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Prof. Dr. René Paasch: Wie Positive Organizational Scholarship den Fußballverein transformieren kann

Fußball ist weit mehr als ein bloßes Spiel; er verkörpert Leidenschaft, Kultur und für zahlreiche Menschen eine Lebensweise. In einer Zeit, die von stetigem Stress und negativen Nachrichten geprägt ist, eröffnet die Positive Organizational Scholarship (POS) einen inspirierenden und neuartigen Zugang zur Förderung des Wohlbefindens und der Leistungsfähigkeit innerhalb von Organisationen. Doch wie lässt sich diese wissenschaftliche Disziplin auf einen Fußballverein übertragen? Genau diese Frage untersucht mein neuester Blogbeitrag.

Zum Thema: Positive Organizational Scholarship im Fußball

Positive Organizational Scholarship (POS) ist ein Konzept, das von Kim Cameron und seinen Mitstreitern entwickelt und definiert wurde. Es konzentriert sich auf die Förderung positiver Prozesse und Ergebnisse in Organisationen und umfasst die wissenschaftliche Erforschung von Faktoren, die zu außergewöhnlichen individuellen und organisatorischen Leistungen führen, wie z.B. die Entwicklung menschlicher Stärken, Resilienz und Vitalität (Cameron & Caza, 2004). 

Dabei bezieht sich „positiv“ auf fördernde Prozesse und Ergebnisse in Organisationen, „organizational“ auf die zwischenmenschlichen und strukturellen Dynamiken, die in und durch Organisationen aktiviert werden, und „scholarship“ auf die wissenschaftliche, theoretisch abgeleitete und rigorose Erforschung des Positiven in Organisationen.

POS in der Praxis: Erfolgsbeispiele aus Barcelona, Liverpool und Ajax Amsterdam

Ein anschauliches Beispiel für die erfolgreiche Anwendung von POS im Fußball ist der FC Barcelona. Der Verein legt großen Wert auf die Förderung junger Talente in seiner berühmten Akademie „La Masia“. Diese Akademie ist nicht nur ein Trainingszentrum für Fußballtechniken, sondern auch ein Ort, an dem die ganzheitliche Entwicklung der Spieler bzw. der Spielerinnen im Vordergrund steht. In „La Masia“ werden die jungen Talente nicht nur sportlich, sondern auch auf persönlicher Ebene gefördert. Es wird großer Wert auf ihre schulische Ausbildung, soziale Fähigkeiten und charakterliche Entwicklung gelegt. Die Spieler*innen lernen Disziplin, Teamarbeit und Verantwortung, was ihnen nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch im Leben außerhalb des Sports zugutekommt. Diese Herangehensweise hat dem FC Barcelona nicht nur zahlreiche Titel eingebracht, sondern auch eine tiefe Verbundenheit und Loyalität der Spieler*innen gegenüber dem Verein geschaffen. Spieler wie Lionel Messi, Xavi Hernandez und Andres Iniesta sind herausragende Beispiele dafür, wie diese Philosophie Früchte trägt. Sie haben große Teile ihrer Karriere im Verein verbracht und eine Ära des Erfolgs mitgestaltet, die weltweit Anerkennung findet. Der FC Barcelona zeigt auch eine hohe Bereitschaft zur Innovation und Anpassungsfähigkeit. Der Verein hat moderne Trainingsmethoden und Technologien in seinen Alltag integriert, um die Leistung der Spieler zu optimieren. Die Nutzung von Datenanalysen zur Verbesserung von Spielstrategien und individuellen Trainingsprogrammen ist ein weiterer Beweis für Barcelonas Engagement für Exzellenz. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die enge Verbindung zu den Fans. Der FC Barcelona fördert aktiv die Einbindung seiner Anhänger und schafft so ein Umfeld, in dem die Spieler zusätzliche Motivation und Rückhalt finden. Die Fans des Vereins sind weltweit bekannt für ihre Leidenschaft und Loyalität, was zu einer einzigartigen Atmosphäre in ihrem Heimstadion, dem Camp Nou, beiträgt.

Liverpool FC unter der Leitung von Jürgen Klopp hat eine ganzheitliche Herangehensweise zur Entwicklung seiner Spieler etabliert. Dabei werden nicht nur technische und taktische Fähigkeiten trainiert, sondern auch psychologische und soziale Aspekte berücksichtigt. Klopp legt großen Wert darauf, dass sich die Spieler in einem positiven Umfeld wohlfühlen und ihre individuellen Stärken gefördert werden. Klopp hat eine Kultur des Vertrauens und der Offenheit geschaffen, in der die Spieler ihre Meinung äußern und sich gegenseitig unterstützen können. Dies führt zu einem starken Teamgeist und einer positiven Psychologie innerhalb der Mannschaft. Die Spieler sind nicht nur Teamkollegen, sondern auch Freunde, was den Zusammenhalt und die Leistungsfähigkeit auf dem Platz stärkt. Ein zentraler Aspekt des Erfolgs von Liverpool FC ist der starke Teamgeist und die positive Psychologie. Diese Kultur hat maßgeblich zu den jüngsten Erfolgen des Vereins beigetragen, einschließlich des Gewinns der Champions League 2019 und der Premier League 2020. Die Spieler sind in der Lage, in Drucksituationen Ruhe zu bewahren und sich gegenseitig zu motivieren. Liverpool FC hat in den letzten Jahren auch durch seine Innovationsfreude und Anpassungsfähigkeit überzeugt. Der Verein setzt moderne Trainingsmethoden, Analysen und Technologien ein, um die Leistungsfähigkeit der Spieler zu optimieren. Diese Bereitschaft zur Innovation hat dazu beigetragen, dass Liverpool stets konkurrenzfähig bleibt und sich an die sich ständig verändernden Anforderungen des modernen Fußballs anpasst. Ein weiterer wichtiger Faktor ist der starke Gemeinschaftssinn innerhalb des Vereins und die enge Bindung zu den Fans. Anfield, das Heimstadion von Liverpool, ist bekannt für seine einzigartige Atmosphäre und die leidenschaftliche Unterstützung der Fans. Der Verein fördert aktiv die Einbindung der Anhänger und schafft so ein Umfeld, in dem die Spieler zusätzliche Motivation und Rückhalt finden.

Ajax Amsterdam ist bekannt für seine herausragende Jugendausbildung. Die berühmte Ajax-Akademie legt großen Wert auf die ganzheitliche Entwicklung der Spieler, wobei nicht nur technische Fähigkeiten, sondern auch Werte wie Disziplin, Respekt und Teamgeist vermittelt werden. In der Ajax-Akademie werden die Spieler auf und neben dem Platz gefördert. Die Trainer und Betreuer arbeiten eng mit den Spielern zusammen, um ihre individuellen Stärken zu entwickeln und sie auf die Herausforderungen des Profifußballs vorzubereiten. Diese persönliche Betreuung sorgt dafür, dass die Spieler ihr volles Potenzial ausschöpfen können. Spieler wie Johan Cruyff, Marco van Basten und Matthijs de Ligt sind Produkte dieser Philosophie und stehen für den nachhaltigen Erfolg des Vereins. Diese Spieler haben nicht nur in Ajax, sondern auch auf internationaler Ebene große Erfolge gefeiert und sind für ihre Technik, Disziplin und Führungsqualitäten bekannt. Der Verein hat immer wieder gezeigt, dass er bereit ist, neue Methoden und Ansätze zu integrieren, um den sportlichen Erfolg zu sichern. Dies umfasst innovative Trainingsmethoden, die Nutzung moderner Technologien und die Anpassung an neue Spielstile. Diese Innovationsfreude und Anpassungsfähigkeit sorgen für eine kontinuierliche Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit des Teams auf internationalem Niveau. Die positive Atmosphäre innerhalb des Vereins wird durch den starken Gemeinschaftssinn gefördert. Ajax legt großen Wert auf die Einbindung ehemaliger Spieler und die Schaffung eines familiären Umfelds, in dem sich die Spieler wohlfühlen und ihre besten Leistungen abrufen können. Diese Werte sind tief in der Vereinsphilosophie verankert und tragen maßgeblich zum langfristigen Erfolg bei.

Nachdem wir die theoretischen Grundlagen geklärt haben, werfen wir nun einen Blick auf konkrete Beispiele aus der Praxis.

Anwendung im Fußballverein

Ein Fußballverein stellt nicht lediglich ein sportliches Team dar, sondern eine vielschichtige Organisation, die aus verschiedenen Ebenen besteht: der Organisationsebene, der Teamebene und der Individualebene. Jede dieser Ebenen spielt eine entscheidende Rolle für den Gesamterfolg des Vereins. Die Organisationsebene umfasst die strukturellen und administrativen Aspekte des Vereins, einschließlich der strategischen Planung, des Managements und der Logistik. Hier werden wichtige Entscheidungen getroffen, die die Richtung und Entwicklung des gesamten Vereins beeinflussen. Die Teamebene betrifft die Dynamik innerhalb der Mannschaft, die Interaktion zwischen den Spielern und dem Trainerstab sowie die Entwicklung von Teamgeist und Zusammenhalt. Auf dieser Ebene ist die Förderung von Kommunikation, Vertrauen und gemeinsamer Zielsetzung von zentraler Bedeutung. Die Individualebene konzentriert sich auf die persönliche Entwicklung jedes einzelnen Spielers. Dies umfasst nicht nur die Verbesserung technischer und taktischer Fähigkeiten, sondern auch die Förderung psychologischer und sozialer Kompetenzen. Durch gezielte Unterstützung und individuelles Coaching kann das volle Potenzial jedes Spielers entfaltet werden. 

Durch die Implementierung der Prinzipien der Positiven Organisationalen Sozialisation (POS) können all diese Ebenen signifikant gestärkt werden. POS-Prinzipien betonen die Bedeutung von positivem Feedback, Anerkennung und einer unterstützenden Umgebung. Auf der Organisationsebene führt dies zu einer Kultur des Vertrauens und der Offenheit, in der Innovation und kontinuierliche Verbesserung gefördert werden. Auf der Teamebene trägt eine positive Feedbackkultur dazu bei, dass Spieler ihre Stärken erkennen und weiterentwickeln können, was zu einem stärkeren Zusammenhalt und besserer Leistung auf dem Spielfeld führt. Auf der Individualebene unterstützt POS die ganzheitliche Entwicklung der Spieler, indem es nicht nur ihre sportlichen Fähigkeiten, sondern auch ihre persönlichen und sozialen Kompetenzen fördert. Studien belegen, dass Teams, die eine solche positive Feedbackkultur pflegen, resilienter und erfolgreicher sind (Cameron, 2008). Dies zeigt, dass der Fokus auf positive soziale Interaktionen und die Schaffung eines unterstützenden Umfelds nicht nur theoretische Konzepte sind, sondern praktische und messbare Vorteile für den Verein bringen. Ein Fußballverein, der die Prinzipien der POS integriert, kann somit nicht nur sportlichen Erfolg erzielen, sondern auch eine nachhaltige und positive Organisationskultur schaffen, die langfristig zum Wohl aller Beteiligten beiträgt.

1. Organisationsebene

Auf der Organisationsebene kann POS dazu beitragen, eine positive Kultur innerhalb des Vereins zu fördern. Eine solche Kultur legt den Fokus auf positive Bewertungen und Ergebnisse, die das Engagement und die Zufriedenheit der Mitarbeiter (Trainer, Betreuer, Verwaltung) erhöhen. Ein positiver Verein hat auch eine stärkere Anziehungskraft auf neue Talente und kann so sein „Employer Branding“ verbessern (Nilsson, 2015).

