barcamp”:

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