Aufwühlend, ultra-schnell und hart umkämpft! Die Olympia-Abfahrt der Männer bot grösstes Skisport-Spektakel und endete aus helvetischer Sicht mit einem grandiosen Triumph „unseres“ Beat Feuz. Die Anforderungen auf der von Bernhard Russi konzipierten Abfahrtspiste lagen extrem hoch, ein Beleg dafür ist das Rekord-Durchschnittstempo von über 110 km/h des Siegers. Was dabei besonders auffällt: Routine hat sich gegen jugendliche Unbekümmertheit durchgesetzt! Welche Überlegungen die Sportpsychologie daraus für die Praxis ableitet, davon handelt dieser Text.
Zum Thema: Routine als Faktor im alpinen Skisport
Die Schweiz hält den Atem an, wenn die Olympia-Abfahrt (Männer wie Frauen!) auf dem Programm steht. Auf deutsche Verhältnisse übertragen dürfte es sich etwa so anfühlen, wie wenn die DFB-Elf im WM-Final antritt. Im besonderen Kontext der Alpenländer Schweiz und Österreich sind es jene Duelle wie einst zwischen Russi und Klammer – oder aktuell Matthias Mayer und Beat Feuz – , die die Massen elektrisieren. Entsprechend viel steht auf dem Spiel, wenn sich die wagemutigen Speedfreaks den Berg hinunter werfen!
Etwas weniger emotional, aber ebenso spannend ist ein Blick in die Hintergründe des olympischen Erfolgs im Abfahrtslauf. Ob jugendliche Unbekümmertheit oder gestandene Routine eher zum Erfolg führt, ist scheinbar eine kleine, letztlich aber eine wichtige Erkenntnis. Folgende Peking-Facts sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache:
– das Durchschnittsalter der Top-10 Abfahrer liegt bei 30,5 Jahren!
– das Durchschnittsalter der Medaillengewinner: beinahe 36 Jahre!
– nur zwei Junge – nämlich James Crawford (CAN, 4. Pl., 24-jährig) und Marco Odermatt (SUI, 7. Pl., 24-jährig) können mit den Routiniers mithalten.
Learnings: die Sportpsychologie hilft mit!
Aus sportpsychologischer Sicht leite ich daraus fünf Überlegungen ab, die in der Praxis des aktuellen alpinen Skisports Bedeutung haben sollten:
– Eine Karriere im Abfahrtssport darf dauern – wie das wunderbare Beispiel des 41-jährigen Silbermedaillen-Gewinners Johan Clarey eindrücklich belegt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass genügend Zeit vorhanden ist, um talentierte Skirennfahrer langfristig, behutsam, geduldig und mit der gebotenen Portion Weitsicht an die Speed-Elite heranzuführen.
– Es gilt, bewusst Sorge zu tragen, hinsichtlich der eigenen psychophysischen Gesundheit, insbesondere im Zusammenhang mit einem erhöhten Unfallrisiko, sich bei Stürzen in der Abfahrt gravierend zu verletzen. Vordergründig scheint es um „gesunde Knie“ oder „hohe Risikobereitschaft“ zu gehen. Was aber Beat Feuz auch auszeichnet, sind Gelassenheit, Demut und eine offensichtliche Lebenszufriedenheit, die weit über sein Tun im Skirennsport hinausreicht;
– Mentale Unterstützung insbesondere auch junger Fahrer*innen im Bereich der Selbstwahrnehmung, Risikoeinschätzung sowie im Umgang mit Selbstzweifeln und Angst;
– Sensibler Umgang mit Sturzerlebnissen und Verletzungen, die durch Unfälle auf der Rennpiste entstanden sind. Dabei wirken sich auch schwerwiegende Stürze von Teammitgliedern auf die psychische Verfassung anderer Teammitglieder aus! Die Sportpsychologie hat sich u.a. im Bereich der mentalen Rehabilitation von Sportverletzungen etabliert;
– Entwicklung eines gezielten Mentorings junger Fahrer*innen durch die Teamroutiniers, wie es Marco Odermatt und Beat Feuz im Schweizer Team vorleben. Eine Massnahme, die in der Vorbereitung auf olympische Spiele von besonderer Tragweite sein kann!
Epilog: Feuz macht den Cuche
Zum Schluss einer brillanten Fahrt schwingt Beat Feuz mit Jubelpose im Zielraum ab. Und es folgt vielleicht die bemerkenswerteste Nebensächlichkeit seines glorreichen Auftritts: Feuz macht den Cuche! Die nach dem ehemaligen Schweizer Abfahrts-Champ Didier Cuche bezeichnet Geste des Abschnall-Propellers kann als Sinnbild dafür gelten, dass Beat Feuz nun endgültig im Olymp des Abfahrts-Skisports angekommen ist.
Für nicht wenige Wintersportfans ist der Abfahrtslauf der Männer der Höhepunkt der olympischen Spiele. Für viele hat der Wettkampf, bei dem sich die Athleten in Höchstgeschwindigkeit meist extrem steile und gern höchst anspruchsvolle Hänge herunterstürzen, durchaus Gladiatorenkampfcharakter. Diejenigen, die dort antreten, kennen keine Angst, heißt es gemeinhin. Aber ist dem wirklich so, kennen die “harten Hunde” gar nichts? Dieser Frage geht Klaus-Dieter Lübke Naberhaus auf den Grund und zeigt auf, was Nicht-Abfahrer daraus lernen können.
Zum Thema: Umgang mit Emotionen
Vincent Kriechmayr startete diesen olympischen Abfahrtslauf wie ein Jäger, der ein vorauslaufendes Wild jagt. Immer an der Grenze mit einem hohen Risiko auf einer extrem schnellen Strecke. Danach schieden mit Dominik Schwaiger und Christof Innerhofer zwei Fahrer aus. Schwaiger mit einem schweren Sturz, sein Husarenritt endete scherzhaft. Danach wurde das Rennen gefühlt ruhiger und es setzten sich die Routiniers – angeführt durch den späteren Olympiasieger Beat Feuz – durch, die anscheinend aus den vorangegangenen Läufen kurzfristig noch Lehren zogen oder von Anfang an eine andere Taktik verfolgten.
Was davon ist reine Spekulation und was trifft es ein wenig? In dieser Betrachtung soll es um den Umgang mit Emotionen, insbesondere mit der Angst gehen.
Die Angst als überlebensnotwendige Emotion
Angst ist eigentlich für uns Menschen ein Gefühl, dass unserer Arterhaltung, unserem Selbsterhalt dient, weil es uns vor Gefahren, die unsere Existenz bedrohen, warnt und bewahrt. Und somit ist Angst auch ein notwendiger Lerntreiber, der es uns im Leben ermöglicht, aus den Erfahrungen unsere Lehren zu ziehen.
Problematisch wird die Angst insbesondere dann, wenn sie keinen realen Auslöser hat oder die empfundene Angst in keinem Verhältnis zum Auslöser steht. Dann kann sie sich zu Angststörungen bis hin zu Panikattacken ausweiten und zu einer dauerhaften Störung werden, die das Leben zum Leiden macht.
Ganz normale Reaktionen
Doch wie sieht es bei den harten Jungs auf der Abfahrtpiste damit aus, mit der Angst, mit dem Respekt vor der Piste, vor der Geschwindigkeit. Auch bei ihnen laufen die ganz normalen physiologischen Reaktionen ab, die letztendlich über die Ausschüttung von so bekannten Hormonen wie Adrenalin und Cortisol dazu führen, dass wir im Kampf- und Angriffsmodus sind. Doch diese Aktivierung, insbesondere von Adrenalin, ist ja ohnehin Voraussetzung, um den entsprechenden Aktivierungsgrad für sportliche Höchstleistung zu haben.