Ziel: Förderung einer positiven Kultur innerhalb des Vereins, Verbesserung der strukturellen und administrativen Prozesse, Steigerung des Engagements und der Zufriedenheit der Mitarbeiter*innen

Wöchentliche Reflexionsfragen:

  • Welche positiven Veränderungen habe ich in der letzten Woche in der Vereinsstruktur oder den administrativen Abläufen beobachtet?
  • Wie habe ich in dieser Woche zu einer Kultur des Vertrauens und der Offenheit beigetragen?
  • Welche Entscheidungen habe ich getroffen, die das langfristige Wohl des Vereins fördern?
  • Welche innovativen Ideen oder Technologien habe ich in dieser Woche in den Verein integriert?
  • Welche Maßnahmen habe ich ergriffen, um das Engagement und die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu erhöhen?

Aktionsplan:

  • Notieren Sie mindestens drei spezifische Maßnahmen, die Sie in der kommenden Woche ergreifen werden, um eine positive Kultur zu fördern.

Überlegen Sie, wie Sie Mitarbeiterfeedback systematisch sammeln und in Entscheidungen einfließen lassen können.

Planen Sie regelmäßige Meetings ein, um innovative Ideen zu besprechen und zu implementieren.

2. Teamebene

Innerhalb der Mannschaft kann POS die Zusammenarbeit und das Vertrauen unter den Spielern stärken. Ein zentrales Konzept ist hier die „positive Bewertung“, die darauf abzielt, Stärken zu erkennen und zu fördern, anstatt Schwächen zu kritisieren. Dies führt zu einer erhöhten Motivation und besseren Leistungen auf dem Platz. Studien zeigen, dass Teams, die eine positive Feedbackkultur pflegen, resilienter und erfolgreicher sind (Cameron, 2008).

Ziel: Stärkung des Teamgeists, Verbesserung der Zusammenarbeit und des Vertrauens unter den Spielern, Förderung einer positiven Feedbackkultur.

Wöchentliche Reflexionsfragen:

  • Wie habe ich in dieser Woche die Kommunikation innerhalb des Teams gefördert?
  • Welche positiven Interaktionen oder Momente der Zusammenarbeit habe ich beobachtet?
  • Wie habe ich die individuellen Stärken der Spieler erkannt und gefördert?
  • Welche positiven Rückmeldungen habe ich gegeben und wie wurden sie aufgenommen?
  • Wie habe ich auf Konflikte oder Herausforderungen im Team reagiert und diese gelöst?

Aktionsplan:

  • Notieren Sie mindestens drei spezifische Maßnahmen, die Sie in der kommenden Woche ergreifen werden, um die Teamdynamik zu stärken.
  • Planen Sie regelmäßige Team-Building-Aktivitäten ein, um den Zusammenhalt zu fördern.
  • Überlegen Sie, wie Sie eine Kultur der positiven Rückmeldung systematisch etablieren können.

3. Individualebene

Für die einzelnen Spieler bedeutet POS, dass ihre persönliche Entwicklung gefördert wird. Dies umfasst nicht nur ihre sportlichen Fähigkeiten, sondern auch ihre mentale und psychische Gesundheit. Spieler, die sich in einem positiven Umfeld befinden, sind kreativer, weniger anfällig für Verletzungen und Fluktuation und zeigen insgesamt bessere Leistungen (Cameron et al., 2003).

Ziel: Förderung der persönlichen Entwicklung jedes einzelnen Spielers, Verbesserung der sportlichen, mentalen und psychischen Gesundheit.

Wöchentliche Reflexionsfragen:

  • Wie habe ich in dieser Woche zur persönlichen Entwicklung der Spieler beigetragen?
  • Welche Fortschritte habe ich bei den individuellen Fähigkeiten der Spieler beobachtet?
  • Wie habe ich die mentale und psychische Gesundheit der Spieler unterstützt?
  • Welche positiven Rückmeldungen habe ich einzelnen Spielern gegeben?
  • Wie habe ich Spieler ermutigt, ihre persönlichen Ziele und Herausforderungen zu reflektieren und zu verfolgen?

Aktionsplan:

– Notieren Sie mindestens drei spezifische Maßnahmen, die Sie in der kommenden Woche ergreifen werden, um die individuelle Entwicklung der Spieler zu fördern.

– Planen Sie regelmäßige Einzelgespräche ein, um die persönlichen Ziele und Fortschritte der Spieler zu besprechen.

– Überlegen Sie, wie Sie systematisch individuelles Feedback und Coaching anbieten können.

Fazit

Die Anwendung der Prinzipien der POS in einem Fußballverein kann zu weitreichenden positiven Veränderungen führen. Von der Organisationsebene über die Teamdynamik bis hin zur individuellen Entwicklung bietet POS Werkzeuge und Ansätze, die das Wohlbefinden und die Leistung steigern. Dies zeigt, dass der Fokus auf das Positive nicht nur eine theoretische Idee ist, sondern praktische und messbare Ergebnisse liefert.

Take Home Message

Positive Organizational Scholarship (POS) bietet Fußballvereinen einen innovativen und wissenschaftlich fundierten Ansatz zur Steigerung des Wohlbefindens und der Leistungsfähigkeit. Durch die Anwendung von POS-Prinzipien können auf der Organisations-, Team- und Individualebene signifikante positive Veränderungen erzielt werden. Eine Kultur des positiven Feedbacks, der Anerkennung und der Unterstützung führt zu einer stärkeren Verbundenheit, höherer Resilienz und besserer Performance sowohl bei den Spielern als auch im gesamten Verein. POS ermöglicht es Fußballvereinen, nicht nur sportliche Erfolge zu feiern, sondern auch eine nachhaltige und positive Organisationskultur zu schaffen, die langfristig zum Wohl aller Beteiligten beiträgt.

Mehr zum Thema:

Literatur

1. Cameron, K. S.; Caza, A. (2004): Introduction: Contributions to the discipline of Positive Organizational Scholarship. In American Behavioral Scientist 47 (6), pp. 731–739. DOI: 10.1177/0002764203260207.

2. Cameron, K. S.; Dutton, J. E.; Quinn, R. E. (2003): An Introduction to Positive Organizational Scholarship. In Kim S. Cameron, J. E. Dutton, R. E. Quinn (Eds.): Positive Organizational Scholarship. San Francisco: Berrett-Koehler, pp. 3–13.

3. Cameron, K. S. (2008): Paradox in positive organizational change. In The Journal of Applied Behavioral Science 44 (1), pp. 7–24. DOI: 10.1177/0021886308314703.

4. Nilsson, S. (2015): The impact of Positive Organizational Scholarship on company performance. Journal of Business Research, 68(4), 803-810.

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Wolfgang Seidl: IRONMAN hautnah – Die vielfältige Rolle des Mentalcoaches

Schon seit 2012 arbeite ich als Mentalcoach mit dem Ironman-Profi Michael Weiss zusammen und durfte ihn in dieser Zeit schon bei vielen Wettkämpfen in Europa, Südafrika und den USA begleiten. Aus der engen Zusammenarbeit ist inzwischen nicht nur ein professionelles Verhältnis, sondern auch eine Freundschaft entstanden. In diesem Beitrag will ich an unserem Beispiel zeigen, wie unsere Zusammenarbeit funktioniert – entstanden ist ein Protokoll über sechs Tage sportpsychologischer Arbeit.

Zum Thema: Arbeitsprotokoll eines Mentalcoaches beim Ironman Kopenhagen 2025

Im August 2025 durfte ich ihn sechs Tage lang zum Ironman Kopenhagen begleiten – nicht nur als Mentalcoach, sondern wie bei allen unseren Reisen in vielen weiteren Rollen, die im Verlauf eines solchen Wettkampfes entscheidend sein können. Denn die mentale Betreuung endet nicht am Rand der Strecke oder in den Gesprächen vor dem Start. Vielmehr geht es darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem der Athlet seine volle Leistungsfähigkeit entfalten kann. Mal bedeutet das, ein offenes Ohr für Zweifel und Gedanken zu haben, mal aber auch, für Organisation, Struktur und eine ruhige Atmosphäre zu sorgen. So wechselte ich in dieser intensiven Woche zwischen meinen Rollen als Coach, Betreuer, Chauffeur, Koch, Kameramann und Manager hin und her. 

Das Rennen in Dänemark war auch deshalb besonders, weil ein weiterer Athlet mit uns nach Kopenhagen reiste, den Michael Weiss mittlerweile selbst als Coach betreut. Das veränderte die Dynamik – aus der engen Zusammenarbeit entstand nicht nur ein stärkeres Vertrauensverhältnis zum Profi, sondern auch ein Gefühl von Team und Freundschaft, das weit über den Wettkampf hinausgeht. Hinzu kommt: Wir wohnen bei unseren Reisen meist in einem großen Airbnb mit Küche, um uns selbst zu verpflegen und dadurch auf die besonderen Bedürfnisse für den Athleten eingehen zu können. 

Protokoll

In diesem Protokoll möchte ich zeigen, wie vielfältig die Aufgaben eines Mentalcoaches im Leistungssport sein können, und wie wichtig es ist, die Theorie der Sportpsychologie in den Alltag und die Praxis eines Rennens zu übersetzen.

Tag 1 – Anreise & Vorbereitung

  • Ankunft in Kopenhagen
  • Mietauto abholen und Fahrt zur Unterkunft 
  • Einkauf für die nächsten Tage erledigen (Fokus auf qualitative Bio-Lebensmittel)
  • Kochen – Abendessen – Abwasch
  • Mentales Check-in mit dem Athleten: Stimmung, Erwartungen, Fokus
Wolfgang Seidl (links) bei der Arbeit. Bilder: Wolfgang Seidl

Tag 2 – Rad Strecke Besichtigung & Feinschliff

  • Frühstück
  • Persönliche Arbeit während die Athleten ihre Bikes zusammenbauen
  • Besichtigung der Radstrecke (ich mit dem Auto, die Athleten größtenteils mit dem Rad)
  • Fotos zwischendurch für Social Media
  • Kochen – gemeinsames Essen – Abwasch
  • Tagesreflexion und Ausblick und Programm für morgen

Tag 3 – Pro Meeting und Schwimmtraining & Fußball Match

  • Frühstück
  • Fahrt zum Pro-Meeting (währenddessen Einkauf erledigen)
  • Fahrt zum Schwimm-Training 
  • Kochen – Mittagessen – Relax
  • Werbevideo für Sponsor
  • freier Abend für mich: Fußball-Match FC Nordsjælland gegen F.C. København
  • Abend: Mentale Gespräche
Wolfgang Seidl beim Besuch eines Fußballspiels. Bilder: Wolfgang Seidl

Tag 4 – Bike Check In & Strategie Besprechung

  • Frühstück
  • während des Trainings der Profis – private Arbeiten/Telefonate für mich
  • Kochen – Mittagessen – Abwasch – Relax
  • Fahrt zum Bike Check In und Fotos für Social Media
  • Fotos für Sponsoren 
  • Kochen – gemeinsames Abendessen – Abwasch
  • mentale Rennstrategie: Besprechung und Abläufe für Renntag

