Mario Schuster: Kooperationskompetenz – Was Trainer von der Arbeit der SportpsychologInnen wissen sollten

Was machen Sportpsychologen? Hat die Sportpsychologie eine Feuerwehrfunktion oder sind sie reine Beobachter? Oder sind es nur die “Sportpatienten”, welche zum Sportpsychologen gehen? Nun sollten wir annehmen dürfen, dass diese mythischen Annahmen schon längst überholt sind. Denkste! Nach wie vor begegne ich vereinzelt Trainern und Trainerinnen sowie Athleten und Athletinnen, welche eine tendenziell einseitige Sichtweise über die Möglichkeiten der Sportpsychologie haben. Weiterer Aufklärungsbedarf: Erforderlich!

Zum Thema: Interesse, Missverständnisse und viele Mythen – Die Sportpsychologie und ihre ganz praktischen Probleme

Meine Zwischenbilanz zur Sportpsychologie: Mittlerweile bin ich kein Neuling mehr in der Sportpsychologie. 2014 habe ich noch mein Praktikum als Mentaltrainer im Rahmen meiner Ausbildung beim Center of Mental Excellence absolviert. Seitdem darf ich auch auf eine mehrjährige Erfahrung als Mentaltrainer im Sport bzw. als Sportpsychologe zurückblicken. In dieser Zeit durfte ich in mehreren Sportarten mit jugendlichen und erwachsenen AthletInnen sowie verschiedenen TrainerInnen unterschiedlicher Leistungsklassen, Vereinen und Verbänden zusammenarbeiten. Auch Funktionäre und Funktionärinnen stehen auf meiner Gesprächsliste (zur Profilseite von Mario Schuster).

Seitdem habe ich eine Vielzahl an AthletInnen sportpsychologisch trainiert sowie auch mehrere Coaches beraten. Daraus ergab sich in den meisten Fällen eine sehr gute Zusammenarbeit, bei welchem mir ein Trainer später auch mitgeteilt hat, dass dies für ihn der “Sprung ins kalte Wasser” gewesen sei. Er berichtete mir auch, dass er erleichtert war, es nicht so schlimm sei mit einem Sportpsychologen zusammenzuarbeiten und er auch nicht “durchleuchtet” wurde – wie anfangs befürchtet. Somit hat sich bei diesem Trainer positiverweise eine Befürchtung bzw. Glaubenssatz aus eigener Erfahrung per se aufgelöst. Jedoch war nicht jede Zusammenarbeit von der Genialität der konstruktiven Kooperation und sportpsychologischer Aufgeklärtheit geprägt.

Mythen erschweren die Zusammenarbeit

Wir schreiben das Jahr 2018. Nach wie vor zeigt sich in der Praxis, dass das Tätigkeitsfeld und die weitreichenden Möglichkeiten der Sportpsychologie noch nicht in allen Sportköpfen angekommen sind. So habe ich manchmal den Eindruck, dass einzelne TrainerInnen nicht wissen, was ein Sportpsychologe alles bewirken kann. Dabei spreche ich nicht vom kurzfristigen Sieg der Champions League oder vom Blitzaufstieg, sondern vielmehr von den kleinen, aber entscheidenden Details im täglichen Trainings- und Wettkampfprozess.

Mein Highlight war, als mir ein Trainer im Rahmen einer Sportveranstaltung erklärte: “Am besten motivierst du die Athleten mit: Gib Gas du Hund!” (in großer Lautstärke). Unabhängig davon war dieser Verbandstrainer durchaus interessiert an den Möglichkeiten durch Sportpsychologie seine Athleten “besser zu machen”, jedoch waren das grundlegende Verständnis dafür ganz am Anfang. Also ein Grund mehr weiterhin gemeinsame Aufklärungsarbeit mit meinen KollegInnen aus der Sportpsychologie zu leisten.

Auch TrainerInnen brauchen die Kompetenz zur Zusammenarbeit

Im Rahmen meiner Ausbildung zum Mentalcoach 2014 hatte ich eine Vielzahl kompetenter Referenten. Dazu zählten erfahrene SportpsychologInnen, MentaltrainerInnen aus dem Leistungssport sowie aktive Trainer aus dem Spitzensport. Dabei hatten die verschiedenen Referenten auch unterschiedliche Antworten zu denselben Fragestellungen (z.B. “Darf der Sportpsychologe in die Spielerkabine um eine Ansprache zu halten?“) parat. So konnte mir keiner endgültig sagen, was ein Sportpsychologe in der Praxis nun darf oder niemals darf. Meine Conclusio, welche ich folgend in der Praxis erkannt habe lautet: ES KOMMT DARAUF AN, WAS MIT DEM TRAINER VEREINBART WURDE. Das heißt an dieser Stelle gehört einfach viel und effektiv kommuniziert. Klarheit vor Dogmen!

