Johanna Constantini: Vom Be-greifen und Ver-stehen – Gedanken zur Sinnhaftigkeit des analogen Coachings

Wenn wir den Begrifflichkeiten, die wir täglich „in den Mund nehmen“ etwas mehr nachhören, merken wir schnell, wie sehr unsere Sprache an das aktive Tun gekoppelt ist. Vor allem, wenn es um Prozesse des Lernens geht, wird klar, dass stets der gesamte Körper lernt. Wir be-greifen, er-fassen, ver-stehen die Dinge, die an uns heran-getragen werden. So auch im Sport. Der Trainer ver-sucht Inhalte zu ver-mitteln und die Athleten wollen am liebsten jedes Detail er-fassen. Wie das am besten gelingt? Analog und unter Einbeziehung aller Sinnesmodalitäten. Heute leben wir jedoch in einer Lernzeit, die sehr gern auf digitale Hilfsmittel zurückgreift. Mithilfe des Tablets ist es schließlich einfach, sich Trainingstipps durchzulesen und anhand von Tracking Geräten erkennen, wie schnell unsere beste Zeit bei moderater Herzfrequenz ist, ohne unseren Puls fühlen zu müssen. Warum darf trotz der digitalen Unterstützung der analoge Ausgleich nicht verloren gehen?

Zum Thema: Umgang mit sozialen Medien in der modernen Sportpsychologie

Der Beitrag zum Hören: https://soundcloud.com/user-763521494/vombegreifenundverstehengedankenzursinnhaftigkeitdesanalogencoachings

Grundsätzlich macht es einen Unterschied, ob Informationen über einen Bildschirm oder über eine analoge Buchseite dargestellt werden. Der Unterschied liegt im sogenannten „Skimmen“ von Texten, wozu wir durch digitale Bildschirme eher verleitet werden. „Skimmen“ bedeutet so viel wie „überfliegen“ und nicht genau lesen. Wer seinen Athleten im Zuge der Trainingslehre also neue Informationen darbieten möchte, der sollte dies ohne die Hilfe von Bildschirmen tun. Papier hat erwiesenermaßen eine höhere Anziehungskraft und wird länger gelesen, nicht nur überflogen. (Varian, 2010) 

Anhand von Studien mit Kindern wurde zudem festgestellt, dass sich Kinder weit weniger des Gelesenen merken, wenn sie ihre Erkenntnisse von Bildschirmmedien gezogen haben. (Chiong, Ree, Takeuchi & Erickson, 2012) Also, was sollten sich die jungen Athleten gleich noch unbedingt merken? 😉

Mehr Infos zu Johanna Constantini: https://www.die-sportpsychologen.de/johannaconstantini/

Gefühle entwickeln lassen

Bleiben wir gleich bei den Kindern – die gibt es nämlich auch im Sport. Und Kinder lernen ebenso am besten, wenn sie alle Sinne in neue Erfahrungen einbeziehen können. Was unangenehm riecht, rühren sie nicht an, was bitter schmeckt, wird gemieden und das Laufen wird nur von Fall zu Fall verbessert. Genau dieses Fallen ist es, das doch später auch im Sport darüber entscheidet, wie und ob Athleten mit Niederlagen umgehen können. Wer immer nur dargeboten bekommt, wie alles von vorne herein funktioniert, ohne zu ver-suchen, zu er-proben und ab-zu-schätzen, der wird kaum beim eigenen Gefühl angelangen. Auch im Erwachsenenalter kann das Gefühl zu Lasten digitaler Einfachheit allzu schnell verloren gehen. Dieses Gefühl ist es, dass die wichtigste Fähigkeit des jungen wie älteren Athleten darstellt. Gefühl für die Situationen, für die Menge an Energie, die eingesetzt werden muss und für die Einschätzung der Konkurrenz.

Bei allen effizienten Erleichterungen, die uns digitale Trainingspartner auch in Zukunft bieten werden, ist es das Gefühl, das wir am Ende nicht abgeben dürfen. Nicht im Sport und nicht im Leben.

Sportpsychologie analog und zum Anfassen? Dann komm zum Barcamp:

Mehr Interesse am Thema? Johanna Constantini hat bereits zahlreiche Texte verfasst – hier eine kleine Übersicht:

Quellen:

Chiong, C., Ree, J., Takeuchi, L., Erickson, I (2012) Print books vs. E-books. Comparing parent child co-reading on print, basic, and enhanced e-book platforms. Joan Ganz Cooney Center, New York (www.joanganzcooneyecentr.org)
Spitzer, M. (2015) Cyberkrank: Wie das digitalsierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. München: Droemer Verlag
Varian, H. Newspaper economics. Online and offline 2010. http://googlepublicpolicy.blogspot.ca/2010/03/newspaper-economics-onlineand-offline.html

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