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Michael Wigge: Zurückhaltung ist selten ein Erfolgsrezept

Reden wir nicht drumherum: Die Sportpsychologie verkauft sich schlecht. Viele Experten und Expertinnen sind sehr zurückhaltend, gehen geradezu devot mit ihren Qualitäten, Fähigkeiten und Erfolgen um. Alles aus gutem Grund und mit dem Blick auf die Berufsethik einfach zu begründen. Allerdings wächst der Markt für sportpsychologische Dienstleistungen und seit Jahren stellen viele schlecht bis mäßig ausgebildete Mentalcoaches ein Problem dar, wenn sie viel lauter agieren und gleichzeitig fachlich wenig zu bieten haben. 

Also, was können wir besser machen, wollen wir vom Vortrags- und Motivationsredner sowie Autor und Moderator Michael Wigge wissen. Von einem, der weiß, wie man sich seriös in der Wirtschaft, in den Medien und unter Führungskräften verkauft…  

In der Sportpsychologie ist es verpönt, sich allzu werblich zum Beispiel als Vortragsredner oder Coach am Markt zu platzieren. Wie ist deine Erfahrung: Mit welcher Strategie überzeugst du deine Kunden und Kundinnen am besten?

Aus meiner Erfahrung als Speaker und Coach in Deutschland und den USA ist Zurückhaltung selten ein Erfolgsrezept, wenn man Menschen wirklich erreichen will. Aber: Werblich zu sein heißt nicht, marktschreierisch aufzutreten. Es geht um authentische Sichtbarkeit. Ich gewinne meine Kunden meist nicht durch Verkaufsrhetorik, sondern durch:

  • authentische Geschichten aus meinen Selbst-Experimenten („Ohne Geld bis ans Ende der Welt“, etc.)
  • humorvolle Selbstironie – das bricht das Eis und schafft Nähe
  • und konkreten Nutzen, den ich vermittle: etwa zu Themen wie Resilienz, Selbstführung, mentaler Stärke

Ich platziere mich nicht als „der Coach mit der Lösung“, sondern als jemand, der durch Herausforderungen gewachsen ist – das überzeugt mehr als jede Hochglanzbroschüre. So würde ich das auch in der Sportpsychologie sehen: Persönlich, authentisch und als Person mit offen gezeigten Facetten (Stärken und Schwächen)

Die Sportpsychologie ist nicht zuletzt wissenschaftlich geprägt. Was ist dein Rat an die Kollegen und Kolleginnen aus der Sportpsychologie – wie viel Wissenschaftsfesseln müssen sie über Bord werfen oder reicht es schon, sich an prominenten Speakern zu orientieren? Welche beispielhaft agierenden Personen kannst du nennen und wie hast du deine Performance im Laufe der Jahre angepasst?

Wissenschaft ist wichtig – aber sie darf auf der Bühne nicht trocken wirken. Mein Rat an Kolleginnen und Kollegen aus der Sportpsychologie: Die Inhalte dürfen fundiert sein, aber die Verpackung muss lebendig sein.

Wissenschaft und Wirkung schließen sich nicht aus, aber der Transfer zur Bühne muss empathisch, emotional und visuell erfolgen. Ich habe z.B. gelernt:

  • weniger Theorieblöcke, mehr Erlebnisse und Bilder im Kopf
  • statt PowerPoint: Storytelling, Selbstversuche, Metaphern
  • statt Zahlen: Emotionale Erkenntnisse und interaktive Übungen

Beispiele für gelungene Speaker mit wissenschaftlichem Hintergrund:

  • Prof. Volker Busch – verbindet Neurowissenschaft und Humor brillant.
  • Dirk Nowitzki (in Speaker-Rolle) – keine Wissenschaft, aber Authentizität pur mit starker Wirkung.

Ich selbst habe meine Performance im Laufe der Jahre weg von „ich erzähle euch etwas“ hin zu „ihr erlebt mit mir etwas“ entwickelt. Heute kombiniere ich Keynote, Coaching-Elemente und Entertainment – das bleibt hängen.

Fakt ist, Geschichten aus dem Sport interessieren ein breites Publikum. Mit welchen Zutaten würdest du daraus ein feuriges Bühnenprogramm zaubern?

Sport hat alles, was gute Geschichten brauchen: Kampf, Krisen, Comebacks, Charakter. Um daraus ein packendes Bühnenprogramm zu machen, braucht es drei Zutaten:

  1. Identifikation statt Heldenverehrung

Zeige nicht nur den Sieg, sondern auch das Scheitern, den Zweifel, die Angst. Dann fühlen sich Menschen abgeholt – auch wenn sie keine Sportler sind.

  1. Interaktive Elemente

Ich lasse mein Publikum gerne kleine Challenges lösen (z. B. Mini-Nein-Sagen-Challenge oder Balanceübung auf der Bühne), um Mentales erlebbar zu machen.

  1. Starker Spannungsbogen

Vom Tiefpunkt zur Transformation – das zieht. Eine gute Sportgeschichte folgt dramaturgisch dem Prinzip.

Mit diesen Elementen entsteht kein Vortrag, sondern ein Erlebnis. Und genau das motiviert Menschen wirklich – im Sport wie im Leben.

Zur Person: Redner und Challenger Michael Wigge

Der Motivationsredner und Abenteurer Michael Wigge hat sich darauf spezialisiert, unglaubliche Challenge-Geschichten zu dokumentieren. „Ohne Geld bis ans Ende der Welt“ und  „Wigges Tauschrausch“ (als er einen Apfel in ein hawaiianisches Traumhaus nur durch das Tauschen verwandelte), sind nur zwei seiner Reiseaktionen.   

Sein Selbstversuch „Ohne Geld bis ans Ende der Welt“ wurde zum Erfolg. Das ZDF verlieh ihm dafür den VJ Award in der Kategorie „Bester Videojournalist-Newcomer“. Die Reportagereihe wurde für den Grimme Preis nominiert. Der Keynote Speaker trat in den USA in der Tonight Show zusammen mit Katy Perry auf, um sein Projekt dort vorzustellen.

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Bilder:

Michael Wigge (Quelle: Julia Nitschke, zur Verfügung gestellt von Michael Wigge)

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Chang-Hun Jung: Selbstgespräche im Bodybuilding – Ein unterschätztes Werkzeug für mehr Leistung

Viele Athleten nutzen sie – oft unbewusst, manchmal instinktiv: Selbstgespräche. Dabei sind sie ein fester Bestandteil mentaler Selbstregulation und können einen echten Unterschied machen, wenn es um Fokus, Motivation und Leistungssteigerung geht. Gerade im Bodybuilding, wo neben dem äußeren Erscheinungsbild oft auch der Wunsch nach messbaren Kraftzuwachs besteht, können gezielte Selbstgespräche helfen, mentale Barrieren zu durchbrechen.

Zum Thema: Ein Athlet, ein Ziel, ein Plateau (Praxisbericht)

Seit Ende 2022 begleite ich einen ambitionierten Bodybuilder, der sich auf sein erstes Bühnen-Debüt vorbereitet (An dieser Stelle ein herzliches Danke an Jannik – mit seinem Einverständnis darf ich unsere Geschichte hier teilen.)