Also, ist da Angst ein Problem oder eine Hilfe? Auf jeden Fall ist sie ein Lernbegleiter.
Emotionskontrolle und optimaler Aktivierungszustand
Es geht also darum, und das immer wieder neu, heraus zu finden, wie ich in den optimalen Aktivierungszustand komme. Also nicht zu überladen, zu überpacen, und doch gleichzeitig auch nicht zu sehr im entspannten Modus zu sein. Beides kann letztendlich zu Stürzen führen, was natürlich wesentlich stärkere Konsequenzen hat, als eine nicht optimale Fahrt.
Diese Aktivierungszustände sind durch mentale Techniken gut zu trainieren, bei dem einen braucht es das Herunterregulieren mit Entspannungstechniken, wie Selbsthypnose oder Atemtechniken. Der andere muss sich pushen, z.B. mit Körpertechniken oder innerem Dialog.
Doch alle diese Fahrer haben in ihrer Karriere auch Traumata erlitten, Stürze und Beinah-Stürze, mit oder ohne Verletzungsfolge. Und hier ist natürlich unser neuronales und hormonelles Stresssystem hochgradig aktiviert worden und hat Erinnerungen hinterlassen. Auch bei Rennfahrern kann so etwas zu posttraumatischen Belastungsstörungen mit Flashbacks (Wiederauftreten von Bildern, Geräuschen und Gefühlen aus der ursprünglich traumatisierenden Situation) führen. Aber es können auch diese vielen kleinen Schreckmomente sein, die während einer Fahrt auftauchen und hinderlich sind, sozusagen die Handbremse anziehen.
Was wirklich hilft und wo es noch fehlt
Was hilft den Athleten in einer solchen Situation und was hilft „normalen“ Sporttreibenden, die wir alle mit der Emotion Angst in irgendeiner Weise zu tun haben? Grundsätzlich sind z.B. hypnotische Techniken hilfreich, unter anderem schnell wirksame Anker, wie Gegenbilder, oder auch Körperberührungen, können helfen, die Emotion zu regulieren.
Insgesamt ein Thema, was gerade in der Nachbearbeitung von Verletzungen und auch Stürzen ohne Verletzungen aus meiner Sicht noch zu wenig professionell nachbegleitet wird. „Sie sind ja harte Hunde, die können das schon selber“.
Expertenoption
Meine Kollegen und Kolleginnen aus dem Experten-Netzwerk Die Sportpsychologen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus) sind gute Ansprechpartner für harte Hunde und alle anderen, die im Sport aktiv sind.
In meiner Zeit als Betreuer der Schweizer Skisprung-Nationalmannschaft wurde ich häufig nach Prognosen, Siegchancen und Interpretationen von Wettkampfleistungen befragt. Im Umgang mit Medien enthalte ich mich dieser Diskussion konsequent, was auch allgemeingültigen berufsethischen Vorgaben entspricht. Dennoch, im professionellen Alltag des Spitzensports und in der Unterstützung der Trainer und Athleten präsentiert sich die Ausgangslage anders. Die spannende Frage hier: Welche Indikatoren nutze ich, um die Leistungsmöglichkeiten auch empirisch gestützt beurteilen zu können. In der „mentalen Aufarbeitung“ des individuellen Wettkampferlebnisses bin ich zuweilen sehr froh, Zugriff auf einen aussagekräftigen Orientierungsrahmen zu haben.
Zum Thema: Sportpsychologische Leistungsprognosen
Wenn es um Olympia und den Kampf um Medaillen und Diplome geht, sind immer auch Zielsetzungen, Erwartungen, Vorstellungen, Wünsche und Träume mit im Spiel. Zudem wissen wir, dass der Spitzensport in Momenten wie jenen auf der Normalschanze der Skispringer in Peking, immer mehr „Verlierer“ als „Sieger“ produziert. Das liegt u.a. auch in der besonderen Affiche olympischer Spiele begründet – es geht darum, den lang gehegten olympischen Traum bestmöglich zu verwirklichen. Andererseits bin ich davon überzeugt, dass sich jeder Athlet einen individuellen Weg vornimmt, wie er sein Abschneiden im entscheidenden Wettkampf optimal gestalten will.
Es geht letztlich darum, in der Vorbereitungsphase sein Leistungspotential zu maximieren, um dieses im Wettkampf – ungeachtet aller Rahmenbedingungen – in eine maximal mögliche Leistung umzusetzen. Meine berufliche Prägung, die vor allem auch mit meiner Anbindung an die ETH Zürich zu erklären ist, eröffnet mir zusätzlich Betrachtungsweisen. Ein einfaches Hilfsmittel, welches ich bei einer derartigen Potential-Einschätzung einsetzen kann, möchte ich anschliessend näher beschreiben.
3 Hauptkriterien der Potentialeinschätzung
Wichtig: das vorgeschlagene Orientierungsraster ist nicht empirisch hergeleitet, sondern stützt sich primär auf Erkenntnisse und Erfahrungen aus meiner jahrelangen Tätigkeit im Skispringen. Wir sprechen hier von „Augenscheinvalidität“ und meinen dabei die Expertise, die aus der intensiven Zusammenarbeit mit den Spitzensportler*innen und Funktionären entstanden ist. Konkret schau(t)e ich im Vorfeld des Springens auf der Normalschanze auf Folgendes:
1.) Rangierung in den Top-10 des Gesamtweltcups. In dieser Rangliste bildet sich der Erfolg im bisherigen Saisonverlauf ab. Annahme: Athleten in den Top-10 haben ihre gute Form in bisherigen Wettkämpfen schon mehrfach unter Beweis gestellt – alle standen schon mindestens einmal auf dem Weltcup-Podest.
2.) Durchschnittsweite aller Trainingssprünge. Für sämtliche Springer war der Bakken neu, entsprechend wichtig sind gute, weite Sprünge in möglichst vielen Trainingsdurchgängen. Annahme: Hier zu den Besten zu gehören, heisst für den Springer: Ich habe die Schanze im Griff.
3.) Qualifikation am Vortag. Die Spitzenspringer nutzen die Qualifikation, um das Wettkampf-Setup für den Wettkampftag zu testen. Annahme: Ein sehr guter Quali-Sprung bedeutet, dass der Springer sein „Zeug beieinander“ hat!
Aus diesen Vorgaben leite ich folgende Hypothese ab: Wer in allen drei Kategorien zu den zehn Besten gehört, zähle ich zur Gruppe der Medaillen-Anwärtern; Wer in zwei Dimensionen Top-10-Format erreicht, darf sich sehr gute Chancen auf ein Top-Ergebnis ausrechnen. Entsprechend kleiner sind meine Erwartungen bei nur einer Top-10-Klassierung in einer Kategorie. Wenn diese aber in die Kategorie „Trainingsweite“ fällt, mache ich ein Ausrufezeichen! Alle anderen Springer befinden sich in einer Aussenseiter-Position.
Wieviel Potential hat die Potentialeinschätzung? Zum besseren Verständnis sei hier noch ein allgemeiner Hinweis zur Unberechenbarkeit der Wettkampfsitutation im Skispringen angefügt: Wettkämpfe im Skispringen haben ihre eigenen Gesetze! Als Winter-Freiluftsportart nehmen insbesondere sich verändernde Wetterbedingungen massgeblichen Einfluss auf die Leistungen der Athleten. Skisprung-Experte Toni Innauer meinte etwa zum Verlauf des ersten Durchgangs: „Man muss schon sagen, es sind zwei verschiedene Wettkämpfe, die hier abgelaufen sind. Und man merkt auch, Rückwind wird einfach zu schlecht kompensiert. Du hast fast keine Chance. Wenn du nicht in astronomischer Form bist, wie Kobayashi, kannst du nicht mithalten mit denen die Aufwind haben.“
Meiner Einschätzung nach gab es zwei Top-Kandidaten, die alle drei oben beschriebenen Kriterien erfüllen. Klar an Nummer eins lag dabei Ryoyu Kobayashi. Der Japaner – das werden ihm alle Trainer attestieren – war der höchstwahrscheinliche Sieger. Ähnlich positive Vorzeichen hatte – vor allem dank seiner guten Trainingsleistungen und seinem Abschneiden in der Qualifikation – der Österreicher Stefan Kraft. Er dürfte einer von vielen sein, die mit sich und der erbrachten Leistung (Rang 10 in seinem Fall) unzufrieden waren.
