Kathrin Seufert: Trainer und die Macht von Mannschaften

Zwei Aussagen haben jüngst deutlich gemacht, dass es nicht nur die Präsidenten, Manager und Sportvorstände sind, die auf der Personalie eines Trainers Einfluss üben. Im ZDF-Sportstudio sprach Uli Hoeneß vom FC Bayern München sehr direkt aus, welche Rolle die Mannschaft bei der Entlassung von Niko Kovac gespielt hat: “Es hat sicherlich Strömungen innerhalb der Mannschaft gegeben, die den Trainer weghaben wollten. Deswegen hat die Führung dementsprechend reagiert.” Und auch Rasenballsport Leipzig Trainer Julian Nagelsmann ist sich dieser Gefahr bewusst. In einem MDR-Interview sagt er: „Du hast keine Chance, wenn die Spieler auch nicht für dich spielen. Und wenn es dann anstrengend wird, dann schaut ein Spieler auch mal raus und sagt, laufe ich jetzt für den da draußen mit oder laufe ich nicht mit? Und wenn sie nicht für dich mitlaufen, dann kannst du schon mal deinen ersten Rollkoffer packen“.

Zum Thema: Kommunikation, Motivation, Wahrnehmung, Teilhabe, Führung – Herausforderungen von Trainern im Teamsport  

So deutlich und so offen wurde vielleicht noch nie über die Macht gesprochen, die eine Mannschaft besitzt. Das Rad dreht sich derweil weiter. Nach den Entlassungen von Kovac, Beierlorzer und Wagner innerhalb von nur wenigen Tage bekommen in der Bundesliga nun drei neue Trainer die Chance, den Platz auf dem Cheftrainerstuhl einzunehmen. Doch was kann man eigentlich tun, um eine Mannschaft für sich zu gewinnen und sie zu motivieren, nach den eigenen Vorstellungen zu agieren?

Eines sei schon mal gesagt: Gerade die zwischenmenschliche Ebene ist extrem komplex, so dass sich ein Urteil von außen verbietet. Aber es gibt Muster, die zum Beispiel bei sportlichem Misserfolg oder bei einem angespannten Verhältnis zwischen Team und Coach greifen. Muster, die Führungskräfte in jeglichen Bereichen kennen. Egal ob Job, Studium oder Verein. Überall dort ist es von Nöten, seine Mitarbeiter mitziehen zu können und bestenfalls deren intrinsische Motivation zu entfachen.

Den Einzelnen wahrnehmen 

Ebenso wichtig: Im Mannschaftssport ist es quasi unmöglich, es jedem Einzelnen im Team zu 100% Recht zu machen. Dazu treffen in so einem Gebilde auch möglicherweise zu viele Charaktere und Vorstellungen aufeinander. Aber, und das ist das wichtigste, jedem einzelnen sollte das Gefühl gegeben werden, dass seine persönlichen Gegebenheiten nicht ignoriert werden.

Wir versuchen das ganze Mal anhand der folgenden Grafik deutlich zu machen: Hierbei kann für Trainer auch eine Führungskraft stehen und für die Sportler ein Angestellter/Unterstellter.

Komplexität des Trainerverhaltens

Quelle: Grafik erstellt nach Chella-Durai 1990)

Durch die zwei Einflussvarianten wird schon viel deutlicher, was ein Trainerverhalten bestenfalls ausmachen sollte. Es sind eben nicht nur die persönliche Disposition, sondern es fließen die situativen Bedingungen genauso mit ein wie die persönlichen Merkmale eines jeden Teammitgliedes.

Es ist also zwingend notwendig, viel mehr als die eigene Vorstellung einzubeziehen, wenn ich eine Gruppe leiten möchte. Denn vor allem die persönlichen Befindlichkeiten können maximal unterschiedlich ausfallen. Der eine braucht eine klare Führung mit direkten Ansagen und strenger Hand. Der andere möchte gern Entscheidungen nachvollziehen können, um es für sich gut einordnen zu können, weswegen er vielleicht heute nicht in der Startelf steht.