Interessant war: Er hatte anfangs wenig Interesse an mentalem Training – er ist zu mir gekommen, um „nur“ trainiert zu werden. Kein psychologisches Coaching. Seine Vorstellung von meinem Coaching als Personal Trainer war klar auf das Physiologische ausgerichtet – Trainingsplanung, Technik, Ernährung, Regeneration. Für mentale Themen zeigte er eher höfliches Desinteresse. Wenn ich solche Inhalte andeutete, kam meistens ein knappes:

„Lass uns einfach trainieren, ich will nur stärker werden.“

Genau das wollte er – vor allem beim Latzug, einer Übung, bei der er über Monate auf einem hartnäckigen Plateau festhing. Sein geschätztes 1RM lag Ende 2024 konstant bei etwa 120 kg. Nach einem weiteren stagnierenden Versuch sagte er halb im Scherz:

„Vielleicht muss ich das Ding mal anschreien, damit’s endlich hochgeht.“

Was als Witz gemeint war, wurde für mich endlich ein strategischer Einstiegspunkt. Kein neues Mentalprogramm, kein „großes Kino“ – sondern die Idee, ganz pragmatisch mit einfachen Selbstgesprächen zu arbeiten. Alltagsnah, konkret und umsetzbar. Und siehe da: Er ließ sich darauf ein.

Mentale Vorbereitung: Was vorher im Kopf passiert, zeigt sich später an der Maschine

Wir begannen damit, seine typischen Gedanken vor dem Latzug zu analysieren. Immer wieder fielen Sätze wie:

„Heute ist wieder Pullday – mal sehen, ob ich das überhaupt schaffe…“
„Bestimmt geht das heute wieder nicht.“

Ich fragte irgendwann:

„Wenn dein Trainingspartner sowas sagen würde – was würdest du antworten?“

Seine Antwort war im O-Ton:

„Halt die Klappe und zieh.“

Ein Bild, das Person, Kleidung, Sport, körperliche Fitness enthält.

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Jannik und Chang-Hun in Pose. (Quelle: Chang-Hun Jung)

Warum sagen wir uns selbst nicht das, was wir anderen motivierend entgegnen würden?

Wir entwickelten also kurze, klare Selbstansprachen, die er sich vor jeder Trainingseinheit sagen sollte – bewusst und mit Überzeugung, manchmal sogar laut.

„Ich bin fokussiert. Ich ziehe kontrolliert. Mein Rücken wächst mit jeder Wiederholung.“
„Ich arbeite heute an meiner Bestleistung. Ich bin bereit.“

Anfangs war ihm das ein wenig unangenehm – nach dem ersten Mal im Studio sagte er:

„Ich glaube, dass die an der Beinpresse dachten, ich hab ’ne Schraube locker…“

Aber es wirkte. Die Konzentration stieg, der Fokus war klar, die Wiederholungen sauberer. Nach ein paar Wochen wurde es zur Routine – so selbstverständlich wie das Aufwärmen.

Aktivierende Cues im Training: Einfach, aber effektiv

Zusätzlich integrierten wir kurze verbale Cues direkt im Satz. Ein besonders einfacher, aber wirkungsvoller war:

„Komm, zieh!“

Ich erinnere mich an eine Personal-Training-Einheit im Gym voller Leute. Nach einem lauten „Komm, zieh!“ kam vom Nachbargerät ein trockener Kommentar: „Alles klar, Kollege, ich zieh auch – aber am Kabelzug.“

Ich gebe zu: Dieses „Komm, zieh!“ war sehr häufig mehr ein Kampfgeschrei als ein „Selbstgespräch“. Aber genau das hat es so wirksam gemacht: roh, direkt, ehrlich – und genau im richtigen Moment.

Ergebnis: 1RM-Leistungssteigerung von 120 kg auf 140 kg

Im April 2025 konnten wir seinen geschätzten 1RM-Wert im Latzug auf 140 kg steigern:

Ein Bild, das Text, Schrift, Screenshot, weiß enthält.

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Was war nun ausschlaggebend?

Natürlich war es nicht nur das Selbstgespräch, das diesen Fortschritt möglich gemacht hat. Die Leistungssteigerung war das Ergebnis aus:

  • kontinuierlichem, gut strukturiertem Krafttraining
  • durchdachter Ernährung
  • solider Regeneration
  • progressivem Training … und, und, und zuletzt: gezielter mentaler Arbeit

Die Selbstgespräche haben dabei nicht die Muskeln wachsen lassen – aber sie haben geholfen, mentale Bremsen zu lösen. Und das genau in den Momenten, wo es zählt.

Fazit: Es muss nicht immer kompliziert sein

Selbstgespräche im Training wirken – nicht als Wundermittel, sondern als Werkzeug. Wer lernt, sich selbst klar, motivierend und zielgerichtet anzusprechen, schafft oft mehr als durch Technikfeinschliff allein.

In diesem Fall war der Satz „Komm, zieh!“ kein psychologisches Fachkonzept – aber er hatte Wirkung. Und der Weg dahin zeigte: Auch Skeptiker können von mentalen Methoden profitieren, wenn sie alltagstauglich und individuell passen.

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Anke Precht: Wenn es am Berg um Gold, Silber und Bronze geht

Warum sind nationale Meisterschaften für international fahrende Mountainbike Profis eine besondere Challenge? Eigentlich sollte man ja meinen: Wer in oder in der Nähe der Weltspitze unterwegs ist, dominiert im nationalen Feld fast automatisch. Doch so leicht ist es nicht. 

Zum Thema: Sportpsychologische Vorbereitung auf verschiedene Saison-Highlights

Wer im Weltcup-Geschehen in den Top 20 fährt, nimmt in den meisten Wettkämpfen die Rolle des Jägers ein. Bei den nationalen Meisterschaften dreht sich das um. Plötzlich muss intensive Führungsarbeit geleistet werden, und die Rennen müssen taktisch komplett anders angegangen werden als die internationalen, wo man in einem großen Feld mit gleich starken Fahrern unterwegs ist.

Dazu kommt, dass auch die Favoritenrolle für viele schwerer wiegt als die des Verfolgers. Es geht nicht mehr um zwei oder drei Positionen weiter vor oder nicht oder ein paar Weltranglistenpunkte mehr oder weniger, sondern um Podium oder nicht Podium. Es geht um Gold, Silber oder Bronze.

Professionelle Vorbereitung

Darum bereite ich mit meinen Sportlern und Sportlerinnen aus dem Mountainbike-Zirkus die nationalen Meisterschaften ganz anders vor als internationale Wettkämpfe. Und intensiver. Selbst wenn nicht immer der Sieg das Ziel ist, weil, wie zum Beispiel in diesem Jahr, eine Woche später schon die EM wartet.

Wenn ihr erfahren wollt, wie professionelle Wettkampfvorbereitung für den Kopf funktioniert, wendet euch an die Experten von Die Sportpsychologen (zur Übersicht). Wer will, darf sich gern auch an mich wenden (zur Profilseite von Anke Precht).