Mitfavoriten und Überraschungskandidaten
In der Gruppe derer, die zwei der drei Kriterien (Top-10-Rangierung) erreichen, ragt Manuel Fettner mit seinen formidablen Trainings-/Qualifikationssprung-Leistungen heraus. Ihn als Medaillenanwärter zu bezeichnen, war angesichts seiner aktuell ansteigenden Formkurve bestimmt nicht falsch! Nicht auf meinem Zettel figurierte indes der Routinier David Kubacki. Weder als 16. der Qualifikation, noch als 20. in der Bestenliste der Trainingsweiten präsentierte sich der im Gesamt-Weltcup 2022 an Position 37 rangierte Pole als Kandidat für eine Olympia-Medaille. Skisprungintimus Toni Innauer, angesprochen auf dessen Leistung meinte nur: „Wiederauferstehung!“ Dabei dürften die sehr guten Windbedingungen bei seinem ersten Sprung massgeblichen Einfluss gehabt haben.
Ein Fazit meiner „Potentialanalyse“ zeigt, dass ich 8 der 10 Besten des Schlussklassements „auf meinem Zettel“ hatte – Neben Kubacki war es noch der 9.- klassierte Timi Zajc, der sich deutlich besser schlug, als erwartet. Insgesamt umfasste meine Liste nur 16 Kandidaten.
Hilfsmittel für den Gebrauch im Alltag der Angewandten Sportpsychologie
Wozu taugt dieses Hilfsmittel? Ich glaube in dreifacher Hinsicht:
a) Realistische Leistungseinschätzung: U.a. die deutschen Springer werden erkennen müssen, dass ihre Olympia-Schlappe angesichts der für ihre Ansprüche schwachen Trainingssprünge und wenig überzeugenden Leistungen in der Qualifikation nicht überraschend kam. Oder anders ausgedrückt: im olympischen Wettkampf ist ihnen keine Leistungssteigerung geglückt, die notwendig gewesen wäre! Im Hinblick auf die kommenden Wettkämpfe gilt es hier – auch im Bereich der mentalen Vorbereitung – gezielte Akzente in der Trainingsarbeit zu setzen! Einen selbstkritischen Vorgeschmack, wie diese Verarbeitung aussehen könnte, gab Markus Eisenbichler in seinem ZDF-Interview.
b) Ursachenzuschreibung: Eine ganz bittere Niederlage erlitten die Norweger, die mit ihren Topspringern – trotz überzeugender Leistungen in Training und Qualifikation – weit unter den Erwartungen blieben. Im Gegensatz zu den deutschen Spitzenspringern scheint es dort nicht am Potential, sondern insbesondere daran zu liegen, im entscheidenden Moment nicht die Bestleistung abgerufen zu haben.
c) Stärkung des Winning Mindsets. Viel Spass dagegen dürfte das Coaching der drei Medaillengewinner im Hinblick auf die bevorstehenden Wettkämpfe machen. Die allerbesten Aussichten auf weiteres Edelmetall dürfte dabei Olympiasieger Ryoyu Kobayashi haben.
Ausblick – Entwicklung geeigneter Tools
Aus meiner langjährigen Arbeit in über 60 Sportarten und Disziplinen habe ich eine für mich basale Erkenntnis gezogen: Jede Sportart kennzeichnet ein breit gefächertes psychologisches Anforderungsprofil, welches – in individualisierter Form – in Training und Wettkampf ausgestaltet werden muss. In Analogie zum oben beschriebenen Beispiel sind wir Sportpsycholog*innen fähig, interessierten Athlet*innen und Trainer*innen bei einer praxisnahen Umsetzung zu helfen. Die Kernkompetenzen der Kolleg*innen (zur Übersicht) finden sich in den entsprechenden CVs der Profilinhaber (hier zum Profil von Dr. Hanspeter Gubelmann).
Schauen wir uns das Endergebnis des Olympischen Skisprungfinales von der Normalschanze an, dann stechen auf den ersten Blick die Gold- und Silbermedaillengewinner Ryouy Kobayashi und Manuel Fettner heraus, die aufgrund der Vorleistungen und Auswertungen der Statistiken der Saison dort auch durchaus zu erwarten waren. Allerdings fehlen Namen wie Geiger, Granerud, Lindvik, Kraft und Lanisek ganz vorne. Dafür sind Altmeister wie Kubacki, Prevc und der noch recht junge Russe Klimov unter den Top-5 zu finden. Können wir ein Muster erkennen?
Zum Thema: Vom Umgang mit Flüchtigkeit, Komplexität, Unsicherheit und Mehrdeutigkeit
In Zhangjiakou, dem chinesischen Austragungsort der Skisprungwettbewerbe, treffen die meisten Springer auf für sie unbekannte Bedingungen und bis zur Entscheidung stehen ihnen eine gleiche Anzahl zu Verfügung, um sich in eine optimale Ausgangssituation zu bringen. Jeder geht mit dieser Situation anders um, was die Strategie betrifft. Manche nutzen jeden Sprung, um Sicherheit und im besten Falle Steigerungen zu erreichen. Andere sparen Körner und lassen den ein oder anderen Sprung aus, gerade wenn schon ein guter Sprung auf der Habenseite steht und Sicherheit gibt. Insbesondere der Olympiasieger Ryouy Kobayashi tut sich entsprechend hervor.
In der Qualifikation erleben wir eine Windlotterie mit wechselnd starken Aufwinden, im Probedurchgang vor dem Wettkampf sind auch die Bedingungen sehr unterschiedlich. In den beiden Springen des Finales sind die Bedingungen konstanter, doch auch hier für einzelne Gruppen unterschiedlich. Mein beliebtester TV-Serienheld, der Special Agent Gibbs vom NCIS stellte die Regel 39 auf, wonach es keine Zufälle gibt. Vielleicht gibt es sie doch. Und was ist dann wenn das, was mir zufällt auf eine unterschiedliche mentale Bereitschaft trifft? Und wie kann ich mich darauf vorbereiten?
Die VUCA Welt
Machen wir einen kleinen Exkurs in die Militärgeschichte. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Wegfall des eindeutigen Feindbildes entwickelte das US-Army War College ein Modell, das unter dem Namen VUCA Welt bekannt wurde und die Welt beschreibt, in der wir leben. Nicht nur in der Welt des Militärs oder des Management, wo dieses Modell Anfang der 2000er Einzug gefunden hat, auch die Welt der Skispringer und anderer Sportler läßt sich damit gut beschreiben.
Das V steht für Volatilität, also für die Flüchtigkeit der Bedingungen, denen ich ausgesetzt bin. Die Wind-, Sicht- und Schneeverhältnisse ändern sich von Tag zu Tag, teilweise von Sprung zu Sprung, oder sogar im Ablauf des einzelnen Sprunges. Das ist etwas, mit dem die Skispringer in jedem Wettkampf konfrontiert werden können.
