Norbert Lewinski: Neue mentale Wege im Strongman

Eines meiner zentralen Ziele als Sportpsychologe ist es, die Sportpsychologie genau dorthin zu bringen, wo sie bisher kaum Anwendung gefunden hat – in Sportarten, die traditionell stark physisch geprägt sind, aber deren mentale Dimension oft vernachlässigt wird. Als jemand, der selbst aus dem Bereich der extremen Kraftsportarten kommt, war meine Faszination für den Strongman-Sport schon in jungen Jahren außergewöhnlich groß. Die Kombination aus roher Kraft, technischer Präzision und mentaler Härte faszinierte mich von Anfang an und prägte meinen Ansatz, Sportpsychologie gezielt in diesen Bereich zu bringen.

Zum Thema: Das Experiment Mental Champion

Die nordischen Länder, insbesondere Finnland und Norwegen, verfügen über eine lange und stolze Strongman-Tradition. Namen wie Jouko Ahola und Janne Virtanen aus Finnland oder Svend Karlsen aus Norwegen sind Legenden, die nicht nur nationale, sondern auch internationale Wettbewerbe dominierten. Ahola, mehrfacher Gewinner des World’s Strongest Man, ist bekannt für seine Kombination aus Kraft und taktischem Geschick, während Virtanen vor allem für seine unglaubliche Ausdauer berühmt ist. Karlsen, Norweger und ebenfalls World’s Strongest Man-Champion, gilt als Inbegriff skandinavischer Robustheit und Disziplin. 

Gleichzeitig haben auch Länder Mitteleuropas sowie das Baltikum eine beeindruckende Geschichte in dieser Disziplin. Litauen hat mit Žydrūnas Savickas einen Athleten hervorgebracht, der als einer der stärksten Menschen der Welt gilt – mehrfacher Sieger des World’s Strongest Man und Rekordhalter in zahlreichen Kraftdisziplinen. Polen hat mit Mariusz Pudzianowski der Szene einen weiteren internationalen Superstar geschenkt, der durch seine fünf Titel als World’s Strongest Man weltweit berühmt wurde. Weitere bemerkenswerte Namen sind Hafþór Júlíus Björnsson aus Island, der nicht nur im Strongman-Sport, sondern auch in der Popkultur durch seine Rolle als „The Mountain“ in Game of Thrones bekannt wurde, sowie Eddie Hall aus Großbritannien, der als erster Mensch der Welt 500 kg im Kreuzheben bewältigte. Auch Athleten wie Brian Shaw (USA) oder Tom Stoltman (Schottland) prägen heute die internationale Szene und zeigen die globale Vielfalt und Professionalität dieser Sportart.

Mentale Höchstleistungen

Diese beeindruckende Bandbreite an Athleten und Traditionen unterstreicht, wie stark der Strongman-Sport nicht nur körperliche, sondern auch mentale Höchstleistungen fordert. Es ist genau diese Schnittstelle zwischen physischer Power und psychologischer Stärke, die mein Interesse weckte und die Grundlage für die Entwicklung neuer mentaler Trainingswege bildet.

Durch mein jahrelanges Engagement im Kraftsport habe ich mir ein breites Netzwerk aufgebaut, das von Athleten über Trainer bis hin zu ehemaligen Champions reicht. Dieses Netzwerk ermöglichte mir, tiefer in die Welt des Strongman-Sports einzutauchen und seine untrennbare Verbindung zwischen physischer Stärke und mentaler Widerstandskraft zu erfassen. Dabei konnte ich nicht nur die physischen Leistungen der Athleten beobachten, sondern auch hautnah miterleben, wie mentale Strategien, Konzentration und Durchhaltevermögen über Sieg oder Niederlage entscheiden. Viele der Kontakte in meinem Netzwerk stammen aus internationalen Wettkämpfen und langjährigen Meisterschaftszyklen – ein Erfahrungsschatz, der es mir erlaubt, mentale Aspekte im Kraftsport praxisnah und fundiert zu analysieren.

Foto: Norbert Lewinski

Die Idee des „Mental Champions“

Zu Beginn der 2000er Jahre erlebte der Strongman-Sport in Polen einen beispiellosen Boom. In kaum einem anderen Land weltweit war das öffentliche Interesse an dieser Sportart so groß, und in dieser Phase entwickelte sich in Polen eine besonders lebendige und aktive Szene. Medienberichterstattung, Faninteresse und die wachsende Zahl junger Athleten trugen dazu bei, dass der Sport für kurze Zeit aus der Nische herausgetreten ist. Mit der Zeit flachte das öffentliche Interesse zwar leicht ab, doch innerhalb der polnischen Strongman-Szene blieb die Leidenschaft ungebrochen. Mittlerweile gibt es zahlreiche Initiativen, die den Glanz des Sports wiederherzustellen versuchen – vor allem, um junge Menschen zu inspirieren und für die Faszination von Stärke und Ausdauer zu begeistern. Viele dieser Initiativen werden von ehemaligen Champions organisiert, die ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Trainingsmethoden an die neue Generation weitergeben und damit einen wichtigen Beitrag zum Fortbestand und zur Professionalisierung der Disziplin leisten.

Vor diesem Hintergrund entstand bei mir die Idee eines ungewöhnlichen Projekts: Neben dem regulären Zyklus der Wettkämpfe – bestehend aus zehn anspruchsvollen Veranstaltungen – sollte ein spezieller Wettbewerb eingeführt werden: der „Mental Champion“. Ziel war es, den mental stärksten Strongman zu ermitteln und die mentale Komponente dieser extremen Sportart erstmals systematisch zu würdigen. Dieses innovative Projekt stieß sofort auf großes Interesse bei den Organisatoren, die als erfahrene Veteranen und ehemalige Meister die entscheidende Rolle mentaler Stärke im Strongman-Sport sehr gut kennen. Sie sahen darin nicht nur eine spannende Neuerung für die Szene, sondern auch eine Möglichkeit, den Athleten eine neue Dimension ihrer eigenen Leistungsfähigkeit bewusst zu machen.

