Wer einmal in einem großen Stadion gespielt hat, weiß, dass diese Atmosphäre nicht nur Fans bewegt. Auch Spieler bleiben davon nicht unberührt. Wenn zehntausende Menschen jede Bewegung verfolgen, entsteht eine besondere Spannung. Jeder Pass, jeder Zweikampf, jeder Fehler steht unter Beobachtung. Für viele Gegner wird diese Kulisse zum zusätzlichen Druck. Doch manchmal gelingt es Mannschaften, genau diese Energie für sich zu nutzen.
Zum Thema: Kognitives Reframing
Das Parkstadion in Gelsenkirchen war in der Saison 1991/92 ein besonderes Pflaster. Laut. Roh. Einschüchternd. Und mittendrin ein Ritual, das jeder Schalke Fan kannte. Eine Trompete spielte ein kurzes Solo. Danach brüllte die Kurve geschlossen: „Attacke!“
Für Auswärtsmannschaften war dieser Moment beeindruckend. Die Tribüne explodierte förmlich vor Energie. Die Stimmung wirkte wie ein zusätzlicher Spieler auf dem Platz.
Der meisterhafte Gedanke
Als Dynamo Dresden in dieser Saison in Gelsenkirchen antreten musste, bereitete Trainer Helmut Schulte seine Mannschaft auf genau diesen Moment vor.
Nicht taktisch. Psychologisch. In den Trainingseinheiten vor dem Spiel ließ er immer wieder die Trompete erklingen. Jedes Mal folgte derselbe Auftrag an seine Spieler: Sobald dieses Signal ertönt, geht ihr ins Pressing.
Immer wieder wurde die Szene wiederholt. Trompete. Attacke. Pressing. Was im Stadion als Einschüchterung gedacht war, bekam eine neue Bedeutung.
Reframing: Die Kunst, den Kontext umzuschreiben
Was Helmut Schulte damals intuitiv tat, nennt die Psychologie kognitives Reframing. Ein Reiz, der bisher Bedrohung bedeutete, wird mit einer neuen Bedeutung versehen. Damit löst er eine völlig andere Reaktion aus. Die Trompete hörte auf, ein Warnsignal oder Bedrohung zu sein. Sie wurde zum Startschuss.
Das ist ein erstaunlich simples, aber mächtiges Prinzip. Nicht die Trompete hatte sich verändert. Nicht das Stadion. Nicht die Fans. Nur die innere Bedeutung, die die Dresdner Spieler dem Klang gaben und damit ihre gesamte körperliche und mentale Reaktion daraus.
Was wir daraus fürs Leben mitnehmen
Diese Geschichte ist weit mehr als eine Fußballanekdote. Sie ist ein Lehrstück über Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit, zur Frage, ob wir von unserer Umgebung gesteuert werden oder ob wir lernen können, sie für uns zu nutzen. Das Prinzip des Reframings macht aus einem negativ wahrgenommen Signal, ein Startzeichen.
Wie oft erleben wir im Alltag unsere eigenen „Trompetensoli“? Den Ton eines bestimmten Menschen, der uns sofort in Abwehrhaltung bringt. Die Atmosphäre in einem Meeting, die alle zum Schweigen zwingt. Den Druck einer Situation, der Kreativität und Klarheit schluckt. In all diesen Momenten steckt eine ungenutzte Möglichkeit: Was wäre, wenn wir uns diesen Signalen nicht entziehen, sondern sie für uns umprogrammieren würden?
Schultes Geniestreich war nicht die Taktik. Es war die Botschaft dahinter: Ihr seid nicht Opfer dieser Atmosphäre. Ihr seid ihre Nutznießer. Das gab den Spielern Kontrolle zurück – und Kontrolle ist einer der stärksten psychologischen Motivatoren, die wir kennen.
Atmosphäre ist Information
Atmosphären, ob im Stadion, im Konferenzraum oder in der Familie, sind selten neutral. Sie transportieren Hierarchien, Erwartungen, Geschichte. Die meisten Menschen absorbieren diese Atmosphäre unbewusst und passen sich an. Die wenigsten fragen: Was sagt mir dieser Raum – und was will ich ihm antworten?
Genau das ist die Kompetenz, die wir trainieren können: nicht Gleichgültigkeit gegenüber der Umgebung, sondern bewusste Responsivität. Spüren, was da ist. Entscheiden, wie wir es deuten. Und dann, wie die Dresdner im Parkstadion, in dem Moment aufdrehen, in dem alle anderen erstarren.
Die Trompete spielte. Und Dynamo Dresden spielte mit. Am 2. November 1991 holte Dynamo Dresden beim FC Schalke 04 ein 1:1-Unentschieden. Sieben der acht anderen Auswärtsspiele hatten sie bis dahin verloren.
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Hinweis: Im zweiten Buch von Mathias Liebing, Redaktionsleiter von Die Sportpsychologie, geht es um den Fußball im Osten seit der Wende. Das Thema Sportpsychologie spielt nur am Rande eine Rolle, aber wie immer geht es nicht ohne. Dazu geht es um Dynamo Dresden und viele andere Klubs die es nach der Wende schwer hatten, sich nun aber zum Teil ganz neu erfunden haben. Das Buch “Plattgemacht. Wie der Westen den ostdeutschen Fußball zerstörte” gibt es ab sofort im Handel:

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