Thorsten Loch: Wir sind nicht das, was wir denken

Wenn wir ganz still sind, hören wir alle eine Stimme in unserem Kopf. Manchmal kommentiert sie unser Tun, wenn wir den Versuch gestartet haben, den neuen Schrank einer schwedischen Möbelkette aufzubauen, manchmal scheint sie nur so vor sich hin zu quatschen. Ab und zu singt sie sogar ein Lied, welches einem durch den Kopf schießt, obwohl wir vielleicht unseren Gesprächspartnern zuhören sollten. Diese Stimme ist nie ganz still. Sie ist immer da, nur hören wir nicht immer nicht zu und blenden sie dadurch aus. 

Zum Thema: Was ist diese innere Stimme und wozu brauchen wir sie?

Bei dieser Stimme handelt es sich um unsere eigenen Gedanken. Doch weshalb stören sie uns oftmals in entscheidenden Momenten und bringen uns in bestimmten „Leistungssituationen“ an unsere Grenzen? Welche Möglichkeiten bieten sich dem jeweiligen Individuum? Der erste Schritt zur „Erleuchtung“ besteht darin, die eigenen Gedanken bewusst wahr- und hinzunehmen. Je mehr Zeit wir damit verbringen, auf das zu hören, was wir denken, umso besser wird es uns möglich sein, unsere Gedanken kennenzulernen. So haben auch unsere Gedanken eine ganz spezielle Art, gewisse Vorlieben und Gewohnheiten (Singer, 2009). Und je besser wir unsere Denkweisen kennenlernen, umso besser können wir sie auch beurteilen: Sollen wir einen bestimmten Gedanken lieber ernst nehmen oder verdrängen? Und woher kommen diese Gedanken überhaupt? Was wollen sie mir damit sagen? Gelingt uns dies, müssen wir im nächsten Schritt verstehen, dass unsere Gedanken Objekte unseres Bewusstseins sind. Sie definieren nicht unsere Persönlichkeit, sondern entstehen in unserem Kopf – meistens vollkommen ohne unser Zutun. Unser Bewusstsein ist den ganzen Tag damit beschäftigt, unsere Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken zu verarbeiten. In diesem Zusammenhang ist es nicht unwichtig zu erwähnen, dass wir den größten Teil unseres Bewusstseins nicht unter Kontrolle haben. 

Ein kleines Beispiel gefällig? Wenn in uns z.B. ein Gefühl der Traurigkeit entsteht, oder wir plötzlich denken „Ich kann meinen Trainer nicht ausstehen!“, dann bedeutet das nicht, dass wir gleich traurig oder ein hasserfüllter Mensch sind. Es bedeutet nur, dass unser Bewusstsein gerade dieses Gefühl oder diesen Gedanken wahrgenommen hat. Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Was wir daraus machen, liegt ganz bei uns. Darüber hinaus hat unser Bewusstsein noch eine weitere Aufgabe. Es ist nicht nur dafür zuständig, uns die Welt zu erklären und sie für uns zu sortieren, sondern es verwaltet auch eine innere Energiequelle. Wir alle tragen unglaublich viel Energie in uns, nur können wir sie oft nicht fließen lassen. Dass unser Energielevel extrem schwanken kann, hat sicherlich jeder von uns schon mehr als einmal erlebt. Singer (2009) illustriert zum besseren Verständnis folgendes Beispiel: Wenn wir z.B. von unserem Partner verlassen werden, kann es passieren, dass wir über Wochen auf der Couch sprichwörtlich rumgammeln. Man bewegt sich kaum, Haare werden nicht gewaschen und ans Telefon wird schon mal gar nicht gegangen. Doch wenn der Ex-Partner plötzlich anruft und sagt, dass die Trennung ein Fehler war und er uns gerne wieder zurück möchte, dauert es keine zwei Stunden, bis wir uns geduscht, die Wohnung geputzt, den Kühlschrank aufgefüllt haben und auf die Türklingel warten: Plötzlich stecken wir voller Energie und Tatendrang. Doch woher kommt diese Energie?

Energie sprudeln lassen

Diese Energie kommt nicht von außen, durch einen externen Speicher oder irgendwelcher Energydrinks. Nein, sie hat die ganze Zeit in uns geruht, nur waren wir nicht dazu in der Lage, diese anzuzapfen. Erst der Anruf des Ex-Partners ließ die lang geglaubte ausgetrocknete Energiequelle wieder sprudeln. Wir in unserem westlichen Kulturkreis haben kein eigenes Wort für diese „Kraft“. In der chinesischen Medizin beispielsweise heißt sie Chi. Und jetzt kommt die gute Nachricht. Wir können lernen, unser Chi fließen zu lassen, sodass wir jeden Tag voller Energie sind. Es ist immer da, wir müssen nur Sorge dafür tragen, dass es auch fließen kann. Dazu müssen wir innere Blockaden abbauen. Diese Blockaden können alles Mögliche sein: Ängste, Hass oder andere negative Gefühle und Gedanken. Aber wie können wir diese Blockaden bewusst abbauen?