Das U steht für Unsicherheit, beschreibt für die Skispringer die Unsicherheit über die herrschenden Bedingungen, auch die Unsicherheit über die eigene Leistungsfähigkeit, dem eigenen mentalen Zustand, wenn es um die Entscheidung geht. Die Unsicherheit, wann der Sprung frei gegeben wird und ob sich die Verhältnisse nicht schon bei der Anfahrt schon wieder ändern.
Und das C steht für die Complexity, die Komplexität der zur bestreitenden Herausforderung. Neben den schon beschriebenen äußeren Verhältnissen und die Anlaufgeschwindigkeit aufgrund des gewählten Gate, dem eigenen körperlich-mentalen Zustand zur Sekunde der Entscheidung, der ebenfalls schon von so vielen Faktoren wie z.B. Essen, Schlaf, etc. abhängt und dem zur Verfügung stehenden Material, haben viele kleine und große Einflüsse eine Rolle auf das Ergebnis.
Zu guter Letzt bleibt das A, das für den schwierigen Begriff der Ambiguität steht. Auf Deutsch vielleicht am Besten mit Mehrdeutigkeit gleich zu setzen. Hierunter fällt zum Beispiel die Tatsache, dass bei manchem Sportler eine verpatzte unmittelbare Vorbereitung, wie zum Beispiel Trainingssprünge, dazu gehören und dennoch eine Steigerung im Wettkampf möglich ist. Hier sprechen wir im Gegensatz zu den „Trainingsweltmeistern“ von „Wettkampftypen“. Sie konterkarieren jegliche Statistik. Und doch ist dies auch manchmal ganz anders und die verpatzten Trainingssprünge kumulieren in einem nicht erfolgreichen Wettkampf mit weniger guten Sprüngen.
Umgang mit der VUCA Welt
Wie nun mit diesen Phänomenen umgehen? Akribische Vorbereitung unter Berücksichtigung aller Faktoren, wie ausreichender Schlaf, eine sportlergerechte, gesunde Ernährung, die entsprechende körperliche Fitness, Einhalten der gewohnten Rituale, die Fähigkeit äußere Faktoren so gut wie möglich auszublenden, also sich zu fokussieren und noch vieles mehr gehört zu diesen Umgang.
Dazu gehört auch eine optimale mentale Vorbereitung unter Nutzung der verschiedenen zur Verfügung stehenden Techniken, wie z.B. Imagination der optimalen Sprünge, Regulation meines Aktivierungszustandes und Emotionskontrolle. Ich möchte den Blick auf eine andere Fähigkeit richten, die im Gespräch mit dem Kollegen Dr. Hanspeter Gubelmann sich in ihrer besondere Bedeutung für mich darstellte.
Bereitschaft und Zufall
Dazu gehören zwei Komponenten. Sich einmal darüber klar zu sein, dass bei aller Planung und akribischer Vorbereitung es im entscheidenden Moment snicht kontrollierbar ist, welche Leistung am Ende dabei herauskommt, auch wenn die Voraussetzungen optimal sind. Sich also auf die Faktoren zu konzentrieren, die ich in der Hand habe, die ich beeinflussen kann, wie es auch Markus Eisenbichler im Interview sagte, „sich auf mich selber zu konzentrieren“.
Und die zweite Komponente, die im unmittelbaren Zusammenhang steht, ist der Wille, die Bereitschaft, wenn es die Situation hergibt, wenn alle Bedingungen, die ich nicht beeinflussen kann, stimmen oder aber auch nicht, wie Wind und Wetter, Verzögerung des Starts, mich dann in die Lage zu versetzen, die Punkte, die ich bedingt in der Hand habe, so in die Waagschale zu werfen, dass ein optimaler Sprung herauskommt. Kobayashi konnte trotz der nicht so optimalen Umstände wie bei der Konkurrenz dennoch alles abrufen, was er in der Hand hatte. Und diese Fähigkeiten waren so optimal, dass es zur Goldmedaille reichte. Kubacki und Prevc konnten diese Fähigkeiten dann abrufen, als die Bedingungen günstig für sie waren.
Techniken erarbeiten und Bewusstsein erlangen
Diese Fähigkeit ist mit verschiedenen Techniken wie z.B. Achtsamkeitstraining, Imaginationen, Aktivierungs-/Entspannungs- und Fokussierungsübungen zu trainieren. Doch grundlegend brauche ich die Erkenntnis, das Bewusstsein, dass meine Welt so ist, wie oben beschrieben und die Konzentration auf mein Handeln, meine Wirksamkeit eine entscheidende Fähigkeit ist. Die Fähigkeit zur Selbst-Führung mit Selbstwirksamkeit.
Ihr wollt daran arbeiten? Dann lasst uns beginnen, meine Kollegen und Kolleginnen aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen freuen sich genauso (zur Übersicht) wie ich (zum Profil von Klaus-Dieter Lübke Naberhaus) darauf, euch auf eurem Weg zu unterstützen.
Das Finale im 3000 Meter Eisschnelllauf war auch aus sportpsychologischer Sicht ein bemerkenswertes Rennen. Mir geht es dabei gar nicht so sehr um Irene Schousten, die als Favoritin in dieses Finale gegangen ist, sondern mehr um Francesca Lollobrigida. Die Italienerin, die das Rennen sehr couragiert, dass heisst für ihre Verhältnisse schnell angegangen ist. So etwas ist im Eisschnelllauf immer riskant. In kaum einer anderen Sportart, erwischt es dich motorisch so hart, wenn du „blau gehst“, also übersäuerst.
Zum Thema: Die Bedeutung des inneren Dialogs für Ausdauerleistungen
Spannend wurde es auf den zweiten 1500 Metern. Lollobrigida, ließ nicht nach. Sehr gut konnte man den fokussierten Tunnelblick sehen, wobei aber auch zeitgleich ihre Gesichtszüge immer fester wurden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit begab sie sich hier in einen „inneren Dialog“ rund um das Thema „Rausnehmen“ oder „Dranbleiben“ trotz einsetzender Sauerstoffschuld. In diesen „Selbstgesprächen“ bereitet man jede einzelne Handlung in einer sehr besonderen und komplexen Situationen so vor, dass es gelingen kann, das Ziel doch noch zu erreichen.
In der letzten Runde war sie immer noch dran an der favorisierten Niederländerin Schousten, aber es war deutlich zu erkennen, wie ihre Lauftechnik langsam in sich zusammenbrach. Und dennoch – wahrscheinlich langsam „blau gehend“ wollte sie zumindest die Silbermedaille sichern. Auch hier war wieder der Blick in das Gesicht der jungen Italienerin „psychologisch wertvoll“. Der innere Dialog schien sich nun erkennbar auch im Gesicht abzubilden. Es war dann tatsächlich die Silbermedaille im Ziel.
Den inneren Dialog trainieren
Ich persönlich weiß natürlich nicht, ob Francesca diesen „inneren Dialog“ im Vorfeld trainiert hat, aber fest steht, man kann genau das trainieren und zwar im Vorfeld und sich auch im Training auf solche Ereignisse vorbereiten. Hierzu muss man sich natürlich im Vorfeld mit solchen Situationen antizipativ beschäftigen und die richtigen, also helfenden Selbstgespräche finden, aufschreiben und mental trainieren – am besten in Situationen, die der späteren „Ernst-Situation“ sehr nahe kommen. Nur dann hat man diese Selbstgespräche auch zur Hand, wenn man sie braucht – so wie offensichtlich bei diesem beeindruckenden Rennen der jungen Italienerin.
Wenn ihr euch einen inneren Dialog erarbeiten wollt, meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Netzwerk können das alle. Schaut euch mal um, wen ihr in Österreich, der Schweiz und Deutschland so in der Nähe eurer Haustür findet (zur Übersicht). Mich findet ihr in Leipzig (zum Profil von Prof. Dr. Oliver Stoll).
