Frage und Antwort: Wie kann ich Ängste besiegen?

Im Kunstturnen geht die Angst um. Zumindest drängt sich uns von Die Sportpsychologen der Eindruck auf, dass vor allem jungen Kunstturnerinnen die Werkzeuge fehlen, um mit ihren Ängsten besser umzugehen. Immer wieder erreichen uns entsprechende Anfragen. Wie diese hier von einer Sportlerin, die in bestimmten Situationen immer wieder scheitert. 

Zum Thema: Mentale Blockade bei Rückwärts-Elementen

Die Situation: Hallo liebes Psychologen-Team, ich habe folgende(s) Problem(e): Ich turne nun seit sehr vielen Jahren und hatte schon immer Schwierigkeiten, mich an neue Elemente zu wagen und diese dann schlussendlich auch ohne Hilfestellung zu wagen. Letzteres fällt mir immer schwerer. Gerade bei Elementen, bei denen man nach hinten springen muss, kann ich mich einfach nicht überwinden. Radwende Rückwärtssalto am Boden kann ich eigentlich im Schlaf, doch ich traue mich das einfach nicht alleine, sondern nur, wenn mein Trainer mit beiden Füßen auf der Matte steht (selbst wenn es nur ein Fuß ist, verweigere ich die Übung). Irgendwie blockiert mein Körper komplett, was für mich und auch für meinen Trainer sehr frustrierend ist, denn er versteht meine Angst nicht und auch ich kann nicht einmal sagen, wovor genau ich Angst habe, denn selbst wenn ich schlecht abspringe, lande ich noch auf meinen Füßen. Ich vergleiche meine innere Situation gerne damit, dass ich ja auch nicht einfach von einem Hausdach springe und so in etwa fühle ich mich, wenn ich das Element alleine machen soll. Ich kann es einfach nicht, obwohl ich es unbedingt möchte. 

Am Stufenbarren habe ich das gleiche Problem mit dem Rückwärtssalto-Abgang. Das traue ich mir noch nicht einmal mehr mit Hilfestellung. Bogengang alleine auf dem hohen Balken auch nicht. Dabei habe ich alle drei Elemente vor nicht allzu langer Zeit schon ohne Probleme alleine gemacht – hundertfach. Doch plötzlich war in meinem Kopf wie ein Schalter umgelegt und es ging gar nichts mehr – das ist total frustrierend und macht mich wütend. Die Blockade fing so ungefähr an, nachdem ich bei einem Wettkampf blöd vom Balken gefallen bin und meine Bänder gedehnt hatte, sodass ich ein paar Wochen nicht turnen konnte. Danach habe ich es noch ein paar wenige Male alleine gemacht und dann war Schluss damit. Könnte es sein, dass das damit zusammenhängt, dass ich nichts mehr rückwärts mache, obwohl ich damals bei einer Radwende vom Balken gefallen bin? 

Vor rund zwei Jahren hatte ich auch einen schwereren Turn-Unfall bei einem Doppelsalto vorwärts. Vielleicht bin ich auch dadurch vorsichtiger geworden, wobei ich die Elemente danach alle wieder alleine gemacht habe. Ich bin inzwischen echt verzweifelt und weiß nicht mehr, was ich tun kann, um meine Angst loszuwerden und wieder Spaß an den Elementen zu haben. Ich liebe diese Sportart, aber jedes Mal mit seinen Ängsten konfrontiert zu werden und hilflos zu sein, lässt mich so langsam zweifeln, ob ich mir das noch antun kann. 

Was ich vielleicht auch noch sagen kann: Den Bogengang auf dem Balken und Salto rückwärts am Boden muss ich am Wettkampf immer turnen, da ich es für meine Übung brauche. So komisch es klingt, am Wettkampf kann ich die Elemente in meiner Wettkampfübung alleine machen, aber sowohl im Einturnen als auch im Training habe ich keine Chance gegen meinen Kopf… Einmal im Monat dürfen wir in eine eingebaute Kunstturnhalle mit Schaumstoffgrube. Auch in die Grube turne ich meinen Rückwärtssalto ohne Probleme (sogar gestreckt und mit Schraube). Was auch oft ein Thema ist: ich bin inzwischen über 1,80m groß (was fürs Turnen nicht optimal ist) und damit auch schwerer, was für Hilfestellung natürlich doof ist. Meinem Trainer gegenüber habe ich dennoch viel Vertrauen. Vielleicht habt ihr noch eine Idee, wie ihr mir weiterhelfen könnt? Ich bin wirklich sehr dankbar über jeden Tipp und bereit, alles auszuprobieren. Vielen Dank für die Hilfe 🙂

Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen
Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen

Antwort von: Yvonne Dathe (zur Profilseite)