Tag 5 – Race Day

  • Tagwache um 3:30
  • Frühstück + Sachen ins Auto bringen (Wechselsäcke, Pumpe, AfterRace Sachen, etc.)
  • Fahrt zum Renngelände + danach Auto umparken und zum gemeinsamen Treffpunkt
  • Unterstützung beim Aufwärmen und Toilettenplatz reservieren 😉
  • Unterstützung vor dem Schwimmstart 
  • während des Schwimmens die Zeiten am Tracker verfolgen um den Athleten mit Renninfos versorgen
  • nach T1 geht es bei mir mit dem Auto in die Stadt, um in der Nähe von T2 einen Parkplatz zu finden
  • vertraut machen mit der Laufstrecke und zwischendurch immer wieder am Tracker die Zeiten prüfen
  • Coaching auf Laufstrecke (vereinbarte Infos übermitteln, pushen, etc.)
  • im heutigen Fall: Michael Weiss steigt nach 13 Laufkilometern aus dem Rennen aus – passende Worte finden
  • Betreuung nach dem Rennen
  • Zielbereich, um seinen Athleten zu begrüßen
  • während Athleten ihr Bike auschecken, Auto holen und nahe dran einen Parkplatz finden
  • Rückfahrt zur Unterkunft
  • Abendessen bei Freunden und erste Renn-Reflexion

Tag 6 – Nachbesprechung & Rückreise

  • Frühstück
  • Reflexionsgespräch: Rennverlauf, Emotionen, Learnings
  • Koffer packen
  • zweiten Athleten zum Flughafen bringen
  • Familie des Athleten von der U-Bahn abholen und zur Unterkunft bringen 
  • Relaxen und letzte Erledigungen in der Unterkunft
  • Sightseeing und Mittagessen
  • Koffer von der Unterkunft abholen und zum Flughafen
  • Mietauto zurückgeben
  • Rückflug

Abschließende Reflexion

Die Tage in Kopenhagen haben mir erneut gezeigt, dass Mentalcoaching im Spitzensport weit mehr ist als das reine Arbeiten mit Gedanken, Emotionen und Routinen. Es geht darum, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich der Athlet ganz auf seine Leistung konzentrieren kann, egal ob durch gezielte mentale Übungen, eine strukturierte Tagesplanung oder schlicht durch kleine Handgriffe im Alltag.

Als Mentalcoach war ich in diesen sechs Tagen nicht nur Begleiter, sondern auch Betreuer, Organisator, Koch, Kameramann, Chauffeur und manchmal Problemlöser für unerwartete Situationen. Genau diese Vielseitigkeit macht die Arbeit so spannend und wertvoll: Sie zeigt, dass mentale Stärke nicht isoliert entsteht, sondern im Zusammenspiel mit dem gesamten Umfeld. Das Protokoll verdeutlicht, wie eng Praxis und Theorie der Sportpsychologie miteinander verknüpft sind – und wie wichtig es ist, diese Brücke im Leistungssport aktiv zu gestalten.

Mehr zum Thema:

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Fortbildungen im Fokus

Die Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland (asp) bietet zwei hoch interessante Online-Fortbildungen an. Die Anmeldungen für die Events sind ab sofort möglich. Hinweis: Die Veranstaltung zum Thema Selbstvertrauen wird von Yvonne Dathe (zum Profil) aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen umgesetzt.

Zum Thema: Veranstaltungstipps

Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen
Yvonne Dathe, Die Sportpsychologen

Yvonne Dathe: Von der Unsicherheit zur Stärke – Selbstvertrauen aufbauen – online

Viele Sportler*innen hadern mit ihrem Selbstvertrauen. Zu manchen Zeiten strotzen sie vor Selbstvertrauen, dann passiert etwas und das Selbstvertrauen ist weg. Die Fähigkeiten sind nach wie vor vorhanden, nur eben das Selbstvertrauen nicht.

Als Sportpsycholog*innen werden wir häufig zum Thema Selbstvertrauen beauftragt. Deshalb ist es wichtig hier Strategien und Möglichkeiten im eigenen Handwerk zur Hand zu haben.

Datum: Mittwoch, 24. September 2025 und Mittwoch, 1. Oktober 2025
Uhrzeit: jeweils 09:00 – 12:00 Uhr

Fortbildungspunkte: 5 Punkte für den Verbleib auf der asp-Expert:innendatenbank

Kosten: 119€ für asp/SASP/ÖBS Mitglieder 129€ für alle anderen Interessierte

Anmeldung: Anmeldung über die Geschäftsstelle der asp, bitte mit Rechnungsanschrift:
fortbildung@asp-sportpsychologie.org

Mehr Infos: https://www.asp-sportpsychologie.de/angewandte-sportpsychologie/aus-fortbildung/fortbildungen-fuer-angewandt-arbeitende-sportpsychologinnen

Dr. Valeria Eckardt und Annette Link: Fortbildung Elternarbeit im (Spitzen-)Sport – online

Der zweite Teil der Fortbildungsreihe „Elternarbeit im (Spitzen-)Sport“ stellt eine Vertiefung der theoretischen und methodischen Grundlagen dar. Es werden Inhalte und Methoden für die individuelle Arbeit mit Eltern (z. B. Beratung/Coaching) sowie Workshopformate vermittelt und erarbeitet. Der erste Teil dieser Veranstaltungsserie fand am 22. März 2025 statt.

Schwerpunkte der Veranstaltung liegen auf folgenden Themenbereichen:

  • Welche persönlichen Erfahrungen in der Arbeit mit Eltern möchte ich einbringen, reflektieren und diskutieren?
  • Wie kann ich als Sportpsycholog*in kompetent auf Anliegen von Eltern reagieren?
  • Wie kann ich das Konzept der „Elterlichen Präsenz“ in Gesprächen mit Eltern nutzen?
  • Wie können Eltern über Workshops im (Spitzen-)Sport beteiligt werden?
  • Was sollte ich bei der Konzeption von Workshops für Eltern beachten?

Zusätzlich besteht die Möglichkeit, eigene Fallbeispiele einzubringen, gemeinsam zu diskutieren und zu reflektieren. Wer gerne ein eigenes Fallbeispiel einbringen möchte, sollte sich bis spätestens zwei Wochen vor der Veranstaltung bei Annette Link und Dr. Valeria Eckardt melden.

Datum: Samstag, 11. Oktober 2025
Uhrzeit: 09:30 – 15:30 Uhr

Fortbildungspunkte: 8 Punkte für den Verbleib auf der asp-Expert:innendatenbank

Kosten: 119€ für asp/dvs/SASP/ÖBS/BÖP und BDP Mitglieder sowie 129€ für alle anderen Interessierten

Anmeldung: bis 26.9.2025 mit Angabe der Rechnungsanschrift bei Anja Kröger office@asp-sportpsychologie.org (Die Teilnahme an der Fortbildung wird nach erfolgreicher Absolvierung des ersten Teils „Elternarbeit im (Spitzen-)Sport“ empfohlen; dies ist jedoch keine zwingende Voraussetzung.)

Mehr Infos: https://www.asp-sportpsychologie.de/angewandte-sportpsychologie/aus-fortbildung/fortbildungen-fuer-angewandt-arbeitende-sportpsychologinnen

Weitere Events:

Mental Power Day

Organisiert von unserem Profilinhaber Norbert Lewinski (zum Profil) lockt der Mental Power Day im September nach Mecklenburg-Vorpommern. Im Netzwerk nutzen wir den Freitag vor dem Hauptevent zu einer Fortbildung zum Thema Neuro- und Biofeedback (du willst ins Netzwerk eintreten – hier mehr Infos).

Datum: Samstag, 20. September 2025
Uhrzeit: 10:00 – 15:00 Uhr
Ort: Sportgymnasium Neubrandenburg, Schwedenstraße 22, 17033 Neubrandenburg

Tickets: kostenlos (vorherige Anmeldung per Mail wird vorausgesetzt: info@sc-neubrandenburg.de

Mehr Infos: https://www.sc-neubrandenburg.de/veranstaltung/mental-power-day/

Tag der Sportpsychologie, Düsseldorf 

Organisiert von Jürgen Walter lockt der Tag der Sportpsychologie wieder nach Düsseldorf. Mit dabei sind als Referierende zwei Experten aus unserem Netzwerk: Janosch Daul (zum Profil) und Björn Korfmacher (zum Profil

Datum: Samstag, 27. September 2025
Uhrzeit: 09:15 – 16:00 Uhr
Ort: Deutsches Tischtennis-Zentrum, Borussia-Düsseldorf-Str. 1 · 40629 Düsseldorf

Tickets: € 129,00 (Frühbucher bis 31.07.2025: € 109,00)

Mehr Infos: https://www.verband-sportpsychologie.de

Tag der Sportpsychologie, Innsbruck

Wenn es so etwas wie einen Markenstreit um die Bezeichnung “Tag der Sportpsychologie” gebe, hätte Dr. Dr. Chris Willis mit seinem Team wohl die Nase vorn. Denn Innsbruck ist eine echte Institution für die Sportpsychologie.

Datum: Freitag, 19. September 2025
Uhrzeit: 09:00 – 15:00 Uhr
Ort: TIROLER BILDUNGSINSTITUT GRILLHOF, Grillhofweg 100 A-6080 Igls-Vill

Tickets:  bis 21.08.2025: 150 Euro (…umfasst Eintritt, Tagungshandout und Mittagessen), ab 22.08.2025: 180 Euro (…umfasst Eintritt, Tagungshandout und Mittagessen)

Mehr Infos: https://www.praxistage.com

Mehr zum Thema:

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Kyle Varley und Iwo Walter: Schlaf als Faktor im Sport – Warum schlafen mindestens genauso wichtig ist wie trainieren

In der Welt des Sports ist lange bekannt, wie entscheidend regelmäßiges Training, mentale Stärke und die richtige Ernährung für unsere sportliche Leistung sind. Doch ein oft vergessener Faktor verdient mehr Aufmerksamkeit: unser Schlaf. Aus sportpsychologischer Sicht beeinflusst Schlaf nicht nur die physische Regeneration und unser Energielevel, sondern auch Konzentration, Motivation, Entscheidungsverhalten und emotionale Stabilität – alles Hauptbestandteile für sportlichen Erfolg (Fullagar et al., 2015).

Iwo Walter ist Co-Autor des Beitrags

Zum Thema: Was Sportler:innen zum Thema Schlaf wissen sollten

Schlaf ist ein aktiver Prozess, in dem sich der Körper erholt, Wachstumshormone ausschüttet und das Gehirn neue Informationen verarbeiten kann. Gerade im Hochleistungssport führt der Mangel an qualitativ hochwertigem Schlaf häufig zu einer verminderten Reaktionsfähigkeit, kognitiven Leistung und Entscheidungsqualität (Watson, 2017). Eine Studie an zehn gesunden jungen Männern zeigte, dass schon eine einzige Nacht mit zu wenig Schlaf die Sprintleistung, die Koordination und die subjektiv empfundene Anstrengung beeinflusst (Reilly & Edwards, 2007). Eine Forschungsgruppe der Stanford University untersuchte zudem die Wirkung von zusätzlichem Schlaf auf die sportliche Leistung. Basketballspieler, die über mehrere Wochen mindestens zehn Stunden Schlaf pro Nacht erhielten, konnten ihre Sprintgeschwindigkeit, Trefferquote und auch ihre Stimmung massgeblich verbessern (Mah et al., 2011). Interessant ist hierbei der psychologische Faktor: Die Spieler berichteten nicht nur von besserer Leistung, sondern auch von einem gesteigerten Selbstvertrauen und allgemein mehr Freude am Training.