Mit Druck umgehen. Dies ist für viele Sportlerinnen und Sportler ein ständiger Begleiter. Insbesondere dann, wenn die Augen der Öffentlichkeit auf einen gerichtet sind. Wie ist es dann eigentlich erst, wenn man sich sogar im Fokus der Augen der Weltöffentlichkeit wähnt? Eine pauschale Antwort gibt es nicht, da jeder Athlet für sich einen individuellen Weg – natürlich gern mit Hilfe der Sportpsychologie – erarbeiten muss. Wie unterschiedlich dabei allein die Ausgangslagen sein können, zeigt das Skiathlon-Rennen bei den Olympischen Spielen, bei dem für mich eine junge deutsche Außenseiterin und eine erfahrene Favoritin im Blickfeld waren.
Zum Thema: Umgang mit Druck
Bei der ersten olympischen Entscheidung der Skilangläuferinnen gab es gleich zwei Premieren. Zum einen durfte Katherine Sauerbrey ihr erstes Rennen bei ihren ersten Spielen bestreiten. Die 24-Jährige vom SC Steinbach-Hallenberg (Shoutout in die Heimat) sicherte sich nach einer gelungenen Tour de Ski eines der letzten Tickets für Peking. Vielleicht etwas unerwartet, aber sicherlich nicht weniger verdient! Mit einem 13. Platz wurde sie beste deutsche Starterin. Geholfen hat ihr, abgesehen von ihrer guten körperlichen Form, vielleicht auch die geringen Erwartungen, die an sie gestellt worden sind. Denn wenn der Druck von Medien und Zuschauern (also von außen) und auch der Druck, den man sich selbst macht (also von innen) im Rahmen bleibt, dann ist weniger Stressregulation nötig, um seinen Körper auf das optimale Niveau zu bringen.
Auf der anderen Seite holte Therese Johaug ihren ersten Olympia-Einzelsieg, nachdem sie schon 2014 in Sotschi mit der Staffel ganz oben stand. Die Norwegerin war für die Spiele 2018 in Pyeongchang wegen eines Dopingvergehens gesperrt und hatte demnach acht (!) Jahre Zeit, sich auf Peking vorzubereiten. Die Erwartungen und der Druck, den sie verspürte und den sie regulieren musste, war unvergleichbar höher, wenn wir das mit der Ausgangslage von Katherine Sauerbrey vergleichen.
Geheimnis Aktivierung
Nun sind die Rahmenbedingungen der beiden Sportlerinnen völlig unterschiedlich, jedoch haben beide die gleiche Aufgabe: Ihre Aktivierung so zu regulieren, dass sie körperlich und mental startbereit sind. Es geht darum, nicht zu aufgedreht zu sein und auf der anderen Seite nicht zu entspannt in den Wettkampf zu gehen. Viele Sportlerinnen und Sportler lösen dies intuitiv – viele verschenken hier aber wichtige Prozentpunkte, um wirklich im optimalen Aktivierungszustand an den Start gehen zu können.
Emotionen, Druck, unerwartete Ereignisse, Stress oder sogar lediglich die Tatsache, dass man bei einem olympischen Wettkampf alles auf eine Karte setzen muss, können die Leistung dann negativ beeinflussen. Jede Sportlerin hat eine optimale Zone der Aktivierung („Individual Zone of Optimal Functioning“ – Hanin) und sollte Entspannungs- bzw. Aktivierungsverfahren erlernen, um sich zu regulieren und diese zu erreichen. Meine KollegInnen (zur Übersicht) und ich (zum Profil von Lisa König) helfen gern auf diesem Weg, und zwar Olympioniken, denjenigen, die es mal werden wollen oder allen anderen SportlerInnen mit herausfordernden Zielen.
Wer kennt sie noch, die grossen Olympia-Abfahrtstars von 1994 und 1998? Tommy Moe (USA) gewann in Lillehammer, Jean-Luc Crétier (FRA) vier Jahre später in Nagano. Was sie verbindet ist die überraschende Erkenntnis, dass beide Skirennfahrer im Verlaufe ihrer gesamten Weltcup-Karriere nie einen Abfahrtssieg erreichten. Tatsächlich findet sich in den olympischen Downhill-Analen eine Siegerliste, die weitere Champions wie Leonhard Stock (AUT, 1980 Lake Placid) und Antoine Dénériaz (F, 2006 Turin) aufweist. Es waren durchaus glückliche Sieger, aufgrund ihrer sportlichen Klasse aber bestimmt nicht bloss Zufallssieger!
Zum Thema: Wettkampfvorbereitung im Ski Alpin
Im Hinblick auf den kommenden Sonntag kündigt sich auf der Olympiapiste „Rock“ ein ziemlich „offenes Rennen“ an. Wird sich einer der Topfavoriten durchsetzen? Oder ist am Ende der bisher im Weltcup kaum in Erscheinung getretene Spanier Adur Etxezarreta, der in den Trainings mit den Rängen zwei und sieben sensationelle Leistungen bot, ein Siegkandidat? Die bisherigen Trainingsfahrten deuten darauf hin, dass sich die Aufgabe anders präsentiert, als noch vor Wochenfrist auf der Streif oder zuvor am Lauberhorn: Die Ausgangslage ist nämlich für alle identisch! Es handelt sich um eine komplett neue, im Rahmen des Weltcups bisher noch nicht befahrene Abfahrtspiste. Allen Teilnehmern stehen die gleiche Anzahl Trainingsläufe zur Verfügung. Zudem besteht die Unterlage zu 100% aus Kunstschnee. Prognostiziert sind eisige Temperaturen. Wechselnde Windbedingungen scheinen dem ganzen noch den Touch einer Lotterie zu verleihen. Der interessierte Sportpsychologe freut sich an der spannenden Ausgangslage – für alle Beteiligten stellt sich eine noch grössere Herausforderung!
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Nehmen wir an, ein Sportpsychologe würde ein Nationalteam der Abfahrer begleiten und stünde den Athleten, Trainern und Serviceleuten zur Seite – welche psychologisch bedeutsamen Komponenten würden sich für eine Intervention anbieten?
Dazu vier (von noch vielen weiteren) Ansatzpunkte:
– Die Vergangenheit lehrt, dass die Gruppe der potentiellen Sieges- und Medaillenkandidaten in dieser Abfahrt grösser ist als im Weltcup. Dies kann sich positiv auf das Zutrauen bei den so genannten „Geheimfavoriten“ auswirken. Hier bietet sich z.B. „jungen Wilden“ die Gelegenheit, den Szenencracks à la Feuz, Mayer und Paris die Suppe zu versalzen. Die Ansage lautet demnach: Wer’s nach Olympia geschafft hat, kann sich den grossen Coup erarbeiten!
– Da nur drei Trainingsfahrten zur Verfügung stehen, muss jeder Athlet daraus seine individuell-optimale Wettkampfvorbereitungsstrategie entwickeln. Diese soll im Hinblick auf den olympischen Showdown zur grösstmöglichen Überzeugung führen, um dann wenn’s zählt, ultraschnell zu sein. Mir gefällt die Aussage von Abfahrts-Olympiasieger Bernhard Russi, der kürzlich in seiner sehr intimen Rückschau auf seine wichtigsten Starts an Olympia sein Vorgehen im Training folgendermassen beschrieben hat: „Ich habe geschaut, dass mir die Abfahrt gefällt. (…) Erst im Training habe ich ein Gefühl entwickelt, dass ich gewinnen kann. In einer Trainingsfahrt musst du es dann austesten. Eine Trainingsbestzeit gibt dir das Vertrauen, nicht weiter nach dem zu suchen, was andere vielleicht noch besser machen“. Oder anders ausgedrückt: Die Denkaufgabe liegt dann bei den Kontrahenten!