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Klaus-Dieter Lübke Naberhaus: Moments of Excellence – der Sieg der „Mentalen Stärke“

Seit langem habe ich mal wieder ein Großereignis im Fußball intensiv geschaut, eher aus einem Zufall heraus, als das es eine bewusste Entscheidung war. Vorher mal ein wenig in die Klub WM reingeschaut, doch eher nicht begeistert ob der Spiele. Doch die EM der Frauen hat mich gepackt und das nicht nur wegen der deutschen Mannschaft, sondern wegen der Leidenschaft der Sportlerinnen, die in fast allen Spielen greif- und spürbar war. Das Gruppenspiel Deutschland gegen Schweden sowie die ersten drei Viertelfinals will ich diesbezüglich herausheben. Ich dachte, dass es kaum noch Steigerungsmöglichkeiten gibt. Doch Deutschland und Frankreich zeigten in ihrem Viertelfinale, dass die „Zeit“ als ein „Spiel für die Geschichtsbücher“ beschrieb, dass es doch geht. Es war einer dieser Momente, die du als derjenige, der Teil davon ist, nie mehr vergisst. Auch ich durfte in meiner Zeit im Leistungssport den ein oder anderen dieser Momente erleben, die mit einer kaum zu beschreibenden Mischung aus Emotionen, Gedanken und Handlungen verbunden sind. Es sind sogenannte Moments of Excellence, im Deutschen vielleicht am ehesten mit außergewöhnlichen, hervorragenden Momenten übersetzt. Sie sind besonders und ihre ungeheure mentale Kraft, das Erleben dieser unbeschreiblichen Emotionen, kann ein wahnsinnig starker Motivator sein und werden. Wer weiß jetzt schon, was für das deutsche Team bei der EM noch kommen kann?

Zum Thema: Lernen aus Niederlagen – und wie daraus Resilienz entsteht

An einem Spiel der deutschen Mannschaft wie gegen Schweden, in dem du nach gutem Start durch vermeintliche Schicksalsmomente auf die Verliererstraße gerätst und am Ende eine deutliche Niederlage kassierst, kann eine Mannschaft in dem Turnier zerbrechen oder auch gestärkt daraus hervorgehen. Die deutsche Mannschaft scheint aus diesem Spiel gelernt zu haben und vor allem als Mannschaft in ihrer Geschlossenheit und ihrem sogenannten „Teamspirit“ gewachsen zu sein.

Denn es musste ja fast schon wie ein Déjà-vu anmuten, als Kathrin Hendrich für ihre Aktion die rote Karte erhielt, ob gerechtfertigt oder nicht, das lassen wir mal dahin gestellt. Und als Frankreich mit dem danach glücklich verwandelten Elfmeter in Führung ging, da gab es einen kurzen Moment der Starre, die jedoch sehr schnell vom Team abgeworfen wurde. Dieses Momentum konnte Frankreich anders als die Schwedinnen nicht nutzen. Und das Momentum wechselte sogar in die Entladung von ungeheurer Energie, als kurz darauf Sjoeke Nüsken eine hervorragend einstudierte Ecke zum Ausgleich nutzte. Wie ein Ruck ging es durch die Mannschaft, als ob alle über eine unsichtbare Energie miteinander vernetzt waren. Es war begeisternd anzuschauen, wie für- und miteinander nun gekämpft wurde. Und ja, bei allem Pathos, es gab auch die Momente des Glückes, als das 2:1 der Französinnen wegen Abseits nicht gegeben wurde, als der letzte Ball in der Verlängerung die Latte traf. Und auch den Moment des Rückschlages, als der Elfmeter verschossen wurde.

Ann-Katrin Bergers Demut

Doch die Leistung der deutschen Mannschaft, ihre Stärke, immer wieder aufzustehen und an sich zu glauben, zeigte sich dann auch im abschließenden Elfmeterschießen. Und wer danach das Interview mit Torhüterin Ann-Katrin Berger gesehen hat, der weiß, was Moments of Excellence sind, sie waren in ihrem Gesicht abzulesen. Und sich und seine Leistung in den Dienst der Mannschaft zu stellen, dafür ist sie ein lebendes Beispiel, sich und seine Fähigkeiten voll einzubringen und das Letztmögliche zu geben, mit einer Demut, die nicht gespielt schien.

Daraus entsteht individuelle und mannschaftliche Resilienz. Folgende drei Faktoren scheinen hier ausschlaggebend zu sein:

  • Erstens ein Netzwerk, in dem jeder für den anderen einsteht, ohne seine persönlichen Eitelkeiten und Befindlichkeiten auszuleben, sondern diese im Dienst der Mannschaft hinten anzustellen. 
  • Zweitens die Erfahrung und das Erlebnis von Selbstwirksamkeit, das jede meiner Aktionen wichtig und entscheidend ist und sie die Aktion sein kann, die das Pendel in die erfolgreiche Richtung ausschlagen lässt. 
  • Und am Ende der Glaube an mich selbst, eine Form des Optimismus, dass es am Ende schon „gut“ werden wird, dass wir als erfolgreiche Mannschaft den Platz verlassen. 

Dies alles war in dieser deutschen Mannschaft zu sehen, zu spüren, zu erleben, bis hin zu einem Phänomen, dass Mihály Csíkszentmihályi als „Flow“ skizzierte.

Moments of Excellence aktivieren

In Situationen, die besonders wichtig sind oder in denen die Motivation und Stimmung gerade schwierig ist, kann der Trainer, Sportpsychologe oder einer aus der Mannschaft, natürlich auch ein Einzelsportler, sich und der Mannschaft diese besonderen Momente in Erinnerung rufen und damit versuchen, sich in diesen gleichen Zustand hinein zu versetzen, in dem er damals gewesen ist. Daraus kann extreme Kraft und Energie geschöpft werden und somit auch noch ausweglose Lagen gedreht werden. Dies funktioniert über eine sogenannte assoziative Imagination, also das Hineinversetzen in die damalige Situation mit ihren Bildern, Stimmungen und Emotionen, mit ihrer unbeschreiblichen Kraft des Moments.

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Weitere Informationen

Mentale Stärke

Wenn wir „mentale Stärke“ nun wie folgt definieren, als Fähigkeit positiv (optimistisch) und fokussiert zu bleiben, wenn die Widrigkeiten, die Herausforderungen und das Stressniveau steigen, um die notwendige Leistung gezielt abzurufen, dann haben wir diese live und in Farbe im deutschen Team gesehen. 

Folgende Elemente sind dabei in der mentalen Stärke enthalten:

  • das Erkennen der Chancen in der Herausforderung, 
  • das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten mit einer klaren Zielorientierung, 
  • die emotionale Regulationsfähigkeit und daraus resultierende Motivation,  
  • die Anpassungsfähigkeit an die Veränderung,
  • die Erholung von Rückschlägen und 
  • die Durchhaltefähigkeit.