Schlaf wirkt also direkt auf die emotionale Stabilität, Motivation und Stressverarbeitung. Schlafmangel erhöht die Aktivität der Amygdala – dem Hirnareal, das für emotionale Reaktionen wie Ärger oder Angst zuständig ist – und reduziert die Verbindung zum präfrontalen Kortex, der für rationale Entscheidungen zuständig ist (Yoo et al., 2007). Für Athlet:innen bedeutet das im Umkehrschluss eine höhere Reizbarkeit, mehr Wettkampfangst und eine geringere Fähigkeit zur Selbstregulation. Alle diese Faktoren können einen direkten negativen Einfluss auf die sportliche Leistung haben. Dabei spielt nicht nur die Schlafdauer, sondern insbesondere auch die Schlafqualität eine entscheidende Rolle für die körperliche und mentale Leistungsfähigkeit. So können beispielsweise Durchschlafstörungen oder ein Mangel an REM- und Tief-Schlaf trotz ausreichender Gesamtdauer zu Leistungsabfällen führen (Fullagar et al., 2015).

Wege zum besseren Schlaf

In der Sportpsychologie spielt Schlaf deshalb auch im mentalen Training eine zentrale Rolle. Entspannungsübungen, Schlafhygiene und der gezielte Einsatz von Einschlafroutinen können Athlet:innen helfen, eine bessere Schlafqualität zu erreichen. Methoden wie das Einführen eines Schlafprotokolls oder das Lernen von bestimmten Atemtechniken vor dem Einschlafen können nachweislich die Schlafdauer und -qualität deutlich verbessern (Lastella, Lovell, & Sargent, 2014). Wie Schlafforscherin und Psychologin Dr. Christine Blume von der Universität Basel unterstreicht, ist Schlaf weit mehr als reine Erholung – insbesondere mentale Faktoren wie der innere Leistungsdruck oder emotionale Anspannung beeinflussen unsere Schlafqualität stark und sind in einer Beratung gezielt zu berücksichtigen (Blume & Cajochen, 2020).

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liefert der ehemalige deutsche Fußballnationaltorwart Oliver Kahn, der stets betonte, wie zentral Schlaf für seine mentale Vorbereitung war. Er mied in den Tagen vor wichtigen Spielen elektronische Medien am Abend und etablierte feste Rituale wie Lesen und Atemübungen, um besser zur Ruhe zu kommen und in seinen regenerativen Schlaf zu finden (Kahn, 2008).

Schlaf als Baustein der Leistungsoptimierung

Eine Zusammenfassung verschiedener wissenschaftlicher Studien zeigt, dass Athlet:innen, die an Schlafstörungen leiden – beispielsweise durch Faktoren wie häufiges Reisen, starken Leistungsdruck oder hohe Trainingslast – ein erhöhtes Risiko für psychisches Leiden wie Depressionen oder Angststörungen aufzeigen (Gupta et al., 2017). Schlaf wird daher nicht nur als Erholungsfaktor, sondern auch als präventiver Schutzfaktor im Rahmen der sportpsychologischen Betreuung betrachtet. Besonders in der Phase vor wichtigen Wettkämpfen oder nach einer tiefgreifenden Verletzung kann ein verbesserter Schlaf nicht nur die körperliche Regeneration fördern, sondern unter anderem auch die emotionale Stabilität und Motivation wieder stärken. Der Schlaf ist damit kein passives Element der Regeneration, sondern ein aktiver Baustein sportlicher Leistungsoptimierung.

„Schlaf ist die beste Meditation.“

Dalai Lama

Mehr zum Thema:

Literatur:

Blume, C., & Cajochen, C. (2020). Schlafstörungen in modernen Gesellschaften: Ursachen, Folgen und Lösungsansätze. Somnologie, 24(3), 143–149. https://doi.org/10.1007/s11818-020-00244-7

Fullagar, H. H. K., Skorski, S., Duffield, R., Hammes, D., Coutts, A. J., & Meyer, T. (2015). Sleep and athletic performance: The effects of sleep loss on exercise performance, and physiological and cognitive responses to exercise. Sports Medicine, 45(2), 161–186. https://doi.org/10.1007/s40279-014-0260-0


Gupta, L., Morgan, K., & Gilchrist, S. (2017). Does elite sport degrade sleep quality? A systematic review. Sports Medicine, 47(7), 1317–1333. https://doi.org/10.1007/s40279-016-0650-6
Kahn, O. (2008). Ich. Erfolg kommt von innen. München: Riva Verlag.


Lastella, M., Lovell, G. P., & Sargent, C. (2014). Athletes’ precompetitive sleep behaviour and its relationship with subsequent precompetitive mood and performance. European Journal of Sport Science, 14(Suppl 1), S123–S130. https://doi.org/10.1080/17461391.2012.660505


Mah, C. D., Mah, K. E., Kezirian, E. J., & Dement, W. C. (2011). The effects of sleep extension on the athletic performance of collegiate basketball players. Sleep, 34(7), 943–950. https://doi.org/10.5665/SLEEP.1132


Reilly, T., & Edwards, B. (2007). Altered sleep–wake cycles and physical performance in athletes. Physiology & Behavior, 90(2-3), 274–284. https://doi.org/10.1016/j.physbeh.2006.09.017

Watson, A. M. (2017). Sleep and athletic performance. Current Sports Medicine Reports, 16(6), 413–418. https://doi.org/10.1249/JSR.0000000000000418

Yoo, S. S., Gujar, N., Hu, P., Jolesz, F. A., & Walker, M. P. (2007). The human emotional brain without sleep — a prefrontal amygdala disconnect. Current Biology, 17(20), R877–R878. https://doi.org/10.1016/j.cub.2007.08.007

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Frage und Antwort: Was tun, wenn eine Bewegung nicht funktioniert?

Die Situation scheint einfach: Ein junger BMX-Fahrer scheitert immer wieder am Backflip. In anderen Situationen, etwa auf dem Trampolin, ist die Bewegung kein Problem. Aber auf dem Rad und in der Halle funktioniert es nicht. Was lässt sich da tun, wurden wir über den für Sportler, Sportlerinnen, TrainerInnen und Eltern offenen Kanal “Frage und Antwort” gefragt? 

Zum Thema: Blockaden lösen

Anke Precht, Die Sportpsychologen
Anke Precht, Die Sportpsychologen

Antwort von: Anke Precht (zum Profil)

Pauschal auf die Frage zu antworten, ist immer ein bisschen abenteuerlich. Jeder Fahrer hat seine ganz eigenen Gründe (oder Blockaden), den Backflip nicht zu machen oder zu schaffen. Meistens liegt eine Angst darunter oder eine körperliche Zurückhaltung, bedingt entweder durch die Vorstellung möglicher Komplikationen oder Stürze, oder bedingt durch eine reale ungünstige Erfahrung aus der Vergangenheit, oder bedingt durch eine reale Erfahrung eines anderen Fahrers, die man beobachtet oder angeschaut hat, oder von der man gehört hat. 

Heißt: Hinter einem “einfachen” Problem im Training kann sich eine komplexe mentale Gemengelage befinden. Darum verstehen Sie die folgenden beiden Tipps als Möglichkeiten, die vielleicht helfen können, aber nicht müssen. Gegebenenfalls kann es sinnvoll, sich individuelle sportpsychologische Unterstützung zu holen, sogar vor Ort, um die Blockade zu lösen. Die von Dr. Michael Bohne entwickelte Methode des PEP kann zum Beispiel auch im Park durchgeführt werden, und mit einem erfolgreichen Backflip enden.

Die folgenden beiden Vorschläge kann der Sportler selbst durchführen, um zu schauen, ob einer davon den Backflip auslöst, den der Körper ja schon kann – auf dem Trampolin.

  1. Kopplung des erfolgreichen Backflips auf dem Trampolin mit einer bestimmten Situation, zum Beispiel auf der Rampe, durch einen auditiven Trigger. Das bedeutet konkret: Während der erfolgreichen Durchführung des Backflips auf dem Trampolin ruft oder spricht der Fahrer ein ganz bestimmtes Wort, das er sonst nicht verwendet – und zwar laut. Das kann auch ein Fantasiewort sein, es sollte sich gut anhören und auch nach Erfolg klingen. Dieses Wort koppelt sich mit jeder Wiederholung stärker an den gewünschten Bewegungsablauf und kann dann nach etwa 100 Wiederholungen auf dem Trampolin, einmal automatisiert, auf der Rampe genutzt werden, um genau diesen Bewegungsablauf erneut abzurufen. Die Mechanik, die dahinter liegt, ist die: Was gleichzeitig passiert, wird im Gehirn auch verknüpft – selbst wenn es ursprünglich nicht zusammenhängt.
  1. Der erfolgreiche Backflip wird für die Situation, in der er noch nicht klappt, mental in die Vorstellung geholt: Das heißt, der junge Fahrer stellt sich wieder und wieder vor, wie er sich selbst dabei beobachtet, wie er den Backflip bravourös ausführt, und zwar auf der Rennstrecke oder im Park. Das macht er so lange, bis sich diese Vorstellung vollkommen natürlich anfühlt. Erst dann wechselt er die Perspektive und stellt sich vor, wie es sich anfühlt, den erfolgreichen Backflip auf der Rampe zu machen, mitsamt der perfekten Landung und der Freude danach. So trainiert er sein Gehirn auf die Leistung, die er abrufen möchte, sie kommt ihm nach und nach immer normaler vor.

Wichtig kann dabei sein, dieses mentale Training ein Woche sehr intensiv durchzuführen, zum Beispiel täglich zehnmal, und während dieser Zeit zwar auf dem Trampolin, aber nicht auf der Rampe zu trainieren, damit die positiven Bilder nicht während ihrer Installation durch eine Misserfolgserfahrung gestört werden. Wenn sich das Schaffen des Backflips dann normal anfühlt, geht es ins Training, mit der klaren Entscheidung: Dieses Mal ziehe ich ihn zu 100% durch.

Deine Frage?

Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.

    Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.

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    Christian Bader: Sportpsychologie – wir haben ein Problem

    Die Sportpsychologie ist zur grossen und bunten Werkzeugkiste des Sports geworden. Atemübungen gegen Nervosität, Visualisierung für bessere Leistung, Selbstgespräche für mehr Motivation. Diese Sammlung mag funktional erscheinen – doch sie verfehlt möglicherweise das Wesen dessen, was mentale Exzellenz wirklich ausmacht. Das Problem: Wir reparieren Symptome, statt Systeme zu verstehen.

    Zum Thema: Vom Defizit-Modell zur mentalen Exzellenz 

    Der sportpsychologische Ansatz, der sich im Sport aus meiner Sicht bisher etabliert hat, folgt oft einem Defizit-Modell: Problem identifiziert, Technik angewandt, Problem gelöst. Stellen Sie sich vor, ein Mechaniker repariert immer nur einzelne Autoteile, ohne zu verstehen, wie das ganze Fahrzeug funktioniert. Genau das passiert oft in der Sportpsychologie: Wir behandeln Aufmerksamkeit, Aktivierung und Zielsetzung als getrennte Baustellen, anstatt sie als integriertes System zu begreifen. 