Liebe Claire (Name von der Redaktion geändert), 

oje, das klingt nach einer verzwickten Situation. Es kann durchaus sein, dass deine vergangen Zwischenfälle dazu beigetragen haben, dass sich bei dir eine innere Angst aufgebaut hat. Meiner Erfahrung nach lässt sich Angst schlecht durch starken Willen sondern eher durch Vertrauen überwinden. Dein Körper, dein Unterbewusstes haben die Erfahrung gemacht, dass du dir beim Turnen weh tun kannst. Die Pause nach der letzten Verletzung hat noch das Übrige dazu beigetragen. Nun muss dein Unterbewusstes wieder die Sicherheit aufbauen, die es braucht, damit es dich bei den Rückwärtselementen unterstützen kann. 

Eine Möglichkeit wäre: du stellst dir immer wieder die Übungen vor, und zwar so, wie sie optimal ablaufen. Stell dir auch vor, wie du dabei in deinem optimalen Leistungsbereich bist. Du kannst dir dazu eine Skala vorstellen, von 0 – 200, wenn du in deinem optimalen Leistungsbereich bist, dann bist du auf der Skala bei 100. Stell dir danach die Übung vor, wie du sie in letzter Zeit gemacht hast. Vielleicht merkst du, dass dein Puls etwas erhöht ist oder du bemerkst andere Stressreaktionen. Jetzt bist du nicht im optimalen Leistungsbereich, jetzt bist du vielleicht bei 130. Um wieder auf 100 zu kommen, atme tief bis in den Bauch ein und sage dir “Fokus”, der Wert wandert langsam etwas nähe zu 100, beim Ausatmen (langsam) sage dir “Ruhe” und beobachte wie der Wert auf die 100 zugewandert ist. Wenn du bei 100 bist, dann stell dir nochmals vor, wie du nun die Übung optimal ausführst. Am Besten bist du dazu in einem entspannten Zustand. Mach das gerne mehrmals täglich und vor allem: übe das Regulieren deines optimalen Leistungsbereichs. 

Wenn du dann das nächste Mal in der Turnhalle bist, fokussiere dich vor der Übung indem du ein-, zweimal tief ein- und ausatmest. Spüre, wie der Atem durch deine Nasenlöcher einströmt bis tief in den Bauch hinein und deine Bauchdecke sich leicht hebt und senkt. Dann nimm eine aufrechte Körperhaltung ein, geh gedanklich nochmal den erfolgreichen Ablauf der Übung durch und dann tue es, mach die Übung!

Ich hoffe, dass dir dieser Tipp weiterhilft. 

Yvonne

Andreas Meyer, Die Sportpsychologen

Antwort von: Andreas Meyer (zur Profilseite)

Hallo Claire (Name von der Redaktion geändert),

solche Ängste findet man gar nicht so selten im Sport und man darf auch grundsätzlich sagen, dass es keine Schande ist, solche Ängste zu verspüren. Du musst also nicht darüber wütend sein. Eher geht’s ja darum, diese zu überwinden und hierfür kann es entscheidend sein, herauszufinden, wodurch sie entstanden sind. Du hast ja schon einige Ideen geäußert. Zum Beispiel deine Unfälle, die du hattest. Manchmal reicht aber auch schon ein Satz am Rande, wie z.B. dass du ja eigentlich zu groß wärst und vielleicht die Rotation nicht mehr so gut hinbekommen würdest oder ähnliches. So etwas kann sich auch unbewusst einprägen und eine Abwehrhaltung gegenüber solchen Bewegungen kann sich entwickeln.

Was wir häufig neben der Suche nach der Ursache machen, ist, sich der Angst schrittweise zu stellen. Durch eine schrittweise Desensibilisierung. Ich glaube auch, dass ein gut gezieltes Visualisierungstraining hierbei ein probates Mittel ist. Hierzu arbeitet man hauptsächlich mit deiner Vorstellung von der Bewegung. Hierbei muss die Vorstellung sehr lebendig sein, mit allem, was du siehst, spürst und fühlst während der Bewegung. Dies hilft dir dabei, dass du zumindest in deinen Gedanken diese Bewegung immer und immer wieder ausführen kannst und im Idealfall entwickelst du Freude an der Bewegung und die Ängste rücken nach und nach in den Hintergrund.

Ich hoffe ich konnte dir damit schon etwas weiterhelfen, du kannst dich aber auch gerne melden, wenn du denkst, dass dir eine solche Arbeit behilflich sein kann.

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Mathias Liebing
Mathias Liebinghttps://www.torial.com/mathias.liebing
Redaktionsleiter bei Die Sportpsychologen und freier Journalist Leipzig Deutschland +49 (0)170 9615287 E-Mail-Anfrage an m.liebing@die-sportpsychologen.de