Und nun sollte auch keiner mehr auf die Idee kommen, dass die „mentale Stärke“ angeboren ist. Grundsätzlich spielen genetische Faktoren eine Rolle, wenn es um das Ausmaß meiner Sensibilität und Verletzlichkeit geht, genauso wie die „körperliche Robustheit“ genetische Grundlagen hat, doch ein Großteil der Fähigkeiten ist zu trainieren und zu entwickeln.

Somit muss auch der sportpsychologischen Begleitung, genauer dem Kollegen Christoph Herr, attestiert werden, hier einen guten „Job“ gemacht zu haben.

Die weitere EM-Reise

Wir dürfen gespannt sein, wohin die Reise der deutschen Mannschaft im Halbfinale gegen Spanien gehen kann. Mental scheinen sie gut gerüstet zu sein, doch auch diese Fähigkeit braucht jetzt Pause, um den Akku wieder aufladen zu können. Doch eine wichtige Quelle zum Auftanken sind die Spiele gegen Schweden und Frankreich gewesen. Diesem Team dürfen wir alles zutrauen.

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Anke Precht: Die Top 3 Atemtechniken zur Beruhigung vor Wettkämpfen

Anlass zu diesem Beitrag ist die Anfrage einer Sportlerin, die vor Wettkämpfen mit starkem Stress zu kämpfen hat. Vor extrem wichtigen Leistungsanforderungen besonders heftig. Dann ist sie häufig so angespannt, dass sie weder körperlich ihre ganze Leistung abrufen kann, noch mental ausreichend konzentriert ist, um den Wettkampf taktisch klug anzugehen. Das Ergebnis: Sie bleibt in Sachen Erfolg weit unter ihren Möglichkeiten und in Sachen Leistungen im Wettkampf weit unter ihren Werten im Training.

Zum Thema: Atmen und Imagination – Do’s and Dont’s

In einem ersten Telefonat erzählte sie mir, dass sie schon seit langem mit Atemtechniken arbeite, um den Stress in diesen Situationen zu reduzieren. Das nutze bisher aber nichts. Vermutlich müsse sie die Techniken häufiger trainieren?

Es stellt sich heraus, dass sie eine Atemtechnik nutzt, die das Ein- und das Ausatmen mit Imagination koppelt: Beim Einatmen stellt sie sich vor, wie sie Entschlossenheit, Kraft und Fokussierung einatmet. Beim Ausatmen, wie sie Anspannung ausatmet. Währenddessen schweift sie aber immer wieder ab, und auch die körperliche Anspannung lässt nicht nach.

Spannungslevel und Atemtechnik

Nun ist es so, dass Atemtechniken eigentlich ein hervorragender Weg sind, um vegetative Anspannung zu reduzieren – aber nicht jede Atemtechnik in jedem Moment. Stellen wir uns vor, man würde Anspannung auf einer Skala von 0-10 messen. Eine gewisse Anspannung vor einem Wettkampf ist wichtig, je nach Sportart etwas mehr oder weniger. Werte, die über fünf liegen, machen es unmöglich, bewusst konzentriert zu agieren. Sie verunmöglichen auch eine erfolgreiche Arbeit mit Imagination, wie die Sportlerin es versucht hat.

In ihrem Fall ist die Spannung zu hoch, um auf diesem Weg erfolgreich zu sein. Ihre Technik kann sie in Momenten der Vorbereitung nutzen, wenn das Spannungsniveau niedriger ist – zum Beispiel am Tag vor dem Wettkampf. Dann wird sich eine gewisse Beruhigung einstellen, bei regelmäßiger Übung mit Wirkungen auf den folgenden Wettkampftag.

Die besten Atemtechniken zur Beruhigung in akuten Stresssituationen

In akuten Stresssituationen, zum Beispiel wenige Minuten vor dem Wettkampf, sind Übungen am effektivsten, die direkten Einfluss auf das Nervensystem nehmen. Hier meine drei liebsten Beispiele, die im Sport für jeden leicht anwendbar sind. Bei jeder der drei Übungen tritt die Wirkung nach 5-10 Atemzügen ein.

5-8-Atmnung

Diese Übung ist simpel, ihre Wirkung wissenschaftlich nachgewiesen. Bei dieser Übung, die Mentaltrainings-Pionier Lars-Erik Uneståhl als hoch wirksam empfiehlt, wird die Länge von Ein- und Ausatmen mitgezählt, im für den Sportler gerade passenden Tempo: 5 Zähler einatmen, 8 Zähler ausatmen. Nach einigen Atemzügen tritt erste Beruhigung ein, der Atem kann nun nach und nach insgesamt verlangsamt werden.

Fokus auf das Ausatmen

Kurz durch die Nase einatmen, in den Bauch. Lang und langsam durch die gespitzten Lippen ausatmen, dabei die Lunge möglichst vollständig entleeren.

Fraktionierte Atmung

Diese Übung funktioniert ähnlich wie die zweite, ist aber ein bisschen komplexer. Mit etwas Vorübung klappt sie aber super, und ich erlebe sie als die effektivste gerade in Wettkampfsituationen.

Das Einatmen durch die Nase in den Bauch wird in zwei Etappen aufgeteilt, das heißt, man setzt während des Einatmens kurz ab und atmet dann erneut ein, insgesamt jedoch flott. Das Ausatmen ist wieder langsam und dauert deutlich länger, die Lunge wird möglichst komplett geleert. Danach folgt eine Pause von drei Sekunden, bevor man wieder zweigeteilt einatmet.

Kontakt aufnehmen

Darüber hinaus kennen Sportpsychologen viele weitere Techniken, die in akuten Stresssituationen schnelle Abhilfe bringen. Außerdem Atemtechniken, die aktivieren, frisch und fit machen, je nach Bedarf. Nehmt einfach Kontakt auf (zur Übersicht), gern auch zu mir (zum Profil von Anke Precht).

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Thorsten Loch: Wie es dir als Coach gelingt, dass dir das Team vertraut

Psychologische Sicherheit zeigt sich oft in kleinen, alltäglichen Momenten: Eine Trainerin beobachtet, wie ein Spieler nach einem Fehlpass den Blick senkt, kaum noch kommuniziert und sich zurückzieht. Für sie ist das ein Alarmsignal – nicht für mangelnde Technik, sondern für ein Klima, in dem Fehler offenbar als gefährlich gelten. Ihr wird klar: Es geht nicht nur um Trainingsinhalte oder taktische Vorgaben. Es geht darum, ein Umfeld zu gestalten, in dem sich Spieler:innen sicher fühlen, sich zu zeigen – mit Stärken, aber auch mit Zweifeln und Fehlern. Und genau hier beginnt die Verantwortung der Trainer:innen.

In diesem Beitrag erfährst du, wie Trainer:innen gezielt ein vertrauensvolles und offenes Teamklima gestalten können – mit praxisnahen Ideen, fundierten Konzepten und Beispielen aus dem Leistungssport.