Der Kampf gegen Windmühlen: Doch wo liegt nun die Verantwortung der TrainerInnen? Ein Trainer, vor allem im Spitzensport, sollte in der Lage sein mit seinem Betreuerstab konstruktiv zusammenzuarbeiten und die vorhandenen Ressourcen optimal einzusetzen. So nützt es zum Beispiel nichts, wenn ein Sportpsychologe zwar einen Wettkampf oder ein Training beobachtet, aber der Trainer nach dem Spiel “zu müde” ist, um sich nach dem Wettkampf oder Training zusammenzusetzen um eine Coach The Coach- Sitzung abzuhalten. Dieses Setting gehört vorab geklärt und auch entsprechend umgesetzt. Denn auch der beste Sportpsychologe nützt nichts, wenn er ausschließlich in die Beobachterrolle gedrängt wird, aber nicht in den Trainings-, und Wettkampfprozess integriert wird. Und das gehört seriös kommuniziert und vereinbart. Doch wie weit geht die Bringschuld der Sportpsychologie und wo beginnt die Holschuld (bzw. der Kompetenz mit Expertinnen und Experten zusammenzuarbeiten) der TrainerInnen?

Welche Kompetenzen benötigen nun TrainerInnen?

Am besten ich fasse jene Kompetenzen, welche TrainerInnen benötigen um mit SportpsychologInnen, aber auch mit ExpertInnen anderer Berufsfelder (z.B. Diätologie, Physiotherapie oder der Sportwissenschaft) zusammenzuarbeiten unter dem Begriff “Kooperationskompetenz” zusammen. Dazu zähle ich beispielsweise:

  • Kommunikationsfähigkeit
  • Teamfähigkeit
  • Steuerung von Informationsflüssen
  • Sportpsychologische Grundkenntnisse
  • Kenntnisse über mentale Tools
  • Kenntnisse über sportpsychologische Arbeitsprozesse
  • Kenntnisse über unterschiedliche sportpsychologische Settings
  • Managementfähigkeiten

Wie sollen diese Kompetenzen erworben werden?

Zum einen ist es eine Frage der Persönlichkeit und der bereits erworbenen Kenntnisse des Trainers, über obige Kompetenzen zu verfügen. Sollte er diese noch nicht besitzen, so sollte er sich diese eigenverantwortlich aneignen. Nun ist es ja auch eine mögliche Aufgabe der Sportpsychologe, Trainer im Rahmen von Coach The Coach- Programmen in der Entwicklung von Kooperationskompetenzen zu unterstützen. Ironischerweise kann es gerade in diesen Fällen vorkommen, dass die Sportpsychologe dabei nicht in Anspruch genommen wird.

Dahingehend können auch wir Sportpsychologinnen und Sportpsychologen unseren Beitrag zur Kompetenzentwicklung der TrainerInnen und FunktionärInnen beitragen: Diese Thematik sollte auch in jede TrainerInnen- Ausbildung (im Optimalfall bereits in die Übungsleiterausbildung) mit hineingenommen werden. Darin soll es nicht nur um spektakuläre Fallbeispiele, die Anzahl betreuter MedaillienathletInnen oder sportpsychologische Trainingsmethoden gehen. Es soll auch darum gehen, was ein Sportpsychologe alles kann und auch, wo er sich systemisch bewegt, welche Rollen er/sie einnehmen kann UND auch, wofür er nicht zuständig ist. Ergänzend dazu sollten Trainer auch über die Arbeitsweise von Sportpsychologen informiert werden, und auch darin trainiert werden, wie man Sportpsychologen optimal im Verband, Verein oder im Team in relevante Trainings- und Wettkampfprozesse einbindet. Das Setting muss nämlich für alle Beteiligten klar sein und auch entsprechend umgesetzt werden.

Eure Erfahrungen mit “Windmühlen”?

Der Sinn des Artikels soll es sein, sowohl TrainerInnen sowie meine KollegInnen aus der Sportpsychologie zu dieser Thematik zu sensibilisieren um die Prozessqualität sportpsychologischer Tätigkeit zu steigern. Dahingehend bietet sich das Kommentarfeld hervorragend an, um sich über eigene Erfahrungen im “Kampf gegen Windmühlen” und Lösungsansätzen in der Praxis auszutauschen und zu diskutieren. Ich freue mich auf euer Feedback!

Oder lasst uns bei Facebook diskutieren: https://www.facebook.com/diesportpsychologen/

 

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