    Die Sportpsychologen zeigen im Beitrag vom 25. Jänner 2025 (In den Köpfen und zwischen den Ohren… Sportpsychologie im Biathlon | Die Sportpsychologen) das Gegenteil: Wie die drei Ebenen Attention (Tunnelblick-Fokussierung auf das Ziel), Intensity (Druckregulation durch Entspannungstechniken) und Intent (klare Absicht des erfolgreichen Schiessens/Treffens) ein selbstverstärkendes System bilden. AthletInnen lernen, sich der der (brutal) hohen Intensität hinzugeben, in dem sie physische, mentale (kognitive Ebene) und emotionale (Gefühls Ebene) Aspekte berücksichtigen, statt nur auf ein Punkt einzugehen oder diesen zu eliminieren versuchen. 

    Die Illusion der Durchgriffskausalität

    Das klassische Mentaltraining folgt einem naiven Modell: Problem identifiziert → Technik angewandt → Problem gelöst. Wie ein Lichtschalter: Drücken und das Licht geht an. Doch das menschliche System funktioniert nicht wie eine Maschine!

    Die Realität im Training sieht daher oft so aus:

    • Athlet lernt Entspannungstechnik
    • Im Wettkampf funktioniert sie nicht
    • Trainer ist ratlos: „Wir haben das doch geübt!“

    Warum? Weil das System Athlet bestimmt, wie es auf unsere Interventionen reagiert – nicht umgekehrt.

    Die drei fatalen Denkfehler der modernen Sportpsychologie

    1. Der Defizit-Mythos 

    Nervosität = schlecht, Entspannung = gut. Ablenkung = Problem, Konzentration = Lösung. Diese Schwarz-Weiss-Malerei ignoriert die Funktionalität mentaler Zustände. Manchmal ist Nervosität genau das, was ein Athlet braucht.

    2. Die Werkzeugkiste-Illusion 

    Wir sammeln Techniken wie Briefmarken. Progressive Muskelentspannung hier, Visualisierung dort. Doch mentale Exzellenz entsteht nicht durch Addition von Methoden, sondern durch das harmonische Zusammenspiel psychologischer Systeme.

    3. Die Kontroll-Fantasie 

    „Du musst nur wollen!“ – Als ob mentale Prozesse per Befehl funktionieren würden. Doch Spitzenleistung entsteht oft gerade dann, wenn wir loslassen statt krampfhaft zu kontrollieren.

    Was die Systemtheorie uns lehrt

    Hier wird’s interessant: Organisationen können nichts vermittelt bekommen – sie können es nur selbst entdecken. Das gilt auch für das „System Athlet“. Unsere Aufgabe als Trainer und Berater ist nicht, Lösungen zu liefern, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen Athleten ihre eigenen optimalen Muster entwickeln.

    Der Paradigmenwechsel: Von der Reparatur zur Navigation

    Statt zu fragen: „Wie eliminiere ich Nervosität?“, fragen wir: „Welche Funktion hat diese Nervosität?“ Statt zu fordern: „Konzentrier dich!“, schaffen wir: „Bedingungen für flexible Aufmerksamkeit“. Statt „Die richtige Technik“ zu trainieren, entwickeln wir: „Adaptive Regulationsfähigkeit“.

    Warum Trainer diese Perspektive brauchen? Weil die Realität im Leistungssport komplex ist:

    • Ein Spieler braucht Power-Musik, der andere Ruhe
    • Was gestern funktionierte, versagt heute
    • Mentale Stärke zeigt sich nicht in Perfektion, sondern in flexibler Anpassung

    Die Lösung: Integration statt Isolation

    In den nächsten Wochen zeige ich Ihnen, wie Attention (Aufmerksamkeit), Intensity (Aktivierung) und Intent (Absicht) als integriertes System funktionieren. Nicht als einzelne Werkzeuge, sondern als orchestrierte Symphonie mentaler Exzellenz.

    Sie erfahren: Warum „Konzentrier dich!“ oft kontraproduktiv ist, weshalb manche Athleten bei hoher Nervosität ihre beste Leistung zeigen und wieso „Ich will gewinnen!“ häufig zur Niederlage führt.

    Die unbequeme Wahrheit

    Die Sportpsychologie muss erwachsen werden. Weg von der Symptombekämpfung, hin zum Systemverständnis. Weg von der Werkzeugkiste, hin zur adaptiven Navigation.

    Denn mentale Exzellenz ist kein Schalter, den man umlegt. Sie ist ein lebendiges System, das verstanden, nicht repariert werden will.

    Die entscheidende Frage für Sie als Trainer: Wollen Sie weiterhin einzelne mentale „Probleme“ reparieren – oder Bedingungen schaffen, unter denen sich mentale Exzellenz von selbst entwickelt?

    Hinweis: Ich freue mich auf Basis meiner kritischen und vielleicht spitz formulierten Töne auf Austausch, sowohl innerhalb des Netzwerks (zur Übersicht) als auch von außen. Meine Kontaktdaten stehen auf meiner Profilseite: Zur Profilseite von Christian Bader

    Mehr zum Thema:

    Literatur: 

    Weinberg, R. S. & Gould, D. (2019). Foundations of Sport and Exercise Psychology (7th Edition). Human Kinetics.

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    Robin Conen: Was langfristige Gesundheit und regelmäßiges Sporttreiben mit Persönlichkeit zu tun hat

    Wir von Die Sportpsychologen werden regelmäßig für interessante Interviews angefragt: Kürzlich war ich live bei Radio 3 vom RBB zu Gast (Link siehe unten). Thema des Gesprächs: Eine brandaktuelle Untersuchung der University College London (UCL), die derzeit in der Sportpsychologie und Gesundheitspsychologie diskutiert wird. In der Studie von Ronco et al. (2025) gingen die Forschenden der spannenden Frage nach, ob unsere Persönlichkeit vorhersagen kann, welche Trainingsintensitäten uns am meisten Freude bereiten – und wie stark wir nach einem Trainingsprogramm tatsächlich Stress abbauen? Die Ergebnisse könnten nicht nur für Sportler*innen, sondern auch für Trainer*innen und Therapeut*innen wegweisend sein.

    Zum Thema: Integration von Persönlichkeitsmerkmalen in die Sportpsychologie: Optimierung von Trainingsprogrammen und psychischer Gesundheit

    Persönlichkeit – was ist das ?

    Die „Big Five“ sind ein weit verbreitetes Konzept in der Psychologie, das fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit beschreibt. Diese Dimensionen helfen, die grundlegenden Unterschiede zwischen Individuen zu erklären und ihre Einflüsse auf Verhalten, Emotionen und Interaktionen zu verstehen. Diese fünf kulturübergreifenden Dimensionen umfassen:

    1. Neurotizismus: Dieses Merkmal beschreibt die Tendenz zu emotionaler Instabilität und Anfälligkeit für negative Emotionen wie Angst, Wut oder Depression. Personen mit hohem Neurotizismus haben häufiger Schwierigkeiten im Umgang mit Stress und neigen eher zu pessimistischem Denken und emotionaler Reaktivität.
    2. Extraversion: Extraversion steht für die Neigung zur Geselligkeit, Aktivität und emotionalen Ausdrucksfähigkeit. Extravertierte Menschen suchen aktiv soziale Kontakte und sind oftmals lebensfroh und durchsetzungsstark, während Menschen mit niedrigerem Extraversion-Wert oft eher zurückhaltend und introvertiert sind.
    3. Offenheit für Erfahrungen: Diese Dimension beschreibt das Interesse und die Offenheit gegenüber neuen Ideen, Erfahrungen, kreativen Prozessen und der Vielfalt des Lebens. Personen mit hoher Offenheit sind oft neugierig, künstlerisch interessiert und unkonventionell in ihrem Denken.
    4. Verträglichkeit: Verträglichkeit bezieht sich auf die Neigung zur Kooperation, zum Mitgefühl und zur sozialen Harmonie. Personen, die in diesem Merkmal hoch bewertet werden, sind oft freundlich, mitfühlend und altruistisch veranlagt, während niedrige Werte für Misstrauen und Wettbewerb orientiertes Verhalten stehen können.
    5. Gewissenhaftigkeit: Diese Kategorie beschreibt das Maß an Organisation, Disziplin und Zielstrebigkeit einer Person. Menschen mit hoher Gewissenhaftigkeit sind oft zuverlässig, fleißig und detailorientiert, während Menschen mit geringer Gewissenhaftigkeit oft spontaner und unstrukturierter sind.

    Beeinflussen Persönlichkeit und Sport sich gegenseitig? – Zur Beziehung zwischen Sportpräferenzen, Persönlichkeit und Motivation

    Es ist allgemein bekannt, dass Menschen Tätigkeiten bevorzugen, die ihnen Freude bereiten. Die Studie von Ronco (2025) an der UCL verdeutlicht, dass Persönlichkeitsmerkmale einen Einfluss darauf haben, welche Intensität des Sports als angenehm empfunden wird und in welchem Maße das Training zur Stressreduktion beiträgt. Aus den Persönlichkeitsmerkmalen lassen sich Präferenzen für bestimmte Sportarten ableiten. Extrovertierte Personen neigen dazu, hochintensive Workouts zu bevorzugen, während gewissenhafte Individuen strukturierte Programme wie Krafttraining bevorzugen. Personen mit einem hohen Maß an Neurotizismus ziehen kürzere Einzelsportarten vor, während solche mit hoher Verträglichkeit Freude an ausgedehnten Ausdauereinheiten finden. Gewissenhafte Menschen meiden hochintensive Einheiten. Diese Ergebnisse liefern der sportpsychologischen Praxis wertvolle Anhaltspunkte für eine gezieltere Gestaltung von Angeboten im Breitensport und tragen zur Reduzierung von Einstiegshürden bei. Eine gezielte Ansprache kann helfen, diese Hürden abzubauen, indem Trainingseinheiten individuell angepasst werden und der Sport somit Spaß und Freude bereitet.

    Kurz gesagt: Die Studie zeigt, dass Sport nicht für alle gleich „wirkt“ – welche Trainingsart uns Spaß macht und wie sehr sie uns entspannt, hängt auch von unserer Persönlichkeit ab.

    Verändert Sport die Persönlichkeit?

    Das Ausüben einer neuen Sportart und der regelmäßige Besuch von Fitnesstudios führt zwangsläufig nicht zu einer Veränderung der Persönlichkeit. Vielmehr steigt die Motivation, kontinuierlich körperlich-sportlich aktiv zu bleiben (z.B. regelmäßige Trainingsbesuche), wenn Sportart und Persönlichkeit gut passen und Spaß bereiten. Positive Erlebnisse, möglicherweise durch biologisches Feedback (z.B. Dopaminausschüttung, Muskelaufbau, Stressreduktion), können im Laufe der Zeit zu einer Verhaltensänderung führen. Diese automatisierten Verhaltensweisen können sich dann zu Gewohnheiten und schließlich zu einem neuen, gesünderen und sportlicheren „Lifestyle“ entwickeln. Aufgrund dieser neuen (gesundheitsfördernden) Gewohnheiten kann sich dann die (kognitive und emotionale) Einstellung zum Sport im Laufe der Zeit wandeln, während Persönlichkeitsmerkmale relativ stabil bleiben – jedoch kann sich daraufhin die PersönlichkeitsWEITE verändern (z.B. dass eine Person, die introvertiert ist, sich eher in Teamsportarten einzubringen, als diese zu meiden) – eine Persönlichkeit lässt sich nicht „komplett verändern“, aber entwickeln. 

    Ähnliche Ansätze sind auch in der Wirtschaft bekannt, indem durch gezielte Personalentwicklungsmaßnahmen (z.B. Führungskräfteentwicklung auf Basis eines systemischen Coachings) führungsrelevante Persönlichkeitsmerkmale, wie z.B. Dominanz oder Einfühlungsvermögen entwickelt werden.