Zum Thema: Psychologische Sicherheit 

Wenn du den jüngsten Text von Prof. Dr. René Paasch zum Thema psychologische Sicherheit gelesen hast, erinnerst du sofort an diese Szene: Der Streit zwischen zwei deutschen Spielern bei der Basketball-WM 2023. Der öffentlich ausgetragene Konflikt zwischen Dennis Schröder und Daniel Theis vor der Endrunde wurde aber nicht zum Problem, sondern zum Katalysator für Entwicklung. 

Doch wie genau entsteht ein Umfeld, in dem ein solcher Umgang mit Spannungen überhaupt möglich ist?

1. Führungsverhalten als Basis

Psychologische Sicherheit beginnt an der Spitze. Studien (z.B. Edmondson, 2004; Fransen et al., 2020) zeigen: Teams orientieren sich stark am Verhalten ihrer Führungspersonen. Wer als Trainer:in Offenheit vorlebt, schafft Raum für Vertrauen.

  • Fehlerfreundlichkeit zeigen: Wer selbst auch mal zugibt, eine taktische Entscheidung hinterfragen zu müssen, signalisiert: „Hier darf man lernen.“
  • Unsicherheiten zulassen: Auch als Coach nicht alles wissen zu müssen, kann Teamprozesse stärken.
  • Aktives Zuhören: Spieler:innen ausreden lassen, paraphrasieren, ehrliches Interesse zeigen.

Vertrauen beginnt dort, wo Kontrolle endet.

2. Strukturelle Sicherheit schaffen

Nicht nur das „Wie“ im Verhalten, sondern auch das „Was“ im System ist entscheidend. Psychologische Sicherheit entsteht dort, wo Strukturen Klarheit und Orientierung bieten:

  • Rollen und Erwartungen transparent machen: Spieler:innen wissen, woran sie sind.
  • Regelmäßige Reflexionsformate etablieren: z. B. kurzes Teamfeedback nach jeder Einheit.
  • Verantwortung teilen: Kleine Aufgaben an Spieler delegieren, um Beteiligung zu fördern.

Solche Elemente stärken nicht nur das Vertrauen, sondern auch das Selbstwirksamkeitserleben – eine wichtige Ressource im Leistungssport.

3. Kommunikation gestalten

Ein sicherer Raum ist auch ein sprachlich gestalteter Raum. Wer psychologische Sicherheit fördern will, sollte gezielt eine lernorientierte Kommunikationskultur etablieren:

  • Offene Fragen stellen: statt „Warum hast du das gemacht?“ lieber „Was war deine Idee dabei?“
  • Perspektiven einholen: „Wie habt ihr die Szene erlebt?“
  • Beiträge bestärken: „Danke für deinen Impuls.“ – auch (und gerade) bei kritischen Einwänden.

Sprache wirkt – und wer Anerkennung sprachlich sichtbar macht, senkt implizite soziale Risiken.

4. Teamprozesse bewusst fördern

Ein Team ist mehr als die Summe seiner Mitglieder. Psychologische Sicherheit entwickelt sich in der Beziehung zwischen diesen Mitgliedern – und die kann gezielt gestaltet werden:

  • Peer-Coaching ermöglichen: Spieler:innen reflektieren in Zweierteams Trainingsinhalte.
  • Gemeinsame Ziele formulieren: „Was wollen wir in dieser Saison erreichen?“
  • Verantwortung rotieren lassen: z.B. wechselnde Kapitänsrollen im Training.

So entsteht eine geteilte Verantwortungskultur, in der jede Stimme zählt.

Praxisbeispiele aus dem Spitzensport

Dass psychologische Sicherheit kein theoretisches Konstrukt bleibt, sondern in ganz unterschiedlichen Sportarten gelebt wird, zeigen viele erfolgreiche Teams und Trainer:innen:

  • Jürgen Klopp (Fußball): Der langjährige Trainer des FC Liverpool, der seine Tätigkeit zum Ende der Saison 2023/24 beendet hat, war bekannt für seine empathische Kommunikation und die Förderung eines starken Zusammenhalts. In zahlreichen Interviews und Dokumentationen (z. B. „The End of the Storm“, 2021) wurde deutlich, dass Spieler wie Trent Alexander-Arnold oder Mohamed Salah ein Umfeld erlebten, in dem Fehler nicht gefürchtet, sondern als Teil des gemeinsamen Lernprozesses verstanden wurden. Klopp betonte immer wieder: „Meine Spieler sollen wissen: Ich stehe hinter ihnen.“

Diese Beispiele zeigen: Ob Teamsport oder Einzelsport, ob international erfahrene Profis oder Nachwuchsathlet:innen – psychologische Sicherheit ist trainierbar und wirksam, wenn sie durch bewusste Trainer:innenhaltung und klare Strukturen geformt wird.

Fazit: Vertrauen ist trainierbar

Psychologische Sicherheit ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung im Leistungssport. Wer als Trainer:in bereit ist, gezielt Strukturen, Kommunikation und Führung zu gestalten, kann ein Klima schaffen, in dem Spieler:innen mutiger, ehrlicher und letztlich erfolgreicher agieren.

Ausblick

Im nächsten Beitrag werfen wir einen Blick auf typische Barrieren, die psychologische Sicherheit im Sport behindern: Hierarchien, Leistungsdruck, Unsicherheiten – und wie man ihnen sportpsychologischer Sicht begegnen kann.

Dieser Beitrag ist im Netzwerk in Zusammenarbeit entstanden:

Mehr zum Thema:

https://www.die-sportpsychologen.de/2025/07/prof-dr-rene-paasch-mit-vertrauen-fuehren-wie-trainerinnen-psychologische-sicherheit-im-leistungssport-aktiv-gestalten-koennen

Literaturverzeichnis (APA-Stil)

Edmondson, A. C. (2004). Learning from mistakes is easier said than done: Group and organizational influences on the detection and correction of human error. Journal of Applied Behavioral Science, 40(1), 66–90. Learning from Mistakes is Easier Said Than Done. Journal of Applied Behavioral Science, 40(1), 66–90.

Fransen, K., Vanbeselaere, N., De Cuyper, B., Vande Broek, G., & Boen, F. (2020). How leaders shape team effectiveness: The role of empowering team climates. Journal of Sport and Exercise Psychology, 42(3), 144–156. How leaders shape team effectiveness: The role of empowering team climates. Journal of Sport and Exercise Psychology, 42(3), 144–156.

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Mythos: Positive Gedanken führen immer zu positiven Ergebnissen

Bei Die Sportpsychologen versuchen wir, bestmöglich über die Arbeitsweise der angewandten Sportpsychologie zu berichten. Es geht darum, zu zeigen, was, wie und warum wir etwas machen. Hier geht es auch darum, aufzuzeigen, was wir nicht machen oder was uns, nicht erst durch künstliche Intelligenz, fälschlicherweise zugeschrieben wird. Wir widmen uns Mythen. Wie dem Glauben, dass allein positives Denken automatisch zu besseren Leistungen führt. Warum liegt Chat GPT mit dieser Annahme einfach nicht richtig?

