Thorsten Loch: Was alle (!) von Usain Bolt lernen können

Triple-Triple. Zum dritten Mal in Folge gewann Usain Bolt alle drei olympischen Goldmedaillen auf den Sprintstrecken 100 und 200 Meter sowie mit der 4×100 Meter-Staffel. Dass dieser Athleten über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt, steht nicht erst seit den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro außer Frage. Spannend aus sportpsychologischer Sicht ist jedoch, mit welcher Selbstverständlichkeit er seine Gold-Missionen angeht. Es hat den Anschein, dass der Superstar der Leichtathletik es nicht nur als seine Pflicht ansieht zu gewinnen, sondern auch, dass die Zuschauer auf ihre Kosten kommen. Seine Show hat aber womöglich auch einen ganz bestimmten Zweck.   

Zum Thema: Aktivierung und Leistung

Für Höchstleistung im Wettkampf ist die richtige Wettkampfspannung eine wichtige Voraussetzung. Daher ist im Sport neben dem Entspannen auch die systematische Anspannung oder Aktivierung bzw. der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung eine wichtige Fertigkeit. Im Vordergrund sollte jedoch nicht ausschließlich die körperliche Aktivierung stehen (Beckmann/Elbe, 2008). Dass die kognitive Bewertung einen enormen Stellenwert im Leistungssport einnimmt und ggf. über Sieg oder Niederlage entscheiden kann, musste der deutsche Sprinter Julian Reus am eigenen Leib erfahren. Mit dem Wissen um den neuen deutschen Rekord über diese Strecke, kam er jedoch nur nach enttäuschenden 10,34 Sekunden ins Ziel und schied damit bereits in der Vorrunde aus.

„Die Zeit war nicht gut. Ich kann nicht sagen, was ich falsch gemacht habe.“ Julian Reus

Umso beeindruckender die Leistung des Sprinters aus der Karibik. Der Umgang mit Störungen (siehe dazu auch Thorsten Loch: Julian Reus und das perfekte Rennen) oder Dingen abseits der eigentlichen Handlung (Laufen) scheinen ihn nicht in seiner Konzentration negativ zu beeinflussen, sondern eher zu beflügeln. Doch warum ist dies so? Eine mögliche Antwort darauf liefert Hain (2000).

Thorsten Loch: Julian Reus und das perfekte Rennen

Zone des individuell optimalen Funktionierens (IZOF)

Hain entwickelte ein Modell, nachdem jeder Sportler ein für sich optimales Aktivierungsniveau besitzt. Dass sich ein erhöhtes Aktivierungsniveau nicht zwangsläufig negativ auf die Leistungen auswirkt – wie nach dem Modell von Yerkes und Dodson (1908; vertiefend dazu siehe Stoll/Alfermann) – konnte Hain/Raglin (2000) belegen. In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass erfolgreiche Athleten vor dem Wettkampf ein Aktivierungsniveau angeben hatten, die näher an der IZOF (Individuelle Zone des optimalen Funktionierens) lagen als weniger erfolgreiche Athleten. Entscheidend ist vielmehr die kognitive Komponente, sprich die gedankliche Bewertung der Situation. An diesem Punkt ist der Übergang zur positiven Selbstgesprächsregulation fließend. Wahrgenommene körperliche Erregung unmittelbar vor dem Wettkampf kann als Nervosität gedeutet werden und erhält somit eine negative, verunsichernde Bewertung.

Anstelle von Verunsicherung kann die körperliche Erregung jedoch als Anzeichen für Bereitschaft gedeutet werden – Puni (1961) nennt dies in diesem Zusammenhang „kampfbereit“. Die Komponente der körperlichen Erregung wird in diesem Zusammenhang als Notwendigkeit für eine maximale Leistung angesehen. Die Kunst ist es, sein eigenes optimales Niveau zu finden. Trainer und Sportpsychologen können dabei helfen, dieses zu ermitteln und mit entsprechenden sportpsychologischen Trainingsverfahren in die richtigen Bahnen zu lenken. Bolt scheint seine IZOF bestens zu kennen und nutzt bewusst die Aufmerksamkeit der Zuschauer und deren Reaktionen auf sein Verhalten unmittelbar vor dem Start. Zeitgleich hat es den – aus seiner Sicht – positiven Effekt, dass sich möglicherweise seine Kontrahenten aus dem Konzept bringen lassen und ihre Zone verlassen. Wir können gespannt sein, wie es mit dieser außergewöhnlichen Karriere weitergeht – schließlich feierte der Jamaikaner am Abschlusstag der Spiele seinen 30 Geburtstag.

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