Unser Bewusstsein neigt dazu, negative Dinge aufzubauschen und positive Dinge ohne viel Aufhebens hinzunehmen. Das war in der menschlichen Entwicklungsgeschichte eine sinnvolle Sache, denn wenn sich unsere Vorfahren den ganzen Tag über die Schönheit der ihr vorliegenden Welt gefreut hätten, anstatt sich vor möglichen Gefahren zu fürchten, gäbe es uns heute vermutlich nicht. In unserer modernen Zeit sind die meisten Ängste und negativen Gedanken nicht mehr überlebenswichtig, sondern machen uns das Leben unnötig schwer. Angst ist eigentlich etwas sehr Positives. Angstzustände übernehmen die Funktion eines Warnsignals bzw. die von Schutzhemmungen, die eine Gefahr signalisieren. Sie bewahren uns demnach vor Schaden. Allerdings zeigen sich diese Zustände unter Umständen auch in Situationen, denen keine objektive Bedrohung zu Grunde liegt. Sie treten im Sport zum Beispiel dann auf, wenn ein Sportler eine Aufgabe oder einen Gegner fürchtet, die bzw. der eigentlich unter seinem Leistungsniveau liegt. Man spricht in einem solchen Fall von unbegründeten oder unangepassten Ängsten. Sie stehen im Gegensatz zu angepassten Ängsten, welche auch Realängste genannt werden, da sie sich auf wahrnehmbare Gefahrenobjekte beziehen. Angepasste Ängste sind also rational greifbar bzw. realistisch zu begründen (Baumann, 1998). Wie gehen wir als am besten mit diesem evolutionären Erbe um? Wie können wir unsere Ängste überwinden, um ein freies und unbeschwertes Leben zu führen?

Der Umgang mit der Angst

Zunächst müssen wir akzeptieren, dass es kein Leben ohne Angst gibt. Angst ist ein fundamentales Gefühl, das jedes Lebewesen ungeachtet seiner noch so modernen Lebensweise umtreibt. Wir haben allerdings die Wahl, wie wir mit unserer Angst umgehen. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wir lernen, mit der Angst zu leben und uns von ihr zu lösen, oder wir gehen ihr aus dem Weg. Es ist wie mit einem Dorn, der in unserer Haut steckt: Wir können entweder versuchen, die Stelle nicht zu berühren, damit sie nicht schmerzt, oder wir entfernen den Dorn. Um unsere Angst loszuwerden, müssen wir zuerst akzeptieren, dass jede Angst an sich in Ordnung ist. Sie kann uns nichts anhaben, denn sie ist nur ein Gefühl, das wir wahrnehmen. Ängste führen dazu, dass unser innerer Energiefluss blockiert wird, und umgekehrt führt eine Blockade zu noch mehr Ängsten. 

Unser Bewusstsein ist sehr eng mit unserem Selbst verbunden. Die beiden sind so sehr durch Gedanken und Gefühle miteinander verwoben, dass wir oft gar nicht wissen, dass es sich um zwei unterschiedliche Dinge handelt. Unser Selbst ließe sich auch als unsere Persönlichkeit bezeichnen. Es ist das, was uns wirklich ausmacht (Singer, 2009). Das Bewusstsein hingegen ist nur eine mentale Konstruktion in unserem Kopf, welches über Jahre durch Erfahrung, Gedanken und Gefühle geformt wurde. Leider sperren wir unser Bewusstsein oft ein. Sobald es uns gelingt, uns von Gedanken und Wahrnehmungen zu lösen, bekommt unser Bewusstsein endlich den wohlverdienten Auslauf und kann sich erweitern. Es ist ein bisschen so, wie wenn man als Vater versucht, seinen Kindern eine Antwort zu entlocken, diese jedoch völlig in ihrem Spiel vertieft sind und die ganze Welt um sie herum vergessen. In ähnlicher Weise beschäftigt sich unser Bewusstsein nur mit unseren Gedanken und Gefühlen und blendet alles andere aus. Solange wir uns so intensiv auf uns selbst konzentrieren, sperren wir unser Bewusstsein in einem Käfig ein. Aber genauso, wie wir nach einem faulen Wochenende das Haus verlassen müssen, um frische Luft zu schnappen, braucht auch unser Bewusstsein regelmäßig Ausgang. Daher sollten wir lernen, unsere Gedanken gehen zu lassen, z.B. mittels Meditation. 

Fazit 

Manchmal machen dein Kopf und deine Gedanken einfach nicht das, was du willst. Du warst bestimmt schon einmal in einer Leistungssituation (Prüfung oder Wettkampf) und hast dich selbst dafür verflucht, dass du so nervös bist, deine Hände schwitzen und der im Training so sicherer Aufschlag einfach nicht kommt. Auf der anderen Seite ist unser Gehirn manchmal unglaublich clever und nützlich. Es kann in einem Bruchteil von Sekunden Situationen einschätzen und einen handlungsdienlichen Plan entwerfen und umsetzen. Wie kommt es, dass unser Kopf so genial und doch so dumm ist? Die Antwort ist recht einfach. Wenn unser Gehirn uns zur Verzweiflung bringt, liegt das daran, dass wir es nicht richtig verstehen. Wir müssen versuchen, uns ein wenig intensiver mit ihm, unserem Bewusstsein und unseren Gedanken auseinanderzusetzen, um diese Missverständnisse aus der Welt zu räumen. Das zu verstehen und unsere Gedanken besser kennenzulernen, ist der Schlüssel zu innerem Wachstum. Zum Beispiel kann Meditation dir dabei helfen, achtsamer zu werden und deine Gedanken distanzierter zu betrachten. So wirst du erkennen, dass deine Gedanken nicht dein Selbst bestimmen, sondern nur zufällig in deinem Bewusstsein auftauchen. 

Mehr zum Thema:

Literatur

Baumann, S.: Psychologie im Sport. Meyer & Meyer Verlag, 1998.

Singer, M.A.: Die unbändige Seele. Ein Weg der Befreiung. Edition Spuren, 2009. 

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Thorsten Loch
Thorsten Lochhttp://www.die-sportpsychologen.de/thorsten-loch/

Sportarten: Fußball, Badminton, Leichtathletik, Sportschießen, Karate, Skateboarding

Hennef, Deutschland

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