Zum Thema: Mythen der Sportpsychologie

Klaus-Dieter Lübke Naberhaus

Antwort von: Klaus-Dieter Lübke Naberhaus (zum Profil)

Ich halte nicht viel von den Konstrukten der “Positiven Psychologie”. Was soll das eigentlich sein? Der Mensch ist ein holistisches, ganzheitliches, extrem komplexes Wesen, das wir bei weitem nicht durchdrungen haben. Und ja, es gibt Hinweise, dass so etwas wie “positives Denken” Kräfte freisetzt. Doch das tut auch Aggression und Wut. Sind diese auch positiv?

Lassen wir uns auf das Wesentliche schauen. Wenn ich eine optimale Leistung erbringen will, dann müssen viele Bausteine wie Zahnräder ineinander greifen. Und einer davon ist sicherlich auch der Glaube an mich selbst, der Glaube daran, die Herausforderung bewältigen zu können und eine optimale Vorbereitung. Zudem die Fähigkeit und Möglichkeit, in einen Flow gelangen zu können. Doch dies alles kann durch ein körperliches Defizit zu diesem Zeitpunkt zunichte gemacht werden. “Positives Denken” kann hilfreich sein, um einen gelungenen Wettkampf abzuliefern, sie ist jedoch nur ein Baustein.

Für komplexe Probleme gibt es nie einfache Lösungen, für das komplexe Wesen Mensch nie einfache Erklärungen. 

Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen
Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen

Antwort von: Yvonne Dathe (zum Profil)

Inzwischen gibt es Studien, die zeigen, dass wenn ich mir zwanghaft positive Gedanken versuche einzureden, im Innersten davon aber nicht überzeugt bin, die positiven Selbstgespräche sogar negative Auswirkungen haben können. Am Ende sind Menschen frustriert, da sie “selbst zum positiven Denken zu blöd” sind. Aus meiner Sicht ist es hilfreicher, Gedanken als das zu betrachten, was sie sind: Einfach nur Gedanken!

Unser Verstand “produziert” hilfreiche und weniger hilfreiche Gedanken, beruhend auf unseren Erfahrungen. Wichtig ist, sich von seinen Gedanken lösen zu können und sich wieder auf die aktuelle Aufgabe zu fokussieren, als zu versuchen, Gedanken zu kontrollieren oder in positive Gedanken zu verwandeln. Die Energie sollte lieber in die Handlung investiert werden.

Mehr zum Thema:

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Klaus-Dieter Lübke Naberhaus: Der Mensch Alexander Zverev – oder die Schattenseite des Leistungssportes

Ich musste ein paar Tage verstreichen lassen, bevor ich zu Alexander Zverev etwas schreiben konnte. Spannenderweise habe ich mir einige seiner Spiele im Vorfeld von Wimbledon im Turnier in Halle angeschaut. Schon hier beschlich mich das Gefühl, dass trotz der Erfolge (Erreichen des Halbfinales) und auch guten Leistungen gerade in den Spielen gegen die beiden Italiener im Achtel- und Viertelfinale, Alexander Zverev sich gequält hat. Dies war an seiner Mimik und Gestik abzulesen, der Körper signalisierte nach außen, dass ihm dieses „Spiel“ nicht spielerisch von der Hand ging, obwohl er teilweise hervorragendes Tennis spielte. Doch in manchen Situationen fehlte anscheinend die letzte Konzentration, manchmal auch die Lockerheit. Es sah so aus, als „kämpfte“ Alexander Zverev Tennis, ohne einen Anflug von Lächeln bei gelungenen Bällen oder Freude über seinen Sieg. Was mir jedoch noch auffiel, da ich schon lange keine ganzen Matches mehr geschaut hatte, war, dass auch das Niveau der beiden in der Weltrangliste hinter ihm liegenden Italiener sehr hoch war und ihre Motivation Zverev schlagen zu wollen, extrem ausgeprägt schien. Damit müssen die Favoriten ständig leben, sie sind die Gejagten.

Ich weiß, hierin liegt viel Interpretation von Bildern, Mimik und Gestik, die auch von meiner Seite auch falsch sein können. Doch ich war nicht überrascht, als ich vom Erstrundenaus von Alexander Zverev in Wimbledon hörte. Es hatte sich in Halle aus meiner Sicht angekündigt. Überrascht haben mich dann doch die offenen Worte Alexander Zverevs. In Kreisen von Die Sportpsychologen sprachen wir oft darüber, dass Alexander Zverev ein Entwicklungsfeld im Bereich des mentalen Trainings haben könnte. Dass es jedoch so tiefgreifend in sein ganzes Leben hineinspielt, wurde erst jetzt offensichtlich.

Zum Thema: Viel Unterstützung, gute „Ratschläge“ und Hilfe

An Zuspruch und mangelnden Unterstützungsangeboten mangelt es Zverev nicht. Alcaraz, Djokovic und Bencic zeigten Verständnis oder boten Unterstützung an. Doch kann Zverev diese annehmen? Dabei sind das soziale Netzwerk und die Einbindung in Beziehungen die größte Prophylaxe und hilfreiche „Heilmittel.“

Und von Emma Raducanu stammt wohl der Satz: “Tennis sei einfach ein mental sehr anspruchsvoller Sport.“ – Dies gilt nicht nur für Tennis, doch für diesen durchaus im Besonderen.

Was zeigt uns das? Das der Mensch, wie ich immer wieder betone, ganzheitlich zu sehen ist. Mir wird immer wieder unverständlich bleiben, wie viele Menschen doch glauben, sie können ihre Muskeln austrainieren, ihre Technik verbessern und einen taktischen Plan erstellen, um die Schwächen des Gegners zu nutzen und dabei denken, dass der Rest schon von alleine geht. Das Training mentaler Fähigkeiten ist ebenso notwendig und leistungsbestimmend. Wie sage Yogi Berra, der legendäre Baseball Pitcher so schön: „Baseball ist zu 90 Prozent Kopfsache. Die andere Hälfte ist körperlich.“ Und Tennis unterscheidet sich da eher wenig von den Anteilen.

Mangelnde Regeneration 

Wenn wir unseren „Körper“ belasten, dann kommt der Parameter Pause, mindestens wenn wir Athletik trainieren, als Belastungsnormativ ins Spiel. Und wir alle wissen, dass je nach Trainingsmethode sehr umfangreiche Pausen notwendig sind, um die volle Leistungsfähigkeit wiederherzustellen. Doch ob wir mental wieder auf Höchstniveau sind, wo findet das Berücksichtigung? In Halle waren es tägliche Spiele, kaum Zeit zu verarbeiten, was rein technisch-taktisch zu analysieren ist. Wenn ich hier keine Skills und Tools habe, um auch mental zu regenerieren, dann sinkt meine Leistungsfähigkeit, auch wenn es nur ein paar Prozent sind. Wobei nochmals betont sei, dass Körper und Geist eine Einheit bilden, wohl kaum besser zu sehen, als wenn der Schlaf gestört ist. Der Schlaf ist und bleibt das beste Regenerationsmittel, doch dazu muss ich auch diesen ausreichend und tief genug finden. Dazu können bestimmte Tools und Skills dienen, um genau in diesen zu kommen. Doch gleichzeitig darf ich auch verarbeiten, kognitiv und emotional. Und wieder Motivation aufbauen.