    Wie kann der Sportpsychologe bei der Persönlichkeitsentwicklung im Gesundheits- und Leistungssport helfen?

    Sportpsychologen spielen eine bedeutende Rolle bei der Persönlichkeitsentwicklung sowohl im Gesundheits- als auch im Leistungssport. Ihre Unterstützung reicht von der Verbesserung der mentalen Stärke und Selbsterkenntnis bis hin zur Förderung eines gesunden Umgangs mit Stress und Leistungsdruck.

    Im Leistungssport sind mentale Stärke, Konzentration, Selbstvertrauen und Motivation entscheidend für den Erfolg. Sportpsychologen helfen nicht nur dabei, diese mentalen Fähigkeiten zu entwickeln, sondern bieten auch Werkzeuge zur Bewältigung von Ängsten und zur Steigerung der Leistungseffizienz. 

    Systemische Beratungsansätze können eine wichtige Rolle bei der Förderung der Persönlichkeitsentwicklung im Sport spielen, indem sie einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen, der die physischen, psychologischen und zwischenmenschlichen Aspekte des Lebens eines Sportlers in Einklang bringt. Dieser Ansatz konzentriert sich darauf, den Sportler in seinem weiteren sozialen Kontext zu verstehen, einschließlich seiner Beziehungen zu Trainern, Teamkollegen und seiner Familie. Die Forschung betont, wie wichtig es ist, diese zwischenmenschlichen Beziehungen bei der Entwicklung von Sportlern zu berücksichtigen, da sie sowohl zum psychischen Wohlbefinden als auch zur sportlichen Leistung einen wesentlichen Beitrag leisten.

    Wie kann die Sportpsychologie beim Aufbau von gesundheitsfördernden Routinen von regelmäßiger sportlicher Aktivität und Fitness unterstützen?

    Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Erwachsenen, wöchentlich mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive aerobe körperliche Aktivität zu betreiben. Diese Aktivität sollte über die Woche verteilt werden – im Alltag werden diese Empfehlungen oft nicht erreicht. 

    Die Sportpsychologie ist entscheidend für die Etablierung gesundheitsfördernder Gewohnheiten durch regelmäßige sportliche Betätigung. Sie trägt zur Verbesserung der psychischen und physischen Gesundheit bei, indem sie Strategien zur Verhaltensänderung und zur Steigerung der Motivation einsetzt. Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert die psychische Gesundheit durch Stressabbau und die Förderung positiver Stimmungen. Dies geschieht durch die Regulation des hormonellen Stresssystems und verbessert die neuronale Plastizität im Gehirn, was die Stimmung und das kognitive Leistungsniveau steigern kann.

    Sportpsychologen, die zusätzlich eine systemische Ausbildung vorweisen, wie etwa eine Approbation in Systemischer Psychotherapie abgeschlossen haben, können in der sportpsychologischen Betreuung den Schwerpunkt auf die Interaktionen und Beziehungen zwischen Individuen und ihren sozialen Systemen setzen. Diese Herangehensweise kann beim Etablieren von Routinen für körperliche Aktivität von Vorteil sein. Diese Beratungsform betrachtet den Einzelnen nicht isoliert, sondern als Teil eines Beziehungsnetzwerks, das das Verhalten beeinflusst. Durch diese Perspektive kann der systemische Ansatz helfen, Routinen für körperliche Aktivitäten zu schaffen, indem sie Faktoren wie Unterstützung durch Familie und Freunde, persönliche Ziele und Motivationen sowie organisatorische und zeitliche Strukturen einbezieht. Sportpsychologen mit systemischen Schwerpunkt können mit Athleten*innen und Laiensportler*innen zusammenarbeiten, um Hindernisse zu identifizieren und Strategien zu entwickeln, die soziale Unterstützung und Motivation zur regelmäßigen Fitness-Ausübung maximieren. Ein weiterer Aspekt des systemischen Beratungsansatzes ist die Betonung individueller Stärken und Ressourcen, die aktiviert werden können, um Veränderungen zu fördern und zu stabilisieren. Durch das Erkennen und Nutzen dieser Ressourcen kann der Einzelne effektivere Strategien finden, um körperliche Aktivität in den Alltag zu integrieren, aufrechtzuerhalten und langfristig die Gesundheit zu fördern.

    Mehr zum Thema:

    Link zum RBB-Beitrag:

    https://www.radiodrei.de/programm/schema/sendungen/radio3_am_morgen/archiv/20250809_0600/fruehkritik_0740.html

    Quellen:

    Ronca, F., Tari, B., Xu, C., & Burgess, P. W. (2025). Personality traits can predict which exercise intensities we enjoy most, and the magnitude of stress reduction experienced following a training program. Frontiers in psychology16, 1587472. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2025.1587472

    Silverman, M. N., & Deuster, P. A. (2014). Biological mechanisms underlying the role of physical fitness in health and resilience. Interface Focus4(5), 20140040. https://doi.org/10.1098/rsfs.2014.0040 Walton, C. C., Tamminen, K. A., Rice, S., Frost, J., Gwyther, K., Kerr, G., Purcell, R., Kim, J., Henderson, J. L., & Pilkington, V. (2024). Mental Health Among Elite Youth Athletes: A Narrative Overview to Advance Research and Practice. Sports Health: A Multidisciplinary Approach16(2), 166–176. https://doi.org/10.1177/19417381231219230

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    Danijela Bradfisch: Mentales Basketball-Training ganz einfach umsetzen 

    Basketball und sportpsychologisches Training lassen sich hervorragend kombinieren, mehr noch: sie ergänzen sich sogar gegenseitig. Der mentale Aspekt ist im modernen Basketball ein echter Leistungsfaktor, nicht nur für Profis, sondern auch im Jugend- und Amateursport. Aber dennoch sind sich einige Trainer und Trainerinnen unsicher, ob sie mentale Bausteine in ihr Training einbauen können. Hin und wieder taucht sogar die Frage auf: Lässt sich sportpsychologisches Training auch ohne ein Psychologiestudium umsetzen?

    Zum Thema: Sportpsychologie im Basketball

    Um gleich auf die Frage zu antworten: Klar, mentales Training ist definitiv auch ohne Studium möglich und kann von jedem Basketballtrainer umgesetzt werden. Es braucht vor allem Verständnis, Praxisnähe und Struktur. Grundsätzlich funktioniert mentales Training auch ohne Studium, weil Du nicht wissen musst, wie das limbische System funktioniert (unter uns: es handelt sich um eine Funktionseinheit des Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient) – es reicht, wenn du Dir und anderen hilfst, ruhiger, fokussierter und selbstbewusster zu werden. 

    Als Mensch kennst Du Dich besser als jeder Außenstehende. Du kannst Übungen direkt an deinen Bedürfnissen, unabhängig vom Alter und des Leistungsniveaus anpassen. Mentales Training = Techniktraining, da es von Wiederholung und Einfachheit lebt. Es ist wie beim Freiwurf: regelmäßig üben, gezielt verbessern, nicht verkomplizieren. 

    So baust du mentales Training ganz einfach ein

    A. Einfache Zielsetzung

    Nimm dir drei Minuten pro Training. Definiere am Anfang des Trainings und des Spiels zwei  Ziele und notiere sie, z.B.:

    • „Ich bleib ruhig und atme bewusst ein und aus.“ 
    • „Ich nehme Würfe auch ausserhalb meiner Komfortzone.“

    B. Visualisierung im Sitzen oder im Stand

    Schließ die Augen. Stell dir vor, Du hast den Ball in der Hand, stehst auf beiden Beinen, wirfst und triffst deinen Wurf. Der Ball geht sauber „swish“ durch. Spür die Bewegung im ganzen Körper nach. Hör das Netz, hör den Ball auf den Boden aufkommen.“ Du kannst Sprachmemos aufnehmen oder diese dir aufsprechen lassen und sie dir immer wieder vorspielen.

    C. Positive Selbstgespräche

    Finde für dich einfache Sätze, die Du dir sagen, aufschreiben kannst und immer dabei hast, z.B.

    • „Ich bleib ruhig.“ 
    • „Ich vertraue meinem Wurf.“

    D. Atemübungen vor/und während des Spiels

    Führe eine kurze Atemtechnik durch, z.B. die Box-Atmung (4 Sekunden ein – 4 halten – 4 aus – 4 halten; 3 Runden reichen). Das geht in der Kabine, am Spielfeldrand oder im Stehen und hilft, die Nervosität zu zügeln. 

    E. Fokuswechsel üben

    Das Trinken oder Atmen und in sich hineinspüren, hilft einem beim Mindfulness-basierten Fokuswechsel – z. B. im Moment ankommen (trinken/atmen), Gedanken loslassen (Auswechslung).

    F. Einfache Reflexionsrunde nach Spiel und Training

    Stell dir z.B. drei Fragen am Ende und überprüfe Deine gesetzten Ziele:

    • Was hat heute gut funktioniert?
    • Was kannst du beim nächsten Mal besser machen?
    • Was war heute am Besten?

    Warum passen Basketball und sportpsychologisches Training eigentlich so gut zusammen?

    Weil Basketball ein schneller, emotionaler Sport ist. Durch Entscheidungen in Sekundenbruchteilen, ständigem Wechsel zwischen Offensive und Defensive, herrscht ein hoher Druck in engen Spielsituationen, somit ist es nur logisch, dass Stressmomente aufkommen und man cool bleiben sollte. Die mentale Stärke entscheidet immer in den Spielen mit, wer den entscheidenden Freiwurf trifft, wer ruhig bleibt und den Fokus behält, wenn es läuft oder eben nicht läuft. Mit sportpsychologischen Training kann man genau das systematisch entwickeln – Fokus, Resilienz, Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Teamgeist. 

    Basketball ist darüber hinaus ein Teamsport, fordert und fördert auch die Gruppendynamik. Jedes Individualziel, ist auch ein Teil des Gesamtziels, um die Kommunikation und das Vertrauen auf dem Feld zu stärken und die Teamchemie untereinander zu fördern.

    Beispiele, um sich selber im Training zu fordern und fördern:

    ZielMentales ToolIntegration im Training
    Konzentration verbessernKurze Atemübung oder VisualisierungVor Freiwurf-Drills oder Spielsituationen
    Selbstvertrauen aufbauenPositive SelbstgesprächeIn Challenges oder 1-1 Drills
    Fehler verarbeiten„Reset-Rituale“ üben (z. B. durchatmen, klatschen, Fokus neu setzen)Nach Turnovers oder missglückten Aktionen
    Teamzusammenhalt fördernZielgespräche, Feedbackrunden, GruppenreflexionNach Spielen oder Turnieren 

    Fazit

    Du brauchst keine Ausbildung – nur Bereitschaft zur Umsetzung. Mentaltraining ist ein Werkzeug, das jeder nutzen kann – genau wie Pass- oder Wurftraining. Aber: Basketball wird mental entschieden. Technik, Taktik und Athletik sind wichtig – aber die mentale Stärke macht einen erfolgreichen Menschen aus. Unabhängig ob nach einem Sieg oder einer Niederlage, der Umgang damit ist der Schlüssel. Mentales Training lässt sich leicht in jede (Basketball-)Trainingseinheit integrieren, auch ohne großen Aufwand. Es macht jeden nicht nur besser, sondern auch resilienter, fokussierter und selbstbewusster – auf dem Feld und darüber hinaus. Wenn Kopf, Gefühle und Gedanken „miteinander trainiert“ werden, entsteht Raum für echtes Wachstum, für den ganzen Menschen.

