Christian Hoverath: Sexualisierte Gewalt – Antworten auf häufig gestellte Fragen

„Es wurden Kinderseelen zerstört“, so titelte die Süddeutsche Zeitung im Oktober über den Missbrauch im US-Turnen. Der Arzt der Turnerinnen, Larry Nassar, hatte über Jahrzehnte teils minderjährige Turnerinnen sexuell missbraucht. Im Zuge der Ermittlungen wurde auch der frühere Chef des Verbandes festgenommen, da er Beweise vernichtet haben soll. Weitere Beispiele über sexualisierte Gewalt im Sport finden sich für den englischen Fußball, den österreichischen Skisport oder den deutschen Reitsport. Sucht man weiter, findet man Ermittlungen gegen Trainer aus kleineren Vereinen oder auch in Elite-Internaten. Mitte November wurde ein Schwimmlehrer zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt.

Zum Thema: Zum Umgang mit sexualisierter Gewalt im Sport

Ich persönlich setze mich sehr für die Prävention sexualisierter Gewalt im Sport ein und habe in den vergangenen Monaten mit Trainern, Sportfunktionären, Physiotherapeuten und Vereinsvorständen verschiedenster Sportarten und Leistungsklassen zum Thema gearbeitet. Da bei meinen Vorträgen, Workshops und Beratungen einige Fragen wiederkehrend auf den Tisch kamen, möchte ich diese hier gern aufgreifen. Ich bin überzeugt, dass wir das Wissen aus diesem schwierigen Themenfeld so im Sport mit Hilfe des Netzwerks Die Sportpsychologen verbreiten können. 

Wie kann ich sexualisierte Gewalt erkennen?

Es gibt keine eindeutigen Verhaltensweisen, die auf einen sexuellen Missbrauch hinweisen. Selbstverständlich steht nicht hinter jeder Verhaltensänderung ein Missbrauch. Dennoch sollten Beobachtungen zum Anlass genommen werden, einfühlsam zu hinterfragen. Diese können plötzliches, häufiges Fehlen sein, ein Rückzug, auffällige Gewichtsveränderungen in beide Richtungen, aggressives oder depressives Verhalten, auffällige Müdigkeit oder sexualisierendes Verhalten. Verlassen Sie sich auf Ihr Bauchgefühl.

Ist sexualisierte Gewalt im Leistungssport ein Randthema?

Nein. Im Forschungsprojekt SafeSport der Deutschen Sporthochschule Köln machten über 1500 Kaderathlet*innen Angaben zu ihren Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. 37% der befragten Kadersportler*innen waren mit mindestens einem Ereignis sexualisierter Gewalt im Sport konfrontiert. Diese Zahlen entsprechen im wesentlichen bevölkerungsrepräsentativen Befragungen in Deutschland und Europa.

Welche Sportarten sind besonders betroffen?

Die Autoren der oben genannten Studie untersuchten auch die Risiken zwischen den Sportarten, signifikante Unterschiede konnten sie keine feststellen. Dementsprechend gibt es keine Risikosportarten – jedoch auch keine Sportart, die besonderen Schutz bieten würde.

Wie häufig werden Personen zu unrecht beschuldigt?

Die Angst vor Falschbeschuldigungen ist zwar groß, sie ist jedoch auch unbegründet. In die selbe Richtung gehen Äußerungen nach Missbrauchsvorwürfen, die zeigen, wie häufig an ausgesprochenen Beschuldigungen gezweifelt wird. Die Zahlen und Statistiken sprechen jedoch eine eindeutige Sprache. Sie zeigen, dass der Anteil an Falschbeschuldigungen an angezeigten Vergewaltigungen zwischen zwei bis acht Prozent liegt (https://www.vox.com/2015/6/1/8687479/lie-rape-statistics). In Deutschland wird der Anteil auf drei Prozent geschätzt.

Präventation – Machen Sie ihren Verein handlungssicher!

Um Fälle zu verhindern, müssen Grundlagen geschaffen werden. Auch kleinere Vereine müssen erkennen, dass der Sport nicht vor dem Problem der sexualisierten Gewalt gefeilt ist. Je offener der Umgang mit Grenzen und Grenzverletzungen im Verein ist, umso sicherer ist der Verein für alle Beteiligten. Oft hilft ein Workshop oder eine Trainerfortbildung umgemein, Handlungssicherheit zu gewinnen und ein präventives Klima zu entwickeln. Wenden Sie sich an Ihren Landessportbund oder schreiben Sie mich an, wenn Sie weitere Fragen haben.

Zur Profilseite von Christian Hoverath: https://www.die-sportpsychologen.de/christian-hoverath/

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