Wir reden von Fähigkeiten, die ich ebenso trainieren kann, wie Vorhand Cross oder Long Line, wie Beinarbeit oder Schlagkraft.

Von psychopathologischen Phänomen und Burn-Out

Schaue ich mir die Entwicklung von Alexander Zverev aus der Ferne an und das tue ich schon seit einigen Jahren, lassen sich immer wieder Phänomene feststellen, die sich auch in einem psychopathologischen Befund wiederfinden. Doch all dies sind Phänome, die jeder Mensch zeigen kann, auch ohne gleich eine psychische Störung zu haben. Akute Belastungsreaktionen nach einem traumatisierenden Ereignis sind völlig normal, genauso depressive Stimmungslagen nach einschneidenden persönlichen Erlebnissen. Alleine aus diesem Grund verbietet sich eine Ferndiagnose und Pathologisierung, jedoch lassen einige Aussagen von Alexander Zverev schon aufhorchen. Wenn auch ein naher Verwandter wie sein Bruder Misha nichts vom Innenleben mitbekommen hat, dann scheint Alexander Zverev ein hohes Maß an Verstellfähigkeit nach außen zu haben. Als neutraler Beobachter von außen fallen einem die Phänomene oftmals eher auf, und diese lassen sich schon seit einigen Jahren beobachten. 

Das professionelle Tennis ist fordernd, zieht Energie und diese braucht Zeit, Mittel und Wege, um wieder aufgefüllt zu werden. Stimmungsschwankungen, psychomotorische Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und Freudlosigkeit sowie ein Mangel an Motivation verbunden mit Konzentrationsstörungen und sozialem Rückzug sind nur einige Phänomene, die aufgetaucht sind und sich nun scheinbar kumuliert haben.

Eine psychologische Begleitung wünschten wir als Sportpsychologen schon lange für Menschen mit solchen Herausforderungen. Es macht mich immer wieder traurig, dass es erst in einer dysfunktionalen Störung enden muss, bevor Unterstützung angenommen werden kann. 

Mein Wunsch für Alexander Zverev

Ich wünsche Alexander Zverev, dass er solche professionelle Hilfe findet, und möchte ihm Nahe legen, sich Zeit zu nehmen. Wenn ich höre, dass er bald wieder spielen möchte, beunruhigt mich dieses Vorhaben. Zeit und Abstand sind hilfreiche Faktoren, um sich über Ziele, Motivationen klar zu werden und um Freude wieder empfinden zu können und ausreichend Lebensenergie zu finden. Auf diesem Weg viel Kraft.

Mehr zum Thema:

Quellen:

https://www.eurosport.de/tennis/wimbledon/2025/alexander-zverev-gestaendnis-mentale-probleme-carlos-alcaraz-und-belinda-bencic-mit-zuspruch_sto23198479/story.shtml

https://www.waz.de/sport/article409407521/erschuetternde-zverev-worte-nach-wimbledon-aus-fuehle-mich-allein.html

https://www.zdfheute.de/sport/tennis-mentale-probleme-zverev-djokovic-depressionen-rublev-100.html

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Sommer, Sonne, Sportpsychologie

In den meisten Sportarten bietet der Sommer eine gern gesehene kleine Verschnaufpause. Aber: die kommende Saison oder die nächste Herausforderung ist meist nicht weit weg. Gleiches gilt für die sportpsychologische Eventplanung. Schon bald steht einiges bevor. Entsprechend haben wir einige Veranstaltungen ausgewählt, die wir euch in den kommenden Wochen ans Herz legen.

Zum Thema: Veranstaltungstipps

Mental Power Day

Organisiert von unserem Profilinhaber Norbert Lewinski (zum Profil) lockt der Mental Power Day im September nach Mecklenburg-Vorpommern. Im Netzwerk nutzen wir den Freitag vor dem Hauptevent zu einer Fortbildung zum Thema Neuro- und Biofeedback (du willst ins Netzwerk eintreten – hier mehr Infos).

Datum: Samstag, 20. September 2025
Uhrzeit: 10:00 – 15:00 Uhr
Ort: Sportgymnasium Neubrandenburg, Schwedenstraße 22, 17033 Neubrandenburg

Tickets: kostenlos (vorherige Anmeldung per Mail wird vorausgesetzt: info@sc-neubrandenburg.de

Mehr Infos: https://www.sc-neubrandenburg.de/veranstaltung/mental-power-day/

Tag der Sportpsychologie, Düsseldorf

Organisiert von Jürgen Walter lockt der Tag der Sportpsychologie wieder nach Düsseldorf. Mit dabei sind als Referierende zwei Experten aus unserem Netzwerk: Janosch Daul (zum Profil) und Björn Korfmacher (zum Profil)

Datum: Samstag, 27. September 2025
Uhrzeit: 09:15 – 16:00 Uhr
Ort: Deutsches Tischtennis-Zentrum, Borussia-Düsseldorf-Str. 1 · 40629 Düsseldorf

Tickets: € 129,00 (Frühbucher bis 31.07.2025: € 109,00)

Mehr Infos: https://www.verband-sportpsychologie.de

Tag der Sportpsychologie, Innsbruck

Wenn es so etwas wie einen Markenstreit um die Bezeichnung „Tag der Sportpsychologie“ gebe, hätte Dr. Dr. Chris Willis mit seinem Team wohl die Nase vorn. Denn Innsbruck ist eine echte Institution für die Sportpsychologie.

Datum: Freitag, 19. September 2025
Uhrzeit: 09:00 – 15:00 Uhr
Ort: TIROLER BILDUNGSINSTITUT GRILLHOF, Grillhofweg 100 A-6080 Igls-Vill

Tickets:  bis 21.08.2025: 150 Euro (…umfasst Eintritt, Tagungshandout und Mittagessen), ab 22.08.2025: 180 Euro (…umfasst Eintritt, Tagungshandout und Mittagessen)

Mehr Infos: https://www.praxistage.com

Mehr zum Thema:

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Prof. Dr. René Paasch: Mit Vertrauen führen – Wie Trainer:innen psychologische Sicherheit im Leistungssport aktiv gestalten können

Psychologische Sicherheit ist im Leistungssport keine Nebensache – sie ist eine unsichtbare Ressource, die über den Unterschied zwischen Teamdynamik und Teambruch entscheiden kann. Gerade im Basketball, wo Entscheidungen in Sekundenbruchteilen fallen, ist ein vertrauensvolles Klima oft der entscheidende Unterschied zwischen Mut und Zögern, zwischen Kollektivleistung und Einzelspielerei.

Ein bekanntes Beispiel lieferte die deutsche Basketballnationalmannschaft. Während der WM 2023 kam es zu einem offenen Konflikt zwischen Dennis Schröder und Daniel Theis – ein Streit, der medial Wellen schlug. Doch statt zu eskalieren, wurde die Auseinandersetzung zum Katalysator: Die Mannschaft nutzte die Spannungen, um sich auszurichten, auszusprechen und neu zu justieren. Das Ergebnis? Weltmeister. Solche Prozesse gelingen nur, wenn das Team ein Klima kennt, in dem Kritik nicht bedroht, sondern verbindet – in dem Fehler nicht bestraft, sondern reflektiert werden dürfen.