    Wenn Du die Werkzeuge des Mentaltrainings, was ich grundsätzlich empfehle, nicht komplett allein, sondern mit Unterstützung und fachlicher Expertise umsetzen willst, dann nimm Kontakt auf: Meine Kollegen und Kolleginnen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Danijela Bradfisch) stehen dir gern zur Verfügung. Wenn Du willst, schicke ich dir gern einen Leitfaden für die Integration des Mentaltrainings in eine Trainingswoche zu.   

    Hol dir den Leitfaden!

    Schreib mir kurz eine Mail:

    Hinweis: Der Text ist in ähnlicher Form im Basketballmagazin BIG (Juli-Ausgabe 2025) erschienen

    Mehr zum Thema:

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    Prof. Dr. René Paasch: Entscheiden unter Druck – Wenn Emotion, Fairness und Selbstwirksamkeit aufeinandertreffen

    Im professionellen Tennissport entscheiden oft Millimeter über Sieg oder Niederlage – und manchmal auch über das Verhalten ganzer Sportnationen. Im Mai 2025 sorgte Alexander Zverev für Schlagzeilen, als er beim ATP-Masters in Madrid in einem Drittrundenmatch gegen Alejandro Davidovich Fokina plötzlich sein Smartphone zückte. Nicht etwa, um Nachrichten zu checken, sondern um einen Ballabdruck auf dem Sandplatz zu fotografieren. Der Hintergrund: Ein strittiger Ball wurde durch das elektronische Linienüberwachungssystem (Electronic Line Calling, kurz ELC) als „gut“ bewertet. Zverev hingegen war überzeugt, dass der Ball klar im Aus war. Der Schiedsrichter durfte laut Reglement den Abdruck nicht prüfen, also entschied sich Zverev zum Alleingang. Das Bild zeigte er dem Schiedsrichter – und kassierte prompt eine Verwarnung wegen unsportlichen Verhaltens. „Ich wollte einfach, dass es fair bleibt. Für mich war der Ball klar draußen“, soll Zverev später gegenüber einem Journalisten gesagt haben. Ein kurioser Regelbruch? Ein impulsiver Ausrutscher? Oder steckt hinter diesem Verhalten mehr? Die Sportpsychologie liefert wertvolle Hinweise, wie Athlet:innen unter Druck denken, fühlen und handeln – und was wir daraus für Coaching, Training und unseren Alltag lernen können.

    Zum Thema: Kognitive Grundlagen – Verhalten zwischen Intuition, Norm und Handlungskontrolle

    Zverevs Verhalten lässt sich hervorragend mit der Theory of Planned Behavior (Ajzen, 1991) erklären. Diese Theorie beschreibt drei zentrale Einflussfaktoren, die darüber entscheiden, ob und wie ein Verhalten ausgeführt wird:

    1. Die persönliche Einstellung zum Verhalten
    2. Die subjektive Norm, also die wahrgenommene Erwartung der Umwelt
    3. Die wahrgenommene Verhaltenskontrolle, also das Gefühl, tatsächlich handeln zu können

    Im Fall von Zverev sind alle drei Faktoren erkennbar:

    • Einstellung: Zverev war fest davon überzeugt, dass der Ball seines Gegners im Aus war. Sein Verhalten diente einem inneren Gerechtigkeitsempfinden.
    • Subjektive Norm: Das Match war live im Fernsehen, der Druck durch Publikum und Medien hoch. Der Gedanke, sich „nicht alles gefallen lassen zu können“, wird durch soziale Erwartungen verstärkt.
    • Verhaltenskontrolle: Er hatte ein Mittel zur Verfügung (Smartphone), einen klar sichtbaren Abdruck und das Gefühl, durch eigenes Handeln die Entscheidung beeinflussen zu können.

    Damit wird deutlich: Sein Verhalten war nicht bloß emotional oder unüberlegt, es war die Folge eines inneren Aushandlungsprozesses, geprägt durch subjektive Bewertung, sozialen Druck und situative Handlungsoptionen.

    Stress und Bewältigung: Ein zweiter psychologischer Blickwinkel

    Neben kognitiven Modellen wie der Theory of Planned Behavior bietet auch das transaktionale Stressmodell von Lazarus & Folkman (1984) eine wertvolle Perspektive zur Erklärung von Verhaltensreaktionen in akuten Belastungssituationen, insbesondere im Hochleistungssport. Dieses Modell versteht Stress nicht als bloßes Reiz-Reaktions-Phänomen, sondern als das Ergebnis einer individuellen Bewertung der Situation (Appraisal) im Zusammenspiel mit den wahrgenommenen Bewältigungsmöglichkeiten.

    Zentral sind zwei kognitive Bewertungsprozesse:

    1. Primäre Bewertung (primary appraisal): Hier wird eingeschätzt, ob die Situation für die Person bedeutsam ist und potenziell als schädlich, bedrohlich oder herausfordernd erlebt wird.
    2. Sekundäre Bewertung (secondary appraisal): In einem zweiten Schritt wird reflektiert, ob und welche Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, um mit der Situation umzugehen.

    Im Fall von Alexander Zverev lässt sich rekonstruieren, dass er die Entscheidung des elektronischen Linienüberwachungssystems (ELC) als ungerecht und leistungsrelevant empfand – eine klassische Stressauslösung im Sinne einer Bedrohung der Handlungsgerechtigkeit. Diese Einschätzung aktiviert das Stresssystem und kann zu einem intensiven emotionalen Zustand führen, insbesondere wenn Kontrollverlust wahrgenommen wird. In der sekundären Bewertung nahm Zverev offenbar Handlungsspielraum wahr: Der Abdruck war sichtbar, das Smartphone griffbereit. Aus Sicht des Modells entschied er sich für eine Form des problemorientierten Copings (problem-focused coping) – also für aktives, auf die Veränderung der Situation gerichtetes Verhalten. Indem er den Ballabdruck fotografierte und dem Schiedsrichter zeigte, versuchte er, Kontrolle über die Bewertung des Spielgeschehens zurückzugewinnen. Auch wenn dies gegen das Regelwerk verstieß, war es aus psychologischer Sicht eine adaptive Bewältigungsstrategie, die auf Wiederherstellung subjektiver Fairness und Einflussnahme zielte. Hier schließt sich auch das Konzept der Selbstwirksamkeit (Bandura, 1997) an – das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Herausforderungen kompetent zu begegnen. Zverevs Verhalten zeigt, dass er nicht in Passivität oder Verzweiflung zurückfiel, sondern aktiv gestaltend eingriff. Dies unterstreicht die enge Verzahnung von Stressbewältigung, Handlungsorientierung und innerem Kontrollglauben im Spitzensport.

    Praxisperspektive: Was Trainer:innen und Athlet:innen daraus lernen können

    Gerade im Hochleistungskontext sind Situationen emotionaler Überforderung keine Seltenheit. Stress ist dabei nicht grundsätzlich negativ, im Gegenteil: Eine gut bewältigte Stressreaktion kann zur Weiterentwicklung beitragen. Entscheidend ist jedoch, wie Athlet:innen lernen, Stress bewusst zu reflektieren und zu regulieren. Dazu zählen:

    • Die Frühwarnzeichen individueller Stressreaktion (körperlich, emotional, kognitiv) zu erkennen
    • Coping-Repertoires zu erweitern (z. B. zwischen problemorientierter und emotionsorientierter Bewältigung zu unterscheiden)
    • Fallbeispiele (wie zum Beispiel die Situation von Zverev) im Mentaltraining zu nutzen, um ähnliche Situationen gedanklich durchzuspielen („mentale Simulation“)
    • Selbstwirksamkeit gezielt zu stärken, z. B. durch Rückmeldung, Erfolgserlebnisse oder die Arbeit mit persönlichen Stärken

    Eine reflektierte Auseinandersetzung mit Stressmechanismen auf individueller und systemischer Ebene kann nicht nur zur Leistungsoptimierung beitragen, sondern auch langfristig der psychischen Gesundheit, der Entscheidungsqualität und dem Teamklima zugutekommen.

    Impuls oder Strategie? Wie unser Gehirn unter Druck entscheidet

    Neuropsychologisch betrachtet agieren Menschen in Hochdrucksituationen oft im limbischen Modus gesteuert von Emotionen wie Ärger, Angst oder Frustration. Der präfrontale Kortex – zuständig für rationales Denken und Impulskontrolle, tritt kurzfristig in den Hintergrund. Doch auch in solchen Momenten greifen wir auf mentale Schemata, Werte und gewohnte Reaktionsmuster zurück. Der Griff zum Handy war bei Zverev keine Laune, sondern Ausdruck eines erlernten Handlungsmusters: „Ich tue etwas, wenn es unfair wird.“ 

    Hier setzen sportpsychologische Strategien an, insbesondere die Implementation Intentions (Gollwitzer, 1999). Dabei entwickeln Athlet:innen im Vorfeld konkrete Handlungspläne für kritische Situationen. Diese Wenn-Dann-Pläne fördern die Selbstregulation und geben Struktur in emotionalen Ausnahmesituationen:

    Praxisimpuls: Mentale Vorbereitung auf Stresssituationen

    Ein bewährter Trainingsansatz ist das Einüben mentaler Handlungspläne, insbesondere für typische „Trigger-Momente“. Hier ein Beispiel aus dem mentalen Training im Leistungssport:

    Wenn …Dann …
    Ich fühle mich ungerecht behandeltIch atme dreimal tief durch und gehe zum Stuhl, bevor ich etwas sage.
    Ich verliere einen wichtigen PunktIch richte meinen Blick auf den Boden und fokussiere den nächsten Ball.
    Der Gegner provoziert michIch erinnere mich an meinen inneren Leitsatz: Ruhe gewinnt.

    Diese Techniken lassen sich nicht nur im Profisport anwenden. Auch Schüler:innen, Führungskräfte, Ärzt:innen oder Eltern profitieren von solchen Strategien. Entscheidend ist, sich der eigenen Reaktionsmuster bewusst zu werden und in ruhigen Momenten vorbereitende Alternativen zu entwickeln.

    Vom Tennisplatz ins Leben – und zurück

    Die Szene mit Alexander Zverev wirft ein Schlaglicht auf eine zentrale Frage, die weit über den Tennissport hinausreicht: Wie gehen Menschen in Momenten innerer Erregung mit emotionaler Spannung, subjektiver Ungerechtigkeit oder plötzlichem Kontrollverlust um? Es sind diese Situationen – ob auf dem Platz, im Büro, am Esstisch oder im Klassenzimmer – die oft wie ein Brennglas auf unser Verhalten wirken. Wenn Emotionen überkochen, zeigen sich nicht nur unsere automatischen Reaktionen, sondern auch unsere Fähigkeit zur Selbstregulation. Die Sportpsychologie spricht hier von Emotionsregulation unter Belastung, einem zentralen Aspekt mentaler Stärke. Studien zeigen, dass die Fähigkeit, eigene Emotionen wahrzunehmen, einzuordnen und situationsangemessen zu steuern, in fast allen Lebensbereichen ein Prädiktor für Erfolg, Wohlbefinden und Beziehungsqualität ist (Gross, 2015; Berking & Whitley, 2014). Dabei geht es keineswegs darum, Emotionen zu „kontrollieren“ oder zu unterdrücken – im Gegenteil: Ziel ist ein bewusster, akzeptierender und gleichzeitig handlungsorientierter Umgang mit dem, was in uns lebendig ist.