– Pre-Race-Routine: Aus meiner Zusammenarbeit mit Weltklasse-Abfahrern weiss ich, wie bedeutsam die präzise mentale (ideomotorische) Repräsentation des Abfahrslaufs ist – insbesondere in der unmittelbaren Vorbereitung am Vorabend des Events und in Verbindung mit einer optimalen Videoanalyse. Ebenso wichtig aber auch: die Idee, dass ich in der Phase grösster Anspannung noch etwas einplanen kann, dass mich Abstand zum bevorstehenden Wettkampf gewinnen und innere Ausgeglichenheit erreichen lässt. Olympiasieger Franz Klammer hat sich am Abend vor seinem grössten sportlichen Triumph mit einem vertrauten Teammitglied auf ein Bier (oder waren es sogar zwei!) in ein Nebenzimmer zurückgezogen!
– Und schliesslich: Das Vertrauen in mein Material! Olympiahoffnung Marco Odermatt ist mit 50 Paar (!) Rennskis nach Peking angereist. Es ist aber exakt DAS Paar Rennskis, das dem Athleten sein ultimativ-passendes Renngefühl geben soll. Dieser entscheidende Vertrauens-Boost will langfristig aufgebaut und mental verankert sein!
Wettkampfglück und Zufall
Und was macht die Windlotterie? Hier verhält es sich ähnlich wie mit der Zufälligkeit eines positiven Corona-Befunds. Vergangene Olympiasieger – siehe Stock, Crétier u.a. – machten es so: Ihr Wettkampfglück war verknüpft mit der Zufälligkeit guter (äusserer) Bedingungen. Aber erst ihre mentale Bereitschaft hat sie siegen lassen!
Nur noch Stunden bleiben bis zur Eröffnungsfeier der Olympische Winterspiele 2022. Bis das Feuer feierlich entzündet ist, werden viele Sportler*innen die Anreise nach China und das Einchecken im Olympischen Dorf hinter sich gebracht haben. In die Vorfreude auf das bevorstehende sportliche Karriere-Highlight wird sich ein Gefühl der Erleichterung mischen, es gesund – zumindest Covid-negativ – dorthin geschafft zu haben. Was sich in der Vorbereitung vielfach als chaotisch dargestellt hat und nur mit viel Gelassenheit zu erdulden war, dürfte sich in China vor Ort fortsetzen. Es sind die Spiele der gemischten Gefühle.
Zum Thema: Wie Sportler und Sportlerinnen mit den besonderen Herausforderungen der Winterspiele in Peking umgehen können
Olympische Spiele waren aufgrund ihrer weltumspannenden Ausnahmestellung immer politisch „aufgeladen“, standen im Fokus der Weltöffentlichkeit. Sicherheit und Schutz aller Teilnehmenden stehen zuoberst auf der Prioritätenliste des Organisators. Ich erinnere mich nur allzu gut an damals im Februar 2002 im Flugzeug nach Salt Lake City, als ein Flugmarshal in der letzten Stunde vor der Landung verbot, den Sitz zu verlassen. Es waren dies die Nachwirkungen von 9/11 in Verbindung mit den getroffenen Schutzmassnahmen vor möglichen Terrorangriffen auf die Winterspiele 2002.
Zwei Jahre zuvor war ich auf einer Joggingrunde ausserhalb von Sydney in eine Personenkontrolle geraten. Dort, wo sich die militärischen Special Forces auf ihren Einsatz an den Sommerspielen in Bereitschaft hielten – in einer Truppenstärke, die offensichtlich nicht bloss zur Hai-Abwehr beim Triathlon an selber Stelle stationiert war. In Peking werden nicht Haie oder eine akute Terrorbedrohung für ein mulmiges Gefühl sorgen, sondern der autoritär-diktatorische Stil im Umgang mit der Pandemie, der das Aufkommen olympischer Gefühle im Keim zu ersticken droht.
Sorgen um die emotionale Balance
„Was macht das mit den Athlet*innen? Wie sollen sie mit all diesen Einschränkungen fertig werden?“ CHmedia-Sportredaktor Philipp Zurfluh stellte mir diese Fragen kürzlich in einem längeren Interview (siehe Quellen). In der Zusammenarbeit mit Olympia-Kandidat*innen geht es mir diesbezüglich nicht um die Vermittlung von Rezepten oder „Lehrplätzen“, sondern um die Entwicklung von individuell-passenden Handlungsmöglichkeiten. Was hilft dir, um dich im Umfeld eines bedeutsamen Wettkampfes wohl zu fühlen? Ziehst du dich eher an einen Ort der Ruhe zurück oder magst du Ablenkung, sozialen Kontakt und Aktivitäten im Umfeld der Veranstaltung? Solche Fragen helfen zu ergründen, woraus das olympische Erlebnis der Athlet*Innen – selbst unter dem Diktat der Pandemie-Bekämpfung – letztlich entstehen kann. Punkto „Grundhaltung“ gefällt mir das Statement von Toni Innauer, Skisprung-Olympiasiegers 1980, der in Peking auch als Skisprung-Experte im Einsatz stehen wird: „Ich fahre mit einer selbstverordneten Portion Flexibilität und Abenteuerlust hin.“
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Trotz Hochglanz-Fassaden und schönen Bildern aus dem Athlet*innendorf drohen Peking „eigenbrötlerische Spiele“ unter dem Diktat des Selbstschutzes. Dies in völliger Abkehr vom olympischen Credo, wonach sich an den Spielen die Jugend der ganzen Welt trifft und ein gemeinsames Sportfest in Freundschaft feiert! Statt Verbundenheit und Nähe dürften Abschottung und Risikominimierung dominieren. Die Hoffnung bleibt, dass sich die AthletInnen im olympischen Dorf einigermassen frei und unkompliziert bewegen können. Ausserhalb – aber immer noch in der vielzitierten olympischen Blase – ist die Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt. Selbst kürzeste Transfers dürfen anscheinend nicht mehr zu Fuss, sondern ausschliesslich mit motorisierten Shuttles absolviert werden!
Bleibt die grösste Befürchtung, trotz all dieser Vorsichtsmassnahmen am Ende doch positiv getestet und von einer Teilnahme am wichtigsten Wettkampf ausgeschlossen zu werden. Auch hier scheinen individuelle, sehr unterschiedliche Wege zum Ziel zu führen. Snowboarderin, Patricia Kummer, ungeimpft, lebt schon seit mehreren Wochen in Quarantäne. Von Nevin Galmarini, Snowboard-Olympiasieger 2018, wird berichtet, dass er in selbst gewählter Abschottung auf Trainings mit den Teamkolleg*Innen verzichtet hat. Skispringer Simon Ammann setzte auch bei seiner siebten Teilnahme an Olympischen Spiele auf eine sehr frühzeitige Anreise und verzichtete darum auf den letzten Weltcupeinsatz in Willingen. Es ist anzunehmen, dass die Athlet*innen ihre selbstgewählten Präferenzen vor Ort einhalten und ein zuviel an sozialen Kontakten eher vermeiden werden.
Keine Zuschauer – was macht das mit der Leistung?