Zum Thema: Wie lässt sich so ein Klima konkret fördern?

1. Führung als psychologisches Modell: Vertrauen beginnt an der Spitze

Teams spiegeln ihre Führung, auch im Sport. Studien zeigen: Psychologische Sicherheit hängt maßgeblich vom Verhalten der Coaches ab (Fransen et al., 2020). Entscheidend ist dabei nicht nur, was gesagt wird, sondern wie.

Beispiel: Gordon Herbert, ehemaliger Headcoach des deutschen Basketballteams, war in kritischen Spielsituationen mehrfach zu beobachten, wie er Fehler nicht mit Körpersprache sanktionierte, sondern mit ruhiger Ansprache begleitete. Diese Haltung stärkt das Vertrauen der Spieler:innen, auch in Druckmomenten mutige Entscheidungen zu treffen.

Praxisimpulse für Trainer:innen:

  • Fehlerfreundlichkeit zeigen: Wenn du selbst einmal in der Taktik daneben gelegen hast, sprich es an. Ein, „Ich hätte früher rotieren lassen müssen“, kann Wunder wirken.
  • Aktives Zuhören leben: In der Halbzeit nicht nur reden, sondern auch fragen: „Was seht ihr gerade?“
  • Sicherheit durch Präsenz: In hitzigen Phasen mit ruhiger Körpersprache vermitteln: „Ich hab euch – auch jetzt.“

2. Strukturelle Verankerung: Sicherheit braucht Klarheit

Vertrauen ist nicht nur eine Beziehungssache, es ist auch eine Frage der Rahmenbedingungen. Klare Strukturen schaffen Orientierung und damit Sicherheit.

Beispiel: Bei den Golden State Warriors rotieren nicht nur Spielerpositionen, sondern auch bestimmte Verantwortungsträger im Training, sei es bei Warm-up-Leitung, Videoanalyse oder Gruppenfeedback. Diese Rituale stärken nicht nur Selbstwirksamkeit, sondern auch das Gefühl: Ich werde gebraucht.

Praxisimpulse:

  • Rollen explizit machen: Wer ist für was zuständig? Wer kommuniziert auf dem Feld, wer in der Kabine?
  • Feedbackformate etablieren: z. B. „60 Sekunden Reflexion“ nach jeder Einheit mit Karten oder in Kleingruppen.
  • Verantwortung teilen: Heute organisiert der Co-Captain das Abschlussspiel. Morgen jemand aus der zweiten Fünf.

3. Kommunikation kultivieren: Sprache formt das Klima

In einem NBA-Spiel sind in 24 Sekunden unzählige Abstimmungen notwendig. Wer in dieser Zeit Angst hat, einen Fehler „falsch“ zu kommunizieren, schweigt. Und Schweigen erzeugt Unsicherheit.

Beispiel: Chris Paul, langjähriger NBA-Point Guard, ist bekannt für seine Art, auch jüngere oder neue Mitspieler mit wertschätzender Kommunikation zu führen. Er fragt nach, paraphrasiert („You saw the screen coming from left?“), gibt sofort positives Feedback – selbst wenn der Spielzug scheiterte, aber mutig war.

Praxisimpulse:

  • Konstruktive Sprache üben: „Danke für deinen Impuls, auch wenn es nicht aufgegangen ist.“
  • Perspektiven einholen: „Wie hast du den Switch erlebt?“ – fördert Dialog statt Bewertung.
  • Schweiger:innen einbinden: „Was ist dir aufgefallen?“, statt immer nur dieselben Wortführer zu hören.

4. Teamprozesse gestalten: Beziehung als Trainingsinhalt

Ein Basketballteam ist ein soziales Hochleistungsnetzwerk. Psychologische Sicherheit entsteht dort, wo Beziehungen gepflegt werden – nicht nur Spielzüge.

Beispiel: Im Programm „Nationalmannschaft NextGen“ werden Peer-Coachings zwischen jüngeren und erfahreneren Spielern eingesetzt. Ein 19-jähriger diskutiert Videoanalyse mit einem gestandenen Bundesliga-Profi – auf Augenhöhe. Das stärkt Selbstbewusstsein und Dialogfähigkeit beider.

Praxisimpulse:

  • Trainingsreflexion im Duo: „Was war dein wichtigster Lerneffekt heute?“
  • Zielentwicklung gemeinsam: „Was ist unser Teamziel fürs nächste Spiel – über den Score hinaus?“
  • Verantwortung rotieren: Heute spricht ein Spieler den Impuls vor dem Spiel. Morgen übernimmt jemand anders das Warm-up-Ritual.

5. Best Practice: Gelebte Sicherheit als Erfolgsfaktor

Beispiel NBA: Steve Kerr, Coach der Golden State Warriors, sprach in einem Interview offen über seine Fehlerkultur: „Wenn ich falsch gecoacht habe, sag ich es meinem Team, sonst erwarten sie auch nicht, dass sie ehrlich sind.“ Diese Haltung hat eine der erfolgreichsten Teamdynamiken der letzten Dekade mitgeprägt.

Beispiel DBB-Team: Nach dem WM-Titel betonten mehrere Spieler, wie sehr sie sich untereinander auf emotionale Unterstützung verlassen konnten, selbst bei schwächeren Phasen. Johannes Voigtmann sagte: „Wir durften Schwächen zeigen, ohne sie verstecken zu müssen.“ Genau das ist psychologische Sicherheit.

Fazit: Psychologische Sicherheit ist keine nette Idee, sie ist ein Leistungstreiber

Trainer:innen, die konsequent auf Transparenz, Beziehung und Fehlerfreundlichkeit setzen, schaffen mehr als nur ein gutes Klima. Sie ermöglichen mutige Entscheidungen, ehrliches Feedback, echten Teamgeist. Und genau das ist es, was in engen Spielen den Unterschied macht – im Basketball wie im Leben.

Ausblick: Im nächsten Beitrag werfen wir einen Blick auf Barrieren für psychologische Sicherheit im Sport: Leistungsdruck, starre Hierarchien, Angstkultur und wie sie mit sportpsychologischen Strategien gezielt durchbrochen werden können.

Dieser Beitrag ist im Netzwerk in Zusammenarbeit entstanden:

Mehr zum Thema:

Literaturverzeichnis 

  • Edmondson, A. C. (2004). Learning from mistakes is easier said than done: Group and organizational influences on the detection and correction of human error. Journal of Applied Behavioral Science, 40(1), 66–90. https://doi.org/10.1177/0021886304263849

Fransen, K., Vanbeselaere, N., De Cuyper, B., Vande Broek, G., & Boen, F. (2020). How leaders shape team effectiveness: The role of empowering team climates. Journal of Sport and Exercise Psychology, 42(3), 144–156.

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