Alle in einem Boot

Führen von Menschen heißt also immer auch, eine Anpassung an jeden Einzelnen, um das Boot mit der Power eines jeden Individuums zu bestücken und maximal effektiv voran zu kommen. Und genau dann, wenn jeder im Boot das Gefühl hat, mit seinen individuellen Anforderungen und Wünschen durch die Führungsfigur wertgeschätzt und integriert zu werden, wird sich in aller Regel die Einsatzleistung der geführten Person auch steigern.

Was heißt das nun in der Praxis? Als Trainer oder Führungskraft sollte ich mein Team kennen und die Befindlichkeiten eines jeden Einzelnen versuchen, zu erkennen bzw. zu erfragen. Interesse an einem Menschen zu zeigen, wird die Wertschätzung positiv beeinflussen und die Kommunikation fördern.

Das Bayern-Beispiel

Vor allem zu Beginn einer Zusammenarbeit ist es wichtig, jeden Einzelnen dort abzuholen, wo er steht. Kommen wir zum plakativen Bayern München-Beispiel zurück: Für Hansi Flick würde dies bedeuten, einen aktuellen Dauerbrenner Robert Lewandowski genauso für sich zu gewinnen wie einen Ersatzspieler wie beispielsweise den zuletzt in der zweiten Mannschaft eingesetzten Michael Cuisance, der aktuell nicht so zufrieden mit seiner Lage sein dürfte.

Kommunikation und Wertschätzung gegenüber jedem Einzelnen sind da Kernelemente. Darüber hinaus ist es sinnvoll, sich immer wieder eine Reflektion von außen geben zu lassen und/oder selbst den Blick von oben ganz wertfrei neu zu formen. Ziel dessen soll es sein, der Betriebsblindheit vorzubeugen und sich selbst immer wieder kritisch zu hinterfragen, ob man alle Komponenten in seine Trainerarbeit einfließen lässt.

Die Rolle des Einzelnen

Gib jedem die Chance, ein Motor deines Bootes zu sein und er wird die Power aufbringen, es weit voranzubringen.

Ebenso wichtig ist es, dem Team seinen Fahrplan genau aufzuzeigen. Was möchte ich wie erreichen und welche Rolle spielt jeder Einzelne auf diesem Weg? Nur dann kann jeder seine individuelle Rolle definieren.

Kathrin Seufert

Sportarten: Fußball, Schwimmen, Eishockey, Basketball, Schießsport, E-Sports aber auch offen für alle anderen Sportarten

Kontakt:

+49 (0)152 092 602 88

k.seufert@die-sportpsychologen.de

Zum Profil: https://www.die-sportpsychologen.de/kathrin-seufert/

Feuer entfachen

Sollte die Motivation eines Einzelnen einmal so sein, wie man es sich nicht wünscht, so lohnt es auch, die Motivationsrichtung zu hinterfragen. Denn die beste Motivation ist die, die von sich selbst erzeugt wird, ohne dass es um finanzielle Anreize oder andere Belohnung externer Weise geht. Ziel muss es sein, den Sportler oder den Mitarbeiter so zu erreichen, dass das eigene Feuer wieder zu brennen beginnt.

Spannender Blick auf Bundesliga-Profi Davie Selke (ab Minute 4 geht es explizit um sein Feuer…)

Nicht immer leicht, aber eine lohnende Investition. Und sollte es mal nicht klappen, dass alles neben dem alltäglichen Geschäft hinzubekommen, helfen meine Kollegen (zur Übersicht) oder ich (zum Profil von Kathrin Seufert) gern dabei, Strategien zu finden oder Ansätze zu erarbeiten, um jedem im Team zu erreichen. Die Wege dahin sind so individuell wie die täglichen Herausforderungen eines Trainers.

Mehr zum Thema:

Literatur:

Chelladurai, P., & Riemer, H. A. (1998). Measurement of leadership in sport. Advances in sport and exercise psychology measurement, 227-253.

Pfeffer, I., Würth, S., & Alfermann, D. (2004). Die subjektive Wahrnehmung der Trainer-Athlet-Interaktion in Individualsportarten und Mannschaftsspielen. Zeitschrift für Sportpsychologie, 11(1), 24-32.

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