Wie schon in Tokyo 2021 werden auch in Peking die Wettkämpfe vor leeren Zuschauertribünen stattfinden. Die wenigen zugelassenen delegierten chinesischen Zuschauer lassen wir hier aussen vor. Damit entfällt ein wichtiger Faktor, der in Zeiten vor Corona ein wesentlicher Bestandteil des besonderen olympischen Flairs war. Trotzdem, die Teilnehmer*innen fanden in der Selektionsphase ausreichend Möglichkeiten vor, ihre Leistungsfähigkeit unter Ausschluss des Publikums zu testen. Aus Sicht der Athlet*innen scheint sich – vordergründig – wenig an ihrer Hauptaufgabe zu ändern. Nämlich zum Zeitpunkt X sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, im Wettkampf überzeugt und selbstbewusst zu agieren. Ein Blick in wissenschaftliche Studien zum Zuschauereffekt im Leistungssport dürfte für Trainer*innen trotzdem aufschlussreich sein. So berichtet eine Untersuchung von Heinrich et al. (2021) im Spitzenbereich des Biathlons den überraschenden Befund, wonach die Männer ohne Publikum langsamer laufen. Ihre Kolleginnen dagegen erhöhen unter diesen Voraussetzungen ihr Tempo. Auch bezüglich der Schiessleistung bestehen geschlechtsspezifische Unterschiede, auf die – auch aus Sicht der Angewandten Sportpsychologie – in der Olympiavorbereitung und auch über die Sportart Biathlon hinaus näher eingegangen werden sollte.
Mit politischem Maulkorb gegenüber den Medien?
Gegenteilige Meinungen dürften vorherrschen, wenn es um kritische Fragen in der medial-öffentlichen Darstellung der Spiele geht. Erfrischend Klartext spricht hier der deutsche Alpinchef Wolfgang Maier auf die Frage, wie er sich zur Vergabe der Olympischen Winterspiele nach Peking durch das IOC positioniert? „Du wirst getrieben wie ein Schaf. Du musst alle deine Persönlichkeitsrechte abgeben. Das IOC ist eine Institution, der ich persönlich Null Wertschätzung entgegen bringe.“ Mehr Mitbestimmung durch die Athlet*Innen bei der Vergabe und Durchführung der Olympischer Spiele fordert auch Ex-Skirennfahrer Felix Neureuther (ARD-Sportschau, 30.1.2022). Der Sympathieträger vieler Sportfans setzt sich dezidiert für die Meinungsfreiheit der Spitzensportler*innen ein und hofft, dass auch in China kritische Stimmen zugelassen werden. Skisprung-Experte Toni Innauer gibt sich gewohnt pragmatisch und erachtet es als ratsam, westliche Massstäbe zuhause zu lassen. „Ich hatte bei ähnlichen Reisen immer ein Leitmotiv: Wir müssen uns an die Kultur der Gastgeber anpassen, und nicht umgekehrt. Mir ist bewusst, dass wir extrem abgeschottet sein werden und keinen Eindruck von China bekommen werden. Wir haben uns verpflichtet, nichts von all dem zu besichtigen, was China so interessant und einzigartig macht.“
Sehr gerne gebe ich den Athlet*innen die Idee mit, sich Notizen zu den vielfältigen Erfahrungen und Erlebnissen zu machen, vielleicht sogar ein olympisches Tagebuch zu führen. Aus diesem Fundus lassen sich Nachgang zu den Spielen wichtige Erkenntnisse und sinnvolle Akzente in der Weiterführung der Karriere setzen. Ich persönlich bin gespannt, mit welchen gemischten Gefühlen ich in den kommenden Tagen und Wochen konfrontiert sein werde!
Vor dem Start der Olympischen Spiele in Peking war es die Nachricht mit dem größten Anteil an unfreiwilligem Humor: Der kanadische Eishockey-Nationaltrainer Claude Julien verpasst das Turnier, weil er sich bei einer Teambuilding-Maßnahme in der Vorbereitung auf die Spiele ernsthaft verletzt hat. Die Idee des Zusammenschweißens ging hier also richtig in die Hose. Die grundlegenden Gefahren der Teambuilding-Events liegen aber woanders und sind als solche im leistungsorientierten Sport immer noch weithin unbekannt.
Zum Thema: Chancen und Risiken des Teambuildings im Sport
Prof. Dr. Oliver Stoll forscht an der Martin-Luther-Universität zum Thema Teambuilding. Kürzlich erschien eine Arbeit, die sich kritisch und hintergründig mit Events und Aktionen beschäftigt, mit denen der Mannschaftszusammenhalt gestärkt werden soll. Anne Lenz (zum Profil) von Die Sportpsychologen hat die begleitende Forschung geleitet und dies für ihre Masterthesis genutzt.
Prof. Dr. Oliver Stoll zum wichtigsten Ergebnis der Studie: “Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Teambuilding-Maßnahmen durchaus einen Effekt haben, der aber recht schnell abnimmt. Wir konnten in der Forschung zeigen, dass schon nach drei Monaten nichts mehr von der positiven Aspekten übrig ist.”
Lehren für den Leistungssport
Im leistungsorientierten Sport werden Teambuilding-Events ja gern in der Sommerpause beziehungsweise in der Saisonvorbereitung genutzt. In den vergangenen Jahren sind die einzelnen Maßnahmen zeitlich, logistisch und finanziell sehr ausufernd geworden. Es hat sich eine kleine Industrie daraus entwickelt, die nicht nur im Sport sondern auch in der Wirtschaft versucht, entsprechende Produkte zu verkaufen. Allerdings werden im Sport die Effekte der einzelnen Maßnahmen oftmals überschätzt.
“Trainer, Sportdirektoren und alle Entscheider in diesem Feld sollten wissen, dass eine singuläre Maßnahme durchaus etwas bringt, aber sie sollte in einem kontinuierlichen Prozess eingebettet sein. Mit Blick auf unser Berufsfeld kann ich sagen, dass es viel mehr Sinn macht, einen Sportpsychologen oder eine Sportpsychologin anzustellen und mit der konkreten Aufgabe zu betrauen, im Saisonverlauf mehrere kleinere Maßnahmen in den Alltag einzubauen als einmalig bei einer Agentur für viel Geld ein Event einzukaufen”, macht Prof. Dr. Oliver Stoll deutlich.
Olympia-Absage und gezielte Anfragen
Claude Julien, der kanadische Eishockey-Trainer hat übrigens Rippenfrakturen erlitten. Auf Anraten des medizinischen Teams verzichtet er nun auf die Reise nach Peking zu den Olympischen Spielen. Für ihn übernimmt nun Jeremy Colliton das Traineramt der Kanadier, die am Donnerstag, den 10. Februar, Auftaktgegner des deutschen Eishockey-Teams beim Olympia-Turnier sind.
Übrigens, wir beraten sowohl kleine als auch große Teams, Vereine, Verbände und Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz bei der Auswahl, Terminierung und Umsetzung von sinnvollen Teambuilding-Maßnahmen. Aktionen, sozusagen mit einem ganzheitlichen Ansatz. Fragt gern bei unseren Experten und Expertinnen aus dem Netzwerk Die Sportpsychologen an: zur Übersicht
Max Eberl verkündet seinen Abschied von Borussia Mönchengladbach. Nicht nur die emotionale Erklärung des erfahrenen und erfolgreichen Sportdirektors sollte uns alle wachrütteln, sondern vor allem, wie es dazu gekommen ist. Solch eine Entscheidung ist vielschichtig und nicht einfach zu klassifizieren. Manchen Betroffenen wird vorgehalten, sie seien zu schwach und schlicht von der heutigen Leistungsbereitschaft im Fußball überfordert. Anderen wird zu großer Arbeitseifer und schlechte Menschenführung nachgesagt. Immer aber wird ein Burn-out auf den Leistungs- und Ergebnisdruck im Fußball geschoben. Die einfache Formel „Zu viel Ergebnisdruck gleich zu viel Stress gleich Burn-out“ reicht jedoch nicht aus, um der Komplexität des Syndroms gerecht zu werden. Denn oftmals hat diese Erkrankung nichts mit dem Profifußball zu tun. Vielmehr liegen die Ursachen in den Beziehungen – in der Beziehung zu sich selbst, zu anderen Kollegen bzw. Kolleginnen und somit in den eigenen und fremden Erwartungen. Hier entstehen verdrängte und ungelöste Konflikte. Und diese machen uns auf Dauer instabil und anfällig für körperliche und kognitive Symptome. Wie so etwas entstehen kann und wie Betroffene damit umgehen können, erfahren Sie in diesem Blogbeitrag.