Foto: Norbert Lewinski

Stressbewältigung, emotionale Kontrolle, Konzentration, Durchhaltevermögen und Resilienz 

Der Wettbewerb war bewusst experimentell konzipiert: Anders als bei klassischen Disziplinen, in denen Kraft und Technik messbar sind, ging es hier darum, mentale Fähigkeiten wie Stressbewältigung, emotionale Kontrolle, Konzentration, Durchhaltevermögen und Resilienz sichtbar zu machen und zu bewerten. Gleichzeitig bot das Projekt die Chance, junge Athleten für mentale Trainingsmethoden zu sensibilisieren, diese Kompetenzen in ihren Trainingsalltag zu integrieren und so die Sportpsychologie in einem Bereich zu etablieren, in dem sie bisher kaum Anwendung gefunden hatte. Auf diese Weise entstand ein völlig neuer Ansatz, der nicht nur die Leistungen der Athleten auf die nächste Stufe heben konnte, sondern auch das Bewusstsein für die Bedeutung mentaler Stärke in extremen Kraftsportarten schärfte.

Ich besuchte sämtliche Wettbewerbe des Zyklus, beobachtete die Athleten in den unterschiedlichsten Konkurrenzen und bewertete sie nach sorgfältig entwickelten mentalen Kriterien. Mentale Stärke lässt sich natürlich nicht so leicht messen wie eine zurückgelegte Distanz, ein geworfenes Gewicht oder ein gehobenes Maximalgewicht. Dennoch definierte ich einige zentrale Kategorien, die eine objektive Beurteilung ermöglichten und gleichzeitig die Vielschichtigkeit mentaler Fähigkeiten widerspiegeln:

  • Stressbewältigung und Umgang mit Druck – wie gut ein Athlet unter extremem Wettbewerbssituationsdruck performt und ob er trotz Erwartungsdruck ruhig bleibt.
  • Emotionale Regulation und Gelassenheit – die Fähigkeit, emotionale Impulse zu kontrollieren und fokussiert zu bleiben, selbst nach einem misslungenen Versuch.
  • Konzentration und Präsenz im Moment – die Fähigkeit, sich voll auf die aktuelle Aufgabe zu konzentrieren, ohne von äußeren Faktoren abgelenkt zu werden.
  • Durchhaltevermögen trotz Schmerz und Erschöpfung – wie stark ein Athlet auch unter körperlicher Belastung, Müdigkeit und Schmerz weitermacht.
  • Mentales Reset nach Fehlern – wie schnell ein Athlet sich von Fehlern oder Misserfolgen erholt und wieder in die Leistung zurückfindet.
  • Rückkehr nach Verletzungen oder schwächeren Leistungen – die Resilienz, nach Rückschlägen oder einer Verletzung wieder auf höchstem Niveau zu performen.
Foto: Norbert Lewinski

Preis: Trainingsprogramm in Dubai

Auf Basis dieser Kategorien entwickelte ich eine Matrix, die es mir ermöglichte, den mental stärksten Athleten systematisch zu identifizieren. Der Gewinner erhielt nicht nur den Pokal des „Mental Champion“, sondern auch eine besondere Belohnung in Form eines intensiven Trainingsprogramms in Dubai, das sowohl physische als auch mentale Aspekte seines Trainings weiter stärkte. 

Die Leitidee des Projekts war, Sportpsychologie dort zu fördern, wo sie bisher kaum Anwendung findet – in einem Bereich, der traditionell stark auf physische Leistungen fokussiert ist. Während des gesamten Zyklus führte ich zahlreiche Gespräche und Interviews mit Athleten. Alle bestätigten die immense Bedeutung mentaler Stärke im Strongman-Sport. Viele zeigten großes Interesse an professionellem mentalen Training, einige baten darauf aufbauend um individuelle Begleitung und Strategien zur Leistungssteigerung. Die Resonanz zeigte deutlich, dass Athleten nicht nur ihre physischen Grenzen kennen, sondern zunehmend auch die mentale Dimension ihrer Leistungsfähigkeit erkennen und schätzen.

Foto: Norbert Lewinski

Fortführung des Projekts

Aufgrund des Erfolges wird der Wettbewerb im nächsten Zyklus fortgeführt, und der zweite „Mental Champion“ wird ermittelt. Dieses kontinuierliche Projekt ist ein lebendiger Beweis dafür, dass mit Kreativität und Innovationsgeist neue Wege für Sportpsychologie erschlossen werden können – selbst in Sportarten, die traditionell als rein physisch gelten. Der Strongman-Sport zeigt eindrucksvoll, dass physische und mentale Stärke untrennbar zusammengehören. Projekte wie der „Mental Champion“ machen mentale Aspekte sichtbar, würdigen sie als eigenständige Leistungskomponente und inspirieren die nächste Generation von Athleten. Sie verdeutlichen, dass Erfolg nicht allein von Muskelkraft abhängt, sondern von der Fähigkeit, den Geist zu trainieren, Herausforderungen zu meistern und unter extremem Druck fokussiert zu bleiben.

Mit dem „Mental Champion“-Projekt wird ein neuer, innovativer Weg eingeschlagen: Neue mentale Wege im Strongman-Sport eröffnen nicht nur Perspektiven für die Weiterentwicklung der Athleten, sondern auch für die Sportpsychologie insgesamt – eine Einladung, Kreativität, Forschung und Praxis zu verbinden, um die nächste Generation starker Köpfe und starker Körper zu fördern.

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