    Zverevs Reaktion – emotional, impulsiv und zugleich zielgerichtet – zeigt beispielhaft, wie Emotion und Handlung in belastenden Situationen eng verwoben sind.

    Für den Spitzensport ist das nicht neu: Hier werden Athlet:innen systematisch trainiert, in Sekundenbruchteilen zwischen Gefühl und Handlung zu unterscheiden und ihre Energie in konstruktive Bahnen zu lenken. Im Alltagsleben hingegen fehlt diese gezielte Vorbereitung oft. Dabei erleben auch Führungskräfte, Eltern, Lehrer:innen oder Pflegekräfte täglich hochkomplexe, emotional fordernde Situationen.

    Alltagsrelevanz: Vom Tennisplatz ins Teammeeting, Klassenzimmer oder Familienleben

    Emotionale Selbststeuerung ist eine Schlüsselressource im modernen Leben – vor allem in Zeiten zunehmender Komplexität, sozialer Spannungen und Leistungsdruck. Wer in kritischen Momenten innehält, reflektiert und bewusst reagieren kann, trifft nicht nur bessere Entscheidungen, sondern schützt auch seine Beziehungen, sein Selbstbild und seine psychische Gesundheit.

    Praxisnahe Beispiele für „Zverev-Momente“ im Alltag:

    • Eine Führungskraft wird im Meeting öffentlich kritisiert und verspürt das Bedürfnis, sofort zu kontern.
    • Ein Lehrer fühlt sich von einem Schüler provoziert und steht kurz davor, impulsiv zu reagieren.
    • Ein Elternteil erlebt eine scheinbar ungerechte Behandlung im Umgang mit Behörden und kämpft mit dem Impuls, „mal richtig laut zu werden“.

    In all diesen Momenten entscheidet sich, ob aus Emotion blinder Aktionismus wird – oder bewusstes Handeln mit Haltung.

    Der Beitrag sportpsychologischer Methoden

    Hier zeigt sich das Potenzial sportpsychologischer Transferarbeit: Techniken wie mentales Training, Selbstgesprächsregulation, Körperachtsamkeit oder Imagination lassen sich aus dem Hochleistungssport in berufliche und private Lebenswelten übertragen. Gerade für Fachkräfte in sozialen, medizinischen oder pädagogischen Berufen ist es essentiell, sich der eigenen Emotionsdynamik bewusst zu werden – nicht nur zur eigenen Stabilität, sondern auch als Modell für andere.

    Zentrale Interventionen, die auch im Alltag wirksam sind:

    • Achtsamkeitsbasierte Emotionswahrnehmung: Frühwarnsignale innerer Erregung erkennen und benennen („Ich spüre Hitze in meinem Bauch…“)
    • Kognitive Reframing-Strategien: Neue Deutungsmuster entwickeln („Was könnte der andere gerade erleben?“)
    • Atmung und Embodiment: Körperliche Selbstregulation (z. B. 4–7–8-Atmung, Haltung verändern)
    • Szenarientraining und Rollenspiele: Kritische Situationen gedanklich oder praktisch durchspielen (z. B. mit kollegialem Feedback)

    Take-Home-Message

    Was wie ein impulsiver Regelbruch aussieht, ist oft Ausdruck innerer Werte, sozialer Erwartungen und des Bedürfnisses nach Kontrolle. Zverevs Verhalten beim ATP-Turnier in Madrid zeigt eindrucksvoll: Selbst im Spitzensport sind Entscheidungen nicht rein rational, sie sind zutiefst menschlich. Für Trainer:innen und Athlet:innen heißt das: Wir sollten nicht erst im Ernstfall über Reaktionen nachdenken. Wer typische Auslösesituationen kennt, mentale Pläne einübt und sich selbst reflektiert, schafft die Grundlage für bewusstes, verantwortungsvolles Handeln, selbst wenn der Druck hoch ist und das Spielfeld bebt.

    Reflexionsfrage

    Wann hast du zuletzt aus einem Gefühl heraus gehandelt, obwohl du wusstest, dass es Regeln oder Erwartungen widerspricht? Was war dein innerer Antrieb und wie würdest du heute damit umgehen?

    Mehr zum Thema:

    Literatur

    • Ajzen, I. (1991). The theory of planned behavior. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 50(2), 179–211.
    • Festinger, L. (1954). A theory of social comparison processes. Human Relations, 7(2), 117–140.
    • Gollwitzer, P. M. (1999). Implementation intentions: Strong effects of simple plans. American Psychologist, 54(7), 493–503.
    • Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal, and coping. New York: Springer Publishing.

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    Thorsten Loch: Wenn Loyalität zur Last wird – Warum Schweigen für Führungskräfte in einem inneren Konflikt endet

    Im Spitzensport gehört es zur täglichen Herausforderung, auf höchstem Niveau zu funktionieren – unter Druck, unter Beobachtung, unter Strukturen. Viele Trainer:innen erleben dabei Momente, in denen sie spüren: Etwas läuft hier grundsätzlich falsch.

    Zum Thema: Zwischen innerem Konflikt und äußerem Schweigen. Warum gute Führung oft nicht am Mut, sondern an der Umgebung scheitert

    Vielleicht sind es Transferentscheidungen, die ohne sportliche Rücksprache getroffen werden. Vielleicht wird die Kommunikation mit der Vereinsführung immer unklarer. Vielleicht spüren sie im eigenen Team eine Dynamik, die längst toxisch geworden ist – doch niemand spricht es an.

    Und dann beginnt das Ringen:
    Spricht man es offen an – mit allen Risiken?
    Oder bleibt man loyal – und damit still?

    Aus sportpsychologischer Perspektive ist das keine Schwäche, sondern ein klassisches Beispiel für ein tieferliegendes psychologisches Spannungsfeld. Zwischen innerem Wissen und äußerem Verhalten entsteht eine kognitive Dissonanz (Festinger, 1957). Ob diese innere Spannung benannt wird oder nicht, hängt oft nicht von Mut ab – sondern von einem Faktor, der selten sichtbar, aber entscheidend ist: psychologische Sicherheit (Edmondson, 1999).

    Im Spitzensport wie in Unternehmen

    Was im Spitzensport passiert, ist dabei kein Einzelfall. Dieselben Mechanismen wirken auch in Unternehmen, Teams, Behörden – überall dort, wo Verantwortung und Systemlogik aufeinandertreffen.

    Konkret: Wer führt, steht immer wieder im Spannungsfeld zwischen persönlicher Überzeugung und systemischer Einbettung. Wer Missstände erkennt, trägt Verantwortung. Doch wer sie anspricht, riskiert auch etwas – Rückhalt, Einfluss oder sogar den eigenen Posten. Dieses Dilemma lässt sich sportpsychologisch auf zwei Ebenen analysieren:

    Kognitive Dissonanz – Wenn das Bauchgefühl gegen das System spricht

    Das psychologische Modell der kognitiven Dissonanz (Festinger, 1957) beschreibt das innere Spannungsgefühl, das entsteht, wenn zwei widersprüchliche Kognitionen aufeinandertreffen. Im Fall einer Führungskraft könnten das folgende Gedanken sein:

    • „Ich will loyal gegenüber meiner Organisation bleiben.“
    • „Ich sehe aber, dass hier etwas gravierend schief läuft.“

    Diese kognitive Dissonanz erzeugt Unbehagen – und Menschen neigen dazu, sie zu reduzieren. In der Praxis passiert das oft über Verdrängung, Rationalisierung oder Verschiebung der Verantwortung:

    „Ich bin ja nicht der oder die Hauptverantwortliche.“
    „Vielleicht irre ich mich auch.“
    „Ich will nicht illoyal wirken – das bringt nichts.“

    Die Konsequenz: Führungskräfte schweigen, arrangieren sich oder verbiegen sich – auf Kosten der eigenen Überzeugung. Je länger dieser Zustand andauert, desto höher ist die psychische Belastung. Im Sport wie in der Wirtschaft zeigt sich das in Form von Rückzug, Zynismus oder stiller innerer Kündigung.

    Psychologische Sicherheit – Der entscheidende Unterschied im System

    Ob jemand in einer solchen Situation offen handelt oder schweigt, hängt entscheidend davon ab, wie sicher das soziale Umfeld ist (siehe Link unten: Thorsten Loch: Wie es dir als Coach gelingt, dass dir das Team vertraut | Die Sportpsychologen). Amy Edmondson (1999) prägte hierfür den Begriff psychologische Sicherheit – das Gefühl, dass man in einem Team oder einer Organisation unbequeme Wahrheiten ansprechen darf, ohne negative persönliche Konsequenzen befürchten zu müssen.

    Ein Klima psychologischer Sicherheit entsteht nicht zufällig. Es ist das Resultat von Führungskultur, Kommunikationsstil und systemischen Rahmenbedingungen. Und es zeigt sich nicht in Hochglanz-Strategiepapiere, sondern in Alltagssituationen:

    • Wird in Meetings widersprochen – auch der Führungsebene gegenüber?
    • Dürfen auch kritische Stimmen Gehör finden – oder bleiben sie außen vor?
    • Werden Fehler als Lernchancen gesehen – oder als Schwächen sanktioniert?

    Je unsicherer sich eine Führungskraft fühlt, desto weniger wird sie Dissonanzen nach außen tragen. In der Folge bleibt das System stabil – aber nicht gesund.

    Der Transfer: Von der Kabine ins Konferenzzimmer

    Das Dilemma ist kein Sonderfall des Spitzensports. Es zeigt sich in unzähligen Organisationen – von der Klinikleitung bis zum Start-up-Board, vom Familienbetrieb bis zur NGO.

    Denn immer dann, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und gleichzeitig Teil eines fehlerhaften Systems sind, entsteht diese psychologisch erklärbare Zwickmühle. Und solange Führung ausschließlich als Durchsetzen von Entscheidungen verstanden wird – statt als Gestalten von Kultur – bleibt diese Falle bestehen.

    Doch: Diese Dynamik lässt sich verändern. Führung kann trainiert werden.
    Psychologische Sicherheit kann geschaffen werden.
    Dissonanz kann konstruktiv genutzt werden – als Motor für Entwicklung statt als lähmender Zustand.

    Fazit: Mut ist wichtig – aber kein Zufallsprodukt

    Führung zeigt sich nicht nur in Titeln oder Entscheidungen, sondern oft in den Momenten, in denen etwas nicht gesagt wird. Wer Missstände erkennt, aber aus Loyalität oder Unsicherheit schweigt, steckt in einem Dilemma, das psychologisch erklärbar – und veränderbar – ist.

    Wer lernt, kognitive Dissonanz zu reflektieren und psychologische Sicherheit aktiv mitzugestalten, kann auch in komplexen Systemen klar, wertschätzend und verantwortungsbewusst handeln. Ob in der Kabine oder im Vorstandsbüro: Führung beginnt mit innerer Klarheit – und wird durch strukturelle Sicherheit erst wirklich wirksam.

    Sie arbeiten in einem Umfeld, in dem kritische Themen schwer anzusprechen sind – obwohl sie offensichtlich sind?

    Als Coach begleite ich Führungskräfte dabei, diese Spannungsfelder professionell zu navigieren – mit psychologischem Know-how und einem klaren Blick auf das, was möglich ist.

    Mehr zum Thema:

    Literaturverzeichnis 

    Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. https://doi.org/10.2307/2666999

    Festinger, L. (1957). A theory of cognitive dissonance. Stanford University Press.

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