Zum Thema: Ein anhaltende Überforderung verstehen und sie überwinden lernen
Hören wir von „ausgebrannt“ sein oder ich kann nicht mehr, sprechen wir sehr oft von Burn-out und verbinden dies mit einem klaren gesellschaftlichen Bild. Der medialen Druck, fehlende Ergebnisse, eine Menge Überstunden und anstrengende „englische Wochen“ – die moderne Fußballwelt verlangt von unseren Leistungserbringern täglich neue Höchstleistungen und lässt ihnen kaum mehr Zeit zum Atmen. Da erscheint es nur logisch, Stress als Ursache zu identifizieren. Doch diese Erklärung greift zu kurz, denn nicht nur der Ergebnisdruck, sondern Konflikte und schlechte Beziehungen innerhalb eines Vereins lassen eine dauerhafte Resignation entstehen.
TV-Beitrag von Sky Sport News HD (Quelle Sky)
Sportradio Deutschland-Beitrag von Mathias Liebing zum Thema, mit Prof. Dr. René Paasch:
Lebensbereiche
Die Gesundheit eines Menschen basiert auf sechs verschiedenen Lebensbereichen. Zu diesen zählen der Beruf, die Familie und die Partnerschaft, die sozialen Kontakte sowie Gesundheit, Individualität und Spiritualität. Sind mehrere dieser essenziellen Bereiche von Konflikten geprägt, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Überforderung. Konflikte in den verschiedenen Lebensbereichen entstehen durch eine schlechte Beziehung zu unserer Umwelt oder zu uns selbst. Eine gute Beziehung zu uns selbst ist wichtig, denn nur so können wir die eigenen Bedürfnisse erkennen und ihnen folgen. Eine gute Beziehung zu anderen wiederum ist durch einen offenen, ehrlichen Dialog geprägt, der uns neue Gedanken und Gefühle mitgibt und die Beziehung wachsen lässt. Oft hören wir unseren Mitmenschen gar nicht zu und warten nur darauf, unsere Meinung loszuwerden. Kommt so etwas zum Beispiel im Beruf längerfristig vor, führt dies zu Unzufriedenheit und dem Gefühl, sich nicht wirklich füreinander zu interessieren. Körperliche und mentale Probleme sind dann die Folge von schlechten Beziehungen.
Die Überforderung kündigt sich in vier Konfliktphasen an. Jede betroffene Person erlebt den Verlauf dieser Erkrankung auf unterschiedliche Weise. Die zugrundeliegenden Konflikte einer anhaltenden Überforderung laufen jedoch meist ähnlich ab. Es gibt vier Phasen, wie das folgende Beispiel zeigen soll. Dieses Beispiel habe ich bewusst auf Max Eberl zugespitzt. Nicht um ihn in irgendeiner Weise bloßzustellen oder anzugreifen, sonder ganz im Gegenteil: Wir alle können ihm sehr dankbar für seine Offenheit sein, denn vor dem Hintergrund seiner Person wird der Kontrast des Themas stärker und am Ende für alle besser nachvollziehbar. Betont sei an dieser Stelle, dass ich weder mit Max Eberl oder Personen aus seinem direkten Umfeld in jüngerer Vergangenheit gesprochen habe.
Vier Konfliktphasen
Nehmen wir also mit etwas Kreativität einmal an, der Sportdirektor Max Eberl und die weiteren Mitglieder des Sportvorstandes wollen die Mannschaft mit neuen Spielern bestücken. Herr Eberl hingegen möchte einen Teampsychologen einstellen. Da beide Parteien nicht von ihrem Willen abrücken wollen, entsteht ein festgefahrener Konflikt, in dem sich die Mehrheit des Sportvorstandes durch Ihre Dominanz durchsetzen kann. Dies leitet bei Herrn Eberl die erste Phase einer Überforderung ein, die Alarmphase. Sie löst Gefühle der inneren Unruhe und körperliche Symptome wie vermehrtes Schwitzen aus. Dem Alarm folgt in der zweiten Phase der Widerstand. Setzt sich der Konflikt fort und ist keine Lösung in Sicht, entschließt sich Herr Eberl dagegen vorzugehen. Dabei äußert er nicht mehr seinen Willen, sondern nur noch seinen Unwillen: Er will keine neuen Spielern aufgrund der geschwächten finanziellen Situation des Vereins. Die Überforderung weicht nun dem Ärger und einem Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber den weiteren Mitgliedern.
Wird der Konflikt weiterhin nicht gelöst, setzt bei ihm in der dritten Phase Erschöpfung ein. Der Widerstand ist kräftezehrend und bricht irgendwann. Setzen die Mitglieder des Sportvorstandes nun weiterhin ihren Willen durch, kann Herr Eberl sein „Nein“ immer schwerer verteidigen. Ihn überkommt ein Gefühl der Überforderung, das sich in körperlichen Symptomen wie chronischen Kopfschmerzen äußern kann. Betroffene erkennen leider nur selten die eigentliche Ursache eines solchen Schmerzes. In der vierten und letzten Phase folgt schließlich die Resignation. Hier zieht sich der Sportdirektor vollends zurück, ist chronisch erschöpft und fühlt Aggressionen gegen sich selbst. Betroffene machen sich in dieser Phase oft Vorwürfe, warum sie der Dominanz der anderen Person nichts Wirksameres entgegensetzen konnten. Nicht zu vergessen, der anhaltende Mediendruck und der Unmut der Borussenfans. Ein kleiner Konflikt über die Dispute im Sportvorstand wird natürlich selten zu diesen komplexen Reaktionen führen. Das Muster eines solchen Konflikts lässt sich aber auf andere berufliche und private Beziehungssituationen übertragen.
Fazit
Erleiden Menschen eine anhaltende Überforderung, ist der Weg aus der Krise oft lang und beschwerlich. Wie so oft im Leben gibt es leider kein Allheilmittel oder eine einfache Schritt-für-Schritt-Anleitung, die für alle Erkrankten in gleicher Weise gilt. Es gibt jedoch grundsätzliche Schritte, die den Weg aus der Krise ermöglichen.
Suchen Sie sich eine/n fachkundige/n Kollegen bzw. Kollegin auf. Diese/r hilft Ihnen dabei eine gesunde Beziehung zu sich selbst aufzubauen, denn nur so können sie der Situation wirklich entkommen. Sie müssen innehalten, die eigene Identität ergründen und ihre Bedürfnisse kennenlernen. Dabei hilft es, den Beruf und die damit verbundenen Beziehungen schonungslos zu hinterfragen und herauszufinden, wie authentisch man in diesen Beziehungen ist. So richtet man die Aufmerksamkeit wieder hin zum eigenen Selbst und weg von äußeren Umständen und Maßstäben. Wirklich erholen können sich nur, indem sie sich ihren Konflikten stellen. Erkennen sie, dass sie entgegen ihrer Identität leben, erfordert das Veränderung und mitunter schwierige Entscheidungen. Manchmal ist ein Jobwechsel oder eine Trennung nötig. Langfristig führt dies jedoch zu einer Verbesserung. Die bewusste Konfrontation mit den Konflikten im Leben und das Bewusstwerden der eigenen Identität sind die ersten entscheidenden Schritte in Richtung Besserung.